ein Rettungswagen rast durch die Stadt – langsam läuft aus dem Infusionsbeutel die Zeit
Hansjürgen Bulkowski
Bei Signaturen ein Gedicht von Elke Erb über ihre Begegnung mit Friederike Mayröcker, von der Autorin so eingeleitet:
Im Januar 1991 besuchte ich Friederike Mayröcker, denn der Reclam-Verlag Leipzig wünschte sich von mir für ein Reclam-Bändchen eine Auswahl aus ihren Werken. Sie gab mir alle Bücher, die sie von sich vorrätig hatte. Ich habe in zahlreichen Texten auf diese Lesebegegnung reagiert, nachzulesen vor allem in „Unschuld, du Licht meiner Augen“ (Steidl, Göttingen 1994). Der unten folgende Text steht nicht darin, sondern in einer Nachlese in meinem Buch „Mensch sein, nicht“ (Urs Engeler Editor, Weil am Rhein und Wien, 1998). Zurück-gehalten hatte ich ihn wohl, weil, wie die Zeilen unten erkennen lassen, es mir plötzlich indiskret vorkam, jemandem so nachzuspüren … Der Text findet aber dann mit den letzten vier Zeilen über das Bedenkliche hinweg ins Freie.
Hochhuth schwelgt an den Körpern der „Freundin“ wie auch der „Gefährtin“ und kommt äußerst knapp, fast stichworthaft, meist rasch ans Ziel: “ – dann Du auf mir, ich in Dir:/ Was sonst läßt hoffen?/ E i n z i g e s Lebenselixier.“ Trunken ist der Dichter vom „Schoßwein“, der Mann gefangen von „Duft, Glätte, Glut ihrer Haut“. Die Frauen erscheinen als Jungbrunnen, Göttin, Heilerin. / Mehr
Das Beste daran ist der Verlag, der Rolf Hochhuths „zum Teil 60 Jahre“ alte erotische Gedichte herausbringt: Verlag für die Frau. Der Dichter schenkt sich euch…
Rolf Hochhuth: Frauen. Mit Aktbildern von Edgar Degas. Minibibliothek im BuchVerlag für die Frau; 128 Seiten, 29,90 Euro
Die von Michael Braun behutsam und unter Mithilfe von Jean Kriers Ehefrau Elfie Krier-Clauß besorgte Herausgabe dieses nun als Buch vorliegenden Gedichtkonvoluts aus den Jahren 2009 bis 2012 ist auch ein Hinweis auf einen deutschsprachigen Dichter, der erst spät, 2011, für seinen vorangegangenen Lyrikband „Herz Lust Spiele“ mit dem Albert Chamisso-Preis und dem Prix Servias ausgezeichnet, ins Licht einer breiteren literarischen Öffentlichkeit getreten ist.
Diese Auswahl nachgelassener Gedichte erlaubt Einblicke in Jean Kriers poetischer Arbeit an einer zeitgemäßen Odenform, deren freirhythmische Verse neben großer Musikalität vor allem ausgezeichnet sind durch den souveränen Umgang mit sprachlichem Material verschiedenster Provenienzen, Stimm- und Stillagen. / Andreas Kohm, Badische Zeitung 15.12.
Jean Krier: Eingriff, sternklar. Gedichte aus dem Nachlass. Herausgegeben von Michael Braun. Verlag Poetenladen, Leipzig 2014. 88 Seiten, 17,90 Euro.
Der Schriftsteller und Übersetzer Fritz Rudolf Fries ist am Mittwoch im Alter von 79 Jahren gestorben. Sein Debüt „Der Weg nach Oobliadooh“ gilt noch heute als hervorragendes Beispiel postmodern verspielter Prosa.
In dem 1966 erschienenen Roman erkunden zwei Freunde die Jazz-Szene Leipzigs, die damals als subversiv galt. Die Geschichte um die beiden tragischen Lebenskünstler Arlecq und Paasch durfte in der DDR nie erscheinen*. 2012 wurde „Der Weg nach Obliadooh“ über die beiden Bohemiens neu aufgelegt. / DLR
Weitere Nachrufe: FAZ / Frankfurter Rundschau
*) Kurz vorm Ende doch noch: Oktober 1989
Modigliani,
Mädchen mit den blauen Augen
Blume auf den schwarz-
weißen Feldern des Wintertages
Sehr irdisches und sehr himmlisches Rätsel:
ein Mädchen –
Lebenslüge der Dichter
Aus: Fritz Rudolf Fries: Herbsttage in Niederbarnim. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1988, S. 18.
