Schwierige Gedichte?

Charles Bernstein (Jahrgang 1950) ist Dichter, Theoretiker, Herausgeber und Literaturwissenschaftler. Der Harvard-Absolvent und Professor für Englisch und Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of Pennsylvania gilt als einflussreicher Mitbegründer und herausragender Vertreter der „language poetry“. Diese avantgardistische Strömung bildete sich aus der von Bernstein Ende der 1970er Jahre mit herausgegebenen Zeitschrift “L=A=N=G=U=A=G=E“ heraus, einem Forum kritisch-poetologischen Denkens und experimentellen Schreibens.

„Bernstein schlägt in seinen formal avancierten schwierigen und luziden poetischen Texten, die so souverän wie risikoreich mit den literarischen Formen und Genres experimentieren, die unterschiedlichsten Töne an“, urteilt die Jury. Die Poesie Bernsteins umfasse „intertextuelle Montagen, von Dada angeregte Lautgedichte, aleatorisch konzipierte Arbeiten, liedhaft komponierte Stücke, explizit gesellschaftskritische Verse und polemische Interventionen in den Literaturbetrieb“.

Digitale Lyrik

Zu den Buchveröffentlichungen des Amerikaners gehören „My Way: Speeches and Poems“ (1999), „With Strings: Poems“ (2001), „Girly Man“ (2006) und zuletzt der Gedichtband „All the Whiskey in Heaven“ (2011). Bereits Anfang der 1990er Jahre gründete Bernstein im World Wide Web ein Online-Portal für digitale Lyrik. Charles Bernstein, der in Philadelphia lebt, ist ernanntes Mitglied der „American Academy of Arts and Sciences“, eine der renommiertesten Gelehrtengesellschaften der USA.

Ohne begnadete Übersetzer ist internationale Poesie nicht möglich. Als preiswürdig erachtet die Jury zwei Bände, die Teile aus Bernsteins Werk in die deutsche Sprache übertrugen und dabei anstelle einer herkömmlichen exakten Reproduktion des Originalgedichtes andere Maßstäbe wählen, beispielsweise das Übersetzen auch als Um- und Weiterdichten verstehen. Der Auswahlband „Gedichte und Übersetzen“, erschienen im Wiener Verlag Edition Korrespondenzen, wurde von der Gruppe „VERSATORIUM“ herausgegeben, einem Zusammenschluss junger Forscher und Übersetzer um den Dichter Peter Waterhouse. Zugleich geht Münsters Poesiepreis an das Dichterquartett Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler für ihre Leistung in dem zweisprachigen Band „Angriff der Schwierigen Gedichte“ (Luxbooks, Wiesbaden).

Schwierige Gedichte?

Es ist Charles Bernstein selbst, der Mut macht, sie zu lesen: „Lassen Sie sich nicht von dem Gedicht einschüchtern!“ Das schwierige Gedicht wolle häufig provozieren und das sei nur ein Versuch, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Bernstein: „Manchmal verhält es sich so, dass das provokante Verhalten ein Ende nimmt, sobald Sie dem Gedicht Ihre volle Aufmerksamkeit schenken (….)“.

Poesiepreis

Die Stadt Münster vergibt den Poesiepreis für einen Lyrikband und dessen eigenständige und adäquate Übersetzung seit 1993 im Biennale-Rhythmus. Nominiert werden die Preisträger von einer externen Jury. Ihre Mitglieder sind Lyriker und Literaturkritiker Urs Allemann, Literaturkritiker und Herausgeber Michael Braun, Literaturkritikerin Cornelia Jentzsch, Literaturkritiker, Autor und Herausgeber Johann P. Tammen und Literaturkritiker und Herausgeber Norbert Wehr sowie mit beratender Stimme Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson. 2011 wurde aus der bis dahin auf Europa konzentrierten Auszeichnung der Preis für Internationale Poesie. Preisträger 2013 waren der karibische Nobelpreisträger Derek Walcott und dessen deutscher Übersetzer Werner von Koppenfels.

Charles Bernstein wird im Mai nächsten Jahres mit dem Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie ausgezeichnet. Foto: privat.
Charles Bernstein wird im Mai nächsten Jahres mit dem Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie ausgezeichnet. Foto: privat.
Die Jury für den Poesiepreis der Stadt Münster mit Kulturdezernentin Dr. Andrea Hanke (v.l).: Johann P. Tammen, Norbert Wehr, Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson, Cornelia Jentzsch, Urs Allemann, und Michael Braun. Foto: Presseamt Münster.
Die Jury für den Poesiepreis der Stadt Münster mit Kulturdezernentin Dr. Andrea Hanke (v.l).: Johann P. Tammen, Norbert Wehr, Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson, Cornelia Jentzsch, Urs Allemann, und Michael Braun. Foto: Presseamt Münster.
  • Gedichte und Übersetzen. Aus dem US-Amerikanischen von VERSATORIUM und Peter Waterhouse. Edition Korrespondenzen, Wien 2013, ISBN 978-3-902113-97-9
  • Angriff der Schwierigen Gedichte. Aus dem US-Amerikanischen von Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler. luxbooks, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-939557-88-3

