Gestorben

Der ägyptische Dichter Abdel Rahman al-Abnoudi starb am Sonntag Ortszeit in einem Militärhospital in Kairo im Alter von 76 Jahren an den Folgen einer Operation.  Er wurde besonders für die Zusammenstellung eines Epos über den mittelalterlichen arabischen Helden Abu Zeid al-Hilali bekannt. 35 Jahre lang sammelte er die Gedichte des Epos in Ägypten, Tunesien, Marokko und Saudi-Arabien und veröffentlichte sie in zahlreichen Bänden.

Berühmt wurde Abnoudi für seine Gedichte in ägyptischem Dialekt und für Texte für populäre Chansons und patriotische Lieder. / culturebox.fr

Abderrahmane Al Abnoudi est, avec Ahmed Rami et Abdelwahab Mohamed, le plus grand parolier, poète lyrique contemporain égyptien de la deuxième moitié du XXe siècle. Il a écrit pour des noms connus de la chanson arabe, à l’image de Warda El Djazaïria, Faïza Ahmed, Abdelhalim Hafez, Mohamed Rochdi, Majda Al Roumi, Naget Al Saghira, Mohamed Mounir,  Chadia et Sabah. Il a également collaboré avec l’illustre cinéaste Youssef Chahine pour des films, comme il a écrit des dialogues et des scénarii de plusieurs longs métrages.

Ses recueils les plus célèbres sont Al zahma (L’embouteillage), Al foussoul (Les saisons), Ana ou nass (moi et les gens), Samtou al jaras (Le silence de la cloche) et Al machroue ou al mamnoue (Le permis et l’interdit), Yamna (Le nom de sa tante), Rassayel al ousta (Les lettres d’El Ousta) Ya oumma qomi (Nation soulève-toi), Al mawtou ala asphalte (La mort sur l’asphalte) sont des poèmes qui ont eu un grand succès. La force de Abderrahmane Al Abnoudi réside dans l’utilisation de l’arabe populaire dans ses textes. Des textes inspirés en grande partie de la simplicité de la vie rurale d’Al Saïd. / El Watan (Algerien)

Poetopie

Nacht für Nacht poltern schwere Güter auf Zügen durch unseren leichten Schlaf

Hansjürgen Bulkowski

Neuropoesie

Bodenlos? Verwurzelt? Wie ein Stern?

Versuch einer Rezension der Neuropoesie
Von Pier Zellin (LDL-Pressesprecher)

Tom de Toys ist kein intellektualer Metaphoriker, wie sie in der zeitgenössischen Lyrikszene häufig anzutreffen sind. Er meint alles wortwörtlich so, wie er es schreibt. Und da seine Gedichte ins Mystische hineinreichen, erweist sich sein Ansatz der sogenannten „Direkten Dichtung“ als ein Wagnis, das er aber schon 1993 im Gedicht „MYSTISCHES WAGNIS“ leichtfüßig bewältigt, wenn es da heißt: „zermalmt / im weißen loch / der seele und … die erdenzeit beginnt / zu leuchten“. Was da im Werkquerschnitt mit 90 ausgewählten Gedichten zermalmt wird, ist die Illusion des Ich, von der Alan Watts einmal sprach. Zwischen dem Auftaktgedicht „KONTAKT“ von 1989 mit den Zeilen „zwischen zwei körnern / staub / schritte im meer“ und der Variation desselben Themas in den Zeilen „tiefgang findet sich nicht / in den dingen / sondern zwischen ihnen“ im finalen Gedicht „WEXELWIRKUNG“ von 2015 finden wir eine klare, unverschnörkelt spirituelle Sprache für esoterische Bewusstseinszustände, die das Paradoxe nondual überwinden. Auf den Punkt gebracht ist das in „NULLPUNKTEN“ von 2011 mit den Zeilen „ist das nicht der wahnsinn / ALLES IST DA / und wir sind mittendrin“ oder auch schon 2005 in der „ÜBERGRÖßE“ (siehe Advaita-Ausgabe des Magazins „connection spirit“), wenn es heißt: „du mußt nicht glauben / um die welt in ihrer vollen größe / zu erkennen du / mußt nicht denken und / noch nicht einmal verstehen / du darfst einfach / so erleuchtet sein“. Dieser Gedichtband ist ein ekstatischer Bewusstseinsritt von der ersten bis zur letzten Zeile. Manche Stellen erinnern mich an Hans Arp, andere an Ernst Meister. Und durch alle Gedichte weht der Wind des „Lochismus“, der mir mit Zen und Taoismus verwandt zu sein scheint. De Toys hat seinen ganz eigenen und eigenwilligen Stil, sein Ton trifft direkt in die Seele, ohne die Umwege einer blumigen Bildersprache zu bemühen. Seine Poesie ist psychologisch und transpersonal. Nach der Lektüre ist mir das Gedicht „GOTTLOSES GEBET“ so klar, dass ich lachen muss: „es gibt kein nirgendwo / zum flüchten der / bezugspunkt liegt / im absoluten / jetzt“. Mehr lässt sich kaum dazu sagen, ich fühle mich selber jetzt „BODENLOS VERWURZELT WIE EIN STERN“. Ausnahmelyrik!

