Die Wiener Schule für Dichtung sucht für ihre Onlineklasse “Terror, Assault, Anthrax“ Gedichte zum Thema Überwachung. Kommentiert werden die Beiträge von dem in Wien lebenden Schriftsteller Ilija Trojanow. Noch bis 13. April können Beiträge gepostet werden.
„Schenken wir den leidgeprüften Sicherheitsdiensten Gedichte! Es geht so einfach. Wir müssen uns gar nicht persönlich an die NSA, den HND oder BND wenden – ein paar ‚Reizwörter‘ im Netztext reichen, damit sie auf uns aufmerksam werden“, heißt es von der Schule für Dichtung. Als Beispiele für Reizwörter werden etwa „Al-Quaida“, „Sayyid Qutb“ oder „Anthrax“ genannt.
Die Beiträge werden von Ilija Trojanow kommentiert. Der Autor setzt sich seit Jahren kritisch mit dem Thema Überwachung auseinander. Er verfasste etwa gemeinsam mit Juli Zeh die Kampfschrift Angriff auf die Freiheit. Er beteiligt sich aktiv an Diskussionen zum Thema und hat auch selbst hautnah Erfahrungen damit gemacht. Trojanow wurde die Einreise in die USA verweigert.
Der Autor mit bulgarischen Wurzeln durfte ohne Angabe einer Begründung nicht einreisen – er hatte der Einladung zu einem Germanistenkongress folgen wollen. Autorenkollegin Zeh brachte den Vorfall in Zusammenhang mit dem gemeinsamen Engagement bei den Schriftstellerprotesten gegen die Überwachung durch den US-Geheimdienst NSA. / ORF
Die schönste Nach-Messe-Reportage kommt heute in bildnerischer Form. Petrus Akkordeon war als Messezeichner unterwegs. Hier einige seiner schönen Zeichnungen.
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Poetisiert euch!
M. Vogel signiert
Als ich vor etwa zwei Jahren Boris Preckwitz‘ Band wahnpalast gelesen habe, war ich doch ziemlich angetan vom satirisch-aufrührerischen Sound, mit dem der Dichter die mittlerweile regelrecht in Vergessenheit geratene Eurokrise kommentierte. Das Schöne, weil Einfache daran war, dass sich die Gegenstände klar benennen, die (Gegen-)Positionen dazu klar beziehen, die Texte leicht verständlich lesen ließen. Und so hatte mich Preckwitz eigentlich nicht wachgerüttelt, sondern dort abgeholt, wo ich ohnehin schon stand. In seinem neuen Band Kampfansage geht dieses Prinzip leider nicht mehr auf, denn die Feindbilder dieser politischen Gedichte sind nicht mehr allein die Banken und EU-Kommissare, sondern alle, die in Deutschland auf irgendeine Weise, bewusst oder unbewusst, Autorität ausstrahlen oder diese zumindest für sich beanspruchen. Und das meint nicht allein den Staat, die Regierung, Polizei und gehobenes Bürgertum, sondern offensichtlich auch einige Lyrikverlage, die innerhalb der florierenden Indieliteraturszene zu festen Größen geworden sind. Diese bekommen in einem angehängten Essay nämlich genauso ihr Fett weg wie zuvor in den Gedichten die Reichen und Mächtigen dieser Welt. (…)
Das eigentliche, das große Ärgernis in Preckwitz‘ neuem Band ist jedoch der Essay Verschrobenbooks. Zur neohermetischen Schule. Darin hat er es vor allem auf die Autoren des 2011 erschienenen lyriktheoretischen Sammelbandes Helm aus Phlox, sowie die Verlage kookbooks, luxbooks und roughbooks abgesehen. Allerdings scheint es Preckwitz nicht um eine konstruktive Kritik zu gehen, die in der so genannten „Diskurslyrik“ auf durchaus fruchtbaren Boden fallen könnte. Vielmehr äußert er sich in geradezu diffamierender Weise über die „publikumsfeindlichen“ deutschsprachigen Gegenwartslyriker, die sich laut Preckwitz zu einer „sich selbst genügenden Dichterclique“ zusammengeschlossen und gegenüber dem Rest der Welt abgeschottet hat. Hier könnte man vielleicht noch glauben, dass jemand seinen Ärger darüber äußert, dass er bei kookbooks & Co. nicht mitspielen darf. Allerdings dürfte Preckwitz‘ Interesse an diesen Spielkameraden gering sein, wenn er sie mehr als beleidigend auf eine Stufe mit „Suchtkranke[n], Selbstmörder[n], politische[n] Irrläufer[n] [sic!] und verschwurbelte[n] Sonderlinge[n]“ stellt und ihnen „eine Flucht in eigene Oberstübchen“ vorwirft. Doch da er diese ganz offensichtlich nicht versteht, woraus er auch keinen Hehl macht, ist sein Essay weder Kampfansage, noch Rundumschlag, sondern eigentlich nur Kapitulation und Bankrotterklärung. (…)
Der Vorwurf, man würde die „neohermetischen Dichtung“ schlicht nicht verstehen, ist so alt wie die Diskussion darum. Preckwitz nährt ihn jedoch mit neuen Anschuldigungen, die schlichtweg unerträglich sind, weil sie von einem sehr eindimensionalen Literaturbegriff ausgehen. So hetzt er gegen experimentelle Verfahren, nennt das Spiel mit der Sprache „Geschwafel, dem die Abstraktion zur Zwangshandlung geworden ist“ und diagnostiziert den Lyrikern ein „sprachliches Vermüllungssyndrom“, ganz zu schwiegen von einer „Rückwärtsgewandtheit in Folge akademischer Überkompensation“. Namentlich teilt er auch gegen die dichterischen Vorbilder an der „Schwurbelkurbel: Mayröcker, Pastior, Kling, Erb, Ashbery“ aus und beweist dieselbe Engstirnigkeit, die er noch ein paar Seiten vorher mit schwafeligen Gedichten bekämpfen wollte. / Mario Osterland, Fixpoetry
Boris Preckwitz: Kampfansage
Lyrikedition 2000
72 Seiten · 12,50 Euro
ISBN: 978-3-86906-588-5
Verlagswerbung:
Boris Preckwitz neues Langgedicht »Kampfansage« bringt die politische Lyrik in Deutschland auf den Stand des 21. Jahrhunderts. »Es ist an der Zeit / ein Leben in Freiheit / am Staat vorbei / zu gestalten«, beginnt das rund 500 Verse lange Gedicht und rüstet zum Kampf „gegen die Japrahler – / im Saale der Sonntagsreden / wo sitzverteilt / der Schwarmschwachsinn / sich die Gewalt gibt.« Es ist die Wendung gegen einen Staat, der die politische und wirtschaftliche Entmündigung der Bürger betreibt. Der Band setzt einen aktuellen Maßstab für die Verbindung von politischer Lyrik, Poetologie und Gesellschaftskritik. Er vertritt den Standpunkt, dass kulturelle Teilhabe nur über Wissen zu haben ist: »Wer in seiner Gesellschaft den kundigen Umgang mit Kulturleistung pflegen möchte, wird sich noch immer die Leitkultur erarbeiten müssen.«
Im Nürnberger Poetenladen* gibt es die Rubrik „Stele“, erdacht hat sie als kleine Nachruf-Kolumne der Dichter Hans Thill. Dichter gedenken darin ihrer verstorbenen Kollegen. Heute erinnert die Tagtigall an den ungarischen Dichter Szilárd Borbély, der im letzten Monat, am 19. Februar 2014, aus dem Leben schied.
„Was wäre, wenn überhaupt nichts mehr wäre? Wenn ich keines all der schwierigen Dinge, die ich gerade tue, fertig stellen müsste?“ – Diese Frage hat der ungarische Autor, Essayist und Dichter, Szilárd Borbély, 2003 in dem Gedichtband „Hamlet Berlin“ aufgeworfen, der bislang nicht auf Deutsch vorliegt, von dem aber kürzlich in The American Reader englischsprachige Auszüge erschienen sind.
