40. Neue Poesie 1916 / 2014

Aus der Zeitschriftenschau Michael Brauns, poetenladen (in der es soviel Lyrik gibt, daß ich sie auf zwei Nachrichten verteile):

Die Revolution der deutschen Lyrik begann im Mai 1916 mit einer Absage an den Journa­lismus. Poesie, so orakelte damals der Dadaist und Mystiker Hugo Ball, müsse sich fern­halten von einer „durch den Journa­lismus verdor­benen und unmög­lich geworde­nen Sprache“. Man dürfe nicht mehr „aus zweiter Hand“ dichten und also keine Wörter und Sätze mehr verwenden, die man nicht „funkel­nagel­neu“ für die Poesie erfunden habe. „Man ziehe sich“, so Ball weiter, „in die innerste Al­chimie des Wor­tes zurück, man gebe auch das Wort noch preis und bewahre so der Dichtung ihren letzten heiligsten Bezirk.“

  Dieser Appell war das Gründungs­ereignis der deutschen Literatur­revolution, deren Nach­wirkungen noch in den post-avant­gardis­tischen Mani­festen der un­mit­tel­baren Gegen­wart zu spüren sind. Im Juli-Heft der Zeit­schrift „Merkur“ hat kürz­lich der Literatur­wissen­schaftler Hannes Bajohr eine Linie gezo­gen von den Experi­menten des Da­daisten Tristan Tzara bis hin zu den Zufalls-Poetiken einiger heutiger Dichter.

 Tristan Tzara hatte 1920 mit aus dem Hut gezo­genen Wort-Schnipseln Gedichte improvisiert. Das ist nicht weit entfernt von den Ver­suchen der so­ge­nann­ten „flarf“-Dichter, die der­zeit aus der Er­gebnisvorschau der Such­maschine Google Gedich­te kompo­nieren.

 In den aktuellen Ausgaben der Literaturmagazine „randnummer“ und „Mütze“ können wir nun einige faszi­nie­rende Exempel einer sprach­alche­misti­schen Dichtung im Sinne Hugo Balls ent­decken. Es sind in bestem Sinne poeti­sche Grenz­über­schrei­tungen zwischen den Sprachen und Gattungen, die hier vorge­führt werden. Das neue Sonder­heft der „rand­nummer“ bietet ein Ge­meins­chafts­unter­nehmen zu­sam­men mit der in Prag er­schei­nenden Zeitschrift Psí víno. Hier werden ins­gesamt 14 Auto­rin­nen und Au­toren aus Deutsch­land, Tschechien und der Slowa­kei vorge­stellt, die zum größten Teil der experi­mentel­len Poesie zuzu­rechnen sind; Dichte­rin­nen wie Uljana Wolf, Dagmara Kraus oder Simone Korn­ap­pel – oder die in Deutsch­land bislang völlig unbe­kannte slowa­kische Perfor­merin Zuzana Husárová. In einem sehr ent­spannten Begleit­wort, das völlig frei ist von dem in diesem litera­rischen Sektor oft epide­mischen Dogma­tismus, ver­weist Michael Gratz auf die im Sinne von Hugo Ball „funkel­nagel­neuen“ Erweite­rungen der klang­lichen, rhythmi­schen und syntak­tischen Mittel, die diese „neue Poesie“ anstrebt. (…)

Diese [bezogen auf Dagmara Kraus‘ „kleine grammaturgie“] Utopie eines polyglotten Reichs der Dichtung erträumt auch die aktuelle Nummer 8 der Literatur­zeit­schrift „Mütze“. Auch in diesem Heft ist Dagmara Kraus vertreten, diesmal mit zwei sogenannten „Fatrasien“, das sind mittel­alter­liche Formen absurder Poesie, die vor einiger Zeit von Ralph Dutli wieder­ent­deckt worden sind. In der neuen „Mütze“ sind es dann Bertram Reinecke und Tobias Roth, die zu auf­regenden Expeditionen zwischen Antike, Renais­sance und Moderne starten. Bertram Reinecke prä­sentiert Fragmente der legendären antiken Dichterin Sappho und ihres Kollegen Alkaios, die wohl aus den Über­setzungen des deutsch-russi­schen Univer­sal­gelehrten Jacob von Stählin stammen. Tobias Roth, der junge Münchner Dichter, Musik­wissen­schaftler und Renaissance-Spezialist, überträgt ziemlich frivole Poeme des italie­nischen Humanisten Giovanni Pontano aus dem Lateini­schen. Das Glanz­stück in dem neuen „Mütze“-Heft ist der Aufsatz des Zürcher Literatur­wissenschaft­lers Hans-Jost Frey „Sisyphus und das Plagiat“. Hier gelingt Frey das Kunst­stück, das Plagiat aus dem Kontext des krimi­nellen Text­dieb­stahls zu lösen und nicht eine morali­sierende, sondern eine strikt ästhetische Sicht auf das Verhältnis von Original und Plagiat zu entwickeln. Am Beispiel eines Baudelaire-Gedichts, das im Grunde nur zwei Gedichte von Kollegen zu einem eigenen Gedicht montiert, stellt Frey die Grenz­ziehung zwischen Original und Wieder­holung in Frage: „Die eigent­lich wichtige Frage ist nicht, wem ein Text gehört, sondern die…noch elemen­tarere, ob ein Text über­haupt ein Besitz sein kann.“ (…)

Displej.eu: Zeitgenössische Poesie aus Tschechien, Deutschland und der Slowakei.
Randnummer (Sonderheft) in Zusammenarbeit mit Psí víno
c/o Peter Dietze, DISPLEJ.eu, Fehmarner Str. 23, 13353 Berlin. 240 Seiten, ca. 15 Euro.

Mütze, Heft 8
Obere Steingrubenstrasse 30, CH-4500 Solothurn, 52 Seiten, 8 Euro.

Merkur, Heft 7/2014 und 12/2014
Mommsenstr. 27, 10629 Berlin, 96 Seiten, je 12 Euro.

39. Ein Pariser in Leipzig

Wie der Pariser Schriftsteller Alain Lance 1962 an die Karl-Marx-Universität Leipzig kam, in der Mensa immer Ente mit Rotkohl essen  und eine Woche auf einer LPG arbeiten mußte, berichtet er der Leipziger Volkszeitung.

38. Celans Vortrag

Als der in Paris lebende Dichter [Paul Celan] Anfang der 50er Jahre erstmals – und letztmals – vor der Gruppe 47 las, höhnte Hans Werner Richter später über Celans Vortrag der „Todesfuge“ , es sei ein „Singsang“ gewesen wie in einer Synagoge. Einer habe gesagt „Der liest ja wie Goebbels“, erinnerte sich später Walter Jens.

Die Geschichte hat den dünkelhaften Herrenclub nachdrücklich widerlegt. Die „Todesfuge“ kennt heute fast jedes (Schul-)Kind, den Schriftsteller Richter nur noch Literaturwissenschaftler.

