36. Grab in der Heimat

(…) Was wir heute in der Ukraine erleben, meint [der tschetschenische Dichter Apti] Bisultanow, habe mit dem Überfall auf seine Heimat seinen Anfang genommen. Eine Auffassung, die Bisultanows russischer Kollege, der Schriftsteller Sergej Lebedew, teilt:

„Wenn wir über das heutige Russland reden, dann kann man sagen, dass dieses Russland 1994 im ersten Tschetschenien-Krieg geboren wurde. Denn damals entschied sich die Frage: Wird Russland ein demokratisches Gemeinwesen? Oder wird Russland wieder ein imperialer Staat, der alle anderen Gesellschaftsmodelle unterdrückt, die möglich sind.“ (…)

Aptil Bisultanow, der tschetschenische Dichter, schrieb dazu in einem seiner Gedichte die Zeilen: „Ich lebe in einem Staat mit dem Namen Heimat / Seine Verfassung ist ein einziger Satz / Jeder Bürger hat das Recht auf ein Grab in der Heimat.“ Nicht nur für ihn, auch für seinen Schriftstellerkollegen Sergej Lebedew haben die inzwischen fast vergessenen Ereignisse des ersten Tschetschenienkrieges unheilvolle Spuren bis in die Gegenwart hinterlassen.

„Dieser Krieg hat die Moral der russischen Armee stark verändert. Wie sehr, das wird erst heute angesichts des Krieges in der Ukraine klar. In dem man den Terror und die gesetzwidrigen Aktionen der Armee in Tschetschenien nicht ahndete, gab man ihr das Signal, dass zur Durchsetzung russischer Interessen alles erlaubt ist. Die heutige Armee betrachtet ihren Einsatz in der Ukraine genau unter diesem Blickwinkel – wir dürfen alles, auch wenn es sich um Befehle handelt, die nicht legal sind.“ / Mirko Schwanitz, DLF

35. Ayotzinapa

Jerome Rothenberg kommentiert bei Facebook:

Today’s posting on Poems and Poetics keeps alive the horror of last year’s disappearance & massacre of 43 students of the teacher’s college in Ayotzinapa, in the state of Guerrero, Mexico. The occasion is Mark Weiss’s translation of David Huerta’s poem, “Ayotzinapa,” published here with Weiss’s brief accompanying note: “The 43 were detained by the police on the way to a protest, and handed over to a local drug cartel. They were tortured and killed, their bodies dismembered, dumped in a pit and incinerated. Mexico has been in turmoil since.” David Huerta, as Weiss writes, “is one of Mexico’s most important poets. This poem is his reaction.”

Hier die englische Fassung des Gedichts, hier (nach unten blättern) das Original.

34. Poetopie

unter den Schuhsohlen knirscht der Streusand – im Kopf kommen die Gedanken ins Rutschen

Hansjürgen Bulkowski

33. Sprachenvielfalt, Sprachenprobleme

“Poetry from Gujarat and not Gujarati poetry,” clarified Gopika Jadeja, the young Singapore-based poet who moderated the panel and translated for our benefit. For the poets in the limelight spanned languages — Jayant Parmar writes in Urdu, Vaishakh Rathod in Hindi, Jitendra Vasava in Bhili and Gopika herself in English.

Jitendra Vasava’s intent to bring out the identity and place of the Adivasi people came out in the brevity and intensity of his Bhili poetry. Simple words beneath a complex metaphor, especially while lamenting the suppression of his mother tongue by a foreign one. The ‘foreign’ language, the moderator gently reminded us, was not English but Gujarati. And that opened our eyes to another Gujarat — one diverse in culture, tradition and language. / The Hindu

32. Poetica I

„Ich erleuchte mich durch Unermessliches“ heißt das Motto der „Poetica I“, die vom 26. bis 31. Januar als „Festival für Weltliteratur“ in Köln stattfindet. Die Zeile aus einem Gedicht von Giuseppe Ungaretti (übersetzt von Ingeborg Bachmann) meint die doppelte Chance von Lyrik: Orientierung in der Wirklichkeit und den Vorstoß in Bereiche jenseits des rational Begreifbaren.

