Denn wenn der gebürtige Völklinger dieser Tage aus der Wahl-Heimat Berlin ins Saarland zurückkehrt, tut er dies als ein weit über die Berliner Lesebühnen hinaus gefeierter Nachwuchs-Poet, als einer, dem die FAZ „hochkarätige Lyrik“ attestiert, der etliche Förderpreise und Stipendien abräumte, in renommierten Zeitschriften publiziert und als Mitherausgeber des Online-Literaturmagazins karawa.net selbst Poesie kuratiert. Gerade erst wurde Ames für seine Lyrik mit einem der begehrten Venedig-Stipendien des Kulturstaatsministerium für seine Lyrik ausgezeichnet. Wobei er den Begriff eigentlich gar nicht mag. Lyrik – das klinge zu sehr nach „hohem Tonfall“. Dabei könne man heute doch problemlos von Hölderlin zu Bukowski schwenken, sagte er. Lieber spricht er von „Poesie“. (…)
Seine Gedichte gleichen klanghaft schillernden Sprachgebäuden, mal verwinkelt, mal klarer konturiert. Erbaut mit feinem Sinn für Rhythmus und einem geradezu unbändigem Spieltrieb, was das Rohmaterial Wort betrifft: Er zerlegt, reichert an, bläht auf oder lässt Luft raus, jongliert, knetet und setzt neu zusammen. Sprachkunst. Als Selbstzweck? Nein, sagt er. Vielmehr legt Ames Fährten aus, „Anknüpfungspunkte“, wie er sagt. Poesie sei für ihn „Kommunikation“, eine „Mitteilung, wenn auch keine direkte, zweckgerichtete“. Unverständnis als Publikumsreaktion kennt er, häufiger jedoch Überraschung. Am liebsten sei ihm, sagt er nach kurzer Überlegung, ein Gedicht löse „produktive Verunsicherung“ aus. / Johannes Kloth, Saarbrücker Zeitung
Dramatisch verlief die Lesung für diesen Saarländer:
„Wie eine rote Schaumkugel ditscht etwas an meine Schädel innendecke“, heißt es in der Variante von Konstantin Ames. Im runden Kopf des aus Völklingen stammenden Dichters muss es ziemlich oft ditschen. So rasant schlägt sein Denken Haken, fährt das „Etwas“ zwischen die Wörter, zerstückelt sie und setzt sie neu zusammen, dass man seiner Lesung am Montag im Saarländischen Künstlerhaus wie beim Hunderennen folgt.
Der Québécker Lyriker haïtianischer Herkunft Anthony Phelps wird für sein Buch «Femme Amérique» (Mujer America) mit dem mexikanisch-quebeckianischen Lyrikpreis «Gatien Lapointe – Jaime Sabine» ausgezeichnet. Phelps war in Haiti unter dem Dikatator François Duvalier (1957-1971) in Haft, emigrierte dann nach Kanada und hielt sich in den 80er Jahren einige Zeit in Mexiko auf. Die Preissumme beträgt 50.000 mexikanische Pesos (etwa 4000 US-Dollar). Ab 2015 soll die Summe für den jährlichj vergebenen Preis verdoppelt werden. / AlterPresse.
Das fünfte Internationale Lyrikfestival MERIDIAN CZERNOWITZ wird vom 5.-7-9- in der westukrainischen Stadt Czernowitz stattfinden. An ihm nehmen teil: Dragica Rajčić / Schweiz, Petro Midjanka / Ukraine, Ljudmila Chersonska / Ukraine, Midna / Ukraine, Dmytro Lasutkin / Ukraine, Andrij Bondar / Ukraine, Olexandr Boytschenko / Ukraine, Jurij Izdryk / Ukraine, Taras Prochasko / Ukraine, Irena Karpa / Ukraine, Andreas Neeser / Schweiz, Oksana Sabuschko / Ukraine, Igor Pomeranzew / Großbritannien-Ukraine, Juri Andruchowytsch / Ukraine, Mark Belorusez / Ukraine, Petro Rychlo / Ukraine, Serhij Zhadan / Ukraine, Chrystia Wengryniuk / Ukraine, Andrij Ljubka / Ukraine, Kateryna Babkina / Ukraine. Mehr
Franzliks „Erinnerung an Wolfgang Hilbig“ besteht aus kurzen, beiläufigen Skizzen, die die Gefühle und Krisen in ihrer Beziehung nie thematisieren, sondern Schauplätze und kleine Begebenheiten ins Zentrum rücken. Die beiden lernten sich 1969 kennen, in der HO-Naherholungsgaststätte „Nonnenhof“ am Tollensesee bei Neubrandenburg. Sie war damals gerade mal 19 Jahre alt und wartete den Sommer über auf einen Studienplatz, er war mit 28 von Meuselwitz zusammen mit dem Freund Gert Neumann in den Norden gegangen, um den Sommer über die Existenz eines freien Schriftstellers auszuprobieren.
