Ulrike Draesner
lahmendes ghasel
gar nichts
sagte jemand sei besser als nichts
wenn es weh tat weil eine reise nichts
bedeutet wenn sie einem nichts
ausmacht weil ich nichts
sah bis ich begriff dass ich nichts
(heimweh?) begriff nicht so
dass schleier mir nichts
mehr verbargen denn wer nichts
weiß sucht nichts
zu umarmen nicht
einmal als im spiegelnden „sichtn"
einer boîte de rêves die wie von nichts
silbergetrieben sich öffnete mir nichts
dir nichts
märchen lagen die sagten dass ich nichts
verstand und nun nichts
sage als im besten falle gar nichts
Aus: Ulrike Draesner, berührte orte. München: Luchterhand, 2008, S. 15
Fridolin Ganter
Die Seele sandt ich aus
Die Seele sandt ich aus, im Unsichtbaren
Ein Wort vom andern Leben zu entziffern;
Sie kehrte um und sprach: „Ich hab erfahren,
Dass in dir selbst sich Höll und Himmel paaren,
Wie sich die Hur im Hafen paart mit Schiffern."
Aus: GAF. Der GAlaktische Futurist Nr. 54, 7.6.2024, S. 9
Mehr über den Autor im Lyrikwiki
Ein Lied aus der Französischen Revolution, das 150 Jahre später in der DDR hochbrisant war und zwei junge Lyriker, Volker Braun und Wolf Biermann, zu eigenen, aktualisierten Versionen anregte. (Aber der Stoff war allzeit aktuell, vergleiche auch Shakespeares 66. Sonett!)
Pierre-Jean de Béranger
(* 19. August 1780 in Paris; † 16. Juli 1857 ebenda)
SO WIRD ES SEIN
Weise: 0 filii et filiac
Ihr fragt, wie’s mit uns weitergeht?
Ich weiß, was kommt, ich bin Prophet.
Mein Blick dringt in die Zukunft ein,
So wird es sein.
Kein Dichterling kriecht mehr im Dreck,
Der Mächtige jagt den Schmeichler weg,
Kein Höfling lügt mehr hundsgemein.
So wird es sein.
Kein Spieler wird, kein Spekulant,
Kein Wuchrer „edler Herr“ genannt,
Kein Bürokrat wagt mehr zu schrei’n.
So wird es sein.
Die Freundschaft stärkt den Lebensmut,
Ist mehr als frostiger Disput,
Läßt uns im Unglück nicht allein.
So wird es sein.
Nett sind die Mädchen und gescheit,
Gehn mit den Liebsten nicht zu weit,
Bis sie mit achtzehn Jahren frei’n.
So wird es sein.
Die Frau’n sind nicht auf Putz erpicht
Und hörnen ihre Männer nicht,
Läßt man sie mal zu Haus allein.
So wird es sein.
Kein Zensor preist als wahre Kunst
Statt Schöpfergeist nur Phrasendunst,
Nur Kauderwelsch und Flunkerein.
So wird es sein.
Wer Dramen schreibt, tut’s frei und kühn,
Den Hut die Mimen vor ihm ziehn,
Kein Rezensent mischt frech sich drein.
So wird es sein.
Wer lächelnd Größen kritisiert
Und ihren Klüngel parodiert,
Den sperrt der Büttel nicht gleich ein.
So wird es sein.
Geschmack fegt fort, was fade heut,
Statt Willkür herrscht Gerechtigkeit,
Wahrheit kehrt wieder bei uns ein.
So wird es sein.
Lobt Gott, der gnädig hält bereit,
All das, was ich hier prophezeit.
Im Jahr dreitausend – prägt’s euch ein
Wird es so sein!
Deutsch von Martin Remane, aus: Lieb war der König, oh-la-la! Satirische und patriotische Chansons von Pierre-Jean de Béranger. Berlin (Ost): Rütten & Loening, 1959, S. 50-53
AINSI SOIT-IL
1812
Air : Alleluia (Air noté ♫)
Je suis devin, mes chers amis ;
L’avenir qui nous est promis
Se découvre à mon art subtil.
Ainsi soit-il !
Plus de poëte adulateur ;
Le puissant craindra le flatteur ;
Nul courtisan ne sera vil.
Ainsi soit-il !
Plus d’usuriers, plus de joueurs,
De petits banquiers grands seigneurs,
Et pas un commis incivil.
