Einfach waren ihre Texte ja noch nie. Nach einer sehr kurzen Phase zarter Lyrik schrieb Mayröcker stets, als wolle sie dem Klang, Witz, der Vieldeutigkeit und provokativen Kraft der Worte mit allen Mitteln Raum verschaffen. In ihrem vielleicht bekanntesten Gedicht „Tod durch Musen“ heißt es unter anderem „(poet.) knallen; schnuppe am lampendocht / gebrüll / weintoll / entfesselte dame! / und schon sind wir drin in der suspekten abstraktion.“ Auch ihre vielen, teilweise sehr dicken Prosa-Bücher erzählen keine Geschichten – sollen es auch gar nicht. Für die schlichte Narration hatte sie noch nie etwas übrig. Lieber fügt sie ineinander verschwimmende Fragmente ihres Lebens aneinander, zitiert und assoziiert, spielt mit Buchstaben, Satzzeichen, Klängen, arbeitet an und in der Sprache: eine Dichterin, die „Wortraketen“ abschießt, den „elektrischen Funken“ ihrer Kunst zündet oder sich, durchaus traditionell, den Flügeln der Poesie anvertraut. / Sabine Rohlf, Berliner Zeitung
Das Institut für Sprachkunst und die Universität für angewandte Kunst gratulieren Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag
„Proëm auf den Änderungsschneider Aslan Gültekin
und hatten einander gesehen ich meine
zugeworfen den Blick und die Blicke bodenloses
Terrain, uns angeblickt einen Blick zwei Blicke lang angeblickt
im Vorübergehen an seiner Ladentür also mit je einem
Auge einander berührt im Vorüberstreifen mit Nachdenken,
dann
ins Flußknie der Mann gleichsam profilhaft
solch Raptus-Szene, während ein Tropfen Schweiß
langsam aus meiner Achselhöhle den Arm hinabrinnt
ein Buchstabe plötzlich aus meinem Namen
fällt zu Boden ich sehe ihn fallen, verschwinden –
mit FARNKRAUT AUGEN, Breton“
Seit seinen frühen Studienjahren verfasst Ingold Übersetzungen, Essays und Romane wie zuletzt „Alias“ und „Noch ein Leben für John Potocki“. Im Alter von 72 Jahren legte er nun ein 1.020-seitiges Tagebuch vor. Es umfasst vordergründig die vergangenen fünf Jahre, ist jedoch mit Erinnerungen an weiter zurückliegende Zeiten angereichert. Außerdem lässt Ingold eigene und fremde Lyrik und Prosa in den Text einfließen, ebenso kursiv gedruckte Einträge seines Traumtagebuchs, aber auch Konzert- und Filmkritiken. Dazwischen finden sich immer wieder die für ein Tagebuch typischen Alltagssorgen des Autors, Anekdoten und poetisch geschilderte Naturspaziergänge, in denen ein Wald aussieht wie „eine leergefegte gotische Kathedrale“.
Viel Raum widmet Ingold seinen Betrachtungen von Lyrik und Prosa. Er will vergessene Literaten wieder ins Bewusstsein rücken, darauf weist er selbst oft ausdrücklich hin. Wenn er über weitgehend unbekannte Schriftsteller wie Kazimierz Brandys oder Eugen Gottlob Winkler schreibt und deren stilistische Fähigkeiten ausführlich untersucht, überträgt sich Ingolds Begeisterung schnell auf den Leser. Auch den tschechischen Journalisten und Schriftsteller Richard Weiner, dessen Werk meist mit dem Kafkas assoziiert wird, ruft er zurück ins Gedächtnis.
Doch so hoch Ingold einerseits lobt, so hart und sachlich fundiert geht er andere Schriftsteller an. Die vom Feuilleton gepriesene Dichterin Ann Cotten dient ihm als Beispiel, um sich über „Sprachverluderung“ und defizitäre Sprachformen auszulassen. Aber auch an manchen „sakralisierten Klassikern“ findet er kaum ein gutes Wort: Thomas Mann nennt er einen „Phrasendrescher“, die Prosa von James Joyce hat in Ingolds Augen „Patina“ angesetzt, die Lyrik von Tomas Tranströmer bezeichnet er als „Ansichtskartengrüße“.
