60. Mörike-Preis für Jan Wagner, Förderpreis für Andre Rudolph

Fellbach – Der in Berlin lebende Schriftsteller Jan Wagner wird mit dem Mörike-Preis 2015 der Stadt Fellbach ausgezeichnet. Der Lyriker und Essayist bekomme den mit 15 000 Euro dotierten Preis am 22. April 2015 verliehen, wie die Stadt am Mittwoch mitteilte. Seine Gedichte «leben ebenso sehr vom freien Spiel mit der Sprache wie von der Lust an der strengen Form», begründete Literaturkritiker Lothar Müller die Preisvergabe an den 1971 in Hamburg geborenen Wagner. «Sie öffnen die Augen für die Natur wie für die Rätsel der Dinge, scheuen weder den unreinen Reim noch die barocke Gelehrsamkeit.» / Die  Welt

Die Stadt Fellbach über den Preis:

Seit 1991 vergibt die Stadt Fellbach im Andenken an den Dichter Eduard Mörike, der 1873 einige Zeit in Fellbach gelebt hat, den Mörike-Literaturpreis. In der deutschen Literaturszene hat sich der Fellbacher Mörike-Preis seither fest etabliert. 2015 wird der in Berlin lebende Lyriker und Essayist Jan Wagner mit der renommierten Auszeichnung geehrt. Den Förderpreis hat Jan Wagner dem Leipziger Lyriker und Übersetzer Andre Rudolph zuerkannt.

Konstitutiver Bestandteil der Preisverleihung ist die Mörike-Rede des Preisträgers. Die Geehrten legen darin ihre persönliche Sicht auf den Namensgeber des Preises dar. Die Verleihung des Mörike-Preises ist stets mit den Fellbacher Literaturtagen verknüpft. Sie dienen der Beschäftigung mit dem Werk des Preisträgers, beleuchten aber auch Mörike selbst immer wieder neu.

Die Vergaberichtlinien

Der Mörike-Preis der Stadt Fellbach wird seit 1991 in dreijährigem Turnus verliehen. Er ist mit 12 000 Euro dotiert. Ausgezeichnet werden deutschsprachige Dichter und Schriftsteller, die durch die Qualität ihres Schaffens würdig erscheinen, im Namen von Eduard Mörike geehrt zu werden. Mit dem Mörike-Preis ist ein Förderpreis verbunden, der auch an fremdsprachige Autoren vergeben werden kann. Er ist mit 3000 Euro dotiert.

Über die Zuerkennung des Mörike-Preises entscheidet eine Vertrauensperson in alleiniger Verantwortung. Die Vertrauensperson wird vom Oberbürgermeister der Stadt Fellbach auf Vorschlag einer Jury benannt. Die Jury besteht aus einem Vertreter des Literaturarchivs Marbach und einem ordentlichen Professor für Literatur an einer deutschsprachigen Universität. Der Förderpreis wird vom Preisträger vergeben. (Mehr)

59. Trend Dichten

Schwarze Sneakers, zerschlissene Jeans, ein rotes Baseballcap. Lukas fällt in der Gruppe von Studenten vor dem Unipark Nonntal nicht sonderlich auf. Der 22-Jährige studiert Biologie an der Uni Salzburg, er ist leidenschaftlicher Basketballer. Doch sein wohl größtes Hobby ist Dichten – ja, Dichten. „Mein Bruder hat mich mit 17 das erste Mal zu einem Poetry Slam mitgenommen. Seitdem mache ich bei den Wettkämpfen mit.“ Bei einem Poetry Slam werden selbst geschriebene Texte performativ vorgetragen. Wer die „Dichterschlacht“ gewinnt, entscheidet das Publikum. „Für mich ist ein Slam sportlicher Wettkampf und persönlicher Ausdruck zugleich“, ergänzt Lukas. Formaten wie dem Poetry Slam ist es zu verdanken, dass Lyrik wieder massen- und vor allem jugendtauglicher wird. Erleben wir also eine Hochphase der modernen Dichtung?

