10. Lyrik von Migranten

Zum einen führt Samson auch im neuen Band das grandiose Formenspiel fort, also jene in der Dialektik von Vers und Sinn angelegte Bewegung, die er in seinen Texten vollzieht, aber er knüpft auch biografisch an den Vorgänger an, so dass man die Gedichte in ihrer Reihung auch als Geschichte der Emigration, des Exils lesen kann und der Einrichtung des Autoren darin.

Als Auftakt aber ein Rückgriff, ein Gedicht aus dem Jahre 1987, dort die Strophe:

Zypressen. Oft sitze ich
auf der Kiste mit den Habseligkeiten

Diese Kiste mit den Habseligkeiten scheint mir ein Grundmotiv der Dichtung von Migranten, als würde man, wie lange man auch bleibt, nicht auspacken, den Schrank nicht benutzen, sondern stets bereit sein für eine schnelle Abreise. Man richtet sich also in der Welt nicht ein. Worin man sich aber einrichtet, ist im Imaginären und in der Sprache. In der Sprache und im Sprechen selbst. Im Flüchtigen des Sprechens. / Jan Kuhlbrodt, Fixpoetry

Horst Samson
Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin
Pop Verlag
2014 · 17,80 Euro
ISBN:
978-3863560973

9. Gegenentwurf

So ist das Schreiben Friederike Mayröckers absoluter Gegen-Entwurf zu Beste­hendem; man braucht nicht auf Politik und gewisse Schau­plätze der Erde zu verweisen, so wie dies nicht in der Dichtung vorzu­kommen braucht; hier führt jemand ein völlig anderes Leben und ist nicht bereit, in Niede­rungen einzu­tauchen, in denen Menschen etwas getan wird – / Ralf Wilms, Poetenladen

Friederike Mayröcker
Cahier
192 Seiten
Suhrkamp 2014

8. Trans poetry

Trace Peterson writes:

Excited to announce the new issue of TSQ: Transgender Studies Quarterly issue 1:4, on Trans Cultural Production, magnificently edited by Trish Salah and co. My article in this issue, „Becoming a Trans Poet: Samuel Ace, Max Wolf Valerio, and kari edwards“ is (as far as I am aware) the first scholarly article on the category „trans poets“ or „trans poetry“ to appear in a peer-reviewed academic journal. And all the people I have just mentioned have been published in EOAGH at one point, with a new book of poems by Valerio and a previously unpublished book by edwards forthcoming momentarily from EOAGH Books!

Abstract:

This essay argues for a possible trans poetics or trans poetry aesthetic in the United States by examining poems by three of the earliest visible trans poets to publish books in this country: Samuel Ace, Max Wolf Valerio, and kari edwards. Close readings of their poems, supplemented with interviews in which the authors provide key contextual information, reveal an intriguing relationship between how these authors play with intelligibility through poetic form and how their work has mostly eluded literary history. An investigation into how these poets became authors looks at this process parallel to the narrative of how they understood the process of gender transition. This investigation reveals how aspects of their shared aesthetic can be traced to common struggles, shared literary mentors, and other factors such as how these poets have had to invent their own readership contexts and how name changes create challenges for literary biography.

7. Mit Sappho

Sapphofortsätze

Von Christiane Kiesow

Vor etwa einem dreiviertel Jahr ging ein Aufruf durch das Internet: Sendet Sapphogedichte! Sofort setzte das Grübeln ein: welche Art Text eignet sich für eine solche Anthologie? Ich bin des Altgriechischen nicht mächtig, also fallen Übersetzungen schon einmal weg. Es gäbe die Möglichkeit, sich formal zu nähern, sich z.B. an sapphischen Strophen zu versuchen oder eine Hymne zu verfassen. Man könnte Sappho auch durch den Fleischwolf drehen und Anagramme basteln. Leerstellen besetzen, Lückenfüller spielen; von der Tonimitation über das Fortsetzen der Fragmente hin zur phonetischen Übersetzung, ist alles möglich. Auch inhaltlich könnte man sich austoben. War sie nicht Lehrerin und Lesbe? Hat sie nicht auf einer Insel gelebt, am anderen Ufer? Da war doch von Wasser die Rede und von Mädchen und Mond.