Ainsi soit-il !
L’amitié, charme de nos jours,
Ne sera plus un froid discours
Dont l’infortune rompt le fil.
Ainsi soit-il !
La fille, novice à quinze ans,
À dix-huit avec ses amants
N’exercera que son babil.
Ainsi soit-il !
Femme fuira les vains atours,
Et son mari pendant huit jours
Pourra s’absenter sans péril.
Ainsi soit-il !
L’on montrera dans chaque écrit
Plus de génie et moins d’esprit,
Laissant tout jargon puéril.
Ainsi soit-il !
L’auteur aura plus de fierté,
L’acteur moins de fatuité ;
Le critique sera civil.
Ainsi soit-il !
On rira des erreurs des grands,
On chansonnera leurs agents,
Sans voir arriver l’alguazil.
Ainsi soit-il !
En France enfin renaît le goût ;
La justice règne partout,
Et la vérité sort d’exil.
Ainsi soit-il !
Or, mes amis, bénissons Dieu,
Qui met chaque chose en son lieu :
Celles-ci sont pour l’an trois mil.
Ainsi soit-il !
https://fr.wikisource.org/wiki/Œuvres_complètes_de_Béranger/Ainsi_soit-il

Bertolt Brecht (* 10. Februar 1898 in Augsburg; † 14. August 1956 in Berlin)
Großer Dankchoral
1
Lobet die Nacht und die Finsternis, die euch umfangen!
Kommet zuhauf
schaut in den Himmel hinauf:
Schon ist der Tag euch vergangen.
2
Lobet das Gras und die Tiere, die neben euch leben und sterben!
Sehet, wie ihr
lebet das Gras und das Tier
und es muß auch mit euch sterben.
3
Lobet den Baum, der aus Aas aufwächst jauchzend zum Himmel!
Lobet das Aas
lobet den Baum, der es fraß
aber auch lobet den Himmel.
4
Lobet von Herzen das schlechte Gedächtnis des Himmels!
Und daß er nicht
weiß euren Nam' noch Gesicht
niemand weiß, daß ihr noch da seid.
5
Lobet die Kälte, die Finsternis und das Verderben!
Schauet hinan:
Es kommet nicht auf euch an
und ihr könnt unbesorgt sterben.
Aus: Antianthologie. Gedichte in deutscher Sprache nach der Zahl ihrer Wörter geordnet von Franz Mon und Helmut Heißenbüttel. München: Hanser, 1973, S. 33
Raja Lubinetzki
(* 6. Dezember 1962 in Kropstädt)
HINTER DEN WORTEN zu wohnen,
das sind Reservate für geteilte Stirnen.
Noch immer gehen wir in den Haussocken
der Mütter und Väter spazieren.
Vor und während des Krieges
warn sie unsere verlorene Identität.
Bleibt jeder Grenzüberschritt,
ist dieses nachvollzogene Ritual
einer Abnabelung.
Das nehmen die Mütter übel
und wollen das Kind
wie eine Enttäuschung nicht mehr.
Und die Mütter sind dieses Land,
in dem man geboren wurde,
auf der Stirn ihr Markenzeichen.
(1988)
Aus: Raja Lubinetzki: Der barfußne Tag. Gedichte. Mit Zeichnungen der Autorin. Berlin: Distillery, 2019, S. 4

Rolf Bossert
(* 16. Dezember 1952 in Reșița, Banater Bergland, Volksrepublik Rumänien; † 17. Februar 1986 in Frankfurt am Main)
Lied
Wohin mich mein Weg heute führt:
Ich weiß es am Morgen noch nicht.
Am Abend dann, peinlich berührt:
Auf der Milchstraße wieder kein Licht!
Verbotsschilder sprechen für sich.
Und dennoch: Ich pfeif aufs Verbot!
Im Sternenwald füttere ich
Den Großen Bären mit Brot.
So treib ichs seit einiger Zeit.
Dem Herrgott begegne ich kaum,
Ein paarmal nur seh ich ihn weit
Verloren im krummen Raum.
Langsam kommt dann die Müdigkeit auf:
Ich habe das Trampen verlernt.
Ich schlage mein Himmelszelt auf,
Einen Steinwurf vom Weltall entfernt.
