Jukebox für Gedichte

Über den Prager Platz Naměstí Míru schallt die Stimme von Egon Bondy. Sie kommt aus dem ersten „Poesiomaten der Welt“. Seit dieser Woche befindet er sich direkt vor der Kirche der Heiligen Ludmilla. Bondy spricht aus einem unauffälligen grauen Rohr – es sieht aus wie das Periskop eines U-Boots. 20 Gedichte stehen zur Auswahl. Darunter tschechische Klassiker wie Jaroslav Seifert und Vladimír Holan, Underground-Ikonen wie Bondy oder Ivan Martin Jirous und auch Nachwuchspoeten wie Marek Šindelka. Alle lesen ihre Gedichte selbst. Entweder sind es Originalaufnahmen des Tschechischen Rundfunks, oder eigens eingesprochene Texte der zeitgenössischen Künstler. Wie kam es nach Klavieren, Schach nun zur Dichtkunst im öffentlichen Raum? Ondřej Kobza:

„Ich habe mir die etwas seltsame Frage gestellt, was man denn nach den Klavieren noch so alles aufstellen könnte. Ist das nicht eine seltsame Frage: was könnte man nur aufstellen? Und da ist uns dann eben diese Jukebox für Poesie eingefallen. Ich lese sehr gerne Gedichte laut unter freiem Himmel. Man nimmt das ganz anders auf, wenn ein Vogel vorbeifliegt, wenn es leicht nieselt und die Kirchenglocken läuten. Die Worte dringen auf einmal auf eine ganz andere Weise auf den Menschen ein.“

Im Laufe des Jahres sollen nun weitere Poesiomaten in ganz Tschechien dazukommen. Das sprechende Periskop wird auch ins Ausland exportiert. Für Kiew läuft die Deadline, dort hat das tschechische Zentrum einen Gedicht-Automaten bestellt. Mit New York gab es schon Verhandlungen. / Radio Prag

Frühling der Dichter

PJ523_LOGO PDP-2coul-petitZum 17. Mal findet vom 7.-22.3. das Festival „Dichterfrühling“ (Le Printemps des poètes) mit zahlreichen Veranstaltungen in ganz Frankreich statt. Thema in diesem Jahr: „Der poetische Aufstand“. Das Plakat trägt den Kopf des jungen Majakowski und ein Zitat aus der Anthologie de la poésie russe, traduction de Katia Granoff, Gallimard, 1926.

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Die Comedie Française ehrt den vor 70 Jahren in Theresienstadt ums Leben gekommenen Dichter Robert Desnos. Desnos wurde am 22.2. 1944 verhaftet und nach Buchenwald, Flossenbürg und dann Theresienstadt verschleppt, wo er 4 Wochen nach Kriegsende am 8.6. an Krankheit und Erschöpfung starb, er war erst 44 Jahre alt. Im Théâtre du Vieux-Colombier tragen am 10.3. um 12 Uhr Stéphane Varupenne, Suliane Brahim, Jérémy Lopez und Claire de La Rüe du Can Texte und Chansons vor. Auch in Lyon, Villeurbanne und Montpellier gibt es Veranstaltungen über den Dichter.

Ab 20.3. findet in Paris der Salon du Livre statt, Ehrengast ist in diesem Jahr Brasilien. Der brasilianische Dichter Max de Carvalho stellt sein Buch Poésie du Brésil vor, die erste Anthologie in französischer Sprache, die 5 Jahrhunderte brasilianischer Dichtung von indianischen Mythen bis zu vor 1940 geborenen Dichtern versammelt.

Auch in anderen Ländern gibt es Ableger des Festivals. In Luxemburg lesen am 17.3. beim zweiten „Printemps poétique transfrontalier“ Norbert Lange (Deutschland), Alain Dantinne (Belgien), Fabienne Jacob (Frankreich) und Lambert Schlechter (Luxemburg).

