87. Vermintes Feld

… hier kommt wirklich einmal zusammen, was zusammengehört. Insofern braucht man sich – wie im zitierten Fall – nicht zu wundern, wenn ein Sympathisant solcherart Textarbeit, der aus Güstrow stammende Dichter Bertram Reinecke, in seinem »Grußwort« zu diesem Band bemerkt: »Man könnte einwenden, es handele sich hier nicht um Sprachgebrauch, eher um Sprachverbrauch. Damit sind wir auf dem verminten Feld des politischen Gedichts angelangt.«

(…) von der manipulativen Funktion dieses »Sprachverbrauches« (B. Reinecke) einmal ganz abgesehen. / Wolfgang Gabler, Risse

Kramer/Mießner/Pohl/Schittko et al.: my degeneration. the very best of WHO IS WHO. Texte 2004-2013, Greifwald: freiraum-verlag, 134 S., 14,95 €.

86. Die „das Abendland untergehn lassen“ wollten

Am Anfang steht das A. Und am Ende das O. Zumindest im griechischen Alphabet. Und in dem Gedicht von Konrad Bayer, das lediglich aus „a“s und gelegentlich eingestreuten „o“s besteht. Lautmalerisch steht das Ensemble in Herbert Fritschs neuestem und möglicherweise letztem Streich an der Volksbühne auf der Showtreppe und artikuliert die Buchstaben. Das Publikum kann das Gedicht mitlesen, es wird auf auf die Rückwand des riesigen Bühnenraumes projiziert. Natürlich steht diese Nummer weder am Anfang noch am Ende dieser großartigen Sprachoper, die der Regisseur und Bühnenbildner Fritsch mit Musical-Elementen angereichert hat und deren Titel „der die mann“ ebenfalls einem Text von Bayer entnommen wurde.

Der Autor, leider ein mittlerweile weitgehend vergessener, gehörte dem sogenannten Wiener Kreis um H. C. Artmann und Gerhard Rühm an, einem Zirkel, der sich in den 50er- und frühen 60er-Jahren zu Recht in Dingen der Literatur für die Avantgarde hielt. Ihnen wurde „böswilligste Sprachzertrümmerung“ vorgeworfen, verschärft durch die „finstere Absicht, das Abendland endgültig untergehen zu lassen“, wie Ulrich Weinzierl vor 30 Jahren anlässlich des Erscheinens der „Sämtlichen Werke“ schrieb. Konrad Bayer konnte die kritischen Reaktionen auf sein Werkschaffen selbst nicht aushalten, bereits 1964 hatte er den Kopf in den Gasherd gesteckt, da war er nicht mal 32 Jahre alt. / Stefan Kirschner, Die Welt

85. Poesie soll die Nation versöhnen

Über Jahrhunderte haben die Dichter Sri Lankas die erstaunliche Naturschönheit der Insel besungen – und auch über die Konflikte gesprochen, die die Nation spalteten. Jetzt erwartet die Regierung von der Literatur, die Wunden eines brutalen Bürgerkrieges zu heilen.

Rajiva Wijesinha, neu ernannter Minister für Höhere Bildung, forderte die Universitäten des Landes auf, Lyrikprogramme zu organisieren, die zusammen mit Sport, Theater und Tanz die zum Großteil buddhistische Sinhala-Mehrheit und die großenteils hinduistische Tamil-Minderheit „zusammenzubringen“.

„Die Künste sind wichtig. Sie können  nur Teil breiterer Anstrengungen sein, aber sollten auch nicht geringgeschätzt werden. Es gibt nichts, das bewirkt, daß jeder glücklich wird, aber man kann das Leid und den Zorn mindern“, sagte Wijesinha, der kürzlich eine Anthologie mit Gedichten der beiden örtlichen Sprachen, Sinhala (Singhalesisch) und Tamil, in englischer Übersetzung veröffentlicht hat. / Jason Burke, Guardian

84. Poetopie

ja oder nein, zustimmen oder ablehnen, leben oder geldmachen – du, eingepfercht zwischen lauter Gegensätzen