Preiswürdige Sprachexperimente – Stadt Münster ehrt Charles Bernstein

Poesiepreis an den US-Amerikaner und zwei Übersetzergruppen / Öffentlicher Festakt am 10. Mai im Erbdrostenhof

Münster (SMS) Nach Ben Lerner 2011 ist es erneut ein US-Amerikaner, den die Stadt Münster mit ihrem Preis für Internationale Poesie ehrt: Charles Bernstein, führender Kopf der „language poets“, erhält die Auszeichnung zum Abschluss des Lyrikertreffens am Sonntag, 10. Mai.
Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe wird im Erbdrostenhof nicht nur dem gebürtigen New Yorker gratulieren: Der mit 15 500 Euro dotierte Poesiepreis geht zugleich an die beiden Übersetzerteams „Versatorium“ um Peter Waterhouse (Österreich) und das deutsche Dichterquartett Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler. Obgleich der Preis schon 1993 ins Leben gerufen wurde – Anlass war das Stadtjubiläum – ist er mit seinem engen Bezug zur Übersetzungsleistung in der Literaturlandschaft immer noch einmalig. Vergeben wird er für die beiden Bände „Gedichte und Übersetzen“ (2013) und „Angriff der schwierigen Gedichte“ (2014).

Interessierte Zuhörer sind zum Festakt – er beginnt um 11 Uhr – willkommen. Sie dürfen sich auf die Sprachexperimente, auf die gewitzten Wortspiele, Lautgedichte, auf Verse, Parodien und Collagen eines Charles Bernstein freuen, der der literarischen Avantgardebewegung, der Language Poetry, zugeordnet wird. „Souverän wie risikoreich“ experimentiere der Dichter und Literaturwissenschaftler aus Philadelphia mit literarischen Formen und Genres, urteilte die Jury. Nicht minder gilt das für die beiden Übersetzergruppen. Auch sie demonstrieren beim Festakt mit Kostproben die Fülle an Möglichkeiten, Bernsteins Gedichte ins Deutsche zu übertragen und zu verstehen.

Zuvor wird Marie Luise Knott die Laudatio halten. Die Berlinerin arbeitet als Journalistin, Herausgeberin und als Übersetzerin. Zurzeit gehört sie dem Vorstand des Deutschen Übersetzerfonds an. 2011 war Knott für ihr Essay über die Denkwege bei Hannah Arendt für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Musikalisch gibt es einen Dialog zwischen Klavier und Klarinette. Die Solisten sind der ungarische Klarinettist Zsigmond Kara, Preisträger der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit GWK, und die japanische Pianistin Hiroko Arimoto. Beide sind Absolventen der Musikhochschule Detmold.

Sehr

Ohne Frage, in Angelegenheiten der Rhythmik, des Reims und der Lautmalerei („schwirren in scharen, im warmen mief,/ wimmeln am schwangeren nil im schilf“ u.s.w.) kann Sina Klein mit jedem Rapgesang und Ringelnatz, mit jedem Morgenstern und Mallarmé mithalten. Auch ihre Metaphern und Bildwelten bezieht sie zum Teil aus dem Fundus der lyrischen Tradition, und nicht selten watet das lyrische Ich knietief durch barock oder schwül-düster anmutende Szenerien, um dann doch neckisch Purzelbaum zu schlagen. Typisch z.B. diese Zeile, die hehr anfängt: „und als der rubin mir fieberschwach“ – um dann sich selbst zu ironisieren: „in den limbus kracht.“
Die Spannweite der Gemütszustände ist sehr, um es august-strammisch zu sagen: mal ballen sich die Texte, mal hängen sie gedankenschwer nach, ab und an verkeilen sie expressiv. Stärke und Vorliebe Kleins sind dabei Kürze, Prägnanz und die kokette, jähe Wendung.
Man steht vor ihren Gedichten ein bisschen wie Eckermann vor den Skizzen und Stichen, die ihm Goethe zur Begutachtung vorlegte – und soll nun immerzu staunend ausrufen: schau diese Ligatur, schau dieses Brunftestück, schau diese Arabeske, wundervoll! Und fast immer runden sich die Gedichte zur kleinen prallen Kugel, die zielsicher auf der Wurfscheibe aufschlägt. / Hendrik Jackson bei Signaturen

Sina Klein: narkotische kirschen. Gedichte. Wien (Klever Verlag) 2014. 102 Seiten. 15,90 Euro.

