Christa Schuenke, die eine gerühmte Gesamtübersetzung der Sonette Shakespeares veröffentlichte, sprach mit Christa Jansohn auf literaturkritik.de über ihre Übersetzung. 3 Auszüge aus dem langen, unbedingt komplett lesenswerten Gespräch:
Eine archaisierende Übersetzung kam für mich von vornherein nicht in Betracht. Manierismus interessiert mich nicht. Eine künstlich archaisierte Sprache empfinde ich als manieriert, und vor allem fehlt ihr alles Lebendige. Und das, was Sie als „modernen Jargon“ bezeichnen, ist in meinen Augen eine Anbiederung an ein vorwiegend jugendliches Lesepublikum oder Ausdruck eines Zeitgeists, der nach ewiger Jugend giert. Eine Mischung von beidem, wie sie bei Karl Bernhard vorliegt, kann immer nur Hybriden hervorbringen. Ganz wesentlich für mein Konzept war das Moment der Wiedererkennbarkeit. Die emotionalen Schwingungen, die von Shakespeares Sonetten ausgehen, erreichen uns noch heute mit unverminderter Kraft, wenn wir uns darauf einlassen. Das habe ich gerade bei jungen Lesern meiner Sonett-Übersetzung, Leuten von Anfang bis Mitte Zwanzig, immer wieder bemerkt. Und ähnliche argumentative Krücken, wie Shakespeare sie sich baut, um die eigenen Gefühlsverwirrungen zu rationalisieren, bauen sich Menschen auch heute noch, wenn sie verzweifelt versuchen, sich von der Wucht ihrer Emotionen nicht zu Boden schleudern zu lassen. Damit das Moment der Wiedererkennbarkeit in der Übersetzung da ist, muss, denke ich, eine Sprache gewählt werden, die modern ist, ohne modisch zu sein, die aber auch die Wort‑ und Klanggewalt hat, die notwendig ist, um den mitunter sehr hohen, klassischen Ton des Originals zu treffen.
(…)
Für mich verschmelzen die Begriffe Genauigkeit und Nähe zum Urtext in dem übergreifenden Terminus Wirkungsäquivalenz. In diesem Sinne hatte ich nicht die Absicht, eine Übersetzung zu schaffen, die zwar philologisch präzise ist, aber die Einheit der Elemente, die die Wirkung eines Gedichts ausmachen (Wortsinn, Gesamtaussage, Rhythmus, Metrum, Atmosphäre, und ich möchte noch hinzufügen: Emotionalität, Anstrengung des Gedankens und nicht zuletzt Klang), zerstört. Ich glaube nicht, dass man bei den mitunter notwendigen Abstrichen mehrere Alternativen hat. Die einzige für mich in Betracht kommende Möglichkeit besteht darin, wenn es denn sein muss und im Original ein und derselbe Gedanke in mehreren unterschiedlichen Schattierungen durchgeführt wird, auf eine dieser Schattierungen zu verzichten oder diejenige auszuwählen, die mir im Hinblick auf die angestrebte Wirkungsäquivalenz den Vorrang zu haben scheint. Um jedoch den Verzicht auf das unvermeidbare Minimum zu beschränken, habe ich versucht, im Deutschen möglichst viele einsilbige Wörter zu finden, deren Gebrauch verhindert, dass der Vers über den jambischen Pentameter hinaus anschwillt.
Über andere Übersetzer:
Im Falle Celans haben wir es mit einem starken, gedanken‑ und wortmächtigen Dichter zu tun, der Shakespeares Sonette gleichsam als Transportmittel für eigene Inhalte benutzt. Seine Übersetzungen, die ich sehr schätze, sind von seinem eigenen dichterischen Interesse dominiert. Deshalb kann ich mich George Steiner, den ich ebenfalls sehr schätze und dessen Buch After Babel ich als Übersetzerin viele kostbare Anregungen verdanke, in diesem Punkt nicht anschließen. Ich glaube, dass Celans Übertragungen nur insofern „besser als die Originale“ sind, als sie den Zeitgeist, dessen Stimme Celan war, besser erfassen als die Originale, die selbstverständlich vom Geist der Shakespeare‑Zeit geprägt waren. Insofern sind Celans Übertragungen uns vielleicht näher als das Original, aber ich glaube nicht, dass man sie deshalb „besser“ nennen kann. Auch Stefan George nimmt sich der Sonette als Dichter an, wenngleich er sie, anders als Celan, nicht dazu benutzt, eigene Inhalte zu transportieren. Bei ihm scheint es mir eher um einen Transport versästhetischer Prinzipien zu gehen, die leider nicht selten mit einer bis zur Unkenntlichkeit der Wörter getriebenen Verstümmelung deutscher Wortklänge bezahlt werden.