Hansjürgen Bulkowski

83. Sitzen

Die Autorin beobachtet, im Zug sitzend (wo im übrigen etliche der Passagen des Bändchens entstanden sind), wie jedes passive sich bewegen lassen auch den Körper und das Körperinnere in Bewegungen versetzt, sie initiiert, etwa bei einer Neigung des Zuges in der Kurve. Und aus dieser oft ursächlich stillen Bewegung heraus entsteht auch Kunst. Was Martina Hefter uns zu schenken vermag, sind neue Denk- und Wahrnehmungsräume, wenn sie z.B. in Bezug auf die Sitzenden (wie sich selbst) formuliert: Viele haben eine schlechte Haltung im Sitzen. Man könnte sie zu sonderbaren Bewegungsmustern erweitern, in choreographische Anordnungen bringen. Ich sehe nur noch Menschen in Haltungen. Wirbelsäulen halbrund in den Sitz gepresst. Seitlich abgeknickte körperliche Denkweisen. (S. 22) Und es herrscht eine innerliche Anspannung, was passiert, wenn man sie anstupst. Die Beobachtung von Bewegungsabläufen mündet oft in wunderbare Zeilen: Nachdem ich gestürzt bin, bin ich erst richtig schön. Indem ich aufstehe, blühe ich. (S. 20).

Hefter ist es wichtig, sich beim Schreiben in die Rolle des Tänzers hineinzudenken, sich so durch und mit dem Text zu bewegen. Das Sensorium, das sie im Ballett-Tanz entwickelt hat, gilt ihr als Voraussetzung fürs Gedichtschreiben. Es geht ihr auch darum, Schreiben und die Figuren und Schritte des Ballett-Tanzes als theoretisches Konstrukt zu hinterfragen. Wie auch die Hierarchie des Geistes / Wortes über den Körper und dessen Möglichkeiten des Mitteilens, Sprechens, Zeigens. Es geht um eine Balance und einen Austausch zwischen verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten. Muss jegliche Theorie über das Tanzen, die Bühnenpraxis, Performances immer in Wörtern, in einer Sprache der Wörter verfertigt werden, fragt sie. Man könnte sie auch zeichnen oder als Performance darbringen … Mich erinnert diese Herangehensweise an die Begegnung mit dem Buch einer anderen Autorin, deren Schreiben ebenfalls eng mit dem Tanz verknüpft ist. 1989 lernte ich Judith Kuckart kennen, deren Band „Eine Tanzwut. Das TanzTheater Skoronel“ gerade bei s.fischer erschienen war. Darin wird das Konzept dieser freien Tanzcompany vorgestellt, das auf die Wiederherstellung der zerstückelten Einheit von Musik, Sprache und Bewegung, von Kunst und Lebenzielt, so der Herausgeber im Nachwort. Es enthält auch Tanzstücke der Autorin, Texte, die einerseits aus sehr intensiven choreographischen Beschreibungen, zum andern aus Versen bestehen, die von den Tänzerinnen und Tänzern gesprochen werden. In den „Lecture Performances“ von Phillip Gehmacher, auf die sich Martina Hefter (neben Arbeiten William Forsythes) in ihrem Essay wiederholt bezieht, poetologischer Vorträge in Bewegung, berühren sich möglicherweise die künstlerischen Ansätze beider Autorinnen wie die der Tanzprojekte selbst.  / Jayne-Ann Igel, Signaturen

Martina Hefter: Tanzen. Verschriftlichung einer Installation mit dem Titel „Tanzen, eine Vorratskammer“. Berlin (Verlagshaus J. Frank -Reihe poeticon 06) 2014. 48 Seiten. 7,90 Euro. 