Poetry-Slammer Lukas ist sich sicher, dass sich in den vergangenen Jahren viel bewegt hat. Nicht umsonst sei die deutschsprachige „Slam-Szene“ die zweitgrößte der Welt – nach der englischsprachigen. (…)

Doch ist moderne Lyrik überhaupt mit „Gedichte schreiben“ gleichzusetzen? Laut Uta Degner muss der Begriff viel weiter gefasst werden. Die Stipendiatin am Fachbereich Germanistik der Uni Salzburg erläutert: „Moderne Lyrik ist gerade in der Gegenwart all das, was zu Lyrik erklärt wird – poetische Regeln gibt es keine mehr.“ Es gebe immer noch traditionell gereimte Lyrik, aber auch ganz offene Formen von Prosagedichten, Lautgedichten etc. Trotz der weitreichenden Definition sieht Degner Lyrik immer noch als „Nischenphänomen, abseits von großen Verkaufszahlen“. Lediglich die Poetry Slams seien ein Zeichen für „ein gewisses Comeback der Lyrik unter jungen Menschen“.

Manfred Glauninger bescheinigt der modernen Lyrik ein besseres Bild. Für den Sprachwissenschafter ist etwa der Poetry Slam keine Modeerscheinung. „Die Poetry Slams sind für mich jetzt schon eine etablierte Form von Musikkunst oder Literatur.“ Zentral sei die Musik als „Transportmittel“ für die gedichteten Verse. „Moderne Lyrik ist sehr stark mit Songtexten, speziell mit Rap verbunden. Seit den ersten US-Rappern in den 80ern – und Falco in Europa – ist es ,cool‘, sich auf diese Weise auszudrücken.“ Inzwischen sei sogar eine Sogwirkung für andere Altersklassen zu bemerken: „Es gibt immer mehr Teilnehmer über 30, 40 oder 50, die an Poetry Slams teilnehmen.“ / Ralf Hillebrand, Salzburger Nachrichten

58. Skizze vom Gras

Stets hält die 1973 in Karlsruhe geborene und heute in Frankfurt am Main lebende Autorin ihr animalisches Karussell in Schwung, drapiert es mit Effekten aus Gruselkabinett und Zirkus. Ihr vierter Gedichtband verblüfft nun mit leiseren Tönen, die umso intensiver klingen. (…)

Silke Scheuermann begann schon in „Über Nacht ist es Winter“ das Verschwinden der Arten zu thematisieren. Ihre „Martha, letzte Wandertaube der Welt“ begegnet dem Leser hier erneut, dazu andere, vor langer Zeit ausgestorbene Tiere wie Mammut, Säbelzahntiger und Höhlenlöwe, Dodo und Uraniafalter. Sie alle werden im erinnernden Gedicht aufgehoben – wie einst die immer seltener werdenden Schmetterlinge im Sonettenkranz „Das Schmetterlingstal“ der großen Dänin Inger Christensen.

„Zweite Schöpfung“, das bezieht sich sowohl auf die bewahrenden Kräfte der Poesie als auch auf eine Rekonstruktion der Verlorenen durch Genforschung. Das Ich spricht das Tier voller Empathie an, reflektiert die Hintergründe seines Verschwindens und trauert über Unwiederbringliches. Damit grenzt es sich gegen biotechnologische Experimente ab: „Dies ist die Freiheit / unserer Art, neue, andere Arten zu machen. / Gott hat uns mit einem Bausatz beschenkt.“ / Dorothea von Törne, Tagesspiegel

Silke Scheuermann: Skizze vom Gras. Gedichte. Schöffling&Co, Frankfurt a.M. 2014. 104 Seiten, 18,95 €.

