Konstantin Ames schickt die korrekte Fassung des beim Literarischen März mit 3 Fehlern veröffentlichten Gedichts. Also nach dem Motto „Der Umgang mit Trouvaillen verrät nix über / Fähigkeiten, aber wirklich alles über Fertigkeiten.“ hier die berichtigte Fassung:
Nahe Ittersdorf, ehem. Zollhaus
Jungbauern gibt es.
Hat Icke nix ausgemacht, die stiernackige Wolke gestern.
Hätten auch weggekonnt, die Katzenaugen auf der L 354
über Ihn nach Niedaltdorf (Keltenhaus).
Icke sieht klassische Kühe, weiß-braun,
im Herbst gilbt’s, den Vatikan freut’s.
Jungbauern kochen Meth in verwitterten Scheuern.
Der Umgang mit Trouvaillen verrät nix über
Fähigkeiten, aber wirklich alles über Fertigkeiten.
Das Grün des Kläranlagenseechens ist heller, als das Grün,
in dem die Jungbullen (»unnam Zaun duosch!«) stehn.
Icke sieht in der Ferne die Kirche des Guldendorfs Leiding,
Korpusse (Rue-du-28-11-1944) im Gehölz neben dem Lehmweg
und etwas weiter rote Wimpelchen an Ästchen.
Der pensionierte Polizist, mit einer Hacke vom Bau Pfahllöcher
grabend sieht Icke vom zweiten Mal mit leerem
…………………………………………………Kinderwagen passieren
Icke hatte inzwischen Fotos von den Wimpelchen
geschossen und gleich den Vorsatz gefasst, ein
Naturgedicht dagegen zu schreiben; gleichwohl ein reflektiertes
Plakat 13. Grenzenlos-Messe/ 25.-27.10.2013/ Spirit & Heilen
ward Icke Einsicht zuteil :
Fotografieren die Narren, komponieren die Zaren!
Jungbauern gibt’s hier keine; der einzige
Jungbauer hier war jung als ich jüngst war.
Unter all dem dieser Lehm und diese Wackersteine,
die man nicht erobern kann. Die
Hirn-Gallenberg-Tour startet unweit.
Kein neuer Bert Brecht oder Erich Fried in Sicht. „Wir suchen seit 30 Jahren tolle politische Gedichte und finden sie nicht“, sagt Fritz Deppert, der seit 1979* die Einsendungen zum Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt lektoriert. Politische Aussagen erforderten eben die klare Formulierung. „Diese direkten Aussagen sind im Grunde unlyrisch, das ist viel schwerer umzusetzen.“ Und so sei denn auch beim 19. Literarischen März die Auswahl geprägt von Innerlichkeit.
Insgesamt 458 Nachwuchslyriker haben sich beworben, acht Aspiranten ragten** für Deppert und seine Ko-Lektoren Hanne F. Juritz und Christian Döring heraus. Sieben junge Frauen und vier Männer werden nun am 20. und 21. März zum Wettlesen mit öffentlichen Jury-Diskussionen in der Darmstädter Centralstation antreten.
Durch mehr als 5000 Gedichte hat sich das Lektorentrio gearbeitet. „Die Hälfte legt man schnell weg“, sagt Deppert. „Das Mittelmaß macht die Arbeit, da muss man zwei- und dreimal nachlesen.“ Eine gute lyrische Sprache sei schließlich auch nicht leicht zugänglich. „Das lyrische Gedicht ist einzelgängerisch, entsteht im stillen Kämmerlein.“ Die Gutachter der Vorauswahl suchten in den Texten „Eigenständigkeit, originale Wege, keine Nachahmer.“ Nachdem eine Zeit lang viel Stadtlyrik eingesandt wurde, folgte auf diesen Trend Naturlyrik. „Wir haben auch viele intellektuelle Gedichte, eine ganze Menge Kopfgeburten, was nicht nur negativ gemeint ist. Da gibt es Sprachartistik, experimentelle Sprache aber weniger.“ / Darmstädter Echo
*) wie mutig man damals in Darmstadt war, einen nicht einmal 47jährigen in die Vorjury zu berufen. Ist lange her.
