Kommerzieller Realismus

Diese Ökonomisierung [der Gesamtgesellschaft] hat alle Teilbereiche unseres Lebens aber nur deshalb in so rasantem Tempo erfassen können, weil sie die Methoden des Marktes als zentrales Gestaltungsprinzip auf unser berufliches und soziales Leben ausdehnt, vor allem aber in unserem Selbstbild verankert, und weil sie mit den neuen Informationstechnologien das propagandistische Equipment besitzt, es durchzusetzen. (…)

Mit der Marktideologie ist ein neuer Identitätstypus entstanden, der den Anforderungen der durchökonomisierten Gesellschaft umfassend entspricht. Wir alle kennen diesen Typus: Er hat die Mechanismen des wirtschaftlichen Wettbewerbs verinnerlicht, die mittlerweile auch die Strukturen und Tiefenschichten unserer Arbeits- und Privatwelt erfasst haben, und wendet sie auf sich selbst an.

Darin liegt die neue Qualität einer Herrschaftsform, die sich vom Kapitalismus früherer Zeiten grundlegend unterscheidet. Hierbei handelt es sich weniger um eine Bemächtigung von außen als vielmehr um die Ingangsetzung eines selbstorganisatorischen Umbaus, gleichsam aus dem Inneren der Menschen selbst heraus. Die Ideologie vom totalen Markt sorgt dafür, dass der Einzelne, gleichgültig an welchem Platz in der Gesellschaft er steht, dessen Zwänge unter dem Deckmantel der Selbstoptimierung und Eigenverantwortlichkeit, des Teamspirits und der flachen Hierarchien, der Flexibilität und Kreativität als schicksalhaft unentrinnbar erfährt. So gelingt es der neuen Macht, sich zu anonymisieren und sich hinter angeblichen Systemzwängen zu verbergen. Dabei operiert sie mit Techniken, die der Philosoph Michel Foucault „Mikrophysik der Macht“ genannt hat und die uns aus der Werbung bestens vertraut sind: Ein künstlicher Horizont von Bedürfnissen und Sehnsüchten wird geschaffen, der – als Emanzipation und Befreiung inszeniert – nur durch Anpassung und Konkurrenz erreicht werden kann. Gerade die groteske Schizophrenie dieses konsumförmigen Bewusstseinsmodells macht es so schwer, die wirkenden Kräfte ideologischer Steuerung hinter den vordergründig liberal klingenden Botschaften wahrzunehmen.

Der ideologische Charakter dieses gesamtgesellschaftlichen Umbaus während des vergangenen Vierteljahrhunderts ist zu einer ernsthaften Bedrohung der offenen Gesellschaft geworden. Gerade indem sie vorgibt, jenseits aller Ideologien zu stehen, hat die Marktideologie begonnen, die Demokratie von innen auszuhöhlen. Ideologien sind Weltanschauungen, die Anspruch auf absolute Wahrheit erheben. Erlangen sie Macht, entwickeln sie diktatorische Züge. Ich meine: All dies trifft zu auf Geist und Praxis des ökonomistischen Zugriffs auf unsere Lebenswelten. Nur die Techniken der Befestigung und Kontrolle der Macht haben sich geändert. Alle ideologischen Systeme versuchen ihre Herrschaft dadurch zu sichern, dass sie den kulturellen Raum besetzen. In welchem Grad ein kultureller Freiraum im öffentlichen Leben existiert oder nicht existiert, daran lässt sich geradezu ablesen, wie offen eine Gesellschaft noch ist.