In Briefform wird darin u.a. verschwiegen und doch beredt Krieg und Liebe – das Liebeswerben – zwischen seinem Ungarn und seinem Deutschland beschworen:
If I come to Berlin at Easter, would you have an hour to spare,
so that I could visit you? It could be at any time, for I won’t
have any other business in Berlin, save our meeting. I hardly
have a proper suit in which to appear before you. But that is truly
incidental. One easily slides into temptation, however. I am only
travelling to Berlin to show myself to you, the one misled
by my letters, so you can see who I really am. I could not accomplish this in writing,
because I was in defiance of myself: in the light of reality
nothing remains hidden. Presence is irrefutable. If only I will have had
enough sleep when I meet you. If only my knees won’t shake. What
a farcical and vague monologue this is. If I travel,
I will be staying in the Askanischer Hof hotel on Königgrätzstrasse.
Szilárd Borbély, Jahrgang 1964, wird die deutschsprachige Veröffentlichung der Berlingedichte nicht mehr erleben. / Marie Luise Knott, Perlentaucher
*) Sezession oder umgezogen? Neulich war er noch in Leipzig, der Herr Heidtmann.
Seit fast 45 Jahren existiert er nun, der Karin Kramer Verlag in Berlin. Dennoch ist er vielen im oft nur geschäftstüchtigen Literaturbetrieb noch immer kein Begriff. Das liegt weniger an Kramers Verlagsprogramm als an der immer weiter abnehmenden Neugierde des Buchhandels und des Feuilletons. Dabei hat der Verlag in vielfacher Hinsicht Geschichte geschrieben – auch mit Geschichten. Beispielsweise erschienen hier Texte von Thomas Kapielski und Karsten Krampitz, Bernd Papenfuß‘ Rumbalotte-Gedichte sind hier gesammelt zu erwerben.
Zugleich ließ Karin Kramer die Romane von Roland Topor und die Texte von Jim Morrison übersetzen. Vor allem aber waren hier unzählige Bücher von Bakunin, Kropotkin, Malatesta, Landauer und Mühsam zu finden, denn der Karin Kramer Verlag hat sich auf Gedeih und Verderb dem Anarchismus verschrieben. Hinzu kamen, geradezu selbstverständlich, viele Bücher zur antiautoritären Erziehung. Im Verlagsprogramm finden sich auch die zahlreichen Bücher von Bernd Kramer, Kreuzbergs wohl genialischstem Kneipendenker. Bernd Kramer führte den Verlag gemeinsam mit seiner Frau Karin.
Das Präteritum ist angebracht, denn Karin Kramer ist am vergangenen Donnerstagmorgen nach langer Krankheit verstorben. Karin Kramer war eine geradezu klassische linke Figur der siebziger Jahre, unangepasst und geschichtsbewusst. In einem Interview mit der Zeitung Graswurzelrevolution sagte sie einmal: „Manches treibt einen zum Nonkonformismus. In unserer Familie gab es übrigens ein ganz frühes Berufsverbot. Mein Großvater, der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts illegal SPD-Flugblätter in Hausbriefkästen verteilte, wurde denunziert und verlor seine Arbeit als Gärtner bei der Stadt Berlin.“ / Jörg Sundermeier, taz
Der Prix Mokanda 2014 geht an den aus Kongo (Brazzaville) stammenden Dichter Gabriel Okoundji. Mitbewerber waren der tunesische Dichter Tahar Bekri und der Marokkaner Abdellatif Lâabi. Hinsichtlich der öffentlichen Haltung zur Lyrik als einem kleineren Genre der Literatur stellt der Autor fest: „Die Lyrik ist die erste literarische Regung, eine wichtige Kunst. Sehr wenige Menschen interessieren sich dafür, denn sie verlangt Ausdauer… Nur die Poesie kann den Menschen von der Schwerkraft freimachen, von den täglichen Mühen. Ein einziges poetisches Wort reicht aus, um den Weg zu erleuchten“, so sagte er gegenüber dem Journal de Brazza.