**) wer auch immer die 8 Aspiranten unter 7 Frauen und 4 Männern sind
Es gibt zwei Raddatze. Diese Schnelligkeit, die ich ja bis zur Absurdität hatte, war entweder der Journalist oder der Herausgeber politischer Bücher. Die rororo-aktuell-Reihe war ja fast wie eine Zeitschrift. Die Logistik von der Textfabrikation – Dutschke musste eingeschlossen werden, damit er etwas zu Papier brachte – bis zum Verkauf musste genau durchgeplant werden. Man musste hinter jeder Kleinigkeit her sein. Da war Geschwindigkeit gefragt. Das konnte ich auch. Über den Zeit-Journalisten Raddatz kursiert in der Redaktion noch heute die Anekdote: „Papst tot – Küng anrufen.“ Als ich von dem Attentat auf Dutschke hörte, rief ich sofort Biermann an und bat ihn, mir etwas zu schreiben. Bis übermorgen. So entstand „Drei Kugeln auf Rudi Dutschke“. Ich konnte eben auch schnell sein. / Fritz J. Raddatz im Gespräch mit Arno Widmann, BLZ
Wie in jedem zweiten Jahr, schreibt die Stadt Darmstadt für das Jahr 2015 den Leonce-und-Lena-Preis in Höhe von 8.000,00 EUR und die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise in Höhe von insgesamt 8.000,00 EUR für deutschsprachige Lyrik aus. 2015 findet der Literarische März zum 19. Mal statt.
In diesem Jahr hat das Lektorat um Fritz Deppert, Christian Döring und Hanne F. Juritz elf junge Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aus insgesamt 458 Bewerbungen ausgewählt.
Teilnehmer
18.00 – 20.00 Uhr
Eröffnung der Veranstaltung durch Oberbürgermeister Jochen Partsch
Vorstellung der Autorinnen und Autoren und Auslosung der Lesereihenfolge
Es moderiert Insa Wilke
Lyrik im Dialog
Heinrich Detering im Gespräch mit Monika Rinck
9:00 – 11:00 Uhr
1. Lesung mit 3 Autorinnen und Autoren
11:15 – 13:45 Uhr
2. Lesung mit 4 Autorinnen und Autoren
15:00 – 17:30 Uhr
3. Lesung mit 4 Autorinnen und Autoren
Nach jeder Lesung öffentliche Diskussion der Jury
20:00 Uhr
Lesung von Karl-Krolow-Gedichten
Es liest: Horst Schäfer
Bekanntgabe der Jury-Entscheidung und Preisverleihung durch Oberbürgermeister Jochen Partsch
Empfang der Stadt Darmstadt für Autorinnen und Autoren, Lektorat, Jury und Ehrengäste
Brünner Internetprojekt verwandelt Polizeiberichte in Gedichte. Beamte und Bürger sind begeistert
„Mit einer Flasche in der Hand
läuft er unvorsichtig im Zickzack
zwischen Autos
und Straßenbahnen
in der Bahnhofstraße umher“
„Ein unbekannter Mann
hielt angeblich Ausschau nach Zügen
doch in einem Augenblick legte er sich
auf das nächste Gleis“
Es geht um tragische Schicksale, unheimliche Verbrechen und absurde Vergehen. Wer hätte gedacht, dass diese schaurig-schönen Gedichte den nüchternen Berichten der Brünner Polizei entstammen? Seit Juli vergangenen Jahres erscheinen sie auf der Facebook-Seite „Městská Poezie Brno“ („Stadtpoesie Brünn“). / Prager Zeitung