Einfach waren ihre Texte ja noch nie. Nach einer sehr kurzen Phase zarter Lyrik schrieb Mayröcker stets, als wolle sie dem Klang, Witz, der Vieldeutigkeit und provokativen Kraft der Worte mit allen Mitteln Raum verschaffen. In ihrem vielleicht bekanntesten Gedicht „Tod durch Musen“ heißt es unter anderem „(poet.) knallen; schnuppe am lampendocht / gebrüll / weintoll / entfesselte dame! / und schon sind wir drin in der suspekten abstraktion.“ Auch ihre vielen, teilweise sehr dicken Prosa-Bücher erzählen keine Geschichten – sollen es auch gar nicht. Für die schlichte Narration hatte sie noch nie etwas übrig. Lieber fügt sie ineinander verschwimmende Fragmente ihres Lebens aneinander, zitiert und assoziiert, spielt mit Buchstaben, Satzzeichen, Klängen, arbeitet an und in der Sprache: eine Dichterin, die „Wortraketen“ abschießt, den „elektrischen Funken“ ihrer Kunst zündet oder sich, durchaus traditionell, den Flügeln der Poesie anvertraut. / Sabine Rohlf, Berliner Zeitung
Das Institut für Sprachkunst und die Universität für angewandte Kunst gratulieren Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag
„Proëm auf den Änderungsschneider Aslan Gültekin
und hatten einander gesehen ich meine
zugeworfen den Blick und die Blicke bodenloses
Terrain, uns angeblickt einen Blick zwei Blicke lang angeblickt
im Vorübergehen an seiner Ladentür also mit je einem
Auge einander berührt im Vorüberstreifen mit Nachdenken,
dann
ins Flußknie der Mann gleichsam profilhaft
solch Raptus-Szene, während ein Tropfen Schweiß
langsam aus meiner Achselhöhle den Arm hinabrinnt
ein Buchstabe plötzlich aus meinem Namen
fällt zu Boden ich sehe ihn fallen, verschwinden –
mit FARNKRAUT AUGEN, Breton“
Seit seinen frühen Studienjahren verfasst Ingold Übersetzungen, Essays und Romane wie zuletzt „Alias“ und „Noch ein Leben für John Potocki“. Im Alter von 72 Jahren legte er nun ein 1.020-seitiges Tagebuch vor. Es umfasst vordergründig die vergangenen fünf Jahre, ist jedoch mit Erinnerungen an weiter zurückliegende Zeiten angereichert. Außerdem lässt Ingold eigene und fremde Lyrik und Prosa in den Text einfließen, ebenso kursiv gedruckte Einträge seines Traumtagebuchs, aber auch Konzert- und Filmkritiken. Dazwischen finden sich immer wieder die für ein Tagebuch typischen Alltagssorgen des Autors, Anekdoten und poetisch geschilderte Naturspaziergänge, in denen ein Wald aussieht wie „eine leergefegte gotische Kathedrale“.
Viel Raum widmet Ingold seinen Betrachtungen von Lyrik und Prosa. Er will vergessene Literaten wieder ins Bewusstsein rücken, darauf weist er selbst oft ausdrücklich hin. Wenn er über weitgehend unbekannte Schriftsteller wie Kazimierz Brandys oder Eugen Gottlob Winkler schreibt und deren stilistische Fähigkeiten ausführlich untersucht, überträgt sich Ingolds Begeisterung schnell auf den Leser. Auch den tschechischen Journalisten und Schriftsteller Richard Weiner, dessen Werk meist mit dem Kafkas assoziiert wird, ruft er zurück ins Gedächtnis.
Doch so hoch Ingold einerseits lobt, so hart und sachlich fundiert geht er andere Schriftsteller an. Die vom Feuilleton gepriesene Dichterin Ann Cotten dient ihm als Beispiel, um sich über „Sprachverluderung“ und defizitäre Sprachformen auszulassen. Aber auch an manchen „sakralisierten Klassikern“ findet er kaum ein gutes Wort: Thomas Mann nennt er einen „Phrasendrescher“, die Prosa von James Joyce hat in Ingolds Augen „Patina“ angesetzt, die Lyrik von Tomas Tranströmer bezeichnet er als „Ansichtskartengrüße“.