Tatsächlich las Celan seine Gedichte in jüdischer Tradition in einem hohen, sehr rhythmischen, fast hypnotischen Ton, manchmal schnarrend, ein wenig leiernd. Er verweilte, wie er später einmal schrieb, bei den Worten „wie in einer Meditation“. Nichts sollte vom Geschriebenen ablenken. Er war ja Dichter. / Claudia Bockholt, Mittelbayerische Zeitung

37. Gruß aus Fernen

Es gibt nicht nur Wolken (nicht Wölkchen) in Hosen, es gibt auch Kopeken in Briefmarken:

Anzeige des Chárkower „Proletariers“ (Nr. 256): „Wie wird man Schriftsteller? Einzelheiten gegen Einsendung von fünfzig Kopeken in Briefmarken. Station Slawjánsk der Donéz-Eisenbahn Postfach Nr. 11.“

Hätten Sie nicht Lust?

Wladimir Majakowski: Wie macht man Verse? In: Walter Höllerer: Theorie der modernen Lyrik. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1965, S. 293. (Deutsch von Siegfried Behring)

36. Eine Generation

„Die schwarze Nacht gab mir schwarze Augen. / Doch ich suche mit ihnen das Licht.“ Das Gedicht Eine Generation ist lediglich zwei Verse lang, verfasst von Gu Cheng, geboren 1956 in Peking. In wenigen Worten hat Cheng das Gefühl der „verlorenen Generation“ in China zum Ausdruck gebracht; das kann so nur ein Gedicht oder ein Song. Gu Chengs Lyrik machte ihn in seiner Heimat zur Persona non grata. Er exilierte nach Neuseeland, wo er am 7. Oktober 1993 zunächst seine Frau und dann sich selbst tötete.

Die Geschichtsschreibung dieser Literatur ist eine besondere, agiert zugleich verdeckt und offen. Von Ausnahmen abgesehen, sind es ja nicht Zahlen und Fakten, mit denen historisch einschneidende Situationen oder gesellschaftliche Großwetterlagen in den Blick genommen werden. Fiktion und Faktisches treten in ein unauflösbares Spannungsverhältnis zueinander, und in ihrer bildlichen Rede erzeugen Gedichte wie das von Cheng ebenso intensive Eindrücke wie ein Augenzeugenbericht. / Beate Tröger in einer Rezension der Anthologie von Joachim Sartorius, Freitag

Hier noch ein informativer Auszug:

Angehängt sind in einer Schreckenskammer Gedichte von Josef Stalin, Mussolini, Mao Tse-tung, Kim Il-sung und Radovan Karadžić, auf Muammar al-Gaddafis seichte Verse hat Sartorius dagegen wohlweislich ganz verzichtet.

Niemals eine Atempause. Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert Joachim Sartorius Kiepenheuer & Witsch 2014, 348 S., 22,99 €

35. Magischer Zustand

Friederike Mayröcker ist eine wahrhaft große Dichterin. Das Schreiben ist für sie, wie sie in einem Zeitungsgespräch erläutert, ein „total anderer Zustand“: „Es ist fast, wie wenn ich eine Droge nehmen würde. […] Es ist ein magischer Zustand. Ich rede nicht gerne darüber. Ich empfinde es beinahe als Verrat, darüber zu sprechen. Es ist auch für mich ein Geheimnis.“

Ihr dichterisches Selbstverständnis ist, wie das folgende Gedicht zeigt, beeindruckend klar:

für CF am frühen Morgen (15. 1. 05)

ist das 1 Gedicht, sagt CF, ja
das ist 1 Gedicht: indem ich sage das ist
1 Gedicht ist es 1 Gedicht. Meine
Ärztin sagt, essen Sie 1 Gedicht, ich
weisz nicht wie man es kocht, sage ich. Wenn Antoni
Tàpies sagt, diese weisze Form ist 1 Sessel, erkenne
ich in dieser weiszen Form einen Sessel, ins
Zentrum gerückt. Indem ich von einem Urinoir sage, das
ist 1 Kunstwerk, sagt Marcel Duchamp, ist
es 1 Kunstwerk. Indem ich sage, die
weiszen Schäfchen am Himmel, sind es die
weiszen Schäfchen am Himmel“.

Die Lyrikerin besteht auf der Kraft ihrer Sprache, ist sich des „magischen Zustands“ ihres Schreibens bewusst. Sie versteht sich als „Sprachzauberin“ mit höchster dichterischer Autorität und reiht sich mit diesem Anspruch ein in die Gruppe von Künstlern, deren Kriterium für Kunst, wie sie behaupten, in ihnen selbst liege: Ihr Werk sei, inspiriert von ihnen, den Künstlern, immer Kunst.

Ähnlich äußert sich Mayröcker in einem Zeitungsgespräch aus dem Jahr 2012: „Es gibt sogar Momente, in denen ich darüber nachdenke, was wohl die Leser zu einem bestimmten Satz sagen werden. Trotzdem würde ich ihn nie deswegen ändern. Er kann nur so lauten, wie er da steht. Mir geht es immer nur um die Sprache. Um ihre Funktionsweise, vor allem ihre Schönheit. Handlung, Botschaft, interessiert mich alles nicht.“

Die Schlusszeilen ihres Gedichts für CF am frühen Morgen erinnern in ihrer herausfordernden Bestimmtheit an einen frühen Tagebucheintrag Franz Kafkas vom 19. Februar 1911: „Die besondere Art meiner Inspiration […] ist die, dass ich alles kann, nicht nur auf eine bestimmte Arbeit hin. Wenn ich wahllos einen Satz hinschreibe z. B. Er schaute aus dem Fenster so ist er schon vollkommen.“ So wie sich Kafka als „vollkommenen“ Dichter sieht, sieht sich die Lyrikerin als eine Schöpferin von Sprachbildern, deren Wahrheit durch nichts als den dichterischen Text selbst konstituiert wird und darin vollständig zum Ausdruck kommt. / Herbert Fuchs, literaturkritik.de

34. Zwischen Tiefsinn und Nonsense

Dostojewskij als Dichter des Absurden.
Eine literarhistorische Recherche von Felix Philipp Ingold.

Fjodor Dostojewskij gilt gemeinhin als der tiefsinnigste unter den großen russischen Erzählern des 19. Jahrhunderts – als ein „grausames“  philosophisches Talent, als literarischer Apokalyptiker und fanatischer Nationalist. Man schreibt ihm die Erfindung der „Romantragödie“ zu, glaubt in ihm den Propheten der russischen Revolution zu erkennen und ist fasziniert von seinen abgründigen psychologischen Einsichten. Friedrich Nietzsche wie Albert Einstein oder Albert Camus bezogen sich mit höchstem Respekt auf Dostojewskij, adoptierten ihn als ihren magistralen Vordenker. Dass Dostojewskij freilich nicht nur ein luzider Schwarzseher und prophetischer Tragiker war, ist durch seine Humoresken (etwa Das Krokodil, Der ewige Gatte oder Der Doppelgänger) wie auch durch manch eine komische Romanepisode belegt, doch zumeist mutiert bei ihm die Komik ins Skandalöse oder in den Wahnsinn – selbst der scheinbar unbedarfte Traum eines lächerlichen Menschen verdichtet sich schließlich zu einer fatalen Endzeitvision, wird zum Abgesang nicht allein auf den gewöhnlichen „Menschen wie du und ich“, sondern auf die Menschheit und das Menschentum schlechthin.