Von den europäischen Wurzeln der US-amerikanischen Lyrikerin und musikdramatisch bedeutenden Komponistin Mira Josefowitz Spector ist bei einem Blick in ihren Werkkatalog auf den ersten Blick wenig übrig geblieben. Sie studierte an der Mannes School for New Music und der Juilliard School of Music und hob in den 1970er Jahren das Ensemble The Aviva Players aus der Taufe, das sich unter ihrer Leitung bis heute der Aufführung von weiblicher Vokal- und Kammermusik des zwölften bis einundzwanzigsten Jahrhunderts verschrieb. (…)
Die mit weltweit bekannten Künstlern zusammenwirkende Formation The Aviva Players, in der übrigens auch mindestens ein Mann spielt, trat seither mit Werken (damals) vergessener hochbegabter Komponistinnen auf. Zu ihnen zählen neben Hildegard von Bingen, der Prinzessin Amalia von Preußen, Germaine Tailleferre, Fanny Hensel, Nadia Boulanger, Amy Beach und Ruth Crawford Seeger auch nahezu unbekannte Namen wie Mana-Zucca, Marcelle de Manziarly oder Cécile Chaminade. (…)
Popularität erlangte sie mit den Opern Lady of the Castle nach einem Schauspiel der israelischen Dramatikerin Lea Goldberg, Passion of Lizzie Borden nach Gedichten von Ruth Whitman und einem Porträt über die Schöpferin des Frankenstein-Romans Mary Shelley auf ein Libretto von Colette Inez und mit der Mini-Oper Casino nach eigenen Texten. Im Bereich von Kunstlied und Kammermusik entstanden Three Songs for Baritone, Two Bedtime Songs und Trois Chansons Francaises auf der Basis von eigener Lyrik und derjenigen von Inez und Phyllis McGinley oder das Trio Voices für Flöte, Geige und Klavier. / Hanns-Peter Mederer, Amusio
Der kleine Independentverlag J. Frank betreibt seit zehn Jahren in einem Ladenlokal in Prenzlauer Berg die Repoetisierung der Welt. Man setzt vor allem auf Komplizenschaft mit den Autoren und Konsequenz in der Gestaltung. Eine Strategie, die aufgeht
schreibt die taz heute. Zitat aus dem Verlagsporträt:
Drei- bis vierstellig sind die Auflagen der liebevoll gestalteten Bücher, die in einer kleinen Druckerei bei Leipzig hergestellt werden. Details sind den dreien, die sich als „Literatur-und Gestaltungsverrückte“ bezeichnen, äußerst wichtig: der offene Rücken mit sichtbarer Fadenheftung, der es erlaubt, ein Buch plan zu öffnen und dadurch großformatige Illustrationen perfekt zur Geltung bringt. Und die rohe Optik der 48 Seiten dünnen Essay-Reihe, in der Autoren zwischen grauen Pappdeckeln über Begriffe wie „Tradition“, Geschlecht“ oder „Schönheit“ reflektieren.
Die Strategie, neue Leser über eine hippe, frische Gestaltung zu erreichen, geht offenbar auf: Gerade die Essays verkauften sich „wie geschnitten Brot“, erzählt Dominik Ziller sichtlich zufrieden. Man komme mit dem Nachdruck kaum hinterher. Für das Verlagstrio der Beweis, dass zeitgenössische Lyrik durchaus etwas zu sagen hat. „Für uns ist Lyrik nicht nur ein Modus der Weltwahrnehmung. Sondern eine Art, die Phänomene der Welt zu untersuchen – durchaus mit Erkenntnisgewinn“, erklärt Frank die anpolitisierte Perspektive auf zeitgenössische Texte.