Doch mit diesen Überlegungen gingen auch Zweifel einher. Lauert bei allzu eifriger Formstrenge nicht die Gefahr, in eine spröde akademische Übung abzudriften? Würde sich die Anbetung einer Silikonpuppe thematisch zu radikal ausnehmen? Ist es eigentlich juristisch erlaubt, sapphisches Gaffen gegenüber minderjährigen Mädchen zu thematisieren oder ist es vielleicht zu seufzerverseucht? Außerdem lässt sich ein Gedicht in geschlechtergerechter Gebärdensprache schwer abdrucken. Doch während ich mir meine Schreibhemmungen zusammen sammelte, waren andere wesentlich mutiger. Viele von den Ideen wurden erfolgreich umgesetzt und so ist ein aufregend vielstimmiger, bunter Band zustande gekommen.

Nimmt man ihn zur Hand, fällt schon die Gestaltung des Einbandes positiv auf. Es handelt sich dabei um eine optisch an Hieroglyphen und strukturell an ein Gedicht erinnernde Anordnung von kleinen Piktogrammen, die bei ausreichender Kenntnis vom Stoff eindeutige Bezüge zu Sappho herstellen. Mond, Rosen, Herztöne, Frauenkörper, Schlaflider, Vasen, Wasser. Hier ein kleiner Rüffel an die Herausgeber: warum ist die Grafikerin Isabel Wienold eigentlich nicht im Autorenregister aufgeführt?

Blättert man in den Band hinein, sind die Gedichte dann in vier Kategorien eingeteilt. In Remix finden sich die Gedichte, die die Auseinandersetzung mit einer „zusammengesetzten Sappho suchen“, Gegenentwürfe und Nachschöpfungen einzelner Sapphischer Stückchen finden sich unter Einzelstücke, darauf folgt die thematische Einheit Alles wird Mond, die sich frei dem berühmten Fragment 168b widmet, zuletzt finden sich allerlei Arten von Fragmenten. An dieser Stelle stutze ich. Gibt es denn gar kein erotisches Kapitel? Ja – wo sind eigentlich die Venushügelvoyeurismen!

Liest man sich aber hinein, so stößt man durchaus auf vaginale Spuren. Bei Marcus Roloff finden sich „aprikosenhälften mit flimmerhärchen“, Michael Gratz hat sich dem Vagina Sonnet von Joan Larkin gewidmet. Gleich zweimal hintereinander. Wobei die phonetische Oberflächenübersetzung die wesentlich spannendere ist. Auf die ursprünglichen Zeilen „A famous poet told me, ‘Vagina’s ugly.’/Meaning, of course, the sound of it. In poems.“, dichtet er: „Effeminate poet sold in red china suckling. / Minnow’s force. They found a wit in poems.“

Weitere experimentelle Dichtung findet sich vor allem auf den hinteren Seiten des Bändchens. Dort bringt Clemens Schittko die Bestellinformation eines Online-Buchhändlers in Form und Bertram Reinecke erfindet die Gegenüberstellung eines sapphischen und eines alkäischen Fragments. Die größten Rätsel geben mir aber Elena L. Steinberger und Birgit Kreipe auf. Sie machen deutlich, worin die große Chance des Fragments besteht: nämlich durch Lücken hermeneutischen Leseansprüchen von vorn herein ein Schnippchen zu schlagen. Die Ursache für das Scheitern des Verstehens ist quasi inbegriffen. Egal, wie man es angeht, der Freiraum funktioniert immer als Letztbegründung. Denn man weiß ja nicht, ob und wenn ja: was und wie viel fehlt. Und wovon. Angelika Janz muss an dieser Stelle auch genannt werden, hat sie schließlich die Arbeit am Fragment zu einer Poetologie kultiviert. Wobei sie den umgekehrten Weg nimmt: sie resozialisiert das Fragment zum gesellschaftsfähigen Gedicht.

