100. Resi Langer

Als die 1886 in Breslau geborene Resi Langer nach der Schauspielschule 1906 nach Berlin geht, kommt sie als Sekretärin im Verlag Alfred Richard Meyers unter. Meyer dichtet unter dem Namen Munkepunke, vor allem aber gibt er die Gedichte der Avantgarde heraus – Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler, Max Hermann-Neisse und andere. Langer heftet die Werke zu „Lyrischen Flugblättern“ zusammen und beginnt sie öffentlich vorzutragen. Als der Expressionist Ernst Stadler sie auf die verspielte, erotische Lyrik des Rokoko aufmerksam macht, nimmt sie auch diese in ihr Repertoire auf. Mit den Gedichten Christian Morgensterns und Wilhelm Buschs lebt sie zudem ihre humoristische Seite aus. Auch ihre Filmrollen, so 1912 als Debütantin in „Der Ulk im Film“ oder zuletzt in „Ferien vom Ich“ (1934), sind im komischen Fach angesiedelt.

In ihren Vorträgen entwickelt Resi Langer einen ganzen eigenen Stil, der sich bewusst von den „Rezitationen“ etwa einer Adele Sandrock absetzt. Langer erscheint vielmehr als Mischung aus eleganter Marquise und rustikalem Nachbarsmädel, zugleich aristokratisch und proletarisch. Der Dadaist Richard Huelsenbeck, nach der kurzen Ehe von Langer und Meyer und vor Hugo Ball ihr Geliebter, nennt sie eine „Vortragskünstlerin von Rang“, Max Brod später im „Prager Tageblatt“ begeistert eine „Meisterin“. / Elke Brüns, Tagesspiegel

2014 im Rückblick

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2014 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Etwa 8.500.000 Menschen besuchen jedes Jahr das Louvre Museum in Paris. Dieses Blog wurde in 2014 etwa 270.000 mal besucht. Wenn dieses Blog eine Ausstellung im Louvre wäre, würde es etwa 12 Jahre brauchen um auf die gleiche Anzahl von Besuchern zu kommen.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

98. Schneegida

Das ist Volks-, Gebrauchspoesie:

Ich habe nichts gegen Schnee, solang er sich an unser Klima anpasst und Regen ist.

Es kann nicht sein, dass sich diese ausländischen Schneemassen unkontrolliert auf Straßen und Gehwegen breitmachen.

Zahlt keine Maut und lungert wieder an der Haltestelle rum bis er morgen graut. Armes Schneeland.

Viele meiner besten Freunde sind Schneemänner. Die leben gut integriert seit Jahren hier. Aber irgendwann ist auch mal Schluss.

Wir sind nicht der Eisschrank der Welt!

Und wenn man wegen Schneeeinbruch rechts ranfährt, dann ist man direkt wieder ein Nazi.

Das wird man doch wohl noch streuen dürfen!?

Man muss die Sorgen der Bürger verstehen. Es sind schon Menschen im Schnee erfroren!!

Am Schlimmsten am Schnee finde ich ja, dass sich die Frauen da immer so dick verhüllen müssen.

Senioren trauen sich mittlerweile schon gar nicht mehr auf die Straße vor lauter Schnee. Wir müssen diese Ängste ernstnehmen

Für den Schnee wird hier extra gestreut. Und wer streut für den heimischen Sonnenschein?

/ Mehr

97. Denker von Rasse

Da wir bei Pegida waren:

Seine Aphorismen sind der verzweifelte Ruf nach der Wiederkehr des Ancién Regime, das ihn und die Seinen von der grauen Republik der Kassenpatienten erlöst. Er ist ein Rechter, der für das antisemitische Geraune über die geheime Macht der Israelis nur Verachtung übrig hat, er ist ein Atheist, der die Größe Gottes preist – und ein klassischer europäischer Reaktionär, der das Aussterben der „weißen Rasse“ beklagt. Antirassisten gelten ihm allen Ernstes als „degenerierte Weiße“, die sich im clash of civilisations noch vor der eigentlichen Schlacht ergeben haben. / Richard Gebhardt, Die Zeit, über den reaktionären Aphoristiker und Focus-Autor Michael Klonovsky

Michael Klonovsky ist Redakteur und „Chef vom Dienst beim ‚Focus'“ und Autor von „eigentümlich frei“ und „Die Freie Welt“.