Unter den Anekdoten aus dem Alltag des Slawisten sind besonders diejenigen spannend, die er über seinen Studienaufenthalt in der Tschechoslowakei im Jahr 1968 erzählt. So half Ingold, tschechische Texte ins Ausland zu schmuggeln, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings nicht erscheinen durften. Die Schilderungen von Jan Skácel und dessen Nekrolog auf František Halas sind berührend und in dieser Form sicher kaum anderswo zu lesen. / Peter Huch, Prager Zeitung
Felix Philipp Ingold: Leben & Werk. Tagesberichte zur Jetztzeit. Matthes & Seitz, Berlin 2014, 1.020 Seiten, 49,90 Euro, ISBN 978-395-757-008-6
Im Rußlandschwerpunkt der Dezemberausgabe von literaturkritik.de ein Beitrag von Alla Soumm: Das Silberne Zeitalter und dessen bedeutendste Lyrikerinnen
Über Anna Akhmatova und Marina Cvetajeva
Er beginnt so:
Das für Russland so ereignisreiche 20. Jahrhundert begann mit einer derartigen vielseitigen Dichte an literarischer Qualität und Innovationskraft, dass diese ersten zwei bis drei Jahrzehnte als eine eigene literarische Epoche in die Literaturgeschichte eingehen sollten: das Silberne Zeitalter (in Anlehnung an das Goldene Zeitalter um Pushkin und Lermontov). Die Liste der illustren Namen ist eindrucksvoll:
Angefangen bei den Symbolisten Aleksandr Blok und Andrej Belyj, über den sich im Gegensatz zum russischen Symbolismus auf das konkrete Diesseits fokussierenden Akmeismus, von Osip Mandel‘štam, Anna Akhmatova und Nikolaj Gumiliov mitbegründet, und der Bauerndichtung Sergej Jesenins hin zum russischen (Kubo-)Futurismus Velimir Khlebnikovs und Vladimir Majakovskijs und solchen keiner literarischen Schule angehörenden Dichterpersönlichkeiten wie Marina Cvetajeva und Boris Pasternak.
Zwischen den russischen Dichterinnen und Dichtern entspann sich aus dem Einander-zur-Kenntnis-Nehmen und dem Aneinander-Wachsen in dieser Zeit ein reger und fruchtbarer Dialog, der neben Begegnungen und Briefen, Hommagen und satirischen Porträts in Versen zur Bildung ganzer Traditionslinien und Einflusssphären genauso führte wie zur absichtlichen Meidung des fremden Einflusses zur Herausbildung der eigenen künstlerischen Handschrift:
So waren sowohl Akhmatova (vgl. Ja prishla k poetu v gosti [1914; Zum Dichter kam ich zu Besuch]) als auch Cvetajeva (vgl. ihren Gedichtzyklus Stikhi k Bloku [1916; Gedichte an B.]) glühende Anhängerinnen Bloks; so ging Akhmatova eine kurze Ehe mit Gumiliov ein (vgl. u.a. ihr Gedicht Kolybel’naja [1921; Wiegenlied]); so skizzierte Mandel‘štam ein knappes und prägnantes Bild Akhmatovas (Akhmatova; 1914); so huldigte Cvetajeva Mandel‘štam in Nikto ničevo ne otnial (1916; Nichts von niemandem geraubt) und Akhmatova u.a. in einem der Dichterkollegin gewidmeten Zyklus (Akhmatovoj [1916; An A.]) als der „Goldmund-Anna von ganz Russland“ (Zlatoustnoj Anne – vseja Rusi); so verband Majakovskij, der solche illustren Dichterkollegen wie Akhmatova oder Cvetajeva als ‚bourgeois’ und ‚überholt’ diffamierte und dem Selbstmörder Jesenin das zynische Gedicht Sergeju Jeseninu (1926; An S. J.) widmete, eine zaghafte Freundschaft mit Pasternak; so hegte Pasternak eine derartige Bewunderung für Majakovskij, dass er gegen dessen Einfluss in der eigenen Lyrik bewusst anzukämpfen hatte; so beschwor Pasternak eine kleine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die neben ihm Majakovskij und später auch Cvetajeva umfasste, in Nas malo. Nas mozhet byt’ troje (1921; Von uns gibt es wenige. Vielleicht nur drei) und fertigte dichterische Porträts von Akhmatova (Anne Akhmatovoj [1929; An A.A.]) und Cvetajeva (M.C.; 1929) an; so verfasste Akhmatova ihrerseits eine prägnante dichterische Charakterisierung Pasternaks (Boris Pasternak; 1936) und Majakovskijs (Majakovskij v 1913 godu [1940; M. im Jahre 1913]) und nahm Jahrzehnte später, nach dem Überleben aller Weggefährten, in einer Allusion an den von Pasternak evozierten Kreis den Faden wieder auf und benannte nun, neben Pasternak und sich, Mandel‘štam und Cvetajeva zu den ‚Auserwählten’ (Nas četvero [1961; Von uns gibt es vier]); so ignorierte Cvetajeva Majakovskijs Feindseligkeit und widmete ihm nach seinem Selbstmord einen ganzen Gedichtzyklus aus dem Pariser Exil (Majakovskomu [1930; An M.]); so entspann sich zwischen Pasternak und der nach der Revolution zunächst im Exil lebenden Cvetajeva eine innige Brieffreundschaft, die erst mit Cvetajevas Rückkehr in die Sowjetunion und ihrem baldigen Freitod endete.
