21. Omar Hazek

Egyptian novelist and poet Omar Hazek was jailed on December 2, 2013, charged with violating Egypt’s anti-protest law, a “crime” for which he is serving two years in prison. Yet he maintains more hope than most. An Open Letter After a Year in Prison

20. Zwischen Ann Cotten und Jerry Cotton

Unter den Ohrwürmern der modernen Dichtung ist Rainer Maria Rilkes erste „Duineser Elegie“ besonders hartnäckig. Auch wer kein Wort versteht, was es heißt, „nicht sehr verlässlich zu Hause“ zu sein „in der gedeuteten Welt“, dem fliegen bald Engel durchs Hirn, und hinter den Schläfen pocht das Schöne als des Schrecklichen Anfang. Eine Coverversion dieser fast zu Tode zitierten Verse ist weniger ein Sakrileg als finsterer Wahnsinn: Man kommt über die Erhabenheit des Urtexts nicht hinaus. So, wie es Gerhard Falkner in seinen „Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs“ anstellt, klingt es sogar gefährlich nach Germanistenfasching. Wenn er sein seit jeher schwer fassbares lyrisches Ich am Schlafittchen packt und fragt: „Wer, wenn nicht ich, hörte mich denn / aus der Enge der Ordnungen“, dann darf man auch keine besonders erhellende Antwort erwarten: „Einer in Bergblusen vielleicht / ein Bergblusenwunder“.

Blusen? Blumen? Busen? Falkner scheint keine Albernheit zu scheuen und bewohnt doch das entgegen gesetzte Ende eines Universums, in dem Robert Gernhardt einst Charles Baudelaire die „Fleurs du mal“ aus der Hand riss und ihnen die „Blusen des Böhmen“ ablauschte. Vielleicht ist ihm ein falscher Buchstabe in die Tastatur gerutscht, ein semantischer Störfaktor, der ihn daran hindert, sich in seinen eigenen Hervorbringungen zu entziffern, vielleicht ist ihm die Urteilsfähigkeit auch grundsätzlich abhanden gekommen. „Alles besitzt uneingeschränkte Relevanz“, behauptet er. „Der Unterschied / zwischen Curt Goetz und Rainald Goetz / zwischen Ann Cotten und Jerry Cotton / ist, genetisch gesehen, irrelevant. / Alles die gleiche Homöobox /das gleiche, trügerische Schillern von Aminosäuren / genetische Strickleitern, codierte Erblast.“ / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel 22.12.

Gerhard Falkner: Ignatien. Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ins Englische übertragen von Ann Cotten. Mit Filmstills von Yves Netzhammer. Starfruit Publications, Nürnberg 2014. 130 Seiten, 19,90 €.

19. Jochen Kelter

Jochen Kelter ist also kein gewöhnlicher deutsch-schweizerischer Autor kölscher Herkunft, mit Germanistikausbildung und alemannischem Bodenseeflair. Als Schriftsteller sowie in seiner Eigenschaft als Repräsentant seiner schreibenden Kolleginnen und Kollegen ist er Europäer und Weltbürger, Übersetzer und Vermittler, Herausgeber und Essayist. Er war und ist sich auch nicht zu schade, im Südkurier, der Provinztageszeitung auf der Konstanzer Seite des Bodensees, regelmäßig politisch-kritische Kommentare zu schreiben, wie sie sonst kaum noch in anderen deutschsprachigen Zeitungen zu lesen sind.

Zum neuen Gedichtband. Darin findet sich eine Abteilung »Durchs dunkle Land«. Die Gedichte tragen Titel wie »Hürtgenwald«, »Wannsee« und »6. August«. »Hürtgenwald« erinnert an den Westwall und die sogenannte Allerseelenschlacht vom 6. Oktober 1944 bis 10. Februar 1945. Schätzungen zufolge wurden dort rund 24.000 Menschen getötet, darunter auch GIs aus Alabama: »Letzte Offensive Winter / Wälder abgebrannt eisige / Kälte Kanonendonner holt / euch den Sprit beim Feind / Männer den Sieg verloren / den Sieg wiedererrungen / Dörfer dreimal umgedreht / die Welt untergepflügt / drei aus Alabama verschollen / … / einmal in hundert Jahren / für eine gerechte Sache / tierisch verreckt«. Ein gewaltiges, ein ungeheuerliches Gedicht, geschrieben aus der Erinnerung des Kindes an der »Hand meines Vaters / Großmutter nicht weit / von hier knöpft dir / die Hosen zieht dir das / Hemd richtig an aber / danach alles Schweigen«. Ungeheuer, aber auch ungeheuer aktuell! / Rudolph Bauer, junge Welt 29.12.