Hier gibt es bibliographische Hinweise zu diesem und früheren Themen

Kölner Lyriker Rolf Persch †

Am Donnerstag ist der Autor Rolf Persch im Alter von 65 Jahren gestorben. Aus dem Nachruf von Norbert Hummelt beim Kölner Stadtanzeiger:

Seine Gedichte erschienen seit 1988 im Handpressendruck in der von Richard Müller in Köln-Nippes betriebenen edition fundamental; seit 1998 fertigte Persch monatlich auf der mechanischen Schreibmaschine unter Verwendung von Kohlepapier ein Gedicht, das er einem exklusiven Kreis von Abonnenten samt Durchschlag, getackert und signiert, persönlich zustellte – und im privaten Ambiente laut vortrug.

Ein echtes Privileg, denn mit seinem präzisen, lakonischen Sprechgesang konnte Rolf Persch mühelos große Säle unterhalten. Seine Lesungen waren legendär, vorwiegend zu erleben im Kölner Raum, aber auch bei internationalen Festivals wie dem Steirischen Herbst. Geschult war seine Stimme, waren seine Gedichte an Ernst Jandl, aber Einfallsreichtum und persönliche Originalität gaben ihnen ein eigenes Gepräge; den sprachlichen Spieltrieb hat er mit Klarheit und Strenge stets an der kurzen Leine geführt und so eine Vielzahl prägnanter, zeitloser Gebilde geschaffen.

Lieferbare Bücher: „von möglichkeiten“ und „spüler im rausch“, erschienen in der Lyrikedition 2000.

In der Lyrikzeitung: https://lyrikzeitung.com/tag/rolf-persch/

Wo gute Lyrik auf …

guten Wein trifft, gehts dann wieder. Mehr

Robert Kelly

Wer Robert Kelly kennenlernen will, muss Umwege auf sich nehmen. Entweder muss er den Weg von New York ins das Städtchen Annandale-on-Hudson finden, das gute anderthalb Stunden Zugfahrt von der Großstadt entfernt ist. Oder er muss sich über englische Verse beugen. Seit vier Jahrzehnten ist der Lyriker Robert Kelly eine Größe im amerikanischen Literaturbetrieb, jedenfalls wenn man nach den üblichen Maßeinheiten urteilt: Kelly hat mehr als 40 Lyrikbände veröffentlicht, ferner Romane, Theaterstücke und Essays; er hat Literaturzeitschriften gegründet, an den großen Universitäten des Landes unterrichtet und er wurde für seine Verdienste von der American Academy of Arts and Letters ausgezeichnet. Und doch findet man in deutscher Übersetzung von Kelly kaum mehr, als einen Band mit Kurzgeschichten, „Schlaflose Schönheit“, (Residenz-Verlag, 1996).

Von dieser Seite des Atlantiks gesehen, ist Kelly Amerikas größter, lebender, unbekannter Dichter. Ein Zustand, der nachdenklich stimmt, da er einen Universalisten und Kulturvermittler trifft. Der 65jährige Kelly spricht sehr gut Deutsch und hat ins Italienische und Französische übersetzt. (…)

Trotz der Ruhe des Lehrberufs sieht Kelly sich als engagierten Schriftsteller, als „Poète engagée“. Die literarischen Moden der Sechziger und Siebziger hat er ausgelassen. Doch er hegt Vorbehalte gegenüber dem amerikanischen Kulturbetrieb: „Wenn die Duke Ellington ins Weiße Haus einladen, halten sie das für experimentell.“ Und er wundert sich darüber, dass so viele europäische Intellektuelle, die Gen-Food und McDonalds kritisieren, den amerikanischen Kulturexport „fraglos“ schluckten: „Das ist, als protestiere man gegen die Nazis und liest nichts außer Jünger.“ Seine Gedichte verbreitet Kelly seit Jahrzehnten nach Graswurzelmanier, preiswert und schmucklos bei „Black Sparrow Press“. Wer in seinen Anthologien „Red Actions“ (1995) und „The Time of Voice“ (1998) stöbert, findet einen Traditionalisten im Wandel. / Tanya Louise Lieske