Nach meiner Beobachtung ist dieser kulturelle Freiraum in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr geschrumpft und in den letzten Jahren fast völlig in die Nischen abgedrängt worden. Stellt sich die Frage, wie das möglich sein konnte, trotz eines Kulturbetriebs, der in der Bundesrepublik Deutschland – nicht zuletzt aus den Erfahrungen der Nazi-Diktatur schöpfend – zwar nicht aus dem Stand, aber immerhin in einem langwierigen Prozess Strukturen aufbaute, die lange Zeit eine kritisch reflektierende Öffentlichkeit gewährleisteten. Ein unabhängiges Verlagswesen, eine dem freien Denken und dem künstlerischen Niveau verpflichtete Feuilletonlandschaft, ein dichtes Netz eigenständiger Buchhandlungen als Grundlage für ein sichtbares, in die Gesellschaft hineinwirkendes literarisches Leben zum Beispiel – das waren Errungenschaften, die eine Partizipation der Leserschaft an den zeitgenössischen Einlassungen zur gesellschaftlichen Entwicklung ermöglichten. Und in den anderen Künsten existierten vergleichbare Formationen. Warum greifen sie heute nicht mehr, um die Kultur vor der Kommerzialisierung zu schützen? (…)

(…) Das Prinzip der ökonomischen Verwertbarkeit erfasst das Zentrum des kulturellen Raums, dringt in die Steuerungsebene vor – und schon hat sie auch dort den essentiellen Teil von Herrschaftsmacht an sich gerissen, demokratische Strukturen unterlaufen, in diesem Fall die nach Kant so wichtige Funktion des intersubjektiven Austauschs. Und warum auch sollte sie ausgerechnet vor den Foren des Geistes haltmachen, wo sie doch das Fundament für diese markthinderlichen demokratischen Strukturen bilden, deren Fortbestand bedingen? Wieso sollte sie gerade dort auf Einflussnahme verzichten, wo Zusammenhänge durchschaut, zur Sprache gebracht werden, wo sich ein Potential zum Widerstand herausbilden könnte? (…)

(…) Entscheidend ist (…) die Durchsetzung jenes neuen Identitätstypus, der bereit ist, sein Selbstbild und sein Handeln den ökonomistischen Spielregeln auszuliefern. Auch hier verläuft die Trennlinie mitten durch alle Instanzen – in den Verlagen, Literaturredaktionen und Buchverkaufseinrichtungen, unter den Autorinnen und Autoren selbst.

Der Umbau des Literaturbetriebs fand und findet auf zwei Ebenen statt. Nennen wir sie die Hardware-Ebene als dessen strukturelle, und die Software-Ebene als dessen programmatische Seite. Den letzten Stand der Dinge hat Hannes Hintermeier kürzlich in seinem Bericht zur Londoner Buchmesse so zusammengefasst: „Eine in London kaum vernommene Schicksalsfrage der Branche wird sein, ob sie ihre Aufgabe auf einer rein ökonomischen Ebene verortet. Je mehr getreu dem Motto verlegt wird ,Gut ist, was sich verkauft‘, desto überflüssiger machen sich die Publikumsverlage als Inhaltslieferanten. Wenn diese vormals zentrale Aufgabe zugunsten einer Unterhaltungsmaschinerie in den Hintergrund gerät, wenn normative Prüfkriterien über Bord geworfen werden, weil man sich keine Haltung mehr gestattet, ändert sich das Geschäftsmodell.“

Über die Software aber, das „Geschäftsmodell“, muss ich ein paar Worte verlieren. Im Kern arbeitet sie mit einer schlichten Umkehrung des operativen Verlaufs: Sie will keine großartigen literarischen Werke entdecken und sie dann als Bücher verkaufen, sondern sie will Bücher verkaufen und füllt sie mit etwas, das sich gut verkaufen lässt. Das bedeutet, dass die normativen Prüfkriterien nicht nur über Bord geworfen, sondern durch andere ersetzt werden. Diese bilden sich durch eine Analyse der Konsumentenbedürfnisse heraus. Die Frage, „Was verkauft sich aus welchem Grund besonders gut?“ hat so schon jetzt zu einem Katalog ästhetischer Vorschriften geführt, die im Literaturbetrieb von Vertretern des ökonomistischen Identitätstypus offensiv befördert werden. Unter dem Paradigma der Unterhaltsamkeit werden die Neuerscheinungen in den Literaturbeilagen halbjährlich auf exakt diese Vorschriften hin abgeklopft, nachdem sie zuvor in den Lektoraten entsprechend zurechtgestutzt worden sind.