Jochen Kelter: Hier nicht wo alles herrscht. Weissbooks, Frankfurt am Main 2014, 128 S., 16,90 Euro

18. Tomaž Šalamun

In seinen Anfängen verschrieb sich Tomaž Šalamun einem Neoavantgardismus halb dadaistischer Spielart; als Mitglied der Künstlergruppe «Oho» experimentierte er mit konzeptueller Lyrik, die es auf Provokation abgesehen hatte. Wegen eines politisch anstössigen Gedichts verbrachte er fünf Tage im Gefängnis. Später vermied er latente oder offene Konfrontationen, ohne seine Lyrik künstlerisch «salonfähig» zu machen und dem Ruf eines Enfant terrible untreu zu werden. Vielmehr vertraute er seiner wilden Imagination, seinem Wortfuror, der jedes Sujet so zu traktieren wusste, dass Ungeahntes entstand.

Bald schon hatte Tomaž Šalamun zahlreiche Bewunderer, und es verschlug ihn in die Vereinigten Staaten, wo er immer wieder als Gastdozent wirkte. Während Frank O’Hara und John Ashbery Spuren in seinem Werk hinterliessen, prägte er als charismatischer Lehrer amerikanische und slowenische Nachwuchsautoren, unter ihnen den hochtalentierten Aleš Šteger. / Ilma Rakusa, NZZ

17. Neuer Ton?

Vielleicht ist es nur Einbildung, weil man schon so lange keine Gedichte mehr gelesen hat von Marcel Beyer: Aber es scheint, da schwinge ein neuer Ton mit in diesen Versen, die Worte würden sich zu lockeren Rhythmen fügen und entspannter sei der erzählerische Gestus geworden und zugleich kühner das Spiel mit den Motiven. Am ehesten noch erinnern die neuen Gedichte Marcel Beyers an den Zyklus «Der westdeutsche Tierfilm» aus seinem bisher letzten Lyrikband («Erdkunde», 2002). Auch dort fügte er den Stoff mit erzählerischem Schwung (und freilich auch noch mit deftigem Witz) zu Quartetten. In dem neuen Band «Graphit» stellt das Quartett aus lauter Kurzversen die vorherrschende Strophenform dar. Das gibt den Gedichten ein fulminantes Tempo und zwingt zu harten Zäsuren am Versende und selbst über das Ende der Strophen hinaus. Solche Beschleunigungen im Sprachduktus wiederum begleitet Marcel Beyer mit abrupten thematischen und motivischen Schnitten. / Roman Bucheli, NZZ 5.1.

Marcel Beyer: Graphit. Gedichte. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2014. 207 S., Fr. 34.90.

16. Gestorben (2)

Der bekannte libanesische Schriftsteller und Linguist Saïd Akl starb am 28.11. im Alter von 102 Jahren. Der Libanon und die Araber haben heute einen Giganten der Poesie verloren, twitterte der ehemalige libanesische Premierminister Saad Hariri. Er wurde 1912 in der christlichen Stadt Zahlé geboren. Er war ein heftiger Vertreter des Libanismus,der auf dem phönizischen Erbe des Landes bestand, das nicht arabisch sei. Er schuf ein „libanesisches Alphabet“ in 37 lateinischen Buchstaben, um die libanesische Sprache vom Arabischen unabhängig zu machen. Er schrieb auch Gedichte in diesem latinisierten Dialekt. Sein Verhältnis zum Arabischen blieb zwiespältig – er erneuerte gleichzeitig die klassische arabische Poesie und schrieb berühmte Gedichte, die zu Symbolen des arabischen Nationalismus wurden. Seine Gedichte werden in libanesischen Schulen gelehrt. Während des Bürgerkriegs im Libanon verteidigte er vehement die israelische Invasion von 1982, weil sie das Land vom palästinensischen „Terrorismus“ befreie. Akl schrieb auch zwei Gedichtbände auf Französisch, L’Or est Poèmes und Sagesse de Phénicie. / Culturebox

Probe aus seinem Gedichtband „Yara!

