Vor ihrem Wohnhaus in einem Moskauer Außenbezirk ist die russische Dichterin Alina Wituchnowskaja Opfer eines Überfalls geworden. Sie glaubt, in Russland seien auf einer subalternen Machtebene alle Regimegegner für vogelfrei erklärt worden. Durch den Mordanschlag auf Boris Nemzow sieht sie sich bestätigt.
Sie habe am Abend des 23. Februar, der als „Tag der Vaterlandsverteidiger“ begangen wird, vor der Haustür Müll entsorgt, als zwei Männer, einer in Polizeiuniform, der andere in Zivil und deutlich angetrunken, auf sie zugekommen seien und sie aufgefordert hätten, mitzukommen, berichtete Alina Wituchnowskaja der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Als sie sich geweigert habe, hätten die beiden einige ihrer Internetauftritte erwähnt, von ihren politischen Aktivitäten erzählt, von einem in die Ukraine geflohenen Vertrauten, aber auf eine Weise, die klar gemacht habe, sie kannten sie gar nicht, sondern waren instruiert worden, so die Dichterin.
Als sie die zwei etwas maliziös fragte, wer sie überhaupt seien, habe einer der beiden ihr einen Schlag ins Gesicht versetzt. Sie sei in die Wohnung geflohen und habe den ärztlichen Notdienst gerufen, sagt Alina Wituchnowskaja. Als es wenig später an der Tür klingelte, habe sie geöffnet, in der Annahme, es seien die Mediziner. Doch es waren zwei Männer in Zivil, die sich offenbar neue Instruktionen geholt hatten und sie jetzt bewusstlos schlugen. / FAZ 2.3.
Nein, Emily Dickinson musste allein für sich bleiben, und ebenso Annette von Droste-Hülshoff in der zugigen Burg ohne Fensterscheiben, die ihrem Schwager gehörte. Und auch Sylvia Plath musste die symbolische Ordnung der Autonomie einer verlassenen Mutter zweier kleiner Kinder wiederherstellen, indem sie den Kopf in den Gasofen steckte. Der war in aller Perversion auch eine mütterlich umfangende, warme Höhle. Sie rettete damit ihre Dichtung, die vollendet war (und das wusste, spürte sie zweifellos), ließ aber die Kinder zurück in einer traumatisierenden Situation.
Es gibt keine Forschung über die Traumatisierung durch halbfertige, unzurechenbare Gedichte, die ein Dichter, eine Dichterin nicht vollbracht hat – wie das eigene Leben –, und parallel dazu über die Traumatisierung Schutzbefohlener, Kinder. Die Verlassenheit ist in beiden Fällen katastrophal. Ob diese Überlegungen im Zeitalter, das die Leihmutterschaft entdeckt hat, in dem globalisierte Samen- und Eispenden wie Touristen die Kontinente wechseln, Bestand haben, wird sich weisen. Ebenso, ob die Managementstrategien gewitzter Selbstvermarktung auf dem Reißbrett geplanter Dichter- und Dichterinnenkarrieren Bestand haben.
Elke Erb schreitet über solche ex emplarischen Erfahrungen traumtänzerisch sicher hinweg, als gäbe es sie nicht. Die Lust, die der Titel ihres Gedichtes benennt, ist genau diese Erfahrung, der Gratgang zwischen dem noch gerade Möglichen und dem Glück des Imaginierten. / Ursula Krechel schreibt im Standard über das Gedicht „Die Lust“ von Elke Erb
… wurde von Gedicht zu Gedicht lauter, bis es 1962 herrisch tönte: „Fragt nicht, was die Nacht durchschneidet, / denn es ist ja meine Nacht / und mein großer Pfauenschrei / und ganz innen drin die Zunge / mit der Botschaft nur für mich.“ Woher rührt das Unbehagen, das solche Verse auslösen, die sich wie im Trotz dagegen verwahren, das eigene Leid zu teilen oder sich abnehmen zu lassen? Der Dichter Thomas Kling, selbst spätestens seit seinem frühen Tod 2005 eine Ikone, schrieb über die in seinen Augen „berserkerhafte“ Christine Lavant in seinem Buch Botenstoffe, sie sei eben mehr „als eine naive ungefickte Alleinstehende, in ihrer Dichtung bloß ‚aufbegehrende‘ katholische Schmerzensfrau“. Ideologielos randaliere ihre Sprache gezielt gegen eine reaktionäre Nachkriegszeit, „deren in jeder Hinsicht unaufgeklärte (Gedicht-Lese-)Gesellschaft in die nekrophile Tradition des eigenen Körperhasses verliebt war.“
Ideologielos? Die ebenfalls österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz beschrieb unlängst in einer stupenden Analyse des Gedichts Wo treibt mein Elend sich herum? die Traditionen sadistischer Erziehung, in denen Lavants Sprache der Ausgrenzung sich bewege, und das am katholischen Gebet geschulte „Fühldenken“, durch das ihr Ich die Reflexion ersetze und also suggeriere: kein Ausweg, nirgends.
