Die Wandertaube war bereits eine literarische Figur, als sie 2001 in Silke Scheuermanns Lyrik-Debüt auftauchte. In „Skizze vom Gras“, dem soeben erschienenen vierten Gedichtband der Autorin, wird Martha nun zur Zeugin der „Ausgestorbenen“. Von ihnen, den ausgestorbenen Arten, und den Bedingungen einer denkbaren Auferstehung in „zweiter Schöpfung“ handelt das erste Kapitel einer auf weite Strecken komponierten Folge von Gedichten, denen in diesem Bücherherbst große Beachtung zu wünschen ist. / Herbert Wiesner, Die Welt
Silke Scheuermann: Skizze vom Gras. Schöffling & Co., Frankfurt am Main. 104 S., 18,95 €.
Maya-Glyphenblock mit Textfragment, Bellote, Mexiko, ca. 650 u.Z. Die Maya entwickelten das raffinierteste Schriftsystem Amerikas. Als die Spanier ihr Land in Besitz nahmen, verboten sie den Gebrauch der Schrift. Katholische Eiferer verbrannten viele Papierbücher, aber auf Steindenkmälern, Gebäuden und Keramiken blieben gemalte oder wie hier geschnitzte Zeugnisse ihrer Hieroglyphenschrift übrig. Dieser Block gehörte offenbar zu einer Inschrift an einem Gebäude. Quelle: National Museum of the American Indian, New York.
Local News, Harlem. Aus Anlaß des 90. Geburtstags des Schriftstellers James Baldwin am 2.8. wurde ein Teil der 128. Straße zwischen Fifth und Madison Avenue in James Baldwin Way umbenannt. Baldwin wurde 1924 in Harlem geboren und starb 1987. Er besuchte dort die Public School 24 (heute Harlem Renaissance School). „Wir holen ihn uns als Sohn Harlems zurück“, sagte Rich Blint von der Columbia University School of the Arts.
Um zu verstehen, aus welchen Stimmungen die „Schlafwandler“ von 1914 in den Krieg hineingetaumelt sind, lässt sich die Literatur und insbesondere die Lyrik gut als Spur nutzen. Es gab so etwas wie eine Angstlust der Zerstörung eingefahrener Ordnungen. Der Krieg selbst ernüchterte die Dichter durch das Maschinelle des Todes und beförderte pazifistische Positionen, die den Einzelnen wieder in den Mittelpunkt zu stellen suchten. Der Reclam-Verlag hat daher eine Anthologie in Auftrag gegeben, in der man alle bekannten Lyriker dieser Zeit findet. Die Texte gehen unter die Haut, über die Sprache historischer Quellen und privater Briefe und Tagebücher hinaus und erzählen etwas von der Kränkung der Menschen. / Wormser Zeitung
Meeresbeweglichkeit, Gleisluft, Reinigungsfeuchte – sperriger können Wörter kaum sein. Was der Lyriker Nico Bleutge aus ihnen macht, ist jedoch verblüffend. Er jongliert, kontextualisiert und umformt Begriffe zu aussagekräftigen Gedichten. Bei seiner Lesung vor dem Literarischen Zentrum Gießen (LZG) in den Ausstellungsräumen des KiZ in der Kongresshalle gab er einen Einblick in seine Wortwelten voll Begriffen, die auf den ersten Blick so gar nicht nach Lyrik klingen. / Maximilian Kutzner, Gießener Anzeiger
Ror Wolf erhält den diesjährigen Georg-K.-Glaser-Literaturpreis des Landes Rheinland-Pfalz und des Südwestrundfunks (SWR) in Mainz. Der Autor, Lyriker, Essayist und Lexikonschreiber bekommt die Auszeichnung für sein literarisches Schaffen, mit dem er sich unter anderem auch seiner langjährigen Heimat Rheinhessen angenähert hat. „Ror Wolfs Werke sind eine wahre Freude – für Literaturexpertinnen und -experten genauso wie für Fußballfans und Lokalpatriotinnen und -patrioten. Sie sind gespickt mit Humor und gleichzeitig eindrucksvolle Kunstwerke der deutschen Sprache“, so Kulturministerin Doris Ahnen (SPD).
Die Jury bestand aus Felicitas von Lovenberg („F.A.Z.“), Ijoma Mangold („Die Zeit“) und Elmar Krekeler („Die Welt“). In den vergangenen Jahren erhielten den mit 10.000 Euro dotierten Preis Harald Martenstein (2013), Sabine Peters (2012), Rafik Schami (2011), Monika Rinck (2010), Jörg Matheis (2009), Katharina Born (2008) und Dagmar Leupold (2007).
Simin Behbahani, einer der bedeutendsten zeitgenössischen, iranischen Dichter und Schriftsteller und die Vorsitzende des iranischen Schriftstellerverbandes, ist heute im Krankenhaus, im Alter von 87 Jahren, ins Koma gefallen.