Um so mehr ist man beim Durchblättern von Fjodor Dostojewskijs umfangreichen Notiz- und Arbeitsheften erstaunt, immer wieder auf das Stichwort „Poesie“ (oder „Verse“) zu stoßen und darüber hinaus auf diverse Gedichte und Gedichtentwürfe von der Hand des Autors. Dessen Interesse an poetischen Texten beschränkte sich ansonsten, wie seinen diesbezüglichen Schriften und Reden zu entnehmen ist, auf thematische Vorgaben, auf Ideen und Aussagen, wohingegen er formale künstlerische Qualitäten weitgehend außer Acht ließ. Dies wiederum kontrastiert mit der Tatsache, dass Dostojewskij bei der Arbeit an eigenen Gedichten gerade auf die prosodische Formgebung – Metrum, Reim, Strophik – besonderen Wert legte: Das Streben nach regelhafter Präzision ist für Autodidakten und Gelegenheitspoeten durchaus charakteristisch. Dazu kommt als weiteres bemerkenswertes Faktum, dass alle dichterischen Versuche Dostojewskijs auf komische, wenn nicht groteske Effekte angelegt sind, wie man sie vorab aus der russischen Verssatire oder der Volkspoesie kennt. Gerade die penible Verbindung von strenger Form und Komik verleiht den Gedichten einen unmittelbaren Reiz.

Beispielshalber seien hier die Verse von der unerwünschten Kakerlake angeführt; sie lauten in meiner Übersetzung wie folgt:

Es war mal eine Kakerlake,
’ne Kakerlake von kleinauf,
Und dann an einem schönen Tage
Fiel ihr ein Glas voll Fliegen auf.

Die Kakerlake kriecht ins Fliegenglas,
Die Fliegen heben an zu murren:
„Schon viel zu voll ist unser Glas“,
So rufen sie zu Zeus und knurren.

Noch während sich ihr Zorn ergoss,
Erschien Nikífor auf der Szene,
Ein edler Greis, von Würde groß …

Dostojewskij hat dieses titellose fragmentarische Gedicht niemals separat unter seinem eigenen Namen publiziert, er hat es aber in den Roman Die Dämonen eingerückt, und zwar als ein Werk des Hauptmanns Ignat Lebjadkin, eines ebenso unbedarften wie ruchlosen Schwerenöters, den er verschiedentlich als dilettierenden Poeten auftreten lässt. Lebjadkin wird somit zur „Maske“, zu einer „Persona“ des Autors, unter dessen Diktat er, ständig schwankend zwischen Wahn und Sinn, seine absurden Verse zum Besten gibt. Im Roman bleiben ihm mehrere Auftritte vorbehalten, bei denen er mit „eigenen“ Gedichten zu glänzen und zu beeindrucken versucht, mit Gedichten also, die Dostojewskij „eigens“ für diesen Zweck abgefasst und unter dem Pseudonym des gockelhaften Hauptmanns in seinen Roman eingebracht hat.

Im definitiven Gesamttext der Dämonen finden sich insgesamt sechs – unabgeschlossene – dichterische Versuche Lebjadkins, die teils seine schwärmerische, aber hoffnungslose Liebe zu Lisa Tuschina thematisieren, teils ewige Fragen wie die nach dem „Grenzenlosen“ zum Gegenstand haben. Letzteres gilt – der volksliedhaften Intonation zum Trotz – auch für das oben eingerückte Gedichtfragment, mit dem Dostojewskij alias Lebjadkin auf die Unerbittlichkeit des Naturgesetzes anspielt, das stets den Stärkeren (in diesem Fall die Kakerlake) über die Schwächeren (die Fliegen) triumphieren, sie verdrängen oder gar auffressen lässt. Zur Intention und zum Abbruch des Gedichts lässt sich der Hauptmann gegenüber seiner einzigen Zuhörerin (in Teil I, Kap. 5 des Romans) folgendermaßen vernehmen: „Weiter ist es noch nicht gediehen, egal, ich sag’s mit gewöhnlichen Worten! Nikifor packt das Glas, und trotz der Schreierei kippt er die ganze Komedí, Fliegen wie Kakerlake, in den Trog, was schon lange nötig gewesen wäre. Beachten Sie aber, beachten Sie, gnädige Frau, die Kakerlake murrt nicht! Das ist meine Antwort auf Ihre Frage: ‚Warum?‘ – ‚Eine Kakerlake murrt nie!‘“

Wenn sich Lebjadkin (im Arbeitsjournal noch „Kartusow“ genannt) unter Alkoholeinfluss als Genie empfiehlt und sich als solches auch mit seinen Versen aufspielt, so kann er in nüchternen Momenten seinen Status als Autor durchaus zutreffend einschätzen. „Ich bin überhaupt kein Literat und Poet“, sagt er einmal: „Vor allem bin ich kein Poet, doch in Petersburg ist mir manches ein Horror.“ Der Bruch inmitten des Satzes – der übergangslose Wechsel von der eitlen Poeterei zur schlechten Alltäglichkeit – ist für Kartusows psychische Befindlichkeit ebenso charakteristisch wie für seine inkohärente Schreibweise, die in jeder Beziehung und auf jeder Ebene (Syntax, Lexik, Metaphorik usf.) Ungleiches gleichzumachen versucht und gerade daraus ihr komisches Potenzial gewinnt.

Dieses vorab in der literarischen Parodie angewandte Verfahren hat Dostojewskij nicht etwa eigens für seinen graphomanischen Hauptmann entwickelt, vielmehr hat er es direkt aus der populären russischen Kitsch- und Stusspoesie übernommen: Das Gedicht auf die Kakerlake ist eigentlich ein parodistisches Plagiat nach einer weitgehend gleichlautenden Vorlage des damals vielgelesenen Poeten Iwan Mjatlew und bekommt dadurch eine zusätzliche Bedeutungsperspektive – es wird nicht nur zur Charakterisierung Kartusows beziehungsweise Lebjadkins eingesetzt, es kann auch als implizite Kritik an der zeitgenössischen russischen Gebrauchs- und „Galanterielyrik“ aufgefasst werden.