Dieses weite Feld vermessen zehn höchst prominente Dichterinnen und Dichter, die der ehemalige Hanser-Verleger und profilierte Poet Michael Krüger als Kurator ausgewählt hat. Neben den beiden deutschen Teilnehmern, dem aktuellen Kölner Büchner-Preisträger Jürgen Becker sowie seinem Kollegen Marcel Beyer, sind Lyriker aus acht Ländern vertreten. / Kölnische Rundschau

Es sind: Pia Tafdrup (Dänemark), Adam Zagajewski (Polen), Aleš Šteger  (Slowenien), John Burnside (GB), Yang Lian (China), Lars Gustafsson (Schweden), Yeşim Ağaoğlu (Türkei) und Ranjit Hoskoté (Indien).

31. konkret beredt

Ein Abend für und mit Eugen Gomringer zu seinem 90. Geburtstag

Es gratulieren: Michael Lentz und Annette Gilbert

Donnerstag, den 22. Januar 2015, um 20 Uhr

Veranstaltungsort: Lyrik Kabinett München
Amalienstraße 83a (U3 und U6: Haltestelle Universität)

Tel: ++49 (0)89 34 62 99 / Eintritt: € 7,- / € 5,-
Mitglieder: freier Eintritt

Kaum jemand hat lautlose Zeichen auf Papier allein fürs Auge so beredt gemacht: Das Lyrik Kabinett feiert Eugen Gomringer den großen Meister und „Vater der Konkreten Poesie“. Geboren 1925 in Bolivien als Sohn eines Schweizers und einer Bolivianerin, war er 1954-57 Sekretär von Max Bill an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. 1977-90 lehrte er an der Kunstakademie Düsseldorf und vertrat seit den 1950er Jahren seine Kunst noch in vielen anderen Rollen: mit theoretischen Schriften, als Herausgeber, Verleger, Organisator und Dozent. 2000 gründete er das Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie im oberfränkischen Rehau. Poesie und Wissenschaft erweisen ihm an diesem Abend die Ehre: Michael Lentz (geboren 1964, einer der wichtigsten Lautpoeten unserer Zeit und Professor am DLL) und Annette Gilbert (geboren 1975, Literaturwissenschaftlerin an der FU Berlin mit Forschungsschwerpunkt auf experimenteller Literatur und Kunst). Nach einer Lesung des Jubilars führen die drei Gäste ein Gespräch über sein Werk.

Eugen Gomringer
Eugen Gomringer – Copyright IKKP

30. Abendröthe

„Abendröthe“ nannte Friedrich Schlegel, der Exponent der sogenannten „Romantischen Schule“ (Heinrich Heine), einen Zyklus von 22 Gedichten. Er schrieb sie in Wien, wo er seit 1809 als Privat-Gelehrter und Dichter lebte.

Im Freundeskreis Schuberts las man sich diese Gedichte wechselseitig vor, und der junge Komponist traf hier auf eine völlig neue Poesie, die einerseits nicht die erdrückende Autorität eines Schiller oder Goethe hatte, andererseits ganz andere, romantische Töne anschlug als die Biedermeier-Gedichte seiner reimenden Freunde.

Zwischen 1819 und 1823 vertonte Schubert in mehreren Schüben elf dieser Gedichte, und man darf annehmen, dass er vielleicht plante, daraus einen Zyklus zu machen. / Supertipp

Am 11. Januar präsentiert der Verein „Lied und Lyrik Rhein-Ruhr“ ab 17.00 Uhr unter dem Titel „Abendröte“ einen unbekannten Schubert-Zyklus im Ferdinand-Trimborn-Saal (Ratingen)

Friedrich Schlegel, aus „Abendröthe“

Der Dichter

Der schwarze Mantel will sich dichter falten,
Die freundlichen Gespräche sind verschollen;
Wo allen Wesen tief Gesang entquollen,
Da muß die stumme Einsamkeit nun walten.

Es darf den großen Flug das Herz entfalten,
Und Fantasie nicht mehr der Täuschung zollen;
Was farbig prangt, muß bald ins Dunkel rollen,
Nur unsichtbares Licht kann nie veralten.

Willkommen, heil’ge Nacht, in deinen Schauern!
Es strahlt in dir des Lichtes Licht dem Frommen,
Führt ihn ins große All aus engen Mauern;

Er ist ins Innre der Natur gekommen,
Und kann um ird’schen Glanz nun nicht mehr trauern,
Weil schon die Binde ihm vom Haupt genommen.