Unter den Anekdoten aus dem Alltag des Slawisten sind besonders diejenigen spannend, die er über seinen Studienaufenthalt in der Tschechoslowakei im Jahr 1968 erzählt. So half Ingold, tschechische Texte ins Ausland zu schmuggeln, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings nicht erscheinen durften. Die Schilderungen von Jan Skácel und dessen Nekrolog auf František Halas sind berührend und in dieser Form sicher kaum anderswo zu lesen. / Peter Huch, Prager Zeitung
Felix Philipp Ingold: Leben & Werk. Tagesberichte zur Jetztzeit. Matthes & Seitz, Berlin 2014, 1.020 Seiten, 49,90 Euro, ISBN 978-395-757-008-6
Im Rußlandschwerpunkt der Dezemberausgabe von literaturkritik.de ein Beitrag von Alla Soumm: Das Silberne Zeitalter und dessen bedeutendste Lyrikerinnen
Über Anna Akhmatova und Marina Cvetajeva
Er beginnt so:
Das für Russland so ereignisreiche 20. Jahrhundert begann mit einer derartigen vielseitigen Dichte an literarischer Qualität und Innovationskraft, dass diese ersten zwei bis drei Jahrzehnte als eine eigene literarische Epoche in die Literaturgeschichte eingehen sollten: das Silberne Zeitalter (in Anlehnung an das Goldene Zeitalter um Pushkin und Lermontov). Die Liste der illustren Namen ist eindrucksvoll:
Angefangen bei den Symbolisten Aleksandr Blok und Andrej Belyj, über den sich im Gegensatz zum russischen Symbolismus auf das konkrete Diesseits fokussierenden Akmeismus, von Osip Mandel‘štam, Anna Akhmatova und Nikolaj Gumiliov mitbegründet, und der Bauerndichtung Sergej Jesenins hin zum russischen (Kubo-)Futurismus Velimir Khlebnikovs und Vladimir Majakovskijs und solchen keiner literarischen Schule angehörenden Dichterpersönlichkeiten wie Marina Cvetajeva und Boris Pasternak.
Zwischen den russischen Dichterinnen und Dichtern entspann sich aus dem Einander-zur-Kenntnis-Nehmen und dem Aneinander-Wachsen in dieser Zeit ein reger und fruchtbarer Dialog, der neben Begegnungen und Briefen, Hommagen und satirischen Porträts in Versen zur Bildung ganzer Traditionslinien und Einflusssphären genauso führte wie zur absichtlichen Meidung des fremden Einflusses zur Herausbildung der eigenen künstlerischen Handschrift:
So waren sowohl Akhmatova (vgl. Ja prishla k poetu v gosti [1914; Zum Dichter kam ich zu Besuch]) als auch Cvetajeva (vgl. ihren Gedichtzyklus Stikhi k Bloku [1916; Gedichte an B.]) glühende Anhängerinnen Bloks; so ging Akhmatova eine kurze Ehe mit Gumiliov ein (vgl. u.a. ihr Gedicht Kolybel’naja [1921; Wiegenlied]); so skizzierte Mandel‘štam ein knappes und prägnantes Bild Akhmatovas (Akhmatova; 1914); so huldigte Cvetajeva Mandel‘štam in Nikto ničevo ne otnial (1916; Nichts von niemandem geraubt) und Akhmatova u.a. in einem der Dichterkollegin gewidmeten Zyklus (Akhmatovoj [1916; An A.]) als der „Goldmund-Anna von ganz Russland“ (Zlatoustnoj Anne – vseja Rusi); so verband Majakovskij, der solche illustren Dichterkollegen wie Akhmatova oder Cvetajeva als ‚bourgeois’ und ‚überholt’ diffamierte und dem Selbstmörder Jesenin das zynische Gedicht Sergeju Jeseninu (1926; An S. J.) widmete, eine zaghafte Freundschaft mit Pasternak; so hegte Pasternak eine derartige Bewunderung für Majakovskij, dass er gegen dessen Einfluss in der eigenen Lyrik bewusst anzukämpfen hatte; so beschwor Pasternak eine kleine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die neben ihm Majakovskij und später auch Cvetajeva umfasste, in Nas malo. Nas mozhet byt’ troje (1921; Von uns gibt es wenige. Vielleicht nur drei) und fertigte dichterische Porträts von Akhmatova (Anne Akhmatovoj [1929; An A.A.]) und Cvetajeva (M.C.; 1929) an; so verfasste Akhmatova ihrerseits eine prägnante dichterische Charakterisierung Pasternaks (Boris Pasternak; 1936) und Majakovskijs (Majakovskij v 1913 godu [1940; M. im Jahre 1913]) und nahm Jahrzehnte später, nach dem Überleben aller Weggefährten, in einer Allusion an den von Pasternak evozierten Kreis den Faden wieder auf und benannte nun, neben Pasternak und sich, Mandel‘štam und Cvetajeva zu den ‚Auserwählten’ (Nas četvero [1961; Von uns gibt es vier]); so ignorierte Cvetajeva Majakovskijs Feindseligkeit und widmete ihm nach seinem Selbstmord einen ganzen Gedichtzyklus aus dem Pariser Exil (Majakovskomu [1930; An M.]); so entspann sich zwischen Pasternak und der nach der Revolution zunächst im Exil lebenden Cvetajeva eine innige Brieffreundschaft, die erst mit Cvetajevas Rückkehr in die Sowjetunion und ihrem baldigen Freitod endete.
