25. Rainer M.

In der Frankfurter Anthologie kommentiert Ron Winkler das Gedicht „Hinweise zur Erderwärmung“ von Marion Poschmann („Sie schafft eine Klarheit wolkiger Ordnung, die man erlebt haben muss.“). Als Bonus: Thomas Huber liest „Hinweise zur Erderwärmung“ von Rainer Marion Rilke. Anklicken, lesen und wenn Sie mögen: (vergleichend) hören.

24. Die schönste Fremdsprache der Welt

Richard Kämmerlings lobt ein Kinderbuch, analysiert nebenbei die LAGEDERLYRIK, definiert den Vers und gibt den Dichtern Empfehlungen:

Das Schöne ist, dass man sich an Gedichten kaum überfressen kann, weil man einfach mit der Zeit selbst anfängt zu dichten und zu reimen und zu keimen. „Kakaraka! Ich bin der Hahn, / der eine fremde Sprache kann.“ Und Lyrisch ist eben die erste und schönste Fremdsprache auf der Welt, und die einzige, die man sofort verstehen kann. „Krawau! Krawau! Krawau! So bellt / der kleinste Krähenhund der Welt.“

Aber diese Fremdsprache ist auch vom Aussterben bedroht, und jetzt also doch etwas auf Literaturkritisch. Georg Bydlinski wurde 1956 in Graz geboren, seine ersten Gedichtbände, für Erwachsene und für Kinder, erschienen Anfang der Achtziger. Das war die Zeit, als Lyrik (für Erwachsene) zum letzten Mal für richtige Verkaufserfolge sorgte, mit den Bänden Erich Frieds, später dann auch mit Ulla Hahn oder, ja, so waren die Achtziger, Kristiane Allert-Wybranietz. Robert Gernhardt wurde gerade erst so richtig entdeckt.

Seither aber hat sich die Gegenwartslyrik immer weiter von den Lesern entfernt. Die bedeutendsten jüngeren Dichter wie Jan Wagner, Marcel Beyer oder Marion Poschmann kennen nur wenige Eingeweihte, von den mikroskopischen Verkaufszahlen zu schweigen. Das schlägt natürlich auch bis in die Kinderzimmer durch, wo dann zum Vorlesen wieder die Horrorpädagogik des „Struwwelpeter“ oder der ewige Wilhelm Busch herausgekramt wird. Man kann es den Autoren nicht verdenken, dass sich kaum einer an die harte und brotlose Arbeit des Verseschreibens macht. Dabei täte eine Renaissance der Dichtung für Jung und Alt dringend Not. Der Niedergang verstärkt sich wechselseitig: Kinder lernen keine Gedichte mehr, weil die Eltern keine mehr kennen. / Die Welt

Georg Bydlinski: Das Gnu im linken Fußballschuh. Gedichte für neugierige Kinder. Illustriert von Susanne Straßer. Boje, Köln. 64 S., 9,99 €. Ab 6 J.

23. Poetopie

ich auf der Waage – zu schwer für ein leicht genommenes Leben

Hansjürgen Bulkowski

22. Kunststück

Dem in Dresden lebenden Romancier und Dichter ist mit dem Band „Graphit“ ein großes Kunststück gelungen. In seinen Gedichten wird das Wissen um die Kniffe der poetischen Moderne mit wacher Zeitgenossenschaft verquickt

(…)

Die Lyrik darf sich von allen Literaturgattungen den geringsten Zuspruch erwarten. Magier wie Beyer fallen keineswegs hinter den Stand der Dinge zurück. Sie überschreiben zum Beispiel Georg Trakl lautlich (An die Vermummten) und finden plötzlich Platz für Osama Bin Laden und dessen Tötung: „RASEND PEITSCHT GOTTES ZORN den Heli übers Anwesen, / Stroboleuchten ertasten zwei braune Augen, mehr nicht.“ Es ist die Poesie, die die Spuren sichert. / Ronald Pohl, DER STANDARD, 5.12.