Tom de Toys: BODENLOS VERWURZELT WIE EIN STERN
– 90 Gedichte für Freigeister 1989-2015,
108 Seiten, BoD Verlag 2015, 18 Euro, ISBN 9783734775215
http://www.amazon.de/Bodenlos-verwurzelt-wie-ein-Stern/dp/3734775213
Leseprobe: www.überweltigt.de

Die Geschichte offenhalten

Ingar Solty/Enno Stahl: Die Geschichte offenhalten. Statt angesichts der herrschenden Verhältnisse zu verzagen, sollte sich die Literatur auf ihre Stärken besinnen

by Ingar Solty

Seit gut einem Jahr wird im deutschsprachigen Raum wieder über die Rolle der Literatur in der Gesellschaft diskutiert. Florian Kessler wies in der Zeit auf den Zusammenhang zwischen literarischem Erfolg und sozialer Herkunft der Autoren hin, was schnell in eine ebenso grundsätz­liche wie vage Debatte über die Qualität oder Nicht-Qualität der deutschen Literatur abdriftete. Die gesellschaftlichen Implikationen dieses Vorstoßes, den auch andere Autoren flankierten, wurden – speziell vom Großfeuilleton – bewusst ausgeklammert oder sogar strikt negiert. Eher binnenästhetisch motiviert war der… / Download bei academia.edu (Link oben) – man muß sich anmelden, aber es lohnt sich, gibt dort viel…

„ich will verstanden werden / nur von dir nicht“

I want to be understood,
just not by you

(aus Ch. Bernstein: Me and my Pharao)

Bernstein ist Jahrgang 1950, einer der führenden Protagonisten der L=A=N=G=U=A=G=E-Poetry, die nach einer von ihm zusammen mit Bruce Andrews gegründeten Zeitschrift benannt wurde. Er wurde inzwischen Professor, lange im Clinch sowohl gegen die Abwehr als auch gegen die Umarmungen des Establishments und ist einer der bekanntesten avantgardistischen Dichter Amerikas (soweit die eben bekannt sind). Das ist einerseits Drang und andererseits auch seine Begabung, er ist virtuoser Poet, eloquenter Redner, begnadeter Essayist und ein unterhaltsamer Performer von  Texten.

Und es war für ihn keine leichte Übung, einen nicht bereits besetzten Flecken zu finden, wenn man sich ein Land vorstellt, in dem Gertrude Stein ihr Unwesen getrieben hatte, in dem die Beat-Generation ihre poetischen Arbeiten hinausgeheult hatte und andererseits die zweite Welle des Modernismus mit Frank O’Hara und Ashbury sich bereits etablierte.

(…)

Kann man denn das verstehen, was er schreibt? An dieser Frage scheiden sich die Geister, denn sie impliziert, dass der Fragende schon weiß, was verstehen ist, z.B., dass die Pflastersteine in ein säuberliches Mäuerchen eingesetzt werden, hinter dem das Ich sich wohl und sicher fühlt, wie ein Gartenzwerg auf seinem Rasen. Von diesem Ich, These, will Bernstein nicht verstanden werden, das ist das ‚not by you‘ aus dem Motto oben.