57. Nachschlag zu einem „fröhlichen“ Verriss

In einem leidlich amüsanten, wohl eher von Häme als von kritischem Interesse diktierten Aufruf (an wen eigentlich?) wird mein Herbstbuch „Leben & Werk“ zum Verriss freigegeben. Sei’s drum. Ich kann und will die Rezeption der von mir verantworteten Texte nicht beeinflussen, auch nicht kommentieren. Bücher haben bekanntlich ihr eigenes „Schicksal“, nehmen ihren eigenen Weg, treffen dort ein, wirken dort fort, wo sie gebraucht werden und wo man mit ihnen „etwas anfangen“ kann. Wo das nicht der Fall ist, kommt ohnehin jede Hilfe, jede Hoffnung zu spät. Insofern interessiert mich das Schicksal meiner Bücher nicht. Sobald sie veröffentlicht sind, fallen sie von mir ab, sie gehen fremd, kommen mir abhanden, gehören mir nicht mehr. Man kann sie schätzen, man kann sie schänden, man darf sie auch missverstehen; mich berührt das alles nicht.

Von daher kommt mir auch die eher dürftige Idee mit dem physischen Verriss eines Buchs – hier also von „Leben & Werk“ – gar nicht so abwegig vor. Denn tatsächlich lässt sich dieser mehrfach gemoppelte Text auch in Stücken, Fetzen,Versen, Einzelsätzen durchaus adäquat lesen – man liest drin, und man weiss, man ist vom linearen Durchlesen dispensiert. Steht ja auch im Vorwort des Autors. Dass das Verreissen auch ganz praktisch als Zerreissen getätigt werden kann, will ich durch die folgende Episode bezeugen.

Ich bin von Kijiw nach Lwiw im Zug unterwegs. Hocke zwischendurch im ungeheizten Klo, spüre von unten den eisigen Fahrtwind, am Boden liegt ein Bündel von Zeitungsausrissen, die offensichtlich das fehlende Klopapier ersetzen sollen. Auf einer der Zeitungsseiten steht ein Gedicht. Ich greife nach dem zur Hälfte zerrissenen Blatt, versuche den Text – ukrainisch – zu lesen, lese ihn mehrmals, und er kommt mir dabei immer bekannter vor. Der Name des Autors wie auch der Gedichtanfang fehlt, ist weggerissen. Unter dem Gedicht steht, dass es sich um eine Übersetzung aus dem Deutschen handelt. Vom Namen des Übersetzers bleiben bloss ein paar Buchstaben: Wolod… ‒ Doch nun dämmert es mir: Das ist mein Gedicht. Das ist eins meiner Gedichte, zumindest ein Teil davon. Ich hab den Ausriss dann doch nicht als Klopapier verwendet. Hab ihn am Kleiderhaken an der Innenseite der klappernden Toilettentür aufgehängt. Für einen unbekannten Leser. Für eine andere Lesart. Vielleicht also doch ein „fröhlicher“ Verriss!

Felix Philipp Ingold

56. Heine luzide und opak

(…) das Lied der Maria aus Tschaikowskis „Mazeppa“. Der Stoff zu dieser Oper stammt von Lord Byron und Alexander Puschkin. Heine und diese beiden Poeten bilden ein Dreigestirn. In „Mazeppa“ geht es um ein Drama der Unversöhnlichkeit in der Ukraine. Ein dortiger Herrschersohn, zu Gast am polnischen Hof, verführt Frauen. Von deren Ehemännern wird er auf ein Pferd genagelt.

Das Pferd, zum Wahnsinn gebracht durch die Nägel, galoppiert mit dem nackten Prinzen zum Dnjepr und bricht dort tot zusammen. Der Prinz aber wird Hetman der Ukraine. Kaum an der Macht, überwirft er sich mit allen anderen und bringt einige davon um. Er verbündet sich mit dem Westen, mit der Armee des Schwedenkönigs Karl XII. In der Schlacht von Poltawa schlägt Zar Peter der Große beide aufs Haupt. Die einzige Frau, die Mazeppa wirklich liebte, verfällt dem Wahnsinn. Ihr Lied am Ende der Oper bleibt als Trost.