Der Preis wird dem Autor im Juni überreicht. Ein sehr emotionaler Monat – am 14.7. erhält er auch den diesjährigen Prix Senghor de poésie.
In der Region Aquitanien, wo der Autor heute lebt, findet vom 4. zum 6. April auf der Buchmesse in Bordeaux ein Treffen seiner Übersetzer aus Italien, England und Finnland statt. Unter ihnen Jacques Chevrier, der dem Autor ein Buch gewidmet hat – „Gabriel Okoundji, Dichter der beiden Flüsse“. Zwei Tage lang werden sie über das Werk diskutieren und versuchen, dem Publikum zu erklären, was es mit dieser Dichtung auf sich hat, die bis heute im kongolesischen Universum, für das sie geschrieben wurde, ignoriert wird.
Der Prix Mokanda wurde 2012 gestiftet, um das Gesamtwerk eines frankophonen Autors zu ehren, der sich durch ein „Darlehen der Liebe zu Afrika“ auszeichnet. Die bisherigen Preisträger waren:
Heute hatte ich Lust, etwas zu trinken, also wählte ich die Nummer des Herrn Rezayi*, meines „Saghi“ (Saki), ein altes, aus der persischen Poesie entlehntes Wort mit der Bedeutung Mundschenk, jemand der einen König, Prinzen oder eine hochgestellte Person mit Getränken versorgt. Das Wort wird heute gern benutzt für Lieferanten der verbotenen alkoholischen Getränke.
– Hallo, was hast du auf Lager?
– Whisky « Red Label » 200.000 Tomans (50 Euros), Whisky «Label 5» 100.000 Tomans (25 Euros), Wodka 100 000 Tomans (25 Euros)
– Ich nehme drei Flaschen „Red Label“
– Okay, ich bin in 40 Minuten da
– Okay, bis gleich!
Alkohol ist in Iran offiziell verboten und Trunkenheit wird nach dem islamischen Strafrecht mit 80 Peitschenhieben bestraft, eine Strafe, die nur selten angewandt wird, vor allem weil die Person gestanden haben muß, daß sie getrunken hat, um verurteilt zu werden. Nach den gleichen Bestimmungen wird bei einer dritten Verurteilung die Todesstrafe verhängt.
(…)
Herr Rezayi* bringt mir den Whisky und erzählt, daß die Polizei vor kurzem sein Auto beschlagnahmt hat, weil man im Kofferraum Flaschen gefunden hat.
Ich genehmige mir ein Gläschen Whisky und ein Gedicht von Omar Khayyam, dem großen und populären persischen Dichter aus dem 12. Jahrhundert, hallt in meinem Kopf wie ein historisches Gebot:
« Nous et le vin et le banc de la taverne et nos corps d’ivrogne nous sommes
Insoucieux de l’espoir de la miséricorde et de la terreur du châtiment;
Nos âmes et nos cœurs et nos coupes et nos vêtements tachés de lie
Sont indépendant de la terre et du feu et de l’eau. »
Ich fand eine – vermutlich weder sehr treue noch sehr poetische – Übersetzung dieses Rubai von Omar Khayyam (trotzdem, wenigstens gab es sie, und damals strebte man noch eine „Bibliothek der Gesamtlitteratur des In- und Auslandes“ an):
Ich, Sänger, Wein, der wüste Raum: Gewand,
Pokal, Herz, Seel‘ weihn wir dem Wein als Pfand;
Der Gnadenhoffnung und der Straffurcht ledig,
Was sind uns Erde, Wasser, Wind und Brand?
Hart, Julius: Divan der persischen Poesie: Blütenlese aus d. pers. Poesie, mit e. litterarhist. Einl., biogr. Notizen u. erl. Anm.. Halle a.d.S.: Otto Hendel, 1887 (Bibliothek der Gesamtlitteratur des In- und Auslandes ; Nr. 143/145), S. 50.