Ich bin langsam geworden. Gott sei Dank nicht beim Denken und Schreiben. Ich arbeite jeden Morgen, bis ich spüre, dass ich aufhören muss, weil der Blutdruck auf 200 ist.
»Körperruine«, »Monster im Spiegel« – kommt alles in Ihren Texten vor.
So nehme ich mich nun mal wahr und es gefällt mir nicht. Trotzdem bin ich nur äußerlich das alte Weib, das durch die Straßen humpelt, innerlich bin ich immer noch das 17-jährige Mädchen, das in Deinzendorf barfuß über die Wiese läuft. Ich glaube, ich habe eine Kinderseele. Kann man das so sagen?
Friederike Mayröcker im Gespräch mit Tobias Haberl, Süddeutsche Zeitung Magazin 37/ 2012
Die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig vergibt den mit 10.000 Euro dotierten “Günter-Eich-Preis” 2015 an den Hörspielautor Ror Wolf. Die Preisverleihung wird am 7. Juli 2015 im Rahmen des Sommerfestes der Medienstiftung auf dem “Mediencampus Villa Ida” in Leipzig stattfinden. “Ror Wolf hat ein Radiokunst-Werk geschaffen, das im Laufe der Jahrzehnte das Repertoire des deutschsprachigen Hörspiels stetig erneuert und nachhaltig bereichert hat”, sagte Stephan Seeger, Geschäftsführender Vorstand der Medienstiftung und Direktor Stiftungen der Sparkasse Leipzig: “Umso mehr freue ich mich, dass er nun unseren nach Günter Eich benannten Hörspielpreis erhält – schließlich war es Eich selbst, der den jungen Ror Wolf anregte, Hörspiele zu verfassen”.
Der am 29. Juni 1932 im thüringischen Saalfeld als Richard Wolf geborene Ror Wolf ist ebenso Spezialist wie Universalist, der sich nicht auf eine Disziplin beschränken lässt: Er schreibt Literatur, collagiert Bilder, verfasst und montiert Hörspiele. “Im Grunde bin ich ein Hörspielautor, der gelegentlich ein Buch schreibt”, sagt Wolf über sich selbst. Entsprechend breit präsentiert sich das Werk, das nach dem Verlassen der DDR im August 1953 und einem Studium der Literatur, Soziologie und Philosophie unter anderem bei Adorno und Horkheimer entstanden ist. 1958 erscheinen erste literarische Veröffentlichungen. Nach einem zweijährigen Engagement als Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk ist Ror Wolf seit 1963 als freier Schriftsteller tätig, dessen Romandebüt “Fortsetzung des Berichts” 1964 erscheint. 1971 wird sein erstes Hörspiel “Der Chinese am Fenster” gesendet, das später in die Trilogie “Auf der Suche nach Dr. Q.” einfließt. Legendär wird Ror Wolf durch seine zehn Fußball-O-Ton-Collagen, die zwischen 1972 und 1979 entstehen. 1988 wird er für seine Hörspielbiografie “Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika” mit dem “Hörspielpreis der Kriegsblinden” ausgezeichnet, “Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille” wird 2007 von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum “Hörspiel des Jahres” gekürt.