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29. So stirbst du

Charb und seine Kollegen mussten mit Morddrohungen leben. Presseberichten zufolge gehörte der Franzose zu elf Menschen, zu deren Tötung wegen „Verbrechen gegen den Islam“ die Extremistenorganisation al Kaida aufgerufen hatte. 2011 verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktion in Paris. Der Journalist und Karikaturist machte trotzdem weiter.

Seine Kolumne hieß „Charb n’aime pas les gens“ („Charb mag die Menschen nicht“). Angst vor den Menschen hatte er aber nie. „Ich habe keine Kinder, keine Frau, kein Auto, keinen Kredit, sagte Charb im September 2012 in der französischen Zeitung „Le Monde“. „Es ist vielleicht ein wenig schwülstig, was ich jetzt sage, aber ich ziehe es vor, aufrecht zu sterben als auf Knien zu leben.“

Im Oktober 2012 verfasste Charb das Gedicht „Lachen, um Gottes Willen“, das sich heute, am Tag nach seinem Tod, geradezu wie ein Manifest liest. / Lisa-Marie Eckardt, stern

Lachen, um Gottes Willen

Male einen prächtigen Mohammed, so stirbst du.
Zeichne einen lustigen Mohammed, so stirbst du.
Schmiere einen widerlichen Mohammed hin, so stirbst du.
Mache einen beschissenen Film über Mohammed, so stirbst du.
Wehrst du dich gegen religiösen Terror, so stirbst du.
Leckst du den Fundamentalisten den Arsch, so stirbst du.
Halte einen Feind der Aufklärung für einen Idioten, so stirbst du.
Versuche, mit einem Feind der Aufklärung zu diskutieren,
so stirbst du.
Es gibt nichts zu verhandeln mit den Faschisten.
Die Freiheit, hemmungslos zu lachen, wurde uns bereits vom Gesetz gegeben, die systematische Gewalt der Extremisten gibt sie uns auch.
Danke, ihr Arschlöcher.

Charb, Oktober 2012 (ermordet am 7. Januar 2015)

28. American Life in Poetry: Column 510

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Billy Collins, who lives in New York, is one of our country’s most admired poets, and this snapshot of a winter day is reminiscent of those great Chinese poems that on the virtue of their clarity and precision have survived for a couple of thousand years. His most recent book of poetry is Aimless Love: New and Selected Poems, (Random House, 2013).

Winter

A little heat in the iron radiator,
the dog breathing at the foot of the bed,

and the windows shut tight,
encrusted with hexagons of frost.

I can barely hear the geese
complaining in the vast sky,

flying over the living and the dead,
schools and prisons, and the whitened fields.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2014 by Billy Collins, “Winter,” (Poetry East, No. 82, 2014). Poem reprinted by permission of Billy Collins and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

27. Prigent nachdichten

Dass Christian Prigent endlich wieder in Deutschland präsent ist, verdankt sich der Arbeit der lettrétage, die mit ihrem Literaturprojekt ¿Comment! Lesen ist schreiben ist lesen auch mit Christian Prigent neue Wege der Literaturvermittlung beschritt und ihn dank der Übersetzer und Kuratoren Aurélie Maurin und Christian Filips wieder in die Diskussion brachte. Leider blieb Prigent selbst in seinem Heimatland Frankreich bis heute ein Autorenautor, der als Impulsgeber bis auf andere Autoren kaum Leser hat. Obwohl er sechs Jahre in Berlin lebte, gibt es im deutschsprachigen Raum nur einzelne Übersetzungen in Zeitschriften wie Zwischen den ZeilenSchreibheft und La mer gelée. 45 Jahre nach seinem Debüt kriegt er nun doch noch eine deutsche Übersetzung in Form einer Einzelpublikation.

