Senegal. Der Dichter Amadou Lamine Sall appelliert an die jungen Dichter seines Landes, die Nationalsprachen zu benutzen anstatt sich zwanghaft auf Französisch auszudrücken. „Ich sage den jungen Dichtern, daß sie nicht verpflichtet sind, auf Französisch zu schreiben, vor allem wenn sie die Sprache nicht richtig beherrschen (…), so als bliebe man ohne diese Sprache unbekannt.“ Jede Sprache müsse man respektieren, wenn man sich ihrer bedient, gleich ob Französisch, Wolof, Serer, Pulaar, Mandinka usw. Man könne Werke von Schönheit in den nationalen Sprachen schaffen, anstatt koste es was es wolle auf Französisch schreiben ohne die Sprache zu beherrschen.
Amadou Lamine Sall, der selbst Träger des Grand prix der Académie française ist und immer auf Französisch geschrieben hat, betonte, es gebe in Senegal außergewöhnliche Autoren in den nationalen Sprachen. Er forderte die Regierung auf, Geld für die Übersetzung aus nationalen Sprachen ins Französische und andere internationale Sprachen wie Englisch, Spanisch oder Chinesisch bereitzustellen, ebenso wie für Übersetzungen aus diesen Sprachen. / APS
Popps Leitfrage lautet: Wie weit lässt sich das Projekt der Poetisierung der Welt heute noch treiben, sofern man beidem gleich gerecht werden will? Wohl bis zu jenem Punkt, an dem „die Sprache an der Welt zerbricht“. Dabei geht es weniger ums pralle Erleben als um die Freude an der Strategie, die für ihn durchaus mehr ist: Poesie als Lebensform. „Nur, was wir in poetische Praxis umsetzten, kann guten Gewissens als anthropologisch gemeistert gelten.“ Ist ein solches Schreiben symptomatisch für die im Kookbooks-Verlag verlegte „Neue Berliner Avantgarde“, gar für eine „Kookbooks-Ästhetik“? – fragte SWR-Programmchef Werner Witt die Verlegerin Daniela Seel.
Im Berliner Verlag dominiere die Vielfalt. „Sprachbesessenheit“ aber, so Seel, teilten alle Kookbooks-Autorinnen und Autoren. Auch Monika Rinck gehört dazu, die Preisträgerin des vergangenen Jahres. Sie faszinierte am Donnerstagmorgen mit weiteren ihrer famosen „Honigprotokolle“ – hochsubtile, teils burleske Wortgebilde, an denen die Gedanken kleben. Trotz ihrer Länge und einer beinahe überfordernden Dichte beeindruckte auch die einfühlsame Laudatio der Wiener Literaturwissenschaftlerin Theresia Prammer. Sie lobte den „unverwechselbaren Größenwahn des ironischen Maximalisten“ Popp, dessen Lyrik nichtsdestoweniger „mitten im Leben“ verortet sei. / Stefan Tolksdorf, Badische Zeitung
SWR -2 Radio sendet ein Porträt Popps am Samstag, 5.4. um 17.05 Uhr.
„Dickicht mit Reden und Augen“, Steffen Popps dritter – prämierter – Gedichtband, ist sein Meisterstück in der Realisierung poetischer Freiheit. Als sein Wappentier firmiert die Eule, der scharfsichtige Nachtvogel, der das Cover schmückt und nicht nur im Gedicht „Im Eulenhag“ reiche Wörterbeute erspäht. Auf verblüffende Weise inszeniert Popp das Hakenschlagen auf ästhetischem Feld, den jähen Kurswechsel zwischen Melodien, Tempi und Bilderwelten, die unvorhersehbare Wendung. Mit steilen Manierismen, ironisch angerissenen Traditionszitaten, surrealistischen Bildfindungen und Wortwitzen steuert er sein Gedicht durch die Disharmonien der Gegenwart. In sechs Kapiteln, die als Zyklen angelegt sind, nimmt er sich mit seinem zirzensischen Talent die Themen und Tonlagen klassisch-romantischer Poesie vor, entwirft nebenbei eine stark ironisch unterfütterte „Agenda mit Tieren“ und rekapituliert die eigene Jugendzeit im Dresdner Plattenbau.