Tag der vietnamesischen Poesie

Der 13. Tag der vietnamesischen Poesie wurde am 5.3. im „Tempel der Literatur“  (Van Mieu) in Hanoi und an 100 Orten im ganzen Land begangen. In Hanoi beteiligten sich 150 Dichter und Übersetzer aus 43 Ländern.  Der Festtag stand in diesem Jahr unter dem Motto „Sich den Gewässern und den Inseln des Vaterlands zuwenden“. / vietnamplus

In der Provinz Bac Ninh, in Hanoi und an anderen Orten findet vom 1.-7.3. das 2. Festival der Lyrik des pazifischen Asiens statt. 200 Autoren und Übersetzer aus Vietnam und 43 „Ländern und Territorien“ beteiligen sich. / vietnamplus

Eröffnet wird das Festival vom Staatspräsidenten Truong Tân San (hier ein Gruppenfoto im Kreis der Teilnehmer, zumindest einiger – diese Quelle berichtet von 650 Teilnehmern insgesamt).

Verlaine

»Philippe Jaroussky: Das war mein ‚geheimer Garten‘, vielleicht erstaunlich für einen Countertenor.«

In diesem Garten gedeihen Gedichte. Jaroussky singt sie. Gedichte von Paul Verlaine, dem Skandalpoeten der Franzosen. Der lebte Ende des 19.Jahrhunderts. Verlaine war genial, gewalttätig, bisexuell und der Geliebte von Arthur Rimbaud. Ein Kinofilm mit Leonardo di Caprio als Rimbaud machte ihr Verhältnis sogar zum Thema. Eine große Liebe, auch für Jaroussky. Den Sound des toten Dichters hat er jetzt auf zwei CDs gepackt, 43 Musikstücke von verschiedenen Komponisten.

Acht Jahre lang hat sich Philippe Jaroussky auf die Suche gemacht, um die  unterschiedlichsten Vertonungen der Gedichte in der Musikgeschichte aufzuspüren. Warum die Mühe?
»Philippe Jaroussky: Er repräsentiert einen gewissen französischen Freigeist, er war jemand, der keine Zugeständnisse gemacht hat.« / ARD

Erdogan und seine

Kritiker Gedichte:

Recep Tayyip Erdogan sass einst wegen eines Gedichts im Gefängnis. Heute überzieht der Präsident jeden mit einer Klage, der auch nur die leiseste Kritik wagt.

Mit dem Humor ist es bekanntlich so eine Sache. Nicht jeder hat den gleichen, und die Grenze zwischen Witz und Beleidigung ist fliessend. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan freilich scheint über gar keinen Humor zu verfügen. Darauf deuten zumindest die vielen Klagen hin, die sein Anwalt in den letzten Monaten eingereicht hat.

Eines der jüngsten Opfer der Klagewelle ist Merve Büyüksarac, die im Jahr 2006 zur Miss Türkei gewählt worden war. Das Vergehen von Büyüksarac, die heute als Designerin und Autorin tätig ist? Sie hatte auf Instagram eine Karikatur aus der Satirezeitschrift «Uykusuz» (Schlaflos) gepostet. Der als Gedicht deklarierte Text nimmt den Bestechungsskandal aufs Korn, der Ende Dezember 2013 kurzzeitig Dutzende von Erdogan-Vertrauten kurzzeitig ins Gefängnis brachte.

Den Eintrag hat Büyüksarac längst gelöscht, weil sie Freunde warnten, sie könnte sich damit eine Klage einhandeln. Genutzt hat es nichts. Im Januar wurde sie von der Polizei verhört, und am Mittwoch war Prozessauftakt. Die Anklage lautet auf Beleidigung einer öffentlichen Person. Büyüksarac drohen bis zu zwei Jahren Haft. / Inga Rogg und Onur Ogul, NZZ

(Die Zeitung druckt auch den Text des „umstrittenen“ Gedichts)

Erdoğan und die Lyrik in L&Poe:

Anagramm und Palindrom

Bei lyrikkritik.de ein auf seinem Nachwort basierender Essay von Bertram Reinecke: „Einige Bemerkungen über Anagramm und Palindrom als Prototypen der strengen Form“ zu dem in Kürze erscheinenden Band „Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung“ von Titus Meyer.