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Proben seiner Aphorismen als Stammtischparolen:

„Der Sozialstaat ist am beliebtesten bei den Asozialen“

„Diejenigen, die in Wagners Opern die Nazi-Mentalität suchen, besitzen sie doch längst.“

„Die meisten Ernst-Jünger-Gegner sind Typen, die sich beim Zahnarzt eine Spritze geben lassen“

„Die muslimische Invasion Europas würde nicht nur Nachteile bringen; Feminismus, Gender-Studies und Regietheater würden immerhin verschwinden.“

„Vermutlich sind unsere Linken nur deshalb böse auf Sarrazin, weil sie seine Bilanz am Ende gern selber ziehen wollten.“

96. Pegida-Verständnis-Lyrik

Lingen. Das „Forum Juden-Christen Altkreis Lingen“ ruft am Montag, 12. Januar, zu einer „Lingener Montagsdemonstration“ auf. Unter dem Motto „Weil in der Herberge kein Platz war“ aus dem Lukasevangelium will das Forum mit dieser Veranstaltung ein Zeichen gegen die wöchentlichen „Pegida“-Demonstrationen setzen. Deren Anhänger demonstrieren gegen eine aus ihrer Sicht verfehlte Einwanderungs- und Asylpolitik.

Die Demonstration in Lingen soll um 18 Uhr vom Bahnhofsgelände in Lingen aus beginnen. Heribert Lange, Vorsitzender des Forums, kann sich eine Lichterprozession von dort aus durch die Marienstraße Richtung Rathaus vorstellen. „Es geht hier in Lingen darum, ein machtvolles Zeichen des Mutes und der Ermutigung gegen dumpfe und unüberlegte Affekte zu setzen. Affekte, die über Worte wie ,Überfremdung‘ und ,Islamisierung‘ nicht hinauskommen und rationalem Kalkül, das solche Affekte leicht als unrealistisch entlarven könnte, gar nicht mehr zugänglich sind“, betonte Lange.

In einer Erklärung verwies er darauf, dass die in den „Pegida“-Demonstrationen sichtbar werdenden Reaktionen der Menschen auf die neue Flüchtlingswelle und die damit zugleich transportierte Angst vor Überfremdung durch andere Kulturen und Religionen und deren eigenen Machtanspruch Anlass zu großer Sorge geben würden. Formeln wie „Das Boot ist voll“ oder „Kampf der Überfremdung“ oder „Aushöhlung unserer Sozialsysteme“ bezeichnete der Vorsitzende des Forums in der Erklärung als „Rattenfänger-Botschaften“.

Lange erinnerte daran, dass die europäischen Gesellschaften vor 100 Jahren auf die Rassenideologie der Nazis eingestimmt worden seien. Die damit verbundenen Schuldzuweisungen, die im Wesentlichen mit anderen Lebens- und Kulturgewohnheiten von Juden, Roma oder auch Homosexuellen belegt worden seien, seien von einer verunsicherten und willenlos staunenden Gesellschaft unwidersprochen und geradezu dankbar aufgenommen worden. Sie hätten am Ende sogar als moralische Rechtfertigung des furchtbaren und gigantischen Völkermords der Nazis gedient. „Wenn wir vor diesem historischen Hintergrund heute die Verständnis-Lyrik eigentlich wohl gestandener Politiker hören oder davon lesen, müssen wir fürchten, dass ihr nächster Schritt der sein könnte, auf die Trittbretter des ,Pegida‘-Zugs aufzuspringen. Dies bedeutet letztlich nichts anderes, als den Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar, aus seiner Geltung zu entlassen.“ / Neue Osnabrücker Zeitung

95. Nekrolog Januar 2014 (1)

1.1. Traian T. Coșovei, 59, rumänischer Dichter (28.11. 1954 – 1.1. 2014). Dissertation über die Beat Generation. Vertreter der „80er Generation“.