Sie wollen Schriftsteller werden, aber die Verlage lehnen Ihr Manuskript ab? Kein Problem! So suggerieren es zumindest Pseudoverlage und halbseidene Literaturagenten. Betina Knoch fiel darauf rein.
Wahrhaftig, die Lektorenkonferenz hat ihr Manuskript auserwählt – aus der Fülle aller Einsendungen! Betina Knoch ist selig. Das Bilderbuch über Trauer und Abschied ist eine Hommage an ihren verstorbenen Mann. „Ein wunderbares Buch“, sagt Knoch. Erste Leser sagen das auch. Das Erbe ihres Mannes dient als Anzahlung für die Veröffentlichung. 14.800 Euro, so viel verlangt die Deutsche Literaturgesellschaft für eine Auflage von 2500 Stück und suggeriert die umfangreiche Vermarktung von Autorin und Buch.
Dass mit dem selbsternannten „Traditionsverlag“ etwas nicht stimmt, kommt der 59-Jährigen nicht in den Sinn. Sie ist beseelt von dem Lob, geblendet von der historischen Anmutung des „renommierten Verlags“, dem Versprechen von Exklusivität. Die Autorin unterschreibt. Das Buch wird gedruckt – auf minderwertigem Papier und mit Tippfehlern. Beworben wird es kaum. Ebenso wenig verkauft. „Ich hatte einfach keine Erfahrung damit“, sagt Knoch. Doch mit einer Klage scheitert sie vor Gericht, der Vertrag ist wasserdicht, das Gericht sah somit keine Täuschung.Hunderte unerfahrene Autoren werden jedes Jahr Opfer sogenannter Pseudoverlage. / Mehr bei Spiegel Online
Dass Literatur es vermag, die Welt zu heilen (Erlösung); dass sie einen privilegierten Zugang zu einer transzendenten Wahrheit bietet (Offenbarung) – diese beiden Grundthesen der Kulturreligion hat Sibylle Lewitscharoff keineswegs für sich allein. In Schwundstufen oder auch in nur nachgeplapperter Form findet man sie auch immer wieder in manchen Literaturkritiken, etwa wenn es darum geht, schwierige Lyrik anzusingen oder Klassiker neu zu vermarkten. Nur scheint Sibylle Lewitscharoff das auch theologisch ernst zu meinen. Die Wirklichkeit ist für sie tatsächlich ein Jammertal, aus dem sie nur die Literatur erheben kann. / Dirk Knipphals, taz 5.4.
Während des National Poetry Month in den USA wird die San Diego Free Press ein Gedicht des Tages veröffentlichen. Heute Palpar / Touch des mexikanischen Schriftstellers Octavio Paz, dessen 100. Geburtstag am 31.3. begangen wurde. 1990 erhielt er den Literaturnobelpreis.
St. Pölten (OTS/NLK) – Erstmals wurde der Lyrik-Preis an Schüler der Landwirtschaftlichen Berufs- und Fachschulen NÖ für die kreativsten Gedichte vergeben. „Die Preisverleihung ist eine gute Gelegenheit, die Leistungen der Landwirtschaftsschulen noch breiter an die Öffentlichkeit zu tragen“, betonte kürzlich Landesrätin Mag. Barbara Schwarz. „Mit dem Literatur-Bewerb wollen wir die sprachlichen Begabungen und die literarischen Interessen der Jugendlichen auf eine besondere Art und Weise fördern. Dieser Wettbewerb soll jungen Autoren eine Plattform geben und zum Lesen sowie phantasievollen Schreiben motivieren“, betonte Schwarz. Insgesamt nahmen rund 500 Schüler mit ihren Gedichten am Wettbewerb teil, was das große Interesse am kreativen Schreiben zeigt. / APA.OTS
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Considering that I’m a dog lover, I haven’t included nearly enough dog poems in this column. My own dog, Howard, now in his dotage, has never learned a trick of any kind, nor learned to behave, so I admire Karla Huston for having the patience to teach her dog something. Huston lives in Wisconsin.
Sway
The cruelest thing I did to my dog
wasn’t to ignore his barking for water
when his tongue hung like a deflated balloon
or to disregard his chronic need for a belly rub
but to teach him to shake hands,
a trick that took weeks of treats, his dark eyes
like Greek olives, moist with desire.