Marcel Beyer, „Graphit“. Gedichte. 210 Seiten / € 21,95. Suhrkamp, Frankfurt 2014

21. Best Poetry Books 2014

By Jonathon Sturgeon, Flavorwire on Dec 5, 2014 12:45pm

If you fell asleep on poetry in 2014, you might not actually be asleep: you might be dead. Poetry this year not only proved itself the liveliest and healthiest genre of writing, it also showed itself to be the most intellectually voracious. (I would even argue that one of the best American novels of 2014 was written by a poet.) Here are the ten best books of poetry from 2014. Frankly, they may just be the ten best books.

  • Motherland Fatherland Homelandsexuals, Patricia Lockwood (Penguin)
  • Mature Themes, Andrew Durbin (Nightboat Books)
  • Rome, Dorothea Lasky (Liveright / WW Norton)
  • If the Tabloids Are True What Are You?, Matthea Harvey (Graywolf)
  • Prelude to Bruise, Saeed Jones (Coffee House Press)
  • Citizen, Claudia Rankine (Graywolf)
  • Repast: Tea, Lunch, and Cocktails, D. A. Powell (Graywolf)
  • Mala, Monica McClure (Poor Claudia)
  • The Second Sex, Michael Robbins, (Penguin)
  • Titanic, Cecilia Corrigan (Lake Forest College Press)

(Jeweils mit Leseprobe)

20. List of poets

A List of Things to Ask Yourself When You’re Making a List of Poets

1. Am I including poets who do not live in Brooklyn?
5. Have I looked at poets who write about poetry?
7. Have I looked at recent big prize winners (and read their books)?
8. Have I asked a poet which poets he or she is reading right now?
10. Have I discussed poetry with an indie bookseller yet?
13. Have I looked into cool ways to read poetry digitally?
15. Did I remember to include the poet laureates — aka bosses?

19. Christian Steinbacher

Hätten diese Gedichte Knochen – sie wären vom Rasen über die Zeilen- und Gedankensprünge gebrochen. Dass dies Zweck der lyrischen Übung ist, macht der Vers „sprengst die Gelenke in barockes Maßwerk“ klar: Steinbacher beschwört gegebene Formen, die er dann aufgreift, um sie zu reaktivieren, indem er ihnen „Gelenke“ implantiert, die er sogleich in alle möglichen Richtungen auskegelt. Referenzen wie der Barockdichter und Jesuit Jacob Balde in der Übersetzung von Max Wehrli (der Umdichtungszyklus Auf Schnitt und Tritt) oder Paul Wühr, dem er als Geburtstagsgruß fünf Anagramme (Was, was, was, was, was) gefertigt hat, erhalten so in der Umdichtung eine ungeahnte, neue Beweglichkeit. Das „Instabile, / das Heimstatt sei doch auch, nämlich für Möglichkeiten“ wird damit zum Konstruktionsprinzip dieser Gedichte. / Michael Wurmitzer, DER STANDARD, 5.12.

Christian Steinbacher, „Tief sind wir gestapelt“. Gedichte. 175 Seiten / € 19,90. Czernin, Wien 2014

18. Traklpreis

In jenen Jahren, in denen sich Geburts- oder Todestag von Georg Trakl jähren, vergeben Stadt und Land Salzburg den mit 8.000 Euro dotierten Trakl-Preis für Lyrik. Heuer, zur hundertsten Wiederkehr des Todestages, ging der Preis an die 75-jährige Waltraud Seidlhofer.

Bücher habe sie schon als Kind geliebt, sagt die Preisträgerin. Bald habe sie auch begonnen, selbst Gedichte zu schreiben. Georg Trakl sei dabei eines der Vorbilder gewesen: „Am Anfang hat mich natürlich die Farbigkeit seiner Poesie und auch die Dunkelheit und die ganze Mystik fasziniert. Dann war’s relativ bald schon so, dass mich interessiert hat, wie er seine Gedichte konstruiert hat – mit immer wieder ähnlichen Bildern und ähnlichen Vorstellungen und Begriffen, die er immer wieder verschieden zusammensetzt, und dieses verschieden Zusammensetzen wieder neue Gedichte und neue Inhalte bringt.“ / ORF