Die Berliner Dichterin Monika Rinck bestätigt diese Lesart im Prinzip, wenn sie in einem Essay in der aktuellen Ausgabe der Neuen Rundschau in einer Nebenbemerkung schreibt: „Was aber, wenn die Lavant sich aufmacht, gegen die Entsagung anzugehen, und das Gedicht am Ende doch wieder nur Sublimierung ist?“ Das Gedicht wird also zur Ersatzhandlung, entwertet wird damit sowohl das Gedicht, als auch der Akt des Widerstands, der die Grenzen des Gedichts ja nicht überschreitet. Mit Streeruwitz gelesen, macht sich Lavants Gedicht sogar die Methoden zu eigen, die sich jahrhundertelang so gut eigneten, unter anderem Frauen dazu zu bringen, an ihrer Unterdrückung nichts zu ändern. Sie trete also auf der Stelle. „Selbst wenn morgen dann die Sonne / ganz erschöpft und fast verwachsen / mit der Fegefeuerknospe / rasten will, wird sie vertrieben – / denn es ist ja meine Knospe / auf dem Rücken meines Steins / und für meine nächste Nacht“, endet das Eröffnungsgedicht von Lavants letztem eigenständigen Gedichtband Der Pfauenschrei, dessen Anfangsverse oben schon zitiert wurden. (…) / Insa Wilke, Die Zeit
Als Weisse mit einer «burenvergangenheit» – «ich habe kein anderes land» heisst es in dem Gedicht «wunder» – gehört die Autorin zum Volk der Täter. Als Kronzeugin für das, worum es geht, lässt sie deshalb die Mutter eines Ermordeten mit ihrer Aussage vor der südafrikanischen Wahrheitskommission zu Wort kommen. Sie tut das in Form eines poetisch pointierten Zitats. Cynthia Ngewu, die Mutter, unterstützt die sogenannte Versöhnung, «wenn es / bedeutet, diese / täter, dieser mann, / der Christopher Piet / getötet hat, wenn es / bedeutet, er wird / wieder ein mensch, / dieser mann, damit / ich, damit / wir alle unsere / menschlichkeit / zurückbekommen». Zu den Dichtern, die Krog am meisten inspirierten, gehört Paul Celan. Gewarnt vielleicht durch die Vereinnahmung von dessen «Todesfuge» mit ihrer verführerischen Verschmelzung von Schönheit und Schrecken, beschränkt sie sich auch in dem Gedicht «. . . und niemand wusste etwas?» auf eine Montage von Aussagen der Opfer weisser Gewalt und Momentaufnahmen einer Ausgrabung nackter Leichen, in die nur zwei Zeilen mit Aussagen von Tätern eingebaut sind. Eine auffallende sprachliche Neuschöpfung in diesem Gedicht dient – nach einem durch Leerraum symbolisierten Stocken – der genauen Benennung eines spezifischen Phänomens: «der spaten macht ein plötzliches wie-auf-mensch-geräusch». / Renate Wiggershaus, NZZ 27.2.
Antjie Krog: Körper, beraubt. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Englischen und dem Afrikaans von Barbara Jung, Sophia Pick und Gunter Pakendorf. Mit einem Nachwort von Marie Luise Knott. Matthes-&-Seitz-Verlag, Berlin 2014. 203 S., Fr. 31.80.
Aus Bertram Reineckes Essay in dem in Kürze erscheinenden Band „Mara Genschel Material“
„Ich habe noch nie einen bedeutenden Lyriker getroffen, der nicht sehr umgänglich war“, sagt mir ein nicht nur bedeutender Lyriker [1], sondern auch einer, den ich selbst schätze. Und in der Tat ist es plausibel: Wer seine Sprache beherrscht, findet mehr Möglichkeiten, einen aufkommenden Dissens sprachlich zu schlichten. Aber auch dieser Verdacht ist unabweisbar: Vielleicht gibt es viele unfreundliche aber bedeutende Lyrikerinnen, die im Kleinklein murkeln, weil es für die Lektoren immer zu unbequem war, sich mit dem Kram auseinandersetzen, den jene schon wieder patzig einfordert. Woher sonst die Faszination, die einzelne Gnatzköppe und Stänkerer auf den Literaturbetrieb ausüben? „Pöbel mal, Lyriker!“ (Mara Genschel) Liegt dem nicht das Bewusstsein zu Grunde, dass irgendetwas fehlt?
Mara Genschel sieht im gesamten Buchmarkt eine solche Affirmationsmaschine […]. Literaturmanagerinnen, Kulturbeamte und Literaturwissenschaftlerinnen leben von dem Ruf einer vielfältigen Buchkultur ebenso wie Autoren, die auf diesem guten Ruf Trittbrett fahren und Derivate feilbieten.
Ambitioniertes Kunstverständnis, einer der Hauptschöpfer dieses Rufes, gilt dabei allzu oft als hinderlich und der Künstler wird zum Störenfried mit Starallüren, wenn er Sonderwünsche jenseits etablierter Raster anmeldet. Mara Genschel macht für diesen Literaturbetrieb keine Lyrikbände mehr.