Die Grundstimmung ist eine intellektuelle Heiterkeit, mit der sich der Autor seiner Lieblingsbeschäftigung widmet: der kunstvollen Komposition ästhetischer Dissonanzen, dem Zusammenklang alter Pathos-Herrlichkeit mit profanen Alltagsmaterialien. In den ersten beiden Kapiteln ruft Popp Topoi der Naturdichtung auf wie das Meer und den Wald, um sie in anarchischer Spiellaune zu zerpflücken. Rasch assoziiert sich das „bilderverfilzte Ich“ des Dichters ins Politische: „Das All beäugt deine Knochen, ein verschwindender Fund/ vor Sternfeuer in den Plejaden. Katjuscha. Es ist was es ist./ Ich hatt einen Kameraden. Hoch auf dem gelben Wagen. / Bi-Ba-Butzemann. Meinst du, die Russen wollen Krieg?“
Je weiter wir uns in das „Dickicht mit Reden und Augen“ verstricken, desto größer wird die Lust des Autors am Aushebeln traditioneller Metaphorik und an der Sabotage des hohen Tons. Die Abteilung „Von Zinnen“ eröffnet mit einem Gedicht, das die Bedeutungspracht des Rittertums auflöst: „Liebe wollte Antike, Grube war Trumpf / – Gugelhupf, Unterschlupf, Grmpf.“ Die Leidenschaft für die Kuriositäten des Profanen zeigt sich auch an anderen Stellen: „Du betest zum Kohlenhydrat, das dir nie begegnet ist. / Du betest zu Puffreis, dem Sack, der voll Puffreis war.“ Steffen Popps Poesie der Überraschung wirbelt die Traditionen und Bildwelten durcheinander. Wer sich in dieses „Dickicht mit Reden und Augen“ vorwagt, erlebt eine ungeheure Beschleunigung des Denkens. / Michael Braun, Badische Zeitung
Steffen Popp: Dickicht mit Reden und Augen. Gedichte. Kookbooks, Berlin 2013. 90 Seiten, 19,90 Euro.
Heute um 11 Uhr
im Stubenhaus Staufen
Verleihung des Peter-Huchel-Preises an Steffen Popp
Der Mitschnitt der Preisverleihung wird am 03.04.2014 veröffentlicht.
Michendorf – Manchmal ist man sich seiner Liebe nicht sicher. Dann hilft es, mit seiner Angebeteten so lange am Strand spazierenzugehen, bis sich das ändert. Nach hundert Metern die erste Frage: Liebst du mich schon? Nichts. Weiter geht es, bis man im Osten Kamtschatkas ankommt – liebst du mich jetzt? So weit muss man manchmal gehen.
Genauso originell und unverkrampft erzählt der Ausnahme-Lyriker Thomas Kunst von einer Ameise, die als Arbeiterin in einem Eisstadion zu malochen hat. Nach ihr hat der hochgelobte Poet Thomas Kunst, ein Stralsunder des Jahrgangs 1965, sein jüngstes Buch benannt: „Die Arbeiterin auf dem Eis“. Jüngst las er im Wilhelmshorster Peter-Huchel-Haus daraus, seinem bisher 14. Buch seit 1991. Auch andere Titel machen sofort auf die ungewöhnliche Art des formstrengen Lyrikers neugierig, etwa „Der Schaum und die Zeichnung vom Pferd“, „Strandkörbe ohne Venedig“ oder „Besorg noch für das Segel die Chaussee“, sein Erstling. (…)
Seine Lyrik jedenfalls ist oft grandios. Sie verknüpft die Form mit einer unbändigen Fantasie, bringt das Unmöglichste zusammen, das Geburtstagsgeschenk und den Grönländischen Eisberg, Zitronenfalter und weinende Jäger, Hemingways Enkelin Birthe und falsche Lyrikpreisträger. Logisch passt das alles gar nicht zusammen, sonst aber schon. Das ist die Kunst, die Regeln des Alltags zu überlisten und wieder denken und fühlen zu lernen. Das Leben anders zu sehen, sozusagen Venedig ohne Strandkörbe. Frei zu sein. Doch alles hat einen Preis. Mehrmals hörte man, wie er gegen die Bitterkeit in sich ankämpft, auch in Sachen Frauen. Sagt der Verlassen-Enttäuschte nicht in einer Verszeile „melde dich erst wieder, wenn du stirbst“?