Was er an die Stelle der Konvention setzt ist – in meinen Augen – von sehr unterschiedlicher Qualität, experimentelles Schreiben enthält keine Erfolgsgarantie.  Aber Bernstein war immer ein virtuoser Sprachspieler, dessen Sätze oft krude Mischungen aus dem Wortschatz der Hochgebildeten mit Alltagswendungen sind, die nur selten da einrasten, wo der übliche Wortgebrauch es erwartet, häufig klangliche Übersprünge in den ‚falschen‘ Kontext vollziehen – immer herausfordernd und nie platt.

Die Auswahl von 35 Pflastersteinen Bernsteins, die Luxbooks 2014 in seiner Americana Reihe letztes Jahr ausgekippt hat, können jedenfalls als Schule zur Entwicklung lyrischer Trittsicherheit dienen. / Franz Hofner, Fixpoetry

Charles Bernstein
ANGRIFF DER SCHWIERIGEN GEDICHTE
Aus dem Amerikanischen von Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette u. Mathias Traxler
Luxbooks
2014 · 380 Seiten · 29,80 Euro
ISBN: 978-3-939557-88-3

Das Gewicht der Poesie

in der französischen Ökonomie.

Trotz der Vorherrschaft des Romans bleibt die Lyrik lebendig mit neuen Stimmen, die versuchen sich Gehör zu schaffen in Theater, Lesung, Arbeit mit Kindern und den Initiativen des Printemps des poètes.

„Demain dès l’aube, à l’heure où blanchit la campagne, je partirai“ (Morgen, in der Dämmerung, wenn die Landschaft weiß wird, werd ich gehn – Victor Hugo); „les sanglots longs des violons de l’automne blessent mon coeur d’une langueur monotone“ (Die langen Schluchzer herbstlicher Geigen verwunden mein Herz mit monotoner Sehnsucht – Verlaine); diese und viele andere Verse schwingen in unseren Kindheitserinnerungen mit, aber könnten wir einen lebenden Dichter zitieren?

(…)

Auf Theater und Lyrik zusammen entfielen 2013 0,3% der verkauften Bücher, sagte das Syndicat national du livre (SNE). „Das ist ein kleines Marktsegment mit kleinen Verlagen, die durch Subventionen des Centre national du livre (CNL – Nationales Buchzentrum) am Leben erhalten werden, erklärt Christine de Mazières vom SNE.

„Zum Glück ist das ein gestützter Sektor!“, ruft Zéno Bianu aus, denn „er hat nicht das gleiche Maß an Sichtbarkeit“. / challenges.fr

Vor 40 Jahren starb Rolf Dieter Brinkmann

Sein Prosadebüt „In der Grube“ 1962 kommentiert Rolf Dieter Brinkmann so: Die „Hauptperson“ werde „aufgesaugt von einem Allgemeinen, das sie zu benennen versucht.“ Einem unbestimmten, allgegenwärtig Herrschenden schreibend zu widerstehen, es zu durchbrechen, ohne in dessen Bannkreis zu geraten: In dieses Spannungsfeld sieht sich der Dichter von Beginn an versetzt. Das Bedrohliche geht für ihn von der gesamten europäischen Zivilisation aus. Seine vehemente Kritik an ihr führt Brinkmann früh dazu, die Grenzen der Schrift zu überschreiten und zu intermedialen Darstellungsmöglichkeiten zu greifen.

Brinkmann strebt eine Befreiung von der etablierten Literatur an, die er als „Angstszene“ empfindet. Seine Absicht war es „von Anfang an“, wie er in einem der postum publizierten Briefe an Hartmut Schnell, den er während einer Gastprofessur in Austin im Frühjahr 1974 kennenlernt, vermerkt: „gegen den Begriff Gedicht mit meinen Gedichten zu schreiben, gegen Gedichte als elitäre Kunstprodukte“. / Hartmut Cellbrot, Badische Zeitung

Am 26. April findet im Kommunalen Kino Freiburg eine Gedenkveranstaltung für Rolf Dieter Brinkmann statt. Um 17 Uhr diskutieren Klaus Theweleit und der Filmemacher Harald Bergmann, um 19.30 Uhr wird der Film „Brinkmanns Zorn“ gezeigt.

Poems of Afghan Women

A new poetry collection connects Herat, Afghanistan, to Duluth, Minn., proving that poetry transcends geography and culture.