Sie inszeniert dies jedoch auch nicht als ein „großes Schweigen“ oder ähnliches. Wenn diesem Band über sie irgendetwas Inszenatorisches anhaften sollte, ist das der Initiative des Verlegers und seiner Beiträger geschuldet. Immerhin nimmt das Buch nicht für sich in Anspruch, in irgendeiner Weise ein gültiges oder vollständiges Bild der Dichterin zu entwerfen. [2]
Schon dass sie uns Rechte für den Wiederabdruck freigibt, ist ein Akt der Freundschaft, zu dem sie überredet werden musste, und wahrlich kein Schielen nach einer Hintertür, erklärt der leidgeplagte Kleinverleger hier.
Aber man darf auch unterstellen, dass Mara Genschel annimmt, dass eine Ausbreitung ihres Kunstverständnisses förderlich für das Gemeinwesen wäre. Sie schlägt also eine Möglichkeit aus. Nun könnte man argumentieren: Ihr Fehlen auf diesem Markt wird gar nicht bemerkt. Sie vollstrecke genau die Marginalisierung, vor der sie Angst habe. Funktional im Sinne ihrer Utopie wird diese Haltung allenfalls, wenn diese als exemplarisch wahrgenommen würde. Ihre Zurückhaltung in Bezug auf Inszenierung ist jedoch weder Bescheidenheit noch gar bloß Bescheidenheitstopos, sondern Programm, denn schon hier lauert eine weitere Gefahr für das Konzept der Dichterin. Mara Genschel möchte lieber nicht als Marke oder Maskottchen enden, welche(s) das völlig Jenseitige, das Andere des Betriebes verkörpert, wie es der Markt immer wieder auch zu seiner Legitimation erfordert, um sich selbst aus dem Bewusstsein zu schaffen: „Seht doch, hier ist alles möglich! Der Markt organisiert nur Distribution auf bestmögliche Weise, die Inhalte sind ihm ja egal!“
Mara Genschel bleibt als Künstlerin natürlich auf irgendeine Form von Öffentlichkeit angewiesen. Wo sie sie nicht selbst organisieren kann, indem sie Hefte in Kleinauflagen herstellt und vertreibt 3, steigt für sie der Aufwand: Jeder Veranstalter, der Mara Genschel einlädt, muss sich darauf gefasst machen, durchleuchtet zu werden, inwiefern gerade seine Veranstaltung Momente der Affirmation des Üblichen enthält, die Mara Genschel nicht mittragen möchte, oder wenigstens darauf, dass sie die situative Konstellation zwischen Auftretenden, Publikum und Ort mit den Mitteln schräger Komik in etwas anderes transzendiert. [4] Ihr Konzept wird damit jeweils eigens auf diese Umstände der Anfrage angepasst.
Für den Veranstalter, der Mara Genschel einlädt, heißt das immer, er weiß nie genau, ob ihr Auftritt auch für ihn gänzlich „gut geht“. Wenn es schiefgeht (aber auch wenn es scheinbar gut geht) ist nie ganz klar, ob eine Provokation intendiert war, oder ob die Künstlerin für das, was sie sich vorzunehmen genötigt sah, zu provisorisch gerüstet war. Und so kann es vorkommen, dass eine Veranstalterin vergrätzt zurückbleibt, obwohl das Publikum angeregt folgte und Mara Genschel allemal zuzutrauen ist, weitherzig genug zu sein, niemanden bloßzustellen. Ihr Horizont ist eher auf strukturelle Momente der Literatur und ihrer Öffentlichkeit ausgerichtet, der täglichen Arbeit anderer begegnet sie durchaus mit Respekt. Für Veranstalterinnen, deren Qualitätsbewusstsein [5] so überspannt ist, dass sie die Verantwortung für das, was geschieht, nicht oder nur mühevoll den geladenen Literaturprofis überlassen wollen, ist das mitunter problematisch.
Veranstaltungsreihen gehen am nächsten Dienstag zum nächsten Thema über, Mara Genschel behält einen Wust vielfältiger, nicht leicht zu verallgemeinernder Erfahrungen zurück und kann nichts tun, als sie für die nächste Veranstaltung fruchtbar zu machen.
Nun gibt es immer den Verdacht, dass in solchen Zwangslagen nur steckt, wer eben nicht gut genug oder nicht weit genug wäre, und man hält sich, leider immer erst nachträglich, an den Lichtgestalten unabhängiger Geister fest, die der Markt „letztlich“ eben doch nicht unterdrücken konnte.
Also muss hier mit Namen und Adresse gearbeitet werden, will man zeigen, dass dieseAnpassungsleistung durch Höflichkeit und Zurückhaltung nicht Problem der niederen Chargen des Betriebs ist.
Fußnoten
1 Die Wahl des Geschlechtes folgt dem Zufall. Sowohl die maskuline als auch die feminine Form verstehen sich wo es nicht anders klar aus dem Kontext hervorgeht inklusiv.
2 Auch die Dichter Norbert Lange und Tobias Amslinger oder der Kritiker Michael Braun beispielsweise haben sich bereits intensiver mit Mara Genschels Werk beschäftigt, Arbeiten zu ihr verfasst und dabei Aspekte ihres Werks hervorgehoben, die hier fehlen. Die Auswahl der hier versammelten Arbeiten erwächst aus rein praktischen Gesichtspunkten, welchen Buchpreis der Verleger den Interessierten zumuten wollte, und möglicherweise nicht zuletzt der Bequemlichkeit des Herausgebers. „MG: Kriegt ihr dafür eigentlich Geld? | MS: Keine Ahnung! | LB: Nö! | MS: Gut! …“ Siehe Gespräch Nr. 5 in diesem Band.
