94. Stasiakten und Dichter

(…) Im fränkischen Zirndorf wurden die zerkleinerten Seiten aus zigtausenden Schnipselsäcken wieder zusammengesetzt. Millionen aus dem Kulturetat wurden dafür aufgewendet. Forscher des Frauenhofer-Instituts haben den »i-Puzzler« entwickelt, mit dem eine neue Epoche digitaler Rekonstruktion anbrechen könnte. Keinem scheint dabei in den Sinn gekommen zu sein, dass sich damit die Untat der Informellen Mitarbeiter in diagonaler Spiegelung wiederholt. Die Aktenleser werden ein weiteres Mal zu Zeugen von Mitteilungen, die nicht für sie gedacht waren. So wie der Staat erfuhr, was sie hinter seinem Rücken über ihn äußerten, so erfahren sie heute, was hinter ihrem Rücken über sie geäußert wurde. Warum sollte das zulässiger sein? Löscht eine Entspitzelung die vorangegangene Bespitzelung aus?

Im Panoramaprogramm der Berlinale 2014 erregte der Dokumentarfilm Anderson von Annekatrin Hendel große Aufmerksamkeit. Zweifelsohne wurde in diesem Film eine beunruhigende Figur vorgestellt. Viele Jahre lang hat Sascha Anderson die spannendsten Ereignisse und Editionen der Ostberliner Subkultur angeregt und durchgeführt. Er hat vermutlich weit mehr Leute zusammen- als auseinandergebracht, zugleich aber seinen Führungsoffizieren ausführlich berichtet. Anderson beschreibt sich in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre als »Hampelmann einer von mir zusammengeredeten Szene […], die mit ihren Inszenierungen den Mietzins und die Alimente Freier Journalisten garantierte. Wie die Amerikaner, die es wenigstens zugaben, ritten sie im Osten ein […].« Der Künstler wurde nach seiner Enttarnung mit dem unsinnigen Vorwurf konfrontiert, vorsätzlich die Subversion ästhetisiert zu haben, um ihr damit die Spitze gegen den Staat abzubrechen. Holger Kulick, der damals für »Kennzeichen D« aus Ostberlin berichtete, meinte im Rückblick: »Auf diese Weise wurde den Autoren etliches von ihrer potentiellen Wirkungsmöglichkeit genommen, und es wuchs eine immer ungefährlichere, unpolitische Schriftstellerschar heran.« Ein Tauziehen mit den Westmedien, die ebenso unermüdlich versuchten, die Kunst zu politisieren. Viele Künstler fühlten sich gerade dadurch angeregt, ein kokettes Spiel zu treiben. Das Politische hat sich ausgewirkt, während das Künstlerische wirksam bleibt. Tatsächlich ist zu bemerken, dass viele Gedichte Andersons aus dieser Zeit noch heute als lebendige Dichtung von jener Stimmung zeugen. Manche sind im zeitlichen Abstand sogar noch dichter geworden, während die Bildnerei der Künstlerfreunde unterdessen zu lediglich sozialhistorisch bemerkenswerter Dissidenten-Folklore herabgesunken ist.

Der Autor Richard Pietraß stellte fest, »daß der Judas die Verratenen trotzdem berühmt gemacht hat«. (…) / Auszug aus Sebastian Hennigs Aufsatz „Wer ist hier der Verräter? Der ›informelle‹ Dichter Sascha Anderson“ aus „Tumult“, reproduziert auf faustkultur

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