Ein bedeutender Dichter deutscher Sprache, Dieter Schlesak, der die moderne Poesie bis an ihre extremen Grenzen führt, vollendet sein 80. Lebensjahr.
(…) In den Jahren 1989 bis 1992 entstanden Gedichtsmeditationen, die in die drei Kunst-Prachtbände der Dokumentation „Michelangelos neues Licht“ aufgenommen wurden.
2010 nahm Dieter Schlesak Einsicht in seine Securitate-Akte in Bukarest. Die Realität, die er dort zur Kenntnis nehmen musste, traf ihn zutiefst und schmerzlich, nämlich, dass alle Freunde der Bukarester Zeit ihn bespitzelt hatten. Daraus entstand das Buch „Die Hölle des Verrats. Der rumänische Geheimdienst, Augenzeugenberichte, Dokumente, eigene Erfahrungen“, 2012. Es wurde allerdings von Dieter Schlesak noch nicht veröffentlicht.
Weitere Romane und zahlreiche Essaybände entstanden. Doch in erster Linie ist Dieter Schlesak Lyriker. Viele Gedichtbände sind im Laufe seines langen Lebens entstanden. Und ganz besonders auf diesem Gebiet zeigt sich auch seine Vermittlerrolle, in Übersetzungen und Herausgaben moderner rumänischer und siebenbürgischer Lyrik: „Gefährliche Serpentinen“ (1989) und „Transilvania mon amour“, (2009 zusammen mit Cosmin Dragoste). Er übersetzte die elf Elegien des großen rumänischen Lyrikers Nichita Stănescu. Und in Zusammenarbeit mit einer Gruppe italienischer Lyriker wurden seine Gedichte ins Italienische übertragen: „Settanta volte sete. Siebzig mal Durst“, und italienische Gedichte ins Deutsche: „Grenzenlos Oltrelimite“ (2006). In Zusammenarbeit mit der italienischen Lyrikerin Vivetta Valacca entstand „La Luce del anima. Zeit Los brennt dieses Licht hier“ (2011). / Elisabeth Krause, Siebenbürgische Zeitung
Anlässlich des 60. Geburtstags von Horst Samson am 4. Juni versammelt BAWÜLON Beiträge von Andreas Saurer, Katharina Kilzer, Erwin Messmer, Peter Motzan, Eduard Schneider, Edith Ottschofski, Jan Kuhlbrodt, Michael Buselmeier und Theo Breuer sowie ein sehr ausführliches, kluges Interview mit Samson, das Stefan Sienerth 2008 für die Zeitschrift Spiegelungen geführt hat, nebst Essays und Gedichten des 1954 in Salcîmi in der Bărăgan-Steppe Geborenen.
Horst Samson, der das Pädagogische Lyzeum in Hermannstadt besuchte, zunächst als Lehrer in Busiasch und von 1977 bis zu seiner Ausreise zehn Jahre später als Journalist für die Neue Banater Zeitung in Temeswar arbeitete, lebt heute im hessischen Neuberg und ist leitender Redakteur des Bad Vilbeler Anzeigers. Der selbst ernannte „Bărăgansteppenwolf“ schreibt zehn bis zwanzig Gedichte pro Jahr, „ein Schneckentempo“, wie er sagt, aber zugunsten eines festen Gehalts hat Samson sich von einem Dasein als freischaffender Autor verabschiedet und ist zufrieden. Es bleibt sogar noch Zeit für bildende Kunst – einige seiner Arbeiten werden in der aktuellen BAWÜLON vorgestellt. / Siebenbürgische Zeitung
Die BAWÜLON 2/2014 mit dem Schwerpunkt zu Horst Samson, ISSN 2192-3809, ist im POP-Verlag, Redaktion Matrix, Postfach 0190, 71601 Ludwigsburg, erschienen und kostet sieben Euro zzgl. Porto- und Versandkosten.
„Tiere in Architektur“ erkundet auf so vielfältige, sowohl sprachlich als auch fotografisch spielerische Weise das Verhältnis von Mensch, Tier und Behausung, dass der Leser aus dem Staunen und Grübeln nicht mehr herauskommt. Über die Frage, ob ein Zoo mit seiner Unterhaltungsarchitektur nun Tierquälerei sei oder dem Artenschutz diene, geht das schmale Bändchen weit hinaus. Die Texte der in Berlin und São Paulo lebenden Autorin, die einst von Thomas Kling entdeckt wurde, balancieren auf der Grenze zwischen erzählender wie essayistischer Prosa und Gedicht; bildersatte Geistesblitze finden darin ebenso Platz wie neckische Wortspiele, philosophische Betrachtungen und Kalauer: „Auch ein blinder Hahn endet einmal im Kugelhagel.“ Ein so gleichermaßen schönes, anregendes wie geistreiches Buch gehört einer seltenen Spezies an. Man sollte es nicht in ein Regal sperren, sondern hegen, pflegen und lesen. (Kookbooks, 19,90 Euro) / Alexander Müller, rollingstone
Seit 3.8. findet sich ein Teaser im Netz, den Joachim Paul auf Vordenker so einläutet: „In Wortspielhalle zeigen Sophie Reyer und A.J. Weigoni eindrucksvoll, was Sprache in Zeiten der “berechnenden und vorausrechnend-überwachenden künstlichen binären Intelligenz” (ein Widerspruch in sich, wir wissen darum ;-)), also in Zeiten der binären – O-Ton – “Dialektik der Aufzehrung” (- ich schmeiß mich weg -) an Innovationspotential dennoch – oder gerade drum – zu bieten hat, Stichwort “Heterophone Stimmgewalt”.