Stern des Jazz-Age

„Meine Kerze brennt an beiden Enden. Sie wird die Nacht nicht überdauern“. Sie war der Stern des Jazz-Age, die erste Pulitzerpreisträgerin, der Star der amerikanischen Lyrik. Aber als sie 1950 verarmt und vereinsamt, von Alkohol und Morphium zerfressen, die Treppe herunterstürzt und sich den Hals bricht, wird sie erst am Tag darauf gefunden. Und doch gab es zu ihren Lebzeiten unter den literarisch Gebildeten Amerikas wohl keinen, der nicht wenigstens eines ihrer Gedichte auswendig wusste.

(…) Aber ihre Vorhersage „Meine Kerze brennt … sie wird die Nacht nicht überdauern“ trifft mindestens im angelsächsischen Raum nicht zu. Noch 1944 druckt die US-Armee in einer „Armed Service Edition“ ihre Gedichte in einer Auflage von 140 000 und verteilt sie an die Soldaten. (…)
Nie zuvor war die Flüchtigkeit der Liebe so kaltschnäuzig von einer Frau besungen worden:

And if I loved you Wednesday
Well, what is that to you?
I do not love you Thursday –
So much is true.

And why you come complaining
Is more than I can see,
I loved you Wednesday – yes, but what
Is that to me?

(…)

Sie war keine Frauenrechtlerin. Doch als die New York University sie zum Dr. h. c. macht und ein getrenntes Dinner für die männlichen Ehrendoktoren arrangiert, weist sie die Ehrung zurück: „Ich hoffe, dass ich die letzte Frau bin, die man dazu nötigt, aus dem Becher dieser Ehre die Galle einer solchen Demütigung zu trinken.“

Der Zweite Weltkrieg findet sie endgültig auf der Seite der Politik gegen das noch überwiegende Appeasement. Noch ein Gedicht über die Mörder von Lidice, dann verstummt sie, elf Jahre vor ihrem Tod. In Deutschland machen die Nazis das Erscheinen eines Essays von Rudolph Borchardt unmöglich. Der hatte über Edna geschrieben: „Sappho noch einmal, unglaublich und wirklich – dort seit zehn Jahren ein Klassiker und wir erfahren es nicht einmal.“ (…)

/ Peter Stoltzenberg, Tagesspiegel

Ernst Osterkamp: „Edna St. Vincent Millay“; Deutscher Kunstverlag, Berlin und München 2014, 96 Seiten, 19,90 Euro.

Bei zintzen.org 8 Gedichte englisch/deutsch (Übersetzt von Klaus Bonn)

Nur Poesie

Bin Laden in seiner ikonenhaften Inszenierung der Autarkie gegenüber Technik und Großmacht, als Weiser in den Bergen, erschien mir zugleich vorbildhaft und trügerisch: ein falscher Prophet, vor dem ich die Poesie in Schutz nehmen wollte. Denn nur Poesie, kein religiöser Wahn, kann der Schnelligkeit und oft beliebigen Bilderflut unserer Zivilisation entgegenwirken. Die Antwort auf das Bildergebot, das unsere westliche Zivilisation in fast allen Bereichen zeichnet, wäre nicht der talibaneske Ikonoklasmus, sondern die philosophische und ästhetische Konzentration.

Ähnliches aber gilt auch für die Kunst. Sollte nicht sie gerade sich nicht dem Heischen des Marktes nach Attraktion, nach immer neuen Bildern und Sensationen, vor allem aber der Angst vor der Leere, dem weißen Blatt der der schwarzen Stille widersetzen? Uns stattdessen einerseits Zwischenräume, die ein Denken in Gang setzen, und andererseits eine Achtsamkeit ermöglichen, die uns das, was eigentlich nahe ist und was wir nicht abstreifen können – ein Leben in der unmittelbaren Umgebung – überhaupt erst wieder näher bringen? / Hendrik Jackson, aus dem Essay „Verlust des Hierseins“, Qjubes