„Jede Zeit ist eine Sphinx,
die sich in den Abgrund stürzt,
sobald man ihr Rätsel gelöst hat.“

(Heinrich Heine)

Heinrich Heine ist luzide. Er ist Öffentlichkeitsmacher. Er ist publizistischer Architekt seiner Epoche. Er ist aber auch Dichter von Dunklem, verschlossenen Farben, verdichteter Erfahrung, die keine Marktgängigkeit besitzt und die notwendigerweise zur Orientierung unserer Seelen gehört. Das entspricht dem Begriff des Kritischen und der Romantik, einer kritischen Romantik. Heine ist angetan vom Fortschritt, von Revolution und Freiheit, von Industrie, Telegrafie und Eisenbahnen. Das, was Walter Benjamin in seinem Passagenwerk an Phänomenen aufführt, von Paris als der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts über den Bürgerkönig Louis Philippe bis zur frühen Fotografie, zu Eisen, Salon, Mode, Weltausstellung und der Utopie der „Quatre Mouvements“ des Charles Fourier, spiegelt auch die Lebenswelt Heinrich Heines.

/ Alexander Kluge, aus der Dankesrede zum Heinrich-Heine-Preis 2014, Süddeutsche Zeitung 15.12.

55. Nadja Küchenmeister erhält ersten Horst Bingel-Preis für Literatur

Die Horst Bingel-Stiftung für Literatur und der Landesbezirk Hessen der Gewerkschaft ver.di haben einen Preis ausgelobt. Mit dem Horst Bingel-Preis für Literatur zeichnen ver.di und die Stiftung künftig alle zwei Jahre Autorinnen und Autoren aus, deren Werk literarische Qualität mit gesellschaftspolitischem Engagement verbindet. Der Preis ist mit 8.000 Euro dotiert. Er wird

am Mittwoch, den 17.12.

um 20.00 Uhr

im Hessischen Literaturforum im Mousonturm in Frankfurt

(Waldschmidtstraße 4, 60316 Frankfurt am Main)

mit kulturellem Rahmenprogramm übergeben. Laudator ist Dr. Holger Pils, Geschäftsführer der Münchner Stiftung „lyrik-kabinett“. Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt frei.

Die erste Horst Bingel-Preisträgerin ist die Lyrikerin Nadja Küchenmeister. Sie wird ausgezeichnet, weil, so Alexander Pfeiffer vom hessischen VS für die Jury, „die Gedichte der 1981 in Ost-Berlin geborenen Nadja Küchenmeister durchzogen sind von einem Gefühl der Sehnsucht. Einer Sehnsucht nach dem, was fehlt, nach dem, was einst war. Einem Gefühl des Verlusts also. Es ist die Erfahrung der Vertreibung aus dem Land der Kindheit, die hier zur Sprache kommt. So sehr, wie es sich bei diesem “Land” um eine innere Welt zu handeln scheint, so lassen sich einige der Gedichte aber auch auf die Außenwelt beziehen, auf den Staat, in dem die Autorin aufgewachsen ist und den es heute nicht mehr gibt – dessen einstige Existenz aber zum Beispiel in den bis heute gebräuchlichen Zuschreibungen “Ossi” und “Wessi” präsent bleibt. Nadja Küchenmeister gehört zur vermutlich letzten Generation, für die diese Begriffe überhaupt noch eine Bedeutung haben und in deren Texten diese Bedeutung spürbar bleibt.“

Die mit dem Horst Bingel-Preis für Literatur ausgezeichneten Autorinnen und Autoren sollen einen Bezug zum Literaturverständnis Bingels aufweisen. In ihren Arbeiten soll der Spagat zwischen „Phantasie und Verantwortung“ erkennbar sein, ein Thema, das Bingel beschäftigte und zu dem er 1974 einen Schriftstellerkongress organisiert hatte.

Der Schriftsteller Horst Bingel wurde 1933 im nordhessischen Korbach geboren und lebte lange Zeit in Frankfurt. Von 1971 bis 1975 sowie von 1977 bis 1978 war er hessischer Landesvorsitzender des VS, von 1974 bis 1976 VS-Bundesvorsitzender.

