Bücher und Rezensionen, die man nicht verpassen sollte: Kürzlich starb der hochverehrte slowenische Dichter Tomaž Šalamun. Eine wunderbare Hommage an den Dichter gibt es von M. Rinck und N. Broemmer, rezensiert von Meinolf Reul. Eine alte Rezension zu seinem Buch „4 Fragen der Melancholie“ findet sich im Archiv von lyrikkritik unter Rezensionen. Erinnert sei auch an Rudert! Rudert!, übertragen von M.Rinck/G. Podlogar, besprochen z.B. von J. Kuhlbrodt, erschienen bei korrespondenzen. Neu übersetzt wurde auch Anne Carson, ausführlich A. Kampmann im deutschlandfunk. Interessante Entdeckungen macht weiterhin Ingold, so zum Beispiel schon vor langer Zet in der nzz: Dada im Kaukasus, vor kürzerem – politisch brisant -: Hereinbrechende Ränder, und neu in der lyrikzeitung über Ilya Sdanewitsch. In diesem zusammenhang findet man auch eine schöne Chlebnikow-Kompilation auf der manchmal etwas skurril gestalteten, aber gehaltvollen Seite planetlyrik.
alte Hinweise
(…) Im fränkischen Zirndorf wurden die zerkleinerten Seiten aus zigtausenden Schnipselsäcken wieder zusammengesetzt. Millionen aus dem Kulturetat wurden dafür aufgewendet. Forscher des Frauenhofer-Instituts haben den »i-Puzzler« entwickelt, mit dem eine neue Epoche digitaler Rekonstruktion anbrechen könnte. Keinem scheint dabei in den Sinn gekommen zu sein, dass sich damit die Untat der Informellen Mitarbeiter in diagonaler Spiegelung wiederholt. Die Aktenleser werden ein weiteres Mal zu Zeugen von Mitteilungen, die nicht für sie gedacht waren. So wie der Staat erfuhr, was sie hinter seinem Rücken über ihn äußerten, so erfahren sie heute, was hinter ihrem Rücken über sie geäußert wurde. Warum sollte das zulässiger sein? Löscht eine Entspitzelung die vorangegangene Bespitzelung aus?
Im Panoramaprogramm der Berlinale 2014 erregte der Dokumentarfilm Anderson von Annekatrin Hendel große Aufmerksamkeit. Zweifelsohne wurde in diesem Film eine beunruhigende Figur vorgestellt. Viele Jahre lang hat Sascha Anderson die spannendsten Ereignisse und Editionen der Ostberliner Subkultur angeregt und durchgeführt. Er hat vermutlich weit mehr Leute zusammen- als auseinandergebracht, zugleich aber seinen Führungsoffizieren ausführlich berichtet. Anderson beschreibt sich in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre als »Hampelmann einer von mir zusammengeredeten Szene […], die mit ihren Inszenierungen den Mietzins und die Alimente Freier Journalisten garantierte. Wie die Amerikaner, die es wenigstens zugaben, ritten sie im Osten ein […].« Der Künstler wurde nach seiner Enttarnung mit dem unsinnigen Vorwurf konfrontiert, vorsätzlich die Subversion ästhetisiert zu haben, um ihr damit die Spitze gegen den Staat abzubrechen. Holger Kulick, der damals für »Kennzeichen D« aus Ostberlin berichtete, meinte im Rückblick: »Auf diese Weise wurde den Autoren etliches von ihrer potentiellen Wirkungsmöglichkeit genommen, und es wuchs eine immer ungefährlichere, unpolitische Schriftstellerschar heran.« Ein Tauziehen mit den Westmedien, die ebenso unermüdlich versuchten, die Kunst zu politisieren. Viele Künstler fühlten sich gerade dadurch angeregt, ein kokettes Spiel zu treiben. Das Politische hat sich ausgewirkt, während das Künstlerische wirksam bleibt. Tatsächlich ist zu bemerken, dass viele Gedichte Andersons aus dieser Zeit noch heute als lebendige Dichtung von jener Stimmung zeugen. Manche sind im zeitlichen Abstand sogar noch dichter geworden, während die Bildnerei der Künstlerfreunde unterdessen zu lediglich sozialhistorisch bemerkenswerter Dissidenten-Folklore herabgesunken ist.