Ihre Beziehung dauerte immerhin bis Anfang der Achtzigerjahre, die gemeinsame Tochter Constance wurde 1980 geboren, und Margret Franzlik zählt die Namen der „Clique“ auf, mit der Hilbig um das Jahr 1970 herum in Meuselwitz zusammen war, man besuchte gemeinsam Rockkonzerte im Stadthaus: Eschi, Schrips, die Katze, der Beatle, Dionys Kohl, der junge Liedermacher Dieter Kalka und andere. Danach ging es noch mit Wein zu Eschi in seine „Bärenhöhle“ in Zipsendorf, zu Schmidtke in dessen fast leeres Haus am Baderdamm, zu Schrips in die Kressestraße oder zur „Katze“ in der Nähe der Poliklinik. Zu Hilbig ging es allerdings nie, seine Mutter musste früh zur Arbeit. (…)
Es sind Erinnerungen, die die Genese des Dichters Hilbig beschwören und die privaten Konstellationen nicht weiter problematisieren. Wie es schließlich zur Trennung zwischen Wolfgang Hilbig und Margret Franzlik kam, wird genauso ausgespart wie alle anderen emotionalen Irritationen. Der Gestus des Buches ist nüchtern, aber untergründig doch aufgeladen mit Pathos.
Zu den atmosphärisch zum Teil sehr dichten Abbildungen gehört eine Quittung, die der Buchhändler Fiedler in seinem kleinen Laden in der Meuselwitzer Bahnhofstraße dem unbekannten Heizer Hilbig Anfang der Siebzigerjahre ausstellte: über einige Exemplare der Zeitschrift Sinn und Form und der Wochenzeitung Sonntag – dieser kleine Laden war wie ein Tor zur Welt. Und die langjährige Wohnung in Berlin-Lichtenberg wird mit ihren Kohleproblemen, den unzugänglichen Kellerfluchten und dem verfallenden Treppenhaus als Urgrund Hilbigscher Literaturphantasien evoziert.
Einmal erscheint ein Bild, wie Hilbig spät in der Nacht angetroffen wird, „ein Dichter bei der Arbeit“: Er schreibt, und im Kachelofen prasselt das Feuer. Am Schluss heißt es: „Der Heizer hat ganze Arbeit geleistet.“ Dieses Erinnerungsbuch ist Arbeit am Mythos, aber gleichzeitig gibt es dem Rätsel, das der Schriftstellerexistenz Wolfgang Hilbigs anhaftet, einige Konturen mehr. / HELMUT BÖTTIGER, Süddeutsche Zeitung 6.8.
Margret Franzlik: Erinnerung an Wolfgang Hilbig. Transit Verlag, Berlin 2014. 104 Seiten mit Fotos, 16,80 Euro
Martin Mooij, einer der Gründer des Festivals Poetry International, ist am Dienstag in Rotterdam verstorben. Er war 83 Jahre alt. 1970 eröffnete er zusammen mit Adriaan van der Staay die erste Veranstaltung, auf der ein polnischer, ein französischer und ein österreichischer Dichter auftraten. Seit 1987 war Poetry International eine selbständige Organisation, die er leitete. Mooij, der auch Publizist und Erzähler war und Bücher von Horst Bienek, Peter Handke, Joseph Roth und Anna Seghers übersetzt hat, setzte sich auch für verfolgte Dichter ein. Jedes Jahr wurde einem inhaftierten Dichter der Poetry Award verliehen. / NU.nl
Ein kleiner Gelsenkirchener Verlag setzt seit 40 Jahren Lyrik groß in Szene. Zum Konzept von Verlegerin Irmgard Stein gehört die Kombination von Gedicht und Grafik. Eine Erfolgsgeschichte.