In einer handschriftlichen Skizze Dostojewskijs zur Figur des Kartusow-Lebjadkin findet sich eine über mehrere Seiten sich erstreckende Episode, die als absurdistischer Dialog zwischen dem Amateurpoeten und einem Polizeimeister (oder General) angelegt ist. Die gar nicht so ungleichen Gesprächspartner debattieren über das Kakerlakengedicht, wobei der Polizeimeister den Versfuß „Amphibrachys“ unentwegt mit den Begriffen „Amphitheater“ und „Amphibien“ durcheinanderbringt – doch diesen vernichtenden Seitenhieb auf die Inkompetenz der zaristischen Zensurbehörde hat Dostojewskij in der Druckfassung der Dämonen wohlweislich gestrichen. – „Nun, was ist der Sinn dieser Zeilen?“, fragt der Polizeigeneral den Dichter Kartusow, und dieser antwortet: „Hm … ja, was? Was für ein Sinn? Satire, Fabel, nichtiges Versatzstück …“ – „Ein Glas voll Fliegen, aber die Fliegen, wenn der Tisch unsauber ist, dann bleiben die Fliegen doch kleben und kippen um.“ – „Eigentlich wollte ich an der Stelle nicht ‚ein Glas voll Fliegen‘ schreiben, sondern

… kriecht ins Fliegenglas,
mit Nachwuchs reich bedacht.

Hab’s eigentlich für die Schönheit geschrieben … heißt um des Stiles willen … da sie [die Kakerlake] aber keinen Nachwuchs kriegen konnte, hab ich es dann doch nicht geschrieben.

Ein Glas voll Fliegen.

Kakerlake von kleinauf, d. h. noch in den Windeln oder, besser gesagt, von Geburt an. Also dann:

Es war mal eine Kakerlake
……………………………
………….. Glas voll Fliegen.“ Usf.

Obzwar es sich bei all diesen trivialen „Gedichtlein“ und „Wörtchen“ um Originalverse Dostojewskijs handelt, sind es natürlich fingierte Texte, die der Autor seinen gleichermaßen fiktiven Figuren zuschreibt beziehungsweise in den Mund legt. Zu diesen Figuren gehört übrigens auch (in Die Brüder Karamasow) der finstere Vatermörder und Gelegenheitspoet Smerdjakow, der sich mit folgenden Versen vernehmen lässt und damit den letzten Rest an Menschlichkeit zu erkennen gibt, den er in sich trägt:

Unbezwingbar sind die Kräfte,
Die mich an die Liebste heften.
Herr, erbarme dich
Ihrer und meiner!
Ihrer und meiner!
Ihrer und meiner!

Interpreten und Kritiker scheinen diese gewollt amateurhaften Strophen mehrheitlich zu übersehen, oder sie lassen sie bewusst unbeachtet, weil sie sie für irrelevant, für nichtssagend, womöglich für peinlich halten.

Doch nichts bei Dostojewskij ist nichtssagend – seiner graphomanischen Schreibweise zum Trotz haben in seinem Werk jede Redewendung, jeder Eigen- und Ortsname, jedes Requisit und selbst die Satzzeichen eine vorbestimmte Bedeutung, die dem Leser bei der Sinnsuche hilfreich sein kann. Das gilt gerade auch für die nur scheinbar sinnleeren lyrischen Versuche, denen sich gerade die nichtswürdigsten seiner Romanfiguren mit größter Leidenschaft und geringstem Ertrag hingeben. Dostojewskij selbst hat in einem von 1864 datierten Vierzeiler das miniaturhafte Modell für diese Art von Dichtung vorgegeben. In den Versen „Auf einen bayerischen Obersten“ – so lautet der merkwürdige Titel – reimt er in exakter Metrik die folgende Strophe zusammen:

Ich fliege, fliege rückwärts weiter,
Ich will nach hinten fallen, ja … ach!
Mal ist es dunkel und mal heiter:
Wenn heute Matt, so morgen Schach.

Das ist eine kleine versifizierte Lebenslehre, die jenseits von Gut und Böse – in einer gleichsam verkehrten Welt – nur noch auf den Zufall, den ständigen Wandel, die absurde Normalität verweist. Es ist aber auch eine verkappte Polemik gegen jede Art von „schöner Literatur“, die formstreng, harmonisch, belehrend oder wenigstens anrührend sein will: Unsinnspoesie, wie es sie in allen literarischen Kulturen und Epochen zumindest als Randphänomen gegeben hat, die aber erst in der europäischen Moderne – mit der absurden Dichtung des Futurismus, Dadaismus, Surrealismus und der russischen „realen“ Wortkunst – für verhältnismäßig kurze Zeit an die Front der Literaturentwicklung rückte und als Dominante gelten konnte.

II
In Dostojewskijs Arbeitsheften zu den Dämonen – sie liegen auf Deutsch noch immer nicht vor und sind bisher kaum ausgewertet worden – ist von Lebjadkin und seinen poetischen Possen weit öfter und ausführlicher die Rede als im Roman. Der sprechende Name„Kártusow“ (oder „von Kartusow“), unter dem Dostojewskij den Hauptmann in seinen literarischen Vorstufen auftreten lässt, ist abgeleitet von russ. kartús, „Schirmmütze“. In einem seiner Notate zur Figur des Kartusow assoziiert Dostojewskij die „Schirmmütze“ mit einer „Narrenkappe“ und verweist seinen Antihelden ins „Irrenhaus“. Als bewusste, wenn auch semantisch falsche Anspielung auf Ignorant und Intrigant ist wohl Kartusows Vorname „Ignát“ zu verstehen, der später in die Romanfassung übernommen und für „Lebjadkin“ (von russ. lebjed, „Schwan“) eingesetzt wird. Lebjadkin selbst – als Romanfigur – bezieht sich auf den „Schwan“, den er nun definitiv in seinem Namen trägt, als Symbolgestalt für Reinheit, Schönheit, Poesie, ohne sich allerdings klar zu machen, dass die Namensähnlichkeit seine eigene Nichtigkeit und Verkommenheit umso krasser hervortreten lässt. So gerät sein idealisiertes Selbstbild vollends zur Karikatur.

Offenkundig war für Ignat Lebjadkin zunächst eine gewichtigere Rolle im Verschwörerkreis um den Fürsten Stawrogin vorgesehen: Als ambivalente Witzfigur – harmloser Trottel? Eitler Bösewicht? – hätte er wohl eine Gegenposition zu den fanatischen Terroristen markieren sollen, die aus unterschiedlichsten Motiven ein totalitäres Regime errichten wollen und auf dem Weg dorthin einen ihrer Mitverschwörer gemeinsam ermorden, um ihre Blutsbrüderschaft zu bekräftigen. Lebjadkin, dem sentimentalen Trunkenbold, sollte es vorbehalten sein, die hochfahrenden Theorien und den Machtwahn der kriminellen Clique zu konterkarieren mit seinen albernen Gelegenheitsversen, die er vorzugsweise in Damengesellschaft vorträgt, gern aber auch in werbenden Sendschreiben verschickt.