Strukturell unterscheidet sich dieser kommerzielle Realismus in nichts vom sozialistischen Realismus oder einem anderen ideologisch verordneten Literaturprogramm. Er verdankt sich ausschließlich dem Diktat des Marktes. Die von diesem Diktat angeblich bewirkte Demokratisierung der Literaturlandschaft bedeutet in Wahrheit jedoch die Zementierung einer unterkomplexen literarischen Monokultur, durch deren profitorientiertes Scheuklappen-Raster künstlerisch bedeutende Werke allenfalls zufällig rutschen.

Dass diese Werke aber weiterhin existieren und von gesellschaftlichen Prozessen erzählen, auch wenn sie in der Öffentlichkeit nur noch am Rande sichtbar werden, weiß ich. Denn ich habe sie gelesen. Als Autor ist mir das Privileg beschieden, im Austausch mit vielen Kollegen und Kolleginnen im In- und Ausland ständig neue Hinweise auf Werke zu bekommen, die sich ästhetisch auf der Höhe der Zeit bewegen. Und ich kann vermelden, die Entwicklungen in der internationalen Literatur sind so spannend wie seit langem nicht mehr. Nur bekommt das Lesepublikum leider nichts davon mit. Es ist nämlich zum Expertenwissen verkommen, was einmal Aufgabe des literarischen Diskurses war: künstlerische und gesellschaftliche Prozesse zusammenzudenken und so an einem von Machtinteressen unabhängigen Bild der Gegenwart mitzuarbeiten. Heute dagegen treibt die geistige Provinzialisierung, die sich zwangsläufig einstellt, wenn Diskurs und Gedächtnis als Referenzsysteme ausfallen, in einer Spiralbewegung den Prozess der Kommerzialisierung immer noch weiter voran. / Norbert Niemann, FAZ 6.6.

(Hervorhebungen von mir, M.G.)

Jedenfalls

… sollte man Rezensenten, die einen Text zu einer für einige unverständlichen Lektüre erklären, keinen Glauben schenken, denn sie machen mit dieser Erklärung ihr (vermeintliches) Wissen zu einem Geheimwissen und sich selbst erklären sie damit zu Gurus. / Jan Kuhlbrodt

In Waldshut-Tiengen

Thomas Pforte, Sprechkünstler aus Lenzkirch, trägt Gedichte und Texte von Ernst Jandl, Kurt Schwitters und Robert Gernhardt vor. Deren experimentelle Lyrik ist ein ganz besonderes Sprech- und Hörerlebnis. Jeder Text ist ein Versprecher und jeder Text ist ein Versprechen. So auch das Motto des Abends: Jandl schwittert gern hardt. / Badische Zeitung

Für Christoph Meckel

Am 12. Juni feiert Christoph Meckel seinen 80. Geburtstag. In der Woche darauf veranstaltet das Lyrik Kabinett München einen Abend „für und mit Christoph Meckel“.

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Christoph Meckel 2015 (c) privat
Christoph Meckel 2015 (c) privat

Stiftung Lyrik Kabinett
Amalienstr. 83 a / 80799 München
http://www.lyrik-kabinett.de

Faraj Bayrakdar

Es ist nicht gelungen, Faraj Bayrakdar kaputtzumachen. Vierzehn Jahre wurden ihm genommen; Jahre, in denen seine Tochter ohne ihn aufwuchs. Vierzehn Jahre in syrischen Gefängnissen. (…)

Als Faraj jung war, da war er Mitglied der regierenden Baath-Partei. Rasch wandte er sich ab. Mit 26 gibt er ein Journal heraus für neue syrische Lyrik. Zweimal wird er dafür 1978 verhaftet. Nach zwölf Ausgaben wird die Zeitschrift eingestellt. Offiziell steht er noch immer in der Mitgliederkartei der Assad-Partei. Das versucht der Kommandant, der ihn verhört, zu nutzen – und ihn zu ködern. „Er erzählte mir, ich könne Chefredakteur jedes Blattes werden, einen Posten in der Partei haben oder in irgendeiner Botschaft.“

