86. Schwarzes Material

Wo sind wir hier? Es ist fast immer „schwarzes Material“, das Marcel Beyer in seinen Gedichten erkundet und auf seine historische Stofflichkeit und Zeugenschaft untersucht, es ist zeithistorisches Territorium, auf dem sich vieles kreuzt und „überlagert“. Im Fall dieses Gedichts überlagert sich die Tötung des Terroristen Osama bin Laden, des gefürchteten Staatsfeindes, der noch am Tag seiner Erschießung von Bord eines Flugzeugträgers aus im Arabischen Meer bestattet wurde, mit der Erscheinung eines Dichters aus Salzburg. Wie macht Marcel Beyer das, wie tastet er sich vor auf ein sprachliches Gelände, auf dem eigentlich nur konforme, staatstreue, sozialverträgliche Deutungen zirkulieren?

Verschwörungstheorien sind für einen Dichter keine Option. Ein Dichter nimmt die vorgefundene Sprachmaterie, betrachtet sie misstrauisch, zerlegt sie, fügt sie mit anderen Elementen zu einer neuen aufregenden, meist fragmentarischen Konstellation von Wörtern, Bildern und Sätzen zusammen. / Michael Braun, Die Zeit

85. Poetopie

träum‘ nicht auf der Straße – was deine wachen Augen sehen, ist rätselhaft genug

Hansjürgen Bulkowski

84. Trakl für Einsteiger

Genau einhundert Jahre nach dem Tod Georg Trakls hat der Insel Verlag die „Sämtlichen Gedichte“ neu veröffentlicht, diesmal in „chronologisch-thematischer Reihenfolge“. (…)

Wer diesen Autor kennenlernen möchte, ist mit der Neuerscheinung aus dem Insel Verlag gut bedient. Wer sich allerdings tiefergehend für das Werk interessiert, sollte sich die dtv-Ausgabe besorgen. Denn die Herausgeber haben – obwohl der Klappentext eine chronologische Reihenfolge ankündigt – keine Publikationsdaten angegeben. Die Texte sind in Kapiteln gruppiert, die jeweils eine von Trakl vorgesehene Überschrift tragen. Es mag eine passende Geste des Verlags sein, zum Todestag des Lyrikers eine Neuausgabe zu publizieren; die fehlenden Informationen hinterlassen allerdings einen bescheidenen Gesamteindruck, den die Wirkungskraft der Gedichte zum Glück ein wenig aufheben kann. / Matthias Friedrich, literaturkritik.de

Georg Trakl: Sämtliche Gedichte.
Insel Verlag, Berlin 2014.
205 Seiten, 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783458360377

83. Paulus Böhmer

Die Gedichte Paulus Böhmers sprengen jeden Begriff: flussartige Gebilde in einem Umfang, der sonst ganzen Bänden vorbehalten ist; das aktuelle Langgedicht umfasst 236 Seiten im A4-Format. Man muss weit zurückgehen, um auf Vergleichbares zu stoßen, vielleicht bei den Visionen des Propheten Jesaja, den Prophezeiungen Nostradamus’, den Psalmen Walt Whitmans. Vielleicht sollte man auch Hieronymus Bosch, den Apokalyptiker, Dalí, den großen Masturbator, die Orgelkaskaden Bachs, die Riffs von Hendrix erwähnen, um Böhmer begreifbar zu machen. (…)

Es überrascht, dass Böhmer mit seinen monolithisch in der Literaturlandschaft stehenden Langgedichten ein Geheimtipp geblieben ist. Kürzlich wurden ihm zwei Goethe-Medaillen, der Hölty-Preis und der Gernhardt-Preis verliehen. Sein Hauptwerk Kaddish, ein 600-seitiges Memorial, ist bei Schöffling vergriffen. 2011 ging Böhmer mit Am Meer. An Land. Bei mir zum Verlag Peter Engstler in der Rhön, wo inzwischen auch die ihn bewundernden Avantgardisten wie Monika Rinck und Ulf Stolterfoht veröffentlichen. Engstler ist die verlegerische Großtat anzurechnen – schließlich ist Böhmer ein Dichter, der noch einmal, nach Rimbaud, Lautréamont und Apollinaire, poetisches Neuland betritt: Böhmers Gedichte sind keine bequeme Lektüre, sondern eine körperliche Erfahrung, der man sich aussetzen muss. / Jan Volker Röhnert, Die Zeit 54/2014

Paulus Böhmer: Zum Wasser will alles Wasser will weg
Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön 2014; 236 S., 35,00 €

82. Tightrope

Inspired in equal parts by Russian futurists, French surrealists, and New York School poets, as Colm Tóibín noted, Tomaž was nevertheless too slippery to be compared to anything. His poems will continue to defy categorization, but they will be remembered for the way they walked the tightrope between ecstasy and despair, the rational and the irrational, the sublime and the horrible. At his finest, Tomaž could even achieve this in less than twenty-five words:

RAIN

It rained during the night.
Did the snails sleep or paddle?
The pine tree strained itself and grew for a millimeter
and there, far away, Lebanon was bombed.