17. Lage der Lyrik

Heute im  Dreierpack:

 

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16. Weihnachtsengeler

Frisch ab Presse:

roughbook 031: Christian Prigent, herausgegeben und übersetzt von Christian Filips und Aurélie Maurin

http://roughbooks.ch/roughbook031/christian_prigent/die_seele.html

Obsessiv entwirft Prigent die Autorschaft eines ôteur, also eines Autors, der sich selbst ebenso wie die Stereotype der ihn umgebenden sprachlichen Gegenwart durchlöchert. In der Auseinandersetzung mit dem traditionsreichen, historisch stark vorgeprägten Konzept der Seele kettet und verkettet er Diskurse und eröffnet einen poetischen Echoraum, in dem die großen Stimmen vor allem Artauds, Baudelaires und Verlaines rekonstruiert und dekonstruiert werden. Zugleich ist das Buch eine Art seelischer Biographie, wobei die Seele stets eine Artikulation der Sprache selbst zu sein scheint: der Sprache dort, wo sie schweigt, aussteigt, sich nichtet, in die Krise gerät. Der narrative Verlauf des Buchs orientiert sich an dem Tagesablaufs eines Seelendoktors. In kühnen Enjambements, Lautverknotungen, Metaplasmen, Wortverschmelzungen und Metaphern setzt Prigent einen Sinnenschwarm frei, kreisend um eine löchrige Mitte, die vielleicht Seele heißen kann.

Mütze # 8

http://muetze.me/

Im Zentrum von Mütze # 8 stehen Hans-Jost Frey und Birgit Kempker und mit ihnen Sisyphus und Troubadour, Mimikry und Travestie. Ihnen zur Seite stehen Dagmara Kraus, Bertram Reinecke, Hannes Bahjohr, Tobias Roth und Hannes Becker und mit ihnen Rosmarie Waldrop, Sappho, Giovanni Pontano, Fatrasien und Korpusfabeln.

Weihnachtsengeler 2014

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Beim Freudeschenken an die roughbooks denken! Der Weihnachtsmann trug schon immer Mütze!
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Mit bestem Dank herzlichem Gruss
Urs Engeler

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15. Jan Skácel

Der Dichter Jan Skácel und sein Echo in Deutschland
Lyrik Kabinett München

Dienstag, 9. Dezember um 20:00

Ein Abend mit Reiner Kunze und Roman Kopřiva

„Wenn ich überhaupt begriffen haben sollte, was Poesie ist, verdanke ich es tatsächlich vor allem den Autoren des tschechischen Poetismus und Jan Skácel“, so Reiner Kunze (geboren 1933). Maßgeblich dank Kunze, seinen Übersetzungen aus dem Tschechischen und seines Vermittlungsengagements hat sich in Deutschland eine breite und bewundernde Leserschaft für Skácel entwickelt, der zu den wichtigsten poetischen Stimmen Osteuropas des letzten Jahrhunderts zählt. Roman Kopřiva gibt Einblicke in die literarischen Wechselbeziehungen von Skácel und Kunze: Er erhellt die Verwurzelung von Skácels Lyrik in einem mythischen Poesieverständnis, in Lied und Volksdichtung, umreißt die Position jenes mährischen Dichters in der mitteleuropäischen Moderne und zeichnet in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den schöpferischen Dialog zwischen tschechischen und deutschen Lyrikern nach. Reiner Kunze, der seinem Freund auch einen eigenen Vortrag widmete (Edition Pongratz 1996), liest Gedichte, Briefe und Feuilletons Skácels in seinen Übersetzungen.

In Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Zentrum München und der Ackermann-Gemeinde

Eintritt: €7,00 / €5,00
Mitglieder Lyrik Kabinett: frei

Lyrik Kabinett München
Amalienstr. 83a, 80799 München

14. Zionismus und Stalinismus

Merbaums kurzes Leben in Czernowitz war angefüllt mit nicht nur literarisch-intellektuellen, sondern auch politischen Aktivitäten. So war sie etwa – ein bisher wenig bekannter Umstand – Mitglied der zionistischen Jugendgruppe Hashomer Hazair und verfolgte in teilnehmender Beobachtung die historischen Ereignisse vom Zerfall der Reste des Habsburgerreiches über die sowjetische Besatzung bis hin zum erneuten Einzug der mit den Deutschen verbündeten Rumänen.