Horst Bingel setzte sich stets dafür ein, einem breiten Publikum den Zugang zu Literatur zu ermöglichen. Er initiierte beispielsweise das Frankfurter Forum für Literatur, um Literatur einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen. Zur Buchmesse ließ er eine Büchertram fahren und Literatur-Litfasssäulen aufstellen oder veranstaltete Lesungen auf der Baustelle des U-Bahnhofs Hauptwache und in der Werkhalle der Firma Messer-Griesheim.

Die Horst Bingel-Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, Literaturförderung im Sinne Horst Bingels zu betreiben. ver.di beteiligt sich, um in Zeiten eines durchökonomisierten Kulturbetriebes einen Beitrag für engagierte Literatur zu leisten. ver.di Landesbezirksleiter Jürgen Bothner: „ver.di, das sind auch die Schriftsteller, und zwar die politisch denkenden unter ihnen. Wir zeigen gern unsere kulturpolitische Seite, indem wir uns am Horst Bingel-Preis beteiligen.“

Die Jury besteht in paritätischer Besetzung aus je zwei Mitgliedern der Horst Bingel-Stiftung für Literatur und des ver.di-Landesbezirks Hessen. Ein fünftes Jurymitglied wird jeweils von diesem Gremium benannt.

Die Jurymitglieder für die erste Vergabe im Jahr 2014:

 Michael Krüger, Lyriker, langjähriger Geschäftsführer des Carl Hanser Verlags und seit 2013 Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste

 Barbara Bingel, Horst Bingel-Stiftung für Literatur

 Harry Oberländer, Horst Bingel-Stiftung für Literatur

 Cornelia Kröll, ver.di-Landesbezirksleitung Hessen

Alexander Pfeiffer, Verband deutscher Schriftsteller (VS), Landesverband Hessen

53. Who are you, Mr. Beckett?

In a 1964 response to an inquiry from his Hungarian publisher, Europa Konyvkiado, Samuel Beckett gives a handy thumbnail sketch not only of his career but of his character:

“As a writer I have no feeling of any national attachment. I am an Irishman (Irish passport) living in France for the past 27 years who has written part of his work in English and part in French. The following plays were written in French:

  • ‘En attendant Godot’
  • ‘Fin de Partie’
  • ‘Actes Sans Paroles I & II’

and the following in English

  • ‘Cascando’
  • ‘Krapp’s Last Tape’
  • ‘All That Fall’
  • ‘Embers’
  • ‘Words & Music’
  • ‘Happy Days’
  • ‘Play’

“If you should see fit to include one of the latter in your British anthology and one of the former in your French I should be pleased. If this is not possible and a choice must be made, I should prefer to figure in your French anthology.”

While this isn’t quite so pithy as Beckett’s retort to a French journalist on the question of his being English (“Au contraire”), it does nonetheless give the gist of his contrarian, and often contradictory, personality. / Paul Muldoon, New York Times 14.12.

52. Manifest zur dystopisch-depressiven Lage der Literatur

G&GN-INSTITUT – Eller Süd, den 12.12.2014 / Zum Jahresausklang verfasste der Düsseldorfer Dichter Tom de Toys (Profil) ein kritisches Manifest zur Lage der Literatur, das auch als Fotomontage (Motiv: alter Röhrenfernseher) in Druckqualität vorliegt.

Tom de Toys, 9.+12.12.2014 © POEMiE™

DYSTOPISCHE DEPRESSION
(VON DER NUTZLOSIGKEIT DER LITERATUR)

was macht der mensch hier den ganzen tag lang
er sitzt und er steht und er läuft herum und
er wartet tagtäglich auf feierabende um
irgendwo anders herum zu sitzen vor monitoren
mit tausend sendungen auf hundert kanälen
hört er die ewig gleichen meldungen
ewig gut gelaunter showmaster die
den neuesten krieg ganz genau erklären und
das neueste produkt zur sensation verklären
ja sogar EIN ECHTES BUCH wird dort angepriesen
mit ganz wunderbar trivialen texten
die uns köstlich amüsieren
bestsellerromane und blockbusterfilme
versorgen die masse mit unterhaltungswerten
die gesellschaft zelebriert ihre totale
geselligkeit alles wird gnadenlos zur
ablenkung von tieferen fragen missbraucht
hier wird produziert
dort wird konsumiert
nichts wird mehr reflektiert
alles findet aus selbstzweck statt
literatur ist prinzipiell unpolitisch
gedichte sind doof oder richtig schön