/ André Naffis-Sahely, The Paris Review

A marathon reading of texts and poems in honor of Tomaž Šalamun will be held at the Mini Teater in Ljubljana on February 3. The event will be broadcast on RTV Slovenija and globally via Skype.

81. Nicht für empfindliche Seelen

Am Ende fragt sich der Leser, ob und wo Trost zu finden ist. Wir, die wir „auf die welt gespuckt“ worden sind, werden kritisiert und beschimpft als fette Allesfresser, als Umweltzerstörer und als triebgesteuerte Sexsüchtige. Deswegen sind diese Gedichte nichts für empfindliche Seelen. Sie rütteln den Leser nicht nur, sie schlagen ihm ins Gesicht. Er soll aufhören, sich selbst zu belügen und hernach sein Leben verändern: „mir fehlt das leben aber / ich hols mir zurück und gebe / es nicht mehr aus der hand“. So erwächst aus der blutigen Grundierung neue Kraft. Mit dem Gedichtband „Außer mir“ will Ostermaier Urteile infrage stellen, Althergebrachtes zerstören und damit ermöglichen, den Blick auf eine neue Zukunft zu richten. / Thorsten Schulte, literaturkritik.de

Albert Ostermaier: Außer mir. Gedichte.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014.
198 Seiten, 21,95 EUR.
ISBN-13: 9783518423813

80. Handschriften

Bei Buzzfeed kann man Autorenhandschriften vergleichen, darunter auch Emily Dickinsons

und Walt Whitmans

79. Bremen 2

Literarisches Traditionsbewusstsein, hohe Intelligenz und eine zum Vers drängende Empfindsamkeit sind nur drei der Eigenschaften, die Nadja Küchenmeister den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis beschert haben. (…)

Ihr im Herbst vergangenen Jahres im nämlichen Verlag herausgekommener Gedichtband „Unter dem Wacholder“ begeisterte die von der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung eingesetzte siebenköpfige Jury offenbar so sehr, dass sie sich entschloss, neben dem Hauptpreis auch noch den Förderpreis einem Vertreter der hierzulande leider nur bedingt publikumswirksamen Gattung Lyrik zuzuerkennen.

Die Autorin entwerfe „mit großem Formgefühl Stimmungsbilder erfüllter wie verlorener Augenblicke“ und erobere „den Raum der Tradition für sich“ – und zwar „unangestrengt und mit sanfter Entschiedenheit“.

(…) In jedem Fall ist die Autorin mit ihrer Lyrik konservativer Prägung ein ideales Pendant zum stilistischen Springinsfeld Beyer.

Nadja Küchenmeister und Hauptpreisträger Marcel Beyer lesen am Sonntag um 18 Uhr in der Glocke aus ihren ausgezeichneten Werken. / Hendrik Werner, Weser-Kurier 24.1.

78. Bremen 1

Der Autor Marcel Beyer erhält am Montag in der Oberen Rathaushalle den mit 20 000 Euro dotierten Bremer Literaturpreis 2015. Sein im Vorjahr im Suhrkamp-Verlag erschienener Gedichtband „Graphit“ sei eine „Reise durch die Natur, nahe und ferne Welten, Entdeckungen und Verluste“, urteilt die von der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung installierte Jury.

77. Jean-Pierre Schlunegger (1925-1944)

Zum 50. Todestag Jean-Pierre Schluneggers ist die Gedichtauswahl „Bewegtes Leuchten“ in einer verkorksten Übersetzung erschienen

schreibt Matthias Friedrich bei literaturkritik.de, Auszug:

Über Heinrich von Kleist hat Emil M. Cioran gesagt, der Selbstmord lasse sich aus jeder seiner Zeilen herauslesen. Eine ähnliche biographische Deutung bestimmt auch die Rezeption des Schweizer Lyrikers Jean-Pierre Schlunegger. Am 23. Januar 1965 stürzte er sich, gerade einmal 39-jährig, von einer Brücke. Sein Vater hatte im gleichen Alter den Freitod gewählt; zeit seines Lebens fürchtete sich Schlunegger, das Gleiche tun zu müssen. Seither wird die Rezeption des Werks vom Suizid des Autors überschattet, wie Barbara Traber in ihrem Nachwort zur bilingualen Ausgabe feststellt. Doch es lässt sich zum Glück nicht auf biographische Eigenheiten reduzieren. (…)