Um der Liebe willen dichtet der Hauptmann eine gereimte Botschaft an die von ihm aufs Höchste verehrte, doch vergeblich begehrte Jelisaweta (Elisabeth) Tuschina. Dabei ist ihm durchaus klar, dass allein schon „der Gedanke an eine Ehe“ mit der sehr jungen, für ihn unerreichbaren Geliebten „urkomisch erscheinen könnte“, und urkomisch ist denn auch, was er ihr in fahrigen Versen („verfasst von einem unbedarften Eiferer“) und mit tragikomischem Unterton brieflich zur Kenntnis bringt:

O wie ist sie lieb und nett,
Die Túschina Elisabeth,
Wenn sie im Damensattel mit dem Engvertrauten
Dahinfliegt und ihre Locken mit den Winden schaukeln.
Oder wenn sie mit der Mutter in der Kirche kniet
Und süss ihr Wangenrot erglüht –
Dann wünsch ich mir erlaubte eheliche Freuden
Und sende eine Träne allen beiden.

Prekär ist hier, wie Dostojewskij in seinem Schreibheft notiert, der Ausdruck „in den Winden“ (der sich auch auf „Fürze“ beziehen könnte), doch den Verfasser des Gedichts lässt er beschwichtigend räsonieren: „Nur ein Schuft kann dem eine andere Bedeutung geben … Wenn die Winde wehen, dann schaukeln die Locken. Das ist ein poetischer Gedanke … in der Poesie ist das durchaus zulässig.“ So oder anders – die Angebetete vermutet „irgendeinen Dummkopf“ als Urheber der poetischen Epistel und legt den Brief verachtungsvoll beiseite – sie kann nicht wissen, dass Lebjadkin noch ein paar weitere Verse unter der Hand hat, die er gern seinen Saufkumpanen vorträgt und durch die sie sich in ihrer Ehre verletzt fühlen müsste:

Die Allerschönste brach sich ach ein Glied
Und wurde dadurch umso intressanter,
Und umso mehr war der in sie verliebt,
Der längst verliebt war wie kein andrer.

Eine noch explizitere (nicht in den Romantext aufgenommene) Strophe findet sich in Fjodor Dostojewskijs Arbeitsnotizen:

Gestatten Sie, das ist mein liebender Erguss,
Geruhn Sie meinen Antrag zu erhören,
Auf dass rechtschaffenen Genuss
Ein andres Glied mir wird bescheren.

Weniger rezent ist demgegenüber ein anderer Vierzeiler aus dem selben Arbeitsheft:

Sie war der Engel im Familienkreis
Ihr Vater hatte Rang im Dienst des Zaren
Und zu Hause Kinder … Zwar kenn ich keinen Reim auf „Eis“,
Doch meine Freundschaft werde ich bewahren.

Zu Lebjadkins Selbstinszenierung als aufopferungsvoller Sohn des Vaterlands gehört nicht zuletzt sein pathetischer Bericht aus dem Krimkrieg, der ihn zum Invaliden gemacht habe: Durch eine feindliche Granate sei ihm bei der Verteidigung Sewastópols ein Arm abgerissen worden. Doch selbst diese Anekdote – sie ist natürlich erlogen und erstunken – macht er zu einer Herzens- beziehungsweise Liebesangelegenheit; die Theatralität seiner Darbietung wird unterstrichen dadurch, dass er sich in der dritten Person mit seinem eigenen Namen in die Verse einbringt:

Der Liebe flammende Granate
Zerspritzte in der Brust Ignatens.
Der greinte nun in bittern Qualen,
Ein Arm war ihm in Sewastópol abgefallen.

Und völlig besoffen intoniert der abgewrackte Hauptmann für die begehrte Tuschina gleich noch eine „Variante“ zu seinem kleinen Heldenlied – gröhlend:

Da flattert hoch zu Ross ein Stern vorbei
Im Reigen all der Amazonen;
Ein a-delí-ges Mädchen ist dabei,
Tut mich mit seinem Lächeln lohnen.

„Im Reigen all der Amazonen“, so kommentiert der Hauptmann (der sich einen „Ehrenritter“ nennt) seine holperigen Zeilen: „Das ist eine Hymne, nicht wahr? Es ist eine Hymne oder … aber du bist ein Esel! Solche Nichtsnutze kapieren das nicht!“ –

Die längste und formstärkste seiner „Hymnen“, ein fünfstrophiges titelloses Gedicht, ist ebenfalls der edlen Kindfrau Tuschina gewidmet und setzt sich aus strukturellen wie thematischen Elementen der beiden vorigen Strophen zusammen. Auch hier steht das Kastrationsmotiv des abgetrennten Glieds im Vordergrund und dahinter der Wunsch, den „Bruch“, den „Verlust“ durch die Ehe wieder gutzumachen:

Die Schönste von allen brach sich ein Glied
Und wurde dadurch dreimal intressanter,
Und dreifach wuchs der Liebestrieb
Des Liebenden, schon vor dem Glied bestand er.

War schon verliebt, als bloß ein Spalt
Die beiden Glieder trennte.
Und hört nicht auf, wenn alsobald
’ne ganze Welt dazwischen läge.

Das Spielding war nun halt kaputt,
Passiert war’s beim Mazurkareigen,
Vergesst nicht meine Liebesglut,
Ich sah es in den Damensattel steigen.

Schluss und vorbei! Schon liegt im Grab
Das eine von den jungen Gliedern,
Doch auch der Rest hält mich auf Trab,
Gäb‘ es ihn nicht, ich würd‘ ihn gleichwohl lieben.

Gestatten Sie mir meinen Liebesguss,
Gestatten, meinen Antrag anzunehmen,
Die Ehe garantiert berechtigten Genuss,
Uns soll das Glied nicht mehr beschämen.

Dass Dostojewskij diese einzige in sich geschlossene Dichtung Kartusows nicht in die Dämonen aufgenommen hat, mag darin begründet sein, dass er den Hauptmann als Romangestalt im Verlauf seiner Schreibarbeit mehr und mehr abgebaut, ihn zuletzt lediglich als komische Nebenfigur beibehalten und deshalb auch seine dichterischen Versuche entsprechend reduziert hat. Erst mit der Veröffentlichung des Skizzenhefts zum späteren Roman (1974) ist dieses Gedicht für einen engen Leserkreis zugänglich geworden – dass der Text während rund eines Jahrhunderts unter Verschluss geblieben ist, ändert nichts an seiner literarhistorischen Bedeutung.