82. Tanzen

Das Heftchen Hefters, das letztes Jahr in der von Asmus Trautsch herausgegebenen Reihe Edition Poeticon des Verlagshauses J. Frank erschienen ist – und es ist wirklich ein Heftchen, so klein und schlank, dass es ohne Probleme in jede Tasche gleiten und sich dann darin verlieren kann – dieses Heftchen also sollte jeder lesen, der allein schon bei dem Wort tanzen einen freudigen Satz in die Luft macht, ob nun in Gedanken oder mit dem ganzen Körper oder einem Teil davon. Und alle andern sollten es auch. Und da sind wir auch schon mittendrin, im Thema, im Tanz, im Text. „Tanzen“ gehört zu den Büchern, die als echter Dialogpartner und in diesem Fall noch dazu auch als Tanzpartner fungieren. Es ist, wie als stünde man „Tanzen“ gegenüber und es ließe sich einem entgegenfallen, im blinden Vertrauen darauf, dass man es auffängt. // Und das tut man gern. // „Tanzen“ ist ein Essay, der wieder einmal eindrücklich zeigt, wie wunderbar Theorie und Praxis stets auch zusammenfließen und zusammen fließen. Übers Tanzen – wie über die Musik – wird oft gesagt, darüber „könne man nicht sprechen“, man müsse es „tun, ausführen, praktizieren“. Dieser allzu oft und allzu schnell bemühte „Totschlag-Gedanke“ (der tatsächlich etwas von einem Pseudogedanken hat, denn in den wenigsten Fällen denkt derjenige, der ihn wieder einmal ausspricht, in dem Moment wirklich das, was er da sagt, oder denkt überhaupt irgendwie darüber nach, sondern wiederholt lediglich eine seit gefühlt ‚ewigen Zeiten‘ auf uns niederkommende und antrainierte Phrase), dieser „Totschlag-Gedanke“ begegnet einem also leider viel zu oft, ja eigentlich auf Schritt und Tritt. (Auf Schritt und Tritt? Wie fein: Verwandeln wir ihn also doch einfach in Tanz …)

Umso mehr kann man Martina Hefters „Vorratskammer“ an Gedankenbewegungen nur begrüßen. Ihr Text führt nämlich diese verkrustete „Idee“ einmal mehr ad absurdum. (…) / Schirin Nowrousian, Fixpoetry

Martina Hefter
Tanzen
Verschriftlichung einer Installation mit dem Titel »Tanzen, eine Vorratskammer«
Übersetzung: Asmus Trautsch
Verlagshaus J. Frank
2014 · 48 Seiten · 7,90 Euro
ISBN: 978-3-940249-72-2

81. Gestorben

Am 4.1. starb der okzitanische Dichter Yves Rouquette im Alter von 78 Jahren. Er veröffentlichte etwa 30 Gedichtbände, Romane und Theaterstücke und übersetzte Werke der französischen (Giono, Molière etc.) und italienischen Literatur ins Okzitanische. / culturebox

80. Nicht verloren

Serhij Zhadan, 1974 in Starobilsk/Gebiet Luhansk (Ukraine) geboren, ist der populärste ukrainische Lyriker seiner Generation. Er promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört zu den Akteuren der alternativen Kulturszene in Charkiw. Seit 1995 publizierter er zahlreiche Gedichtbände, seit 2003 auch Prosa. Im Frühjahr 2012 erschien die von ihm herausgegebene Anthologie „Totalniy Futbol. Eine polnisch-ukrainische Fußballreise“ im Suhrkamp Verlag.

In einem Beitrag bei ostpol zieht er seine Bilanz. Auszug:

Immer wieder bekomme ich zu hören: „Wenn du gewusst hättest, wie das alles ausgeht – wärst du dann im Herbst 2013 auf die Straße gegangen?“ – „Natürlich wäre ich auf die Straße gegangen“, antworte ich. (…)

Heute schlagen mir immer öfter defätistische Stimmungen entgegen: Wofür die ganzen Opfer gut gewesen seien? Ob es das wert gewesen sei? Was hätten die Ukrainer für die Revolution bekommen? Die einen Oligarchen wurden von den anderen abgelöst, Reformen werden nicht durchgeführt, die Wirtschaft ist kaum lebensfähig, und das Allerschlimmste kommt noch hinzu: der Krieg. Ein Krieg, der real stattfindet und inzwischen ausnahmslos alle betrifft.