Werkstattcharakter im wörtlichen Sinne haben dabei die Beiträge von Miguel Ángel Montezanti, der sein Vorgehen bei einer Shakespeare-Übersetzung an einzelnen Arbeitsschritten beleuchtet, sowie Martín Zubirias Auseinandersetzung mit den Problemen der Übertragung quantitativer Metrik in die romanische Metrik am Beispiel von Epigrammen Goethes und Schillers. Bereits daraus ergeben sich umfassende Fragen, die allen Beiträgen zugrunde liegen: Wie ist es um die Möglichkeiten bestellt, ein poetisches Zeichensystem in einer anderen Sprache nachzubilden? Inwiefern sind hermeneutische Herangehensweisen und individuelle Interpretationen mit bestimmten geschichtlichen Umständen verknüpft? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen verschiedenen Formen der Lyrikübersetzung als Version, Transformation oder Aneignung eines Textes? Wie dem von Schleiermacher aufgeworfenen Dilemma begegnen, ob die Übersetzung einen Text an die Sprach- und Lesegewohnheiten der Leser in der Zielsprache annähern soll, oder vielmehr ob sie des Textes Fremdheiten betonen soll? 1 Welches ist das Verhältnis verschiedener Übersetzungen eines Textes zueinander?
(…) Exemplarisch verdeutlichen die in dem Band vertretenen Literaturübersetzer die jeweiligen Unterschiede, Möglichkeiten und Grenzen grundsätzlicher Entscheidungen: So schreibt Ricardo H. Herrera, die wichtigste Aufgabe des Übersetzers sei es, die lyrische Stimme zu retten. Auf der Arbeit an der lyrischen Form in der Zielsprache liege etwas mehr Gewicht als auf dem Versuch, die Sprache einer anderen Kultur zu vermitteln. Es müssten die poetologischen Gegebenheiten der Zielsprache zum Zeitpunkt des Übersetzens berücksichtigt werden, wie er anhand seiner Übersetzungen von Leopardi und Ungaretti darlegt. Oscar Caeiro hingegen betont seine Sichtweise der Übersetzung als Vermittlung und Zugänglichmachen, wie er durch eine kurze Kommentierung seiner Übersetzungen von Else Lasker-Schüler und Kafka verdeutlicht. Wie problematisch jedoch das Primat der Vermittlung bei Beschränkung auf den Inhalt sein kann, zeigt Marcela Raggio in ihrem Aufsatz zu Enrique Luis Revols argentinischen Anthologien englischsprachiger Lyrik des 20. Jhd.s. So sei zwar eine große Breite von Autoren und deren Themen in zugänglichen freien Versen geboten, allerdings geschehe diese semantische Privilegierung um den Preis einer Vernachlässigung der Vielfalt formaler, etwa metrischer und klanglicher Eigenschaften sowie Anleihen an die reiche Tradition englischsprachiger Dichtung, sodass ein Einblick in die Facetten des breiten lyrischen und poetologischen Spektrums letztlich ausbleibe. Einen besonders radikalen Übersetzungsansatz stellt Anna M. Arrighetti mit Stefan Georges Postulat von Übersetzung als schöpferisches Werk vor. Dass die Übersetzung eines spracherneuernden Werkes ebenfalls spracherneuernd auf die Zielsprache wirken müsse, wollte George mit seinen Danteübersetzungen zeigen. Dafür bevorzugte er die Begriffe Übertragung und Umdichtung gegenüber dem der Übersetzung. George ging es dabei um die Geste der Texte, um „ton bewegung gestalt“ (262), bzw. um Stimmung in Form von „auswahl maass und klang“ (263). Dass es freilich um diesen Selbstanspruch nicht so einfach bestellt ist, wird schnell deutlich. Arrighetti legt dar, dass George zwar eine streckenweise durchaus gelungene Übersetzung liefert und aus dem Prozess auch Nutzen für sein Schreiben ziehen konnte, dass es jedoch letztlich zum eigenständigen, erneuernden deutschen Kunstwerk nicht gereicht, was paradoxerweise nicht zuletzt der selbstauferlegten rhythmischen Nähe zum Ausgangstext geschuldet ist. / Léonce W. Lupette, phin71, Rezension zu:
Irene M. Weiss (Hg.) (2014): Dichtung übersetzen. Werkstatterfahrungen und theoretische Beiträge. / Traducir poesía. Experiencias de taller y aportes teóricos. Würzburg: Königshausen & Neumann.