Einige von Merbaums Freunden gerieten schon in der Zeit der sowjetischen Besatzung unter die Räder, weil sie nicht schnell genug erkannten, wie unnachgiebig und wahnhaft die stalinistische Säuberungspraxis sich vollziehen sollte. Erschütternd liest sich etwa der naive Versuch eines Teils von Merbaums Jugendgruppe, mit Stalin (!) direkt in brieflichen Kontakt zu treten, um die Gemeinsamkeiten zwischen Sozialismus und Zionismus zu betonen. Die Verfasser des Briefes wurden natürlich umgehend nach Sibirien deportiert, von wo sie nie zurückkehrten. / Malte Völk, literaturkritik.de

Marion Tauschwitz: Selma Merbaum – Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biographie und Gedichte.
Mit einem Vorwort von Iris Berben.
zu Klampen Verlag, Springe 2014.
350 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783866744042

13. Kurt-Wolff-Preis 2015

Das Kuratorium der Kurt Wolff Stiftung hat entschieden:

Der Kurt-Wolff-Preis 2015 geht an den Berenberg Verlag in Berlin, der seit
nunmehr einem Jahrzehnt die Tradition des historischen, biographischen und
literarischen Essays mit Büchern erneuert, bei deren Lektüre sich dem
intellektuellen Reiz und der Lust am Text die Freude an der eleganten
Buchgestaltung beigesellt.

Der Kurt-Wolff-Förderpreis 2015 geht an die Connewitzer Verlagsbuchhandlung
in Leipzig, die erfolgreich an Kurt Wolffs Leipziger Vorbild der großen
Literatur in kleiner Buchform anknüpft, mit Nachdruck für die
Gegenwartslyrik eintritt und auf hohem buchkünstlerischen Niveau Brücken
zwischen Schrift und Bild schlägt.

Die Preisverleihung findet wie gewohnt auf der Leipziger Buchmesse statt, am
Freitag, den 13. März um 13 Uhr in Halle 5, allerdings in einem neuen
Rahmen, nämlich im Forum DIE UNABHÄNGIGEN, das von der Kurt Wolff Stiftung in Zusammenarbeit mit der Leipziger Buchmesse organisiert wird.

Die Laudatio hält die Autorin und Literaturkritikerin Ina Hartwig.

Wir danken der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Die Preisgelder betragen 26.000 Euro (Hauptpreis) und 5.000 Euro
(Förderpreis).

Das Kuratorium der KWS: Renate Georgi, Joachim Kersten (Vorsitzender), Antje Landshoff-Ellermann, Dr. Jochen Meyer, Dr. Lothar Müller, Alexander
Oechsner, Annegret Schult, Dr. Erdmut Wizisla.

Stefan Weidle Monika Bilstein Dietrich zu Klampen (Vorstand der KWS)

12. Ärgert euch!

Mara Genschel auf lyrikkritik.de:

Noch einmal zum Wettbewerb

Der folgende Text will sich nicht als hyperaktives Nachtreten gegen Björn Kuhligks längst abgebautes Rednerpult verstanden wissen. Ich will darin aber die mich noch immer sehr störenden Stichpunkte aus seiner diesjährigen open-mike-Rede zum Anlass nehmen, Kritik zu formulieren an einer längst mehr als nur seine Generation definierende Jetzt-Instanz: die Auffassung von der kleinlauten Rolle des Autors, der sich mit seinen Arbeitsbedingungen sauber arrangiert.

