Neues bei Lyrikwiki. Das Projekt speist sich momentan hauptsächlich aus zwei Quellen – aus Studentenarbeiten zusammengestellten Bibliographien (in jüngster Zeit u.a. Oskar Pastior, Richard Pietraß, Kurt Tucholsky, Guillaume Apollinaire) und Exzerpten meiner Lektüre, wie dies:
Die letzte Epoche des klassischen Japan und eine Blütezeit der japanischen Kultur, etwa 400 Jahre vom Beginn des 9. bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts (794–1185, auch 794–1192 oder wie bei Ooka Makoto bis Anfang des 13. Jahrhunderts). Benannt nach der damaligen Hauptstadt Heian-kyō (heute Kyoto). Heian (平安) bedeutet im Japanischen Frieden. Während das Kaiserhaus die Macht repräsentierte, übte der Fujiwaraclan, der sich vielfach ins Kaiserhaus einheiratete, die eigentliche Macht aus. In diese Zeit fällt auch der Aufstieg der Samurai. Kulturell ist die Zeit von einer Tendenz nach innen, aber auch von starkem koreanischen Einfluß geprägt (Buddhismus, Taoismus u.a.).
In dieser Zeit emanzipiert sich Japan vom Einfluß der chinesischen Kultur. Bedeutende Dichter sind Sugawara no Michizane, Ki no Tsurayuki und Izumi Shikibu. Die Entwicklung der japanischen Kultur in dieser Zeit ist eng mit der Entwicklung der Sprache und Schrift verbunden. Während Sugawara no Michizane noch ausschließlich das Kanbun pflegte – eine Gelehrtensprache, vergleichbar dem Latein im mittelalterlichen Europa, die „mit dem gesprochenen Japanisch nicht den geringsten Zusammenhang hat“ [1] und die mit chinesischen Schriftzeichen aufgeschrieben wurde, entwickelten sich aus den – nur von den Männern gebrauchten – chinesischen Ideogrammen neue vereinfachte Zeichen, die Kana, die auch von Frauen benutzt wurden. [2] Die Kana unterteilen sich in zwei Schriftsysteme, Hiragana und Katakana, wobei das erstere zunächst von Frauen und das zweite von Männern gebraucht wurde. Sie entstanden durch extreme Vereinfachung der chinesischen Schriftzeichen, vor allem aber sind es nun reine Silbenzeichen. Dadurch wird es möglich, die gesprochene Sprache aufzuzeichnen, und das hat Auswirkungen auf den Gattungscharakter der Literatur. An die Stelle der Kanshi, Gedichte in chinesischem Stil und streng den chinesischen Normen verpflichtet, treten die Waka, Gedichte in rein japanischem Stil, die laut vorgelesen und in der Silbenschrift Hiragana notiert wurden. Diese Gedichtform herrschte in der japanischen Lyrik fast ein Jahrtausend bis zur Modernisierung im 19. Jahrhundert vor und ist bis heute in modernisierter Form als Tanka und Haiku verbreitet. „Die zwei Silbenschriften führten in der Heian-Literatur zum Aufblühen eines goldenen Zeitalters.“ [3]
Mit der Silbenschrift und den Waka eng verbunden ist der Aufstieg der Frauen zu einer die Kultur prägenden Rolle. Während die Männer für eine Beamtenlaufbahn die chinesische Sprache und Schrift beherrschen mußten, waren den Frauen die bis dahin die mündlich verbreiteten Waka zugänglich, die nun aufgezeichnet wurden. Innerhalb des Regenten- und Großkanzlersystems spielten zahlreiche Nebenfrauen und Hofdamen eine bedeutende Rolle, die durch die neue Silbenschrift auch auf die Kultur übergriff. Der Kaiser Uda (867 – 931, Kaiser von 887 – 897) und sein Sohn Daigo (885 – 930, Kaiser von 897 – 930) waren Wegbereiter dieser kulturellen Neuorientierung. [4] S. 41 Uda hatte offiziell 14 Nebenfrauen, die aus vornehmen Familien stammten, viele aus dem Fujiwaraclan. Mindestens 3 von ihnen waren Dichterinnen, darunter Ise (875/7 – ca. 939). Uda schätzte und protegierte den Dichter Sugawara no Michizane als Kanshi-Dichter und Konfuziusspezialisten, aber er war auch ein Liebhaber der japanischen Wakadichtung. Weil die kaiserlichen Frauen hohen Rang hatten, verbreiteten sich von ihnen gepflegte kulturelle Werte wie die Wakadichtung und sogar die zunächst als „Frauenhand“ bezeichnete Silbenschrift Hiragana, die auch von Männern erlernt wurde. Galt zuvor die Wakadichtung als bloß privates Mittel zum Austausch von Liebesgeständnissen [5], rückte sie plötzlich ins Zentrum der japanischen Kultur. Der Kaiser selbst beauftragte den Dichter Ki no Tsurayuki und drei Adlige niederen Ranges mit der Zusammenstellung der ersten Wakaanthologie, Kokin Wakashū (Sammlung alter und neuer Waka), die um das Jahr 905 abgeschlossen wurde. Darin drückt sich auch ein „Wandel einer von der hohen Aristokratie getragenen Kultur zu einer aus dem mittleren Adelsstand gewachsenen Kultur“ [6] aus.