Ein weiteres Beispiel aus Dostojewskijs dichterischem Schaffen findet sich in seinem Notizbuch von 1864/1865 und steht dort im Kontext seiner Aufzeichnungen zu der entstehenden Groteske Das Krokodil (1865). Das kleine lyrische Stück ist hier nicht irgendeiner Kunstfigur zugeordnet – es steht ohne erkennbaren Zusammenhang inmitten disparater Notate, ist aber keineswegs bloß flüchtig hingeschrieben, sondern formal bis ins Detail ausgearbeitet. Das völlig vergessene Gedicht ist Beleg dafür, dass Dostojewskij auch ohne literarische Maske – vermutlich einfach zu eigenem Amüsement – solch komische Verse zusammenreimte. Hier kommt der Text in deutscher Erstübersetzung:

Ins Tal der bürgerlichen Zähren
Schlug ein Gewitter ein.
Wenn in Kasán die Waisen plärren,
Strömt jede Träne von allein.

So üppig flossen all die Tränen,
Dass daraus ward ein Teich.
Bei Frost – das ist noch zu erwähnen –
Dient er dem Schlittschuhlauf zugleich.

Da laufen gleitend Offiziere,
Studenten, Dichter, ein Chirürg,
Dazu die Monchéris aus edlerem Reviere
Und auch ein angereister eitler Türk.

III
Mit seinen primitivistischen Strophen hat Fjodor Dostojewskij den Prototyp für die absurde Dichtung der russischen Moderne (und auch noch der Postmoderne) geschaffen. Vorab mit den fingierten Gelegenheitsgedichten des Hauptmanns Lebjadkin wurde er zum Vorbild für eine Reihe von wortführenden Autoren der 1910er- bis 1930er- Jahre. Die Lyrikerin Anna Achmatowa scheint als erste auf ihn aufmerksam geworden zu sein und auch auf ihn aufmerksam gemacht zu haben, sie selbst vermochte allerdings mit dieser Art von Unsinnspoesie nichts anzufangen: Mit ihrem neoklassizistischen Stilgefühl war Lebjadkin nicht kompatibel – sie glaubte in ihm eher einen Vorboten der Literaturvernichtung denn der Literaturerneuerung zu erkennen.

Anders die Dichter Welimir Chlebnikow, Ossip Mandelstam, Wladislaw Chodassewitsch oder Nikolaj Sabolozkij, die in ihren Unsinns- und Kinderversen das vernachlässigte Lebjadkinsche Erbe produktiv aufnahmen und innovativ fortentwickelten, bevor sie in der UdSSR aus ideologischen Gründen unter Acht und Bann fielen. – Nur ein einziger Autor jener Umbruchzeit ist allerdings zu nennen, der sein gesamtes Denken und Schaffen aus dem Fundus des graphomanischen Hauptmanns entfaltet hat: Nikolaj Olejnikow.

Olejnikow – er wurde 1937, noch keine vierzig Jahre alt, als „Volksfeind“ verhaftet und erschossen – war ein einzelgängerischer Sympathisant der Dichtergruppe „Oberiu“ (Vereinigung der Realkunst), die seit 1926 mit Autoren wie Daniil Charms, Aleksandr Wwedenskij, Nikolaj Sabolozkij gleichsam die Nachhut der künstlerischen Avantgarde der 1910er-Jahre bildete und wie diese dem stalinistischen Kulturterror zum Opfer fiel. Der von den „Oberiuten“ kollektiv und von Olejnikow individuell praktizierte Lebjadkinsche Idiotismus war darauf angelegt, das offizielle „Parteichinesisch“ wie auch, späterhin, die Kriterien des sogenannten Sozialistischen Realismus zu unterlaufen, wurde aber von der Zensurbehörde in seiner subversiven Sprengkraft erkannt und konsequent aus dem sowjetischen Literaturbetrieb verdrängt.

Nikolaj Olejnikow, der sich im postrevolutionären Bürgerkrieg als Rotgardist engagiert hatte und nur knapp dem Tod entgangen war, hat sich autodidaktisch in Mathematik und Physik ausgebildet, und er war auch – belesen wie kaum jemand sonst in seiner Generation – als Dichter ein genialischer Autodidakt. Das Unvermögen seines Vorbilds „Lebjadkin“ hat er bewusst zu seiner Stärke gemacht: Wenn jener mit seinem Nichtkönnen und seinem schlechten Geschmack zu beeindrucken versuchte, war Olejnikow umgekehrt bemüht, als vielseitig „gelehrter“ Autor das Gelernte nach Möglichkeit zu vergessen und sich um eine idiotische Ausdrucksweise zu bemühen in einer Welt, die um 1930 auch sprachlich schon weitgehend purgiert und nivelliert war.

Die Poetik der oberiutischen Unsinnsdichtung war dem metaphysischen Überschwang der Symbolisten und dem proletarischen Pathos der Sowjetpoesie gleichermaßen entgegengesetzt. Nicht den Schwan und auch nicht den Traktor führte sie in ihrem Schild, sondern Dinge und Wesen, die damals wie früher kaum poesiefähig waren – Alltagsgegenstände wie der Primuskocher oder der verdreckte Stiefel und niedrige Tiere wie Fliegen, Wespen, Würmer, Kakerlaken. Auf die Lebjadkinsche Kakerlake (oder Schabe) bezieht sich eins der großen Gedichte von Olejnikow, das die Kakerlake im Titel trägt und mit einem (ungenau zitierten) Motto aus den entsprechenden Versen Dostojewskijs versehen ist. Anders als bei „Lebjadkin“ gerät die Kakerlake nicht in eine vollbesetzte Fliegenfalle und sie kann sich auch nicht rücksichtslos breitmachen unter ihren schwächeren Mitinsassen, vielmehr ist sie nun selbst ein Opfer, das gefangen gesetzt und von weit überlegenen Widersachern gepeingt wird: Man hält sie in einem Glaskolben unter Verschluss, um an ihr ein tödliches wissenschaftliches Experiment durchzuführen.

Thema des Gedichts ist hier – mit unverkennbarem Zeitbezug auf Einzelhaft, Folterung und Exekution – die Sequestrierung und Drangsalierung eines hilflosen, schuldlosen, namenlosen Individuums durch eine „Horde von Vivisektoren“. Der Anfang des Langgedichts und die Schlussstrophe lauten wie folgt:

Die Kakerlake

„Eine Kakerlake ist ins Glas geraten.“
Dostojewskij

Eine Kakerlake hockt im Glase,
Und sie saugt an ihrem rauhen Fuß,
Ist gefangen wie zur Strafe,
Weiß, dass sie bald sterben muss.

Ach wie traurig sind die Blicke,
Die sie auf den Diwan lenkt,
Wo Vivisektoren eifrig klicken
Und jeder seine Instrumente schwenkt.

Äxte, Messer breitet ein Gehilfe
Auf dem Tisch in Reih und Glied,
Er braucht dazu keine Hilfe,
Brummt ganz leis ein Lied.

Affen tun sich schwer mit Phrasen
Und Gedanken, intonieren Stuss.
Und die Kakerlake hockt im Glase,
Saugt an ihrem rauhen Fuß.