“Als Liebhaber und Kenner des Jazz ist Ror Wolf ein Virtuose der Sprache und verfügt über ein geradezu musikalisches Wortverständnis. Verbunden mit einer von Phantasie überbordenden Auseinandersetzung mit der Realität, bei der durch stets neue Besichtigungsweisen und Darstellungsversuche selbst das Unwahrscheinlichste noch wahrscheinlich ist, macht ihn dies zu einem der faszinierendsten Forschungsreisenden im Gebiet der Töne, Stimmen und Geräusche. Die akustischen Erzählformen, die Ror Wolf hierbei dem Medium Radio in produktiver Auseinandersetzung mit dessen Bedingungen und Möglichkeiten abgewinnt, wirkten stilbildend auf nachfolgende Generationen und haben in ihrer zeitlosen Modernität bis heute nichts an Lebendigkeit verloren; ihre künstlerische Raffinesse und die Subtilität der Arrangements befeuern den hohen Unterhaltungswert, den jedes einzelne Hörspiel des Autors besitzt – Hörspiele, die sich in der Summe auch als eine Hommage sehen und hören lassen an das Radio als das Medium des künstlerischen Worts”, begründete die Jury die Wahl des Preisträgers.
Die Mitglieder der diesjährigen Jury waren: Linde Rotta (freie Autorin / Journalistin), Elisabeth Panknin (ehemalige Hörspielleiterin des Deutschlandfunks), Franziskus Abgottspon (ehemaliger Hörspielleiter der SRG / Schauspieler) und Dr. Jens Bisky (Feuilletonredakteur / Kritiker bei der Süddeutschen Zeitung). Den Juryvorsitz hatte Wolfgang Schiffer (bis 2011 Leiter der Abt. Hörspiel und Radiofeature des WDR). Die Entscheidung der Jury zur Preisvergabe an Ror Wolf, in diesem Jahr nominiert vom WDR, erfolgte einstimmig.
Der von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig zum fünften Mal ausgeschriebene “Günter-Eich-Preis” richtet sich an Autorinnen und Autoren, die dem Radiogenre “Hörspiel” ein Oeuvre von inhaltlicher und formaler Kompetenz gewidmet haben. Er wird im jährlichen Wechsel mit dem “Axel-Eggebrecht-Preis” für das Radio-Feature verliehen. Bisherige Preisträger waren Alfred Behrens (2007), Eberhard Petschinka (2009), Hubert Wiedfeld (2011) sowie Jürgen Becker (2013).
Bei DadAWeb eine Gedenkseite für den anarchistischen Verleger Bernd Kramer, der am 5. September 2014 in Berlin im Alter von 74 Jahren gestorben ist.
Bernd Kramer, am 22. Januar 1940 in Remscheid geboren, war acht Jahre Schriftsetzer und Buchdrucker, bevor er in Berlin 1967 Mitherausgeber der ersten anarchistischen Underground-Zeitung linkeck wurde. Zusammen mit seiner (im März 2014 verstorbenen) Frau Karin hatte Bernd Kramer seit Anfang der 1970er Jahre den Karin Kramer Verlag in Berlin-Neukölln betrieben, der für viele seiner Leserinnen und Leser zum Synonym für anarchistische Literatur werden sollte.
Auf der Seite Nachrufe und Erinnerungen von Bert Papenfuß, Knobi, Wolfgang Haug u.v.a.
Die Dichterin Elke Erb bekommt den Anke Bennholdt-Thomsen-Preis für Lyrik der Deutschen Schillerstiftung. Die Jury lobte Erbs anspruchsvolles Schreiben und ihre hochreflexive Sprache, wie die Schillerstiftung mitteilte.
In der Begründung hieß es auch: „Die 1938 in Scherbach in der Eifel geborene Dichterin Elke Erb, die 1949 mit ihrer Familie in den Osten Deutschlands ging, hat in ihrem über Jahrzehnte angewachsenen Werk eine völlig eigenständige Poetik entwickelt.“
Als älteste bürgerschaftlich organisierte Fördereinrichtung unterstützt die Deutsche Schillerstiftung von 1859 Autorinnen und Autoren. „Seit fast 150 Jahren zeichnen wir besondere schriftstellerische Leistungen aus“, erklärt sie auf ihrer Homepage. Seit 2010 wird alle zwei Jahre der Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis vergeben. Er fördert deutschsprachige Lyrikerinnen, die durch ihre künstlerische Leistung hervorgetreten sind. Bisherige Preisträgerinnen waren Dorothea Grünzweig (2010) und Sabine Scho (2012). Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert und wird im kommenden Mai zusammen mit der Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung in Weimar verliehen. Diese mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung geht an den Lyriker Volker Sielaff.
