51. Lyrikpreis Feldkirch 2015

Einsendeschluss bis 10. April 2015

Ausschreibungen, Lyrikpreis – 1. Januar 2012 – 18:01 Theater am Saumarkt

Der Feldkircher Lyrikpreis wird im Jahr 2015 wiederum zu einem Thema ausgeschrieben. Dieses wird vom letztjährigen Preisträger Axel Görlach gestellt. Zur Teilnahme aufgerufen sind alle Autorinnen und Autoren, die sich in ihrer Lyrik mit diesem Thema/Motto/Bild auseinandersetzen wollen:

„fließen ihre schatten die fassaden entlang“

Die von einer Jury ausgewählten Texte werden anlässlich der

Langen Nacht der Lyrik
am Freitag, 6. November 2015 um 20.15 Uhr

im Theater am Saumarkt, Feldkirch

präsentiert.

50. Shall we have a debate?

Eine 17-Jährige hat mit einem Tweet eine Debatte über das Schulsystems [sic] in Deutschland ausgelöst. „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse [sic] schreiben. In 4 Sprachen“, schrieb „Naina“ am Samstag auf Twitter. „Niemand bringt uns bei, wie man später auf eigenen Beinen steht“, schreibt sie in einem anderen Tweet. Nun verlangt auch die ÖVP-nahe Schülerunion eine Änderung des Lehrplans in Österreich.

Nainas Tweet wurde bis Donnerstagmittag bereits mehr als 13.000-mal retweetet, 25.000 User haben die Aussage favorisiert. In Deutschland bezog am Mittwoch sogar Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) Stellung zu dem Tweet: „Ich finde es sehr positiv, dass Naina diese Debatte angestoßen hat. Ich bin dafür, in der Schule stärker Alltagsfähigkeiten zu vermitteln. Es bleibt aber wichtig, Gedichte zu lernen und zu interpretieren“, sagte sie. / Der Standard

49. Lyrik oder Wirtschaft

Mehr Wirtschaft in die Schule!

fordert der Wirtschaftsteil der FAZ:

„Ich hab keine Ahnung von Steuern oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen“: Eine Schülerin klagt darüber, dass sie in der Schule das falsche lernt. Sie hat Recht. / FAZ 13.01., von ALEXANDER ARMBRUSTER.

48. T.S. Eliot Prize für David Harsent

After four previous appearances on the shortlist for the TS Eliot prize for poetry, David Harsent has finally taken the honour for his 11th collection of poems, Fire Songs. He was described by the chair of the judging panel, the poet and novelist Helen Dunmore, as “a poet for dark and dangerous days”.

She added: “Fire Songs plumbs language and emotion with technical brilliance and prophetic power.”

Although Harsent, professor of creative writing at the University of Roehampton, who also worked extensively with the composer Sir Harrison Birtwistle, picked up a hat full of awards for earlier collections, including the Forward Prize for Legion in 2005, and Night in 2011 which won the Griffin Poetry Prize and was shortlisted for many other prizes, this was a particularly gratifying year to take the Oscar of his profession.

Not only was he competing against a particularly strong field, with seven previously shortlisted poets and three previous winners – John BurnsideMichael Longley and Hugo Williams – on the shortlist, the cash value of the prize was increased this year to £20,000 from £15,000 to mark the 50th anniversary this month of the death of TS Eliot.

When the prize was announced at a ceremony at the Wallace Collection gallery, there was good news for the other poets too – including two newcomers to the competition, Fiona Benson and Kevin Powers – as the runner up prizes have also been increased to £1,500 each. (…) / Maev Kennedy, The Guardian

47. Anticipated

anticipate v/t.
1. vor’ausempfinden, -sehen, -ahnen;
2. erwarten, erhoffen: anticipated profit voraussichtlicher Verdienst;
3. im Vor’aus tun od. erwŠähnen*, vor’wegnehmen; Ankunft beschleunigen; vor’auseilen (dat.);
4. jemandem od. einem Wunsch etc. zu’vorkommen;
5. einer Sache vorbauen, verhindern;
6. bsd. Wirtschaft vorzeitig bezahlen od. verbrauchen
© 2001 Langenscheidt KG, Berlin und MŸünchen; Internet-Wortschatz: © 2001 Langenscheidt KG, Berlin und MŸünchen und sueddeutsche.de GmbH, MŸünchen

