internationales literaturfestival berlin

Das 15. internationale literaturfestival berlin präsentiert vom 09. bis zum 19. September 2015 im Haus der Berliner Festspiele und an weiteren Veranstaltungsorten internationale Literatur der Gegenwart.
Die diesjährige Eröffnungsrede hält Javier Marías (Spanien), vielfach ausgezeichneter Autor, Kolumnist und Übersetzer. Ihre Teilnahme kündigten u. a. David Foenkinos (Frankreich), Ha Jin (China), Kazuo Ishiguro (Japan/ GB), David van Reybrouck (Belgien), Elif Shafak (Türkei/ GB), Kamila Shamsie (Pakistan/ GB), Adam Thirlwell (GB), Meg Wolitzer (USA) und Adelle Waldman (USA) an. Premerienlesungen werden mit Jenny Erpenbeck (D), Navid Kermani (D), Clemens Setz (A), Zeruya Shalev (Israel) und Ulrich Wickert (D) stattfinden.
Zu Sonderveranstaltungen haben die Autoren Helon Habila (Nigeria), María Sonia Cristoff (Argentinien), Boualem Sansal (Algerien), Perihan Magden (Türkei), Roddy Doyle (Irland), Rawi Hage (Kanada), Suketu Mehta (USA) und Mircea Cărtărescu (Rumänien) ihre Teilnahme bestätigt. Die Arbeit an den Schnittstellen der Literatur zu den Wissenschaften, die das ilb in den letzten Jahren intensiviert hat, wird in diesem Jahr mit einer Veranstaltungsreihe mit philosophischem Schwerpunkt fortgesetzt. Hierfür konnte u. a. Gayatri Chakravorty Spivak (Indien/USA) gewonnen werden. Ein weiterer Fokus wird auf Pakistan gelegt. Neben Kamila Shamsie konnten hierfür auch Mohammed Hanif, H. M. Naqvi, Ahmed Rashid und Raza Rumi gewonnen werden.
Die Programmsparte Internationale Kinder- und Jugendliteratur wird in diesem Jahr mit einer Rede des Schriftstellers und Drehbuchautors Frank Cottrell Boyce (GB) eröffnet, der erst vor wenigen Tagen mit dem Internationalen James-Krüss-Preis ausgezeichnet wurde. Im Zentrum der Sektion stehen erneut inhaltlich und ästhetisch außergewöhnliche Bücher. Renommierte Illustratoren und Autoren wie Peter Brown (USA), Roddy Doyle (Irland), Javier Martínez Pedro (Mexiko), Mawil (D) und Kaatje Vermeire (Belgien) werden ihre neuen Bücher vorstellen, dies vielfach als Premierenlesungen.

Ebenfalls fester Bestandteil des ilb ist der Graphic Novel Day, der zum fünften Mal nationale und internationale Comic-KünstlerInnen in Berlin präsentiert.

Der Beginn des Vorverkaufs wird auf unserer Website in Kürze bekannt gegeben. Weitere Informationen zum 15. ilb finden Sie unter www.literaturfestival.com bzw. www.facebook.com/internationalesliteraturfestivalberlin.

Kleistpreis für Monika Rinck

Die Berliner Autorin Monika Rinck wird mit dem Kleist-Preis 2015 ausgezeichnet. Die rbb-Mitarbeiterin sei eine „Meisterin aller Tonlagen“, teilte der Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, Günter Blamberger, am Donnerstag in Köln mit.

„Rincks Registerreichtum ist so stupend wie ihr Witz. Ihre Texte können alles zugleich sein: virtuos und gelehrsam, berührend und pointenreich, humorvoll und melancholisch“,  begründete Blamberger die Entscheidung. Der Preis soll der rbb-Mitarbeiterin am 22. November 2015 im Berliner Ensemble übergeben werden. Die Laudatio hält Heinrich Deterling [sic], der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.  / RBB

Ingolds Einzeiler

Ein Ort der Stille. Ein Wille, der von diesem Punkt der Erde aufbricht, Weg wird, um sich immer nie zu vollenden.

Felix Philipp Ingold

Niemand

Niemand führt heute mehr bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit einen Vers im Munde, wie es noch meine Großmutter tat. (Marie Luise Knott, siehe hier)

Äh, Niemand? Sei gegrüßt, Niemand! ruf ich mir zu.