Kaum einer schreibt mehr Gedichte. [Ach wirklich? Hab andere Berichte. M.G.] Er immer wieder. Kaum einer liest noch Gedichte. Seine viele, und immer wieder. [Zahlen, Fakten?] „Das leise Lachen am Ohr eines andern“ oder „Die Einsamkeit der Männer“ fanden im Feuilleton wie im Film „Rossini“ ein starkes Echo. Jetzt meldet sich Wolf Wondratschek nach Jahrzehnten, in denen er Erzählungen („Auf dem Graben“) und Romane („Mara“) schrieb, mit einem einzigartigen Gedichtband zurück.
Entstanden sind die Gedichte in den letzten 23 Jahren. Das erste am 27. Juli 1997. An jenem Tag, als sein Sohn, sein einziges Kind, Raoulito, zur Welt kam.
(…)
Reich wird der Dichter mit dem Gedichtband nicht. Die einmalig nummerierte Auflage von 444 Exemplaren ist in der Edition Ornament erschienen und dort, und nur dort erhältlich. / Johanna Hager, Kurier
Der handgefertigte Band „For a Life without a Dentist. Raoulito-Gedichte“ ist nur online (www.edition- ornament.de) erhältlich.
Es gibt Dichter, die früh beginnen und im Laufe ihres Lebens zahllose Bücher veröffentlichen. Und es gibt jene, die sich Zeit lassen – viel Zeit. Zu dieser Kategorie zählt die 1940 in Aschaffenburg geborene Annette Hövelmann. Sie hatte bislang nur in Anthologien und Zeitschriften auf sich aufmerksam gemacht, zuletzt auch in der von Axel Kutsch herausgegebenen „Versnetze“-Reihe. Dass nun ihr spätes Debüt „Nicht für die Luft geboren“ ebenfalls im Verlag Ralf Liebe erscheint, ist kein Zufall: Kutsch hat den Erstling lektoriert und dem Band Geburtshilfe gegeben – und er zeigt damit einmal mehr seine feine Nase für starke Literatur.
Der Band enthält, folgt man den Zeitangaben bei einer Handvoll der Gedichte, Werke aus über dreißig Jahren, eine Spanne von 1981 bis 2013. Es sind gereifte Texte, geschliffene Verse mit einer Themenvielfalt, die von Krieg und Liebe über Leben und Tod, Natur, Vergangenheit, Gegenwart, Zweifel und Selbstzweifel bis zu augenzwinkernden Auseinandersetzungen mit Kafka und Co reicht. (…) / Gerrit Wustmann, Fixpoetry
Annette Hövelmann
Nicht für die Luft geboren
Ralf Liebe Verlag
72 Seiten · 20,00 Euro
ISBN: 978-3-944566-32-0
Die ersten Preise des 3. Meerbuscher Literaturpreises zum Thema „Licht“ sind nach Füssen und Velbert gegangen. Sieglinde Rupsch, die das Publikum mit ihrem Gedicht „Augenlicht“ in der Kategorie Lyrik auf den vordersten Platz wählte, war nicht anwesend. Aber Renate Handge kam aus Velbert und freute sich über diese Auszeichnung in der Kategorie Prosa. (…)
Roger Gerhold, Initiator des Meerbuscher Literaturpreises ist sehr zufrieden. 1312 Einsendungen aus ganz Europa gingen bei der Jury ein. / Monika Götz, Westdeutsche Zeitung
sind in Korea geschriebene Gedichte in chinesischer Schrift. Wie Japan verwendete auch Korea die chinesische Ideogrammschrift und mit ihr klassische chinesische Gedichtformen vor und auch noch nach Erfindung eines eigenen Alphabets. Jetzt erschien eine Sammlung “Korean Poetry in Classical Chinese” mit 79 alten Gedichten dieser Dichtart. Alle Gedichte sind dreisprachig abgedruckt – Chinesisch sowie übersetzt ins Koreanische und Englische. Der Band beginnt mit dem Gedicht “Singing of the Lone Rock” oder “詠孤石,” verfaßt vom Dharma Master Chong, einem Mönch aus der Zeit des Goguryeo-Königtums, das von 37 vor bis 668 nach unserer Zeitrechnung bestand. Auf dieser Buchseite sieht man die Anlage des Buches, von oben nach unten Englisch, Koreanisch, Chinesisch. Die klassische chinesische Gedichtform besteht aus fünf Wörtern = fünf Silben pro Vers. Die anderen Sprachen, um Ernst Jandl abzuwandeln, „haben da mehr Raum / um geschwätzig zu sein“.