The 10 Most Anticipated Poetry Books of 2015
By Jonathon Sturgeon on Jan 8, 2015 3:00pm (flavorwire)

i mean i dislike that fate that i was made to where, Uljana Wolf, Sophie Seita (trans.) (Fall, Wonder)

After finding myself inebriated-by-proxy by German poet Uljana Wolf’s False Friends, which is thoroughly drunk on language and translation (and the language of translation), I was thrilled to see that her manuscript won the 2014 Wonder Book Prize (judged by Rachel Levitsky) and will be published later this year. We desperately need more poetry like Wolf’s in the American scene.

Unter den anderen erhofften, vorgeahnten, vorausempfundenen (vielleicht sogar, warum nicht, in Vorkasse vorzeitig bezahlten?), aber jedenfalls nicht verhinderten Büchern sind:

  • Alone and Not Alone, Ron Padgett (May, Coffee House Press)
  • Black Cat Bone, John Burnside (July, Graywolf)
  • Breezeway, John Ashbery (May, Ecco)
  • Extracting the Stone of Madness, Alejandra Pizarnik, Yvette Siegert (trans.) (April, New Directions)
  • The Last Two Seconds, Mary Jo Bang (March, Graywolf)
  • From the New World: Poems 1976-2014, Jorie Graham (February, Ecco)
  • The Lost Lunar Baedeker: Poems of Mina Loy (January, FSG)

Über den hier zuletzt gelisteten Titel notiert Sturgeon:

“Is there anyone in America except you, [William Carlos Williams] and Mina Loy who can write anything of interest in verse?” Ezra Pound wrote to Marianne Moore in 1921. Alongside Melville House’s recent publication of her prose, the re-release of Loy’s poems — they’ve been out of print for almost 20 years — should further fuel her American resurgence.

*) Ich weiß nicht, ob das eine regionale Besonderheit ist: ich kann zwar auch vorausempfinden oder vorwegnehmen oder dies zumindest versuchen – aber im Voraus würde ich immer auf der ersten Silbe betonen (es sozusagen vorausposaunen).

46. Basler Lyrikpreis 2015 an José F. A. Oliver

Der Basler Lyrikpreis 2015 geht an den Dichter José F.A. Oliver. Er erhält den Preis für ein umfangreiches, beeindruckendes Werk, das traditionsbewusst und innovativ zugleich zwischen Sprachen und Kulturen pendelt. Die Preisverleihung findet im Rahmen des 12. Internationalen Lyrikfestivals am Samstag, 24. Januar 2015 um 18.30 Uhr im Literaturhaus Basel statt.

José F.A. Olivers Gedichte sind mehrstimmige Klangkörper, in denen Gedanken und Gefühle ineinander über- und aufgehen. Er bezeichnet dieses Moment als «gedankenfühle»: Es entsteht immer dann, wenn die Sprache das Verständnis transzendiert und das lyrische Ich im Wort, in der Wortwerdung, zu einer Identität findet, die jenseits aller Konventionen liegt. «José Oliver hat seine Poesie ganz tief in die deutsche Sprache eingeschrieben, eingegraben, ja, die deutsche Sprache mit ihr umgegraben», schrieb der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Harald Weinrich.

José F.A. Oliver wurde als Kind andalusischer Gastarbeiter 1961 in Hausach im Kinzigtal geboren. Nach dem Abitur studierte er in Freiburg im Breisgau Romanistik, Germanistik und Philosophie. Seit den Achtzigerjahren lebt er als freier Schriftsteller in seiner Heimatstadt Hausach, unterbrochen von Auslandsaufenthalten in der Schweiz, Spanien, Ägypten, Peru und den USA. Sein erster Lyrikband, der den programmatischen Titel «Auf-Bruch» trug, erschien 1987 im Verlag Das Arabische Buch. Ihm sind bislang vierzehn weitere Bücher gefolgt, zuletzt der Essayband «Mein andalusisches Schwarzwalddorf» (2007) und die Gedichtsammlung «fahrtenschreiber» (2010) – beide bei Suhrkamp – sowie das Lehrbuch «Lyrisches Schreiben im Unterricht: Vom Wort in die Verdichtung» (Klett/Kallmeyer, 2013). Letzteres basiert auf Olivers langjähriger Erfahrung im Unterrichten von Schreibwerkstätten, die er gemeinsam mit dem Literaturhaus Stuttgart für Schulen entwickelt hat. Für seine poetische Arbeit hat José F.A. Oliver bereits mehrere Preise erhalten, unter anderem den Adelbert-von-Chamissio-Preis (1997), den Kulturpreis von Baden-Württemberg (2007), den Thaddäus-Troll-Preis (2009). Oliver ist Kurator des 1998 von ihm ins Leben gerufenen und alljährlich stattfindenden Literaturfestivals Hausacher LeseLenz.