2 Gedichte auf Englisch

Zeitung in seinem libanesischen Alphabet

15. Gestorben

Miller Williams, a poet who championed the power of everyday language and who delivered a poem at the Capitol for President Bill Clinton’s second inauguration, died on Thursday in Fayetteville, Ark. He was 84.

(…) The father of the singer and songwriter Lucinda Williams, he would occasionally share the stage with her, reading his poetry between her songs.

Tall and thin, Mr. Williams was also economical of speech, but he loved to tell stories. He was admired in literary circles for his direct, plain-spoken style. (…)

Have compassion for everyone you meet,
even if they don’t want it. What seems conceit,
bad manners, or cynicism is always a sign
of things no ears have heard, no eyes have seen.
You do not know what wars are going on
down there where the spirit meets the bone./ New York Times 2.1.

14. “More sober, more factual … grayer.”

How do you make language say what it cannot? How do you bear witness to the atrocities of the Holocaust without standing alone in defeated silence? These questions haunt the poetry of Paul Celan, one of the great stylists of the German language in the 20th century, a writer who revolutionized the way we think about poetic diction, taking it to levels it had never reached before, re-inventing it from the recalcitrant, overarching darkness around him. (…)

Released from the labor camp in February 1944, Celan – who rearranged the letters of his last name from the Romanian spelling of “Ancel” – left his hometown for good in 1945, settling in Paris in 1948. By then, German poetry, in his mind, lay exhausted at the feet of history. Given the “sinister events in its memory,” the language of poetry had only one way to recover: It must grow “more sober, more factual … grayer.”

Poetry could no longer invoke its former “euphony, which sounded alongside the greatest horrors.” After the Holocaust, what was needed was a re-created, purified diction that “does not transfigure and render ‘poetical’; it names, it posits, it tries to measure the area of the given, and the possible.” Thus the poet had to dismantle and displace the old linguistic order so he could reconstruct it, bringing it to new life.

You outlier
beyond yourself,
out beyond you
lies your fate,
white-eyed, escaped from
a dream, something joins it,
that helps
with the tongueuprooting,
even at noon, outside.*

And so Celan erected in place of his earlier lush, lyric work a verse structure in which singular words carried the entire weight of the poem. Breathturn. Timestead. Threadsuns.

This meant a stripped-down syntax and telescoping of words. This meant the organization of poetic lines by syllable and breath. This meant individual poems as “reading stations.” This meant neologisms, to prove that words were not inadequate to the task at hand, the only task that mattered: Reflecting the real.

THE WICHITA EAGLE 4.1.

“Breathturn Into Timestead: The Collected Later Poetry, A Bilingual Edition” by Paul Celan, translated and with commentary by Pierre Joris (Farrar, Straus and Giroux, 736 pages, $40)

 *)

DU LIEGST HINAUS
über dich,

über dich hinaus
liegt dein Schicksal,

weißäugig, einem Gesang
entronnen, tritt etwas zu ihm,
das hilft
beim Zungenentwurzeln,
auch mittags, draußen.

Paul Celan, Im Zeitgehöft, in: P.C.. Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1995, S. 351

13. Prekariat

Auch in Österreich:

Künstlerinnen und Künstler arbeiten und leben in sozial und finanziell unsicheren Verhältnissen. Ihr Einkommen liegt weit unter dem Durchschnitt und sie sind stark armutsgefährdet. Sie sind oft gefangen in einem sozialen System, das ihnen nicht die Unterstützung bietet, die sie brauchen, weil ihre Arbeitsweise nicht systemkompatibel ist. Ihr Einkommen ist unregelmäßig, sie arbeiten selbstständig, dann sind sie wieder angestellt, oft nicht lange genug, um in Zeiten der Arbeitslosigkeit auch Arbeitslosengeld zu bekommen. Und das System ist nicht flexibel genug, ihnen nachhaltige Lösungen anzubieten. Es degradiert sie zu Bittstellern, die sie nicht sein wollen. / Stefanie Panzenböck, ORF