Zauber der Gestaltung

(…) Manfred Peter Hein neigt mitnichten zum Spiel und zur lockeren Plauderei. Er sondiert die Dichtung wie ein Gestein, um in die tieferen Schichten vorzudringen, zu den Drusen der Erinnerung, den verräterischen Träumen. Doch am Ende ist alles vom seltsamen Zauber der Gestaltung umhüllt, als staune da einer über die Formen, die sich nach unerklärlichen Gesetzmäßigkeiten gebildet haben. Drei Motive kehren dabei immer wieder:

Der Blick. — Meist geschieht die Selbstvergewisserung über den Ort des Dichters durch den Akt des Sehens. Dieser Blick ist zwiefältig, er wendet sich den sichtbaren Phänomenen zu, ist aber genauso sensibilisiert für die Erscheinungen der Imagination. Vieles ist nicht direkt zu sehen, es vermittelt sich nur in Spiegelungen, in Formen, die es zu dechiffrieren gilt. Beinahe wartet man auf ein „dereinst aber von Angesicht zu Angesicht“, hat indessen die Gewißheit, daß dieser Trost ausbleiben muß. In einer Welt voller Schatten sucht Manfred Peter Hein die Lichtrisse und zieht „ihre Konturen nach“, sprechend.

Das Wort. — „Mit Sprache unterwegs / die Auslotung des zündenden / Augenblicks — // oder Anwandlung“. Die Sprache registriert die seismischen Aktivitäten, die die Welt erschüttern; in Schriftzeichen, Hieroglyphen ähnlich, oder auch Notenkonstellationen, zeigen sich die Dinge auf der Folie des Augenblicks, und die Worte übersetzen sie als condicio humana. (…) / Jürgen Brôcan, Fixpoetry

Manfred Peter Hein
Spiegelungen Orte
Gedichte 2010 – 2014
Wallstein
2015 · 128 Seiten · 19,90 Euro
ISBN: 978-3-8353-1599-0

„Die Lyrik blüht? Die Kritik darbt“

Der Umgang mit dem Lyriker Jan Wagner zeigt, dass sich Debattenkultur und konzentrierte Lektüre ausschließen. Dem Feuilleton fehlt das literarische Rüstzeug.

Schreibt Sören Heim bei The European. Zitat:

Quer durch die Feuilletons überwogen oberflächliche, romantisierende Betrachtungen über Dichtung, in denen die Auseinandersetzungen mit Wagner am Text eine, wenn überhaupt, auf wenige Zeilen beschränkte Seltenheit darstellten. Das ging so weit, dass sich zuletzt Michael Braun im Lyrikportal „Poetenladen“ genötigt sah, eine Verteidigung Wagners zu verfassen, die diesen vor dem „vergifteten Lob“ als Naturlyriker in Schutz nimmt. (…)

Insbesondere die von SPIEGEL-Autor Georg Diez geäußerte Kritik, Wagner betreibe eine „Verkitschung der Natur“ weist Braun zurück: „Zarte Naturphänomene“ seien ihm „nie artistischer Selbstzweck, sondern prallen zusammen mit den brutalen Faktizitäten einer mörderischen Lebenswirklichkeit.“

Tatsächlich wirkt Diezens Beitrag wie geschrieben, um zu verdeutlichen, was in der Literaturkritik falsch läuft. Munter reißt Diez Verse aus dem Zusammenhang, assoziiert frei, und attackiert Wagners angebliche Feier der „Landlust und Versenkung, Verklärung“, ohne übrigens zu begründen, warum das inakzeptabel sei (dass er Wagner nachweislich falsch liest einmal dahingestellt). Und er schließt mit einem Rundumschlag gegen alle zum Buchpreis nominierten Texte, „pseudo-kunstvoll“ und „anämisch“ seien diese. Man lernt: Der Rezensent liebt die Literatur wie sein Steak. Möglichst blutig.

Den Lyriker Wagner konfrontiert das Feuilleton in erster Linie mit ganz viel Meinung darüber, worüber ein Dichter zu schreiben habe und worüber eher nicht. Zentrale Fragen der literarischen Komposition – wie nähert sich der Dichter seinem Gegenstand, wie ist das Werk im großen Ganzen, wie in den relevanten Kleinigkeiten strukturiert, Satzbau, Zeilenumbrüche, wie korrespondieren Rhythmik, Melodie, zum Ausgesagten – werden von Diez&Co nicht oder kaum berührt. Das hat Methode. Denn ein wohlabgewägtes, begründetes Urteil ist heute als spießig und autoritär geradezu anrüchig. Noch dazu in den Sphären der Kunst, in der möglichst überhaupt keine Regeln mehr gelten sollen. Empörung und Moralismus gehen dagegen immer.

