11. Gesprächsbereiter Ketzer

Bresemanns Dichtung zeigt eine Gesprächsbereitschaft sondergleichen: „wir wollen jetzt mal ganz offen miteinander sein“. Die Grundlage dafür bietet vor allem das der Einsicht abgewonnene „outsourcen“, die Auslagerung, die Streichung von immer noch verbindlichen, aber zusehends kontraproduktiven und vereisten (religiösen und politischen) Leitbildern: „nun lass den / beschneiten mantel dir outsourcen“, ein Zitat aus „Mir nach, spricht Jesus Christus, unser Held“, dem Gedicht, das den Band (mit einem großen Knall) eröffnet: „ich las die räude von den herrgottswinkeln / (mönchundnonnendeckung) und die kadaver / der ortskerne. jedes der gliedmaßen. / mark vom einzig wahren leichnam, gibt die birke / licht der welt, leitet die leute zur feier- / lichen waschung, parteitag für parteitag, las ich, / knochenkarl, allein die sinne sind der quell. / wer will uns damit locken. // weiterhin sind viele hier von jesus finanziert, / der herr gibt täglich brot den bösen menschen / in großer furcht davor und zag, ich las: / bewahren sie ruhe beim verlassen dieses jahrhunderts!“ Martin Mosebach, Verfasser der Häresie der Formlosigkeit, würde Tom Bresemann nicht nur wegen der schon besprochenen Unbeständigkeit seiner Gedichtformen als einen Ketzer bezeichnen, sondern sicherlich auch aufgrund des soeben Zitierten. Aber das stimmt durchaus, und das sollten wir auch für die Zukunft so festhalten: Stets erdichtet sich Tom Bresemann ein Ketzertum, dem die Religion (vor allem) als kirchliche Institution und die Politik zu Recht anheimfallen. Seine Wegbereiter: der herbeizitierte Bertolt Brecht, womöglich auch Hannah Arendt und Günther Anders. Anders (im Vorwort zu seinem Buch Ketzereien): „in unheimlicher Vorahnung der politischen Exkommunikation unseres Jahrhunderts“, Bresemann (in seinem Jesus-Gedicht): „bewahren sie ruhe beim verlassen dieses jahrhunderts!“, wenngleich dort vom zwanzigsten, hier von der Schnittstelle zum einundzwanzigsten Jahrhundert die Rede ist. / Alexandru Bulucz, Faustkultur

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