© Entnommen aus: „SCHULGEDICHTE“ @ http://www.schulgedicht.de

51. Poetopie

wir Derwische – drehen uns um uns selbst in Trance

Hansjürgen Bulkowski

50. Preisgeld

Der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf wird seit 1972 in wechselnden Abständen vergeben. Er war anfangs mit 25.000 DM dotiert. 2000 wurde das Preisgeld auf 25.000 Euro festgesetzt, 2006 verdoppelte die Stadt Düsseldorf die Preissumme auf 50.000 Euro. Die 25.000 DM gingen an Dramatiker und Romanciers wie Carl Zuckmayer und Max Frisch, Publizisten wie Sebastian Haffner und Gräfin Dönhoff, Politiker wie Richard von Weizsäcker und Władysław Bartoszewski oder Literaturwissenschaftler wie Pierre Bertaux sowie dreimal unter den 12 Preisträgern an Lyriker: Günter Kunert, Wolf Biermann und Hans Magnus Enzensberger. Nach der Verdopplung auf 25.000 Euro wurden 3 Preise verliehen, darunter 1 Lyriker (Robert Gernhardt). Nach der neuerlichen Verdopplung wurden 5 Preise vergeben: Peter Handke (nach heftigen Debatten zurückgezogen), Amos Oz, Simone Veil, Jürgen Habermas und in diesem Jahr Alexander Kluge. Vielleicht hat man die Summe mit Absicht so hoch angesetzt, um keinen Lyriker einladen zu müssen? Sollen die 50.000 Euro an Lyriker gehen, müßten schon Goethe oder Pindar aus dem Grab steigen. Heine hätte den Heinepreis niemals bekommen.

49. Neuer Autorenverband

Nicht nur in der tschechischen Filmbranche herrscht zurzeit Aufruhr, sondern auch in der Literatur. 30 Schriftsteller der jüngeren Generation haben sich Anfang Dezember zur „asociace spisovatelů“ zusammengeschlossen. Die neue Vereinigung positioniert sich als deutliches Gegengewicht zur bestehenden Autorenvereinigung und will sich vor allem auch für die existenziellen Nöte der Literaten einsetzen. Damit steht die Wachablösung der Generation bevor, die vor 25 Jahren den ersten post-sozialistischen Schriftstellerverband aus der Taufe gehoben hatte. (…)

Zu den Gründungsmitgliedern des Verbandes zählen unter anderem Emil Hakl, Kateřina Tučková oder Ondřej Buddeus. Es sind Autoren, die sich über die Grenzen von Tschechien hinaus einen Namen gemacht haben. Der 33-jährige Jan Němec hat vor kurzem den Literaturpreis der Europäischen Union erhalten. Er ist Vorsitzender der neuen Assoziation. / Annette Kraus, Radio Prag

48. Zaubersprüche auf der Toilette vergessen

Ob Eindrücke aus der Natur, Texte von französischen Autoren wie Ponge oder Derrida, ob Gemälde von Dalí, Miró oder Klimt, die Musik von Bach, Satie oder Dowland – oder die eigenen Träume: Alles inspiriert sie zu ihren Traum-Grenzgängen, die sie in Wortbilder verwandelt. Wie viel tatsächlich Erlebtes und Gelebtes in diesen Wortbildern steckt, kann nur die Autorin wissen.