Neobiedermeier

Bei Signaturen ein polemischer Essay von Jan Kuhlbrodt, Auszug:

Die Antwort auf die vermeintliche Krise des deutschen Films – Die Neue Deutsche Komödie
Die Antwort auf die vermeintliche Krise des deutschen Romans – Das Neue Erzählen
Die Antwort auf die vermeintliche Krise des deutschen Gedichts – Neues Biedermeier

(…)

Aus den Absatzproblemen für Gedichtbände, die zweifellos existieren und auch durch Ausnahmen und dem Aufblitzen einer Scheinöffentlichkeit nicht aus der Welt zu schaffen sind, ergibt sich der Anschein einer Überproduktion. Anschein aber heißt, es scheint nur so, denn die Lyrik entzieht sich volkswirtschaftlichen Begrifflichkeiten. Eine Lyrische Überproduktion führt nicht zu Gedichtbergen oder gar Tränenseen. Wenn Lyriker konkurrieren, dann um die Aufmerksamkeit des Publikums und um Literaturpreise.

Nun ist die Aufmerksamkeit des Publikums für den Lyriker/die Lyrikerin in einem materiellen oder besser monetären Sinne nicht lebensentscheidend, die Verteilung von Preisen und Stipendien zuweilen schon. Und man kann zurzeit anhand der Verteilung von Preisen einen gewissen Trend hin zu einem neuen Biedermeier erahnen. (Preishäufungen sind zum Beispiel bei Jan Wagner und Nadja Küchenmeister zu konstatieren, deren radikalprivatistische Poetiken doch einiges gemeinsam haben.) Denn Preisvergaben bieten den Nachrückenden jüngeren und weniger Selbstbewussten Orientierung. Zwar ist der Gedanke, dass das, was honoriert wird, auch gut sein müsse, einer außerkünstlerisch ökonomischen Denkweise entlehnt, aber er ist zweifellos vorhanden.

Jedoch: Die Kategorien sind in der schändlichsten Verwirrung, lässt Büchner König Peter sagen in seinem Stück Leonce und Lena. Letztlich ein Stück, dass einem der bedeutenderen Nachwuchspreise für deutschsprachige Lyrik den Namen spendierte. Und dieses Stück steht für einen gewissen Ausbruch aus der Biedermeierlichkeit.

Mir ist auch klar, dass ich das Wort Biedermeier hier als Kampfbegriff benutze, ihm also in seiner kulturgeschichtlichen Dimension nicht gerecht werde. Auf jeden Fall würde ich den Vormärz, also Heine und Büchner davon ausnehmen wollen, wenn ich hier Biedermeier sage, dann meine ich konservative und restaurative Tendenzen, Tendenzen also, die letztlich die Basis für die Verleihung  des Preises der Leipziger Buchmesse an einen Lyriker waren, und die Basis dafür, etwas überspitzt formuliert, dass Lyrik von den neuen Kleingärtnern auf dem Tempelhofer Feld wahrgenommen wird.

Quote

Ellen Widmaier schreibt in ihrem Blog:

Gemeinsam mit der Autorin Marianne Brentzel engagiere ich mich im Verein für Literatur/Literaturhaus Dortmund seit einiger Zeit für eine Änderung der Satzung des Literaturpreises der Stadt Dortmund. Der internationale Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund zu Ehren der großen Lyrikerin und Nobelpreisträgerin wurde bisher 27 mal vergeben, doch es sind nur 7 weibliche Autorinnen unter den Preisträgern. Um Chancengleichheit herzustellen, setzen wir uns dafür ein, alternierend unter jeweils weiblichen bzw. männlichen Kandidaten die Auswahl zu treffen.
Nach positiven Vorbereitungsgesprächen scheint sich unsere Vorstellung zur Änderung der Satzung durchzusetzen. Der Verwaltungsvorstand der Stadt Dortmund hat der Änderung zugestimmt, ebenso der Kulturausschuss. Nun erwarten wir mit Spannung den 26. März, an dem der Rat der Stadt Dortmund darüber entscheiden wird.