Faraj kennt nur einen Genossen, der sich kaufen ließ. Er selbst lehnt ab. Sie schlagen ihn. Und foltern. „Sie nennen es den deutschen Stuhl“, sagt er, während er seine Jacke abstreift, die Ärmel seines Pullovers hochschiebt und die Haltung zeigt, in die man die Gefangenen zwingt. Ob es geflohene Nazi-Schergen oder Stasileute waren, die dem Regime die Methode lehrten, ist unklar: Der Gefangene wird auf einen leeren Metallrahmen gesetzt. Bewegliche Teile hängen daran, Rasierklingen an den Beinen. Die kleinste Bewegung, und sie schneiden. Dann wird dein Körper überdehnt. Vielen bricht das die Wirbelsäule: „Einmal zu tief eingeatmet und du bist tot.“ / Jan-Niklas Kniewel, taz

Frankfurter Lyriktage und -nächte

Für zehn Tage verwandelt sich Frankfurt in ein kleines Paradies für alle Freunde moderner Gedichte. Bei den „Frankfurter Lyriktagen“ wurde in diesem Jahr die Zahl der Veranstaltungen im Vergleich zu den Vorjahren verdoppelt. Zum Abschluss lockt am 20. Juni eine „lange Lyriknacht“ im Historischen Museum.

(…)

„Die Lyrikszene ist so vielschichtig und vielstimmig wie lange nicht mehr. Um ihr eine Bühne zu geben, veranstalten wir die Frankfurter Lyriktage 2015“, sagt Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU). Für eine öffentliche und individuelle Beschäftigung mit dieser Lyrikszene eigne sich ein mehrtägiges Festival besonders gut. (…)

Unter dem Titel „Thomas Kling in memoriam“ erinnern zudem Marcel Beyer, Hans Jürgen Balmes und Peer Trilcke am 14. Juni an den bedeutenden Lyriker, der vor zehn Jahren starb. Bei der Podiumsdiskussion „Lyrik? Cool!“ am 18. Juni sprechen Nora Gomringer, Léonce W. Lupette und Daniela Seel über neue Formate der Lyrikvermittlung. Zum krönenden Abschluss der Frankfurter Lyriktage findet am 20. Juni eine lange Lyriknacht im Neubau des Historischen Museum statt, für die unter anderem Paulus Böhmer, Heinrich Detering, Marion Poschmann und Clemens Setz ihre Teilnahme bereits zugesagt haben. / Frankfurter Neue Presse

www.frankfurter-lyriktage.de

Wie Lyrik

«Facebook ist in etwa wie Lyrik – jeder schreibt, kaum einer liest.» Dass mir ausgerechnet der Lyriker Raphael Urweider solches antwortet auf die Frage, was er da tue und warum, hat mich nur einen Augenblick lang verwundert. Das soll Lyrik sein, was man hier liest, oder immerhin «wie Lyrik»? Es ist reine Koketterie. Denn mag es auch zutreffen, dass zwar manch einer Verse dichtet, aber kaum einer sie liest, so gilt für Facebook und zumal für die Sites der Dichter: So viele Leser hatte mancher noch nie in seinem Leben. Wahr ist auch: Was die Dichter hier schreiben (so sie denn schreiben und nicht nur Bilder und Filme oder nach oben gereckte Daumen posten), klingt vielleicht noch nicht wie ein Gedicht, aber jedenfalls wie etwas, aus dem einmal ein Gedicht werden könnte.

Und dennoch hat unlängst tatsächlich einer auf Facebook gedichtet. Es war Clemens Setz, wer sonst… / Roman Bucheli, NZZ

Forward Prize Shortlist

The Forward Prize for Best Collection (£10,000)

  • Ciaran Carson, From Elsewhere (The Gallery Press)
  • Eiléan Ní Chuilleanáin, The Boys of Bluehill (The Gallery Press)
  • Paul Muldoon, One Thousand Things Worth Knowing (Faber & Faber)
  • Claudia Rankine, Citizen (Penguin Poetry)
  • Peter Riley, Due North (Shearsman)

The Felix Dennis Prize for Best First Collection (£5,000)

  • Mona Arshi, Small Hands (Liverpool University Press, Pavilion Poetry)
  • Sarah Howe, Loop of Jade (Chatto & Windus)
  • Andrew McMillan, Physical (Jonathan Cape)
  • Matthew Siegel, Blood Work (CB Editions)
  • Karen McCarthy Woolf, An Aviary of Small Birds (Carcanet)

The Forward Prize for Best Single Poem (£1,000)

  • Maura Dooley, Cleaning Jim Dine’s Heart (Poetry Review)
  • Andrew Elliott, Döppelganger (Sonofabook)
  • Ann Gray, My Blue Hen (The Moth)
  • Claire Harman, The Mighty Hudson (TLS)
  • Kim Moore, In That Year (Poetry News)

The winner will be announced on 28 September.