„Das Besondere dieser Epoche liegt darin, daß die literarische Kreativität von Frauen das Goldene Zeitalter begründet.“ [7] Berühmte Autorinnen sind Izumi Shikibu (Lyrik) und Murasaki Shikibu und Sei Shōnagon (Prosa). Diese Frauen lebten zwischen Ende des 10. und Anfang des 11. Jahrhunderts als Hofdamen im kaiserlichen Palast. Ihre Werke werden bis heute gelesen und wurden in Fremdsprachen übersetzt. Allerdings können nur wenige Japaner sie heute in der Originalgestalt lesen, sie müssen in modernes Japanisch übersetzt werden, weil sich die Schriftsprache besonders im 19. Jahrhundert (Phase der Modernisierung während der Meiji-Zeit) radikal vereinfacht hat. [8]
Between 750 BC and 400 BC, the Ancient Greeks composed songs meant to be accompanied by the lyre, reed-pipes, and various percussion instruments. More than 2,000 years later, modern scholars have finally figured out how to reconstruct and perform these songs with (it’s claimed) 100% accuracy.
Writing on the BBC web site, Armand D’Angour, a musician and tutor in classics at Oxford University, notes:
[Ancient Greek] instruments are known from descriptions, paintings and archaeological remains, which allow us to establish the timbres and range of pitches they produced.
And now, new revelations about ancient Greek music have emerged from a few dozen ancient documents inscribed with a vocal notation devised around 450 BC, consisting of alphabetic letters and signs placed above the vowels of the Greek words.
The Greeks had worked out the mathematical ratios of musical intervals – an octave is 2:1, a fifth 3:2, a fourth 4:3, and so on.
The notation gives an accurate indication of relative pitch.
Die iranische Dichterin Simin Behbahani ist heute morgen gestorben. Hier ein Gedicht.
Zitat aus Wikipedia deutsch
Ihr Vater Abbas Chalili war Poet und Herausgeber der Zeitung Eghdām. Er übersetzte große Teile der Schāhnāme ins Arabische. Simin begann ihre ersten Gedichte im Alter von 14 Jahren im neuartigen Stil Tschâr Parreh (vierzeilige Strophen) von Nima Youschidsch. Auch ihre Sammlung an Ghazals (traditionellen Gedichten) ist bemerkenswert.
Erwähnenswert ist auch ihr stetiger Einsatz für die Schriftsteller im Iran und für die Rechte der Frauen. In ihrer Funktion als Vorsitzende des iranischen Schriftstellerverbandes gilt ihr breite Anerkennung im kulturellen Leben des Iran.
She was Iran’s national poet and an icon of the Iranian intelligentsia and literati who affectionately refer to her as the lioness of Iran.[2] She was nominated twice for the Nobel Prize in literature, and has „received many literary accolades around the world.“ …
Simin Behbahani started writing poetry at twelve and published her first poem at the age of fourteen. She used the „Char Pareh“ style of Nima Yooshij and subsequently turned to ghazal. Behbahani contributed to a historic development by adding theatrical subjects and daily events and conversations to poetry using the ghazal style of poetry. She has expanded the range of the traditional Persian verse forms and has produced some of the most significant works of the Persian literature in the 20th century.
Simin Behbahani: A Cup of Sin. Selected Poems. Translated by Farzaneh Milani und Kaveh Safa. Syracuse University Press 1999. 182 S., $ 24.95.