Aktuell: Zu unserer Freude hat der Rat der Stadt Dortmund mit großer Mehrheit der Satzungsänderung zugestimmt. Vereinzelte Polemik blieb nicht aus und war zu erwarten. Dortmund hat damit den ersten internationalen Literaturpreis, der Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern garantiert. (Gleiche Qualität selbstverständlich vorausgesetzt; bei Büchner- und Nobelpreisträgerinnen in der Nelly-Sachs-Preis-Chronologie wäre es auch grotesk, das zu leugnen …)
dortmund.de berichtet

Prix Goncourt

In Paris wurden am Dienstag drei der Gewinner des Prix Goncourt bekanntgegeben. Der Preis wird jährlich von der Académie Goncourt, bestehend aus 10 Schriftstellern, die nicht Mitglied der Académie Française sein dürfen, für das beste Prosawerk des Jahres sowie in den Kategorien erster Roman, Kurzprosa, Lyrik und Biographie vergeben. Außerdem wählt seit einigen Jahren eine Schülerjury ebenfalls einen Preisträger aus. Der Preis ist nur mit 10 (zehn) Euro dotiert, aber verleiht hohes Prestige. Die übrigen Preise werden am 3. November verliehen.

In der Sparte Erster Roman wird  der algerische Schriftsteller Kamel Daoud für Meursault, contre enquête (Actes Sud) ausgezeichnet. Im Zusammenhang mit dem Roman, in dem es um einen alten, senilen und von Wahnvorstellungen geplagten Gott geht,  erließ der selbsternannte salafistische „Imam“ Abdelfattah Hamadache Zeraoui im vergangenen Dezember eine Fatwa, die zu seiner Ermordung aufruft. Der Roman soll bei Kiepenheuer & Witsch auf Deutsch erscheinen.

Der Preis für kurze Prosa geht an Patrice Franceschi für Première personne du singulier (Points) und der für Lyrik an den Belgier William Cliff für sein Gesamtwerk.

William Cliff wurde 1940 in Gembloux geboren. Sein erstes Buch „Homo Sum“ wurde von der damals noch sehr konformistischen belgischen Öffentlichkeit als Provokation abgelehnt, aber erschien bei Gallimard, schreibt Jacques Franck bei La Libre (Belgien) und nennt Cliff einen großen belgischen Dichter, den Rimbaldistischsten unter ihnen. Außer Gedichtbänden veröffentlichte er Romane sowie Übersetzungen der Sonette Shakespeares und der Danteschen „Hölle“.

Die Welt sprach mit Kamel Daoud

In Marokko kosten meine Romane umgerechnet 17 Euro, was gemessen an der Kaufkraft mehr als 150 Euro für die Käufer bedeutet. Ein Vermögen. Die Bücher der Islamisten dagegen werden gratis verteilt

Kamel Daoud im Gespräch mit der „Welt“

(Im übrigen bin ich der Meinung, daß die deutschen Buchpreiser intensiver über gesonderte Preise für Lyrik, Kurzprosa usw. nachdenken sollten, statt wie bislang gönnerhaft alle Jubeljahre mal einen Gedichtband über die Romane zu setzen)

Kleistpreis für Monika Rinck

Heinrich Detering verleiht den Kleist-Preis 2015 an Monika Rinck

Der Kleist-Preis des Jahres 2015 geht an die Berliner Autorin Monika Rinck. Bekannt geworden ist sie durch Lyrik, Prosa und Essays, durch interdisziplinäre wie intermediale Grenzüberschreitungen, die sie als Meisterin aller Tonlagen zeigen. Rincks Registerreichtum ist so stupend wie ihr Witz. Ihre Texte können alles zugleich sein: virtuos und gelehrsam, berührend und pointenreich, humorvoll und melancholisch. Bekannt geworden ist sie durch Lyrikbände wie „zum fernbleiben der umarmung“ (2007), „Helle Verwirrung“ (2009) und „Honigprotokolle“ (2012). Im März 2015 erschien ihre Essaysammlung „Risiko und Idiotie. Streitschriften“, wiederum bei Kookbooks in Berlin. Monika Rincks Werk wurde mehrfach bereits ausgezeichnet, u.a. mit dem Ernst-Meister-Preis 2008, dem Georg-K.- Glaser-Preis 2010, dem Berliner Kunstpreis-Literatur 2012 und dem Peter-Huchel-Preis 2013.

Der Kleist-Preis wird Monika Rinck am 22. November 2015 in Berlin während einer Matinée im Berliner Ensemble übergeben, die Claus Peymann inszenieren wird. Die Laudatio hält Heinrich Detering, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er hat – als von der Jury der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft gewählte Vertrauensperson – Monika Rinck in alleiniger Verantwortung, der Tradition des Kleist-Preises gemäß, zur Preisträgerin bestimmt. Die Jury des Kleist-Preises bestand diesmal aus Günter Blamberger (Universität zu Köln), Gabriele Brandstetter (FU Berlin), Wolfgang de Bruyn (Kleist-Museum Frankfurt/Oder), Ina Hartwig (Autorin und Literaturkritikerin, Frankfurt/Main), Michael Maar (Autor und Literaturkritiker, Berlin) und Sigrid Weigel (Zentrum für Literaturforschung Berlin).