Ich bin langsam geworden. Gott sei Dank nicht beim Denken und Schreiben. Ich arbeite jeden Morgen, bis ich spüre, dass ich aufhören muss, weil der Blutdruck auf 200 ist.
»Körperruine«, »Monster im Spiegel« – kommt alles in Ihren Texten vor.
So nehme ich mich nun mal wahr und es gefällt mir nicht. Trotzdem bin ich nur äußerlich das alte Weib, das durch die Straßen humpelt, innerlich bin ich immer noch das 17-jährige Mädchen, das in Deinzendorf barfuß über die Wiese läuft. Ich glaube, ich habe eine Kinderseele. Kann man das so sagen?
Friederike Mayröcker im Gespräch mit Tobias Haberl, Süddeutsche Zeitung Magazin 37/ 2012
Die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig vergibt den mit 10.000 Euro dotierten “Günter-Eich-Preis” 2015 an den Hörspielautor Ror Wolf. Die Preisverleihung wird am 7. Juli 2015 im Rahmen des Sommerfestes der Medienstiftung auf dem “Mediencampus Villa Ida” in Leipzig stattfinden. “Ror Wolf hat ein Radiokunst-Werk geschaffen, das im Laufe der Jahrzehnte das Repertoire des deutschsprachigen Hörspiels stetig erneuert und nachhaltig bereichert hat”, sagte Stephan Seeger, Geschäftsführender Vorstand der Medienstiftung und Direktor Stiftungen der Sparkasse Leipzig: “Umso mehr freue ich mich, dass er nun unseren nach Günter Eich benannten Hörspielpreis erhält – schließlich war es Eich selbst, der den jungen Ror Wolf anregte, Hörspiele zu verfassen”.
Der am 29. Juni 1932 im thüringischen Saalfeld als Richard Wolf geborene Ror Wolf ist ebenso Spezialist wie Universalist, der sich nicht auf eine Disziplin beschränken lässt: Er schreibt Literatur, collagiert Bilder, verfasst und montiert Hörspiele. “Im Grunde bin ich ein Hörspielautor, der gelegentlich ein Buch schreibt”, sagt Wolf über sich selbst. Entsprechend breit präsentiert sich das Werk, das nach dem Verlassen der DDR im August 1953 und einem Studium der Literatur, Soziologie und Philosophie unter anderem bei Adorno und Horkheimer entstanden ist. 1958 erscheinen erste literarische Veröffentlichungen. Nach einem zweijährigen Engagement als Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk ist Ror Wolf seit 1963 als freier Schriftsteller tätig, dessen Romandebüt “Fortsetzung des Berichts” 1964 erscheint. 1971 wird sein erstes Hörspiel “Der Chinese am Fenster” gesendet, das später in die Trilogie “Auf der Suche nach Dr. Q.” einfließt. Legendär wird Ror Wolf durch seine zehn Fußball-O-Ton-Collagen, die zwischen 1972 und 1979 entstehen. 1988 wird er für seine Hörspielbiografie “Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika” mit dem “Hörspielpreis der Kriegsblinden” ausgezeichnet, “Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille” wird 2007 von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum “Hörspiel des Jahres” gekürt.