Man mag sich in solchen Fällen fragen, ob man Janukowitsch und sein Gefolge nicht besser hätte ertragen sollen? Dann hätte es wenigstens keine Toten gegeben. Meistens wird eine solche Sicht vorsätzlich in den Informations- und Kommunikationsraum in Umlauf gebracht, sie ist Teil jenes endlosen und zermürbenden Informationskrieges, in den wir alle hineingezogen worden sind. Natürlich gibt es in Informationskriegen keine Toten und Gefangenen, aber am Ende steht man trotzdem mit Verlusten da.

Man versucht uns von der Sinnlosigkeit dessen zu überzeugen, wofür wir einstehen. Man versucht uns taktvoll und diskret davon zu überzeugen, dass unsere Bemühungen, wichtige und prinzipielle Dinge zu verteidigen, naiv seien. Man raunt uns zu: Für euch ist alles schon entschieden, alles ist schon gekauft, verkauft und wieder gekauft worden. Veränderungen haben doch überhaupt keinen Sinn. Und Veränderungen sind auch gar nicht möglich – alles wird so werden, wie es jene wollen, die kaufen, verkaufen und wieder kaufen. Man hat euch alle wieder einmal nur benutzt. Und ihr glaubt das alles nur nicht, weil man euch höchst professionell benutzt hat. Erst durch uns werden euch die Augen geöffnet, weil wir auf die ganze Sinnlosigkeit und Perspektivlosigkeit eurer Hoffnungen und Wunschträume hinweisen.

(…)

Die Ukraine zahlt heute tatsächlich einen sehr hohen Preis für ihr Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung. Sie zahlt es täglich: mit dem Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger, mit abgebrannten Städten, mit Hunderten Flüchtlingen und Dutzenden Verletzten. Ich weiß nicht, was die Ukrainer Ende November 2013 gesagt hätten, wenn sie gewusst hätten, dass alles mit russischen Panzerkolonnen im Donbass enden wird – wären sie dann demonstrieren gegangen oder hätten sie zu Hause auf die nächsten Präsidentsschaftswahlen gewartet?

Etwas sagt mir, dass sie demonstrieren gegangen wären. Denn hinter der Ablehnung eines Weiterlebens in einem postsowjetischen, durch und durch korrupten und überholten Staatssystem hat nicht das US-amerikanische Außenministerium gestanden, und es kann auch niemals dahinter stehen, und es gibt auch keine Verschwörung gegen Russland.

Die Ukrainer waren vor einem Jahr mehrheitlich der Meinung und sie sind es noch jetzt: Sie haben das Recht, ihre Zukunft, die Zukunft ihrer Kinder und ihres Landes selbst zu bestimmen. Und für meine Kinder und mein Land zu kämpfen hat immer einen Sinn. Sogar, wenn es sehr schwer ist. Sogar, wenn der Kampf ein sehr langer zu werden scheint. Sogar, wenn man versucht, mich davon zu überzeugen, dass es keinen Sinn hätte zu kämpfen. Wie sagte Brecht? „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Deshalb hat die Ukraine nicht verloren.

Übersetzung aus dem Russischen: Anna Burck

79. Gestorben

Der am Dienstag, 17. Februar, in Berlin gestorbene algerische Dichter Malek Alloula wird in Oran, der Stadt in der er aufwuchs, begraben werden. Er war der Autor von zehn Gedichtbänden und Romanen, die in Frankreich und im Maghreb erschienen.

Der Dichter, Kritiker und Essayist französischer Sprache, 77, weilte in Berlin zu einem Schreibaufenthalt. Er war der Bruder des Dramatikers und Schauspielers Abdelkader Alloula, der 1994 von Islamisten ermordet worden war. Malek Alloula war auch einmal  mit der Schriftstellerin Assia Djebar verheiratet, die am 6. Februar gestorben war. / Africa Top Success

78. Der Dichter L.F.

«Der Schriftsteller L. F. konnte in der Stunde bis zu 7 Seiten Schreibmaschine schreiben, bis zu 30 Zeilen schriftstellern und bis zu vier Zeilen dichten. Während der Stunde Dichtens nahm er um 325 Gramm ab.» *

«Sie fragen wörtlich: „Gestatten Sie mir eine blöde Frage: Dichten Sie also mit der Maschine?“ Gestatten Sie mir eine blöde Antwort: Ja.»