1.1. Herman Pieter de Boer, 85, niederländischer Schriftsteller, Songschreiber.

2.1. Yōko Mitsui, 78, japanische Lyrikerin, (三井葉子 , 1.1. 1936 – 2.1. 2014).

4.1. Jean Metellus, 76, haitianischer Schriftsteller und Neurologe, 1959 Exil in Frankreich. Mehr.

5.1. Annamária Kinde, 57, rumänienungarische Lyrikerin (10.6. 1956 – 5.1. 2014). Sie schrieb seit dem 15. Lebensjahr, aber ihr erster Band erschien erst 1997.

7.1. Alvin Bernard Aubert, 83, amerikanischer Lyriker und Wissenschaftler, beschäftigte sich mit afroamerikanischer Kultur und ländlichem Leben am südlichen Mississippi.

8.1. Madeline Helen Arakawa Gins, 72, amerikanische Lyrikerin, Malerin und Architektin (7.11. 1941 – 8.1. 2014) .

9.1. Amiri Baraka, 34, amerikanischer Schriftsteller und Bürgerrechtler. Er wurde am 7.10. 1934 als Everett LeRoi Jones geboren und nannte sich ursprünglich als Autor LeRoi Jones und Imamu Amear Baraka.  Poet Laureate of New Jersey (2002–2003). Mehr

10.1. Martin Jack Rosenblum, 67, amerikanischer Dichter, Sänger, Musikwissenschaftler. Pseudonym als Biker-Poet: „The Holy Ranger“.

11.1. Arnoldo Foà, 97, italienischer Schauspieler, Regisseur, Bildhauer und Lyriker, spielte in über 100 Filmen (24.1. 1916 – 11.1. 2014)

12.1. Dominik Steiger, 73, österreichischer avantgardistischer Schriftsteller und Künstler aus dem Umfeld der Wiener Gruppe und des Wiener Aktionismus (* 1940 in Wien; † 12.1. 2014 ebenda). Siehe 50. Dominik Steiger gestorben

14.1. Juan Gelman, 83, argentinischer Dichter, Premio Miguel de Cervantes (2007).  Siehe 51. Juan Gelman †

94. Poetopie

von diesem überladenen Jahr werden wir so schnell nicht loskommen

Hansjürgen Bulkowski

93. An das Nichts

Im neuen Teil der „Thüringer Anthologie“ der „Thüringer Allgemeinen“ die Ode „An das Nichts“ von Johannes Daniel Falk (1768-1826)

Mehr aus der „Thüringer Anthologie“

92. Kein Aufschrei

Iris Radisch sprach in Paris mit dem aus Syrien stammenden Dichter Adonis. 2 Auszüge:

DIE ZEIT: Erinnern Sie sich noch? Es gab einmal eine Zeit, die noch gar nicht so lange vorbei ist, da bewegten sich die arabischen Frauen frei im öffentlichen Leben, sie trugen schöne Kleider, sie studierten. Heute sind sie unsichtbar, versteckt, verschleiert. Wo ist die arabische Modernität geblieben?

Adonis: Es hat nie eine arabische Modernität gegeben. Gesellschaften, die sich auf ein religiöses Menschenbild und eine religiöse Weltsicht gründen, können nicht modern sein. Die arabische Moderne gab es nur zum Schein, die Autos, die Kühlschränke, die Flugzeuge, die schönen Kleider waren nur Dekoration.

ZEIT: Orientreisende der achtziger und neunziger Jahre wie der deutschiranische Schriftsteller Navid Kermani berichten von der weltoffenen, multikulturellen arabischen Kultur jener Jahrzehnte, die nun verloren sei.