The Forward Prizes for Poetry were created in 1991 by William Sieghart with the aim of extending poetry’s audience, raising poetry’s profile and linking poetry to people in new ways. The prizes do this by identifying and honouring talent. Each year, works shortlisted for the prizes – plus those highly commended by the judges – are collected in the Forward Book of Poetry. (Wikipedia)

Last year’s winner

  • Kei Miller, The Cartographer Tries to Map a Way to Zion (Carcanet) – The Forward Prize for Best Collection
  • Liz Berry, Black Country (Chatto & Windus) – The Felix Dennis Prize for Best First Collection
  • Stephen Santus, ‚In a Restaurant‘ (The Bridport Prize) – The Forward Prize for Best Single Poem

Poeten vom Müggelsee

Mit ihrem Plädoyer für die Lyrik wollen die „Poeten vom Müggelsee“, die sich der Tradition des berühmten Friedrichshagener Dichterkreises um Wilhelm Bölsche und Bruno Wille verpflichtet fühlen, ein neues spannendes Kapitel im kulturellen Leben ihres Heimatbezirkes aufschlagen. Ihr Buch haben sie dem Ende vergangenen Jahres verstorbenen Gründer der Vers-Werkstatt, Dr. Horst Rennhack, gewidmet. Er hatte am 22. Juni 2013 am Ufer des Müggelsees gemeinsam mit seinem Freund und Mitstreiter Ulrich Stahr die Friedrichshagener Vers-Werkstatt aus der Taufe gehoben. / BerlinOnline

Poetopie

die Wörter haben abgenommen, sind abgemagert in der Eile – womit füttern, damit sie wieder zunehmen?

Hansjürgen Bulkowski

Lesekultur

Die niederländische Buchbranche kämpft mit einigen strukturellen Problemen. Der Raad voor Cultuur beklagt die zunehmende „Entlesung“ der Jugend. Das Fach Literatur sei fast ausnahmslos aus dem Stundenplan der Schulen gestrichen worden. Nur an den Gymnasien gebe es Literaturgeschichte als Pflichtfach. An den Universitäten schreiben sich immer weniger Studenten für Niederlandistik ein. All dies habe Folgen für die Lesekultur des Landes, so der Raad voor Cultuur.

Der Rat nennt drei Hauptaufgaben, die zur Förderung der literarischen Kultur in den Niederlanden in Zukunft wichtig sind:

  • Der Erhalt der Angebotsvielfalt durch die Buchpreisbindung und gezielte Subventionen. Die Bekämpfung der abnehmenden Leserschar durch Literaturunterricht.
  • Da sich das Buch zunehmend gegenüber anderen Medien durchsetzen muss, ist eine Fortführung der Leseförderung wichtig.
  • Die Möglichkeiten der Digitalisierung müssen besser ausgeschöpft werden.

AutorAndreas Gebbink

Botschafterin der Poesie

Die Autorin Francisca Ricinski nahm in Iasi (der ältesten Universitätsstadt Rumäniens und wichtiges Kulturzentrum, das anstrebt, Kulturstadt Europas gewählt zu werden) an der zweiten Edition des europäischen Festivals der Poesie teil und dort wurde ihr den Titel “Botschafter der Poesie” verliehen. / KUNO

Ohne Mitte und Mauer

W.H. Auden (1907-1973) war einer der großen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Wirklich populär ist er heute jedoch nicht – sein Werk lässt sich weder leicht erschließen noch nebenbei goutieren: „Increasingly one must respond to his poems as a mind, not a creature of feeling.“ Es fordert Aufmerksamkeit sowie Konzentration; erst dann entfaltet es eine zeitlose Relevanz, ja einen Zauber, der Worte für das bislang Begrifflose findet.