Lyrik ist Ohrensache, das wusste Ernst Kleinpaul schon, in seiner „Poetik“ von 1868. Thomas Kunst als Poet ist Ohrenmensch, ein musikalischer dazu, er spielt Instrumente, er komponiert, also sind seine Texte voller Musik. / Gerold Paul, Potsdamer Neueste Nachrichten
Ich frage Andreas Heidtmann. 2005 gründete er die Online-Plattform poetenladen, ein niedrigschwelliges Angebot für junge Schreibende, 2007 den gleichnamigen Verlag und die Literaturzeitschrift poet. Bei ihm veröffentlichten Judith Zander und Nora Bossong schon, als sie noch Unbekannte waren. In der Lyrik der Gegenwart erkennt Heidtmann verschiedene Strömungen: eine avancierte Poesie, „eine sprachexperimentelle Richtung“, repräsentiert durch Dichter wie Norbert Lange und Mara Genschel, deren Gedichte stark von der Arbeit mit der Sprache leben. „In diesem Bereich würde ich auch die Sprach-Archäologen ansiedeln, die bereits vorhandenes Material neu arrangieren, etwa Michael Fiedler.“ Lyriker wie Jan Wagner oder Ann Cotten, „die bewusst Formen aufgreifen und damit auf neue Weise spielen“, ordnet er einer formbedachten Poesie zu. Die meisten jungen Lyriker sieht er als Vertreter einer reflektierten Poesie: „Die arbeiten mit einem avancierten Anspruch, verweigern sich aber nicht dem Leser. Es gelingt ihnen auf hohem sprachlichem Niveau eine Poesie zu entwickeln, die gleichermaßen neu wie reflektiert ist.“ Hier nennt er etwa Ulrike Almut Sandig und Tom Schulz. „Ganz wichtig sind auch jene, die abseits der Metropolen stehen, die aus dem Ausland oder aus gewissen Weltanschauungen kommen und der Dichtung immer wieder entscheidende Impulse vermitteln, wie Manfred Peter Hein oder Christian Lehnert.“ Heidtmann spricht von einer Poesie der Peripherie. Aber auch die traditionelle Poesie gebe es nach wie vor: „Einige Dichter arbeiten sehr klassisch, etwa Alexander Nitzberg, Lutz Seiler, Daniela Danz.“
(…) „Man liest ein Gedicht am besten ohne Ehrfurcht“, meint der Berliner Dichter Björn Kuhligk, Mitherausgeber der wegweisenden Anthologie „Lyrik von Jetzt“. Monika Rinck, Preisträgerin zuletzt des Berliner Kunstpreises Literatur, sagt, es gebe keine „richtigen“ oder „falschen“ Deutungen. „Es ist eher so: Eine Person nimmt Kontakt auf zu einem Gedicht und hat einen neuen Gedanken. Wie: ,Man könnte Teiche nehmen, sie hochkant stellen und wegtragen!‘“ Als ich sie frage, ob eines ihrer Werke schon einmal grob fehlinterpretiert worden sei, erzählt sie von ihrem Gedicht „Trainingsziele“, in dem ein Mädchen sich seiner sexuellen Abenteuer rühmt, zuletzt einer Nacht mit dem „king of hallenfrisbee! […] im geräteraum der mehrzweckhalle bourg en bresse“. Was Rinck als eine Reihe von Triumphen angelegt hatte, deutete eine Redakteurin als Niedergang. Tom Schulz, dessen jüngstes Buch „Innere Musik“ gerade im Berlin Verlag erschienen ist, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Man hat mir schon einmal vorgeworfen, ich würde alten Menschen feindlich und bösartig gegenüberstehen, weil ich das Wort ,Kaltmamsell‘ verwendet habe. Aber ich finde es gut, wenn sich nicht alle über meine Texte einig sind. Das ist demokratisch.“ / Elisabeth Dietz, Bücher
PORTLAND, Maine — A poet and filmmaker plans to visit and film more than 80 poets‘ graves in 11 western states in the coming months.