Nasim
* Namen wurden geändert
Über 6 Millionen kostenlose eBücher
Darunter alte Schätze wie dieser:
Thomas Kunst
MAN WEISS NIE, WIE ALLES KOMMT, ABER
Auf diese Insel würde ich immer wieder
Gehen. Und sei es nur noch für ein
Halbes Jahr, Safschani, viel zu
Niedrige Felsen. Zu wenig Möglichkeiten,
Richtig sinnlos zu versacken. Nur Hitze,
Schleim, in der Gelassenheit von
Flußruinen. Die Brandung ist das eine.
Das Saufen ist das eine. Die Musik
Ist das eine. Die Frauen sind das
Eine. Die Kinder sind das eine. Die Gedichte
Sind das eine. Die schönen,
Vertrockneten Gedichte, die mutwillig
Schönen, die niemand mehr will. Aber ich
Will sie. Und ich werde sie euch
Zurückbringen. Aber nicht nachts. Und schon
Gar nicht im Sommer. Bei einem
Himmel mit entblößten, streng
Herunterhängenden Universitäten. Denn Geruch
Und Müdigkeit sind immer das
Gleiche. Die schönen, vertrockneten
Gedichte sind noch lange nicht
Am Ende, auch wenn sich all die anderen
Jungen, nachstoßenden Gedichte schon wie
Glatte, ausgereifte Seminare gebärden, so
Starr, ideenlos und ohne Leidenschaft. Aber ich
Werde sie euch zurückbringen. Ich will sie euch wieder
Zurückbringen. Die mutwillige Schönheit der
Gedichte. Und den naiven Reichtum an
Bezeichnungstrost und Wut. Aber nicht
Nachts. Und schon gar nicht im
Sommer. Das Saufen ist das eine. Die Musik
Ist das eine. Die Kinder sind das
Eine. Die Frauen sind das eine. Die Gedichte
Sind das eine. Alles
Ist immer nur das eine.
Korbinian Frenzel: Wenn wir noch mal auf die generelle Bedeutung von Gedichten schauen – das letzte Mal, dass ein Gedicht öffentlich wirklich hohe Wellen geschlagen hat, war das Gedicht von Günter Grass, „Was gesagt werden muss“. Darin hat er ja Israel schwer angegriffen. Sie haben damals eine Art Gegenposition eingenommen, nicht inhaltlich, sondern eher in der Frage, was Dichtung soll. Sie legt sich, haben Sie damals geschrieben, nicht mit der Realität an. Darüber bin ich ein bisschen hängen geblieben, über dieser Formulierung, weil das für mich so klingt wie ein literarisches Biedermeier, wo man sich wohl fühlen kann.
Durs Grünbein: Nein. Ich habe mal an anderer Stelle gesagt, in einem Gedicht, um es vielleicht mal so kurz wie möglich für mich, übrigens nur für mich zu definieren, was das ganze soll, gefragt, was es eigentlich ist, das Poetische: Es geht auch um die Besonnenheit traumdichter Bilder in der Bananenrepublik des Realen. Ich habe also gesagt, okay, dieses Reale, was uns immer umgibt, dass wir auch alle sehr gut kennen, das wird ein bisschen, wenn man diesen Abstand hat, selber zu einer Art Bananenrepublik. Ich sage damit, dass eigentlich die Dichtung mit ihren Möglichkeiten es schafft, qua Fantasie dieses sogenannte Reale immer neu zu durchkreuzen, und das ist sehr wichtig. Das ist kein Biedermeier, sondern das ist eine Art Souveränitätserklärung.