Bei Fixpoetry hat die Mayröckerfeier begonnen, nix wie hin! Ich zitiere 1 Satz aus Theo Breuers Feierbeitrag:
Wir frozzeln, wir knabbern, wir schwatzen, und irgendwann geht es um Lieblingsdichter (die Kunst, unbeirrt auf ein bestimmtes Thema zuzusteuern – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste –, hat mir der Vater beigebracht, der immer, immer, immer aufs Thema ›Amerika‹ zu schwenken in der Lage war, stets fand er irgendein, ach Gott, ja: bloß scheinbar belangloses Stichwort, egal, wie überlegt ich formulierte, um weit, weit weg von Amerika zu bleiben, an das er, irgendwie, anzuknüpfen verstand, und schon befanden wir uns inmitten des Jahres 1944 im Bundesstaat Milwaukee …), und als ich den Namen Friederike Mayröcker nenn, ich beschrieb in meinem Kopf pausenlos was ich geträumt hatte, schaun die sympathischen Damen* mich mit mehr oder weniger großen Augen an, freimütig, leicht beschämt einräumend, dem Namen noch nirgends begegnet zu sein, was der Stimmung allerdings keinerlei Abbruch tut – im Gegenteil: Derartig offne Eingeständnisse spornen mich doch bloß zusätzlich an, und mir wird »sternklar«, von einer Sekund auf die andre: Ja, hier bin ich richtig, ja, hier bin ich gern.
*) „drei frischgebackne Deutschlehrerinnen (»When shall we three meet again – in thunder, lightning or in rain?«), die an verschiednen großstädtischen Gymnasien unterrichten“
STANDARD: Ihr Stück „die unverheiratete“ ist zur Gänze in Jamben geschrieben. Das erzeugt eine eigenartige Wirkung beim Lesen. Verraten Sie den Grund?
Ewald Palmetshofer: Es gibt zwei. Zum ersten habe ich sehr viel Recherchearbeit aufgewendet. Ich war auf der Suche nach einem Ton, einer sprachlichen Form für die Gerichtssituation. Das Aktenmaterial zu dem Entnazifizierungsprozess ist sehr eigenartig.
STANDARD: Inwiefern?
Palmetshofer: Ich wusste nicht, dass die österreichische Protokollpraxis in diesen Jahren anders war als bei den Entnazifizierungsprozessen, die man aus Deutschland kennt. Dort herrschte die amerikanische Ordnung. Das bedeutet, dass in direkter Rede protokolliert wurde. In Österreich wurde indirekt protokolliert, gleichsam paraphrasierend.
STANDARD: Sie meinen Sätze von bürokratischer Verstiegenheit?
Palmetshofer: Diese eigenartige Sprachlichkeit des Materials zwingt die unterschiedlichen Sprecher in ein einheitliches Sprachkorsett. Man hat keine O-Töne. Der Ton geht immer ums Eck.
STANDARD: Werden die Figuren dadurch ein Stück weit „gesprochen“?
Palmetshofer: Ich habe Sehnsucht nach einem „originalen“ Ton gehabt. Ich musste aber zur Kenntnis nehmen, dass der verloren und verschüttet ist. Ich habe Sprecher, die im vorliegenden Material von anderen gesprochen werden. Die einzige Quelle, die einen Hauch von Originalität besitzt, das sind die Zeitungen der Zeit, die eine Ahnung von der Temperatur vor Gericht vermitteln.
STANDARD: Wodurch bewiesen scheint, dass Zeitungen für etwas gut sind.
Palmetshofer: Da gibt es wenigstens eine Differenz. Die Temperatur im Gerichtssaal ist aus dem Aktenmaterial einfach nicht herauslesbar. Nicht nur die Sprache, sondern auch die Emotionen scheinen wie durch einen Filter gepresst.
STANDARD: Man kann auf die Figuren nicht unmittelbar zugreifen?