Aus: Rolf Bossert, Ich steh auf den Treppen des Winds. Gesammelte Gedichte 1972-1985. Hrsg. Gerhardt Csejka. Frankfurt/Main: Schöffling, 2006, S. 155
Bossert beantragte im Juli 1984 mit seiner Familie die endgültige Ausreise nach Deutschland. Bossert verlor in der Folge seinen Arbeitsplatz und erhielt Publikationsverbot. Nach einer abendlichen Dichterlesung wurde er niedergeschlagen, wobei ihm der Kiefer gebrochen wurde. Die Rumänische Miliz entschuldigte sich bei Bossert. Im August 1984 wurde Rolf Bossert vom rumänischen Geheimdienst Securitate verhört und gezwungen, ein „Verwarnungsprotokoll“ zu unterschreiben, das ihn unter den Verdacht stellte, mit seinen Texten eine staatsfeindliche Haltung zu propagieren.
Weihnachten 1985 konnte er mit seiner Frau Gudrun und seinen zwei Söhnen nach Deutschland ausreisen, jedoch durchsuchten Sicherheitsbeamte vor Bosserts Ausreise seine Wohnung und beschlagnahmten sämtliche Manuskripte und Arbeitsunterlagen. Zwei Monate nach seiner Ausreise wurde Rolf Bossert in einem Aussiedlerheim in Frankfurt am Main leblos unter seinem geöffneten Zimmerfenster aufgefunden. Die Umstände seines Todes blieben weitgehend ungeklärt. https://de.wikipedia.org/wiki/Rolf_Bossert
GAF. Der GAlaktische Futurist heißt ein mehrsprachiges Literaturmagazin, das Ilia Kitup in Berlin herausgibt und verkauft, manchmal auch verschenkt. Am vergangenen Sonnabend hatte der Verleger einen Tisch auf der Veranstaltung „Bücher ohne Messe“ in bzw. vor der Hufelandstraße 35. Er las auch selber ein paar Gedichte, bevor er wieder zu seinem Büchertisch eilte, was sein Autor Alistair Noon kommentierte, sein Verleger türme, wenn er lese. Im letzten November erschien Nr. 50, The 12th War Issue steht auf dem Titelblatt. Das Heft enthält auf 16 Seiten Texte auf Englisch, Deutsch und Arabisch von Artur Rockzane, Salah Yousif, Jordan Lee Schnee, Sparrow, Clemens Schittko, Anatolij Gavrilov und anderen sowie einen Index der ersten 50 Hefte. Aus dem Heft ein Gedicht von Sparrow, seit Jahren Stammautor von GAF.
Sparrow
All the Poets
We need all the poets,
everywhere.
If only „good poets" wrote,
the world would end.
We need „bad poets,"
to balance them.
GAF. Der GAlaktische Futurist 50, 2023, S. 7
Alle Dichter
Wir brauchen alle Dichter,
überall.
Die Welt ginge unter,
schrieben nur "gute Dichter".
Wir brauchen "schlechte Dichter"
als Gegengewicht.
(Übersetzung von mir)

Propeller Publishers, Berlin. Bestellungen unter mailto:ilia.kitup@gmail.com.
Kai Pohl
Der Dreck
Kaffeeflecke gehn mit Rotwein raus
Rotweinflecke mit Blut
Blutflecke mit Teer –
Teerflecke
brennst du am besten mit Feuer raus
(wen stören schon die Löcher)
oder du trinkst Rotwein
viel Rotwein
und gehst wenn das Klo verstopft ist
in den Hof
pinkelst in den Müllcontainer
(der im Winter meistens brennt)
und brüllst
dass dich die Sache mächtig
anstinkt
Aus: Kai Pohl, Möwen in Rotwein auf Zen-Sand. PBN Prenzlauer Berg Collection. Falzdichtung drei. EdK Berlin 2020
Peter Rühmkorf
(* 25. Oktober 1929 in Dortmund; † 8. Juni 2008 in Roseburg im Kreis Herzogtum Lauenburg)
Wilhelm von Aquitanien
(Wilhelm der IX., französisch Guilhem IX * 22. Oktober 1071; † 10. Februar 1126, “ bekannt als „der erste Trobador“)
Mein Lied wird um rein nichts sich drehn
Mein Lied wird um rein nichts sich drehn:
Weder um mich noch irgendwen,
Um Liebe nicht noch Jugendwehn,
Noch andern Tand;
Zu Pferd ist und im Schlaf geschehn
Daß ichs erfand.