Der Kleist-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Das Preisgeld geben die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Ministerien für Wissenschaft, Forschung und Kultur der Länder Berlin und Brandenburg. Der Kleist-Preis hat eine lange Tradition. In den zehner und zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden u.a. Hans Henny Jahnn, Bertolt Brecht, Robert Musil oder Anna Seghers ausgezeichnet. Nach der Wiederbegründung des Preises 1985 hießen die Preisträger u.a. Alexander Kluge, Thomas Brasch, Heiner Müller, Ernst Jandl, Monika Maron, Herta Müller, Hans Joachim Schädlich, Martin Mosebach, Gert Jonke, Daniel Kehlmann, Wilhelm Genazino, Arnold Stadler, Sibylle Lewitscharoff, Navid Kermani, Katja Lange-Müller und zuletzt Marcel Beyer.

Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft
DER PRÄSIDENT
Prof. Dr. Günter Blamberger

Das Reale bleibt Bezugspunkt – geht schon mal vor Richtung Torpedokäfer!

Wenn nach all den Abgesängen auf Geschichte, Erzählung und Subjekt, auf Erkenntnismöglichkeit und der definitiven Abkehr aller fortschrittlichen Dichtung von naiver Abbildgläubigkeit noch irgendein lyrischer Realismus möglich ist, dann vielleicht der von Marcus Roloff. In seine Texte ist die Kluft zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem selbstredend eingewirkt, seine Gedichte grundiert das Wissen um die sprachliche Verfasstheit jeden Bildes und jeder Beschreibung. Und doch kann man nicht nur viele reale Szenen und Landschaften, Städte und Situationen wieder erkennen, oft sind die Gedichte ohne ein Grundwissen um die den Landschaften eingelagerte Historie und Atmosphäre nur schwer zu greifen. Das Reale bleibt Bezugspunkt, und damit liegt Roloff ja eigentlich in der Tendenz unserer Zeit, die kleine Revivals des Realismus insbesondere in der Philosophie feiert. Literaturwissenschaftlich sind seine Gedichte in der Tradition Thomas Klings zu verorten, stärker denn je – und das erhärtet natürlich den Verdacht auf eine Engführung von eminentem Sprachbewusstsein einerseits und Bezug zu Geschichte und „Realem“ anderereits.

Wunderbar lakonisch zum Beispiel lässt Roloff in „null uhr null das gedicht“ eine ganze Epoche Prenzlauer Berg-Dichtung zu Ende gehen in nur drei Zeilen: „geht schon mal vor richtung torpedokäfer“ (Anm: einer der bekanntesten und berüchtigtsten Versammlungsorte der Dichter bis in die 90er): „gilben die jahre die wände fangen zu/ reden an von schnee überm bierglas.//“

(…)

Wenn es zum Beispiel heißt „der winter verklemmt mir die Ufer“, so ist das nicht so sehr expressionistisch gemeint, als konkret: der Zugang zu den Ufern ist unter Schnee schwerer zugänglich und „der lieps und die gräser liegen im restgrün wie unter milchglas“. Und doch steigt so eine Schwere aus den Gedichten, die gleichsam von der Landschaft herkommt: „bricht das land von den rändern herein“ (…) „während von hier aus ich noch versuche// einen fuß in seine richtung zu setzen“ – endet das Gedicht dorfweg mit waldrand.

Gedichte wie frankfurtsermon lassen stärker den Kling anklingen („geludertes/ schrittfürschritt durch den kaisersack“), doch wurde es nicht geradezu Zeit, dass endlich wieder jemand, und zwar aus größerem Abstand, an diesen Meister anknüpfte? (Zum Thema der „Nachfolge“ passten die roloffschen Zeilen: „eine zeitlang dachte ich die codes wären/ geknackt, aber das programm ist veraltet“ – sprich: es muss neu geschrieben werden). Auch Roloff weiß unseren Alltag und all das, was für gewöhnlich in Gedichten selten auftaucht, das Hässliche und Nebensächliche, wieder hereinzuholen in die Beobachtung. Genau hinzuschauen, statt auszublenden, ist seine Stärke – in den Zeitschichten buddelt er ohnehin. Gerade das Graufarbene und Nüchtern-Expressive seiner Zeilen atmet eine spezifisch deutsche Atmosphäre. Jedenfalls kann ich mir seine Lyrik in keinem anderen Land vorstellen; sie hat, so unpathetisch sie sich zuweilen gibt, etwas fast bobrowskisch Zersiedeltes und ermöglicht bei aller Derbheit einen ruhigen, leicht schwermütigen Blick auf Themen wie eine möbelfabrikpappeln um stendal, natürlich auch hiddensee oder den henninger turm und zu guter Letzt sappho (alles Gedichttitel). Und zwischendurch wunderbare Satzteile wie „du ruderst/ in die hinterste schmalzluft (ecke)“ oder „zypriotische schwere des/ lichts“ – die einen auch zu den kryptischeren Zeilen Roloffs (etwa „lava des juweliers/das scholastische vieh im/ dissimetrischen moos (…)“) immer wieder zurückkehren lassen. / Hendrik Jackson, Signaturen

Marcus Roloff: reinzeichnung. Gedichte. Heidelberg (Der Wunderhorn Verlag) 2015. 80 Seiten. 17,80 Euro.