Blättert man wieder ein Stück zurück, so findet man sich bei einer Kumulation von Mond wieder. Es ist angenehm, das Fragment 168b von so vielen Seiten durchbuchstabiert zu sehen. Hier bietet der Sapphoband die Gelegenheit, einmal bei einem Thema zu verweilen. Es zu drehen und zu wenden und darüber nicht ungeduldig zu werden, sondern es von Text zu Text zu vervollständigen. Erwähnt sei hier auch Christoph Georg Rohrbach, der mit der Veröffentlichung in „Muse, die zehnte“ sein Gedichtdebüt begeht.

Aber Tod dem chronologischen Erzählen. Noch einmal forsch hereingegriffen in den Bilderbottich. Da „welkt Wald“ (Richard Duraj/Andreas Bülhoff) und da ist „aller Tag nur Wachliegen noch nach dir“ (Tobias Roth), es gibt „Plektron für Stimmbänder“ (Asmus Trautsch), „kubistische Kämme“ (Ulf Großmann) und etwas ist „von Schönheit gestanzt“ (Georg Leß). Da heißt es: „Anfang gut, alles gut“ (Philipp Günzel) und dazwischen winden sich Zungen (Phoebe Giannisi).

Ja – vielleicht hatte ich mir zu Beginn mehr Vulvavöllerei gewünscht, aber das ist nun nicht mehr so schlimm. Wer ernsthaft eine Anthologie betrachten will, muss immer den Teil bedenken, der fehlt.

Wie sollte man sonst Auswahl erkennen?

Muse, die zehnte. Antworten auf Sappho von Mytilene
Herausgegeben von Michael Gratz und Dirk Uwe Hansen
Erscheinungsdatum: 01.12.2014
110 Seiten; Softcover; 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-943672-50-3
14,95 EUR (D)

Mit Glykeria Basdeki, Kerstin Becker, Andreas Bülhoff, Jascha Dhal, Daniela Danz, Richard Duraj, Christiane Heidrich, Jenny Feuerstein, Phoebe Giannisi, Mascha Golda, Michael Gratz, Ulf Großmann, Alexander Gumz, Philipp Günzel, Marilyn Hacker, Bianka Hadler, Dirk Uwe Hansen, Andreas Hutt, Roman Israel, Angelika Janz, Anja Kampmann, Jorgos Kartakis, Odile Kennel, Birgit Kreipe, Erika Kronabitter, Jan Kuhlbrodt, Marianna Lanz, Joan Larkin, Georg Leß, Leonce W. Lupette, Anne Martin, Artur Nickel, Simone Katrin Paul, Martin Piekar, Bertram Reinecke, Rick Reuther, Christoph Georg Rohrbach, Marcus Roloff, Tobias Roth, Uwe Saeger, Clemens Schittko, Armin Steigenberger, Elena L. Steinbrecher, Brigitte Struzyk, Asmus Trautsch, Monika Vasik, Eva Christina Zeller

Zum Verlag (mit Leseprobe)

6. Mit Trakl

Das Renitente in Trakls Sprache findet sich in anderer, nicht minder wuchtiger Gestalt in den Versen des 1965 geborenen Romanciers und Lyrikers Marcel Beyer. Von „Verklirrter Herbst“, Beyers schräger Anverwandlung von Trakls „Verklärter Herbst“, die 1997 in Beyers Band Falsches Futter erschien, führt eine Linie zuGraphit, dem neuen Lyrikbuch von Beyer. Er enthält das in Trakl und wir abgedruckte Gedicht „An die Vermummten“, das auf Trakls „An die Verstummten“ antwortet. Doch auch das dreiteilige „Alphabet Oberlippe“ bezieht sich vermittelt auf den Jahrhundertdichter, genauer: auf eine Fotografie, die Georg Trakl im Sommer 1913 auf dem Lido von Venedig zeigt. Trakl war mit dem Herausgeber der Zeitschrift Der Brenner, Ludwig von Ficker, sowie dessen Frau und Karl Kraus nach Venedig gereist. Venedig, mutmaßt Trakls Biograf Gunnar Decker, muss Trakl ambivalent gestimmt haben. Auf besagtem Foto jedenfalls schaut er ziemlich grimmig drein.