Wer sagt mir denn, dass das, was mich umgibt, politisch umgibt, etwa das Ewige ist oder so, dass es immer so bleiben muss und so weiter? Ich kann also auch in politischen miserablen Situationen mittels Dichtung vorankommen. So war das immer in der Menschheit. Es waren oft kühne Dichterträume, die uns schon die Zukunft gezeigt haben und Möglichkeiten, aus diesem Schlamassel herauszufinden, weshalb ich dann immer enttäuscht bin, wenn die Dichtung direkt missbraucht wird für sehr direkte politische Botschaften. Das hatten wir auch oft gerade im 20. Jahrhundert, aber das sehe ich als Missbrauch der Poesie und das ist kein Biedermeier. Im Gegenteil! Das ist eine Art Unabhängigkeitserklärung, die sich durch Poesie herstellt.
/ DLR
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
The love between parents can be wonderful and mysterious to their children. Robert Hedin, a Minnesota poet and the director of The Anderson Center at Tower View in Red Wing, does a fine job of capturing some of that wonder in this short poem.
My Mother’s Hats
She kept them high on the top shelf,
In boxes big as drums—
Bright, crescent-shaped boats
With little fishnets dangling down—
And wore them with her best dress
To teas, coffee parties, department stores.
What a lovely catch, my father used to say,
Watching her sail off into the afternoon waters.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Robert Hedin from his most recent book of poems, The Light Under the Door, Red Dragonfly Press, 2013. Poem reprinted by permission of Robert Hedin and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Sie haben zweitausend Autoren recherchiert, die in Thüringen gewirkt haben, und Hunderte von Gedichten gewälzt. Am Ende, erzählt Christoph Schmitz-Scholemann, hätten Jens Kirsten und er 120 Gedichte auf einem großen Tisch ausgebreitet und noch einmal die passendsten herausgesucht. (…)
Thüringen ist ein Lyrikland: Unter den guten jungen Autoren gibt es viel mehr Lyriker als Prosaautoren, etwa Nancy Hünger, Hubert Schirneck oder Daniela Danz. Wir wollen den Reichtum hiesiger zeitgenössischer Lyrik zeigen. / Thüringer Allgemeine
Mit Wanderers Nachtlied, das Goethe auf dem Kickelhahn bei Ilmenau schrieb, startet die Thüringische Landeszeitung ein neues Projekt – die „Thüringer Anthologie“.
Ab sofort veröffentlicht unsere Zeitung jeden Samstag auf der Kultur-Seite und hier im Netz ein Gedicht eines hier lebenden, von hier weggegangenen oder kurz in Thüringen verweilenden Dichters. Das ausgewählte Gedicht wird von einem Text begleitet, in dem Dichter und Journalisten, Wissenschaftler und Kulturschaffende darüber schreiben, wie sie dieses Gedicht lesen. Aus vielen Stimmen ergibt sich dann eine poetische Landschaftskunde Thüringens – Die Thüringer Anthologie.
Die acht kurzen Zeilen haben Goethes Leben begleitet. Den Tod vor Augen hat er sie noch einmal besucht – buchstäblich. Zwei Tage vor seinem 82. Geburtstag, der sein letzter sein sollte, stieg er in Ilmenaus „Gasthaus zum Löwen“ ab und ließ sich auf den Kickelhahn fahren, „ergötzte sich an der kostbaren Aussicht auf dem Rondell“ und ging zu Fuß durch hoch stehende Heidelbeersträucher noch einmal zu der Jagdhütte.
Der Bergbeamte Johann Christian Mahr begleitete ihn und notierte: „Goethe überlas diese wenigen Verse und Tränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Tränen und sprach in sanftem, wehmütigem Ton: Ja, warte nur balde ruhest du auch!, schwieg eine halbe Minute und sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald.“
Was ist nur alles in dieses Gedicht hinein interpretiert worden! Wie viele Deutschlehrer haben ihre Schüler gequält – und sich geärgert über die Jugend von heute, die nicht das Gedicht unter Tränen gelesen haben!