Palmetshofer: Es gibt diesen Zugriff nicht. Das war eine Enttäuschung im Archiv. Das hätte ich mir eigentlich anders gewünscht. Damit war aber auch umzugehen. Alle Ersteinvernahmeprotokolle sind ähnlich. Individualität ist ausgelöscht, es hat alles schön auf einer DIN-A4-Seite Platz. Der zweite Grund für die künstliche Sprachform: Es gibt eine antike Folie. / Ronald Pohl, Der Standard
Fellbach – Der in Berlin lebende Schriftsteller Jan Wagner wird mit dem Mörike-Preis 2015 der Stadt Fellbach ausgezeichnet. Der Lyriker und Essayist bekomme den mit 15 000 Euro dotierten Preis am 22. April 2015 verliehen, wie die Stadt am Mittwoch mitteilte. Seine Gedichte «leben ebenso sehr vom freien Spiel mit der Sprache wie von der Lust an der strengen Form», begründete Literaturkritiker Lothar Müller die Preisvergabe an den 1971 in Hamburg geborenen Wagner. «Sie öffnen die Augen für die Natur wie für die Rätsel der Dinge, scheuen weder den unreinen Reim noch die barocke Gelehrsamkeit.» / Die Welt
Die Stadt Fellbach über den Preis:
Seit 1991 vergibt die Stadt Fellbach im Andenken an den Dichter Eduard Mörike, der 1873 einige Zeit in Fellbach gelebt hat, den Mörike-Literaturpreis. In der deutschen Literaturszene hat sich der Fellbacher Mörike-Preis seither fest etabliert. 2015 wird der in Berlin lebende Lyriker und Essayist Jan Wagner mit der renommierten Auszeichnung geehrt. Den Förderpreis hat Jan Wagner dem Leipziger Lyriker und Übersetzer Andre Rudolph zuerkannt.
Konstitutiver Bestandteil der Preisverleihung ist die Mörike-Rede des Preisträgers. Die Geehrten legen darin ihre persönliche Sicht auf den Namensgeber des Preises dar. Die Verleihung des Mörike-Preises ist stets mit den Fellbacher Literaturtagen verknüpft. Sie dienen der Beschäftigung mit dem Werk des Preisträgers, beleuchten aber auch Mörike selbst immer wieder neu.
Die Vergaberichtlinien
Der Mörike-Preis der Stadt Fellbach wird seit 1991 in dreijährigem Turnus verliehen. Er ist mit 12 000 Euro dotiert. Ausgezeichnet werden deutschsprachige Dichter und Schriftsteller, die durch die Qualität ihres Schaffens würdig erscheinen, im Namen von Eduard Mörike geehrt zu werden. Mit dem Mörike-Preis ist ein Förderpreis verbunden, der auch an fremdsprachige Autoren vergeben werden kann. Er ist mit 3000 Euro dotiert.
Über die Zuerkennung des Mörike-Preises entscheidet eine Vertrauensperson in alleiniger Verantwortung. Die Vertrauensperson wird vom Oberbürgermeister der Stadt Fellbach auf Vorschlag einer Jury benannt. Die Jury besteht aus einem Vertreter des Literaturarchivs Marbach und einem ordentlichen Professor für Literatur an einer deutschsprachigen Universität. Der Förderpreis wird vom Preisträger vergeben. (Mehr)
Schwarze Sneakers, zerschlissene Jeans, ein rotes Baseballcap. Lukas fällt in der Gruppe von Studenten vor dem Unipark Nonntal nicht sonderlich auf. Der 22-Jährige studiert Biologie an der Uni Salzburg, er ist leidenschaftlicher Basketballer. Doch sein wohl größtes Hobby ist Dichten – ja, Dichten. „Mein Bruder hat mich mit 17 das erste Mal zu einem Poetry Slam mitgenommen. Seitdem mache ich bei den Wettkämpfen mit.“ Bei einem Poetry Slam werden selbst geschriebene Texte performativ vorgetragen. Wer die „Dichterschlacht“ gewinnt, entscheidet das Publikum. „Für mich ist ein Slam sportlicher Wettkampf und persönlicher Ausdruck zugleich“, ergänzt Lukas. Formaten wie dem Poetry Slam ist es zu verdanken, dass Lyrik wieder massen- und vor allem jugendtauglicher wird. Erleben wir also eine Hochphase der modernen Dichtung?