Adonis: Diese Freiheit war nur eine Fassade, die keine Bedeutung hatte. Sie war nichts als eine Mode. (…) Im Libanon, in Syrien, in Ägypten, im Irak hat es nie eine Verbesserung der Lage der Frauen gegeben. Dazu müsste man die Familienstrukturen verändern, die Frauen müssten über sich selbst bestimmen, eigene Entscheidungen treffen und ihr Leben, auch ihr Liebesleben, selbst entwerfen dürfen. Das alles hat es nie gegeben. Die sogenannte arabische Modernität war eine rein oberflächliche Nachahmung des westlichen Lebens. Die Regime, denen sie sich verdankte, haben sich lediglich für ein paar Investmentfirmen geöffnet. Im Kern hat sich die arabische Kultur seit fünfzehn Jahrhunderten nicht verändert. Sie negiert die Freiheit des Individuums, sie negiert seine Rechte, sie negiert die Weiblichkeit. Jedes der angeblich moderaten arabischen Regime hat in allen wesentlichen Punkten die Herrschaftsweisen der Kalifen aufrechterhalten, auch wenn es das Land äußerlich in ein modernes Kaufhaus verwandelt hat. Es war der schlimmste Autoritarismus im Gewand einer sogenannten Freiheit.

ZEIT: Und seit fünfzehn Jahrhunderten hat die arabische Zivilisation sich nicht weiterentwickelt?

Adonis: Der arabische Mensch ist noch nicht geboren, er existiert noch nicht. Die arabischen Länder sind bis heute reine Stammesgesellschaften. Wenn die Muslime von einer echten Revolution träumen, müssen sie zwei Dinge tun. Sie müssen Religion und Staat trennen. Und sie müssen die Frauen befreien. Solange sie das nicht fertigbringen, wird sich absolut nichts ändern. Dann gibt es ab und zu mal ein Regime, das sich ein bisschen mehr öffnet, Minister, die einem besser gefallen als andere, aber das ist alles ganz unbedeutend. Ohne die Emanzipation der arabischen Frau wird es in den arabischen Ländern niemals einen Fortschritt geben.

ZEIT: In Deutschland demonstrieren im Augenblick Tausende gegen eine „Islamisierung des Abendlandes“. Muss man sich vor dem Islam fürchten, ist er an sich intolerant?

Adonis: Ja, aber das gilt für alle Monotheismen, den jüdischen eingeschlossen. Der Monotheismus überlässt seinem letzten Propheten jeweils die ultimative Wahrheit. Das heißt: Am Ende hat Gott nichts mehr zu sagen, es gilt nur noch das Wort des Propheten. Und jeder Monotheismus hält seinen Propheten für den einzig legitimen. Das religiöse Denken ist immer ein ausschließendes. Das Anderssein des anderen, die Grundfigur der arabisch-griechischen Philosophie, ist ihm fremd.

____________

Adonis: Als in den sechziger Jahren Journalisten und Bürgerrechtler in den kommunistischen Ländern unterdrückt wurden, haben wir Petitionen gegen die kommunistische Diktatur aufgesetzt. Heute schlachtet man im Namen des Islams täglich Tausende. Und es gibt keinerlei Aufschrei in der westlichen Öffentlichkeit.

ZEIT: An wen sollte man Petitionen adressieren?

Adonis: An die Menschheit, als Zeugnis.

ZEIT: Wann wird dieser Albtraum enden?

Adonis: Gar nicht. Es wird einen neuen hundertjährigen Krieg geben. Einen Krieg zwischen den Muslimen mit dem einzigen Ziel, die innere Kraft des Islams völlig zu zerstören. Der große Krieg des 21. Jahrhunderts wird ein innerarabischer Krieg sein, in dem sich die arabische Welt selbst zerfleischt und zugrunde geht.

ZEIT: Eine große, alte Hochkultur, die ins Mittelalter zurückkehrt.

Adonis: Im Mittelalter gab es immerhin den Willen der Philosophen und Gelehrten, das Mittelalter zu überwinden. Und man hat es überwunden. Jetzt unternimmt man im Gegenteil einige Anstrengungen, um ins Mittelalter zurückzukehren. Und diese Rückkehr ist gern gesehen, um nicht zu sagen befördert durch den Westen.