In Beyers Gedicht wird die Fotografie zur Vorlage, ein Verfahren, das sich bei ihm häufiger findet. „Das Leibchen. Ein Salzwasser, / ein Kälteschockgesicht am / Strand, das Schwimmkleid / schwarz. Die Beine und sein / Hals: ein Bauer, der mit Sand / nichts anzufangen weiß. / Schwimmkleid Venedig. Hat / ihn nicht dauerhaft aufheitern / können, dieser Ausflug, nein. / Das Schwimmkleid Limanowa. / Das Schwimmkleid Krakau. / Und das Schwimmkleid Salz.“ (…)

Widerständig wie das Sprachmaterial können auch die Dinge sein, die in der Lyrik Gestalt annehmen sollen. In den Regentonnenvariationen, dem nunmehr sechsten Gedichtband des 1971 in Hamburg geborenen Jan Wagner, konzentriert sich der Autor auf die Gegenkraft im Marginalisierten und Geringgeschätzten, etwa im „Giersch“, jenem Unkraut, das „bis hoch zum giebel kriecht bis giersch schier / überall sprießt, im ganzen garten giersch / sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch“.

Man muss diese Verse laut sprechen, um das Insistierende, Renitente der Pflanze in den Konsonanten zischeln zu hören, das Wachsende, sich Dehnende in den Vokalen. Wagners Gedichte sind eingängig und unaufgeregt in ihrem Gestus. Es gibt bei ihm häufig ein lyrisches Wir, das nicht genauer bestimmt ist, den Leser aber in eine freundliche Vertrautheit lockt und ihm dort, mit meist munterem Unterton, Phänomene neu zu zeigen weiß. (…)

Am Alltäglichen reiben sich die Arbeiten von Katharina Schultens, die 2013 in Darmstadt den Leonce-und-Lena-Preis gewann. Nach ihrem Erstling gierstabil (2011) ist in diesem Frühjahr der Band gorgos portfolio erschienen. Schultens’ Gedichte sind angesiedelt in der heutigen Arbeits- und Finanzwelt, schildern die modernen Arbeitssklavinnen, die müde Laborantin taucht ebenso auf.

Die Frau in diesen Werken ist nicht selten eingepfercht zwischen den Idealbildern der Weiblichkeit, sie erscheint mal als coole Wilde (in „crude“), dann als väterliche Grabpflegerin (in„vater“). Das sprechende Ich bleibt dabei stets kühl und entlarvt in seiner Coolness die Hohlheiten und Absichten des Betrachters: „ich kann sehen wann du mich liest“.

Zugleich bleibt das sprechende Ich von einer Unsicherheit gezeichnet, die stärker ist als der Verstand, chaotischer als die mühsam etablierten, hart verteidigten Ordnungen. Sie kann sich Luft machen in einer Zeile wie dieser: „So lass mich dennoch nicht allein“ oder in den Versen aus dem Gedicht „insider trading“, in dem es heißt:

                                                                                                   ich kann
was ich sagen will verschlüsseln damit mans sicher findet
im großen netz. es gibt eine technik für alles es gibt
auch eine der unterlassung
bitte entlass mich in methodenlosigkeit
bitte erlaube mir ein ungewaschnes kind
missversteh meine bilder zu identität
finde mich: bitte finde mich nicht

Seltsam, dass Katharina Schultens’ Lyrik noch keine breitere Resonanz gefunden hat. Es mag an ihrer Widerständigkeit liegen. Wer gute Gedichte will, muss sie auch aushalten können. / Beate Tröger, Der Freitag 49

In der Rezension wurden besprochen:

  • Graphit Marcel Beyer Suhrkamp 2014, 207 S., 21,95 €
  • gorgos portfolio. Gedichte Katharina Schultens Kookbooks 2014, 64 S., 19,90 €
  • Skizze vom Gras Silke Scheuermann Schöffling 2014, 104 S., 18,95 €
  • Regentonnenvariationen Jan Wagner Hanser 2014, 112 S., 15,90€
  • Trakl und wir. Fünfzig Blicke in einen Opal Tom Schulz Mirko Bonné (Hrsg.), Stiftung Lyrik Kabinett 2014, 196 S., 22 €