Findet einen Job, der Euch finanziell absichert, verdient auf anderen Gebieten.
Vielleicht würde die Zahl der Arbeitslosen erschütternd schrumpfen, wenn man diesen Merksatz im Eingangsbereich aller Jobcenter ausrollen würde. Vielleicht hält ja auch jemand den Autor am Ende für gerissener als dessen nichtschreibende Mitbewerber. Für geschickter als den Studenten hinter der Theke oder leidensfähiger als die Schleckerfrau, die jetzt working poor ist. Er ist es nicht. Der Autor, der gezwungen ist, sich langfristig auf diese Weise „abzusichern“ wird aufhören zu schreiben und somit Autor zu sein.
Wenn aber dieser Job nicht gemeint sein kann, welcher ist es dann? Reicht meine Fantasie nur nicht aus? Wo gibt es die Zeitungen mit den nennenswerten Honoraren für freie Mitarbeiter, die großen Aufträge fürs Radio, den stabilen Mittelbau an der Universität? Und wenn es diesen Job, der finanziell absichert und dabei Zeit für andere Arbeit lässt, wirklich gäbe: hätten nicht tausende Nichtautoren einen mindestens gleichwertigen Anspruch darauf und wirft das nicht ohnehin ein interessantes Licht auf die Definitionsmöglichkeiten von Arbeit, wenn schon der arbeitende Autor keinen laut Definition eigentlichen Beruf ausübt?
Wenn wir ehrlich sind, ist dieser mysteriöse Job eine Fata Morgana. Jeder kennt irgendjemanden, der jemand kennt, bei dem es so klappt. Ich auch. Daher lassen sich alle, die ihn nicht haben, immer noch so einwandfrei unter Druck setzen. Die unverdrossen heruntergebetete Behauptung, der Autor könne sich, wenn er nur wollte!, ebensogut alternativ absichern, ist aber längst so kitschig und verzerrend wie das Fleißbild des Poeten, der produktiv ist weil er hungert.

Seid eigenständig, bleibt eigenständig, seid beweglich, holt Euch Hilfe / Alles, nur kein Unternehmer?
So betitelt die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung ein hochwertig produziertes Magazin, das Künstlern ohne ausreichend Einkommen Geschmack auf ein profitorientierteres Denken zu machen sich bemüht. Das ist lieb. Und ein bisschen auch plausibel, einlullend wie das Gespräch mit der Oma, die sich Sorgen macht. Beratungsstellen, Checklisten, Tipps und Tricks für die Akquise, der Rest ist Propaganda.
Alle Probleme, so liest sich tröstlich der Tenor, seien letztendlich lösbar, wenn nur die (verdammte) Schranke im Selbstverständnis des Künstlers eingerissen und er irgendwann bereit sei, sich auch als Unternehmer zu verstehen. Fast diskriminierend könnte man die Wortwahl finden, mit der dem unverständigen Schöngeist neckisch der Mangel an kühlem Kopf und klaren Zahlen attestiert wird: „Viele Kreative übersehen allzu leicht, dass dauerhafter Erfolg nicht vom Himmel fällt, sondern immer auch eine gute Portion unternehmerisches Know-How und Geschick dahinter steckt. […]
Dort aber, wo der Kommerz beginnt, hören für einige Kultur- und Kreativschaffende die Kreativität und der Spaß (sic!) auf. Die Vorstellung, nicht allein als kreativ denkender und schaffender Mensch, sondern auch als geschäftstüchtiger und kühler Rechner auftreten zu müssen, stößt bei ihnen auf wenig Gegenliebe.“ Ts, so sind sie, die Tagträumer. Dass die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien unter dem Schirm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie diese Anregungen auch im Hinblick darauf geben, dass „das Kultur- und Kreativgeschehen vor Ort“ ein „über die beachtliche eigene Bruttowertschöpfung hinaus wichtiger Standortfaktor für Unternehmensansiedlungen und Personalakquise“ ist, und „Kultur- und Künstlerförderung damit auch ein entscheidenes Element der Wirtschaftsförderung“ werden, macht, zumindest so lang einen das Thema Mietervertreibung nicht weiter empört, erst mal Sinn. Dass es aber seit jeher die Aufgabe von Kunst gewesen sein könnte, ebensolche oder ähnliche Mechanismen auseinanderzuschrauben, wird resolut unterschlagen. Denen, die sich dem unternehmerischen Geist verweigern, droht sie mit dem sicheren Schiffbruch in Angst und Verderben, den Tränen nämlich unzähliger, arbeitsloser Clowns.