„Es muss etwas anderes sein als die Realität. Das ist uninteressant. Das würde mich nicht interessieren. Es wird dann ein wenig gebaut. Aus der Realität und aus der Phantasie. Es wird viel montiert. Es ist so ein Knödel.“

In den letzten Jahren hat sie ihre Texte wieder verstärkt einem Datum zugeordnet, was den Anschein von Tagebuchnotizen erweckt. Aber die Texte sind alles andere als spontan niedergeschriebene Notizen. Das, was in der Nacht und am Morgen entstanden ist, wird später in eine Form gebracht.

„Jetzt zum Beispiel bei ‚Etudes‘ und ‚cahier‘, bei „fleur“, was ich jetzt mache, mache ich immer eine Seite und da drunter das Datum. Dann lese ich es lange. Also ich mache eine Reinschrift und gehe stundenlang damit herum und überlege, ist es gut, ist da ein Fehler. Und wenn irgendetwas ist, dann mache ich das Ganze noch einmal.“

Es gibt Prosagedichte, in denen ihre Bewunderung für die Surrealisten zu spüren ist. Mit ihren Worten setzt Friederike Mayröcker Bilder in Bewegung, die sich in ihrer ekstatischen Unmittelbarkeit jedoch einer narrativen Struktur entziehen.

„Ich laufe den Gegenständen, die immerfort untertauchen, nach, was es heiszen solle, fragte Erika T., dass ich sagte ‚ich habe auf der Toilette etwas vergessen‘, ich antwortete es waren Zaubersprüche zu ihrer Erbauung etc. … Burberrys Herzchen, ich trug alte sneakers oder Wellingtons UNTER TROMPETENBAUM und einen beigefarbenen zerschlissenen Burberry, war überglücklich = am Morgen der Abdruck deines Kopfes auf meinem Kopfkissen (während der Hochsommer blaute).“ / Andrea Marggraf, DLR

47. Gedichte aus Dachau

„Mama, ich kehre nicht zurück, Gott hat es mir gesagt.“ Mit diesen resignierenden Worten beginnt das Gedicht des 17-jährigen Nevio Vitelli, verfasst im Dachauer Konzentrationslager. „Mein Schatten in Dachau“ ist eines von 98 Gedichten, die Dorothea Heiser in ihrer Anthologie über die Lyrik im Dachauer Lager veröffentlicht hat. Jetzt, mehr als 20 Jahre nach der Erstausgabe, erscheint eine englische Übersetzung. / Merkur

46. Gertrud Kolmar

Dank Kontakten des Philosophen Walter Benjamin, der ihr Cousin war, wurden einzelne ihrer Gedichte in angesehenen Zeitschriften und Anthologien publiziert und gewürdigt. Thema ihrer Gedichte sind das Fremd- und Anderssein als Frau, Dichterin und Jüdin in dieser Welt: »Ich bin fremd. / Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen, / Will ich mit Türmen gegürtet sein, / Die steile, steingraue Mützen tragen / In Wolken hinein.«

Aus einem Gefühl der Ohnmacht geschrieben, prangern ihre Texte in einem rebellischen Gestus die Herzlosigkeit der Welt an. In »Das Wort der Stummen« und »Die Frau und die Tiere« erhebt Kolmar ihre Stimme für die Verachteten und Stigmatisierten: »Lache, mein Auge, eh du weinen musst! / Und du weinst ja nicht allein!«

(…) Keine Illusionen hatte sie über die faschistische Terrorherrschaft: »Ein Galgenkreuz, ein Dornenkranz  / … / Ein Stiefeltritt, ein Knüppelstreich / im dritten, christlich-deutschen Reich.« Sie hätte Deutschland – wie ihre Geschwister – verlassen können, blieb aber ihrem kranken Vater zuliebe.

(…) Kolmars Vater wurde in Theresienstadt ermordet, sie selbst am 27. Februar 1943 im Rahmen der sogenannten Fabrikaktion in Berlin verhaftet, am 2. März nach Auschwitz deportiert. Dort wurde sie höchstwahrscheinlich schon einen Tag später in der Gaskammer ermordet. / Christiana Puschak, junge Welt