Mit dem Basler Lyrikpreis zeichnen Lyrikerinnen und Lyriker von der Basler Lyrikgruppe (dieses Jahr Rudolf Bussmann, Ingrid Fichtner, Wolfram Malte Fues, Rolf Hermann und Kathy Zarnegin) jährlich das Werk einer Kollegin oder eines Kollegen aus. Ausdrücklich belohnt werden sollen mit dem Preis die Innovationskraft und der Mut von Dichterinnen und Dichtern, gegen den Strom zu schwimmen. Er soll dazu beitragen, herausragende Stimmen einer breiteren Öffentlichkeit bekanntzumachen. Der Basler Lyrikpreis ist dank der freundlichen Unterstützung der GGG mit Fr. 10 000. – dotiert und wird einmal jährlich während des Internationalen Lyrikfestivals Basel verliehen.

Das Basler Lyrikfestival findet vom 23.- 25. Januar 2015 im Literaturhaus Basel statt. Neben Lesungen und Gesprächen mit Lyrikerinnen und Lyrikern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es Veranstaltungen zur rhythmisierten Prosa, Performances, Podiumsgespräche sowie Lyrikwerkstätten in Kooperation mit der Volkshochschule und regionalen Schulen. Zu Gast werden 2015 u.a. Marcel Beyer, Elke Erb, Zsuzsanna Gahse, Sylvia Geist, Jan Wagner, Dieter Zwicky und der Berner Mundartsänger King Pepe sein.

 

Träger des Basler Lyrikpreises

2015   José F. A. Oliver
2014   Anja Utler
2013   Elisabeth Wandeler-Deck
2012   Klaus Merz
2010   Werner Lutz
2009   Felix Philipp Ingold
2008   Kurt Aebli

45. Open poems

open mike der blog befragte Simone Kornappel, die den open poems-Workshop des open mike leitete. Auszug:

3. Hat sich der Umgang mit Sprache und Lyrik in den vergangenen Jahren stark verändert, gibt es neue Themen, Ansätze,  Lösungen?

Mich interessieren an Gedichten eher Probleme. Gedichte/Poetiken, die Lösungen ausschreiben sind mir ‘uncanny valley’. Und was den Umgang mit Sprache betrifft, allgemein nun, so verändert er sich in dem Maße, in dem sich die Welt aus Sprache verändert.

4. Was ist Dein Wunsch für Lyrik/Lyriker: mehr Förderung, mehr Aufmerksamkeit, mehr internationaler Austausch …? 

Schönerweise gibt es viele unterschiedliche Austauschprojekte und es entstehen immer wieder neue Formate. Ob nun Versschmuggelbabelsprech oder die Projekte CROWD und ¿comment! der Lettrétage, Kooperation zwischen Magazinen (wie u.a. dem Prager Magazin Psi Vino und der randnummer), Projekte, die Verbindungen herstellen oder offenlegen, beispielsweise zwischen Dichtung und Tanz wie just bei Bewegungsschreiber, zwischen Sprachen, zwischen Künsten, zwischen Medien (…). Und ich meine, dass es sich wirklich lohnt, mehr mit, als übereinander zu reden. Abgesehen davon wünschte ich mir mehr sontag’sche Lust innerhalb der Rezeption/Literaturkritik (bitte, danke).

44. Andere Wege der Literaturvermittlung in Europa

EU fördert mit Projekt CROWD die Entwicklung der freien Literaturszenen

Die Literaturszenen in Europa sind vielfältig und inspirierend zugleich. LiteraturaktivistInnen aus allen Ländern der EU in einen intensiven Austausch miteinander zu bringen und neue Wege der Publikumserschließung mit analogen und digitalen Mitteln zu gehen, sind die Kernziele des auf zwei Jahre angelegten Projekts CROWD (CReating Other Ways of Dissemination), welches nun bis November 2016 vom Programm CREATIVE EUROPE der Europäischen Union gefördert wird.