Ihr Werk konzentrierte sich auf die Herausforderungen in Iran nach der islamischen Revolution im Jahr 1979 und auf die Rechte der Frauen. 2009 wurde ihr der Simone-de-Beauvoir-Preis für Frauenrechte verliehen, und zweimal wurde sie für den Literaturnobelpreis nominiert. Behbahanis Gedichte wurden von vielen iranischen Musikern vertont oder dienten als Grundlage für Liebeslieder. (…) Ihr mutiges Engagement brachte ihr den Beinamen «Löwin Irans» ein. / NZZ
Man redet über den deutschen Romanbuchpreis:
Die diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreises wartet mit fünfzehn Männern und fünf Frauen auf. Ein Ungleichgewicht, das sich nahtlos in die Statistik einpasst: In zehn Buchpreisjahren waren jeweils zwischen vier und acht Frauen vertreten. Dass die Anzahl der weiblichen und männlichen Longlistautoren kein einziges Mal auch nur annähernd ausgewogen war, wurde in der (meist männlich dominierten) Berichterstattung selten problematisiert. Jüngst behauptete etwa Literaturkritiker Jörg Magenau, es sei gar „nicht schlimm“, dass so wenige Frauen auf der Liste stünden, da ja die letzten beiden Preise an Frauen gegangen seien (an Ursula Krechel und Terézia Mora).
Das rechtfertigt jedoch keinesfalls den geringen Frauenanteil auf den Longlists, die ein wichtiges und von Verlagen und Autoren sehr ernst genommenes Marketinginstrument sind. / Dana Buchzik, Die Welt
True story: A teenager saw me with Matthea Harvey’s new book of poems as I sat with it in a café and asked if she could look at it. She was the scowly sort, angry tattoo on her shoulder, who I thought was going to ask me if I had a cigarette; not, offhand, the type who maybe cares much about modern American poetry.
I do, though, and if you care about modern American poetry you care about Matthea Harvey. / Daniel Handler, Los Angeles Times
If the Tabloids Are True What Are You?
Poems and Images
Matthea Harvey
Graywolf: 160 pp., $25 paper
Matthea Harvey: Du kennst das auch · Gedichte Englisch-Deutsch. Aus dem amerikanischen Englisch von Uljana Wolf
kookbooks _ Reihe Lyrik _ herausgegeben von Daniela Seel _ Band 18
192 Seiten, mit Zeichnungen von Andreas Töpfer, Klappenbroschur, 19.90 Euro, ISBN 9783937445427
Alois Schöpf, eigenem Bekunden nach „ein durchaus zu Hysterie neigender Hygienefanatiker“, hat gründlich saubergemacht. In einem schmalen Band nennt er Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek eine „gealterte Model-Literatin“, Ernst Jandl ein „Schulmeisterlein“ und Robert Schindel eine „Betriebsnudel“.
Gerhard Rühm würde „als sich selbst musealisierende Mumie“ durch die Lande reisen, Felix Mitterer sei ein „Ausbund an regionaler Unverfrorenheit und zugleich nationalchristlicher Kunstverblödung“, und das „agitatorische Werk“ von Peter Turrini, einem „erfolgreichen Emporkömmling“ und „Kommunisten“, hätte „bestens in den Kanon jener Sowjetliteratur gepasst“, die Solschenizyn und Michail Bulgakow „mit Hohn und Spott übergossen haben“.
(…) Am meisten aber echauffiert er sich über den „Weltenkacker Handke“: Schöpf, ein selbsternannter „Fachmann für Bläser- und Blasmusik“, würde zu gerne wissen, ob der Mann, den er jovial „Peter“ ruft, ein „intaktes Arschloch oder Hämorrhoiden“ hat. / Thomas Trenkler, DER STANDARD, 18.8.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Here’s a fine poem by Heather Allen, a Connecticut poet who pays close attention to what’s right under her feet. It may seem ordinary, but it isn’t.