Wir Hybriden

Als „semiotische[r] / singsang“ beschreibt er beispielsweise das Zwitschern der Vögel, ein Bild, dessen Tragweite wohl nicht jeder Leser ohne weiteres erfassen kann. Da die fachsprachlichen Termini allerdings hauptsächlich einzelne Bilder in den Gedichten verstärken, bleiben die Gedichte dennoch zugänglich, ohne etwa abgehoben zu wirken.

Wahrnehmungen, die jedem bekannt sind, setzt Skudlarek somit in neue, der Lyrik bisher noch unbekannte Bilder um – wie beispielsweise der Wechsel der Jahreszeiten in dem Gedicht „als karnivorer winter“: Hier klingt der Herbst „höchstens noch als schwache resonanz“, während „im november die erste testphase abgeschlossen“ ist. An anderer Stelle wird ein grauer Wintermorgen metaphorisch als „ein blue screen über der stadt“ eingefangen. Wer schon einmal solch einen Blue Screen nach einem kritischen Systemabsturz auf seinem Computerbildschirm erlebt hat, weiß sich in diese fatale Situation hineinzuversetzen. Die Metaphern hinken bei Skudlarek keinesfalls, sie treffen unmittelbar den Kern unserer Gegenwartserfahrung. Durch sie entsteht oft ein ernster Ton, warnend vor der Entmenschlichung und der Entfremdung von der Natur. Der Gegensatz Mensch-Maschine wird bei Skudlarek gänzlich aufgehoben und die Menschen werden zu hybriden Wesen. Bei Kälte schrauben die unbekannten Akteure eines Gedichtes ihre „körper / temperaturen“ herunter. Die Körper werden zu Maschinen, zu „karosserien aus fleisch / und kunstblut“. Das Cover und die Illustrationen, die von der Lyrikerin Simone Kornappel stammen, unterstreichen diesen Konflikt. Es sind hauptsächlich Collagen, die alte Schwarzweißfotographien von Männern und Frauen in verkabelte, skurrile, andersartige Umgebungen setzen. Die Körper sind teils verformt, tragen bizarre Auswüchse auf dem Kopf oder an den Beinen. An dieser Stelle kommt die existenzielle Frage auf, wer oder was die Menschen, was wir, eigentlich sind. Skudlareks Antwort darauf beschreibt das unendlich Komplexe unseres Inneren mit den einfachen, aber treffenden Worten „wir sind auch nur touristen in unseren körpern“. / Isabel Steinmetz, literaturkritik.de

Jan Skudlarek: ELEKTROSMOG. Gedichte.
luxbooks, Wiesbaden 2013.
100 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783939557746

Preise des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft

Nino Haratischwili erhält den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2015, Poesiepreis für Judith Zander

Die Autorin Nino Haratischwili erhält den mit 20.000 Euro dotierten Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2015.

Der Jury, die unter Vorsitz von Nina Hugendubel in diesem Jahr in der Literaturwerkstatt Berlin tagte, gehörten an: Dr. Thomas Wohlfahrt (Literaturwerkstatt Berlin), Michael Hametner (MDR Leipzig), Prof. Dr. Hansgeorg Schmidt-Bergmann (Literarische Gesellschaft Karlsruhe), Regina Dyck („poetry on the road“, Bremen) sowie Unternehmerpersönlichkeiten und Mitglieder des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft.

Juryvorsitzende Nina Hugendubel über die Entscheidung für die Literaturpreisträgerin 2015: „Mit Nino Haratischwili wird eine starke Stimme ihrer Generation ausgezeichnet. Sie beweist in ihren Büchern einen meisterlichen Umgang mit der deutschen Sprache.“

Der Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ist einer der höchstdotierten deutschen Literaturpreise in der Sparte Prosa, der jährlich an einen deutschsprachigen Autor vergeben wird. Zu den Preisträgern in der über 60-jährigen Geschichte des Kulturkreises zählen u. a. Heinrich Böll (1953), Ingeborg Bachmann (1955), Thomas Bernhard (1967), Elias Canetti (1971), Christoph Ransmayr (1986), Daniel Kehlmann (1998) und Tilman Rammstedt (2009).

Der Poesiepreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2015 geht an Judith Zander.