Ans Glas drückt sich die Kakerlake,
Sie starrt in letzter Atemnot …
Würd‘ sie in sich eine Seele tragen,
Sie hätte keine Angst vorm Tod.

Doch die Wissenschaft beweist es,
Eine Seele gibt es nicht,
Was es aber gibt, so heißt es,
Sind Knochen, Leber, fette Schicht.

[……………………………………….]
Nun stürzen sich die Vivisektoren
Auf die Kakerlake, um sie brutal
Zu knacken, zu durchbohren –
Sie tun es kollektiv, kollegial.

Sie zerreißen ihren Patienten
Mit hundertvier und noch mehr Instrumenten.
Ach all die Wunden und der Schmerz,
Der Kakerlake bricht’s das Herz.

[………………………………………..]
Mit einem Schauer übergießt der Regen
Das nun zerstückelte Skelett,
Da kommt ein Huhn durchaus gelegen,
Es frisst die Kakerlakenaugen – seht!

Das offensichtlich von Dostojewskij hergeleitete Motiv der verdrängten, gequälten, schließlich vernichteten Kreatur erweitert Olejnikow um eine in den 1930er-Jahren aktuelle Dimension – mit staatlicher Förderung wurden damals militanter Atheismus und wissenschaftlicher Kommunismus mit experimenteller Forschung und Technik zusammengeführt. Solche Experimente hatte auch schon Michail Bulgakow – etwa in der Meisternovelle Hundeherz – satirisch thematisiert, und auch er fiel in der Folge der sowjetischen Literaturinquisition zum Opfer. Nikolaj Olejnikow traf es allerdings wesentlich härter, denn er wurde nicht nur durch Zensurmaßnahmen behindert, er geriet darüber hinaus als volks- und parteifeindlicher „Schädling“ in die Maschinerie von Stalins Geheimpolizei und erlitt – bis zu seiner Exekution im Säuberungsjahr 1937 – mit Kerkerhaft und Folter ein Schicksal, wie er es in Die Kakerlake am Beispiel eines verachteten Insekts selbst vorweggenommen hatte. An diesem Punkt fallen, wenn man das Gedicht im Rückblick liest, Idiotie und Prophetie in eins. Mit Fjodor Dostojewskij verbindet ihn weit mehr als eine frappante literarische Filiation, die von einer Kakerlake zur andern führt: Olejnikow teilt mit seinem Vorbild auch die luzide Fähigkeit, ein scheinbar nichtiges Sujet unversehens in eine epochale Perspektive zu rücken und damit tatsächlich die Verrücktheit (wörtlich begriffen) als Offenbarung glaubhaft zu machen. Oder anders, allgemeiner gesagt: Selbst aus der Unbedarftheit – und durch sie – vermag Literatur, dem gesunden Menschenverstand zum Trotz, ihre eigene, oft unerquickliche, manchmal tragische Wahrheit zu behaupten.

Der vorliegende Essay wurde ausgearbeitet anhand der Vollständigen Werkausgabe in 30 Bänden (Leningrad, 1972–1990) von Fjodor Dostojewskij; die Bände 10 und 11 (1974) enthalten den Roman Dämonen sowie, erstmals vollständig, die dazugehörigen Arbeits- und Notizhefte. – Dostojewskijs nachgelassene Tagebücher der Jahre 1860 bis 1881 liegen vor in der archivalischen Schriftenreihe Literarische Hinterlassenschaft (Band 83, Moskau 1971). – Das lyrische Werk von Nikolaj Olejnikow – kundig eingeführt von Lidija Ginsburg – ist greifbar in dem Band Ein Strudel von Leidenschaften (Leningrad 1991). – Sämtliche Zitate (und deren Übersetzung durch den Vf.) folgen diesen russischen Textausgaben.

Felix Philipp Ingold arbeitet als Schriftsteller und Publizist im Waadtländer Jura; zuletzt sind vom erschienen: Nee die Ideen (Gedichte) sowie Leben und Werk (Matthes & Seitz, Berlin 2014). Im Dezember erscheint: Lew Schestow, Apotheose der Grundlosigkeit (Matthes & Seitz, Berlin).

Der Essay erschien in Volltext 4/2014 und wird hier mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers wiedergegeben.

33. Zukunftsentwürfe und Zivilgesellschaft

Der Kongress „Werte und Wandel. Zukunftsentwürfe für Kultur und Zivilgesellschaft in der Ukraine, Belarus, Moldau und Georgien“ versammelt Intellektuelle, Kulturschaffende und Zivilgesellschaftsaktivisten aus den genannten Ländern und Deutschland und geht in Workshops und Diskussionen der Frage nach, welche Konzepte für die Zivilgesellschaftentwicklung es angesichts der zunehmenden Bedrohungen für demokratische Entwicklungen seitens Russlands und der islamischen Welt in den kommenden Jahren geben kann.

Als Referenten sind unter anderem eingeladen: Serhij Zhadan, Karl Schlögel, Yaroslav Hrytsak, Belorusets Yevgenia, Andrij Bondar, Ostap Slyvynsky und Nicoleta Esinencu.

Weitere Informationen unter http://valuesandchange.de/ | https://www.facebook.com/events/745300625549173/

32. American Life in Poetry: Column 506

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I flunked college physics, and anything smaller than a BB is too small for me to understand. But here’s James Crews, whose home is in St. Louis, “relatively” at ease with the smallest things we’ve been told are all around and in us.

God Particles

I could almost hear their soft collisions
on the cold air today, but when I came in,

shed my layers and stood alone by the fire,
I felt them float toward me like spores

flung far from their source, having crossed
miles of oceans and fields unknown to most

just to keep my body fixed to its place
on the earth. Call them God if you must,

these messengers that bring hard evidence
of what I once was and where I have been—

filling me with bits of stardust, whaleskin,
goosedown from the pillow where Einstein

once slept, tucked in his cottage in New Jersey,
dreaming of things I know I’ll never see.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by James Crews, whose most recent book of poems is The Book of What Stays, University of Nebraska Press, 2011. Poem reprinted from Ruminate Magazine, Issue 29, Autumn 2013, by permission of James Crews and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

31. Whitman poem discovered

An associate professor of art history at University of Nebraska-Lincoln has discovered a new poem by Walt Whitman.

Wendy Katz was working as a Smithsonian senior fellow in Washington, D.C., researching art criticism in the penny newspapers, when she found a poem in the June 23, 1842 issue of the „New Era“ by „W.W.“

The poem, “To Bryant, the Poet of Nature,” addresses William Cullen Bryant, an American romantic poet and editor of the New York Evening Post.