3 Auf http://www.referenzflaeche.com/about/ erläutert sie: “Die Referenzfläche ist kein abgeschlossener Gedichtband. Sie lässt sich trotzdem bequem ins Regal stellen. Ich bringe in diesem Konzept meine Vorstellung von Nachbereitung und Übergriff auf vermeintlich stabilen Text unter. Den stabilen Text scheint die schwarz/weiß-Branche als Vertriebs- und Verbreitungssouverän zwar noch immer zu verwalten. Seine Unberührbarkeit ist aber längst nicht mehr real. Bei der Referenzfläche handelt es sich um Verfahren, die sich in größeren Auflagen wie denen von Literaturzeitschriften oder Lyrikeditionen nur als Reproduktion ermöglichen lassen – die aber in letzter Konsequenz nur als Originaleintragungen funktionieren.
In kleinsten Auflagen (20-50) stelle ich Textsammlungen zusammen, lasse sie drucken und greife dann nach meinen Vorstellungen handschriftlich ein. Jedes Heft ist somit ein Unikat.
Da das Prinzip nicht auf bibliophilem Pathos (im Sinne beispielsweise der Wertzuschreibung künstlerischer Handsigniertheit) basiert, verkaufe ich sie zum Selbstkostenpreis von 5,- pro Stück.
Ich entwickle die Referenzfläche laufend weiter. Das betrifft sowohl die Produktion weiterer Rohtexte, als auch die Erprobung weiterer Eingriffe. Falls Ihnen ein Heft der nullten oder ersten Auflage gefällt – bestellen Sie gern auch Hefte der vierten oder achtzehnten.“,
4 Mara Genschel bemerkte einmal: „Hättest du nur irgendein Interesse daran, die Bedingungen in und unter denen du überhaupt Autor zu sein glaubst, offenzulegen, alles würde sehr viel schneller politisch, als es den Gästen auf deinem Podium lieb sein kann.“
5 Qualitätsbewusstsein hat ja leider wegen seiner Neigung zur Einsinnigkeit der Maßstäbe stets eine gewisse Tendenz zur Verengung.
Bertram Reinecke [Hg.] „Mara Genschel Material“, ein Band mit Außeinandersetzungen mit dem Werk der Dichterin von Luise Boege, Ann Cotten, Michael Gratz, Martin Schüttler und Meinolf Reul.
Dazu enthält der Band einen Dokumentationsteil mit teilweise unveröffentlichten Arbeitsproben von Mara Genschel
100 Seiten
24 X 18cm
12 Euro (D)
lieferbar ab 18. März
Bestellen unter info[at]reinecke-voss.de
ISBN 978-3-942901-14-7
Dieses Buch gibt einen Einblick in das Gattunsgrenzen hinterfragende Werk Mara Genschels. Zwar kennt und nutzt sie Verfahren der bildenden Kunst und der zeitgenössischen Musik. Dennoch wird dabei der Kernbereich der Literatur nicht verlassen. Ihr Werk kann darüber hinaus als ein Modellfall betrachtet werden, wie von Lesern mit ästhetischen Herausforderungen umgegangen wird. Verständnishürden, so erweist sich hier, müssen nicht unbedingt in der Struktur eines Artefaktes liegen. Hürden können auch durch die hergebrachten Gepflogenheiten unseres öffentlichen Umgangs damit erst erzeugt werden.
Hendrik Jackson postet auf lyrikkritik.de einen Text von 2003 über den russischen Lyriker Wiktor Iwaniv:
Mir wurde die Aufgabe angetragen, einige russische Gegenwartslyriker zu versammeln und zu übersetzen. Dabei stieß ich auf den fast gänzlich unbekannten jungen Autor Wiktor Iwaniv aus Nowosibirsk, dessen Gedicht „kamera“ meine Aufmerksamkeit erregte. Das Gedicht weist keine Interpunktion auf und zeichnet sich dadurch aus, daß viele Wörter jeweils vor wie auch rückbezogen werden können, innerhalb einer Zeile oder im fortlaufenden Zusammenhang mit der jeweils nächsten Zeile zu lesen sind. Eine mehrfache Lesart findet sich auch inhaltlich wieder. Das beginnt schon bei der Überschrift: kamera. (das ganze Gedicht findet man hier)
Das Wort hat drei Bedeutungen: 1. Kamera (Film, Foto, Video) 2. Zelle, Kammer 3. Blase (vom Fußball). Im ersten Fall ist die russische „kamera“ also eine Art Behälter, oder wie man eben auch für die deutsche Kamera sagt: ein Gehäuse – für Bilder; im zweiten Fall eine Behausung, aber ebenso gehäuseartig relativ klein und kompakt und im dritten, seltenen Fall eine selbst umschlossene Ummäntelung für die Luft, die den Ball trägt, weicher als die ersten beiden „Kapseln“, aber um nichts weniger „luftdicht“, abgeschlossen, und in einem gewissen Sinne gleichförmigen geometrischen Grundformen entsprechend (Quader, Würfel, Kugel etc.)