Jurymitglied Dr. Thomas Wohlfahrt (Literaturwerkstatt Berlin): „Ihr 2. Gedichtband „manual numerale“ weist Judith Zander einmal mehr als hervorragende Lyrikerin aus, die mit Sprache formstreng wie spielerisch so umzugehen vermag, dass der Leser/Hörer erstaunt vor den Möglichkeiten der eigenen Sprache verharrt: Hohe Dichtkunst eben…“

Der Preis wird im Rahmen der Jahrestagung des Kulturkreises am 10. Oktober 2015 in Karlsruhe verliehen.

Mehr

Im Verborgenen

Einen Großen, weithin Gerühmten und zugleich die Entdeckung eines lange unbekannten Dichters gibt es zu melden – mit „Im Verborgenen“ in der Nachdichtung von Jorgos Kartakis und Jan Kuhlbrodt legt das junge und hochambitionierte Berliner Verlagshaus J. Frank eine aufsehenerregende Auswahl aus dem Werk Kontantínos Kaváfis’ vor, die es so in deutscher Sprache noch nicht gegeben haben dürfte. (…)

Als „Diskretesten unter den Riesen“ bezeichnet Ricardo Domeneck in seinem Nachwort den Weitgereisten, der 1933 zum Sterben in seine und zugleich die Geburtsstadt Ungarettis zurückkehrt – alle Texte, die Kaváfis seiner homosexuellen Neigung widmet, sind dazu verdammt, „Im Verborgenen“ zu bleiben.

„Heute Nacht hatte ich die Idee, über meine Liebe zu schreiben. Allerdings werde ich es nicht tun. Wie viele Vorurteile gibt es gegen sie! Ich habe mich von ihnen befreit, aber ich denke an die, die immer noch von Vorurteilen versklavt sind, in deren Hände diese Seiten eines Tages fallen werden“, so der Dichter in seinem Tagebuch vom 9. November 1902. Und, nachgesetzt: „… ich halte mich zurück.“ In seinen Gedichten leuchten die Worte, die die Sehnsucht und Misere des Umgangs damit beschreiben und, anders als viele andere homosexuelle Künstler der Zeit, ihr Heil nicht in der Verbrämung einer ‚goldenen‘ Zeit in der Vergangenheit suchen, sondern in einer aufgeklärteren künftigen Epoche. / André Schinkel, Fixpoetry

Konstantínos Kaváfis
Im Verborgenen
Übersetzung:
Jan Kuhlbrodt · Jorgos Kartakis
Illustration: Anja Nolte. Nachwort: Ricardo Domeneck
Verlagshaus Berlin
128 Seiten · 14,90 Euro
ISBN: 978-3-940249-13-5

Ingolds Einzeiler

Auf die Nacht genau verschlaufen sich Name und Bin. Männchen wie Weibchen sind – jedes einzeln – zu rufen.

Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr

Muss man alles erklären?

Der Lyrikabend in der Offenburger Buchhandlung Akzente im Rahmen der Wortspiel-Reihe ist zur festen Tradition geworden. In diesem Jahr hat der Hausacher Schriftsteller José F. A. Oliver die in Berlin lebende Dichterin Ann Cotton eingeladen. Die gebürtige Amerikanerin, die in Wien aufwuchs, wurde im vergangenen Jahr mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet, der an Deutsch schreibende Schriftsteller vergeben wird, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist.

Ihre jüngste Publikation mit dem Titel „Der schaudernde Fächer“ (2013) veranlasste Oliver zu Beginn des Gesprächs vor vollem Haus zu einem Exkurs über die Fächersprache, mittels derer Frauen Männern die Bereitschaft zur Kommunikation mitteilten, je nach Grad der Öffnung des Fächers. In diesem Band gehen Prosa und Poesie ein enges Verhältnis ein, was Oliver zu der Frage führte, wann die Autorin Prosa und wann sie ein Gedicht schreibe. Cottons Antwort: Es gebe diese Unterscheidung für sie nicht, da Gedichte auch Alltagssprache annehmen könnten. Die Form zu suchen, sei eine sekundäre Frage. Für ihre erste Publikation „Fremdwörterbuchsonette“ habe sie das Sonett als Methode näher kennenlernen wollen. Später wird sie drei Sonette zu Gehör bringen, in der zu einem Stichwort aus dem Fremdwörterbuch eine Szene aus dem Alltag hinzukommt.

Ob Gedichte zu hermetisch seien, will Oliver wissen. „Muss man alles erklären“, lautet die Gegenfrage. Eine Diskussion wolle sie anzetteln, so die Autorin, in deren Antworten sich Ungreifbares und Prägnantes mischt. / Susanne Ramm-Weber, Badische Zeitung