Grasses
So still at heart,
They respond like water
To the slightest breeze,
Rippling as one body,
And, as one mind,
Bend continually
To listen:
The perfect confidants,
They keep to themselves,
A web of trails and nests,
Burrows and hidden entrances—
Do not reveal
Those camouflaged in stillness
From the circling hawks,
Or crouched and breathless
At the passing of the fox.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©1996 by Heather Allen. Reprinted from Leaving a Shadow, 1996, by permission of Copper Canyon Press, http://www.coppercanyonpress.org. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Christine Lavants Gedichte sind auf einem seltsamen Weg zu mir gelangt. Nie fiel während meines Studiums der neueren deutschen Literatur ihr Name. Es bedurfte eines sehr unpoetischen, ja fast literaturfeindlichen Moments in meiner Biografie, bis sich diese Dichterin bei mir bemerkbar machte. Es war Anfang der Neunzigerjahre. Ich befand mich für drei Wochen in einem obligatorischen Wiederholungskurs der Schweizer Armee. Mit mir diente damals ein Ostschweizer, dessen Mutter aus Kärnten stammte. Schnell erwies sich während unserer Gespräche in den Pausen zwischen den Schießübungen und den mehr sinnlosen als nützlichen anderen militärischen Beschäftigungen, dass dieser junge Mann über eine profunde Kenntnis der Literatur verfügte. Er machte mir eine Autorin wie Clarice Lispector beliebt und rezitierte aus dem Gedächtnis Werke von Trakl – die freilich schon zuvor zu meinem persönlichen Kanon gehört hatten –, aber eben auch Gedichte von Christine Lavant, etwa „Die Bettlerschale“ aus dem gleichnamigen Band. Überraschend und zugleich verstörend in ihrer ganzen Wucht erschienen mir damals diese Texte. Der Zufall wollte es, dass ich wenige Monate später bei einem bouquinier in Fribourg auf eine antiquarische Ausgabe der „Bettlerschale“ aus dem Jahr 1956 stieß. / Daniel Henseler, Fixpoetry
Die Koreanerin Kyung-hwa Choi-Ahoi ist seit Jahren auf Spurensuche in der Alltagswelt. Daraus macht sie Tagebuchzeichnungen und Texte.
(…)
Vor 23 Jahren kam die Koreanerin Kyung-hwa Choi-Ahoi nach Deutschland und schloss in Hamburg ihr Kunststudium ab. Seitdem erkundet sie hier das eigene Leben und das Leben anderer in Form von Tagebuchzeichnungen und einer wachsenden Enzyklopädie von Porträts der Menschen, die ihr am Wegesrand begegnen. (…)
Mit einem Augenzwinkern hat sich die Koreanerin nach einem Spitznamen aus ihrer Studienzeit und zu Ehren ihrer Wahlheimat Hamburg und der damit verbundenen Seemannsromantik „Choi-Ahoi“ genannt. Ihr Studium künstlerischer Techniken von Mediendesign bis Keramik und Bildhauerei begann sie einst in ihrer Heimatstadt Seoul. Schon als Kind verknüpfte sie Zeichnungen mit poetischen Tagebuchnotizen – eine Praxis, die sie bis heute beibehalten hat. Schon als Studentin interessierte sie sich zudem für die deutsche Kultur, war ein Hermann-Hesse-Fan. „Ich habe alle übersetzten Bücher auf Koreanisch gelesen“, sagt sie. Auch die deutsche Sprache gefiel ihr: „Der Klang war eindeutig ganz anders, fließend, weich.“ Mittlerweile schreibt sie ihre lyrisch-erzählerischen Texte, die die Tagebuchzeichnungen begleiten, auf Deutsch. / Belinda Grace Gardner, Die Welt 17.8.
Mehr bei Textem
Schauinsland – je herrlicher die Aussicht umso unsichtbarer drunten die Menschen
Hansjürgen Bulkowski
Für eine breitere öffentliche Wirkung der belarussischen Literatur setzt sich der Leipziger Übersetzer Thomas Weiler mit dem von ihm gegründeten Portal literabel.de ein. Eugen El sprach mit Thomas Weiler über die Besonderheiten der belarussischen Sprache und Literatur sowie über ihren Stellenwert in Deutschland und der Welt.
Der Übersetzer Thomas Weiler im Faust-Gespräch, Auszug:
Der Lyriker Aleś Razanaŭ wäre in meinen Augen jemand, der internationales Renommee verdient hätte. Aber er ist von der stillen, kargen Sorte, was der Aufmerksamkeit nicht eben zuträglich ist. Ketzer würden fragen: Gibt es zeitgenössische belarussische Autoren, die sich national behaupten können?
Was ist für Sie das Besondere an der belarussischen Sprache?