Weiß von Geburt nicht Stern noch Zeit,
Bin nicht daheim und bin nicht weit,
Verspüre weder Lust noch Leid –
Nichts rührt mich an;
Mich hat die tiefe Nacht gefeit,
Auf Berges Plan.
Ich weiß nicht wach ich oder währt
Mein Schlaf noch, wirds mir nicht erklärt.
Nahzu hat sich mein Herz verzehrt
In tiefer Qual –
Doch ist es keine Maus mir wert,
Bei Sankt Martial!
Bin krank und wohl vom Tod geplagt,
Weiß nur was man mir drüber sagt;
Wo ist der Arzt der mir behagt?
Hab schwere Wahl;
Ob er mich heilt, ob er versagt –
Mir ists egal.
Aus: Peter Rühmkorf: Mein Lesebuch. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1986, S. 283.
Die erste Strophe im Original:
Farai un vers de dreyt nien :
Non er de mi ni d'autra gen,
Non er d'amor ni de joven,
Ni de ren au,
Qu'enans fo trobatzen durmen
Sobre chevau.
Christine Lavant
(* 4. Juli 1915 in Groß-Edling bei St. Stefan im Lavanttal, Kärnten; † 7. Juni 1973 in Wolfsberg)
Mein Schatten kann über Wasser gehen,
wenn Mond oder Sonne nur richtig stehen,
mein Schatten glänzt dann am Scheitel.
Dieses Glänzen ist freilich bloß eitel
und kann nichts erwärmen, nie leibhaftig sein,
doch manchmal verdankt ihm ein einfacher Stein,
daß er silbern erstrahlt vor den andern.
Mein Schatten geht selbständig wandern,
auch oft in der Nacht aus dem untersten Traum,
mich hängt er dann so wie ein Pferd an den Baum
des Schlafes und läßt mir kein Futter.
Ich schreie um Vater und Mutter,
auch um die Geschwister und um den Tod,
doch bringen sie mir weder Zucker noch Brot,
ich höre nur alle von ferne.
Sie reden mir zu durch ein gläsernes Tor
und schließlich kommt doch nur mein Schatten hervor
in Begleitung ertrunkener Sterne.
Erstveröffentlichung in Merkur 10/ 1958, S. 923. Aus: Christine Lavant, Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte. Herausgegeben und mit Nachworten von Doris Moser und Fabjan Hafner unter Mitarbeit von Brigitte Strasser (Werke in vier Bänden, Band 1). Göttingen: Wallstein, 2014, S. 288
Bild: KI
Daniela Boltres
Die Autorin, 1972 in Bukarest geboren, schreibt ihre Gedichte oft zuerst in rumänischer oder siebenbürgisch-sächsischer Sprache und »übersetzt« sie danach ins Deutsche. Anm. d. Red. „Risse“
SIEBENBÜRGISCH-SÄCHSISCHE WELT
IN WORT UND BILD*
Die Glocken läuten.
Ich lernte von Opa,
wo ich sitzen darf.
Beim Herrn Pfarrer,
wo das Dorf im Himmel stand.
Im Garten jätet Oma.
Die Sirenen bellen.
Vater lernte nicht,
wann man nicht mehr arbeiten darf.
In der Schule lernte ich,
dass ich zu lernen und zu lernen hab.
Im Garten jätet Oma.
Der Himmel brennt.
Orange fällt die Wäsche
Mam' in den Schoß.
Im Spital liegt ein Arm voll
Hiroshima** bloß.
Im Garten jätet Oma.
Der Himmel brennt.
Die Sirenen bellen.
Die Glocken läuten.
Im Garten jätet Oma.
*) Übersetzung aus dem Siebenbürgisch-Sächsischen
**) Hiroshima heißt im Volksmund ein Stadtteil in Zeiden/Codlea in Siebenbürgen in Rumänien, in dem ein Chemiebetrieb seine Abwässer ungefiltert in den Fluss einleitete.
Das siebenbürgisch-sächsische Original:
SAKSESCH WORELT A WOERT OCH BELD
De gleuken leeden.
M'am ota hun ech geloirt,
wie ech sazen toerf.
m'am har for,
wie det dorf am heemel steut.
De oma kreet am guerten.
De sirenen billen
Der tat huet net geloirt,
wonoi em arbeden toerf.