“Als Liebhaber und Kenner des Jazz ist Ror Wolf ein Virtuose der Sprache und verfügt über ein geradezu musikalisches Wortverständnis. Verbunden mit einer von Phantasie überbordenden Auseinandersetzung mit der Realität, bei der durch stets neue Besichtigungsweisen und Darstellungsversuche selbst das Unwahrscheinlichste noch wahrscheinlich ist, macht ihn dies zu einem der faszinierendsten Forschungsreisenden im Gebiet der Töne, Stimmen und Geräusche. Die akustischen Erzählformen, die Ror Wolf hierbei dem Medium Radio in produktiver Auseinandersetzung mit dessen Bedingungen und Möglichkeiten abgewinnt, wirkten stilbildend auf nachfolgende Generationen und haben in ihrer zeitlosen Modernität bis heute nichts an Lebendigkeit verloren; ihre künstlerische Raffinesse und die Subtilität der Arrangements befeuern den hohen Unterhaltungswert, den jedes einzelne Hörspiel des Autors besitzt – Hörspiele, die sich in der Summe auch als eine Hommage sehen und hören lassen an das Radio als das Medium des künstlerischen Worts”, begründete die Jury die Wahl des Preisträgers.
Die Mitglieder der diesjährigen Jury waren: Linde Rotta (freie Autorin / Journalistin), Elisabeth Panknin (ehemalige Hörspielleiterin des Deutschlandfunks), Franziskus Abgottspon (ehemaliger Hörspielleiter der SRG / Schauspieler) und Dr. Jens Bisky (Feuilletonredakteur / Kritiker bei der Süddeutschen Zeitung). Den Juryvorsitz hatte Wolfgang Schiffer (bis 2011 Leiter der Abt. Hörspiel und Radiofeature des WDR). Die Entscheidung der Jury zur Preisvergabe an Ror Wolf, in diesem Jahr nominiert vom WDR, erfolgte einstimmig.
Der von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig zum fünften Mal ausgeschriebene “Günter-Eich-Preis” richtet sich an Autorinnen und Autoren, die dem Radiogenre “Hörspiel” ein Oeuvre von inhaltlicher und formaler Kompetenz gewidmet haben. Er wird im jährlichen Wechsel mit dem “Axel-Eggebrecht-Preis” für das Radio-Feature verliehen. Bisherige Preisträger waren Alfred Behrens (2007), Eberhard Petschinka (2009), Hubert Wiedfeld (2011) sowie Jürgen Becker (2013).
Bei DadAWeb eine Gedenkseite für den anarchistischen Verleger Bernd Kramer, der am 5. September 2014 in Berlin im Alter von 74 Jahren gestorben ist.
Bernd Kramer, am 22. Januar 1940 in Remscheid geboren, war acht Jahre Schriftsetzer und Buchdrucker, bevor er in Berlin 1967 Mitherausgeber der ersten anarchistischen Underground-Zeitung linkeck wurde. Zusammen mit seiner (im März 2014 verstorbenen) Frau Karin hatte Bernd Kramer seit Anfang der 1970er Jahre den Karin Kramer Verlag in Berlin-Neukölln betrieben, der für viele seiner Leserinnen und Leser zum Synonym für anarchistische Literatur werden sollte.
Auf der Seite Nachrufe und Erinnerungen von Bert Papenfuß, Knobi, Wolfgang Haug u.v.a.
Die Dichterin Elke Erb bekommt den Anke Bennholdt-Thomsen-Preis für Lyrik der Deutschen Schillerstiftung. Die Jury lobte Erbs anspruchsvolles Schreiben und ihre hochreflexive Sprache, wie die Schillerstiftung mitteilte.
In der Begründung hieß es auch: „Die 1938 in Scherbach in der Eifel geborene Dichterin Elke Erb, die 1949 mit ihrer Familie in den Osten Deutschlands ging, hat in ihrem über Jahrzehnte angewachsenen Werk eine völlig eigenständige Poetik entwickelt.“
Als älteste bürgerschaftlich organisierte Fördereinrichtung unterstützt die Deutsche Schillerstiftung von 1859 Autorinnen und Autoren. „Seit fast 150 Jahren zeichnen wir besondere schriftstellerische Leistungen aus“, erklärt sie auf ihrer Homepage. Seit 2010 wird alle zwei Jahre der Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis vergeben. Er fördert deutschsprachige Lyrikerinnen, die durch ihre künstlerische Leistung hervorgetreten sind. Bisherige Preisträgerinnen waren Dorothea Grünzweig (2010) und Sabine Scho (2012). Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert und wird im kommenden Mai zusammen mit der Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung in Weimar verliehen. Diese mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung geht an den Lyriker Volker Sielaff.