Elementares Gedicht No. 3

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Ulrich Koch:

Ich im Bus im Bauch des Wals. Dresden: Edition Azur, 2015
(Erscheint nächste Woche)
Direkt mit einer Mail an info@edition-azur.de bestellen – keine Versandkosten

Mit Erlaubnis des Verlages hier eine Probe:

Elementares Gedicht No. 3

Wie lähmend sind eure Jamben.
Und laßt uns schweigen von euren – ihr nennt sie –
Biographien: banal wie die Zypressenschatten
auf den Bildern von Böcklin.
Wolltet ihr nicht endlich Dyslalien züchten?
Versucht euch doch einmal wie Delphine zu küssen!
Die Gesichter eurer Kinder: Machbarkeitsstudien.
Ich lebe länger ohne eure Verse.
Wann wird man euch das Kunsthandwerk legen?
Ich lese lieber Kohlhaas, treu wie Herse.

Auch in mir sind lange Gedichte, die ins Freie wollen
nach so vielen Jahren. Bald
ist die Küste erreicht, glauben sie mir immer noch.
Droht mir jetzt nicht mit Gewaltlosigkeiten.
Ich zähle mein Leben
nach Dienstjahren, unterbrochen
von wenigen Sommern.
Das Gras sagt mir alles ins Gesicht.

So möchte ich leben:
In Auflösung begriffen, im Schatten
einer cerebralen Wolke wandernd,
die mich vergißt. Ausruhend
von mir, an einem Bach,
die Kiesel kandiert vom gebrochenen
Licht; die Füße im Wasser,
vom Wasser geknickt.

Elementares Gedicht No. 12
(Was du mir vorlesen sollst, wenn ich tot bin, Sonja)

Mein Diminutivchen.
Mein Libellchen,
mein Nihilenchen.
Meine Birke,
mein Skript.
Mein Monströschen,
in Perlen aufgelöst.
Mein Bett und Bauch und Barm.
Mein Schiffchen,
mein Apokryphchen.
Mein Äugchen, mein Stäubchen,
meine Nacht und Naht.
Meine Alleine und Echte,
mein epochendes Herz:
Zur Begrüßung die Linke,
zum Abschied die Waagerechte.
Ich kann mich nicht an dich erinnern:
Wir lebten eine Nacht zusammen
in zwei leeren Duchgangszimmern.

Stoßseufzer in Zweckbauten. Kniefälle vor nichts. Selbstgespräche mit der Welt. Welche Form Ulrich Kochs Gedichte auch annehmen – immer sind sie auf verstörende Weise schön. Und auf die schönste denkbare Weise verstörend: »Jeden Morgen wäscht sie ihre Haare, / als ertränke sie eine Katze « heißt es dann, oder » Auf den Handrücken pulsen / die über Putz verlegten / blauen Adern«. 

Unter dem leeren Himmel der Lüneburger Heide schreibt dieser » freundliche Misanthrop« (Martin Brinkmann) an seiner Poetik der alltäglichen Ungeheuerlichkeiten. An Gedichten, die ahnen lassen, warum uns eine flüchtige Erinnerung oder ein vor Jahren bedenkenlos hingeworfener Satz für immer verändern kann. 

Das Mauern

Im Zentrum seiner Bilder wie seiner Dichtung stand immer die Sexualität. Gerade das hat man wenig gemocht.

Ihn verbitterte das, zunehmend. Er konnte tatsächlich tun, was er wollte, immer stieß er auf Mauern, auf das Mauern. Als ich nach Berlin ging, bekam ich es schließlich nicht mehr nur indirekt mit: in den Literaturinstitutionen nur gerümpfte Nasen, abfällige Bemerkungen, Ignoranz. Tatsächlich hat sich Böhmer nie und nirgends eingeschleimt; ihm lag und liegt es nicht, sich zu beugen. Abgesehen von den letzten Jahren, ging er fast zweieinhalb Jahrzehnte davon aus, vergessen zu werden. „Es ist alles nicht wichtig“, wurde sein ständiger Satz, „alles ist nichts.“ Er durchzieht, aber mit großer Trauer, seit den Kaddish-Büchern sein Werk, das insgesamt eine glühende Trauerarbeit ist und insistierendes Gedenken.