Der Autor Richard Pietraß stellte fest, »daß der Judas die Verratenen trotzdem berühmt gemacht hat«. (…) / Auszug aus Sebastian Hennigs Aufsatz „Wer ist hier der Verräter? Der ›informelle‹ Dichter Sascha Anderson“ aus „Tumult“, reproduziert auf faustkultur
LESUNG & GESPRÄCH
Literaturwerkstatt Berlin
Mi 25.02.2015 – 19:00 Uhr
Für die Literaturwerkstatt Berlin wählte die Literaturkritikerin und Alfred-Kerr-Preisträgerin Insa Wilke die für sie besten Lyrikdebüts das Jahres 2014 aus. An diesem Abend stellt sie die Texte und ihre Autoren vor:
Sina Kleins (*1983 Düsseldorf) Debüt »narkotische kirschen« (Klever 2014) enthält Gedichte, die in der Nähe zum Liedhaften entstanden sind. In ihnen kippt der Blick nach innen, und am Ufer einer Tasse wird ein lippenlanges Bad genommen.
»Everest« (Verlagshaus J. Frank 2014) von Stephan Reich (*1984 Kassel) versammelt Gedichte über animierte Avatare, Selbstmordwälder und ertrunkene Apnoe-Taucher. In den Versen knacken die Gletscher, der Funk in den Helmen der Mondfahrer knistert und die wissenschaftlichen Geräte geigen.
In Karla Reimerts (*1972 Berlin) Gedichtband »Picknick mit schwarzen Bienen« (kookbooks 2014) erfährt der Leser viel über den Zusammenhang von Emanzipation und Marienerscheinungen und über Flügelwesen, die im Hafer Totemtiere jagen. Reimerts Sprachmacht kann die Kehle eines Knies um Wunden bitten lassen und einen Birkenwald zum Ohr der Welt machen.
Ort: Literaturwerkstatt Berlin
Kulturbrauerei
Knaackstraße 97, 10435 Berlin
Eintritt: 5/3 EUR
The University of North Texas announced its fourth Rilke Prize winner today. The Rilke Prize is named for the German poet, Rainier [sic] Maria Rilke, and the $10,000 award is unusual in that it’s not a beginner’s prize or a lifetime achievement award. It’s given to a mid-career poet for a book of exceptional quality.
Mark Wunderlich, who teaches at Bennington College, won the Rilke for his new book The Earth Avails. Earlier this year in Vermont for the Bookstock Literary Festival (video, below), he explained many of the poems were inspired by a 19th-century prayer book he found in his family home.
“I started reading it,” he said, “and I was very interested in the combined tone of praise, supplication and complaint. And I was quite moved by the occasions of them. Not being a believer myself, I still found the world that they called up to be a vivid one.”
Ausschreibung Feldkircher Lyrikpreis 2015
Der Feldkircher Lyrikpreis wird im Jahr 2015 wiederum zu einem Thema ausgeschrieben. Dieses wird vom letztjährigen Preisträger Axel Görlach gestellt. Zur Teilnahme aufgerufen sind alle Autorinnen und Autoren, die sich in ihrer Lyrik mit diesem Thema/Motto/Bild auseinandersetzen wollen:
„fließen ihre schatten die fassaden entlang“
Die von einer Jury ausgewählten Texte werden anlässlich der
Langen Nacht der Lyrik
am Freitag, 6. November 2015 um 20.15 Uhr
im Theater am Saumarkt, Feldkirch
präsentiert bzw. von den AutorInnen und Autoren selbst.
Höhe des Lyrikpreises
Es ist vorgesehen, die PreisträgerInnen-Gedichte und eine weitere von der Jury festgelegte Auswahl von Gedichten in einer Lyrik-Anthologie zum Feldkircher Lyrikpreis bei der Edition Art Science zu publizieren. AutorInnen, deren Gedichte in der Anthologie publiziert werden, erhalten ein Belegexemplar.