5. Brief

Sehr geehrte Verlegerinnen und Verleger,

auch 2015 werden die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und das Lyrik Kabinett wieder eine gemeinsame Liste von Lyrikempfehlungen vorlegen. Dreizehn Lyrikkenner – Dichter, Kritiker und Vertreter literarischer Institutionen – werden jeweils einen Lyrikband und einen Band mit Übersetzungen ins Deutsche auswählen, den sie dem Publikum besonders zur Lektüre nahelegen wollen.

Der Runde gehören an: Michael Braun, Heinrich Detering, Maria Gazzetti, Harald Hartung, Ursula Haeusgen, Florian Kessler, Michael Krüger, Kristina Maidt-Zinke, Holger Pils, Monika Rinck, Daniela Strigl, Jan Wagner und Thomas Wohlfahrt.

Die Liste wird zunächst im März 2015 auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. Eine Woche später, am Welttag der Poesie (21. März), möchten wir in Zusammenarbeit mit Buchhandlungen und Bibliotheken über den Tag hinaus auf die Lyrikempfehlungen mittels Büchertischen, Broschüren und Plakate aufmerksam machen.

Für die Empfehlungen sollen diesmal auch die Neuerscheinungen des nächsten Frühjahrs Berücksichtigung finden. Wir möchten Sie deshalb bitten, uns entweder ein PDF oder den entsprechenden Link zu Ihrem Frühjahrsprogramm zukommen zu lassen, wenn dieses lyrische Neuerscheinungen enthält.

Wir sind gespannt, welche Bücher es diesmal auf die Liste schaffen!

In diesem Sinne mit den besten Grüßen auch von Heinrich Detering (Deutschen Akademie) und Holger Pils (Lyrik Kabinett),

i.A. Pia-Elisabeth Leuschner

4. Janko Messner

Einen kleinen Schwerpunkt der Soirée bildeten die Gedichte von Janko Messner, der in seinen Büchern und Gedichten den Widerstand slowenischer Kärntner gegen den Nationalsozialismus und die Behandlung von Minderheiten in Österreich kritisch aufgriff. Viele seiner Gedichte wurden in verschiedene Sprachen übersetzt und bekommen so einen ganz anderen Klang. Auf Vietnamesisch trug Dai Trang Nguyên »Wem gehört denn unsere Erde?« vor. / Lahrer Zeitung

3. Quaal

Das Elend der guten Schriftsteller ist, daß die schlechten sie nachahmen. Arezu Weitholz zum Beispiel ist darauf verfallen, Fischgedichte und -geschichten zu schreiben, die der »Manier von Ringelnatz, Morgenstern und Gernhardt« (Zweitausendeins-Reklame) folgen. Gernhardt wird in der Reklame nur aus Reklamegründen erwähnt; die beiden anderen Namen haben das Pech, zu Recht genannt zu werden. Denn wie verhalten sich die Fische, die Arezu Weitholz aus dem großen Meer der Sprache fängt? Der Stör, große Überraschung, stört seine Mitfische; der Stichling sticht, der Büffelfisch büffelt fleißig, der Trompetenfisch musiziert. Es gibt »Fotografische« und – so einfach geht das, wenn man den Bogen bzw. die Angelrute raushat – folglich auch den »Kartografisch« und den »Telegrafisch«. Aale tummeln sich ebenfalls die Menge: der »Aalphabet« liebt Buchstaben, »Aal Capone« ist der »Erfinder des organisierten Verbrechens im Meer«, im Beifang finden sich die »Aallergie« und der »Digitaal«, und wenngleich der Anaal fehlt, wird die Lektüre doch irgendwann zur Quaal. / Titanic

2. American Life in Poetry: Column 505

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Stuart Kestenbaum is a Maine poet with a new book, Only Now, from Deerbrook Editions. In it are a number of thoughtful poems posed as prayers, and here’s an example:

Prayer for Joy

What was it we wanted
to say anyhow, like today
when there were all the letters
in my alphabet soup and suddenly
the ‘j’ rises to the surface.
The ‘j’, a letter that might be
great for Scrabble, but not really
used for much else, unless
we need to jump for joy,
and then all of a sudden
it’s there and ready to
help us soar and to open up
our hearts at the same time,
this simple line with a curved bottom,
an upside down cane that helps
us walk in a new way into this
forest of language, where all the letters
are beginning to speak,
finding each other in just
the right combination
to be understood.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2014 by Stuart Kestenbaum, “Prayer for Joy” from Only Now, (Deerbrook Editions, 2014). Poem reprinted by permission of Stuart Kestenbaum and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

1. Verena Stauffer

In Verena Stauffers erstem Gedichtband begegnet uns auf dem engen Raum von nicht einmal vierzig Seiten eine erstaunliche Bandbreite verschiedener Stile, die doch sämtlich einen der Autorin eigentümlichen Stempel aufgeprägt haben. Das ist allemal kein Zeichen dafür, daß sie womöglich „ihren Ton noch nicht gefunden habe“, wie die etwas unkritische Formel in den Feuilletons für eine solche Stildivergenz meist lautet, sondern ein deutlicher Beleg für eine pluralistische Auffassung von Lyrik, die es nämlich gestattet, mit der Vielfalt sinn- und lustvoll zu spielen. Denn Oberflächenmerkmale wie Groß- oder Kleinschreibung von Substantiven, syntaktische Kohärenz oder Auflösung, traditionelle Reime oder Klangexperimente sind letztlich nur unterschiedliche Herangehensweisen, die hier auf einer tieferen Ebene miteinander verbunden werden. / Jürgen Brôcan bespricht das Buch bei Fixpoetry

Verena Stauffer
zitronen der macht
Titelgrafik von David Convent
hochroth Wien
2014 · 38 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-902871-57-2

113. Mark Strand (1934-2014)

Mark Strand, whose spare, deceptively simple investigations of rootlessness, alienation and the ineffable strangeness of life made him one of America’s most hauntingly meditative poets, died on Saturday at his daughter’s home in Brooklyn. He was 80.

His daughter, Jessica Strand, said the cause was liposarcoma, a rare cancer of the fat cells.

Mr. Strand, who was named poet laureate of the United States in 1990 and awarded the Pulitzer Prize for Poetry in 1999 for his collection “Blizzard of One,” made an early impression with short, often surreal lyric poems that imparted an unsettling sense of personal dislocation — what the poet and critic Richard Howard called “the working of the divided self.” / Nachruf von William Grimes, New York Times

112. Liebeserklärung an Deutschland

Diese rührende poetische Liebeserklärung an Deutschland (Übersetzung hierhier der Originaltext) schrieb die damals 22 Jahre alte russische Dichterin Marina Zwetajewa am 1.Dezember 1914 als Antwort auf den Deutschenhass, der nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges ihre Landsleute ergriffen hatte. Zwetajewa, deren Vater Iwan Zwetajew das Moskauer Museum für westeuropäische Kunst begründete und deren Mutter eine Pianistin polnisch-deutscher Herkunft war, betrachtete die westliche Hochkultur als ihren Existenzgrund. Als Gymnasiastin hatte sie Frankreich, Deutschland und die Schweiz bereist, sie übersetzte Lyrik aus mehreren europäischen Sprachen. Doch in Deutschland stehe die Wiege ihrer Seele, hielt sie im Tagebuch fest, ihren „Seelenhauptteil“, wie die Russin sich ausdrückte, hielt sie für deutsch.