/ Die Zeit #51

91. Gestorben

Am zweiten Weihnachtsfeiertag starb der polnische Dichter Stanisław Barańczak in Boston, Mass. Er wurde 68 Jahre alt. Barańczak war einer der führenden Dichter der „Neuen Welle“ der polnischen Lyrik der 60er Jahre. 1977 verlor er aus politischen Gründen seine Stellung an der Universität Poznań. Er war ein scharfer Kritiker des kommunistischen Regimes und beteiligte sich aktiv an der Bewegung der Gewerkschaft Solidarność. 1981-1997 war er Professor für Slawische Literaturen an der Harvard-Universität. Er übersetzte fast alle Dramen Shakespeares ins Polnische, ebenso Werke von Ossip Mandelstam, Joseph Brodsky, John Donne, Emily Dickinson, Andrew Marvell, Philip Larkin, James Merrill, Robert Frost, Charles Simic und anderen Dichtern.

Werke auf Deutsch:

  • Oberflächliches : Fotos / Texte von Stanislaw Baranczak … Vorw.: Helmut Heß. Hrsg.: Peter Schmid [Mindelheim, Sonnenstr. 6] : P. Schmid, 2002

Gedichte in Anthologien:

* Karl Dedecius (Hrsg.) Ein Jahrhundert geht zu Ende: polnische Gedichte der letzten Jahre. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984. ISBN 3-518-11216-3.
* Karl Dedecius (Hrsg.) Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Band I.2. Zürich: Ammann 1996. ISBN 3-250-50001-1.
* Sergiusz Sterna-Wachowiak (Hrsg.) Polnische Lyrik aus 100 Jahren. Ins Deutsche übertragen von Joseph Retz. Gifkendorf: Merlin-Verl. Meyer 1997. ISBN 3-926112-63-8.

90. Was der Fische / Sprache wäre

Seltsam, dass die Schriftsteller durch alle Zeiten an dem Glauben festhalten, gerade das, was von der Natur uns trennt, die Sprache, könnte, ja müsste auch das sein, was uns mit ihr versöhnt. Denn niemals können wir ihr entkommen und nicht einmal uns vorstellen, dass ein Lebewesen keine Sprache habe. Vielleicht nicht ohne Grund. In einem von Rilkes «Sonetten an Orpheus» heisst es: «Sieh in der Schüssel, auf heiter bereitetem Tische, / seltsam der Fische Gesicht. / Fische sind stumm . . ., meinte man einmal. Wer weiss? / Aber ist nicht am Ende ein Ort, wo man das, was der Fische / Sprache wäre, ohne sie spricht?» / Thomas Hettche, NZZ 23.12.

In der gleichen Ausgabe: Jürgen Brôcan, Zwischen Ornithologie und Literatur. Wanderfalken, Eulen und seltsame Vögel

89. Tomaž Šalamun gestorben

Im Alter von 73 Jahren starb heute in Ljubljana Tomaž Šalamun, „Bilderstürmer der slowenischen Poesie“. Seine Gedichtsammlung „Poker“ hat die Landschaft der slowenischen Literatur verändert, schreibt rtv.slo.

Aber das sind Ausnahmen
 Aus dem Slovenischen von Peter Urban

gummischuhe schaffen wir ab
denn die werden nicht mehr getragen
und den tod und die fliegen
die keine festen landeplätze haben

einige dumme zahlen schaffen wir ab
dann werden wir endlich aufatmen
und frei zählen
eins zwei drei siebzehn
alle wörter schaffen wir ab
die weniger als fünf buchstaben haben
denn es ist vollkommen klar
daß sich nur solche wörter gehören
und die gebirge
 
wir schaffen den kreis ab
denn wir haben das quadrat
denn warum beides haben
ein bein so
und das andere so
und den nachmittag
da geht die sonne unter
 
wir schaffen die milz ab
denn was soll die milz
wenn wir eine leber haben eine lunge
und viel zu viel von diesen dingen
und sizilien
denn das ist eine ganz gewöhnliche pathologische erscheinung
das linoleum
denn es weiß nicht wo baku liegt
und pullover denn die zieht man über den kopf
wir schaffen das atmen ab
                  denn es bricht aus
                  denn es bricht aus
                  denn es bricht aus
und den hanf
denn lein und hanf
das hört sich so irre seltsam an

den himmel schaffen wir ab
und das wasser denn voda beginnt mit v
seht euch bloß dies zeichen an
wie es balanciert auf einem bein
und oben auseinanderklafft
 
und schließlich die zeit
und überhaupt die sauberkeit
denn alles saubere wird schmutzig
und was dann was dann