12. Sächsische Dichterlust

Es ist ein Gedichtband für Leute, die ihre Freude haben am Spiel mit (klassischen) Formen und Inhalten, und an der sächsischen Dichterlust, die Dinge auch im Gedicht nicht so heikel und ernst zu nehmen. Nichts für die unheilbaren Romantiker, die in Gedichten Herzschmerz suchen. Die wären nur verwirrt über all die Spuren im Text, die überall hin verweisen. In alle sächsischen Himmelsrichtungen. Und ein paar Dutzend Ältere und Jüngere dürften sich ertappt fühlen auf frischer oder verjährter Tat. Das ist eine Dichtung, die von Korrespondenzen lebt, Lieb- und Feindschaften und aufs herzlichste. Und selbst wer die zitierten Dichter nicht erkennt, weil er sie nicht kennt, wird seinen Spaß haben bei diesem fröhlichen Umkrempeln bekannter Sujets aus der schwermütigen Welt der feierlichen Poesie. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

Auf die Äpfel hatte der Herbst geboxt
Michael Spyra, Mitteldeutscher Verlag 2014, 9,95 Euro

11. Gesprächsbereiter Ketzer

Bresemanns Dichtung zeigt eine Gesprächsbereitschaft sondergleichen: „wir wollen jetzt mal ganz offen miteinander sein“. Die Grundlage dafür bietet vor allem das der Einsicht abgewonnene „outsourcen“, die Auslagerung, die Streichung von immer noch verbindlichen, aber zusehends kontraproduktiven und vereisten (religiösen und politischen) Leitbildern: „nun lass den / beschneiten mantel dir outsourcen“, ein Zitat aus „Mir nach, spricht Jesus Christus, unser Held“, dem Gedicht, das den Band (mit einem großen Knall) eröffnet: „ich las die räude von den herrgottswinkeln / (mönchundnonnendeckung) und die kadaver / der ortskerne. jedes der gliedmaßen. / mark vom einzig wahren leichnam, gibt die birke / licht der welt, leitet die leute zur feier- / lichen waschung, parteitag für parteitag, las ich, / knochenkarl, allein die sinne sind der quell. / wer will uns damit locken. // weiterhin sind viele hier von jesus finanziert, / der herr gibt täglich brot den bösen menschen / in großer furcht davor und zag, ich las: / bewahren sie ruhe beim verlassen dieses jahrhunderts!“ Martin Mosebach, Verfasser der Häresie der Formlosigkeit, würde Tom Bresemann nicht nur wegen der schon besprochenen Unbeständigkeit seiner Gedichtformen als einen Ketzer bezeichnen, sondern sicherlich auch aufgrund des soeben Zitierten. Aber das stimmt durchaus, und das sollten wir auch für die Zukunft so festhalten: Stets erdichtet sich Tom Bresemann ein Ketzertum, dem die Religion (vor allem) als kirchliche Institution und die Politik zu Recht anheimfallen. Seine Wegbereiter: der herbeizitierte Bertolt Brecht, womöglich auch Hannah Arendt und Günther Anders. Anders (im Vorwort zu seinem Buch Ketzereien): „in unheimlicher Vorahnung der politischen Exkommunikation unseres Jahrhunderts“, Bresemann (in seinem Jesus-Gedicht): „bewahren sie ruhe beim verlassen dieses jahrhunderts!“, wenngleich dort vom zwanzigsten, hier von der Schnittstelle zum einundzwanzigsten Jahrhundert die Rede ist. / Alexandru Bulucz, Faustkultur

10. Süleyman Çelebis Mawlîd-Gedicht

Süleyman Çelebi dichtete eines der berühmtesten Gedichte der islamischen Welt. Sein Mawlîd-Gedicht erzählt die Geburtsgeschichte des Propheten und sein Leben.

10.01.2014 Mawlîd – Geburt des Propheten Muhammad

Das Mawlîd-Gedicht des Süleyman Çelebi ist in einer ausdrücklich einfachen und eindrucksvollen Sprache geschrieben. Dies führte dazu, dass daraufhin auch viele andere Mawlîd-Texte geschrieben wurden, allerdings schaffte es keiner, Çelebi das Wasser zu reichen. In der türkischen Literatur sind mehr als 200 Mawlîd-Gedichte und ähnliche Texte zu finden.