An der scheil,
dat eaos loend die ouwen stoet.
De oma kreet am guerten.
Der heemel broat.
Orange foalt de waesch
der mam an den scheis
am spideol kit en
orfoll hiroschima un.
De oma kreet am guerten.
Der heemel broat.
De sirenen billen.
De gleuken leeden.
De oma kreet am guerten.
Aus: RISSE. ZEITSCHRIFT FÜR LITERATUR IN MECKLENBURG UND VORPOMMERN, NR. 23 | HERBST 2009, S. 26-28
Urs Engeler
nicht nichts
1
als ob
es eine andere geben würde mit
andern Menschen
und
andern Gegenständen
die nicht mehr anders sind sondern
genau
so
:
Aus: Urs Engeler, nicht nichts. Gedichte 1984-2024. Schupfart, Mai 2024 (Das Versteck 279)
Noch einmal zu Michitsunas Mutter, Fujiwara no Michitsuna no Haha (jap. 藤原道綱母; * 936?, † 2. Juni 995) (siehe hier vor 2 Tagen). Sie schrieb im 10. Jahrhundert ein Tagebuch, „Kagerō nikki“, in dem sie ausführlich die Zerrüttung ihrer Ehe schildert. Ihr Mann war Fujiwara no Kanei (929-990). Er war ein führender Politiker seiner Zeit, sie nennt ihn im Tagebuch „der Prinz“. Ihren Namen kennen wir nicht, man nennt sie behelfsweise nach Ehemann und Sohn: „Fujiwara-Clan Michitsunas Mutter“.
Eine deutsche Übersetzung des Tagebuchs erschien unter dem Titel Kagerô Nikki: Tagebuch einer japanischen Edelfrau ums Jahr 980 bei Niehans, 1955. Diese war mir nicht zugänglich, ich stütze mich auf zwei englische Ausgaben und das Album „36 Dichterinnen des Alten Japan“.

In ihrem Tagebuch schreibt sie:
Mein Haus und mein Garten waren dem Untergang geweiht. Dem Prinzen schien es nicht in den Sinn zu kommen, wie sehr es mich verletzte, dass er kam und ging, ohne mir seine Hilfe anzubieten, ja ohne zu bemerken, dass etwas nicht stimmte. Er sagte, er sei beschäftigt, und vielleicht war er das auch; vielleicht waren seine Pflichten wichtiger als das Unkraut in meinem Garten.
Und so blickte ich auf die Verwüstung, und der achte Monat kam. Eines Tages, als wir es uns zusammen recht gemütlich gemacht hatten, führte eine Reihe von Kleinigkeiten zu heftigen Worten auf beiden Seiten, und er verließ uns in einem Anfall von Wut. Er rief unseren Sohn auf die Veranda und verkündete, dass er nicht mehr kommen wolle. Der Junge kam bitterlich weinend ins Zimmer zurück. Er weigerte sich, meine Fragen zu beantworten, aber ich wusste sehr wohl, was geschehen war, und aus Angst vor den wilden Verdrehungen, die meine Frauen aus der Angelegenheit machen könnten, hörte ich auf, ihn zu befragen, und versuchte stattdessen, ihn zu trösten.
Während einer außergewöhnlich langen Zeitspanne, fünf oder sechs Tage, hatte ich nicht einmal eine Nachricht vom Prinzen. Ich war verärgert und fassungslos: Dass er so auf etwas reagierte, was für mich nur ein Scherz zu sein schien, zeigte deutlich die Instabilität unserer Beziehung.
In der Tat könnte eine solche Lappalie zum endgültigen Bruch führen. Während ich über diese Möglichkeit nachdachte, stieß ich auf eine Schale mit Wasser, mit der er sich am Tag des Streits die Haare gewaschen hatte. Sie war mit einer Staubschicht bedeckt und verdeutlichte mit schmerzlicher Klarheit die Wendung, die wir genommen hatten.
Ein Vers formte sich in meinem Kopf:
„Ist alles zu Ende? Gäbe es ein Spiegelbild, könnte ich es fragen, aber selbst der Wasserspiegel, den er hinterlassen hat, hat sich getrübt.“
Schließlich erschien er, aber unser Gespräch war so unangenehm wie zuvor. Es schien keine Erleichterung von der Düsternis zu geben, die zum vorherrschenden Ton in meinem Leben geworden war.