„Load Poems Like Guns,“ edited and translated by former Air Force officer Farzana Marie, is made up of poetry by eight young Afghan women from Herat. This ancient city on the western edge of Afghanistan near Iran has been the heart of literature and arts since the 1400s.

The collection is published by Jim Perlman’s Duluth-based Holy Cow! Press.

„Poetry is central to people’s lives in Afghanistan,“ Marie told an audience at St. Paul’s SubText bookstore recently. „Poetry thousands of years old is on people’s tongues and minds. Even illiterate people can recite vast amounts.“

Marie is passionate about this book because „access to the work of poets living and writing in Afghanistan is vital to a more complete understanding of contemporary literature.“ / twincities.com

Der perorierende Gimpel / schamlos

Auch ein Netzfund:

Genießbar nur mit Cumberlandsauce – Zu Durs Grünbeins Gefährliche Absenzen (FAZ 19.03.2015)

„Früher half die Religion mit ihren Lehren von Hoffnung auf Belohnung und Angst vor Strafe die Struktur der Gesellschaft zu erhalten. Infolge ihres Niedergangs ist die soziale Angst mit ihrem quälenden Affekt der Scham für die Erhaltung einer zivilisierten Gesellschaft wichtiger geworden als das Gewissen des Einzelnen. Sobald sich das Schamgefühl verringert oder auflöst, wird der die Gesellschaftsstruktur zusammenhaltende Kitt zum Abbröckeln neigen.“ (Henry Lowenfeld, Einige Bemerkungen über Schamlosigkeit. in: PSYCHE  10 /1977  S. 905)
„Voller Gemurmel steckt jeder. Eine Tonne, randvoll“  (Grünbein, ibid.)

Regenwassertonne?  „heute hüpft im Frühlingstanz
                                            noch froh der Knabe;
                                            morgen weht der Totenkranz
                                            schon auf seinem Grabe.“ (Hölty)

Aus den Akten des Ferienseminars der Universität Bockwurst

Sexismus im Literaturbetrieb

Wer im deutschen Literaturbetrieb das Thema Sexismus angeht, muss schlimme Erfahrungen machen. Dana Buchzik berichtet in der taz. Auszug:

Als man mir anbot, für die Welt einen Artikel über die männlich dominierte Longlist des Buchpreises 2014 zu schreiben, war ich überzeugt, gegen etwaige Shitstorms gut gerüstet zu sein. Es würde ausreichen, den Blick in den Kommentarspaltenabgrund zu vermeiden, glaubte ich. Das tatsächliche Ausmaß der Beleidigungen und Drohungen, auch seitens Kollegen, das dem Text folgte, hat meinen Blick auf das Feuilleton und seine Debattenkultur dann sehr verändert. (…)

Einer jener etablierten Kritiker schrieb anlässlich meines Textes, er könne „im Absurditätsgrad der Behauptungen: ,Im Literaturbetrieb werden Frauen unterrepräsentiert und diskriminiert‘ und ,Die Erde ist eine Scheibe‘ keinen Unterschied erkennen“. Ein Schelm, wer die Tatsache, dass ebenjener Kritiker für Zeit.Online 6 Werke weiblicher Autoren und 48 Werke männlicher Autoren besprochen hat, voreilig Unterrepräsentation nennt! (…)

Die Reaktionen auf meinen Artikel waren wie aus dem Klischeebilderbuch abgepaust. Mich erreichten zahllose Nachrichten und Erklärungen von Männern, auch Journalistenkollegen, die behaupteten, dass mein Artikel jeder Wahrheit entbehre und nur gedruckt worden sei, weil die armen Verleger auf ihre Reichweite aufpassen müssten. Oder sie gingen gleich dazu über, persönlich zu werden: Von einem Mitglied der Buchpreisjury richtete man mir aus, dass ich mich vorsehen solle und dass ich schon sehen werde, was bei so einem Verhalten herauskomme. Man drohte mir, mich fertigzumachen. Man könne mich ganz leicht öffentlich diffamieren. Mir Steine in den Weg legen. Meine Karriere beenden, ehe sie überhaupt begonnen habe.

Ich schätze viele dieser Kollegen nach wie vor; es sind kluge, feinsinnige Menschen. Um ihre Ausfälle nachvollziehen zu können, muss man vor allem begreifen, dass im Literaturbetrieb Konkurrenzkampf nicht unbedingt auf der Leistungsebene stattfindet.