Freeport resident Walter Skold, a 53-year-old former middle school computer teacher, said the journey will bring his total number of graves visited to 400. He and his son Simon, 26, leave April 7.
Skold said his ultimate goal is to document 500 dead poets‘ graves in all corners of the country. He said the pair hope the project brings attention to National Poetry Month, which begins April 1.
„There’s this whole long tradition of poets visiting poets‘ graves and writing about them,“ he said. „I invariably find that they have an interesting story to tell.“ / The republic
„vielleicht
sind wir doch keine Wunderkinder, sondern Arschlöcher, die eine Taube brauchen, um das
zu sehen, was sie nicht begreifen“
Franz Hodjak Gedicht mit Taube
Der neue Gedichtband von Franz Hodjak beginnt mit einem vielsprachigen Reisenden, dem Autor Franz Hodjak selbst, an einem ihm vertrauten, doch von Zeit, Gott und den Menschen verlassenen Ort. Dieser Ort ist ein stillgelegter Bahnhof. Keine Züge kommen mehr an. Keine Züge fahren mehr ab. Doch wurde der Bahnhof nicht abgeschlossen. Und es gibt noch ein Gleis. Und auch noch einen zweiten Gast. Das Gedicht heißt Aufgelassener Bahnhof.
(…)
Auf jeden Fall entführt Franz Hodjak sich in seinen klug inszenierten Gedichten in eine uns angehende Geschichte. Die Geschichte nämlich von den Königskindern Ost-und Westeuropa, ein gefrorenes Kiesbett dazwischen.
Das wird im zweiten Gedicht des Buches sogleich noch um einiges klarer – spiegelt es doch die Ausgewanderten und deren Auswanderungsgrund, Leben / die nicht mehr zählen, in den Augen der Zögernden, der vor Ort Gebliebenen, wider, die ihr Bleiben, ihr lohnendes Leben, durch Selbstverleugnung teuer zu bezahlen hatten. Sie trauern nun um die einstige Identität und verharren doch in dummer / Geste erstarrt, ratlos, leer. / Axel Reitel, relevant.at
Franz Hodjak (Gedichte) / Hubertus Giebe (Lithografien), Der Gedanke, mich selbst zu entführen, bot sich an, Verlag SchumacherGebler, 98 Seiten, ISBN 978 â“ 3-941209-28-2.
Das Problem, meine Damen und Herren, ist nicht, das einige Betriebsmitglieder offenbar eine Grundfertigkeit der Branche verlernt haben: das Lesen. Sonst würden sie ja nicht eifrig posten, schreiben und twittern, dass es keine Literatur, also keine Romane, Gedichte, Erzählungen und Dramen über Lampedusa, Hartz IV und andere Fragen unserer Zeit gebe. Beherrschten sie die Fertigkeit des Lesens noch, schickten sie die real existierenden Leserinnen und Leser solcher real existierender Romane, Gedichte, Erzählungen und Dramen nicht mitsamt den von ihnen selbst NICHT gelesenen Autorinnen und Autoren in die Wüste. Aber wie gesagt, das ist nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem ist ein anderes: der Haarausfall.
Deutschland muss nämlich Haarausfall haben. Dramatischen, unerklärlichen, beängstigenden, selbstverständlich Gegenmaßnahmen fordernden, scheußlichen Haarausfall. Man versteht dann sofort die Brisanz, steht das Haar doch für die urwüchsige Kraft, die allenthalben vermisst wird. Haarausfall! Anders ist nicht zu erklären, warum so eifrig Locken auf Glatzen gedreht werden. Die schönsten, die prächtigsten, die ausgefallensten Locken. Immer und immer wieder. Und immer schön im Kreis. Wir haben es darin zu einiger Kunstfertigkeit gebracht.