Im Mittelpunkt des einzigartigen Projekts steht dabei die Schaffung einer europäischen literarischen Öffentlichkeit.

CROWD ermöglicht persönliche Begegnungen und digitale Interaktion mit aktueller, im Entstehen begriffener Literatur jenseits des etablierten literarischen Kanons. CROWD will die verschiedensten Ideen von gegenwärtiger Literatur in Europa kennenlernen, gemeinsam weiterentwickeln und in den öffentlichen, europaweiten Diskurs bringen. Maßgebliche Unterstützung erhält CROWD von der Kulturstiftung des Bundes, dem Nordic Culture Point, dem Kultur- und Bildungsministerium von Zypern, dem Tourismusbüro Zyperns, dem österreichischen Bundeskanzleramt, dem Land Steiermark, Graz Kultur, außerdem dem Berliner Senat, der Hamburgischen Kulturstiftung und der Stiftung Preußische Seehandlung sowie europaweit von zahlreichen weiteren Förderern und Sponsoren.

Federführend in der Projektarbeit wird dabei das Berliner Literaturhaus Lettrétage sein, welches nicht zuletzt mit dem internationalen Festival SOUNDOUT! New Ways of Presenting Literature im vergangenen Jahr europaweit Aufmerksamkeit erregt hat. Kernzellen des ständig wachsenden CROWD-Netzwerks sind neben der Lettrétage die LiteraturaktivistInnen des FORUM STADTPARK (Österreich), von Nuoren Voiman Liitto (Finnland) und IDEOGRAMMA aus Zypern.

Das Projekt CROWD ist bis November 2016 in mehrere Phasen unterteilt, wobei eine Konferenz unabhängiger Literaturveranstalter den Auftakt bilden wird. Am 23. und 24. Januar 2015 werden in Berlin Grundfragen der Literaturvermittlung, der nationalen Kulturpolitiken ebenso verhandelt wie Ästhetiken und Finanzierungsmöglichkeiten von Veranstaltungen.

Die CROWD organisiert in den nächsten zwei Jahren außerdem ein Literaturfestival und die von Nord nach Süd führende europaweite Lese-Busreise OMNIBUS. Dabei reisen insgesamt über hundert Autoren innerhalb von drei Monaten von Finnland nach Zypern. Die Tour führt die Autoren in sowohl städtische als auch ländliche Regionen Europas. Durch Lesungen und Diskussionen entsteht ein intensiver Dialog zwischen den Autoren und dem Publikum vor Ort.

Darüber hinaus bietet die CROWD mit der 2016 startenden mobilen App AGORA sowohl dem Publikum als auch den LiteraturaktivistInnen die Möglichkeit, die europäischen Literaturszenen in ihrer Vielfalt zu erleben und mitzugestalten.

Berlin, 09.01.2015

http://crowd-literature.eu

Literaturhaus Lettrétage Veranstaltungen / Events Mehringdamm 61, 10961 Berlin Tel. +49 (0) 30 692 45 38
info@lettretage.de http://www.lettretage.de Deutsche Bank Kontonummer 859 33 11 00 BLZ 100700 24

 

43. Shakespeare-Rätsel

„Was man wissen muss, um Shakespeare zu verstehen“ – das hat bereits 1970 der US-Autor Isaac Asimov in seinem monumentalen zweibändigen Guide to Shakespeare zusammengetragen (1500 Seiten). Davon wiederum hat nun der Alexander-Verlag Berlin zwölf Essays zu den hierzulande am häufigsten aufgeführten Stücken in einem neuen, eigenen Band zugänglich gemacht. Eine Heldentat. Einem Pulk an jungen Übersetzerinnen und Übersetzern ist es gelungen, die pfiffige Sprache Asimovs so klar und direkt, wie es der Autor in all seinem Schreiben stets beabsichtigt hat, ins Deutsche zu übertragen. (…)

Und manchmal gibt selbst Asimov auf, dann heißt es einfach: „Wir werden es nie erfahren.“ Oder: „Uns kann das beim Lesen […], ehrlich gesagt, auch egal sein.“ / Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 7.1.