Odstranili bomo čevlje z gumo
zakaj takih se več ne nosi
in smrt in muhe
ki nimajo urejenih pristanišč

odstranili bomo nekatera neumna števila
tako da bomo končno lahko zadihali
in svobodno šteli
ena dva tri sedemnajst
odstranili bomo vse besede
ki nimajo manj kot pet črk
zakaj popolnoma jasno je
da se take besede same valijo
na planine

odstranili bomo krog
ker imamo kvadrat
ker zakaj bi imel človek
eno nogo takšno
in popoldne
ker takrat sonce zahaja
odstranili bomo vranico
ker kaj bi z vranico
ko pa imamo jetra pljuča
in sploh že preveč teh stvari
in Sicilijo
ker je navaden patološki pojav
linolej
ker ne ve kje leži Baku
in sviterje ker se oblačijo čez glavo
odstranili bomo dihanje
ker se udira
ker se udira
ker se udira

in konopljo
ker lan in konoplja
to se blazno čudno sliši

odstranili bomo nebo
in vodo ker se začne na V
in le poglej ta znak
kako balansira na eni nogi
in zeva proti vrhu

in nazadnje čas
in sploh čistočo
zakaj vsaka čistoča se zamaže
in kaj potem kaj potem

88. Wasting Time On The Internet

Der Digital- und Konzeptpoet Kenneth Goldsmith ist ein vielbeschäftigter Mann. Eine seiner Tätigkeiten ist die Lehre von Poetik und Poetischer Praxis an der zur Ivy League zählenden University of Pennsylvania. Dort wird Goldsmith im Frühjahr 2015 den Kurs „Wasting Time on the Internet“ anbieten, der sich konzepttreu in seine Lehre vom „Unkreativen Schreiben“ eingliedert. Die Studenten sollen sich pro Seminarsitzung drei Stunden lang durchs Internet treiben lassen und das tun, was gemeinhin als „Zeit verschwenden“ bezeichnet wird. Und daraus soll am Ende Literatur entstehen?

(…) In „Traffic“ – einer Hommage an ein Gedicht Walt Whitmans über den Ort, an dem die Brooklyn Bridge später noch entstehen sollte – hält Goldsmith sämtliche Verkehrsmeldungen eines ganzen Jahres über die New Yorker Brücke fest. „Traffic“ gehört zu Goldsmiths New-York-Trilogie, für die er auch ein Jahr lang Wettervorhersagen und das längste, neun Innings umfassende Baseballmatch der Major League (New York Yankees gegen die Boston Red Sox im August 2006) aus dem Radio transkribierte. „Worte zu recyclen ist politisch und ökologisch nachhaltig“, sagt Goldsmith, und „man kann beides sein, unauthentisch und aufrichtig.“

(…) Ein weiteres Argument Goldsmiths ist, dass es bereits so viel Text auf dieser Welt gebe, dass, rein pragmatisch gesehen, kein weiterer generiert und hinzugefügt werden müsse. Neue Romane seien bloß formale Abwandlungen und Variationen jener Themen, die Menschen schon immer beschäftigt haben. Das neue Produkt selbst sei dadurch nicht mehr im herkömmlichen Sinne interessant. „Und wenn das Produkt nicht mehr interessant ist, dann müssen wir den Entstehungsprozess beurteilen. Der Fokus muss sich vom Objekt auf die Idee richten. Dabei ist das nichts Neues; in der Konzeptkunst gab es das schon vor fünfzig Jahren. Die Literatur aber stellt sich diese Fragen zum ersten Mal. Meine Bücher sind schrecklich zu lesen. Jedes Mal, wenn ich sie korrekturlesen muss, schlafe ich ein. Die Konzepte dahinter sind aber sehr interessant. Sie regen zum Nachdenken und Gespräch darüber an, aber nicht dazu, sie wirklich zu lesen. Deswegen habe ich auch keine Leserschaft, sondern eine Denkerschaft.“ / FELIX-EMERIC TOTA, FAZ

87. Zweizeiler afghanischer Frauen

I call. You’re stone.
One day you’ll look and find I’m gone.