So nämlich, meine Damen und Herren, entstehen heutzutage Debatten. Polemik ist dabei gern gesehen. Der neueste Schrei ist, dass ihr elektrischer Schlag nicht mehr wie zu Schlegels Zeiten durch den Kurzschluss von Verstand und Unverstand entsteht – die Kür ist heute oftmals, und welche titanische Aufgabe ist das, aus Unverstand und Unverstand einen Funken zu schlagen! (…)
Es ist Zeit, dass ein mentaler Generationenwechsel quer durch die Generationen eintritt. Es ist Zeit, dass wir uns frei machen von Maßstäben, die den Denkmustern des Kalten Krieges verwandt zu sein scheinen.
/ Die Kritikerin Insa Wilke in ihrer Dankrede zum Alfred-Kerr-Preis, Börsenblatt
Liebe L&Poe-Leser, gegenwärtig läuft erneut ein Praktikum im L&Poe-Laden. Die alten Nachrichten der Lyrikzeitung zwischen 2003 und 2009 müssen ins Archiv eingebaut werden. Damit werden sie für alle Leser zugänglich, nicht bloß für mich wie bis jetzt. Leider schafft das Probleme für Sie, wenn Sie unsere Nachrichten abonniert haben, denn das System versendet jede neu eingetragene Nachricht als neu und verschickt sie prompt an Abonnenten. Achten Sie bitte auf das Datum, wenn Sie eine Nachricht lesen, sie könnte 11 Jahre alt sein. Wenn Sie nicht so viele Mails erhalten möchten, erwägen Sie, die Einstellungen für das Abo zu ändern (ein Link dazu befindet sich unter jeder Mailnachricht). Statt „sofort“ könnten Sie „einmal täglich“ wählen, dann bekommen Sie nur eine Mail mit allen neuen Nachrichten.
Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD) welcomes the release of writer Tashi Rabten, also known as Theurang, who served four years at Mianyang Prison in Sichuan Province. He was sentenced on charges of “inciting activities to split the nation” by the Ngaba (Ch: Aba) Intermediate People’s Court on 2 June 2011.
Tashi Rabten was a student at the Northwest Minorities University in Lanzhou, Gansu province; he went missing on 26 July 2009, when the university closed for summer vacation. His whereabouts remained unknown until 6 April 2010, when he was traced to a detention center in Ngaba’s Barkham County.
The sentencing of Tashi Rabten violated, among others, article 19 of the United Nation’s International Covenant on Civil and Political Rights (ICCPR), which calls for the protection of freedom of expression. China signed the ICCPR in 1998 and since then it has dragged its feet on ratifying the covenant despite numerous recommendations from UN member states during China’s first and second Universal Periodic Review in 2009 and 2013 respectively.
Tashi Rabten was released Saturday, 29 March 2014 – to a warm and rousing welcome from his family members, relatives and friends. / Tibetan centre for human rights and democracy
Von Felix Philipp Ingold
Die „Lyrikzeitung“ ist für manches gut, vielleicht auch mal für eine Entdeckung aus vergessenen Archivbeständen. Niemand weiss mehr (oder würde auch bloss vermuten), dass Fjodor Dostojewskij, Klassiker der russischen Erzählkunst und Erfinder der „Roman-Tragödie“, ein gewiefter Verseschmied war. In seinen Tagebüchern und Arbeitsjournalen finden sich, über viele Jahre verstreut, immer wieder kleine gereimte Gedichte, die in keiner Weise zu seinen dramatischen sozialkritischen Stoffen und philosophischen Exkursen passen, die aber womöglich als humoristische Kontrapunkte dazu gedacht waren. Die meist nur einstrophigen Gedichte sind noch nie gesammelt und bisher auch nicht übersetzt worden – ausgenommen ein paar Verse, die Dostojewskij dem verrückten Hauptmann Lebjadkin (im Roman „Dämonen“) in den Mund beziehungsweise unter die Hand gelegt hat. Auffallend ist die sonst bei Dostojewskij nicht zu beobachtende Neigung zu sexuellen Anspielungen, die sich da und dort zu ironisch-lyrischer Pornographie verbinden können – wie beispielsweise in dieser ungedruckt gebliebenen Strophe aus den Entwürfen zu den „Dämonen“ (1873):
Gestatten Sie, das ist mein liebender Erguss,
Geruhn Sie meinen Antrag zu erhören,
Auf dass rechtschaffenen Genuss
Ein andres Glied mir wird bescheren.