Die dritte Bedeutung schien etwas abwegig, ich hielt mich zunächst an die ersten beiden.
Ich übersetzte:
Kamera
Im angestrahlten wald war ein süßes singen zu hören
die stimme Lemeschews drang ans ohr irgendwoher
trug ein windstoß wörter verdrehte sie ein kanarienvogel
imitierte sich selbst von unten wie durch eine platte
klopfte regelmäßig geräusch vom aufprallen eines balls
zusammen mit dem gesang sich vereinend wie
wie in einer einzigen kehle
gefiederte kinder liefen voraus drehten sich nicht um
oder führten ihre truppen zurück bis an den Rahmen
jedes von ihnen und nicht nur volodja pinigin
als wüßte er es nicht er steht auf schlammigem grund
die schlange glitt schnell durch die reihen erstarrter kinder
so hätte es aussehen können für den
der sie so durch das Schlüsselloch beobachtet hätte
der klopflaut des balls hörte momentlang auf wie kurzes
kuckucksheulen die quälenden tage zählt
nur jene werden mich verstehen die selbst einmal diesen
im flug herausgepressten schrei der kamera hören sehen mußten
eng zusammengepferchte kinder ihre blicke zur erde gewandt
hinab wo der von schrecklichem schluckauf befallene volodja
auf allen vieren kroch wie ein toter aus der erde
eines anderen morgens durch hingekleckste lichtflecken
ging ich erinnerte mich an zwei namen Wolodja und Wladik
ich nahm damals an der parade teil und schaute den pionieren
nach sie trugen pfingstrosen im porträt des toten führers
Vielleicht eine Filmszene? Ein Film im Wald? Was macht der Kanarienvogel hier? Vielleicht handelt es sich doch um eine Zelle, eine kleine Kammer? Rätselhaft. Jetzt war ich zum ersten Mal irritiert. Eine Platte im Wald? Sicherlich keine Photoplatte. Und dann ein Ball? Eine russische Freundin wies mich auf das Kinderbuch „Unterirdische Kinder“ hin, in dem es um unter der Erde, in Erdhöhlen lebende Kinder ging. Sie sagte auf ihre russische trockene Art: „Klar, sie spielen dort unter dem Wald mit einem Ball, kein Problem.“ Platte, Schallplatte, Photoplatte, Zelle, Kamera… worum handelt es sich?
Das Ende gab auch keinen Aufschluß. Interesse halber schrieb ich dem Autor. Er erklärte kurzerhand, daß die Kinder unter der Erde hier nichts zu suchen hätten und alles würde auf dem Doppelsinn von kamera und „Blase“ (des Fußballs) beruhen, kurzum ein aufgenommenes Fußballspiel. Nun ist es mehr als heikel, den Erklärungen eines Autors beim Übersetzen zu folgen, zumal bei einem so vieldeutigen Gedicht. Dennoch will ich gerade dies anführen, um zu zeigen, daß man die Anmerkungen des Autors nicht ganz negieren soll, zumal, wenn das Gedicht dann eine gewisse Schlüssigkleit gewinnt. Ich übersetzte neu und als erstes die Überschrift, um diese Doppeldeutigkeit zwischen Fußball und Kamera herauszustellen. „Gehäuse“ fiel mir als erste Verbindung zwischen Fußball und Photo ein, allerdings schien mir das nicht geläufig genug, eher schon die Redewendung „etwas im Kasten haben“ und „Kasten“ für Fußballtor.
im kasten
Im angestrahlten wald war ein süßes singen zu hören
die stimme Lemeschews drang ans ohr irgendwoher
trug ein windstoß wörter verdrehte sie ein kanarienvogel
imitierte sich selbst von unten wie durch eine platte
klopfte regelmäßig geräusch vom aufprallen eines balls
Nun wurde alles klar, oder? Es folgen die aus der Kamera-Ferne (Vogelperspektive?) bunten (wie Federn) Trikots der „Truppen“:
zusammen mit dem gesang sich vereinend wie
wie in einer einzigen kehle
gefiederte kinder liefen voraus drehten sich nicht um
oder führten ihre truppen zurück bis
Jetzt endlich das Wort: Gehäuse für die „Rahmen“, den Bildausschnitt und das Tor zugleich. Gehäuse – Kern – Zelle. Zelle: Da war sie die russische „kamera“ in ihrer zweiten Bedeutung. Überwachtes Wohnen, Gefängnis. Gitter – Netz – Im Kasten, im Netz, und also wieder: Fußball, aber auch: Kern, Frucht, Netz mit Früchten, Hülse, Worthülse, die verschiedene Bedeutungskerne beinhaltet, aber sich aufbläht zur Blase: Bildblase, kein sachliches Kamerabild, nicht nur ein Fußballreport in jedem Fall. Weiter:
an das gehäuse
jedes von ihnen und nicht nur volodja pinigin
als wüßte er es nicht er steht auf schlammigem grund
die schlange glitt schnell durch die reihen erstarrter kinder
so hätte es aussehen können für den
der sie so durch das Schlüsselloch beobachtet hätte
der klopflaut des balls hörte momentlang auf wie kurzes
kuckucksheulen die quälenden tage zählt
nur jene werden mich verstehen die selbst einmal diesen
im flug herausgepressten schrei
und hier konnte es jetzt nicht mehr Kamera oder Zelle heißen, hier war die dritte Bedeutung von „kamera“ gefragt: Pocke, Pille, nein, denn dann fiele das fliegende Auge der Kamera weg, wie das vereinen? Mir fiel eins ein: Ich quetschte das Augen direkt in den Sucher der Kamera – und fand – die puPille, allerdings: ein im Flug herausgepresster Schrei der puPille, hmm, ich weiß nicht… dann lieber Blase als Fußballblase, Bildblase, zumal eine gepresste schreiende Blase, das hat etwas Comicartiges und läßt sich vorstellen.