Tagtigall

Ein unfertiges Gedicht von Ernst Jandl: Auch wenn es aus formalen oder thematischen Gründen in keinen seiner Gedichtbände Eingang fand, gibt es doch mehrere Fassungen. Marie Luise Knott schreibt darüber in ihrer Lyrikkolumne Tagtigall.

Freilassung

PEN International begrüßte gestern die Freilassung des Dichters Dieudonné Enoh Meyomesse, der für 40 Monate in Kamerun inhaftiert war. Er wurde zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt, nach Einschätzung von Beobachtern aus politischen Gründen. Am 22.11. 2011 wurde er bei der Rückkehr von einer Reise nach Singapur verhaftet, am 27.12. 2012 nach einem Prozeß „ohne Nachweis eines Fehlverhaltens meinerseits, ohne Zeugen und nach Folterungen durch das Militär“, sagt der Autor, zu 7 Jahren Gefängnis und 200.000 CFA-Francs Geldstrafe verurteilt.

Dieudonné Enoh Meyomesse veröffentlichte neben zahlreichen Werken, darunter „Das Massaker von Messa 1955“ (2010), eine sehr kritische „Rede über den Tribalismus“. 2011 wollte er bei den Präsidentschaftswahlen antreten, aber ihm wurde die Einschreibung als Kandidat verwehrt. Aus der Haft veröffentlichte er „Gefängnisgedichte. Poesie aus dem Zuchthaus von Kondengui“. / ActuaLitté

Rezensionsautomat

Wenn man Gedichte maschinell erzeugen kann, dann stellt sich die Frage, ob und wie man auch das andere große Feld des Literaturbetriebs, die Rezension literarischer Texte, automatisieren kann. Die Rezension ist eine der ältesten und immer noch effektivsten Waffen im Arsenal der schriftlich geführten Auseinandersetzung um kulturelle Produkte. Seit etwa 250 Jahren stellt sie eine eigene Textsorte dar. Grund genug, sie in das System Literatur mit einzubeziehen. Der Rezensionsautomat Censeo wurde von Stephan Krass, der an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe die Literatur betreut, gemeinsam mit Studenten entworfen und in einem dreisemestrigen Projektseminar gebaut. Genero und Censeo, der Gedicht- und der Rezensionsautomat, bilden nun ein in sich geschlossenes Paradigma, in dem Maschinen schreiben und kritisch besprechen, was geschrieben wurde – nur findet das Spiel genau umgekehrt statt. Am Anfang steht nicht das Gedicht, also der literarische Text, sondern die Rezension. You press the button the machine does the rest.

„Sie befinden sich hier bei Censeo, dem Rezensionsautomaten. Um das Rezensionsverfahren zu starten, betätigen Sie bitte den orangefarbenen Knopf direkt unter dem Monitor. Nach kurzer Zeit erhalten Sie eine automatisch erstellte Gedichtrezension. Diese wurde mit Hilfe unserer Random-Mode-Technologie generiert. Lesen Sie die ausgedruckte Rezension sorgfältig und begeben sich zu dem Terminal mit der aufgedruckten Aufschrift Genero. Folgen Sie hierzu, den auf dem Boden angebrachten Markierungen.“

Spr. 1
Beim Terminal mit der Aufschrift Genero erhält der ambulante Leser nun das Gedicht zur Rezension. Beide Ausgabetexte sind über die Programmierung von Schlüsselwörtern miteinander verzahnt. Nur ist das Verhältnis eben umgekehrt. Erst kommt die Rezension, dann das Gedicht. Wird in der Rezension z. B. das Stichwort „Vergänglichkeit“ erwähnt, generiert der Gedichtautomat einen poetischen Text mit Begriffen, die zu diesem Wortfeld passen. Die Installation Genero/Censeo ist auch als eine Paraphrase auf den zeitgenössischen Literaturbetrieb zu verstehen. Denn: droht nicht der Sekundärdiskurs mit einer Flut von Buchbesprechungen, kritischen Essays und Zeitgeist-Diagnostiken längst den Primärtext, den eigentlich literarischen Text, zu verdrängen?

Aus:
SWR2 LITERATUR
DER REZENSIONSAUTOMAT
WARUM LITERATURKRITIK EIN MEDIUM DER MASCHINE IST
VON MATTHIAS GÖRITZ UND NILS MENRAD
SENDUNG /// 19.10.2010 /// 22.05 UHR

Lohnpoeten gesucht

In Atlantik City (New Jersey) the Casino Reinvestment Development Authority wants to hire a poet or poets for live poetry readings every Thursday at a farmers market the agency sponsors in Atlantic City each summer.