Textkette ist kein Platz zum Veröffentlichen eigener Gedichte. Es ist eine interaktive, labyrinthische Lyrikbibliothek von Babel – eine Gemeinschaft von Enthusiasten aus aller Welt. Wer mitmachen will, muß sich einmalig anmelden und wird dadurch Mitarbeiter / Mitbürger. Jeder Mitarbeiter kann sich durch Klicken des “Like”-Buttons an ein beliebiges vorhandenes Gedicht andocken und bekommt dann von dem Elektor dieses Gedichts einen Autornamen zugeteilt, von dem er ein Gedicht auswählen kann. Durch dieses umständlich anmutende Verfahren wird verhindert, daß “die üblichen Verdächtigen” in einfach eine weitere Anthologie eingereiht werden. (Beispiel: bei dem über Jahre mit landesweiten Veranstaltungen in den USA gelaufenen “Favorite Poems Project” traten Tausende Prominente und Normalbürger auf und lasen “ihr Lieblingsgedicht” vor, das wurde gefilmt und ins Netz gestellt. Präsident Clinton beteiligte sich und las ein sehr pädagogisches, patriotisches und imperiales Gedicht von Rudyard Kipling. So kommt auf lange Sicht nur das Erwartbare zustande. Unsere Textkette hat in kurzer Zeit zu unvorhersehbaren Beiträgen geführt, mehr als jeder einzelne Teilnehmer erreicht hätte.)
Textkette soll sich zu einer Art “Lyropolis” entwickeln mit Agora, Bibliothek, Gericht, Akademie, Privaträumen, vielleicht auch einem Kaufhaus usw. (siehe Skizze unten). Nach einer Erprobungsphase soll eine “verfassungsgebende Versammlung” zusammentreten. Textkette ist öffentlich zugänglich, aber nicht über Suchmaschinen erreichbar – es geht nicht darum, eine weitere allgemeine Ressource zu schaffen, sondern tatsächlich um eine Gemeinschaft, die ihre Angelegenheiten gemeinsam regelt. Wenn das Projekt lang genug läuft, enthält es wie die Bibliothek von Babel des Jorge Luis Borges quasi alle vorhandenen und möglichen Texte aller Zeiten und Sprachen.
Textkette entwickelte sich Anfang Februar 2014 aus einem Facebook-Ketten“spiel“. Da sich innerhalb weniger Tage so viele Facebookfreunde – hauptsächlich Lyriker – engagiert beteiligten, entwickelte sich die Idee einer begehbaren labyrinthischen Netzanthologie, einer „Poesiebibliothek von Babel“ mit spannenden Entwicklungsmöglichkeiten. Im Moment entwickelt sich Textkette parallel an zwei Plätzen, der Facebookseite https://www.facebook.com/textkette (einschließlich der nicht öffentlich zugänglichen „Pinnwände“ der beteiligten Autoren/Elektoren) und einem speziell eingerichteten Blog http://textkette.com. Wir befinden uns noch in der Erprobungsphase. Textkette besteht aus dem Kernstück, einer von einem Gedicht von Sappho ausgehenden, stammbaumförmigen Netzanthologie, die sich geradezu exponentiell entwickelte und in dem überschaubaren Teil mindestens bis in die dreizehnte Generation mit über 200 Texten erstreckt. Die von mehr als 30 Autoren ausgewählten Texte sind oft mit Bildmaterial, Links und Kommentaren versehen und führten in einigen Fällen zu speziellen Fachdebatten u.a. über metrische, textkritische oder Interpretationsfragen. Eine spanische Textkette mit teilweise anderen Regeln hat sich angeschlossen.
Neben das Kernstück trat eine Rubrik Freistil, die dem Posten und Diskutieren anderer, nicht an die Kette (den Stammbaum) angeschlossener Texte dient. Mittelfristiges Ziel ist die Einrichtung einer eigenen Domain, die im Sinn eines jedermann offenen sozialen Netzwerks von Poesieenthusiasten – Profis und Laien – funktioniert. Eine flexible Softwarelösung muß dafür erst entwickelt werden, die jetzigen Plätze sind Interimslösungen. Jeder Experte oder Enthusiast ist zum Mitmachen und Mitdiskutieren aufgerufen.
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