Her recently published article in the summer/fall 2014 issue of the “Walt Whitman Quarterly Review” outlines her reasons for believing the poem was by Whitman. / omaha.com

30. Arten von Dichtern nach Art der Begabung

(Scaliger)

Nach der Begabung unterscheidet Scaliger (Arten von Dichtern (Scaliger)) 2 Arten von Dichtern. „Daß sie sich durch ihre Begabung unterscheiden, sagen sowohl Platon als auch Aristoteles. Die einen würden nämlich als solche geboren, die anderen dagegen, von Geburt unempfindlich oder gar roh und ungeeignet, würden von Raserei erfaßt und so von der gemeinen Sinnenwelt abgezogen; dies sei Götterwerk, und die Götter bedienten sich ihrer als Diener.“ [1]

Deshalb nenne Platon sie im „Ion“ „Mittler“ und Diener der Götter. [2] Scaliger betont, daß dies Platons Aussagen im „Staat“ über die Dichter, die keinen Platz im Staat haben, weil sie lügen, relativiere. Wenn Platon einige Schriften der Dichter verdamme, brauche man deswegen nicht auf die übrigen zu verzichten, die Platon selbst häufig zitiert. [3]

Die Dichter riefen also die Musen an, „damit sie von Raserei erfüllt vollbringen, was ihre Aufgabe ist.“ A.a.O. Von diesen „Gottbegeisterten“ habe er 2 Arten festgestellt. „Der ersten kommt jene göttliche Kraft vom Himmel herab von selbst und unvermutet zu Hilfe, oder einfach auf einen Anruf hin…“ [4] Er erwähnt auch, daß Hesiod sich selbst zu dieser Gruppe zähle. [5] Homer aber werde allgemein ebenfalls dazugezählt.

  • „Die zweite Art schärfen die Ausdünstungen des Weines, die die Werkzeuge der Seele und den Geist selbst von den stofflichen Teilen des Körpers hinwegziehen. Als solchen bezeichnet Horaz Ennius [6]; als solchen bezeichnen wir Horaz. Über Alkaios und Aristophanes ist dasselbe überliefert. Auch Alkman war von dieser üblen Nachrede nicht frei, und selbst Sophokles hat es dem Aischylos vorgeworfen.“ [7]: ‚Der Wein‘, sagte er, ’nicht er selbst sei der Verfasser seiner Tragödien“. [8]

Quelle:

  • Iulius Caesar Scaliger: Poetices libri septem. Sieben Bücher über die Dichtkunst. Hrsg. Luc Deitz und Gregor Vogt-Spira. Band I. Bücher 1 und 2. Stuttgart-Bad Cannstatt 1994. Erstes Buch („Historicus“), Kap. 2: Der Name „Dichter“, die Herkunft der Dichtung, sowie die Wirk-, Form- und Stoffursache. S. 73-91.

Zitate

  • [1] Scaliger, a.a.O. S. 83
  • [2] Platon, Ion 534 c-e
  • [3] Außerdem zitiere Platon auch häufig „dumme und niedrige Geschichten“: „Es wäre auf jeden Fall richtig gewesen, das ‚Symposion‘ und den ‚Phaidros‘ und andere solche Ungeheuerlichkeiten nie zu lesen.“ A.a.O. S. 83.
  • [4] A.a.O. S. 85
  • [5] In der Theogonie, Vers 22-34, erzählt Hesiod, wie die Musen ihn persönlich unterrichten. Hesiod, Sämtliche Werke. Deutsch von Thassilo von Scheffer, Leipzig: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, 2. Aufl. 1965, S. 3f.
  • [6] Vgl. Horaz, Episteln 1, 19,7.
  • [7] Vgl. Athenaios 10, 428f-429b. „Alkman“ ist ein Versehen Sc.s; gemeint ist Anakreon (429b) (Anm. der Buchausgabe)
  • [8] Scaliger, a.a.O. S. 85.

29. Bei Ling bei Schülern

„Ich habe Bei Ling auf einer Vernissage in Bonn kennengelernt“, erzählt die Initiatorin Antje Waßmann. „Eher im Scherz habe ich gefragt, ob er nicht mal an unsere Schule kommen möchte.“ Zur Vorbereitung auf den großen Tag hatte die Deutschlehrerin in den neunten Klassen und der Oberstufe Bei Lings Gedichte mit den Schülern bearbeitet. „Seine Gedichte sind im ersten Moment schwer zu verstehen“, erzählt sie weiter. „Aber meine Schüler waren am Ende total begeistert und haben sich auf die gemeinsame Lesung gefreut.“

Lesung eines chinesischen Dissidenten: Aus dem Exil nach Siegburg | GA-Bonn – Lesen Sie mehr auf:

http://www.general-anzeiger-bonn.de/region/rhein-sieg-kreis/siegburg/Aus-dem-Exil-nach-Siegburg-article1512047.html#plx929496978

28. Katholischer Kulturpreis

Der Schriftsteller Ralf Rothmann ist am Freitag mit dem „Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken“ geehrt worden. Der Preis ist die höchste katholische Auszeichnung im Bereich Kultur.

Bei der Verleihung des mit 25.000 Euro dotierten Preises würdigte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in München den Schriftsteller, dessen Bücher den Blick für die Würde und Verletzlichkeit, die Sehnsüchte und Beschwernisse des Menschen in seiner Alltäglichkeit öffneten. „Es lohnt sich, hinzuschauen und zu lesen“, fügte Marx hinzu. Rothmanns literarische Erkundungsgänge führten zum „wahrhaft Menschlichen“ dieser Welt. „Das darf man einen durchaus christlichen Blick nennen“, sagte der Erzbischof von München und Freising. / domradio

27. Manfred Schlösser 80

Allein als Mit-Herausgeber eines einzigen Buches hat sich der Verleger Manfred Schlösser, der heute in Berlin seinen 80. Geburtstag begeht, unermesslich große Verdienste erworben: Seine Anthologie „An den Wind geschrieben. Lyrik der Freiheit 1933-45“ ist seit der ersten Auflage 1960 in der Schriftenreihe Agora der Klassiker der lyrischen KZ- und Exilliteratur. Spätere Auflagen erschienen im nunmehr selbstständigen Agora Verlag Schlössers und schließlich in einer Auflage von 40 000 Exemplaren im Deutschen Taschenbuchverlag.

Für junge Leser der Nachkriegsliteratur war das Buch ein poetisches Pendant zu Gerhard Schoenberners Dokumentation „Der gelbe Stern“, beides Schlüsselwerke zum Gedenken an die Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland und Europa. (…)

Über die Mauer hinweg wurde er zum Verleger der Kritischen Werkausgabe des in Ostberlin lebenden Dichters Erich Arendt, dem er – von der Stasi misstrauisch beobachtet, aber nicht belästigt – eine Festschrift zum 75. Geburtstag mit Autoren aus Ost und West widmete. / Hannes Schwenger, Tagesspiegel

26. Ermordet

Am 6. Dezember wurde der griechische Schriftsteller Menis Koumandareas (83) in seiner Athener Wohnung tot aufgefunden. Die Polizei geht von einem Mord aus.

Siehe Ekathimerini

Wikipedia: Murdered authors