*) Lion Feuchtwanger über Lion Feuchtwanger

77. Mein erster Verlag

Nachdem mir Erika Burkart, der ich meine Gedichte des 18-, 19-, 20- und 21-Jährigen immer wieder vorbeigebracht hatte, mit dem kurzen Satz «Du bist ein Dichter» sozusagen den Ritterschlag verpasste und ich – wie die kleine Maus Frederick im Kinderbuch von Leo Lionni – zart errötete, stiess ich etwas verdattert noch, nein, dirigierte mich die Dichterin kurzerhand zum St. Galler Tschudy-Verlag, wo Traugott Vogel, ein erfahrener und passionierter Mann des Wortes, seine Bogenreihe betreute. Robert Walser, Ludwig Hohl, Jörg Steiner, Hans Boesch oder Jürg Schubiger, Gertrud Wilker und Erika Burkart selber hatten unter vielen anderen hier schon publiziert oder debütiert. Ich war fast ein wenig stolz.

Wir lektorierten an einem Nordfenster im «Odeon». Noch war ich nicht im hiesigen Literaturbetrieb, aber immerhin schon am Zürcher Bellevue angekommen. / Klaus Merz, NZZ

76. Sprache muss «arm» und «roh» gemacht werden

Einer Anregung des Genfer Verlegers Albert Skira folgend, begab sich Henri Michaux (1899–1984), französischer Dichter und Maler belgischer Herkunft, in seinen späten Jahren auf die «Wege der Schöpfung» und legte 1972 in der gleichnamigen Buchreihe – «Les sentiers de la création» – einen reich illustrierten Band vor, der nun seit kurzem auch in deutscher Sprache greifbar ist. Unter dem Titel «Zeichen Köpfe Gesten» führt die exzellent gestaltete, in Format und Layout deutlich von der Originalvorlage sich abhebende Edition eine lockere Textsequenz mit einer dichten Bilderstrecke zusammen und dokumentiert damit das Schaffen eines Autors, der zu den herausragenden künstlerischen Doppelbegabungen des vergangenen Jahrhunderts gehört. (…)

Der vorliegende Band kann gleichermassen als privater Werkstattbericht und als poetischer Essay zu Fragen und Phänomenen künstlerischen Schaffens gelten. Schaffen, Schöpfung – die im Kunstdiskurs weithin obsolet gewordenen Begriffe bewahren bei Michaux ihre ursprüngliche Bedeutung, bleiben gebunden an die Wunschvorstellung, aus nichts – oder jedenfalls aus so wenig wie möglich – komplexe Werke entstehen zu lassen. In der Bildkunst scheint das eher zu gelingen als vermittels der Sprache, die immer schon mit Bedeutung aufgeladen ist und der es generell, meint Michaux, an «Rustizität» mangelt: «In der Malerei findet sich das Primitive, das Ursprüngliche leichter.»

Voraussetzung für solch unwillkürliches Schöpfertum ist der äusserst schwierige Verzicht auf Konzepte und Entwürfe wie auch die Abwehr von Vorbildern und Einflüssen. Der Gestaltungsprozess vollzieht sich «ohne Korrekturen, ohne Überarbeitung, ohne darauf zurückkommen, ohne retouchieren zu müssen. Auf Anhieb da.» Diesen schöpferischen Nullpunkt glaubte Henri Michaux durch Drogenkonsum erreichen zu können, und aus ihm hoffte er den Grundimpuls für seine Wort- und Bildkunst zu gewinnen. Nicht ums Machen und Bewirken ging es ihm, wie es die klassische Moderne und an deren Ausgang Paul Valéry gefordert hatten, vielmehr darum, das Werk geschehen, kommen, aufgehen zu lassen – es eher zu ermöglichen als zu verwirklichen. Darauf hebt auch der Originaltitel des Buchs ab: «Emergences Résurgences», was man mit «Heraufkünfte Wiederkünfte» übersetzen könnte. Dass die deutsche Ausgabe nun unter einem ganz andern, viel zu konkret gefassten (wenn auch sicherlich eingängigeren) Titel erscheint, lässt sich sachlich kaum begründen und ist ebenso zu bedauern wie die eine und andere Ungereimtheit im Text.