Die Anthologie wird bei der Verleihung des Feldkircher Lyrikpreises präsentiert.
» Ausschreibung Feldkircher Lyrikpreis 2015 (200,43 KB)
Braunschweig. In Gedenken an die Verfolgung und Deportation von Sinti und Roma während des Nationalsozialismus stellt die international bekannte Jazz-Swing-Band „Romeo Franz & Ensemble“ ihr Programm „Rom Som – Ich bin ein Mensch“, mit Klageliedern und lyrischen Texte der Sinti und Roma, am Dienstag, 3. März, um 19 Uhr, im Haus der Kulturen, Am Nordbahnhof 1, vor. Romeo Franz übernimmt dabei die Textrezitationen. Der Eintritt ist frei. Reservierungen können unter der Telefonnummer 470-4840 oder 470-4875 vorgenommen werden.
In einer Kooperation mit dem Braunschweiger Haus der Kulturen und dem Fachbereich Kultur der Stadt Braunschweig, Abteilung Literatur und Musik, spielen anlässlich des Gedenktages Romeo Franz (Violine und Rezitation), Joe Bawelino (Solojazzgitarre), Thomas Milowski (Bass) sowie Aaron Weiss (Piano).
Sinti und Roma haben alte kulturelle Traditionen. Ihre Lyrik und Poesie, ihre Musik und die Kunst zu erzählen, vermitteln einen lebendigen Ausdruck ihrer Identität. Alltagserfahrungen werden poetisch erzählt und die Liebeslyrik erhält einen besonderen Stellenwert. Klagelieder und lyrische Texte, die über die Zeit der Verfolgung erzählen, schließen den Spannungsbogen.
Rom Som ist weltweit das einzige Projekt, in dem Lyrik, Prosa und Musik der Sinti und Roma zusammen vorgestellt werden. Romeo Franz ist Meisterschüler von Schnuckennack Reinhard und komponierte die Melodie „Mare Manuschenge“, die ein Teil des „Mahnmals der ermordeten Sinti & Roma Europas“ in Berlin ist. / presse-service.de
Fernando D’Almeida, einer der größten Dichter Kameruns, starb am 23.2. im Alter von 60 Jahren in Douala. „Seine Verse waren genauso rund und lächelnd wie er“, schrieb Dominique Yamb Ntimba. Fernando D’Almeida wurde in Douala geboren, sein Vater stammte aus Bénin mit brasilianischen Wurzeln, seine Mutter aus dem Volk der Sawa. Er promovierte an der Sorbonne. Er ist Ehrenbürger der Heimatstadt von Léopold Sédar Senghor, Joal Fadiouth, und erhielt 2008 den nach Senghor benannten Grand Prix de poésie des Afrikanischen Hauses der Poesie (Maison africaine de poésie internationale, Mapi). / Robert Ndonkou, Cameroon-Info.Net
Das Online-Werbebanner eines Homosexuellenclubs in Almaty (Kasachstan) provozierte [im vergangenen Sommer] Proteste und eine Anzeige. Die Werbung zeigt einen berühmten kasachischen Komponisten des 19. Jahrhunderts, Qurmanghazy Saghyrbaiuly, und den russischen Dichter Alexander Puschkin in einer Kußszene. Der Club Studio 69 liegt an der Kreuzung der Qurmanghazy- und Puschkinstraße. Rund 20 Aktivisten zeigten den Club an und sagten, die Anzeige beleidige sowohl Kasachen als Russen. Der Club entschuldigte sich und versprach, die Werbung nicht mehr öffentlich zu zeigen. Homosexuelle Beziehungen stehen seit den 90er Jahren in Kasachstan nicht mehr unter Strafe, aber es gibt starke Vorurteile. / Radio Free Europe / Radio Liberty
Erstaunlich daran ist vielleicht am meisten, daß die ehemaligen Sowjetbürger eigentlich an Bilder alter küssender Männer gewöhnt waren. Man vergleiche die Bilder:



Diese Episode fiel mir ein, als ich eine aktuelle Meldung aus Moskau las, das mit Kasachstan in einer eurasischen Wirtschaftsunion verbunden ist, wiewohl die Verbundenheit bröckelt, weil man ebenso wie in Weißrußland Grund hat, sich vor dem großen Bruder zu fürchten.