Die Bestsellerlisten erobern Gedichtbände eher nicht. Bücher mit kunstvoll gedrechselter Lyrik liegen schwer in den Buchregalen, mutieren rasch zu Ladenhütern*. Und dennoch trat Irmgard Stein das Wagnis an: Die Ückendorferin gründete mutig den kleinen, aber feinen Verlag Xylos, um der zeitgenössischen Lyrik angemessen Gehör zu verschaffen. Mit Erfolg: Am 23. August feiert die Edition 40. Geburtstag. (…)
Dieser Verlag, zu Hause an der Bergmannstraße 65, ist nicht nur als Ein-Frau-Betrieb ein ganz besonderer. „Von Anfang an“, erzählt Irmgard Stein, „hatte ich die Idee, Lyrik immer nur in Verbindung mit Grafik herauszubringen.“ Radierung, Lithographie, Holzschnitt vor allem. Verheiratet mit dem Holzschneider Heinz Stein, konnte die Verlegerin hier aus dem Vollen schöpfen, konnte kreative Verbindungen schaffen zwischen bildender Kunst und Literaten.
(…) Dann wird auch das neueste Blatt präsentiert, eine Wiederauflage von 1974. Den Text „Ein Mensch wie ich“ schrieb der Gelsenkirchener Autor Jürgen Völkert-Marten, den Holzschnitt schuf Heinz Stein. Vielen jungen Lyrikern diente Xylos als Sprungbrett.
Gelsenkirchener Edition Xylos feiert 40. Geburtstag | WAZ.de – Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/staedte/gelsenkirchen/gelsenkirchener-edition-xylos-feiert-40-geburtstag-id9693574.html#plx980044515
*) Ah, die Verfasser der Nachricht sind wohl Kenner? Egal, ich zitiere sie trotz des kunstvoll gedrechselten Aufhängers. Obwohl die Buchhandlung, in der viele Lyrikbände schwer in den Regalen liegen, müßten sie auch erst mal zeigen.
Im Mai 2013 veröffentlichte ich in der Tageszeitung Libération einen Artikel mit dem Titel « Die Nicht-Poesie der Nicht-Poeten ». Er verursachte Aufschreie, brachte mir Sympathien ein und gebar Fehlinterpretationen. Es handelte sich um einen Artikel mit exoterischen Zielen: Er nahm sich vor, die breite Öffentlichkeit einem Paradox auszusetzen. Er wandte sich nicht an die Lyrikleser und die Lyriker hätte er auch nicht zwangsweise tangieren müssen. Er hatte didaktische und kosmopolitische Ziele. So.
Es war kein Aufsatz über « Poetik » oder einen Versuch, sie zu erklären: Weder versuchte ich zu « begreifen », was Poesie ist, noch wollte ich sie in ihre Essenz oder Selbstidentität zurückführen.
Ich interessierte mich weniger für die Identität der Dichtung als vielmehr für das allgemeine Lob und das Paradox eines Urteils – das ist poetisch und seine seltsame Verbreitung im öffentlichen Raum. Wenn ich heute darüber nachdenke, würde ich sagen, es handelt sich um ein Paradox der zeitgenössischen Poesie in Frankreich zum « Zeitalter des kulturellen Kapitalismus ».
/ Martin Rueff: „Die Nicht-Poesie der Nicht-Poeten“ – Rückversicherung, bei Signaturen
Local news, Bronx. In New Yorks Botanischem Garten gibt es nicht nur viele Bäume und Blumen, sondern auch Poesie. Ein Lyrikspaziergang, Gedichte von Edna St. Vincent Millay (1892-1950) in Landschaft.
Assault
I had forgotten how the frogs must sound After a year of silence, else I think I should not so have ventured forth alone At dusk upon this unfrequented road. I am waylaid by Beauty. Who will walk Between me and the crying of the frogs? Oh, savage Beauty, suffer me to pass, That am a timid woman, on her way From one house to another!
Frank O’Hara’s “Lunch Poems,” the little black dress of American poetry books, redolent of cocktails and cigarettes and theater tickets and phonograph records, turns 50 this year. It seems barely to have aged.
O’Hara wrote these poems, some during his lunch hour, while working at the Museum of Modern Art. He started at MoMA as an information desk clerk and, though he lacked formal training, became a curator. He had a painterly eye and a silvery personality.
“Lunch Poems” was urbane and sociable, a cheerful rebuke to the era’s more determined academic verse. “I do this I do that” poetry, O’Hara called his work, and this collection’s first poem, “Music,” sets the tone of his free-associating voice and method.
If I rest for a moment near The Equestrian
pausing for a liver sausage sandwich in the Mayflower Shoppe,
that angel seems to be leading the horse into Bergdorf’s
and I am naked as a table cloth, my nerves humming.
“Naked as a table cloth,” “nerves humming”: These are not-bad distillations of O’Hara’s sensibility. / Dwight Garner, NYT 9.8.