Schreibt, was Ihr schreiben wollt. / Das verführerische Antlitz der Projektförderung
Es ist doch längst ausgeplaudert, das vermeintlich Geheime: die wahren Künstler sind heute die erfolgreichsten Antragsteller. Will die Autorin ihre Leser mit verbundenen Augen durch die Stadt führen, um die Rezeption ihrer Kurzprosa zu intensivieren, will sie mit poetischen Worten das innerste des ihr in einer Einzelsitzung zugeteilten Kopfs massieren, will sie wirklich eigens einen Text schreiben, um diesen mit den grünen Mustern einer Videoinstallation wirkungsvoll kurzzuschließen, will sie in der Laubenklause sitzen, will sie dabei einen Zyklus über die Region verfassen? Sie tut es zumindest, sie behauptet auf die Anfrage sogar, das Projekt „klinge sehr spannend“. Dass sie dafür nur einen Bruchteil der ihren eigentlichen Werken (Familienroman, Sonettenkranz, Referenzfläche etc.) vorbehaltenen Arbeitszeit aufbringt, und durch das schnell verdiente Geld Erleichterung erfährt, wag ich mehr als zu bezweifeln. Im Gegenteil ist die bewilligte Summe nachzuweisendermaßen nicht für den Hausgebrauch der Autorin bestimmt, sondern für das, was sie im jeweils geförderten Projekt nachzuweisendermaßen zeit- und konzeptaufwendig zustande bringt. Das Prinzip klingt logisch und gerecht. Dass es ein fortwährend sich reproduzierendes Gefälligkeitsgeschwür hervorbringt, dass das Festhalten an künstlerischen Vorgaben, an vorfixierten Resultaten einem ernstgemeinten Förderanliegen völlig widerspricht, wird nicht mal verschwiegen, es ist irrelevant. Totale künstlerische Kompetenzanmaßung da, wo der Fördertopf steht – während der Autorin noch die Kompetenz überhaupt darüber nachzudenken, was sie eigentlich schreiben müsste, faktisch abgesprochen wird. Natürlich ist sie frei, sich hinzusetzen und nachzudenken, so lang sie will. Nur wird ihr diese Arbeit, die ihre eigentliche ist, natürlich nicht vergütet. Und selbst wenn sie nun beschließt, den Auftrag den sie annimmt, in eine Kritik am Auftrag umzufunktionieren: wie produktiv kann eine solche Kritik im klein-kleinen auf Dauer sein? Wäre das nicht eher eine traurige Anpassung ex negativo?

Bildet Banden!
Durch diesen Schriftzug flackert der film noir, und klar liest der sich sexy. „Bildet Label!“ wäre ein weniger anrüchiges, dafür pragmatischeres Pendant. Wieviel revolutionäres Potential hat denn eine Bande, die sich an die anderen der gegebenen Ratschläge hält? Auch das gepuderte Antlitz der Kulturvermittlung mag gefährliche Namen, das macht alles so schade. Was ist noch ernstgemeinter Arbeitstitel, was schon publikumswirksame Koketterie? Nur ein beherztes „Organisiert euch zu Banküberfällen!“ würde noch weniger Hehl aus seiner Halbgemeintheit machen. Dabei ließen sich kriminelle Strukturen für die Organisation von mittellosen Autoren zumindest auf ihren Modellcharakter hin ernsthaft prüfen! Aber ist das gemeint? Was will ein Umgang mit Reizwörtern, die weder buchstäblich, noch kritisch, noch ironisch Effekte erzielen? Werbung.