Zwei russische Damen, darunter Irina Bergset, die sagt, daß sie früher bei der Duma tätig war und die Mitgründerin der Organisation „Russische Mütter“ (russkije materi) ist, melden auf dem Moskauer „Anti-Maidan“ Erschröckliches aus Deutschland. Dort ist es „schrecklich, die Hunde heulen, weil sie vergewaltigt werden, weil die zu wenig Weiber haben, wenn man durch die Straßen läuft, hört man dort das Heulen dieser Hunde…. die sind für Liberalismus dort… in allem… In Deutschland gingen Hunderttausende auf die Straße, um für Sodomie zu demonstrieren, das ist normal dort, echt, da gibt es ein Video! Wir waren nicht da. Aber Russia Today hat die Reportagen gemacht, es ist schwierig, das nicht zu glauben…. Es gibt acht unterschiedliche Arten von Homosexualität, die sie legalisieren wollen, Kasparow sagt sogar, 71 Arten. Perversionen! Das ist eine Diagnose, kranke Menschen sind das, und jetzt wird das legalisiert. Da gehören auch Sadomismus dazu, auch Kannibalismus. Das sind Liberale. Die sind alle Perverse.“ (Übersetzung Boris Reitschuster) Wers nicht glaubt, hier das Video. Überschrift: „Irina Bergset: Schon 71 Arten Schwule! Hundegeheul in ganz Europa“
… hier kommt wirklich einmal zusammen, was zusammengehört. Insofern braucht man sich – wie im zitierten Fall – nicht zu wundern, wenn ein Sympathisant solcherart Textarbeit, der aus Güstrow stammende Dichter Bertram Reinecke, in seinem »Grußwort« zu diesem Band bemerkt: »Man könnte einwenden, es handele sich hier nicht um Sprachgebrauch, eher um Sprachverbrauch. Damit sind wir auf dem verminten Feld des politischen Gedichts angelangt.«
(…) von der manipulativen Funktion dieses »Sprachverbrauches« (B. Reinecke) einmal ganz abgesehen. / Wolfgang Gabler, Risse
Kramer/Mießner/Pohl/Schittko et al.: my degeneration. the very best of WHO IS WHO. Texte 2004-2013, Greifwald: freiraum-verlag, 134 S., 14,95 €.
Am Anfang steht das A. Und am Ende das O. Zumindest im griechischen Alphabet. Und in dem Gedicht von Konrad Bayer, das lediglich aus „a“s und gelegentlich eingestreuten „o“s besteht. Lautmalerisch steht das Ensemble in Herbert Fritschs neuestem und möglicherweise letztem Streich an der Volksbühne auf der Showtreppe und artikuliert die Buchstaben. Das Publikum kann das Gedicht mitlesen, es wird auf auf die Rückwand des riesigen Bühnenraumes projiziert. Natürlich steht diese Nummer weder am Anfang noch am Ende dieser großartigen Sprachoper, die der Regisseur und Bühnenbildner Fritsch mit Musical-Elementen angereichert hat und deren Titel „der die mann“ ebenfalls einem Text von Bayer entnommen wurde.
Der Autor, leider ein mittlerweile weitgehend vergessener, gehörte dem sogenannten Wiener Kreis um H. C. Artmann und Gerhard Rühm an, einem Zirkel, der sich in den 50er- und frühen 60er-Jahren zu Recht in Dingen der Literatur für die Avantgarde hielt. Ihnen wurde „böswilligste Sprachzertrümmerung“ vorgeworfen, verschärft durch die „finstere Absicht, das Abendland endgültig untergehen zu lassen“, wie Ulrich Weinzierl vor 30 Jahren anlässlich des Erscheinens der „Sämtlichen Werke“ schrieb. Konrad Bayer konnte die kritischen Reaktionen auf sein Werkschaffen selbst nicht aushalten, bereits 1964 hatte er den Kopf in den Gasherd gesteckt, da war er nicht mal 32 Jahre alt. / Stefan Kirschner, Die Welt
Über Jahrhunderte haben die Dichter Sri Lankas die erstaunliche Naturschönheit der Insel besungen – und auch über die Konflikte gesprochen, die die Nation spalteten. Jetzt erwartet die Regierung von der Literatur, die Wunden eines brutalen Bürgerkrieges zu heilen.