The solitary boulder rises straight up to the heavens
And looks out over the four directions from Placid Lake.
Waves constantly splash around the roots of the stone
As tree branches ceaselessly tremble in the wind.
The stone leans in the waves, immersing its shadow
While an encroaching sunset mist transforms its top to red.
Unaccompanied, it juts up beyond the clustered peaks,
Rising alone amid the white clouds.
Das will ich haben!
So schafft denn jeder Künstler sein Werk, genauso, wie er es erleidet. Weshalb er als ein Anderer seiner selbst nie sicher sein kann, ob er ein Wissender ist oder ein Narr. «Adam [Zagajewski], bitte sagen Sie mir ehrlich, habe ich irgendwann im Leben ein gutes Gedicht geschrieben?», fragt der Nobelpreisträger Czeslaw Milosz den Autor verzweifelt am Telefon. / Andreas Breitenstein, NZZ 9.2.
Birgit Kreipe bildet in ihren Annäherungen die auf Gefäßscherben fragmentarisch überlieferten Verse nach (S. 87). Angelika Janz (S. 89) brilliert mit ihrer Interpretation, indem sie Vorgefundenes ergänzt und damit einer Deutung unterwirft. Kerstin Becker weiß in ihrer dichterischen Antwort auf das Fragment 31 mit einer schönen Zeile zu überraschen: die Zunge stirbt mir im Gehäuse. (S. 46) Eine Besonderheit stellen die beiden Pioniere einer feministisch grundierten Sappho-Rezeption in den 60/70er Jahren des 20. Jahrhunderts, Marylin Hacker und Joan Larkin, dar. Hackers Replik auf eine Mädchenliebe in Fragment 31 findet sich gleich in zweifacher Übersetzung, was Bedeutungs- und Sinnverschiebungen im Prozeß der Übertragung nachvollziehbar macht. (S. 42/43) Hackers Verse dabei frech, zeitgenössisch und nie frivol. Bertram Reinecke geht in seinem Ansatz spielerisch mit der rezeptiven Wahrnehmung Sapphos in der jüngeren Kulturgeschichte um und macht die Mechanismen sichtbar, die den Moden resp. dem Zeitgeist zugrundeliegen, was in der Folge mit der Überlieferung geschieht, aus ihr herausgelöst, weitergetragen, verändert wird. (S. 82/83). Als Kür kann die Abteilung „Alles wird Mond“ betrachtet werden, in der freie Variationen und Interpretationen zu Sapphos wohl bekanntestem Gedicht versammelt sind. In etlichen der Stücke kommt das Gestirn als eines zur Sprache, das entschwunden oder noch nicht aufgegangen ist, das fehlt. Und damit ist gleichsam von ihm als einer Metapher die Rede, die schon des längeren in der deutschsprachigen Dichtung als unzeitgemäß erachtet wird, doch hier in einer spielerischen wie auch (selbst-) ironischen Näherung und Brechung Substanz zurückerhält. Brigitte Struzyk hat die Rückseite des Mondes bemalt, sieht die Verwandlungen, die dessen Licht zeitigt, sich im Traum vollziehen. Marianne Lanz fragt: brauchen wir überhaupt einen/ wir versuchen es mit lampen luxus plänen. Michael Gratz führt spielerisch vor, was herauskommen kann, wenn die Verse mittels der Stillen Post die Filter mannigfacher Übertragung passieren – im Ergebnis ein polyglottes Intermezzo. Und daß in diesem Zusammenhang auch ein Prozeß von Be- und Umschreibungen statthat (seit wann ist eigentlich die Verwendung dieser Begrifflichkeiten in Bezug auf die mündliche Entäußerung nachweisbar?). Martin Piekar weist in seiner Sapphoesie der Dichterin ihren Ort irgendwo zwischen Voll- und Sichelmond zu und Marcus Roloff variiert Sapphos Verse gleich in vier vierzeiligen Nachtgedichten, hier das erste: abgang mond, das/ siebengestirn inkl. 24 h./ alles fließt, aber/ ich liege. / Jayne-Ann Igel, Signaturen
Muse, die zehnte. Antworten auf Sappho von Mytilene. Hrsg. von Michael Gratz und Dirk Uwe Hansen. Dt./altgriech. Greifswald (freiraum-verlag) 2014. 150 Seiten. 14,95 Euro.