Poets be warned, though. The CRDA is making it clear that all poetry performances must be “family friendly (and) free of profanity and inappropriate language or themes.” / Press of Atlantic City

Ehrung in Paris

Zwei postume Gedichte des am 17. Februar in Berlin gestorbenen algerischen Dichters Malek Alloula werden in Kürze in Algerien und Frankreich veröffentlicht. Das teilte Nourredine Saâdi am Rande einer Trauerfeier in Paris mit. / El Watan

Klaus Rifbjerg. „Gedopte Intelligenz“

Die Zeit war auch reif, als er ab 1956 die etwas marmorne Nachkriegszeit im literarischen Dänemark mit Gedichtbänden wie «Konfrontation» durcheinanderwirbelte, schon der Titel war das Programm einer neuen Epoche: Rifbjerg wurde zum Wortführer des dänischen «Modernismus». Konfrontation suchte er bis zum Schluss, erst kürzlich erhitzte er die manchmal etwas selbstzufriedenen dänischen Gemüter mit der provokanten Aussage, dass es im Königreich höchstens zweitausend begabte Köpfe gebe. Er war in seiner Heimat tatsächlich, was man in der Schweiz nur mit Frisch und Dürrenmatt und in Deutschland mit Grass, Walser und Enzensberger vergleichen kann: ein Intellektueller, der sich nicht nur zu Wort meldete, sondern tatsächlich auch etwas zu sagen hatte.

Daraus ersieht man schon, dass das ganz und gar Unprätentiöse seines Stils (sowohl literarisch als auch im zwischenmenschlichen Umgang) nichts mit übertriebener Bescheidenheit zu tun hatte. Herausfordernd war nicht nur sein Drang zum literarischen Experiment, sondern auch sein Hang zu publikumswirksamer Inszenierung. So dichtete er immer, wie der Kritiker und langjährige Weggefährte Torben Brostrøm einmal sagte, «an seinem eigenen Mythos mit». Kein Zweifel, Rifbjerg (den man nach einem Andersen-Märchen den «Grossen Klaus» nannte) war womöglich die wichtigste Institution des dänischen Geisteslebens, zumindest nach 1945.

(…) Die Lyrik war für ihn selbst immer die wichtigste Gattung, das «Herzstück der Literatur, der innere Motor jedes sprachlichen Kunstwerks». Dabei hatte er einen ungemein schnellen Blick und eine rasante Auffassung, deshalb wirken seine Gedichte so unmittelbar, ja beinahe zügellos; Hans Magnus Enzensberger hat das eine «gleichsam gedopte Intelligenz» genannt.

Es gibt von Klaus Rifbjerg etwa ein Dutzend Übersetzungen ins Deutsche, erstaunlich also, dass sein Tod, der schon am Ostersamstag dieses Jahres nach kürzerer, schwerer Krankheit eintrat, in den deutschsprachigen Ländern nicht wahrgenommen wurde*. Das mag daran liegen, dass Lyrik nicht gebührend beachtet wird, vielleicht auch daran, dass ein Grossteil seiner Romane in der DDR erschien und gar nicht erst in den Westen gelangte. / Peter Urban-Halle, Neue Zürcher Zeitung 27.4.

*) Sofern die Lyrikzeitung zum deutschsprachigen Bereich gehört, doch: Gestorben

Klaus Rifbjerg in L&Poe

Originalton SAID

„Originalton“ heißt ein täglicher Bestandteil unserer Sendung „Lesart“. Darin bitten wir Schriftsteller jeweils für eine Woche um einen kurzen Text, in dem sie kleine Formen erproben und mit den Möglichkeiten des Radios spielen.
In dieser Woche begleitet uns SAID im Originalton – mit bislang unveröffentlichten Texten, die zusammen unter dem Titel „Das vibrierende Kind“ eine Art poetischer Autobiografie ergeben. Heute zwei Stücke, „Initiation 1“, Momente, die man nicht vergisst.

Der Schriftsteller SAID wurde 1947 in Teheran geboren, mit 17 kam er in die Bundesrepublik und ist heute ein hochangesehener, vielfach preisgekrönter deutscher Dichter. Schon seine ersten Gedichte schrieb er auf deutsch, inzwischen sind zahlreiche Lyrik- und Essay-Bände erschienen, SAID war auch Präsident des Deutschen PEN und aktiv im Writers in Prison Committee. / Deutschlandradio Kultur

Literaturpreise des Bundeskanzleramts

Wie jedes Jahr tagen im Februar und März die Jurys zur Vergabe der Literaturpreise des Bundeskanzleramtes. Jetzt stehen die Preisträgerinnen und Preisträger des Jahres 2015 fest.