Rajiva Wijesinha, neu ernannter Minister für Höhere Bildung, forderte die Universitäten des Landes auf, Lyrikprogramme zu organisieren, die zusammen mit Sport, Theater und Tanz die zum Großteil buddhistische Sinhala-Mehrheit und die großenteils hinduistische Tamil-Minderheit „zusammenzubringen“.
„Die Künste sind wichtig. Sie können nur Teil breiterer Anstrengungen sein, aber sollten auch nicht geringgeschätzt werden. Es gibt nichts, das bewirkt, daß jeder glücklich wird, aber man kann das Leid und den Zorn mindern“, sagte Wijesinha, der kürzlich eine Anthologie mit Gedichten der beiden örtlichen Sprachen, Sinhala (Singhalesisch) und Tamil, in englischer Übersetzung veröffentlicht hat. / Jason Burke, Guardian
ja oder nein, zustimmen oder ablehnen, leben oder geldmachen – du, eingepfercht zwischen lauter Gegensätzen
Hansjürgen Bulkowski
Die Autorin beobachtet, im Zug sitzend (wo im übrigen etliche der Passagen des Bändchens entstanden sind), wie jedes passive sich bewegen lassen auch den Körper und das Körperinnere in Bewegungen versetzt, sie initiiert, etwa bei einer Neigung des Zuges in der Kurve. Und aus dieser oft ursächlich stillen Bewegung heraus entsteht auch Kunst. Was Martina Hefter uns zu schenken vermag, sind neue Denk- und Wahrnehmungsräume, wenn sie z.B. in Bezug auf die Sitzenden (wie sich selbst) formuliert: Viele haben eine schlechte Haltung im Sitzen. Man könnte sie zu sonderbaren Bewegungsmustern erweitern, in choreographische Anordnungen bringen. Ich sehe nur noch Menschen in Haltungen. Wirbelsäulen halbrund in den Sitz gepresst. Seitlich abgeknickte körperliche Denkweisen. (S. 22) Und es herrscht eine innerliche Anspannung, was passiert, wenn man sie anstupst. Die Beobachtung von Bewegungsabläufen mündet oft in wunderbare Zeilen: Nachdem ich gestürzt bin, bin ich erst richtig schön. Indem ich aufstehe, blühe ich. (S. 20).
Hefter ist es wichtig, sich beim Schreiben in die Rolle des Tänzers hineinzudenken, sich so durch und mit dem Text zu bewegen. Das Sensorium, das sie im Ballett-Tanz entwickelt hat, gilt ihr als Voraussetzung fürs Gedichtschreiben. Es geht ihr auch darum, Schreiben und die Figuren und Schritte des Ballett-Tanzes als theoretisches Konstrukt zu hinterfragen. Wie auch die Hierarchie des Geistes / Wortes über den Körper und dessen Möglichkeiten des Mitteilens, Sprechens, Zeigens. Es geht um eine Balance und einen Austausch zwischen verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten. Muss jegliche Theorie über das Tanzen, die Bühnenpraxis, Performances immer in Wörtern, in einer Sprache der Wörter verfertigt werden, fragt sie. Man könnte sie auch zeichnen oder als Performance darbringen … Mich erinnert diese Herangehensweise an die Begegnung mit dem Buch einer anderen Autorin, deren Schreiben ebenfalls eng mit dem Tanz verknüpft ist. 1989 lernte ich Judith Kuckart kennen, deren Band „Eine Tanzwut. Das TanzTheater Skoronel“ gerade bei s.fischer erschienen war. Darin wird das Konzept dieser freien Tanzcompany vorgestellt, das auf die Wiederherstellung der zerstückelten Einheit von Musik, Sprache und Bewegung, von Kunst und Lebenzielt, so der Herausgeber im Nachwort. Es enthält auch Tanzstücke der Autorin, Texte, die einerseits aus sehr intensiven choreographischen Beschreibungen, zum andern aus Versen bestehen, die von den Tänzerinnen und Tänzern gesprochen werden. In den „Lecture Performances“ von Phillip Gehmacher, auf die sich Martina Hefter (neben Arbeiten William Forsythes) in ihrem Essay wiederholt bezieht, poetologischer Vorträge in Bewegung, berühren sich möglicherweise die künstlerischen Ansätze beider Autorinnen wie die der Tanzprojekte selbst. / Jayne-Ann Igel, Signaturen
Martina Hefter: Tanzen. Verschriftlichung einer Installation mit dem Titel „Tanzen, eine Vorratskammer“. Berlin (Verlagshaus J. Frank -Reihe poeticon 06) 2014. 48 Seiten. 7,90 Euro.