der blase hören sehen mußten
eng zusammengepferchte kinder ihre blicke zur erde gewandt
hinab wo der von schrecklichem schluckauf befallene volodja
auf allen vieren kroch wie ein toter aus der erde
Fußball kann grausam sein, zumal aus der Höhe. Aber wird hier wirklich das Stadion zur geschichtlichen Kammer, aus dem es kein Entrinnen gibt? Kriegssprache und das Ticken wie von Uhren oder Bällen deutet die Vergangenheit oder Zeitlichkeit an, eine Vergangenheit, die (für den jungen Autor) medial (durch Bilder) verdoppelt wird, was direkt an den Bilderkult der alten Zeit anschließen mag… und dennoch bleiben einige Fragen offen, doch staunen wir nicht länger, sondern folgen dem Autor zum Ende und schauen den Wendungen des Gedichts nach wie jene Pioniere…
eines anderen morgens durch hingekleckste lichtflecken
ging ich erinnerte mich an zwei namen Wolodja und Wladik
ich nahm damals an der parade teil und schaute den pionieren
nach sie trugen pfingstrosen im porträt des toten führers
Hendrik Jackson
Dieser kleine Text entstand 2003 anlässlich der Herausgabe einer Sammlung von russischen zeitgenössischen Gedichten. Damals lernte ich den noch völlig unbekannten sibirischen Dichter Iwaniv kennen. Am 25. 2 2015 nahm sich der Dichter, inzwischen russlandweit bekannt und geschätzt, das Leben. Deswegen sei hier das Dokument einer ersten Annäherung und beginnenden Freundschaft sowie eines literarischen Austausches (Iwaniv hat mich ins Russische übersetzt und wurde von der Stiftung Brandenburger Tor nach Berlin eingeladen) publiziert. Die ganze Übersetzung findet man auf parlandopark, den russischen Text auf vavilon.ru
über dem Straßencafé schwirrt eine Drohne – schaut mir von oben in die halb ausgetrunkene Kaffeetasse
Hansjürgen Bulkowski
Öfter was neues. Ab heute entfallen die Nummern der Meldungen. Ich hatte sie vor über 10 Jahren eingeführt, um Beiträge manuell verschlagworten zu können. Aber seit die Blogsoftware jeden Beitrag nach hunderten Kategorien und tausenden Schlagwörtern vernetzt und archiviert, haben sie keine Funktion (außer vielleicht man will sehen, wie viele Nachrichten es pro Monat sind. Aber da gibt es verläßliche Durchschnittswerte aus 15 Jahren – es sind und bleiben 3 bis 4 Nachrichten pro Tag oder 107 plus minus 12 pro Monat.) Wenn also in Zukunft geschrieben steht: 97. Preis für N.N., dann ist es der 97. Preis.
Peter Gosse schreibt in der Zeitung Neues Deutschland über das Heft „Gedichte von Welt“ der von Ralf Grüneberger herausgegebenen Heftreihe „Poesiealbum neu“, „Sich mischender Klang“, Feuilleton ND 26.2.15. Zitat:
Flaggschiff dieser Poeten-Sozietät ist „Poesiealbum-neu“ … erfrischende Konkurrenz zum „Poesiealbum“ aus Wilhelmshorst …
Klaus-Peter Anders, Herausgeber des „Poesiealbum“ in Wilhelmshorst, das seit ein paar Jahren wieder erscheint und die Tradition der von Bernd Jentzsch gegründeten legendären Heftreihe (ursprünglich 1967-1990) fortsetzt mit Heften von Dorothea Grünzweig, Monika Rinck, Gertrud Kolmar, Ezra Pound, Hans Sahl, Cyprian Norwid, Friederike Mayröcker, Jan Wagner, um ein paar Titel aus den letzten Jahren zu nennen (verwirrenderweise hatte sich der Rechteträger der Reihengestaltung entschlossen, die Lizenz zur Weiterführung im Originallayout zweimal zu vergeben, neben dem Wilhelmshorster „Poesiealbum“ erscheint „Poesiealbum neu“ als Vereinszeitschrift in Form von thematischen Anthologien der Mitglieder der in Leipzig ansässigen „Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.“, Herausgeber ist Ralf Grüneberger), schrieb einen offenen Brief an Peter Gosse:
Das Poesiealbum also „bedrückendes, lähmendes, ermattendes, erschöpfendes, ermüdendes“ [Antonyme der dt. Sprache, Bibliographisches Institut, Leipzig] Pendant des „Poesiealbum-neu“?!