Rahila Muska

Im Frühjahr 2010 tötete sich die Dichterin durch Selbstverbrennung. Ihre Brüder hatten sie böse zugerichtet, als sie erfuhren, daß sie Gedichte schrieb. Rahila Muska war ein Pseudonym, eigentlich hieß sie Zarmina.

Die New Yorker Dichterin Eliza Griswold reiste nach Afghanistan, als sie von Rahilas Schicksal erfuhr. Sie sammelte und übersetzte von Frauen verfaßte Landays, traditionelle afghanische Volksdichtung in gereimten oder reimlosen Zweizeilern, die mündlich überliefert (gesungen) und dabei variiert, remixed und aktualisiert werden. Ein Landay hat 22 Silben, 9 in der ersten und 13 in der zweiten Zeile. Jedes Gedicht endet mit der Silbe „ma“ oder „na“. Die sprachliche und musikalische Schönheit dieser Dichtungsform kontrastiert wunderbar mit der Direktheit und Schärfe, mit der sie über Gegenstände wie Krieg, Trennung, Liebe und Sex sprechen. Ein paar Proben:

You sold me to an old man, father.
May God destroy your home, I was your daughter.

Making love to an old man
is like fucking a shriveled cornstalk blackened by mold.

When sisters sit together, they always praise their brothers.
When brothers sit together, they sell their sisters to others.

Unlucky you who didn’t come last night,
I took the bed’s hard wood post for a man.

Girl:
Slide your hand inside my bra.
Stroke a red and ripening pomegranate of Kandahar.

Boy:
I’d slide my hand inside your bra,
but who will drop coins in the attendant’s jar?*

Is there not one man here brave enough to see
how my untouched thighs burn the trousers off me?

Come, let’s lie thigh against thigh.
If you climb on top, I won’t cry.

Daughter, in America the river isn’t wet.
Young girls learn to fill their jugs on the internet.

Send my salams to my lover.
If he’s a farter, I fart louder.

Girl:
When you kissed me, you bit me,
What will my mother say?

Boy:
Give your mother this answer:
I went to fetch water and fell by the river.

Girl:
Your jug isn’t broken, my mother will say,
so why is your bottom lip bleeding that way?

Boy:
Tell your mother this one:
My jug fell on clay, I fell on stone.

Girl:
You have all my mother’s answers, sweet.
Now take my raw mouth — bon appétit!

Make a hole in Facebook and plant me one.
Tell your mother, “I’ve been bitten by a scorpion.”

Come, let’s leave these village idiots
and marry Kabul men with Bollywood haircuts.

In battle, there should be two brothers:
one to be martyred, one to wind the shroud of the other.

My Nabi was shot down by a drone.
May God destroy your sons, America, you murdered my own.

May God destroy the Taliban and end their wars.
They’ve made Afghan women widows and whores.

Hamid Karzai came to Kabul
to teach our girls to dress in Dollars.

*) Ein sehr altes Landay, bei dem das Wort „Ärmel“ durch Büstenhalter ersetzt wurde.

Mehr

86. Heroes

THE daughter of a hero soldier killed in Afghanistan will read her own competition winning poem at one of the region’s biggest First World War centenary events.

Ginalee Brownson will recite My Country – about life on the frontline – at a special service in Durham Cathedral during a weekend of commemorative events in the city.

My Country by Ginalee Brownson

I don’t want to fight,
I want to go home,
I don’t want to be hurt,
I want to do my country proud,
I don’t want to lose the battle,
I want to conquer the task,
I don’t want to stand up tall,
I don’t want to see others hurt,
I want to be a helping hand.

I hate being wet and muddy,
I hate being tired and aching,
I love defending my country,
And keeping my family safe.

I want to help my fellow soldiers,
I want to be there for them when no-one else is,
I want them to feel supported,
I don’t want to leave them alone,
I don’t want them to feel no good,
I don’t want them to feel disappointed.

We all should be proud.

/ The Northern Echo

Jawad (Taliban poet):

Hot, hot trenches are full of joy;
Attacks on the enemy are full of joy.
Guns in our hands and magazine belts over my shoulders;
Grenades on my chest are full of joy.

/ New York Times 13.5.12