Marina Zwetajewa fühlte ihre persönliche Treue, die sie Deutschland in lebenslanger Verliebtheit geschworen habe, wie es in der vorletzten Strophe auch im russischen Original exaltiert heißt, durch die politischen Verhältnisse auf die Probe gestellt. Die schrecklichen Nachrichten etwa von der Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutschen Beschuss, von Misshandlungen russischer Kriegsgefangener durch die Deutschen, vom Absturz der einstigen Kulturnation in die chauvinistische Barbarei klangen für sie wie eine hysterisierte Hetzkampagne. Den Philosophen Immanuel Kant sieht sie in der dritten Strophe zeitentrückt als schmalgesichtigen Alten durch Königsberg spazieren, im polemischen Gegensatz zum russlanddeutschen Denker Wladimir Ern (1882 bis 1917), der schon im ersten Kriegsherbst sein Pamphlet „Von Kant zu Krupp“ formulierte, worin er Kants Vernunftkritik und die Kruppsche Waffentechnik zu Manifestationen des gleichen, prinzipiell aggressiven deutschen Geistes erklärte.

(…) An eine Veröffentlichung der Verse war natürlich nicht zu denken. Doch sie trug sie während des Krieges mehrfach vor, mit weniger Erfolg in Moskau, mit umso größerem dafür in Russlands zweiter, europäischer Hauptstadt. Die Petrograder Lesung mit Anna Achmatowa, Nikolai Gumiljow, Sergej Jessenin, Michail Kusmin, die bei Eis und Schnee den Beginn des letzten vorrevolutionären Jahres 1916 feierten, sei sogar zu einem regelrechten „Gelage zu Zeiten der Pest“ geraten, erinnerte sich Zwetajewa zwanzig Jahre später. Allerdings ganz ohne Wein und Rosen, allein durch Ausschweifungen des schattenhaften Dichterwortes, wobei die allgegenwärtigen Vokabeln „Front“ und „Rasputin“ nicht einmal vorkamen. / Kerstin Holm, Frankfurter Anthologie

111. Poetopie

das Kind, das du gewesen bist, nimmt dich an die Hand und zeigt dir, was du alles übersehen hast

Hansjürgen Bulkowski

110. Lesung in Wewelsfleth

Sein Kollege Konstantin Ames trug einzelne Gedichte vor, die stark dadaistische Züge trugen. Ames trug seine Gedichte in einer unvergleichlichen Art vor, die ihn als genüsslichen Buchstabenkünstler auswies. Jedoch sind seine Gedichte nicht zitierfähig und schon gar keine Stimmungslyrik, was dazu führte, dass das Publikum am Ende streckenweise irritiert war. Aber genau das, so sagte er, fände er gut und richtig. Ein Gedicht, welches man sofort verstünde, hinterlasse keine Spuren. So stimmten die Gäste darin überein, dass er eigentlich alles noch einmal vortragen müsse. / Wilstersche Zeitung

(Die anderen Lesenden waren Artur Dziuk und Heike Falkenberg)

109. Vinyoli-Jams

Vinyoli-Jams

An einem 30. November starb der katalanische Dichter Joan Vinyoli (1914-1984). Im Jahr der 100. Wiederkehr seines Geburtstages finden rund um dieses Datum privat organisierte „poetische Jams“ in Cafés und Kneipen zu seinem Gedenken statt, natürlich auch als Hommage an Vinyolis bevorzugte Aufenthaltsorte. Mit dabei sind u.a. das legendäre „Bang-bang“, wenige Meter von seiner Wohnung entfernt, wo oft ausgedehnte Abende mit Gabriel Ferrater endeten. Hier die aktuelle Liste, mit „Buch und Wein“ (Frankfurt a.M., Bergerstraße 122) als Abschluss.

Hier ein Vinyoli-Gedicht über den Tod, das an eine berühmte Zeile von Pavese anknüpft:

Vindrà la mort

Vindrà la mort i els ulls m’arrencarà:
veuré llavors un altre firmament.
La finitud és un vaixell varat,
l’hortalissa que menjo no té cucs,
el silenci m’impregna de clarors.
La mort és purament un canvi més.

Dann kommt der Tod

Dann kommt der Tod und reißt mir beide Augen aus:
dann werd ich einen andren Sternenhimmel sehn.
Die Endlichkeit ist ein an Strand gesetztes Schiff
und das Gemüse, das ich ess, hat keinen Wurm,
mit Helligkeiten imprägniert die Stille mich.
Der Tod ist weiter nichts als noch ein Wandel mehr.

(aus: Domini màgic, 1984; dt. Übertragung: à.s.)