American Life in Poetry: Column 519

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Many of us have built models from kits—planes, ships, cars. Here’s Robert Hedin, a Minnesota poet and the director of The Anderson Center at Tower View in Red Wing, trying to assemble a little order while his father is dying.

Raising the Titanic

I spent the winter my father died down in the basement,
under the calm surface of the floorboards, hundreds

of little plastic parts spread out like debris
on the table. And for months while the snow fell

and my father sat in the big chair by the Philco, dying,
I worked my way up deck by deck, story by story,

from steerage to first class, until at last it was done,
stacks, deck chairs, all the delicate rigging.

And there it loomed, a blazing city of the dead.
Then painted the gaping hole at the waterline

and placed my father at the railings, my mother
in a lifeboat pulling away from the wreckage.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Robert Hedin from his most recent book of poems, The Light Under the Door, (Red Dragonfly Press, 2013). Poem reprinted by permission of Robert Hedin and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

Netzfund

Bildschirmfoto 2015-04-25 um 06.51.29

Verstehe ich richtig?  Ich habs mal von Bing übersetzen lassen, aber sie wollten sich nicht festlegen:

die Armeen von Jesus marschieren entlang
der Armeen von Jesus töten alles falsch
Lob das Blut von Jesus He es für uns vergossen werden
sein ein guter Soldat und schützen Götter als

Aber He! Gegenprobe bei Google ergibt auch nicht viel mehr Klarheit:

Die Armeen von Jesus entlang marschieren
Die Armeen von Jesus töten alles falsch
Lobet das Blut Jesu Er vergossen für uns
Seien Sie ein guter Soldat und Schutz Gottes ass

Hmm. Google-Suche nach „Jesus ass“ führt zur Bibel:

Tell ye the daughter of Sion, Behold, thy King cometh unto thee, meek, and sitting upon an ass, and a colt the foal of an ass.
– King James Bible „Authorized Version“, Cambridge Edition

Worauf saß Jesus, als er nach Jerusalem ritt? „upon an ass, and a colt“. Alles klar? Nein. Was sagt denn Luther dazu? Matthäus 21,2:

und reitt auff einem esel / und auff einem füllen der lastbaren eselin

Aber wieso reitet er auf einem Esel und einem Fohlen? Um das zu verstehen, muß man sich an die Theologie wenden. Die berichtet, daß 1. Matthäus an der Stelle beglaubigen will, daß Jesus der in der hebräischen Bibel angekündigte Messias ist – denn die Formel von Esel und Füllen kommt beim Propheten Zacharias 9,9 vor; und 2. daß Matthäus das Hebräisch des Alten Testaments mißverstanden hat und eine poetische Wiederholungsformel auf zwei Tiere verteilt. Das Original sagt eigentlich, der König reitet auf einem Esel, dem Fohlen der Eselin nach Jerusalem. Wenn man nichts versteht, muß man eben schmissige Lieder singen, alle Falschen töten und Gott den Arsch retten.

Gothic

Es ist alles nachvollziehbar, aber es ist auch immer ein bisschen strange. Den Duktus des Märchenhaften, des Folklorischen, auch Mythischen nehmen diese Gedichte häufig auf: »Von meinen siebenundneunzig früheren Leben / weiß ich nur noch zwei: // Ich war Kiesel in einem Flussbett / dicht am Polarkreis […] // Dann hatte ich eine Eisenwarenhandlung / in einem Vorort von Birmingham— […] // Dem Kiesel der ich nicht mehr bin / rinnen Tränen übers Gesicht« (Steinherr: Licht). Eine übernatürliche Macht ist hier im Spiel, dunkel, rätselhaft. Man gewinnt den Eindruck, man sei inmitten eines Gothic Novels der schwarzen Romantik. / Paul-Henri Campbell, Fixpoetry

Ludwig Steinherr
Nachtgeschichte für die Teetasse

Lyrikedition 2000
2015  ·  124 Seiten  ·  19,90 Euro
ISBN: 978-3-86906-695-0

Cognac & Biskotten

Der Tiroler Literaturclub Cognac & Biskotten präsentiert am Freitag, 24.4.2015, die 37.Ausgabe seines Literaturmagazins zum Thema „Armut“ im Rahmen von „Innsbruck liest 2015“. Die Zeitlos hat Chefredakteur Thomas Schafferer getroffen, um die Hintergründe der neuen Ausgabe der „Literarischen Straßenzeitung“, die als Beilage des 20er erscheint, zu erfahren.