42. Einfluß

Wolfram Groddeck konzentriert sich auf Robert Walsers eigenartige Verlaine-Rezeption, die zwischen Abneigung und ironischer Distanznahme oszilliert. Ausgangspunkt ist die Episode, die Alfred Fankhauser, in den Zwanziger Jahren Sekretär des Schweizerischen Schriftstellervereins, zum Besten gibt. So soll er in alkoholisiertem Zustand Walser gestanden haben, mit seinen Versen sei er »der einzige deutsch dichtende Autor, der Verlaines Gedichte übertragen könne«, worauf Walser jäh auffuhr und ihn anbrüllte: »Verlaine, den alten Bock, soll ich übersetzen? Hab ich nötig, dem Burschen den Portier zu machen?« (S. 42)

In der folgenden Lektüre eines Mikrogrammgedichts aus dem Frühjahr 1925 verdeutlicht Groddeck, wie sehr man – trotz oder wegen der außergewöhnlichen Schriftfixierung der Forschung – in den Worten des anwesenden Lyrikers Urs Allemann das Gedichtete »hören muss« (S. 45): Der immer sechsmal anders ausgesprochene Namen »Verlaine« muss sich auf den Fluss »Seine«, auf »sehne«, auf »wähne«, auf »dehne«, auf »träne« und schließlich auf »meine« reimen. Im zweiten »Gedicht auf Verlaine«, das auf dem Mikrogrammblatt 501 entworfen wird, macht Groddeck anhand einer konzisen Rhythmusanalyse deutlich, wie sehr sich Walser von einem hohen Ton der Lyrik – wie man ihn beispielsweise bei Stefan Zweig vorfindet – distanziert, um sich aus einer anderen Richtung her kommend (oder spazierend) der sich zersetzenden Klanglichkeit auf »eine eigenwillige poetische Verwandtschaft« einzulassen (S. 56). (…)

Weitere Beiträge im Band konzentrieren sich vor allem auf die Übersetzertätigkeit der Dichter und deren Einfluss auf die eigene Dichtung: So zeigt Elisabetta Mengaldo die »Brecht-Funktion« bei Franco Fortini auf (S. 137 f.); Michael Gratz setzt die Dante-Rezeption in der (Ex‑)DDR in von der Larmoyanz eines Durs Grünbein ab; Theresia Prammer wiederum interessiert sich für Oswald Eggers Nachdichtungen der Verse des spanischen Mystikers Juan de la Cruz; Armin Schäfer geht den Rilke-Fehllektüren in William H. Gass’ Roman The Tunnel nach. (…)

Hans-Jost Frey zeigt auf, wie sich Franz Josef Czernin auf Dante bezieht. Die Trümmer der Vergangenheit werden vor allem in ihrer Struktur, in ihrer »Art des Gesagtseins« gesichtet (S. 91) und verweisen damit wieder auf sich selbst (S. 96). Dabei geht es weniger um die solipsistische Abschließung der Dichtung, sondern um ihre Öffnung zum Anderen – zu einer fremden und verfremdenden Sprache der Utopie, wie sie durch Mechthild von Magdeburg oder in Rudolf Borchardts Dante-Übersetzungen (S. 101) beschworen wird. Die Wortsubstanz kommt dadurch selbst unter die Lupe, indem Zusammensetzungen invertiert und kontaminiert werden. (…)

Oder in den Worten Hans-Jost Freys: »Alles schimmert schon immer. Das Nacheinander tritt hinter das Miteinander zurück. […] Die Zurückstellung des Linearen zugunsten des im Raum Gleichzeitigen schließt das Argumentative und Erzählende aus. Stattdessen gibt es punktuelle Textherde, die ausstrahlen […].« (S. 113) Das hier Beschriebene ist eine höchst musikalische Theorie der Polyphonie. Mit anderen Worten: Der hier vorliegende, wunderbare Band beinhaltet um einiges mehr, als er vorgibt zu beinhalten. Und das ist auch das Verdienst der beiden Herausgeberinnen.