Diesen unsachlichen öffentlichen Tiefschlag hätten Sie sich, sehr verehrter Peter Gosse, sparen können; drückt aber zusammen mit Ihrer zeitnahen Abo-Kündigung eine unreale Sicht auf das Poesiealbum und die „Konkurrenzsituation“ dieser Editionen aus. Aber, wie die Politik völlig abgelöst von den Befindlichkeiten der Basis regiert, haben wohl auch die hohen Gremien der Künste nur noch wenig Kenntnis der Bedürfnisse und Wünsche des Lyrik-Volkes.
Abgesehen vom jüngsten Heft zu Heinz Erhardt, das einer Vorliebe des Verlegers zur „U-Lyrik“ geschuldet ist, sollten Sie dem gegenwärtigen Autoren-Reigen der Reihe – neben der Nachbereitung der verfemten Dichter des faschistischen
Regimes sind noble und durchaus auch „erfrischende“ Namen zu finden – eigentlich höchste Achtung zollen; das auch angesichts des ökonomischen und wirksamen Vergleichs beider Editionsreihen!http://www.poesiealbum.info/poesiealbum.html
Herr Grüneberger mag ein formidabler Dichter sein; seine Vereins-Edition stellt aber keine – auch nicht erfrischende – Konkurrenz zum Poesiealbum dar!
Mit sehr freundlichen Grüßen,
Ihr
Klaus-Peter Anders
http://www.maerkischerverlag.de/
http://www.poesiealbum-online.de/
Wer kennt nicht den irrlichternden, mondsüchtigen Pierrot mit dem maskenhaft weißen Gesicht? Der belgische Dichter Albert Giraud ließ sich zu Poesien rund um diese entrückte Clownsfigur der Commedia dell’arte inspirieren – und verlieh der Figur eine gewisse Dosis Dekadenz. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Otto Erich Hartleben. 1912 wagten sich gleich zwei Komponisten an die Vertonung dieser Lyrik zu Liedern. Arnold Schönberg war der eine. Er ist bis heute berühmt. Max Kowalski war der andere Pierrot-Komponist. Er ist heute fast vergessen.
Kowalski lebte in Frankfurt am Main. Er war im Brotberuf Rechtsanwalt mit dem Schwerpunkt Urheberrecht. Und er war Jude. Seine Erfolge als Musiker wie auch seine bürgerliche Karriere wurden von den Nazis vernichtet: 1938 landete er im KZ Buchenwald, kam aber wieder frei und emigrierte nach London, wo er 1956 vereinsamt starb.
Seine Komposition »Zwölf Gedichte aus Pierrot lunaire« war früher beliebter als die von Schönberg. Der Countertenor Jochen Kowalski, der mit dem Komponisten nicht verwandt und nicht verschwägert ist, interpretierte sie am Mittwoch mit dem Salonorchester Unter den Linden im Staatsopernersatzdomizil, dem Schiller Theater in Berlin. »Pierrot sucht Lohengrin« hieß das Konzert. / Gisela Sonnenburg, junge Welt 27.2.
Sehr geehrte Frau Veit,
vielen Dank für Ihre Rezension und die Beschäftigung mit Majakowskis Poem „der fliegende Proletarier“. Ich muss Ihnen allerdings die Bedeutung des Gedichtes noch einmal darstellen und auf die Kunst der Übersetzung hinweisen.
Majakowskis Text ist ein in der Weltliteratur einzigartiges Beispiel für die Verbindung von Poetologie und politischer Lyrik. Die Verse verhandeln bis ins Detail die ästhetischen Debatten der Avantgarde und jungen Sowjet-Kunst: vom Futurismus und Konstruktivismus bis hin zur Literatur des Fakts und dem proletarischen Agitprop. Die Verfahren der neuen Massenmedien, die in den 20er Jahren aufkamen – Radio, Kinofilm, Pulp-Literatur, Werbung, Comic, Plakat – verbindet Majakowski in seinem Text auf eine Weise, wie dies keinem anderen Dichter gelungen ist. Zudem ist sein Text ein Paradebeispiel der utopischen Literatur. Die Thematisierung von Luftkrieg und Raumfahrt ist angesichts der geostrategischen Auseinandersetzungen, die um den „Kontinentalblock“ geführt werden, bis heute aktuell.
Die Übersetzung ist von einer fast wörtlichen Werktreue und erlaubt sich nur dort kleine Freiheiten der Nachdichtung, wo es darum geht, die durchgehende Reimstruktur des Textes nachzubilden und für den Leser erlebbar zu machen. Auch die vereinzelten Verwendungen von Alltagsjargon sind durchaus im Wortsinn des Originals oder entsprechen der Haltung und Tonalität Majakowskis selbst. Dies richtig zu gewichten, muss Literaturkritik schon leisten können.