Macht aufmerksam auf Euch! / Das glühende Antlitz der Kulturvermittlung
Dass junge Autoren das immer doller können wollen sollen: zeigen, warum man ihr Zeug wollen soll! Dass überhaupt stillschweigend das Einverständnis vorausgesetzt wird, es werde an einem Produkt herumgewerkt! Was, wenn der Autor nur einen Prozess im Angebot hat? Wieso ist die Autorin eines größeren Verlages durch diesen überhaupt angehalten, für ein Produkt zu werben? Beziehungsweise: wieso lässt sie sich durchs Lesehonorar dazu verführen? Oder wird sie erpresst? Glaubt die Autorin außerdem wirklich, sie könne durch isoliert verlesene Bonmots die gesellschaftliche Veränderung mitbewirken, von der sie vorgibt zu schwärmen? Wie einer von Walter Benjamins revolutionären Routiniers, die „einen Produktionsapparat beliefern ohne ihn – nach Maßgabe des Möglichen – zu verändern“, mit keiner anderen gesellschaftlichen Funktion, „als der politischen Situation immer neue Effekte zur Unterhaltung des Publikums abzugewinnen“. Dem Autor, der sich öffentlich, ein bisschen Advocatus Diaboli-mäßig grinsend, fragt: „Was ist heute die gute Sache, für die wir schreiben sollen?“ ließe sich entsprechend folgendes erwidern: hättest du nur irgendein Interesse daran, die Bedingungen in und unter denen du überhaupt Autor zu sein glaubst, offenzulegen, alles würde sehr viel schneller politisch, als es den Gästen auf deinem Podium lieb sein kann. Ich behaupte, seine Scheu das zu tun, ist so groß, weil die Mechanismen für schriftstellerischen Erfolg und damit auch die Legitimation seiner Arbeit, noch nie so scheinbar zuverlässig und „gerecht“ gegriffen haben, wie in unserem heutigen, florierenden Fördersystem. Unzufriedenheit zu äußern, oder überhaupt zu empfinden, kommt der Einsicht ins partielle Scheitern gleich. Gewinn oder halt die Klappe.

Eure Texte haben sich gegenüber 600 anderen durchgesetzt. / Gütiges Antlitz, o Legitimation
Der wohl perfideste Effekt und auch Anlass all dieser Anpassungsanstrengungen der Autorin an den Markt, verdankt sich einem interessanterweise überhaupt nicht ökonomisch begründeten, sondern wehmütigen, nebligen, eigentlich mystischen Denken ihres Lesers, nennen wir ihn Gesellschaft. Die Autorin würde sich nämlich niemals Autorin nennen dürfen, es sich auch, ganz bestimmt nicht!, trauen, wenn sie sich nicht entsprechend ausweisen könnte. Dummerweise hat die Gesellschaft eben selten ein Karteikästchen zur Hand, aus dem sie die Kriterien für die Autorenexistenz, (die nur dann ihren wehmütigen, nebligen und mystischen Ansprüchen gerecht wird, wenn sie „echt“ ist), ablesen könnte. Wo die Gesellschaft aber marktwirtschaftlich funktioniert, falten sich alle unbekannten Kriterien kinderleicht ins Wohlvertraute: die Autorin kann von ihrem Schreiben leben? Dann muss sie echt sein. (Und klar, weil, würde man konsequent nach diesem Prinzip verfahren, im deutschsprachigen Raum nur eine handvoll Standesamt-, Bestattungs- und Schulbuchpoeten als echt definiert werden könnten, zählen bei den Lyrikern auch eventuelle Preise mit Blumensträußen dazu (Obacht: nicht in Sachen KSK!)).
Wo sich das kulturelle Denken in der Gesellschaft so weit liberalisiert hat, dass Autoren und Künstler nicht mehr unter einer Art moralischem Generalverdacht stehen, stehen sie plötzlich in einer seltsamen Bringschuld. Der Autor muss sich als „echter“ Autor legitimieren. Die wenigsten haben die Kaltschnäuzigkeit, sich selber auszuzeichnen (und für das Zögern gibt es ja auch ein paar sensible Argumente), sie benötigen also irgendein OK durch ein Selektionsverfahren von außen. Was läge nun näher, als die moralische Zuwendung („Du bist gut!“, „Schreib weiter!“) mit der finanziellen („Aber nicht alles auf einmal ausgeben!“) zu verbinden? Die Verschmelzung zeigt sich noch deutlicher in den drei-Fragen-Interviews, die sich nach einer Preisverleihung überall gleich ausnehmen: „Herzlichen Glückwunsch, Frau Meier!“ „Danke!“ „Wie fühlen Sie sich?“ „Einfach toll, ich bin total überrascht!“ „Was machen Sie mit dem Preisgeld?“ „Ach, davon werde ich erst einmal eine Weile leben um in Ruhe an meinem nächsten Projekt weiterarbeiten zu können. Ohne mir andauernd finanzielle Sorgen machen zu müssen!“. Frau Meier hat damit den moralischen Test bestanden, der ein Bullshit-Test ist und zu nichts anderem da, als das Gewissen ihres Lesers, der die Gesellschaft ist, zu beruhigen: unsre Besten kommen schon irgendwie durch. Das ist nun nicht Frau Meiers Schuld. Nur fügt sie sich, durch ihre Teilnahme wie auch durch ihre, sogar sicher absolut ehrliche! Antwort, mit Haut und Haar in das Gewinnspiel ein. Im Sport, vor allem dessen Nischen, muss es ähnlich gnadenlos zugehen. Wird nur gefördert, was sich an der Spitze behaupten kann, haben Underdogs, von legendären Ausnahmen abgesehen, kaum eine Chance sich zu entwickeln. Aber das Schreiben, verdammt, ist kein Sport! Es gibt keine Kriterien. Die Werte basieren, wie andernorts auch, auf bloßer Spekulation.
Deshalb, liebe Autorinnen und Autoren, liebe in der Vorrunde Ausgeschiedene, liebe Teil- und Nichtteilnehmer: macht doch die Gremien arbeitslos, macht doch das Kulturmanagement arbeitslos, die Agenten, die Juroren, die Verleger, die Vermittler, macht die erst alle arbeitslos bevor ihr euch sagen lasst, eure Arbeit sei es nicht wert.