Poetry-Slammer Lukas ist sich sicher, dass sich in den vergangenen Jahren viel bewegt hat. Nicht umsonst sei die deutschsprachige „Slam-Szene“ die zweitgrößte der Welt – nach der englischsprachigen. (…)
Doch ist moderne Lyrik überhaupt mit „Gedichte schreiben“ gleichzusetzen? Laut Uta Degner muss der Begriff viel weiter gefasst werden. Die Stipendiatin am Fachbereich Germanistik der Uni Salzburg erläutert: „Moderne Lyrik ist gerade in der Gegenwart all das, was zu Lyrik erklärt wird – poetische Regeln gibt es keine mehr.“ Es gebe immer noch traditionell gereimte Lyrik, aber auch ganz offene Formen von Prosagedichten, Lautgedichten etc. Trotz der weitreichenden Definition sieht Degner Lyrik immer noch als „Nischenphänomen, abseits von großen Verkaufszahlen“. Lediglich die Poetry Slams seien ein Zeichen für „ein gewisses Comeback der Lyrik unter jungen Menschen“.
Manfred Glauninger bescheinigt der modernen Lyrik ein besseres Bild. Für den Sprachwissenschafter ist etwa der Poetry Slam keine Modeerscheinung. „Die Poetry Slams sind für mich jetzt schon eine etablierte Form von Musikkunst oder Literatur.“ Zentral sei die Musik als „Transportmittel“ für die gedichteten Verse. „Moderne Lyrik ist sehr stark mit Songtexten, speziell mit Rap verbunden. Seit den ersten US-Rappern in den 80ern – und Falco in Europa – ist es ,cool‘, sich auf diese Weise auszudrücken.“ Inzwischen sei sogar eine Sogwirkung für andere Altersklassen zu bemerken: „Es gibt immer mehr Teilnehmer über 30, 40 oder 50, die an Poetry Slams teilnehmen.“ / Ralf Hillebrand, Salzburger Nachrichten
Stets hält die 1973 in Karlsruhe geborene und heute in Frankfurt am Main lebende Autorin ihr animalisches Karussell in Schwung, drapiert es mit Effekten aus Gruselkabinett und Zirkus. Ihr vierter Gedichtband verblüfft nun mit leiseren Tönen, die umso intensiver klingen. (…)
Silke Scheuermann begann schon in „Über Nacht ist es Winter“ das Verschwinden der Arten zu thematisieren. Ihre „Martha, letzte Wandertaube der Welt“ begegnet dem Leser hier erneut, dazu andere, vor langer Zeit ausgestorbene Tiere wie Mammut, Säbelzahntiger und Höhlenlöwe, Dodo und Uraniafalter. Sie alle werden im erinnernden Gedicht aufgehoben – wie einst die immer seltener werdenden Schmetterlinge im Sonettenkranz „Das Schmetterlingstal“ der großen Dänin Inger Christensen.
„Zweite Schöpfung“, das bezieht sich sowohl auf die bewahrenden Kräfte der Poesie als auch auf eine Rekonstruktion der Verlorenen durch Genforschung. Das Ich spricht das Tier voller Empathie an, reflektiert die Hintergründe seines Verschwindens und trauert über Unwiederbringliches. Damit grenzt es sich gegen biotechnologische Experimente ab: „Dies ist die Freiheit / unserer Art, neue, andere Arten zu machen. / Gott hat uns mit einem Bausatz beschenkt.“ / Dorothea von Törne, Tagesspiegel
Silke Scheuermann: Skizze vom Gras. Gedichte. Schöffling&Co, Frankfurt a.M. 2014. 104 Seiten, 18,95 €.
In einem leidlich amüsanten, wohl eher von Häme als von kritischem Interesse diktierten Aufruf (an wen eigentlich?) wird mein Herbstbuch „Leben & Werk“ zum Verriss freigegeben. Sei’s drum. Ich kann und will die Rezeption der von mir verantworteten Texte nicht beeinflussen, auch nicht kommentieren. Bücher haben bekanntlich ihr eigenes „Schicksal“, nehmen ihren eigenen Weg, treffen dort ein, wirken dort fort, wo sie gebraucht werden und wo man mit ihnen „etwas anfangen“ kann. Wo das nicht der Fall ist, kommt ohnehin jede Hilfe, jede Hoffnung zu spät. Insofern interessiert mich das Schicksal meiner Bücher nicht. Sobald sie veröffentlicht sind, fallen sie von mir ab, sie gehen fremd, kommen mir abhanden, gehören mir nicht mehr. Man kann sie schätzen, man kann sie schänden, man darf sie auch missverstehen; mich berührt das alles nicht.