In diesem Jahr, im April, wird er den wichtigsten deutschen Lyrikpreis erhalten, den es gibt.

Paradoxerweise musste das Internet dafür entstehen, das er hasste, dann verachtete und schließlich grollend akzeptiert hat, ohne es freilich, weiterhin, zu nutzen. Und es musste eine ganz neue Generation, die sich über dieses Medium schnell austauscht, von Lyrikern werden, denen die Vorbehalte namentlich des Literaturbetriebs am, um es deutlich zu sagen, Arsch vorbeigingen. Für sie und ihre Arbeit wurde er zum Großen Alten Mann der modernen deutschen Dichtung, als der er fortan dastehen wird. Mit kleinen Schritten, namentlich durch Jan Volker Röhnert, begann es, aber sie wurden entschieden gesetzt, und weitere Junge, gemeinsam, legten das Ruder herum.

Das kommt, persönlich, ein wenig viel zu sehr spät. Da ist nun eine schwere Leidensgeschichte; kein Erfolg wird ihre Spuren wieder tilgen; Böhmers oft harte Wutausbrüche – eine Folge anhaltenden Misserfolgs –, seine depressiven Zerknirschungen, sein Missmut haben ihn gezeichnet, aber auch seine poetische Unerbittlichkeit und das poetische Beharren: sein Werk gegen jeden Widerstand weiterzuschreiben, auch wenn er oft – oh sehr oft! – alles, alles hinwerfen wollte und nicht selten suizidal war. Es ist keine Frage, dass ihn der deutsche Literaturbetrieb geschädigt hat, und zwar bewusst, ja absichtsvoll, sowohl in der Seele wie der körperlichen, einer gesundheitlich schließlich höchst heiklen Verfassung. So gesehen, ist diese Preisvergabe eine Wiedergutmachung – von etwas indes, das sich wiedergutmachen nicht lässt. / Alban Nicolai Herbst bei Faustkultur (mehr)

Geschichtsüberbordende, rockmusikalische Riffheftigkeit

Thomas Kunst bei Faustkultur über Paulus Böhmer, Auszug:

Viel zu oft wird in Deutschland von Einzigartigkeit oder Ausnahmedichter gesprochen.

Im Falle Böhmers finden diese beiden Begriffe eine logische Entsprechung. Viel zu selten finden wir in unserer heutigen Literatur solch eine konzertante Rauschhaftigeit, solche geschichtsüberbordende, rockmusikalische Riffheftigkeit und sinfonische Vulkanisierung des täglichen Zugrundegehens wie in den Gedichten von Paulus Böhmer. Wir lesen und saufen und lesen und verehren die ewige Wiederkehr eines durch jeden historischen Umzug gegangenen Wassers. Ich wollte immer nur eine Zementfabrik oder ein Stahlwerk sein.

Seine Bücher sind für mich kleine Heiligtümer. Sie gehören für mich zu den wenigen, die ich mit nach draußen, an die Luft nehme. Sie hätten die ungeheuerlichen Jahreshauptversammlungen unserer Pfingstrosen sehen sollen.