(…)

Die konventionelle, der Mitteilung, der Belehrung, der Unterhaltung dienende Sprache muss «arm» und «roh» gemacht werden, damit sich ihre Bedeutungsschwere – «vergiftetes Geschenk»! – relativieren kann. Poesie erfordert originären Spracheinsatz; er ist, so lautet das Fazit bei Michaux, nur im Gegenzug zur Gebrauchssprache zu erbringen. Von diesem stetigen Gegenzug ist auch der vorliegende Text deutlich geprägt – seine Inkohärenz und sein partiell delirierender Stil erschweren das Verständnis, doch das so entstehende Defizit wird umso wirkungsvoller von den zahlreich eingestreuten Bildern ausgeglichen. / Felix Philipp Ingold, NZZ

Henri Michaux: Zeichen Köpfe Gesten. Aus dem Französischen und mit einer Nachbemerkung von Helmut Mayer. Piet-Meyer-Verlag, Bern 2014. 140 S., 80 Abb., Fr. 59.90.

75. Neu zu entdecken – der russische Wort- und Schriftkünstler Iljazd

Von Felix Philipp Ingold

Noch eine Entdeckung aus dem Fundus der russischen Moderne: Beim Moskauer Verlag Hylaea sind zum Jahreswechsel die theoretischen Schriften sowie private Korrespondenzen des futuristischen Wort- und Schriftkünstlers Ilja Sdanewitsch (Зданевич) in zwei exzellent edierten Bänden erschienen.* ‒ Sdanewitsch, der sich unter diversen Pseudonymen (ab 1923 definitiv: „Iljazd“) als einer der radikalsten und konsequentesten Protagonisten der vorrevolutionären russischen Avantgarde hervorgetan hat, wurde 1894 im Kaukasus geboren, lebte ab 1911 in Petersburg und Moskau, wo er sich an vorderster Front – neben dem Dichter Majakowskij und dem Maler Larionow ‒ mit zahlreichen Manifesten und öffentlichen Auftritten für die damals aktuellen „Kunstismen“ einsetzte (Kubofuturismus, Neoprimitivismus, Centrifuga, „Totalismus“), bis er im Herbst 1917 in den Kaukasus zurückkehrte, um dort (zusammen mit Aleksej Krutschonych, Igor Terentjew und seinem Bruder Kirill Sdanewitsch) unter der Bezeichnung 41° eine weitgehend selbständige Filiale aktueller Avantgardekunst zu eröffnen – mit Ausstellungen, Performances und mit der Publikation von Büchern und Zeitschriften.

Ende 1921 übersiedelte Sdanewitsch nach Paris, wo er als Typograph und Designer eine zweite Karriere begann und mit führenden Zeitgenossen wie Picasso, Braque, Giacometti, aber auch Eluard und Coco Chanel zusammenarbeitete. Erst im Exil entstand sein eigenständiges, literarisch relevantes Werk, bestehend aus „hintersinnigen“ schriftkünstlerischen Kompositionen („LidantJu fAram“, 1923) sowie diversen Lyrik- und Prosabänden (u.a. dem Roman „Begeisterung“, 1927). Erfolgreich betätigte sich Iljazd auch als Verleger und Herausgeber; mit dem französischen Sammelwerk „Die Poesie unbekannter Wörter“ (1949) knüpfte er noch einmal an die Unsinnspoesie der 1910er und 1920er Jahre an.