Bisher

  • JUROR BJÖRN KUHLIGK AN DIE AUTORINNEN UND AUTOREN openmike der blog 10.11.
  • Mara Genschel: An die Anderen
    (ein Aufruf gegen den open-mike-Appell von Björn Kuhligk) lyrikkritik.de

11. Mixed Munich Arts

Das Heizungsgebläse nervte Clemens Meyer ziemlich. Denn er schätzt Andreas Reimann sehr, den Dichter, der an diesem sechsten Abend des forum:autoren in der Kesselhalle des „Mixed Munich Arts“ als Erster las. Als die Blätter des Leipziger Dichters vom Tisch flogen und der Wind seine weißen Haare zauste, wünschte sich Meyer, bewaffnet zu sein, sehnte sich nach einer Panzerfaust, um die Lüftung ausschalten zu können.

Das klappte dann auch ohne Waffeneinsatz, aber trotzdem kam das Gespräch nur zäh in Gang, weil es Meyer nicht gelingen wollte, seinem „Lieblingsdichter“ gegenüber den richtigen Ton zu finden. Der wollte weder über seine Jahre im Gefängnis noch über sein bis zur Wende anhaltendes Schreibverbot reden. So fürchterlich habe er die Zensur in seinem Fall nicht gefunden, wies er Meyer zurück. Er habe immer geschrieben, weshalb er sich – im Gegensatz zu anderen – auch nach der Wende nicht zwei Jahre habe hinsetzen müssen, um die Gedichte zu verfassen, die dann angeblich schon vor der Wende entstanden seien. Meyers pathetischen Ausruf „Warum kommen wir bloß nicht weg von Leipzig“ konterte er mit einem erstaunten Blick und einem schlichten „Ich fahre übermorgen nach Zypern.“ Dann las er seine feinen, unaufgeregten Gedichte. Kein Geraune, keine Belanglosigkeiten, kunstvoll in ihrer Form, oft mit subtilem Witz und viel Selbstironie. Einfach grandios. / Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung 27.11.