Das Gedicht ist ein Waka oder Tanka, es besteht im Original aus 31 Silben. 31 Silben (Tanka) oder 17 Silben (Haiku) sind eine feste Größe in der japanischen Lyrik. Vor über 1000 Jahren berichtete ein Dichter (Tsurayuki) über ein Festival, bei dem ein Dichter ein Gedicht mit 37 Silben vortrug und die Zuschauer, gewöhnt an den Rhythmus der 31 Silben, brachen in schallendes Gelächter aus.
Für die Verfasser aber scheint die Zahl 36 bedeutsam zu sein. In jener klassischen Zeit der japanischen Lyrik entstand aus einem Streit zwischen zwei führenden Literaturkritikern, welcher der bedeutendere von zwei Dichtern war, die Veranstaltung von imaginären „Dichterwettstreiten“, bei denen je 18 alte und 18 neue Dichter jeweils gegeneinandergestellt und beurteilt wurden. Daraus entstand eine Sammlung von 36 unsterblichen Dichtern und Dichterinnen und nach deren Vorbild auch eine von 36 unsterblichen Dichterinnen. Michitsunas Mutter ist in beiden vertreten. (Hinzu kommt, dass von der Dichterin 36 Gedichte überliefert sind.) Entnommen habe ich ihr Gedicht jenem Album von 1801, das die 36 Gedichte in Kalligrafien von 36 Schülerinnen einer Kalligrafieschule präsentiert. Der amerikanische Herausgeber, der 1991 das Exemplar der New York Public Library in bibliophiler Aufmachung nachdruckte (deutsche Ausgabe bei DuMont 1992) schreibt über dieses Gedicht:
Michitsuna no haha (ca. 936-995), »Mutter von (Fujiwara) Michitsuna«, war eine der herausragendsten Schriftstellerinnen der Heian-Epoche. Sie ist die Verfasserin des Kagerō nikki, einer literarischen Autobiographie, die die Zeitspanne von 945 bis 974 umfaßt und bis ins einzelne die zunehmende Entfremdung von ihrem Ehemann Fujiwara no Kaneie (929-990), einer führenden politischen Gestalt jener Zeit, beschreibt. Sie stand auch als Lyrikerin in hohem Ansehen. Sechsunddreißig ihrer Gedichte finden sich in kaiserlichen Anthologien.
Das vorliegende Gedicht ist im Kagerō nikki und im Liebeslyrik-Teil des Shinkokin wakashū enthalten, wo es die Überschrift trägt: »Einst, als der Kanzler im Ruhestand (Kaneie) ihr lange Zeit keinen Besuch abgestattet hatte, kämmte sie ihr Haar und nahm eine Schale, um es naß zu machen. Sie schrieb dieses Gedicht über den Anblick der mit Wasser gefüllten Schale.«
Diese Begebenheit ist im Kagerō nikki ausführlich beschrieben: Kaneie war gekommen, um den Tag mit ihr zu verbringen, nachdem sie sich eine Zeitlang beiläufig unterhalten hatten, begann sie, sein Verhalten zu kritisieren. Kaneie war verletzt und stolzierte von dannen, wobei er nie wieder zurückzukehren versprach. Nach fünf oder sechs Tagen schlich sich bei ihr die Befürchtung ein, er könne es ernst gemeint haben. Sie bemerkte, daß die Schale mit Reiswasser, die er an dem Tag, als er sie verlassen hatte, zum Richten seines Haars benutzt hatte, noch in dem Raum stand; auf der Wasseroberfläche hatte sich mittlerweile eine dünne Staubschicht angesammelt. Mit einem Mal erkannte sie mit Bestürzung, wie lange es schon her war, seit er sie zuletzt besucht hatte, und sie verfaßte dieses Gedicht. An eben diesem Tag kehrte er zurück und benahm sich, als sei nichts vorgefallen.
Die Wasserschale wird als Symbol häuslicher Eintracht verwendet, denn das Herrichten des Haars, indem man es mit Reiswasser durchkämmte, war eine äußerst intime Verrichtung, zu der man nur eine persönliche Dienerin und die engsten Familienangehörigen zuließ. Hier muß die Dichterin die Launen ihres Mannes über sich ergehen lassen: Wenn sie sich darüber beschwert, daß er sie vernachlässigt, bestraft er sie durch noch größere Vernachlässigung.