Heute ist der 1975 verstorbene „totalistische“ Künstler nur noch einem kleinen elitären Publikum bekannt. Die nun vorliegende Edition seiner theoretischen Schriften (darunter sein aufschlussreicher Briefwechsel mit Filippo Tommaso Marinetti, 1912-1914) macht aber deutlich, dass Sdanewitsch-Iljazd keineswegs im Elfenbeinturm verharrte, dass er vielmehr zu den ersten europäischen Kunstschaffenden gehörte, die den öffentlichen Raum als Auditorium für ihre performativen Auftritte nutzbar machten. ‒ Im deutschen Sprachbereich kennt man Iljazd bestenfalls als Schrift- und Buchgestalter; als Wortkünstler und Dichtungstheoretiker ist er noch zu entdecken.

*) Илья Зданевич (Ильязд), „Футуризм и всечество“ (Futurismus und Totalismus), I-II, Гилея: Москва 2014; in Deutschland zu beziehen durch Kubon & Sagner Books, München.

74. Münchner Vernetzung

[Juan Andrés] García Román wohnt derzeit für zwei Monate als Stipendiat der Villa Waldberta in Feldafing; das Instituto Cervantes hilft ihm dabei, sich mit der Münchner Literatur-Szene zu vernetzen. Nach jenem ersten Abend mit Marquardt wird der spanische Lyriker in dieser Woche auch noch auf einen Altmeister der Dichtkunst treffen: Mit Tausendsassa Michael Krüger wird er über „die Verständigung zwischen Worten und Zeilen“ sprechen. Das hat einen tieferen Sinn, denn García Román hat einen Gedichtband Krügers ins Spanische übersetzt, wie zuvor bereits Lyrik von Rilke und Hölderlin bis zu Arne Rautenberg.

Außerdem schreibt García Román selbst Gedichte, die ihm in seiner Heimat bereits den Ruf eingebracht haben, einen frischen Wind in die neuere spanische Lyrik zu bringen; seine Poesie gehe, so schrieb ein Schriftstellerkollege, „eine Ehe zwischen elegischem Bewusstsein und Surrealismus“ ein. Etwas heruntergebrochen bedeutet dies wohl, dass man nicht alles, was der junge Dichter schreibt, unmittelbar versteht, dass es aber irgendwie gut klingt. Und das ist ja schon einmal keine schlechte Voraussetzung für Erfolg.

García Román jedenfalls erzählt im Gespräch mit Marquardt, dass er zu Beginn seines Schreibens noch eine Art „Gesamtkunstwerk“ im Sinn hatte. Inzwischen ist er etwas abgeklärter, von der Moderne in vielerlei Hinsicht enttäuscht. Hierin trifft er sich mit Marquardt, der dem Wort und der Bedeutung misstraut und – zum Beispiel im Band „Das amortisiert sich nicht“ – bewusst Texte schreibt, „die nach Gedichten aussehen, aber nicht den Regeln folgen“; Texte, in denen der visuelle Aspekt, die Anordnung der Worte in Blöcken, genauso wichtig ist wie der Klang.

Sind sich die beiden Dichter in ihrem Versuch, ihre Texte gegenseitig zu deuten, noch einigermaßen einig, liegen sie in ihrer Einschätzung der jeweiligen Literaturszene jedoch weit auseinander. García Román ist höchst pessimistisch, was die Lage der Gegenwartslyrik angeht – Tristan Marquardt dagegen ist sehr optimistisch. „In Spanien liest wegen der Krise keiner mehr“, beklagt García Román; die Lyriker, der wichtigen Unterstützung des Staates beraubt, seien sozusagen „Waisen“. Außerdem liege alle Macht in den Händen der heute 50- bis 60-Jährigen; die junge Generation begehre zwar dagegen auf, habe jedoch intellektuell selbst nicht viel zu bieten.