Was zeichnet Cognac & Biskotten besonders aus?

Das Magazin sieht jedes Mal anders aus, sprich das Trägermedium worauf die Texte abgedruckt werden, ändert sich. Gerade unsere kombinierende Verbindung von Thema, Format und Präsentationsort ist, wie ich vermute, wohl weltweit einzigartig. Unser Gesamtkunstwerk soll aber immer auch einen Alltagsbezug haben. Wir verwenden daher auch Alltagsgegenstände, wie Plastiksackerln oder Lineale als Trägermedien und veranstalten an Orten, die nicht per se mit Literatur zu tun haben, aber dafür mit dem Alltag der Menschen zu tun haben.
Die spektakulärste Ausgabe unseres Magazins wurde unter dem Motto „Haltestellen & Lebensläufe“als „Die literarische Straßenbahn“ realisiert, die ein halbes Jahr durch Innsbruck und ins Stubaital gefahren ist.

Hermlin und Trakl

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 674 • 25 . April 2015

von Walter G. Goes (ARTus) • Bergen auf Rügen

Zum 100. Geburtstag des Dichters Stephan Hermlin

ARTus-Z- 674 Hermlin
Zeichnung: ARTus

 

Dem Dichter Stephan Hermlin (13.4.1915–6.4.1997) bin ich bis heute zu großem Dank verpflichtet. Das im Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1975 verlegte kleine Trakl-Bändchen, versehen mit einer Auswahl von Gedichten des in der DDR bis dato arg vernachlässigten Autors, war ihm, Hermlin, zu danken.

Er war es, der den kulturpolitischen Zensuraposteln immer wieder Tabu-Autoren wie Joyce, Proust, Nietzsche und eben auch Georg Trakl abtrotzte, der unentschuldbare Literatur-Versäumnisse der schmählich agierenden Zensur entriss, so gesehen für die Leser in der DDR zugänglich machte.

Der mir damit legal vorliegende 120-Seiten-Band mit der Nummer 614 aus Reclams Universal-Bibliothek wurde zu meiner unentbehrlichen Tag- und Nachtlektüre und bildete alsbald die Vorlage für das an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee einzureichende Diplom. Ich las betroffen Gedichte, die universale Bilder des Krieges, Bilder des Verfalls aufscheinen ließen und die doch auch uns, immer noch… als Schatten einholten.

Im Nachwort fanden sich von Hermlin lakonische, fast empathielose und vielleicht von daher um so mehr Fragen stellende Sätze über einen Dichter, der mit 27 Jahren sein Leben beendete, weil er den Krieg, mitten in ihn hineingestellt, nicht mehr leben konnte, nicht mehr leben wollte und der seine Ausweglosigkeit in die Worte fasste: »Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.«

Ich konnte Stephan Hermlin 1979 meine Diplomarbeit per Post zukommen lassen, einen bibliophil aufgemachten Band mit Zeichnungen zu Trakl-Gedichten. Er revanchierte sich »mit freundschaftlichem Dank« am 2. November 1979 mit den Gesammelte(n) Gedichte(n) eigener Hand, die der Hanser Verlag in München verlegt hatte. Womöglich hielt ich ein illegal die Grenze passiert habendes Buch in Händen? Wie schrecklich!

Es sollten noch viele Bücher auf diesen und anderen Vertriebswegen folgen.

Erstmals persönlich bin ich Stephan Hermlin auf Rügen begegnet, im Theater Putbus, auf »einer literarischen Veranstaltung am Mittwoch, dem 29. April 1987«. Als Beleg hat sich eine reguläre Einladungskarte erhalten, die ich wohl vom damaligen Verlagsleiter des Reclam-Verlages Hans Marquardt erhielt, der meinen als Diplomvorlage benutzten Trakl-Band über sein Verlagsprogramm, wohl auch nicht ohne Schwierigkeiten, realisieren konnte. ARTus

Die Kolumne „So gesehen“ von Walter G. Goes erscheint in der Ostsee-Zeitung, Ausgabe Rügen. Siehe auch pomlit-Archiv.