Aus 675 Einreichungen hat eine vierköpfige Jury die Sieger des Literaturwettbewerbs Wartholz ausgewählt. Die deutsche Autorin Sara Magdalena Schüller bekam den mit 10.000 Euro dotierten Literaturpreis sowie auch den Publikumspreis.
Schüller, geboren 1982 als Deutsch-Chilenin am Ammersee, studierte von 2003 bis 2009 Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis und arbeitete bei Radio Tonkuhle in Hildesheim. Seit 2010 lebt sie als freie Autorin und Übersetzerin mit diversen Jobs in München und Puerto Natales (Chile).
Beim Wettbewerb überzeugte die Autorin mit ihrem Text-Rap „Keine“ zum Thema Hannah Arendt und Abtreibung, mit dem sie „literarisch gekonnt jene hinterhältigen Tendenzen attackiert, die Frauen wieder auf vorgeblich ‚naturgegebenes‘ Terrain zurückdrängen wollen. Witzig, intelligent und politisch brisant pfeift dieser Text als erfrischender Wind durch eine oft allzu betuliche Literaturlandschaft“. Das stellte die Jury (Ruth Beckermann, Sandra Kegel und Klaus Nüchtern; Stefan Gmünder war krankheitsbedingt verhindert) in ihrer Begründung fest.
Erstmals wurde der „Land Niederösterreich Literaturpreis“ (5.000 Euro) vergeben. Die Jury entschied sich für die aus Prag stammende und in Österreich lebende Autorin Rhea Krcmarova und ihren „zugleich persönlichen wie politischen Text ‚Inselhüpfen‘, der ein engmaschiges Netz an Metaphern auswirft, um den Möglichkeitssinn gegen jene Wirklichkeit zu mobilisieren, die bloß die Tatsächlichkeit auf ihrer Seite hat.“
Über den Newcomerpreis – eine Buchveröffentlichung in der neuen Literaturreihe des Verlags Kremayr & Scheriau – durfte sich Synke Köhler (Deutschland) freuen. Sie las beim Wettbewerb ihre Erzählung „Nachbild“, eine laut Jury „luzide Durchdringung all jener Mechanismen, die Angst vor dem Anderen entstehen lassen. Diesen Stoff, der brisanter nicht sein könnte, bringt Köhler in so humorvolle wie sprachlich überzeugende Bilder.“
Zwei Aufenthaltsstipendien des Bundeskanzleramtes wurden Christian Futscher und Stefan Alfare zugesprochen, die somit den kommenden August als Gäste in Reichenau verbringen werden. Der diesjährige Bader-Waissnix-Stiftungspreis (1.000 Euro) ging an den niederösterreichischen Haiku-Lyriker, Sozialpädagogen und Begründer der „Poesiekinästhesie“, Dietmar Tauchner aus Puchberg am Schneeberg. / orf
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