I made him sit, another injustice,
and allowed him to want the nuggets enough
to please me. Shake, I said. Shake?
touching the back of his right leg
until he lifted it, his saliva trickling
from soft jowls, my hand wet with his hunger.
Mistress of the biscuit, I ruffled his ears
and said good dog until he got it. Before long,
he raised his paw, shook me until he got
the treat, the rub, the water in a chilled silver bowl,
the wilderness in him gone, his eyes still lit with longing.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Karla Huston from her most recent book of poems, A Theory of Lipstick, Main Street Rag Publishing Co., 2013. Poem reprinted by permission of Karla Huston and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
„Völker bunt im Festgezelt*, wird die Glut sie löten?“ So beginnt ein Gedicht des österreichischen Schriftstellers Hugo von Hofmannsthal (1874-1929). Er schrieb es kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Der Titel des Gedichts ist zugleich der Titel der Ausstellung, die vom 9. April bis 3. Juni im Frankfurter Goethehaus zu sehen ist. „Österreichs Antwort – Hugo von Hofmannsthal im Ersten Weltkrieg“ ist die Ausstellung überschrieben und verquickt Hofmannsthals Biografie und die politischen Ereignisse vor 100 Jahren. / Schwäbische
*) Schreibt eine dpa-Meldung. In Hofmannsthals Gedicht steht allerdings etwas andres (was es zwar auch nicht rettet):
Österreichs Antwort
»Völker bunt im Feldgezelt,
Wird die Glut sie löten?
Östreich, Erdreich vieler Art,
Trotzest du den Nöten?«
Antwort gibt im Felde dort,
Faust, die festgeballte,
Antwort dir gibt nur ein Wort:
Jenes Gott erhalte!
Unsern Kindern eint uns dies,
Wie’s uns eint den Vätern,
Einet heut die Kämpferschar
Hier mit uns, den Betern.
Berge sind ein schwacher Wall,
Haben Kluft und Spalte:
Brust an Brust und Volk bei Volk
Schallt es: Gott erhalte!
Helden sind wie Kinder schlicht,
Kinder werden Helden,
Worte nicht und kein Gedicht
Könnens je vermelden.
Ungeheueres umfaßt
Heut dies heilig Alte,
Und so dringts zum Himmel auf:
Unser Gott erhalte!
Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke. Erste Reihe in drei Bänden, Band 1, Berlin 1924.
Remember Nadia Anjuman? Poetry is still inextricably linked with death for the women of Afghanistan. In Eliza Griswold’s article for the Pulitzer Center on Crisis Reporting, “Why Afghan Women Risk Death to Write Poetry,” we learn the heartbreaking story of a more recent martyr to poetry: Zarmina, whose secret phone calls from her rural village to read poems to Mirman Baheer, the Afghan women’s literary society based in Kabul, were a soul lifeline. She said to her phone-pals in the city, “You are the luckiest people since you can meet with your friends openly…. You can learn from your mistakes and write better poems.” But after she was caught reading love poems on the phone line (and the assumption is apparently always that there is a man on the other end of the line, hence an illicit affair), her brothers beat her and destroyed her notebooks, and two weeks later Zarmina committed suicide by self-immolation. Now Ogai Amail, who answers the secret phone calls in Kabul, takes care to “note down everything—the dates of the poems, the phone numbers, every single thing…”
Arising out of the suppression of women’s voices is an anonymous form of folk poetry, the landai, often heard at gatherings of Mirman Baheer. “Landai means ‘short, poisonous snake’ in Pashto, a language spoken on both sides of the Afghanistan-Pakistan border. The word also refers to two-line folk poems that can be just as lethal. Funny, sexy, raging, tragic, landai are safe because they are collective. No single person writes a landai; a woman repeats one, shares one. It is hers and not hers. Although men do recite them, almost all are cast in the voices of women.” We understand that Eliza Griswold is working with the women of Mirman Baheer “to translate the landai of Afghanistan’s leading poets, which no one has done since Songs of Love and War: Afghan Women’s Poetry, edited by Sayd Majrouh, who was assassinated in Peshawar in 1988”—and we say Bravo! to that effort. / Bob Holman & Margery Snyder, about.com May 3, 2012
Eliza Griswold and Seamus Murphy have made a book that is necessary reading for anyone who has ever made assumptions from a distance about what a burka-wearing woman might be like, and for anyone who cannot fathom how poetry could get you killed. In other words, this book is a must-read for every U.S. citizen.