Diese Texte benötigten noch nie eine seitlich vom Literaturmarkt oder vom herrschenden Hochfeuilleton eingeflößte Vitalisierungsarznei. Seine kraterhaften, ablebeprallen Infusionen bestimmte Böhmer von jeher selbst. Noch schießen die Wasser bergaufwärts, ein Stein, ein Blatt, eine nicht gefundene Tür. Die Lächerlichkeit einer gesellschaftsfreundlichen Volumentherapie. Die Aufrechterhaltung wachblöder Nüchternphasen. Dunkelheit der Diskurse vor dem Milcheinschuß. Geringe Wissenschaftsoberfläche. Keine Restverdaulichkeit. Und ich hörte die Stimme der Frau, die sich über den Sterbenden beugte, mit allen Kollateralschäden des Nichtbegreifens, mit Vogelstimmen, röcheln und racheln, klirren und kratzen und schaben und Resten von Maulbrütersaft und Resten von Sumatra. Es gibt nicht die geringste Leseanleitung für solche Gedichte. Resignation der Flußflöße. Olympische Einlaufordnung. Die Weiterleitung des Sammelns unter keiner Zielfahne. Ich wollte nie ein Stahlwerk, nie eine Zementfabrik sein. Die besessene und auslöschende Genauigkeit von Amokläufen. Eidechsen stehen herum auf erstarrten Beinchen und lecken Aschereste. Wie sollen wir uns, wir können wir uns denn überhaupt zurechtfinden in Böhmers Kosmos, wie? Aus Innenohren treten bläschenartige Ausstülpungen hervor, mit Muster, Vertiefungen, Poren, Kanülen, die sich zu Höhenlinien einer Wanderkarte verwandeln. Wir verlassen in regelmäßigen Abständen beim Sprechen, Lesen, Saufen, Schreiben, Musikhören und Ficken die Erde, kümmern uns um unsere biographischen Schulhofpausen und  Ein leuchtend-orangeroter Geweihschwamm setzt zur Landung an, weich. Bin da. Mögen wir also alle noch einen Raubanteil unserer Zeit mit diesen überragenden Gedichten verbringen und uns daran erfreuen, daß wir gegen sie und mit ihnen zu kämpfen haben, da wir ohne die geringste Anstrengung leichter zu beeinflussen wären und uns wie Wasser verhalten würden. Allen Bakterien in mir ist das Verlangen nach Sanftmut und Wasser, nach Wurmnähe und Pasta nah.

Danke Paulus, daß ich deine großen, störrischen Gesänge schon so lange Zeit begleiten durfte.

Paulus Böhmer
Zum Wasser will alles Wasser will weg
236 Seiten
ISBN 978-3-941126-56-5
Verlag Peter Engstler, Ostheim 2014

Am 3. April erhält er für dieses Buch den Peter-Huchel-Preis

Nachruf auf Malek Alloula

Der renommierte algerische Essayist, Literaturwissenschaftler und Lyriker Malek Alloula ist im vergangenen Februar im Alter von 78 Jahren gestorben. Erst wenige Wochen zuvor war seine frühere Frau, die Schriftstellerin Assia Djebar, im Pariser Exil verschieden. Suleman Taufiq mit einem Nachruf auf quantara.de, Auszug:

Malek Alloula war ein Kind der französischen Kolonialzeit. Geboren wurde er 1937 in Oran, einer geschichtsträchtigen Hafenstadt im Westen Algeriens. Die Stadt gilt bis heute als die liberalste und weltoffenste in Algerien. In dieser Atmosphäre wuchs Alloula auf.

Er gehörte zu den wenigen Algeriern die das Privileg hatten, eine französische Schule besuchen zu können. Die damalige kulturelle Entfremdung im Zuge des französischen Kolonialismus war gewaltig. So sehr, dass Alloula dies schon während seiner Schulzeit feststellen musste: „Wir sprachen zu Hause Arabisch, lernten aber in der französischsprachigen Schule lediglich die Geschichte Frankreichs. Arabisch war für uns eine Fremdsprache im eigenen Land.“

Es gab kaum Schulen, an denen Arabisch unterrichtet wurde, außer an den Koranschulen. Nach dem Algerienkrieg und der Befreiung von der französischen Kolonialmacht waren viele Algerier daher Analphabeten. (…)

Es war allerdings nicht zuletzt dieser Prozess der kulturellen Verdrängung und Entfremdung, der es einigen Autoren ermöglichte, sich von den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Heimat zu distanzieren, Tabus aufzubrechen und politische und religiöse Dogmen in Frage zu stellen. Dieser Schritt war jedoch auch mit dem Wagnis verbunden, sich selbst grundlegend in Frage zu stellen und sich konsequenterweise auf die Suche nach einer neuen, eigenständigen Identität zu begeben.