20. Zwischen Ann Cotten und Jerry Cotton

Unter den Ohrwürmern der modernen Dichtung ist Rainer Maria Rilkes erste „Duineser Elegie“ besonders hartnäckig. Auch wer kein Wort versteht, was es heißt, „nicht sehr verlässlich zu Hause“ zu sein „in der gedeuteten Welt“, dem fliegen bald Engel durchs Hirn, und hinter den Schläfen pocht das Schöne als des Schrecklichen Anfang. Eine Coverversion dieser fast zu Tode zitierten Verse ist weniger ein Sakrileg als finsterer Wahnsinn: Man kommt über die Erhabenheit des Urtexts nicht hinaus. So, wie es Gerhard Falkner in seinen „Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs“ anstellt, klingt es sogar gefährlich nach Germanistenfasching. Wenn er sein seit jeher schwer fassbares lyrisches Ich am Schlafittchen packt und fragt: „Wer, wenn nicht ich, hörte mich denn / aus der Enge der Ordnungen“, dann darf man auch keine besonders erhellende Antwort erwarten: „Einer in Bergblusen vielleicht / ein Bergblusenwunder“.

Blusen? Blumen? Busen? Falkner scheint keine Albernheit zu scheuen und bewohnt doch das entgegen gesetzte Ende eines Universums, in dem Robert Gernhardt einst Charles Baudelaire die „Fleurs du mal“ aus der Hand riss und ihnen die „Blusen des Böhmen“ ablauschte. Vielleicht ist ihm ein falscher Buchstabe in die Tastatur gerutscht, ein semantischer Störfaktor, der ihn daran hindert, sich in seinen eigenen Hervorbringungen zu entziffern, vielleicht ist ihm die Urteilsfähigkeit auch grundsätzlich abhanden gekommen. „Alles besitzt uneingeschränkte Relevanz“, behauptet er. „Der Unterschied / zwischen Curt Goetz und Rainald Goetz / zwischen Ann Cotten und Jerry Cotton / ist, genetisch gesehen, irrelevant. / Alles die gleiche Homöobox /das gleiche, trügerische Schillern von Aminosäuren / genetische Strickleitern, codierte Erblast.“ / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel 22.12.

Gerhard Falkner: Ignatien. Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ins Englische übertragen von Ann Cotten. Mit Filmstills von Yves Netzhammer. Starfruit Publications, Nürnberg 2014. 130 Seiten, 19,90 €.

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