Mit Übersetzungen aus dem Französischen schauts ja generell ziemlich mau aus, da klafft hinter Yves Bonnefoy und Philippe Jaccottet ein grosses Nichts. Auch der unlängst verstorbene, und der für die französische Dichtung grosse Erneuerer, Bernard Heidsieck ging dem deutschen Sprachraum gänzlich durch die Lappen.  (…)

Um die akribische Wortarbeit Prigents nachzudichten, braucht es vor allem Mut. Mut, sich auf die anamorphose Groteske einzulassen. Nur leider werden weder die Wortamalgame und -Schichtungen nachgedichtet noch die Sinnanreicherungen durch Trennungen und Enjambements. Vielmehr werden lieber Umwege gegangen.

et ca scul
pta méticul
eusement l’ori
fils horri
blement vide

und diesen skull
geschnitzt aus mull
akribisch die söhne
geöffnet schröck
lich leer das ich

Hier verlangt es eigentlich eine Nachdichtung, die versucht dieses ästhetische Vorgehen in ein ähnlich semantisches Feld einzubetten, anstatt das Gedicht auszubuchstabieren und totzuschreiben, und dabei nicht einmal alle Bedeutungen mit einzuschliessen, weil die Peseten (« pta ») oder der mitklingende Lori (l’ori) vernachlässigt wurden. Aber wie würde eine gerechte, riskante Übersetzung ausschauen? Vielleicht so?:

und diese pin
gelige schilling
elplastik der po
röse hallodri pan
isch leer

Vielleicht ganz anders, zumindest aber mit ein bisschen mehr Vertrauen in die Praktik des Originals. Dann könnte man auch so Wortverschmelzungen wie « pullulation » im Deutschen stehen lassen, weil man hier Pollution und Population genauso versteht, oder man müsste « carnaval » nicht als „Fastnachtsfleich“ übersetzen, wobei das zwar sprachlich sehr gelungen ist, aber eben nicht die Poetologie Prigents widerspiegelt, wonach die vielleicht einfachste Lösung im Deutschen „karnival“ wäre, also die Verschmelzung von karnivor und Karneval. / Walter Fabian Schmid, Signaturen

Christian Prigent: Die Seele. Frz. / dt. Übers. und hrsg. von Christian Filips und Aurélie Maurin. Berlin und Solothurn (roughbooks 031) 2014. 188 Seiten. 15,00 Euro. 

25. Die Bibliothek

Es ist wieder Saison:

… eines ihrer Werke wurde auch erneut in der „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“, eine Anthologie mit mehr als 900 Seiten, in der mehrere tausend Autoren ihre Spuren hinterlassen haben, aufgenommen.

Das Buch ist seit 1998 der 17. Band mit verschiedenen Themenbereichen und N.N. war in jedem vertreten – diesmal in der Kategorie „Gegenüber“. Das ist für die 75-Jährige eine tolle Anerkennung ihrer lyrischen Arbeit. Denn in diese Anthologie wird ein Gedicht nicht einfach übernommen, es gibt einen Wettbewerb unter tausenden Einsendungen. Wie bereits vor fünf Jahren, ist das Gedicht mit dem Titel „Die leise Melodie des Herbstes“ dem Freilichtmuseum Hessenpark gewidmet und das Buch, in dem es steht, wird sie dem Museum schenken. Sie beschreibt eindrücklich: „Die Welt versinkt in Seidenmatt. Hier gilt das Suchen vergangner Zeit. Wo über’m Haupt der Störche Flügel rauschen, ihr Klappern über’m Nest – der Dichter möcht nicht tauschen“. Ziel der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte ist es, Lyrik der heutigen Zeit zu dokumentieren und für die Nachwelt zu erhalten. / Taunus-Zeitung

Aufgabe für Schreibgruppen. Nach dem Ersten Interplanetaren Krieg sind alle Bücher und Computerdaten auf der Erde verlorengegangen. Experten streiten sich, ob die modernen Kampfmittel dafür verantwortlich sind oder Kampagnen der streitenden Parteien zur Stärkung der Kampfmoral. In dem Flüßchen Weil im deutschen Taunusgebirge wird am Donnerstag nach dem Krieg eine Bleikapsel mit 17 dicken Bänden einer „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“ gefunden. Erstellt in 2 Arbeitsgruppen a) eine Literaturgeschichte des vergangenen Jahrtausendanfangs, b) eine Musteranthologie der verbreiteten Themen und Formen! 

24. Niedergang der Kritik

Die allgemeine Zeitungskrise hat auch die Feuilletons der überregionalen Blätter erfasst. Besonders deutlich lässt sich das am Beispiel der Literaturkritik beobachten, sagt der Chefredakteur des Online-Kulturmagazins „Perlentaucher“, Thierry Chervel.