Der rumänische Schriftsteller Mircea Cărtărescu wird mit dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur ausgezeichnet, Preisträger des Ernst-Jandl-Preises für Lyrik ist Franz Josef Czernin, der Österreichische Kunstpreis für Literatur wird heuer Evelyn Schlag zuerkannt, der outstanding artist award für Literatur geht an Christoph W. Bauer und den biennal zu vergebenden Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik erhält Brigitte Schwens-Harrant.

„Von Franz Kafka stammt der Satz ‚Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns‘. Es ist gut, dass wir in unseren Buchhandlungen und Bibliotheken genügend Enteisungsmittel vorfinden. Der Welttag des Buches soll uns daran erinnern und bietet eine schöne Gelegenheit, die Gegenwartsliteratur zu feiern und Autorinnen oder Autoren mit Preisen auszuzeichnen“, so Bundesminister Ostermayer. „Ich gratuliere den Preisträgerinnen und Preisträgern sehr herzlich zu ihren Auszeichnungen und danke den Jurorinnen und Juroren für ihre Arbeit.“

Der Österreichische Staatspreis für europäische Literatur wird für das literarische Gesamtwerk einer europäischen Autorin bzw. eines europäischen Autors verliehen, das international besondere Beachtung gefunden hat. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert. Die Jury unterstrich ihre Wahl mit folgender Begründung: „Auf der Folie der rumänischen Geschichte formuliert der 1956 in Bukarest geborene Schriftsteller Mircea Cărtărescu auf großartige und unvergleichliche Weise einen exzessiven, maßlosen Traum von Verwandlung und Metamorphose. Mit gleichermaßen anspielungsreichen wie wüsten und phantasmagorischen Bildern erschafft er ein Universum an der Grenze zu Perversion und Wahnsinn, in dem alle Trennungen aufgehoben sind und Erlösung verheißen wird.“

Preisträger des Ernst-Jandl-Preises für Lyrik 2015 ist Franz Josef Czernin. Der Preis wird biennal für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der deutschsprachigen Lyrik verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 15.000 Euro. In ihrer Begründung führte die Jury an: „Franz Josef Czernins Werk ist ein großes Abenteuer der Literatur, ein enzyklopädisches Unternehmen, das seinen Gegenstand in immer neuen Versuchen umkreist. Der Zusammenhang zwischen Subjekt, Sprache und Welt wird in seiner Poesie einem Spiel überlassen, bei dem Dichtung und Erkenntnis in eins fallen. Vom strengen Sonett bis zum pfingstlichen ‚zungenenglisch‘, vom Essay bis zum Aphorismus reicht der Katalog der Formen, von der Romantik über die Mystik und den Symbolismus bis zu den experimentellen Avantgarden reicht ein Kanon, den Franz Josef Czernin in sein unverwechselbar eigenes Projekt transformiert: in die mit aller Sinnlichkeit, größtem Wissen und höchster Intelligenz gestellte Frage, wie die Wirklichkeit durch die Sprache im Ich aufgeht. Und das Ich in der Sprache. Und die Sprache in der Welt. Es ist eine poetische und poetologische Gleichung mit drei Variablen und einem stets aufs Neue zu benennenden Rest.“

Der Österreichische Kunstpreis für Literatur 2015 wird Evelyn Schlag zuerkannt. Der Preis wird für das literarische Gesamtwerk einer österreichischen Autorin bzw. eines österreichischen Autors vergeben und ist mit 12.000 Euro dotiert. In der Jurybegründung heißt es: „Das Werk von Evelyn Schlag verfügt zugleich über eine hohe poetische wie politische Kraft. Es ist gleichermaßen gelungene Standortbestimmung wie Befragung weiblicher Genealogie. Im Zentrum ihrer Auseinandersetzung stehen das Verhältnis der Geschlechter zueinander, der Umgang mit dem Körper sowie Krankheitserfahrungen. In ihrem Bemühen um eine weibliche Sprache für Erotik und Liebe vermeidet Schlag in ihrer Prosa ebenso wie in der Lyrik das ungeschützte Pathos und setzt stattdessen auf Präzision und Selbstreflexion.“

Der outstanding artist award für Literatur geht an Christoph W. Bauer (geboren 1968). Der Preis wird jährlich an eine Autorin bzw. einen Autor der jüngeren oder mittleren Generation vergeben, die bzw. der bereits wichtige literarische Veröffentlichungen vorweisen kann, und ist mit 8.000 Euro dotiert.