/ Prof. Dr. Boris Previsic Mongelli, IASL Online

Boris Previsic Mongelli: Polyphone Bezugnahmen der Dichtung. (Rezension über: Uta Degner / Elisabetta Mengaldo [Hg.]: Der Dichter und sein Schatten. Emphatische Intertextualität in der modernen Lyrik. München: Wilhelm Fink 2013.)
In: IASLonline [01.01.2015]
URL: <http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=3853&gt;
Datum des Zugriffs: 13.01.2015

41. Jenny

Auch die zweite Ausgabe dieses Literaturmagazins, das ausschließlich auf Text setzt, ist – obwohl bilderlos – optisch äußerst schön geworden. Auch diesmal werden, geschrieben von Studenten des Instituts für Sprachkunst sowie Gästen, mit Prosa, Essay, Drama und Lyrik alle literarischen Genres abgedeckt. Auch Interviews – u. a. mit Dorothee Elmiger – sind enthalten. Jenny ist mehr als ein Anfang mit offenem Ende, es ist ein Auf- und Ausbruch. Besser als mit der Release-Lesung am Montag im Literaturhaus lässt sich eine Woche nicht beginnen. / steg, DER STANDARD, 10./11.1.

Jenny, die Zweite 12. 1., Literaturhaus Wien, 7., Seidengasse 13, 19.00

40. Kate Tempest

Tempest, bürgerlich Kate Esther Calvert, wurde in Großbritannien zuweilen schon als voice of a generation rezipiert, weil sie das Lebensgefühl der gehetzten und vernetzten jüngeren Altersklassen so gut spiegele. Sie hält davon nicht so viel, wie sie kürzlich im Gespräch am Rande eines Konzerts in Berlin sagte: „Ich versuche einfach, Kunst zu machen, an die ich glaube. Ich habe viel zu sagen, aber ich will nicht für andere sprechen. Die Leute brauchen mich nicht, um für sie zu sprechen.“ Sie redet in breitestem Cockney-Zungenschlag – genauso, wie sie auch rappt.

In „Hold Your Own“ erscheint Tempest nun noch mehr als in ihrer Musik als feministische Dichterin, als Lyrikerin der Postgender-Generation. Teiresias ist der Mythos, auf dem der Band beruht. In der Hesiod-Auslegung der griechischen Sage verwandelt sich die Figur Tereisias erst in eine Frau und dann wieder zurück in einen Mann. Tereisias soll daraufhin die Frage beantworten, welches Geschlecht die größere Lust beim Sex empfinde.

Für Tempests Adaption ist entscheidend, dass „Tiresias“ (engl.) die Körperlichkeit beider Geschlechter erfahren hat. Sie fügt nun der Narration einen Erzählstrang im Heute hinzu und schafft eine Figur, mit der sie männlich und weiblich konnotierte Verhaltensweisen gegenüberstellen kann. (…)

Manchmal klingt die Britin pathetisch (im ursprünglichen Sinne) – dann erinnert sie an Lyriker und Lyrikerinnen der Beatgeneration wie Allen Ginsberg oder Anne Waldman. Manchmal kommt sie ironischer daher wie in „These things I know“: „Don’t read women’s magazines / They’re bad for your stomach“, lautet eine der eingestreuten Lebensweisheiten.

(…) In Großbritannien hofft man ohnehin, sie könne der Lyrik einen Schub geben – für ihr Debüt „Brand New Ancients“ erhielt sie den für das Genre wichtigen Ted Hughes Award. Ins Deutsche übersetzt worden ist die Künstlerin, deren Sprachgefühl einem im Original geradezu entgegenspringt, noch nicht. / Jens Uthoff, taz

39. Bremen & Kampala

For the purpose of enhancing their positioning as regards producing quality work, six upcoming Ugandan and German writers from the two cities of Kampala and Bremen are this month co-operating on a programme that seeks to open up dialogue among them as writers from different geographical and cultural settings.

Titled Bremen & Kampala – Spaces of Transcultural Writing, the already underway project has the six upcoming writers discussing via Internet a wide array of issues regarding their writing experiences and the writing world in general.

On the side of their own writing experiences, the writers are exploring issues such as the differences and similarities in their approaches on storytelling, what it means to be living as writers in urban societies, how much their writing is influenced by place and society, where they write, the routines they follow, what inspires them.

While on the side of the wider literary world, the writers are exploring issues such as what concerns young writers today, what differences exist today in individual, social, and political attitudes towards writing.