Seit den Gezi-Protesten in der Türkei ist mittlerweile ein Jahr vergangen. Die Literatur erlebte in der Folge einen Aufschwung: Junge Lyriker suchen nach Formen einer kritischen, ironischen Dichtung. Fünf Dichter, die bei den Protesten in Istanbul dabei waren, beschreiben die neue türkische Lyrikszene. (…)
Die größte gesellschaftliche Auswirkung der Proteste besteht für ihn [Mehmet Altun] aber darin, dass die Menschen Dichter und Schriftsteller wie Turgut Uyar oder Oğuz Atay wiederentdeckt haben. Aber auch Werke wie das Schahname, das persische Nationalepos des Dichters Firdausi. Das Verlangen nach Literatur, die den realen Umständen Rechnung trägt, wächst, sagt er. So werden Verszeilen als destillierter Ausdruck eines bestimmten Gefühls, das seine Entsprechung in der Realität hat, seit letztem Sommer über Twitter, aber auch als Graffiti verbreitet.
„Ich erinnere mich an ein Graffiti: Bei Gezi bin ich der Selbstmord des Jessenin. Würde man alle Graffiti zusammennehmen, hätte man eine lückenlose Anthologie. Hinter jedem Vers verbarg sich eine tiefe Bedeutung und gleichzeitig eine konkrete Praxis, die auch durch Kameraaufnahmen archiviert wurde.“
So hat die Literatur den Protesten ein Gesicht gegeben und gleichzeitig durch sie Aufwind bekommen. Onur Behramoğlu ist Ende 30, Übersetzer und Autor. Er ist davon überzeugt, dass sich die Proteste auf die zeitgenössische Dichtung auswirken werden. Für ihn ist Dichtung Protest, und der Dichter kann nicht anders, als sich mit politischen Missständen auseinanderzusetzen.
Dass aus diesem Grund das Verlangen nach einer realitätsbezogeneren Dichtung steigt, denkt auch Gökcenur Celebioglu. Der 43-jährige Mann mit freundlichem Gesicht ist Ingenieur und hat mehrere Gedichtbände herausgebracht. Die Unzufriedenheit vieler Menschen etwa über Veränderungen beim Alkohol- und Abtreibungsgesetz und die als bevormundend empfundene Art des Ministerpräsidenten Erdogan wird direkte Auswirkungen auf die neue Dichtung der Türkei haben, denkt er.
„Das türkische Gedicht nach Gezi wird sich die gesellschaftsbezogene Dichtung, die sie in den letzten Jahren islamistischen Dichtern überlassen hatte, wieder aneignen und politischer dichten.“
/ Ceyda Nurtsch, DLR
Hier ein Gespräch mit Selma Wels, einer Verlegerin türkischer Literatur in deutscher Übersetzung. In ihrem Berliner binooki Verlag erschien „Gezi – eine literarische Anthologie“. Wels spricht darüber, was von der gesellschaftlichen Utopie nach den Gezi-Protesten geblieben ist. Welche Wirkungen haben die Proteste des vergangenen Jahres erzielt?
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Jonathan Greene, who lives in Kentucky, is a master of the short poem, but while he prunes them down to their essentials he never cuts out the wonder and delight. Here’s a good example from his most recent book. Can you feel the exclamation point that’s suggested at the end? You can’t see it, but it’s there.
One Light to Another
The storm
turns off
the lights.
The lightning
lights the whereabouts
of the flashlight.
The flashlight
takes us to matches
and candles, the oil lamp.
Now we’re back,
revisiting
the 19th century.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Rebecca Horn: Das Wirbelsäulen Orakel
Texte von Rebecca Horn, Nachwort von Joachim Sartorius. Hatje Cantz Verlag, 164 Seiten, rund 42 Abb., 25 Euro
„Rebecca Horn ist auf diesem Gebiet der Doppelbegabungen eine singuläre Gestalt. Zum einen ist sie eine der großen, bewegenden Künstlerinnen unserer Zeit – und als solche international berühmt und gefeiert –, zum anderen hat sie über zwei Jahrzehnte einen großen Corpus von Gedichten geschaffen. Diese poetischen Texte bereiten oft ihr skulpturales Werk vor, das nicht ohne Grund für seine Vermählung von Technik und Poesie gerühmt wird. Es finden sich aber auch autonome Texte von größter Intensität.“ Aus dem Nachwort von Joachim Sartorius
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