„Christoph W. Bauer arbeitet als einer der wenigen Autoren seiner Generation in allen Gattungen, von Lyrik bis hin zu dokumentarischen Lebensbildern, vom Kinderbuch bis zu Theater und Hörspiel. Immer exakt dem jeweiligen Medium angemessen, folgen die Formen und Ausdrucksmittel seiner Texte klassischen ebenso wie selbst definierten Gesetzmäßigkeiten, bestechen durch eine unverwechselbare Rhythmik und große Gedankentiefe. In seinen Gedichten verwebt Christoph W. Bauer, der ein fundierter Kenner der Lyrik verschiedenster Sprachen und Kulturkreise ist, literarische Traditionen mit zeitgenössischer Popkultur. Er schafft es durch ein spielerisches Wieder-Holen von bekannten und weniger bekannten Verszeilen die ’scherben erinnerter reime‘ auf sehr eigenwillige und eindringliche Weise zum Funkeln zu bringen. In seinen Romanen beschäftigt er sich immer wieder auch mit der Geschichte seines Wohnortes Innsbruck; spürt mit Einfühlsamkeit und Akribie Erinnerungen nach. Sein letzter, erfolgreicher Erzählband ‚In einer Bar unter dem Meer‘ rückt verschiedene Schicksale der Generation um die 40 ins Blickfeld. Mit hoher sprachlicher Genauigkeit erzählt er von Menschen, die viel zu verlieren haben“, so die Ausführungen der Jury zur Nominierung des Preisträgers für den outstanding artist award für Literatur 2015.

Der biennal vergebene Österreichische Staatspreis für Literaturkritik geht 2015 an Brigitte Schwens-Harrant. „Sie hat nicht nur als Literaturkritikerin, also durch kluges Beurteilen und Sichten von Texten, viel zur Klärung der literarischen Produktion beigetragen, sondern darüber hinaus mit ihrer Redaktionstätigkeit Grundsätzliches für das literarische Feld in Österreich geleistet, mit ihren Publikationen Schwerpunkte gesetzt und dazu beigetragen, den Literaturbetrieb über die Beliebigkeit von Geschmacksurteilen hinauszuheben“, begründet die Jury ihre Wahl. Der Österreichische Staatspreis für Literaturkritik wird im Zwei-Jahres-Rhythmus abwechselnd mit dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik vergeben und ist mit 8.000 Euro dotiert. / Bundeskanzleramt Österreich

Droht in Hamburg ein Lehreraufstand?

Im Laufe seines Schülerlebens hat er bereits viele Gedichte bearbeitet, Versmaße und Reimschema bestimmt, gedeutet und interpretiert. Die meisten, sagt er, seien altmodisch geschrieben und schwer zu lesen gewesen: „Und dann kommt ein Herr Gernhardt daher und man hat Spaß.“ Na, dann ist doch alles gut? Von wegen. Einige Lehrer sind entrüstet über die Vorgabe der Schulbehörde, ausgerechnet diesen Gernhardt zu behandeln: Einen Dichter, dessen berühmtestes Sonett mit der Zeile beginnt: „Sonette find ich so was von beschissen.“

Aber es sind nicht nur die profanen, aus Sicht vieler Lehrer wenig tiefgründigen Gedichte, die in den Kollegien eine hitzige Debatte ausgelöst haben. Es ist auch die Sekundärliteratur, ein komplexer Sammelband, 240 Seiten dick, den der Sprachartist noch zu Lebzeiten an Universitäten gehalten hat* und der nun für die Schüler ebenfalls prüfungsrelevant ist. In gewichtigen Sätzen zieht Gernhardt darin den Bogen von den Klassikern über die Nachkriegslyrik bis in die Gegenwart und zu sich selbst. Ein Werk, das sich allein deshalb so liest, als sei es für fortgeschrittene Germanistik-Studenten geschrieben, nicht für Abiturienten.

„Seht ihn an, den Schreiner. Trinkt er, wird er kleiner. Schaut, wie flink und frettchenhaft er an seinem Brettchen schafft.“ / Deike Uhtenwoldt, Die Welt

*) Wie er das gemacht hast, den Band an Universitäten zu halten, darüber könnte man ein Gernhardt-Gedicht schreiben. Oder die Schüler schreiben lassen. Allemal besser als eine Interpretation, findet die Lyrikzeitung.