Thierry Chervel, Chefredakteur beim Online-Kulturmagazin „Perlentaucher„, kann diese Entwicklung mit Zahlen belegen. Sein Magazin wertet täglich die Buchrezensionen der überregionalen Zeitungen aus. In diesem Bereich sei rein quantitativ ein „schmerzhafter Rückgang“ zu beobachten, sagte Chervel im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. Im Jahr 2001 habe der „Perlentaucher“ noch 4330 Kritiken auswerten können, im Jahr 2013 dagegen nur noch 2200.

Und noch einen zweiten Trend beobachtet Chervel mit Sorge. Er spricht von einer „Tendenz zur Provinzialisierung„. Früher seien in den Feuilletons auch viele Bücher aus kleineren Verlagen und von ausländischen Autoren besprochen worden. Die Zeitungen hätten sich durch „Kosmopolitismus“ ausgezeichnet. Heute dagegen gebe es eine Tendenz zur Konzentration auf den deutschen Betrieb, sagte Chervel, auch durch die wachsende Bedeutung des Deutschen Buchpreises. „Man konzentriert sich auf das, was am populärsten ist.“ / Joachim Scholl, DLR

23. Scardanelli

indes lösen sich das (sehr deutsche) pathos von “wahn | sinn”, die bilder von verstörung und zerstörung wunderlich auf in diesen späten Hölderlin-gedichten.

etwa in einem der “winter“-gedichte, wo das jahr eine “frage” darstellt. eine frage, deren “ton”, so der dichter, mit dem jahresende auslautet – – – nämlich in einer beantwortung: “so ist des Jahres Ende / Wie einer Frage Ton, dass dieser sich vollende“.

welcher ratlose, hoffende und ohren-mensch könnte und möchte an diesem sich rundenden aus-lauten vorbei ?

Der Winter

Wenn ungesehn und nun vorüber sind die Bilder
Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
Und Stürme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende,
Wie einer Frage Ton, dass dieser sich vollende,
Als dann erscheint des Frühlings neues Werden,
So glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.

Mit Unterthänigkeit
Scardanelli
d. 24. April 1849 [!]

“Scardanelli” ist das “ich ist ein anderer” Rimbauds. “Scardanelli“ ist Gantenbeins multiple persönlichkeit. “Scardanelli“ ist Perecs re-phrasierung von “persönlichkeit”. und “Scardanelli“ ist ein poetisch programmatischer gedichtzyklus Friederike Mayröckers. / Aus Christiane Zintzen, Hölderlins Auslauten, in|ad|ae|qu|at 7.1.

22. Shakespeares Sonette, die 69.

Die Sonette Shakespeares neu übersetzt von Hans Saenger

Hans Saenger, Jahrgang 1949, legte im September 2012 mit Anschreiben gegen den Tod. Die Sonette die insgesamt 69. Gesamtübertragung dieses Gedichtzyklus vor. Von Beruf kein Anglist, wie er im Nachwort betont, beschäftigte sich Saenger – hauptsächlich durch sein Interesse an der Autorschaftsfrage dazu bewegt – „fast ein Jahrzehnt lang intensiv“ mit den Sonetten William Shakespeares.

Vorangestellt ist den Gedichten eine kurze Einleitung, in der der Autor deutlich macht, dass die Lektüre der Sonette prinzipiell in keiner bestimmten Reihenfolge erfolgen müsse, dass es nicht von Bedeutung sei, ob die Gedichte „von vorne nach hinten oder umgekehrt oder kreuz und quer“ gelesen würden. Allerdings stellt laut Saenger das 144. Sonett den „natürliche[n] Einstieg“ in Shakespeares Sonettzyklus dar, da dieses die Ausgangssituation aller 154 Gedichte beschreibt: Zwei Lieben hat der Dichter, nämlich eine „allem Anschein nach ideelle zu einem schönen blonden Jüngling, eine zweite, alles andere als ideelle, aber zu einer Dame mit dunklem Haar und schwarzer Seele“. / Elisabeth Julie Herrmann, literaturkritik.de

William Shakespeare: Anschreiben gegen den Tod. Die Sonette. 
Übersetzt aus dem Englischen von Hans Saenger
Edition Volaris, Klostermarienberg 2012. 
200 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783200027312