Das Poem stellt in jedem Fall einen der wichtigsten Klassiker der Avantgarde-Literatur dar. Die im Buch vorhandenen Illustrationen treffen genau den Geist der Zeit. Nachwort, editorische Notiz und Zeitleiste helfen zum kontextuellen Verständnis und werden literaturwissenschaftlichen Kriterien gerecht. Als Lektüre unbedingt zu empfehlen!
Zwei Gedenktage sind ebenfalls im April 2015 mit dem Buch zu verbinden:
6.4.1925 – Premieren-Lesung des „Proletariers“ durch Majakowski im Moskauer Bolschoi-Theater (vor 90 Jahren)
14.4.1930 – Selbstmord Majakowskis (vor 85 Jahren)
Mit herzlichen Grüßen
Boris Preckwitz
(Vgl. hier)
1982 veröffentlichte Kühn einen Gedichtsband [sic]* beim Suhrkamp-Verlag mit dem Titel „Schnee und Schwefel“. Dieser Band umfasst Gruppen von Gedichten unterschiedlicher Thematik. Eine Gruppierung trägt den Titel „American Blues“.
Die in „American Blues“ zusammengestellten Gedichte schildern Eindrücke, Situationen und Örtlichkeiten während einer Amerikareise. Insofern bietet sich eine Konzertform an, die diese Amerika-Impressionen mit einer typisch amerikanischen Musikform, dem Jazz, verbindet. (…)
Wolfgang Breuer wird auch für „American Blues“ die Kompositionen erstellen. Eine Zusammenarbeit von Breuer und Kühn fand schon früher im Hörspielbereich statt. 1970 entstand das Hörspiel „Die Spirale“ für den Schweizer Rundfunk mit Dieter Kühn selbst als Sprecher, 1976 dann die „Goldbergvariationen“ beim Österreichischen Rundfunk in Graz und 1980 „Galaktisches Rauschen“ beim WDR in Köln. / Aachener Zeitung
*) Diese Schreibweise ist falsch, setzt sich aber anscheinend allmählich durch, nachdem vor ein paar Wochen die Mitteilung einer Schülerin, sie könne eine Gedichtsanalyse in 4 Sprachen (also wohl außer Deutsch?), bewundernd durch die Presse gereicht wurde. Früher lernte man, daß nach Gedicht nur beim Genitiv ein -s folgt, nicht aber an der Fuge in Wortzusammensetzungen (Fugen-s).
Harsch das Urteil der Neuen Zürcher Zeitung über die Erstveröffentlichung eines Langgedichts von Wladimir Majakowski über einen „Luftkrieg zwischen den kapitalistischen USA und der kommunistischen Sowjetunion im Jahre 2125“:
Boris Preckwitz, der begeisterte Übersetzer, versucht, das 1925 geschriebene Langgedicht für die Gegenwart aufzumotzen; bald macht er es ulkig poppig und peppig («echt nie», «Newswust», «Nüschte», «Rabbatz», «gefrickelt», «beschlagzeilt», «betarnmalt», «beschraubschwungt»,), bald pathetisch umständlich bis unverständlich («Der Kommandant wringt die Stirn» für: «runzelt die Stirn» «Fiederling» für: «Vogel», «sie spitzen die Hauer» für: «bis an die Zähne bewaffnet»). (…)
Der Versuch, die vor neunzig Jahren entstandenen Verse mittels zeitgemässen Werbejargons sowie Slam-Poetry-Elementen zu aktualisieren, überzeichnet die im Original angelegte verbale Kraftmeierei («und eine Stadt ist getilgt ohne jeden Mucks / von einer erstickend giftigen Gasschicht») zusätzlich und macht sie vollends ungeniessbar. Ein Versuch mit den falschen Mitteln und am falschen Objekt. / Birgit Veit
Wladimir Majakowski: Der fliegende Proletarier. Übersetzung: Boris Preckwitz, Illustrationen: Jakob Hinrichs, Nachwort: Jan Kuhlbrodt, Edition ReVers 3, Berlin 2014. 100 S., € 14.90.
Wie ich erst jetzt erfahre, starb der Schriftsteller und Sprachwissenschaftler Chris Bezzel am 3. Februar in Hannover. Hans Thill nimmt ein Gedicht in eine Bezzel gewidmete Stele im Poetenladen:
Chris Bezzel
(Wetzhausen 1937 – Hannover 2015)
das ist das letzte wort der philosophie:
fick mich, sophie.
aber sophie strotzt palazzo pitti.
sophie fickt mich nie.
sophia pinkelt.
birgit schrillt.
es ist wahr mit dem schlitten
in münchen glitscht das ei. susanne gleißt
vorbei.
birgit gleitet
weit,
nur shelley spreizt sich,
redet.
sie webt mich:
ihr versteht mich viel besser als ihr
zugebt.
hört endlich auf zu ratten,
braust lieber,
schmaust!
Aus: isolde und tristan. urs engeler roughbook 22, Berlin, Hannover, Linz und Solothurn 2012.
»… eine Welt aus Sprache, die nicht zeigen will, wie sie verknüpft ist, sondern vielmehr, was sie in Beziehung und somit in Gang setzt, nämlich sich selbst innerhalb und durch die Sprache, und gleichzeitig gerade das, ›was alles nur die sprache möglich macht‹.« David Frühauf
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