Bei Fixpoetry hat die Mayröckerfeier begonnen, nix wie hin! Ich zitiere 1 Satz aus Theo Breuers Feierbeitrag:
Wir frozzeln, wir knabbern, wir schwatzen, und irgendwann geht es um Lieblingsdichter (die Kunst, unbeirrt auf ein bestimmtes Thema zuzusteuern – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste –, hat mir der Vater beigebracht, der immer, immer, immer aufs Thema ›Amerika‹ zu schwenken in der Lage war, stets fand er irgendein, ach Gott, ja: bloß scheinbar belangloses Stichwort, egal, wie überlegt ich formulierte, um weit, weit weg von Amerika zu bleiben, an das er, irgendwie, anzuknüpfen verstand, und schon befanden wir uns inmitten des Jahres 1944 im Bundesstaat Milwaukee …), und als ich den Namen Friederike Mayröcker nenn, ich beschrieb in meinem Kopf pausenlos was ich geträumt hatte, schaun die sympathischen Damen* mich mit mehr oder weniger großen Augen an, freimütig, leicht beschämt einräumend, dem Namen noch nirgends begegnet zu sein, was der Stimmung allerdings keinerlei Abbruch tut – im Gegenteil: Derartig offne Eingeständnisse spornen mich doch bloß zusätzlich an, und mir wird »sternklar«, von einer Sekund auf die andre: Ja, hier bin ich richtig, ja, hier bin ich gern.
*) „drei frischgebackne Deutschlehrerinnen (»When shall we three meet again – in thunder, lightning or in rain?«), die an verschiednen großstädtischen Gymnasien unterrichten“
STANDARD: Ihr Stück „die unverheiratete“ ist zur Gänze in Jamben geschrieben. Das erzeugt eine eigenartige Wirkung beim Lesen. Verraten Sie den Grund?
Ewald Palmetshofer: Es gibt zwei. Zum ersten habe ich sehr viel Recherchearbeit aufgewendet. Ich war auf der Suche nach einem Ton, einer sprachlichen Form für die Gerichtssituation. Das Aktenmaterial zu dem Entnazifizierungsprozess ist sehr eigenartig.
STANDARD: Inwiefern?
Palmetshofer: Ich wusste nicht, dass die österreichische Protokollpraxis in diesen Jahren anders war als bei den Entnazifizierungsprozessen, die man aus Deutschland kennt. Dort herrschte die amerikanische Ordnung. Das bedeutet, dass in direkter Rede protokolliert wurde. In Österreich wurde indirekt protokolliert, gleichsam paraphrasierend.
STANDARD: Sie meinen Sätze von bürokratischer Verstiegenheit?
Palmetshofer: Diese eigenartige Sprachlichkeit des Materials zwingt die unterschiedlichen Sprecher in ein einheitliches Sprachkorsett. Man hat keine O-Töne. Der Ton geht immer ums Eck.
STANDARD: Werden die Figuren dadurch ein Stück weit „gesprochen“?
Palmetshofer: Ich habe Sehnsucht nach einem „originalen“ Ton gehabt. Ich musste aber zur Kenntnis nehmen, dass der verloren und verschüttet ist. Ich habe Sprecher, die im vorliegenden Material von anderen gesprochen werden. Die einzige Quelle, die einen Hauch von Originalität besitzt, das sind die Zeitungen der Zeit, die eine Ahnung von der Temperatur vor Gericht vermitteln.
STANDARD: Wodurch bewiesen scheint, dass Zeitungen für etwas gut sind.
Palmetshofer: Da gibt es wenigstens eine Differenz. Die Temperatur im Gerichtssaal ist aus dem Aktenmaterial einfach nicht herauslesbar. Nicht nur die Sprache, sondern auch die Emotionen scheinen wie durch einen Filter gepresst.
STANDARD: Man kann auf die Figuren nicht unmittelbar zugreifen?
Palmetshofer: Es gibt diesen Zugriff nicht. Das war eine Enttäuschung im Archiv. Das hätte ich mir eigentlich anders gewünscht. Damit war aber auch umzugehen. Alle Ersteinvernahmeprotokolle sind ähnlich. Individualität ist ausgelöscht, es hat alles schön auf einer DIN-A4-Seite Platz. Der zweite Grund für die künstliche Sprachform: Es gibt eine antike Folie. / Ronald Pohl, Der Standard
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