The writers are Deborah Asiimwe, Ronald Ssegujja and Nyana Kakoma from Kampala; and Nikolas Hoppe, Nora Bossong and Jens Laloire from Bremen. / Daily Monitor

38. Kutti MC die letzte

Ein Brief:

Fünfzehn Jahre nachdem ich zum ersten mal als Kutti MC aufgetreten bin, zehn Jahre nachdem ich das erste von fünf Alben veröffentlicht habe, höre ich als Kutti MC auf.

Über siebzig Lieder in fünfzehn Jahren. Ich habe es geliebt als Kutti MC mit anderen Musikern auf der Bühne zu stehen, meine Songs zu spielen, die Tänze, den Freestyle-Wahnsinn. Ich bin sehr dankbar für die intensive Zeit mit euch. Ich habe viel Liebe, viel Unterstützung erfahren.

Was ich als Kutti MC erreichen konnte, habe ich erreicht; ohne sagen zu können, was dies wäre. – Jetzt ist es Zeit für einen Schnitt, als Künstler und als Mensch.

Es wird noch eine allerletzte Performance mit anschließendem Abschiedsfest geben und zwar am 1. Februar in Zürich. Und einen Kurzfilm. Mehr dazu ab Mittwoch auf kuttimc.ch. Wie weiter danach? Das kann ich noch nicht sagen. Zuerst werde ich alle Fenster öffnen und in die Welt hinausgehen. – Jedenfalls: Ich lebe für die Kunst und werde dies weiter tun.

Herzlichen Dank,
Jürg Halter

37. Antjie Krog erstmals auf Deutsch

Mit „Körper, beraubt“ ist jetzt der erste Gedichtband der Autorin Antjie Krog auf Deutsch erscheinen. Die aus einer Familie weißer Afrikaner stammende Lyrikerin ist eine maßgebliche Stimme des von der Apartheid befreiten Landes Südafrika.

Als die 1952 aus einer Familie weißer Afrikaner stammende Lyrikerin, Autorin und Journalistin Antjie Krog ab 1996 über die Arbeit der im gleichen Jahr von Nelson Mandela eingesetzten Wahrheits- und Versöhnungskommission zu berichten beginnt, wird sie rasch zur maßgeblichen Stimme des „neuen“, von der Apartheid befreiten Südafrika.

Um das unermessliche Leid, das nach und nach ans Tageslicht kommt, zu verarbeiten, hält sie die Geschichten der Opfer und Täter fest: 1998 erscheint „Country of my skull“, das berührende Dokument einer Nation, die um der Zukunft willen in den Spiegel der eigenen Vergangenheit zu blicken begann. Es folgten die Bände „A change of tongue“ (2003) und „Begging to be black“ (2009), letzterer eine luzide Reflexion über ihren eigenen Standort als Autorin in einer nun „schwarzen“ Gesellschaft, in der „Weiße“ wie sie bis zum Ende der Apartheit zur privilegierten Minderheit zählten. Kann man als Weiße „schwarz“ werden, so fragt sich Krog darin. Und: In welcher Sprache kann sie davon schreiben? Wie kann sie als Weiße wieder in Afrikaans schreiben – jener Sprache, die ihre Muttersprache ist, die aber zur Zeit der Apartheid zum Instrument der Unterwerfung verkommen war? (…)

Über die weibliche Menopause und die lose werdenden Glieder schreibt sie in teils wütenden, teils ironisch-zärtlichen Bildern. Angesichts eines Lebens inmitten unendlicher Gewalt und einer „brutalisierenden armut“ war und ist ihr Vorsatz: „ein feuriger zeuge zu bleiben“. Unverrückbarer Fixpunkt in dieser Bilanz sind zugleich die Landschaft und die Natur Südafrikas; den Tafelberg besingt sie in einem lautmalerischen Rondo, das wie kein anderes Gedicht in dieser Sammlung den stark oralen und performativen Charakter ihrer Lyrik hörbar macht. (…) / Claudia Kramatschek, DLR

Antjie Krog: „Körper, beraubt“
Aus dem Englischen und Afrikaans von Barbara Jung
Mit einem Nachwort von Marie Luise Knott
Reihe Spurensicherung/daad Berlin
Verlag Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2014
203 Seiten, 17,90 Euro