Dem kann Marquardt einiges an Hoffnung entgegensetzen. In den Neunzigerjahren habe es die Lyrik hierzulande ebenfalls schwer gehabt, erzählt er, die heutige Generation mittleren Alters habe alles selbst in die Hand nehmen müssen. Von denen hätten Nachwuchs-Lyriker wie er gelernt: „Es gibt viel, was du machen kannst, du musst es nur selbst machen!“ Deshalb warten er und seine Kollegen auch nicht lange auf einen Staat oder andere Institutionen, sondern handeln. Und, das ist das Neueste daran, sie handeln sogar in München. Bisher habe gegolten, dass 90Prozent der publizierenden Lyriker in Berlin leben, sagt Marquart, weitere fünf Prozent in Leipzig und fünf im restlichen Deutschland. Da sich in Berlin inzwischen alle Kreativen gegenseitig auf die Füße treten, geht der Trend jedoch allmählich wieder in die Richtung ebenjener Städte, die der in Granada lebende García Román unvorsichtigerweise „Provinz“ nennt. / Antje Weber, Süddeutsche 19.2. (München, S. 60)

(…)

Lyrikgespräch: Juan Andrés García Román und Michael Krüger, Fr., 20. Feb., 19.30 Uhr, Instituto Cervantes, Alfons-Goppel-Str. 7; Was kann eine junge Lyrik-Bühne?, Sa., 21. Feb., 20 Uhr, Lyrik Kabinett, Amalienstr. 83a

73. Zweimal Anne Carson

Sie gilt in den USA und Kanada seit Jahren als eine der wichtigsten Dichterinnen. Anne Carson ist Professorin für klassische Philologie, geehrt mit den wichtigsten Auszeichnungen für Poesie. Nun gibt es gleich zwei Neuübersetzungen von ihr in deutscher Sprache.

Anja Kampmann bespricht sie für den Deutschlandfunk (17.2.). Auszug:

Stärker als in der „Anthropologie des Wassers“ spielt Carson in „Decreation“ Zitate ein, von Aristoteles über Homer, Kant und Keats, was sie selbst als „Gaunerei“ bezeichnet, als „Aussaugen von einem Stück Orange, das einem nicht gehört“. Es geht ihr jedoch vor allem um eine Dokumentationstechnik die den Leser elektrisieren und in Bewegung versetzen soll.

Vor allem der titelgebende Essay „Decreation“ ist eine eigentümliche Erkundung der Geisteswelt dreier Frauen, die Carson in der „Zone absoluten spirituellen Wagnisses“ wähnt; Sappho, die erste unter ihnen, führt die Autorin zu der Frage, welches Wagnis die Liebe vom Selbst verlangt. Es sei dies das Wagnis, „sich selbst zurückzulassen, in die Armut einzutreten“ so Carson.

In der Mystikerin Margerete Porete, die 1310 bei Paris lebendig verbrannt wird, findet sie ein ähnliches Verlangen. Sie hatte in einem Buch die Stufen der Liebe zu Gott beschrieben, bis zur Auflösung der Seele in „ihr Nichts“. Auch hier beschäftigt Carson das „Verlassen der eigenen Mitte“ als aktiver Prozess. In Simone Weil begegnet ihr zudem eine Frau, die „sich selbst aus dem Weg schaffen wollte“. Von ihr entlehnt sie den Begriff der Décréation, was als Prozess der „Rückschöpfung“ übersetzt werden kann; Simone Weil will sich, Zitat, „aus ihrer eigenen Seele zurückziehen“. (…)

In „Décréation“ schafft der Essay die Voraussetzung für den szenischen Teil, eine Oper in drei Akten. Beides greift – nicht nahtlos, aber doch mit großem Zugewinn für den Leser, ineinander über. Allerdings muss die Übersetzerin wie in „Ode an den Schlaf“ das Assoziationsnetz, das bei Carson oft um ein einziges Wort kreist, notwendig beschneiden. Insofern kann man Anja Utler, die viele gute Lösungen gefunden hat, diese Entscheidungen nicht vorhalten, kann sich aber dennoch – in einer so aufwendigen Ausgabe – den englischen Originaltext zur Hand wünschen.

Anne Carson
„Anthropologie des Wassers“,  (Matthes und Seitz, Übersetzung Marie Luise Knott, 130 Seiten, 19,90 Euro
„Decreation“, Fischer Verlag, Übersetzung Anja Utler, 250 Seiten, 24,99 Euro