Verse dieser und ähnlicher Art sind in Dostojewskijs Arbeitsjournalen keine Seltenheit, doch kaum etwas davon findet sich wieder in seinem publizierten Werk eingegangen. Interpreten und Kritiker scheinen sie bis heute (falls sie davon überhaupt Kenntnis haben) für peinlich oder schlicht für überflüssig zu halten. Es ist an der Zeit, diesen (zugebenermassen marginalen) Teilbereich von Dostojewskijs Schaffen aufzuarbeiten.
Die Lyrikerin Marianne Rein ist auch heute noch selbst unter Kennern der deutsch-jüdischen Literatur der 1930/40er-Jahre kaum bekannt. Noch 2012 konnte ein Band zu den „Weiblichen jüdischen Stimmen deutscher Lyrik aus der Zeit von Verfolgung und Exil“ erscheinen, in dem ihr Name nicht einmal im Index erscheint. Kaum eine Anthologie zu jenen Jahren bringt eines ihrer Gedichte. Eine rühmliche Ausnahme stellt hier die immer noch bedeutsame Anthologie Manfred Schlössers dar, „An den Wind geschrieben“ aus dem Jahre 1960; sie bringt ein einziges Gedicht, weiß aber sonst wenig über die Autorin. Umso verdienstvoller ist, dass Rosa Grimm nun erstmals alle ihr zugänglichen Gedichte und Prosatexte von Marianne Rein in zwei schmalen Bänden zusammenstellte, was es nun erlaubt, dieses in nur wenigen Jahren entstandene Werk in seinem Umfang und Gewicht kennenzulernen. / Friedrich Voit, literaturkritik.de
Marianne Dora Rein: Das Werk. 2 Bände.
Herausgegeben von Rosa Grimm.
Ergon Verlag, Würzburg 2011.
218 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783899138290
Der niederländische Dichter Erik Lindner geht behutsam mit der Welt um. Er schiebt ihr keinen fertigen Entwurf unter, er erspart ihr die Last einer Idee. Er prahlt nicht mit Bildungswissen, wie er sich überhaupt zurücknimmt; nur selten begegnen wir einem lyrischen Ich. Geschieht es doch einmal, ist es schon in der nächsten Zeile wieder verschwunden: „ich steh auf, kleide mich wie gestern / und geh über den Steg zur Fähre // auf Autoreifen setzt sich Koralle ab / schuppig zwischen Steg und Bug“. / Volker Sielaff, Tagesspiegel
Erik Lindner: Nach Akedia. Ausgewählte Gedichte. Niederländisch-Deutsch. Übertragen von Rosemarie Still.
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2014., 170 S., 19,90 €.
Nicht will wohllauten der deutsche Mund, sagt Hölderlin. Beweis: Lyropolis heißt auf Deutsch Textkette. Das klingt ein wenig nach dem ebenfalls wenig wohllautenden ungarischen Wort für Liebe: Szerelem. Eine Freundin verlängerte es probeweise: Textkettennebenstrecke. Vielleicht lustig, aber nicht wohlklingend. Aber eigentlich ist Textkette nicht die Stadt selbst, sondern das Herzstück, die Anthologie, die Lyrikbibliothek von Babel. Wie dem sei – Lyropolis existiert; und wächst. Hier ein Stadtplan:

Weitere Erläuterungen folgen.
Feridun Zaimoglu schreibt im Kulturspiegel:
Auf Empfehlung eines von mir sehr geschätzten Dichters habe ich mir antiquarisch eine Trinker-Trilogie von Ernst Herhaus gekauft (Kapitulation, Der zerbrochene Schlaf, Gebete in die Gottesferne). Der Dichter, der mir das empfohlen hat, ist übrigens selbst sehr zu empfehlen. Thomas Kunst ist für mich einer der größten Dichter, die wir haben. Nach seinem letzten Buch greife ich immer wieder. Es heißt Die Arbeiterin auf dem Eis. Gedichte lese ich täglich. Es sollte kein Tag beginnen ohne Gedichte von Thomas Kunst oder Esther Kinsky, deren Gedichte ich ebenfalls sehr mag.
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