Der Buchstabe ў? Dass sie Wörter wie „rychtyk“ kennt? Dass sie ein schlichtes, wunderbares Wort für den jungen, wieder zunehmenden Mond hat? Dass man in ihr ganze Palindrompoeme schreiben kann? Dass sie über ein Trasjanka-Register verfügt? (Als Trasjanka bezeichnet man eine dem Belarussischen zwar nahe, aber größtenteils auf dem Russischen basierende, im ländlichen Raum verbreitete Umgangssprache – Anm. d. Red.) Besonders ist vielleicht vor allem ihre Situation. Mehrere orthografische Varianten existieren parallel zueinander, neben dem kyrillischen gibt es auch ein lateinisches Alphabet, die Łacinka. Sie wird in Belarus nur von einer Minderheit aktiv verwendet, und ihr haftet immer der Ruch des Oppositionellen an. Vor wenigen Jahren war sie noch als Sprache der Ungebildeten Landbevölkerung verpönt, inzwischen hat sie als die Sprache der kulturellen Eliten deutlich an Attraktivität gewonnen.
Einmal im Monat, jeweils zum 15., finden Leser auf www.bingen.de ein Werk Stefan Georges mit einer kurzen Kommentierung. Den in Bingen geborenen Lyriker auch in seiner Heimatstadt den Menschen näher zu bringen, ist das gemeinsame Anliegen von Bingens Oberbürgermeister Thomas Feser und dem Vorsitzenden der Stefan-George-Gesellschaft, Prof. Wolfgang Braungart. / Allgemeine Zeitung
Mayröcker: Ende 2011 habe ich mir gedacht, dass es schön wäre, wenn ich Proeme schreiben könnte. Der französische Schriftsteller Francis Ponge hat das gemacht. Es ist ein Mittelding zwischen Gedicht und Prosa. Ich habe damit begonnen, und dann wollte ich nicht mehr aufhören, ich hänge so sehr daran, dass sich das Buch mit diesen Proemen fast verzögert hätte. Sie waren immer eine Seite lang. Jeden Tag habe ich eine Seite geschrieben. Ponge mit seinen Prosagedichten hat mich sehr beeinflusst, ich liebe ihn sehr.
Die Welt: Francis Ponge ist der Poet der Dinge. Geht es bei Ihnen auch um die Dinge?
Mayröcker: Ich habe diesen Dichter vor zwanzig Jahren zum ersten Mal gelesen. Er begleitet mich sehr lange schon. Ich lege ihn wieder weg, und dann kommt er wieder. Es gibt in meinen Texten inhaltliche und formale Entsprechungen, aber es sind völlig verrückte Sachen. Es sollte sich das Wahnwitzige zeigen, auf das kommt’s mir besonders an. Das war schon in „Brütt“ so und in meinen letzten Büchern. Es geht um den Wahnwitz der Sprache, der Leser kann einem jetzt schon leidtun. Aber ich bin ganz besessen von diesem Wahnwitz, dass ich vielleicht für die nächsten Jahre dabei bleibe. / Die Welt
Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller und Orientalist, sieht in der Offensive der Gotteskrieger im Nahen Osten eine dem Ersten Weltkrieg vergleichbare Katastrophe und ruft zur vereinten Abwehr auf.
Dass die Weltgemeinschaft – nein, nicht nur die Amerikaner –, den drohenden Genozid an Christen, Jesiden und anderen religiösen Minderheiten verhindern muss, scheint sich in diesen Tagen als ein zivilisatorischer Konsens herauszukristallisieren. Sowohl die amerikanische wie auch die iranische Regierung liefern Waffen an die Kurden, die sich gegen den „Islamischen Staat“ stemmen, und die Erzfeinde unterstützen auch gemeinsam den designierten Premierminister Haider al-Abadi bei seinem Versuch, in Bagdad endlich eine überkonfessionelle Regierung zu bilden.
Die europäische Außenpolitik hat sich überraschend umstandslos aus den Fesseln ihrer notorischen Uneinigkeit befreit, indem sie sich selbst für bedeutungslos erklärte und den nationalen Regierungen freie Hand gab, einzugreifen oder nicht oder nur ein bisschen. In Deutschland sind sich grundverschiedene Politiker wie Gregor Gysi, Cem Özdemir und Elmar Brok einig, dass die Gegner des „Islamischen Staates“ militärische Unterstützung benötigen, wohlgemerkt auch aus Deutschland.