Amina Khatun, Muhammads Mutter rein –
Diese Muschel, sie gebar die Perle fein!
Als von Abdallah sie ein Kind empfing,
Kam die Zeit herbei, und Tag und Stunde ging.
Als das Kommen Muhammads nun nahe war,
Zeigten sich zuvor gar viele Zeichen klar.
Jene Nacht des Monats Rabi ul-evvel,
Jene zwölfte Nacht, die zwölfte Nacht so hell –
Da der Menschen Bester ward geborn allhie:
Was sah seine Mutter alles! Was sah sie!
Sagte sie: „Ich sah (so sprach die Mutter rein)
Solch ein Licht – die Sonn vor ihm ein Mücklein klein!

 

IslamiQ

Mawlîd-Gedicht:

Der Begriff „Mawlîd“ bedeutet Geburt, Geburtsort und –zeit. Literarisch bezeichnet er hauptsächlich Werke, die sich mit der Geburt des Propheten Muhammad (s), seinem Leben, Verhalten, Aussehen, seinen Wundern bis hin zu seinem Tod beschäftigen. Viele dieser Werke wurden mit der Absicht verschriftlicht, diese auf Feiern anlässlich der Geburt des Propheten Muhammad (s) gemeinsam lesen zu können.

9. Ossi Eichhorn

KuNo erinnert an den Lyriker Ossi Eichhorn:

Der Stuttgarter Autor Ossi Eichhorn dürfte heute nur noch einem kleinen Kreis von Literaturkennern ein Begriff sein – vielleicht eher als Gründer der Zeitschrift “Flugasche” denn als Lyriker. 1958 in Sivac/Jugoslawien geboren, verbrachte er die letzten Jahre seines kurzen Lebens in Stuttgart, bis er, an den Folgen eines schweren Autounfalls leidend, 1982 selbstbestimmt aus dem Leben schied.

Ossi Eichhorn veröffentlichte Gedichte in Literaturzeitschriften und den Lyrikband “DIE ZEIT STEHT STILL IN DER LUFT LIEGT EIN LEICHTER DUFT VON VERMOUTH DOCH DU FEHLST …” (mit Graphiken von Eva Wünsch). 1988 erschienen in der von Axel Kutsch und Michael Rupprecht herausgegebenen Anthologie “Wortnetze”, die Erich Fried und Ossi Eichhorn gewidmet war, vier seiner Gedichte mit der sein lyrisches Werk prägenden kraftvollen Verwendung von Alltagsparlando.

Axel Kutsch machte uns jetzt auf diesen (fast) vergessenen Lyriker aufmerksam. Mit der freundlichen Genehmigung seiner Schwester Emy Eichhorn veröffentlichen wir heute und in den kommenden Monaten drei Gedichte von Ossi Eichhorn und erinnern damit an einen Autor, den es wieder zu entdecken gilt.

8. Poetopie

erst drei, vier Tage im neuen Jahr – schon hat es uns an sich gewöhnt

Hansjürgen Bulkowski

7. Poesie auf der Speisekarte

Auf das, was in der Speisekarte auf einen wartet, bereitet einen nichts vor. Sie hat einen braunen Plastiküberzug, wie er vielerorts üblich ist. Schlägt man sie auf, findet man jedoch noch vor den Kalten Speisen ein Gedicht des berühmten chinesischen Dichters Li Bai aus dem 8. Jahrhundert, der Tang-Zeit, wie einen Wikipedia tags darauf belehrt.

„Einsamer Trunk unter dem Mond“ ist das Gedicht überschrieben, und es handelt von einem Mann, der ganz allein bei einem Krug Wein sitzt. Kein Freund, der ihm Gesellschaft leistet. So kommt er auf den Gedanken, sich den Mond dazuzuladen. Und Dritter im Bund wird schließlich sein eigener Schatten. „Der Mond weiß nichts vom Wein und seinen Freuden/Blind folgt der Schatten mir in Freud und Leid“ , schreibt Li Bai. Doch er stört sich nicht an der Seelenlosigkeit seiner Saufkumpane. Er trinkt und tanzt gerne mit den beiden. Mit folgenden herzzerreißenden Zeilen endet Li Bais Gedicht: „Ich liebe euch, ihr Freunde ohne Herzen/So lebt denn wohl! Bald treffen wir uns wieder auf irgendeinem Stern am Firmament.“ / Susanne Lenz, Berliner Zeitung