Von daher kommt mir auch die eher dürftige Idee mit dem physischen Verriss eines Buchs – hier also von „Leben & Werk“ – gar nicht so abwegig vor. Denn tatsächlich lässt sich dieser mehrfach gemoppelte Text auch in Stücken, Fetzen,Versen, Einzelsätzen durchaus adäquat lesen – man liest drin, und man weiss, man ist vom linearen Durchlesen dispensiert. Steht ja auch im Vorwort des Autors. Dass das Verreissen auch ganz praktisch als Zerreissen getätigt werden kann, will ich durch die folgende Episode bezeugen.
Ich bin von Kijiw nach Lwiw im Zug unterwegs. Hocke zwischendurch im ungeheizten Klo, spüre von unten den eisigen Fahrtwind, am Boden liegt ein Bündel von Zeitungsausrissen, die offensichtlich das fehlende Klopapier ersetzen sollen. Auf einer der Zeitungsseiten steht ein Gedicht. Ich greife nach dem zur Hälfte zerrissenen Blatt, versuche den Text – ukrainisch – zu lesen, lese ihn mehrmals, und er kommt mir dabei immer bekannter vor. Der Name des Autors wie auch der Gedichtanfang fehlt, ist weggerissen. Unter dem Gedicht steht, dass es sich um eine Übersetzung aus dem Deutschen handelt. Vom Namen des Übersetzers bleiben bloss ein paar Buchstaben: Wolod… ‒ Doch nun dämmert es mir: Das ist mein Gedicht. Das ist eins meiner Gedichte, zumindest ein Teil davon. Ich hab den Ausriss dann doch nicht als Klopapier verwendet. Hab ihn am Kleiderhaken an der Innenseite der klappernden Toilettentür aufgehängt. Für einen unbekannten Leser. Für eine andere Lesart. Vielleicht also doch ein „fröhlicher“ Verriss!
Felix Philipp Ingold
(…) das Lied der Maria aus Tschaikowskis „Mazeppa“. Der Stoff zu dieser Oper stammt von Lord Byron und Alexander Puschkin. Heine und diese beiden Poeten bilden ein Dreigestirn. In „Mazeppa“ geht es um ein Drama der Unversöhnlichkeit in der Ukraine. Ein dortiger Herrschersohn, zu Gast am polnischen Hof, verführt Frauen. Von deren Ehemännern wird er auf ein Pferd genagelt.
Das Pferd, zum Wahnsinn gebracht durch die Nägel, galoppiert mit dem nackten Prinzen zum Dnjepr und bricht dort tot zusammen. Der Prinz aber wird Hetman der Ukraine. Kaum an der Macht, überwirft er sich mit allen anderen und bringt einige davon um. Er verbündet sich mit dem Westen, mit der Armee des Schwedenkönigs Karl XII. In der Schlacht von Poltawa schlägt Zar Peter der Große beide aufs Haupt. Die einzige Frau, die Mazeppa wirklich liebte, verfällt dem Wahnsinn. Ihr Lied am Ende der Oper bleibt als Trost.
„Jede Zeit ist eine Sphinx,
die sich in den Abgrund stürzt,
sobald man ihr Rätsel gelöst hat.“
(Heinrich Heine)
Heinrich Heine ist luzide. Er ist Öffentlichkeitsmacher. Er ist publizistischer Architekt seiner Epoche. Er ist aber auch Dichter von Dunklem, verschlossenen Farben, verdichteter Erfahrung, die keine Marktgängigkeit besitzt und die notwendigerweise zur Orientierung unserer Seelen gehört. Das entspricht dem Begriff des Kritischen und der Romantik, einer kritischen Romantik. Heine ist angetan vom Fortschritt, von Revolution und Freiheit, von Industrie, Telegrafie und Eisenbahnen. Das, was Walter Benjamin in seinem Passagenwerk an Phänomenen aufführt, von Paris als der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts über den Bürgerkönig Louis Philippe bis zur frühen Fotografie, zu Eisen, Salon, Mode, Weltausstellung und der Utopie der „Quatre Mouvements“ des Charles Fourier, spiegelt auch die Lebenswelt Heinrich Heines.
/ Alexander Kluge, aus der Dankesrede zum Heinrich-Heine-Preis 2014, Süddeutsche Zeitung 15.12.
Neueste Kommentare