Mehr zum Thema Schule / Mehr über Robert Gernhardt

Iranischer Dichter in Haft

Mohammad Reza Ali Payam, für seine satirischen Gedichte bekannter iranischer Autor, trat am Mittwoch im Teheraner Evin-Gefängnis eine Haftstrafe von 15 Monaten an. Das meldeten persischsprachige Nachrichtenportale am Donnerstag (23.4.). Demnach hatte Ali Payam, der den Künstlernamen „Haloo“ trägt, die Information einen Tag zuvor selbst auf seiner Facebook-Seite gepostet: „Ein Jahr, drei Monate und einen Tag für satirische Dichtung“, schrieb er dort. Zudem gab er an, die Aufforderung zum Haftantritt sei durch das Revolutionsgericht und per Telefon erfolgt: „Ich besitze weder ein Original noch eine Kopie des Urteils gegen mich“, so „Haloo“.

Ali Payam wurde wegen „Propaganda gegen die islamische Republik durch Verbreitung von satirischen Gedichten“, „Beleidigung der heiligen Werte des Islam und des Koran“, „Beleidigung des verstorbenen Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Khomeini und seines Nachfolgers Ayatollah Ali Khamenei“ und „Beleidigung des Präsidenten und der Regierungsverantwortlichen“ verurteilt.

Der 58-jährige Satiriker absolvierte ein Studium an der Künstler-Hochschule in Teheran und war von 1981 bis 1991 zunächst Schauspieler und Regisseur. Nachdem der Staat ihm die Arbeit in diesem Bereich verboten hatte, widmete sich Ali Payam der satirischen Dichtung. / Quelle: Iran Journal

Finnische Dichtung

Finnlands Gastspiel an der Frankfurter Buchmesse 2014 verdankt sich eine Reihe von Übersetzungen älterer Werke. Sie besitzen oft europäischen Rang und kommen in profunden Ausgaben daher.

Während Jahrhunderten Teil Schwedens, trat Finnland 1809 als autonomes Grossfürstentum des Zaren in den Kreis der Nationen. Zwei Schriftsteller prägten die Identität der jungen Nation: Elias Lönnrot präsentierte mit dem Epos «Kalevala» ein «heroic age» als nationale Vorzeit, während Johan Ludvig Runeberg die Erzählung vom duldsamen, anspruchslosen und loyalen Volk und von der kargen, fordernden Natur schuf, die eine Gabe Gottes sei, weil sie die Finnen moralisch prüfe. In seinem Balladenzyklus «Erzählungen des Fähnrich Stål» führt uns Runeberg, der selber nie einen Waffenrock trug, zurück in den Krieg von 1808/09, als das Schwedische Reich Finnland an den Zaren verlor. Runebergs Figuren prägten sich ein: Der Soldat Sven Dufva verteidigt die Brücke gegen den Ansturm eines russischen Regiments. Der Vers «Lass keinen Teufel über die Brücke!» wurde im Zweiten Weltkrieg zum Schlachtruf gegen die Sowjets.

(…)

Mitten im Ersten Weltkrieg formierte sich im finnisch-russischen Grenzland der Karelischen Landenge eine Literatur ganz anderer Art. 1916, als in Zürich der Dadaismus entstand, debütierte Edith Södergran mit «Gedichte». Ihr neuer Klang markiert die Geburtsstunde der finnlandschwedischen Avantgarde. Dass die lyrische Moderne von Finnland nach Skandinavien ausstrahlte, wird heute nicht zuletzt mit der sprachlichen Diversität ihrer Autoren in Verbindung gebracht. Schwedisch sprach Södergran in der Familie, Deutsch in der Schule in Petersburg, Russisch in der Stadt, Finnisch lernte sie von den Bediensteten. / Aldo Keel, Neue Zürcher Zeitung

  • Finnlandschwedische Literatur der Avantgarde. Edith Södergran, Henry Parland, Elmer Diktonius, Gunnar Björling, Rabbe Enckell. 5 Bände in einer Kassette. Herausgegeben und aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich, Münster 2014. 890 S., Fr. 115.90.
  • Michel Ekman: Finnlands schwedische Literatur 1900–2012. Essays von Clas Zilliacus und Klaus-Jürgen Liedtke. Aus dem Schwedischen von Regine Elsässer. Kleinheinrich, Münster 2014. 365 S., Fr. 32.20.