Mit „City without Walls“ (1967) gelingt Auden ein lyrisches Röntgenbild New Yorks in Form einer „vigorous jeremiad“, eines Klagelieds. Von der ’Stadt ohne Mauern’ wird ein großes zivilisationskritisches Schreckensbild entworfen, wobei die fehlenden Wände nicht nur eine durchdringende, scharfsichtige, vor allem schonungslose Analyse der urbanen Zustände ankündigen. Vielmehr klassifizieren sie die moderne Megacity als mittelpunkt-, grenzen-, gar charakterlos, als gewissermaßen ungezügelt: „Those fantastic forms, fang-sharp, / bone-bare, that in Byzantine painting / were a short-hand for the Unbounded / beyond the Pale, unpolicied spaces / where dragons dwelt and demons roamed“ (1. Strophe). Als topographisch amorphes, unendlich erweiterbares Phänomen ohne Mitte und Mauer kontrastiert New York, allein Wirtschaft und Ökonomie verpflichtet, die geschlossene antike Polis oder festummauerte mittelalterliche Stadt. / Nathalie Mispagel, literaturkritik.de

Mit und für Kutsch

Am DIENSTAG, 9. Juni, 19.30 Uhr, im Literaturhaus Köln, Großer Griechenmarkt 39

Gedichte – was sonst?

Ein Abend mit und für Axel Kutsch aus Anlass seines 70. Geburtstags

Der ehemalige Redakteur des Kölner Stadt-Anzeigers hat mehr als zwanzig Lyrik-Anthologien – manche thematisch gebunden, manche epochenübergreifend – herausgegeben. Mit seinen regelmäßigen Bestandsaufnahmen aktueller deutschsprachiger Lyrik gilt er überdies als einer ihrer führenden Chronisten. Seine Reihe Versnetze – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart (seit 2008) gibt wichtige Orientierung. An diesem Abend aus Anlass seines 70. Geburtstags spricht Guy Helminger mit Axel Kutsch über seine eigenen und die Gedichte anderer. Die Kölner Lyrikerinnen und Lyriker Anke Glasmacher, Louisa Schaefer, Sabine Schiffner, Christoph Danne, Adrian Kasnitz und Amir Shaheen lesen zu seinen Ehren. / Mehr

Hier stinkt es nach Roster

Die Gedichte – von denen einige auch in der „Thüringer Anthologie“ in unserer Zeitung erschienen sind – werfen melancholische Blicke auf ein Land unter der Last von dem, was war. Buchenwald kommt vor, aber auch das hehre und zuweilen schwere Erbe der Klassiker. „Johann Sebastian Bach pflanzte / Einen irdischen Wald in der ewigen Helligkeit“, dichtet der Eisenacher Pastor Christoph Eisenhuth – derweil sich Andreas Reimann über den „im gips der goethe-wichte“ konservierten Dichter mokiert und die „gartenzwerge, die durch weimar ziehen“. Weimar als Klassikerklischee – und Zuhause: „In deinen Weitbürgermauern“, schreibt Gerald Höfer, „fand ich die Liebste und mich.“ „Thüringen, hier stinkt es nach Roster“, verkünden indes die Wände bei Mirko Wenig. Das Land, sagt Nancy Hünger, „steht ja immer im Verdacht des Provinziellen. Aber es ist ein lebendiges Land mit geselligen Stimmen und einer vielfältigen Dichterkultur.“ In der sich Welt und Provinz, hier und woanders, immer schon begegneten, irgendwie: „Das Ende vom Ende“, heißt es bei Heinz Czechowski, „ist ein schöner Gedanke / der vermutlich auch / in Gotha gedacht wird.“ / Lavinia Meier-Ewert, Thüringer Allgemeine 4.6.

„Thüringen im Licht. Gedichte aus fünfzig Jahren“
Herausgeber: Nancy Hünger und Ron Winkler
Wartburg Verlag, Weimar 2015
Broschur, 260 Seiten
ISBN: 978-3-86160-399-3

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