Peter Mendelsund often says that „dead authors get the best book jackets.“ / New York Times 29.7. S. C1
Garry Kasparov, the former world chess champion … was born in Azerbaijan and is half-Armenian and half-Fewish“ / New York Times 10.8. S. 3
IT’S HARD NOT to love an artist who can craft a bronze phallus, exhibit it on a meat hook, then tuck it under her arm and go. Louise Bourgeois’s feminist energy is contagious, and her art invites articulation — words called up to answer image. Her oneiric intelligence, equal parts bawdy and brutal, provokes poets to match her mixed-media oeuvre with verbal riffs. Carmen Giménez Smith invokes a Bourgeois sculpture as a figure for desire, a source of “milky, / blobbing […] star-fuckery.” Mary Jo Bang looks at Cell (Three White Marble Spheres) and sees “The crazy face / Of the day looking back with its blank / Brazen sky-high stare.” Camille Guthrie deems Fillette “accurate as the entrails of a rabbit.” Bourgeois’s messy, uncanny accuracy and her peculiar irreverence and disturbing scatology are for many contemporary poets a mother lode. In excavation of that lode, what follows is a rumination, a reading, and a review.
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Looking into Louise Bourgeois’s Cell I (1994) reveals this prismatic sentence:
Pain is the ransom of formalism.
The words are embroidered with rust-colored thread on one of several burlap mail sacks that cover a metal cot, and they are the punch line of what may be Bourgeois’s most famous and enigmatic artistic statement:
The subject of pain is the business I am in. To give meaning and shape to frustration and suffering. What happens to my body has to be given a formal abstract shape. So, you might say, pain is the ransom of formalism. / B.K. Fischer, LA Review of Books
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
The ancient Chinese poets used to say that at some point in each poem the poet ought to lift his (or her) eyes, ought to look beyond the surface of the present into something deeper and more meaningful. Here is just such a poem by Linda M. Hasselstrom, who lives in South Dakota.
Planting Peas
It’s not spring yet, but I can’t
wait anymore. I get the hoe,
pull back the snow from the old
furrows, expose the rich dark earth.
I bare my hand and dole out shriveled peas,
one by one.
I see my grandmother’s hand,
doing just this, dropping peas
into gray gumbo that clings like clay.
This moist earth is rich and dark
as chocolate cake.
Her hands cradle
baby chicks; she finds kittens in the loft
and hands them down to me, safe beside
the ladder leading up to darkness.
I miss
her smile, her blue eyes, her biscuits and gravy,
but mostly her hands.
I push a pea into the earth,
feel her hands pushing me back. She’ll come in May,
she says, in long straight rows,
dancing in light green dresses.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©1984 by Linda M. Hasselstrom; http://www.windbreakhouse.com. Her most recent book of poems, written with Twyla Hansen, is Dirt Songs, The Backwaters Press, 2011. Poem reprinted by permission of Linda M. Hasselstrom and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Garrison Keillor im Gespräch mit der New York Times:
Whom do you consider your literary heroes?
John Updike for his vast ambition and the Lutheran diligence that realized it. Edward Hoagland for his style and bravery and love of the world. May Swenson, again for bravery, independence, also wit. A. J. Liebling and Roy Blount Jr. as reporters who wrote literature: You can read them over and over and over. P. G. Wodehouse for sheer elegance and invention. Robert Bly, a wonderful poet into his 80s, a great old troublemaker.
frühmorgens setzt sich ein grüner Schmetterling beim Arzt in deine Armbeuge und saugt dir das Blut aus der Vene
Hansjürgen Bulkowski
Sassoon joined the British Army as the war was breaking out in 1914 but reached the front line only a year later. During the Battle of the Somme, in July 1916, he was awarded a high honor for bravery — the Military Cross — and in 1917 he was hit by a sniper’s bullet at the Battle of Arras.
That same year, he refused to return to the front and threw away the ribbon of his Military Cross and composed his “Soldier’s Declaration,” in which he said, “I can no longer be a party to prolonging these sufferings for ends which I believe to be evil and unjust.”
“I am making this statement as an act of willful defiance of military authority, because I believe that the War is being deliberately prolonged by those who have the power to end it,” his declaration read.
A poem called “Memory,” dated Feb. 1, 1918, exuded an elegiac tone, all the more so in the handwritten pages of a notebook contrasting his youthful fecklessness with the experience of war.
My heart is heavy-laden now; I sit
Burning my dreams away beside the fire:
For death has made me wise and bitter and strong;
And I am rich in all I have lost.
Unlike his fellow war poet Owen, Sassoon survived the conflict and died in 1967.
/ Alan Cowell, NYT 2.8.
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