Das Heftchen Hefters, das letztes Jahr in der von Asmus Trautsch herausgegebenen Reihe Edition Poeticon des Verlagshauses J. Frank erschienen ist – und es ist wirklich ein Heftchen, so klein und schlank, dass es ohne Probleme in jede Tasche gleiten und sich dann darin verlieren kann – dieses Heftchen also sollte jeder lesen, der allein schon bei dem Wort tanzen einen freudigen Satz in die Luft macht, ob nun in Gedanken oder mit dem ganzen Körper oder einem Teil davon. Und alle andern sollten es auch. Und da sind wir auch schon mittendrin, im Thema, im Tanz, im Text. „Tanzen“ gehört zu den Büchern, die als echter Dialogpartner und in diesem Fall noch dazu auch als Tanzpartner fungieren. Es ist, wie als stünde man „Tanzen“ gegenüber und es ließe sich einem entgegenfallen, im blinden Vertrauen darauf, dass man es auffängt. // Und das tut man gern. // „Tanzen“ ist ein Essay, der wieder einmal eindrücklich zeigt, wie wunderbar Theorie und Praxis stets auch zusammenfließen und zusammen fließen. Übers Tanzen – wie über die Musik – wird oft gesagt, darüber „könne man nicht sprechen“, man müsse es „tun, ausführen, praktizieren“. Dieser allzu oft und allzu schnell bemühte „Totschlag-Gedanke“ (der tatsächlich etwas von einem Pseudogedanken hat, denn in den wenigsten Fällen denkt derjenige, der ihn wieder einmal ausspricht, in dem Moment wirklich das, was er da sagt, oder denkt überhaupt irgendwie darüber nach, sondern wiederholt lediglich eine seit gefühlt ‚ewigen Zeiten‘ auf uns niederkommende und antrainierte Phrase), dieser „Totschlag-Gedanke“ begegnet einem also leider viel zu oft, ja eigentlich auf Schritt und Tritt. (Auf Schritt und Tritt? Wie fein: Verwandeln wir ihn also doch einfach in Tanz …)
Umso mehr kann man Martina Hefters „Vorratskammer“ an Gedankenbewegungen nur begrüßen. Ihr Text führt nämlich diese verkrustete „Idee“ einmal mehr ad absurdum. (…) / Schirin Nowrousian, Fixpoetry
Martina Hefter
Tanzen
Verschriftlichung einer Installation mit dem Titel »Tanzen, eine Vorratskammer«
Übersetzung: Asmus Trautsch
Verlagshaus J. Frank
2014 · 48 Seiten · 7,90 Euro
ISBN: 978-3-940249-72-2
Am 4.1. starb der okzitanische Dichter Yves Rouquette im Alter von 78 Jahren. Er veröffentlichte etwa 30 Gedichtbände, Romane und Theaterstücke und übersetzte Werke der französischen (Giono, Molière etc.) und italienischen Literatur ins Okzitanische. / culturebox
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