Das vorliegende Gedicht zeichnet sich durch Bündigkeit, bedeutungsreiche Schlüsselwörter und effektverstärkende Konnotationen aus. Mit dem ersten Wort, tae, bezeichnet man zum Beispiel sowohl den Tod von Lebewesen als auch das Ende einer Beziehung, während die letzte Zeile, mikusa inikeri, »die Wassergräser sind wuchernd gewachsen«, ein aus Nachlässigkeit entstandenes wucherndes Wachstum impliziert.
Das Traurigkeit evozierende Bild wild wuchernder Wasserpflanzen kann zurückverfolgt werden bis zu dem folgenden Gedicht von Yamabe no Akahito (8. Jh.), der, angeregt durch den verfallenen Garten eines einst berühmten Aristokraten, schrieb:
inishie no
furuki tokoro wa
toshi fukami
ike no nagisa ni
mikusa oinikeri
Der tiefe Abgrund
der Jahre! Des Altertums
Schwere drückt den Ort,
und ganz überwuchert ist
das Uferrund des Teiches.
Hier die Kalligrafie von Michitsuna no hahas Gedicht.

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode. 9. bis 13. Jahrhundert. Ein Album mit Illustrationen von Chōbunsai Eishi. Einführung, Kommentare und Übersetzungen von Andrew J. Pekarik. Aus dem Japanischen und Amerikanischen von Peter Pörtner. Köln: DuMont Buchverlag. In Zusammenarbeit mit der New York Public Library, 1991, Block 6L.
Ich habe noch zwei jeweils abweichende Textfassungen aus englischen Quellen:
taenuru ka
kage dani araba
tofu beki wo
katami no midzu ha
mikusawi ni keri
Is this the end?
I would ask your reflection
if it were there, but
on the water left behind as a
memento, a film has formed.
Aus: The Kagero Diary. A Woman’s Autobiographical Text from Tenth-Century Japan. Translated with an Introduction and Notes by Sonja Arntzen. Center for Japanese Studies The University of Michigan Ann Arbor, 1997, S. 135
1239
Composed when the Lay Monk and Regent had not come to visit for some time
as she saw that the bowl he used when dressing his hair still had water in it
taenuru ka
kage dani mieba
tofu beki wo
katami no midzu ha
mikusa winikeri
is it over now
were there but a reflection
in these waters you
left I might inquire but they
are now overgrown with weeds
Mother of Michitsuna, Major Captain of the Right Gate Guards
The Lay Monk and Regent was Fujiwara no Kaneie, father of Michitsuna.
Aus: Shinkokinshū. New Collection of Poems Ancient and Modern. Translated and introduced by Laurel Rasplica Rodd. LEIDEN | BOSTON: Brill, 2015
Heute vor 100 Jahren starb Franz Kafka. Ich habe zum Anlass eins der wenigen Gedichte des Autors ausgesucht. Er legte es einem Brief an Hedwig W. vom 29. August 1907 bei. Er schreibt:
Übrigens habe ich keine Geselligkeit, keine Zerstreuung; die Abende über bin ich im kleinen Balkon über dem Fluß, ich lese nicht einmal die Arbeiterzeitung und ich bin kein guter Mensch. Vor Jahren habe ich einmal dieses Gedicht geschrieben.
In der abendlichen Sonne
sitzen wir gebeugten Rückens
auf den Bänken in dem Grünen.
Unsere Arme hängen nieder,
unsere Augen blinzeln traurig.
Und die Menschen gehn in Kleidern
schwankend auf dem Kies spazieren
unter diesem großen Himmel,
der von Hügeln in der Ferne
sich zu fernen Hügeln breitet.
Und so habe ich nicht einmal jenes Interesse an den Menschen, welches Du verlangst.
Du siehst, ich bin ein lächerlicher Mensch; wenn Du mich ein wenig lieb hast, so ist es Erbarmen, mein Anteil ist die Furcht. Wie wenig nützt die Begegnung im Brief, es ist wie ein Plätschern am Ufer, zweier durch eine See Getrennter. Über die vielen Abhänge aller Buchstaben ist die Feder geglitten und es ist zu Ende, es ist kühl und ich muß in mein leeres Bett.
Dein Franz
Aus: Franz Kafka: Die Briefe. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2005, S. 36
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