Dabei waren ausgerechnet die Grünen, die mit der Friedensbewegung entstanden sind, die erste Partei, die die amerikanischen Luftanschläge auf Stellungen des „Islamischen Staates“ ausdrücklich begrüßte – und zwar mit dem bemerkenswert selbstreflexiven Hinweis, dass man Terroristen nicht auf Jogamatten und in Gesprächsrunden besiegen könne, sondern „so, wie es die Amerikaner machen“. Es gibt Gründe zu hoffen, dass die Weltgemeinschaft noch rechtzeitig genug eingreift, um humanitäre Korridore für die Flüchtlinge zu schaffen und den Fall der kurdischen Städte wie Erbil, die zu Zufluchtsstätten der verfolgten Minderheiten geworden sind, zu verhindern. Aber reicht das? (…)
Dass zur Zeit die nationalstaatliche Ordnung des Nahen Osten gesprengt wird, könnte, ja müsste Europa vielleicht noch hinnehmen – ist sie doch so willkürlich im 20. Jahrhundert entstanden, dass eine Neuordnung nicht zwingend schlechter sein muss. Nicht hinnehmbar ist, für kein mitfühlendes Herz, dass eine einzelne Terrorgruppe wie der „Islamische Staat“ das fragile und doch so wertvolle, zivilisatorisch so reiche Gebilde unterschiedlichster Ethnien, Religionen und Sprachen vernichtet, das sich am östlichen Mittelmeer über viele tausend Jahre relativ kontinuierlich herausgebildet hat.
Der Kampf gegen einen solchen, sich islamisch begründenden Extremismus darf nicht von Amerika allein geführt werden oder von christlichen Ländern, die sich um ihre Glaubensgeschwister zu Recht sorgen. Dieser Kampf muss ein Kampf gerade der islamischen Staaten, aber auch ihrer Theologen, ihrer Intellektuellen, der Muslime insgesamt sein. Ihre eigene Tradition ist es, die von den Dschihadisten zugunsten einer imaginierten, historisch, dogmatisch und vor allem auch menschlich völlig unhaltbaren Urgeschichte für obsolet erklärt wird. / Berliner Zeitung
Die romantische Gestalt Lord Byrons hat viele und oft widersprüchliche Facetten und ist schwerlich mit einer Formel zu erfassen. Dennoch hat er selbst (im Gespräch mit Lady Blessington) so eine Formel geprägt: ‘a strong love of liberty, and a detestation of cant’ –– ‘eine starke Liebe zur Freiheit und Abscheu vor affektierter Phrasendrescherei’. Und er hat recht: beide Züge kennzeichnen Persönlichkeit und Werk von jung an, beginnend mitChilde Harold’s Pilgrimage (1812–18), das ihn schlagartig berühmt machte, und ausklingend in den beiden großen Parodien Don Juan (1819-24) und The Vision of Judgement (1820), dieser locker parlierenden Anti-Vision, die wir hier zweisprachig vorlegen.
Sie war Teil der publizistischen Fehde, die Byron gegen seinen Intimfeind Robert Southey, den zum Reaktionär gewandelten Radikalen und damaligen Poet Laureate, geführt hat. Die sechsseitige Vorrede Byrons war einzig dieser Fehde gewidmet; sie reagiert auf bestimmte böswillige Invektiven Southeys, die heute ‘Geschichte sind’, und läßt das Gedicht für sich selber sprechen. Deshalb mag es erlaubt sein, sie hier auszublenden und den zeit- und ideengeschichtlichen Hintergrund des Gedichts, soweit er im Text selber laut wird, durch ANMERKUNGEN zu erläutern.
Byron standen die Worte zu Gebote wie nur wenigen. Als Deutscher kommt man kaum umhin, an Heinrich Heine zu denken. Auch bei ihm ist romantisches Hochgefühl mit romantischer Skepsis versetzt. Auch er parodierte brillant und mühelos wie Byron. Dieser Mühelosigkeit versuchsweise ein deutsches Pendent zu geben, ist ein Wagnis, weil um des Parlando-Tones willen so einiges Inhaltliche auf der Strecke bleiben muß. Aber es lohnt sich, weil es Spaß macht, beim Schreiben und hoffentlich auch beim Lesen. Wie weit das Wagnis geht, erläutert z.B. die Anmerkung zum Schlußvers.
Günter Plessow, im Juli 2014
Lord Byrons 106-strophige politische Parodie „The Vision of Judgement“, übersetzt von Günter Plessow, Signaturen
Neueste Kommentare