I am the Beggar of the World is a book of poems, war reportage, and photographs. It presents and comments on a set of folk poems—“landays” (pronounced “LAND-ees”)—in translation from the Pashto, and it describes the current and historical contexts of these poems’ production, with a special emphasis on detailed anecdotes drawn from Griswold’s and Murphy’s encounters with their Afghani informants and subjects.
A landay is a two-line poem. Its opening line has nine syllables, its closing line has 13, and a landay ends with one of two sounds: “–ma” or “–na.” Landays may be read, but true to their roots in oral tradition, they are frequently sung, sometimes with a drum for accompaniment. Bouts of landays may be a formal part of a family gathering or may emerge more spontaneously as an adjunct to collective labor.
Following a brief introduction to the work that led to the book, I Am the Beggar of the World is divided into three sections—“Love,” “Grief Separation,” “War Homeland”—followed by a brief epilogue. A typical few pages of the book comprises a photograph or three and then a poem or set of poems followed by a brief prose explanation, or anecdote, and or commentary, as below, for example. Facing a photograph of a camo-clad U.S. soldier against backdrop of supplies air-dropped onto rugged hilly terrain, Griswold offers two poems:
My lover is fair as an American soldier can be.
To him I looked dark as a Talib, so he martyred me.
•
Because my love’s American,
Blisters blossom on my heart.
The first landay used to be sung: “My lover is fair as a British soldier …,” referring to the British occupiers of the 19 century. The word Angrez, English, remains shorthand for any foreigner. Slowly, the word “American” is taking its place. Now foreign soldiers—Spanish, British, Italian—are called American. The joke here is one of miscomprehension. The outsider doesn’t even recognize his own lover, so he kills her as an enemy. She is martyred, given a holy death, in error.
In the second landay, “American” has replaced “liar.”
The world changes, but the embedded cultural form continues to be useful, even by those who have traditionally been excluded from using the form. / thedailybeast
unaufhörlich schleudern die drei Zeiger der Winduhr ihre Sekunden ins flache Umland
Hansjürgen Bulkowski
Als Kind überlebte er den Holocaust, den Erwachsenen ließ das Thema nie los: Der österreichische Essayist, Romanautor, Lyriker und Regisseur Robert Schindel feiert am heutigen Freitag seinen 70. Geburtstag. Erst vor Kurzem, am 28. März, war der Autor, bekannt durch seine Gedichte, aber vor allem durch seine Romane Gebürtig und Der Kalte, in Berlin mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet worden. / Ayala Goldmann, Jüdische Allgemeine
Zu diesem Zeitpunkt hat Petra Morsbach schon eine Episode aus ihrem neuen Roman „Dichterliebe“ gelesen – und das gespannte Publikum weiß schon, dass sie selbst es war, die wie die weibliche Hauptfigur Sidonie während eines Stipendienaufenthalts in einem Literaturhaus auf eine Truppe vormaliger DDR-Lyriker stieß. Diese beklagen jetzt, ein paar Jahre nach der Wende, allesamt wortreich ihr Schicksal.
Nicht nur, weil sie ihre Nischengesellschafts-Themen verloren haben, sondern auch, weil ihre durch den vormaligen Schriftstellerverband gesicherte Existenz flöten ging. Und: Petra Morsbach hat auch schon erzählt, dass sie den Protagonisten ihres Romans, dass sie die Figur des Henry Steiger, einem real existierenden Vorbild nachmodelliert habe. Und dass sie dabei, wie in einem Kaleidoskop oder einem Puzzle, Fakten und Fiktion miteinander verwirbelt habe. Während Thomas Geiger also ihre Bitte um Denkpause noch mit einem ironischen „Pardon“ repliziert, da antwortet die Autorin schon: Dass das einzige Kriterium, das sie für sich gelten ließe, sei: Ob das, was sie zu erzählen habe, interessant ist. Und zwar: Ob sie selbst sich dafür interessiere, was sie da aufzuschreiben habe. Und dass sie natürlich ungeheuer viel gelesen und zusammengetragen habe. Und dass sie natürlich als Epikerin einen großen Abstand empfinde, wenn sie über Lyriker schreibe. Aber: Ihr Ziel sei es gewesen, der untergegangenen DDR-Lyrik ein Denkmal zu errichten.
(…) Denn tatsächlich hat Petra Morsbach, die im vergangenen Herbst mit dem Jean-Paul-Preis des Freistaats Bayern ausgezeichnet wurde, der Lyrik des vor einem Vierteljahrhundert untergegangenen Landes, die von ihr als so „existenziell“ empfunden wird (im Gegensatz zur „artistischen“ Poesie der alten Bundesrepublik) ein Monument errichtet. / Peter Geiger, Oberpfalznetz
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