Damit bedeutet Poesie für Schlunegger zugleich Weh und Heil. Sie öffnet ihm neue Wege, versperrt aber gleichzeitig den Zugang zu ihrem Rätsel, das zugleich das Weltenmysterium ist, dem das lyrische Ich gegenübersteht. Geheimnis und Offenbarung sind die Komponenten, aus denen er seine Gedichte konstruiert, doch beide Teile weisen einander ab. Schluneggers zweigeteiltes Ideal provoziert also sein Scheitern, das aber als Grundlage der lyrischen Reflexion fungiert. Denn die durchdringende Schlichtheit der Bilder zeigt sich nur kurz, ehe sie wieder von ihrer Schwere abgelöst wird:

Ich sage: Licht, und ich sehe das zitternde Laub.
Ich sage: See, und im Einklang tanzen die Wogen.
Ich sage: Blatt, und ich spür auf den Lippen den Kuss.
Ich sage: Flamme, und schon kommst du als lohender Busch.

Die Zerrissenheit des lyrischen Ichs äußert sich in seiner Introspektion und einer simultanen Außenschau. Beide Herangehensweisen an die Welt gründen in dem Wunsch, nicht mehr „von einem absurden Geheimnis belastet zu werden“. Ein visueller Kontakt mit der Umgebung beinhaltet gleichzeitig ihre Mystifizierung, weil der Blick des Subjekts niemals objektiv sein kann. Schlunegger ist trotz seiner Beeinflussung durch die Romantik ein phänomenologischer Dichter, dem es auf seine Art gelingt, zu den Dingen selbst zurückzukehren: indem er sie sowohl verklärt als auch entzaubert.

Es ist schwer, diese poetologische Doppelbewegung im Deutschen nachzuverfolgen. Christoph Ferbers Übersetzungen sind daran grundlegend gescheitert. Sie decken das ganze Spektrum von ,falsch‘ bis ,unfreiwillig komisch‘ ab: „Der brennende, feine Regen setzt dir die Krone auf“ heißt es beispielweise dort, wo es ein simples „krönen“ auch getan hätte. Die Poetizität einzelner Bilder verschwindet unter einer dicken Schicht Sachlichkeit: „La forêt coule vers les cailloux des grèves.“ Bei Ferber steht Folgendes: „Zu Uferkieseln führt hinab der Wald.“ Das ist falsch, da „couler“ besser mit „rinnen“ wiederzugeben wäre; Schlunegger beschreibt hier keinen Weg, sondern den feinen Übergang zwischen Wald- und Flusslandschaft. Außerdem missachtet Ferber die französische Metrik im Allgemeinen und die Musikalität der Verse im Besonderen.

Jean-Pierre Schlunegger: Bewegtes Leuchten. Lueur mobile.
Limmat Verlag, Zürich 2014.
183 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783857917554

76. Prinz von Theben

Die Dichterin und Zeichnerin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur gilt als eine der schillerndsten Figuren der deutschen Literaturgeschichte. Sie nannte sich »Tino von Bagdad«, »Liebling des Pharaos« oder auch »Dichterin von Arabien«. Bis zu ihrem Lebensende blieb sie zudem »Prinz Jussuf von Theben«. / Andreas Rehnolt, Jüdische Allgemeine

75. Nominierung

30 Bücher wurden für den Preis des US-amerikanischen National Book Critics Circle nominiert, der die besten Bücher des Jahres 2014 auszeichnen soll. Der Preis wird in 6 Kategorien vergeben: Autobiographie, Biographie, Kritik, Prosa, Sachbuch und Lyrik. Der Gedichtband “Citizen: An American Lyric” von Claudia Rankine ist in 2 Kategorien nominiert, Lyrik und Kritik. / Alexandra Alter, artbeats

Die Liste für Lyrik:

  • Saeed Jones, “Prelude to Bruise” (Coffee House Press)
  • Willie Perdomo, “The Essential Hits of Shorty Bon Bon” (Penguin Books)
  • Claudia Rankine, “Citizen: An American Lyric” (Graywolf Press)
  • Christian Wiman, “Once in the West” (Farrar, Straus & Giroux)
  • Jake Adam York, “Abide” (Southern Illinois University Press)

74. Mexikos Beste

Die mexikanische Literaturzeitschrift Letras Libres veranstaltete [im Jahr 2005] eine Umfrage unter ihren Lesern nach den 10 besten lebenden Dichtern des Landes. 283 auswertbare Antworten gingen ein (immerhin deutlich mehr als bei einer Umfrage einer bayrischen Lyrikzeitschrift in den 90ern, die damals als Agenturmeldung lief und die als Tatsache vermeldete, Benn habe Brecht überholt). Die Mexikanern fragten nur nach Lebenden, es kamen auch unseriöse oder veralbernde Antworten, es passierten Fehler (einer der vermeintlich Lebenden war schon 13 Jahre tot), und es gab Dichter die sich selber vorschlugen sowie organisierte Manipulationsversuche. Am Ende aber hatten sie eine Liste der 10 Besten:

1 José Emilio Pacheco
2 Eduardo Lizalde
3 Alí Chumacero
4 Gabriel Zaid
5 Rubén Bonifaz Nuño
6 David Huerta
7 Ramón Xirau
8 Francisco Hernández
9 Homero Aridjis
10 Coral Bracho

73. Hate Poetry

Am 15. Februar feiert die „Hate Poetry“ im „Hebbel am Ufer“ in Berlin ihren dritten Geburtstag. Neben Kazim werden acht weitere Journalisten mit Migrationshintergrund, wie das neudeutsch heißt, auf der Bühne sitzen. Sie werden Leserbriefe vorlesen und vor dem Publikum darum wetteifern, wer die absurdesten Beschimpfungen erhalten hat. In der Kategorie „Sehr geehrte Frau Fotze, lieber Herr Arschloch“ geht es um Anreden, in der der „Spiegel“-Journalist beispielsweise „Kazim, du Karzinom“ aufzubieten hat. Hassschreiben in epischer Länge finden in „Die große Oper“ ihren Platz.

„Man merkt, dem Publikum bleibt das Lachen am Anfang schon im Hals stecken“, sagt Kazim. „Aber am Ende ist es eine Riesengaudi für alle.“ Seit Jahren würden er und die „Hate Poetry“-Kollegen von rassistischen Lesern beschimpft. „Diese Briefe zu kriegen ist furchtbar. Kein Mensch freut sich darüber. Aber wir wollen mit dieser Scheiße nicht alleine bleiben.“ Das Verlesen der Schreiben vor Publikum „hat eine unglaublich therapeutische Wirkung, das sagen die Kollegen genauso“. Gleichzeitig sei die „Hate Poetry“ eine politische Veranstaltung. „Wir beziehen klar Position gegen diese Leute“, sagt der Journalist. „Wir lachen sie aus.“

Kazim erhält Mails wie diese: „Für einen Gast in Deutschland sind Sie aber ganz schön unverschämt!“ Oder auch diese: „Deutsch sein beginnt mit dem Namen. Jemand, der Hasnain Kazim heißt, kann niemals Deutscher sein!!!“ Kazim wurde in Oldenburg geboren, ist deutscher Staatsbürger und diente als Offizier in der Bundesmarine. „Ich glaube schon, dass es in Deutschland einen latenten Rassismus gibt“, sagt er. Auf einen Pegida-kritischen Kommentar bei „Spiegel Online“ habe er insgesamt 1700 Mails erhalten – darunter 900 hasserfüllte.

(…) Bei der Polizei anzeigen würde er Schreiber nie, sagt Kazim – auch wenn er oft Briefe erhalte, „die einem nahegehen, wo man schluckt“. Zum Beispiel die Mail eines Lesers, der sich dort selber als „ein Pegida-Fan“ bezeichnet und Kazim vor wenigen Tagen schrieb: „Wir Deutschen sollten mit euch Muselmanen das Werk fortsetzen, das wir mit den Juden begonnen haben! Mit dir zuerst! Ich freue mich, dir mal zu begegnen, wenn du als Rauch aus dem Schornstein wehst!“ Kazim postete das Schreiben auf seiner Facebook-Seite. Darunter fügte er hinzu: „Und mit solchen Leuten soll man einen Dialog führen?“ / Passauer Neue Presse

72. Ohrwurm

Claudius erfand mit dem „Abendlied“ das Baldriparan Forte der deutschen Lyrik, die Nummer eins noch vor „Wandrers Nachtlied“ von Goethe. Bei Claudius geht es nicht atemlos durch die Nacht wie bei der Schlagersängerin Helene Fischer, vielmehr lässt er einen ganz schön schlottern, mit seiner metaphysischen Unruhe: „Verschon uns, Gott! mit Strafen! / Und lass uns ruhig schlafen.“

Im Grunde denkt sich Claudius die Nacht als „Großes Kino für uns zwei“ wie Helene Fischer, nur dass die zwei bei ihm Gott und Mensch, wenn nicht sogar Gott und Menschheit sind: „Lass uns ruhig schlafen! / Und unseren kranken Nachbarn auch!“

Über 70 Vertonungen kennt das noch vor der Französischen Revolution entstandene „Abendlied“, die erste von Schubert, die bislang letzte von Herbert Grönemeyer. / Marc Reichwein, Die Welt