Karlyce Schrybyr

Bei KUNO der Versuch eines kleinen Nachrufs auf den Schriftsteller Karl-Heinz Schreiber, der sich auch Karlyce Schrybyr nannte, Herausgeber der Literaturzeitschrift KULT, der am 26.5. vor einem Jahr starb. Von Ulrich Bergmann.

In L&Poe

Vladimir Holan

Holans Verse faszinieren in ihrer hermetischen Verdichtung, die zuweilen an die Grenze des Verstehbaren rühren. Mit einemmale finden sich in Holans Versen Dinge in Verbindung gebracht, die zunächst einmal gar nichts miteinander zu tun hatten. Das Gedicht „Der Junge“ führt geradezu virtuos vor, wie unter Zuhilfenahme verschobener Perspektiven in einer verständlich gehaltenen Kommunikation zugleich an dunkle Ahnungen gerührt wird:

Der Junge

Die ganze Nacht lang sind im Park die Äpfel gefallen,
während der Junge des Nachbarn im Sterben lag…
Er war’s, der mir einmal sagte:
„Herr, Sie sind ein Fremder?“ Du sagtest:
„Warum fragst du?“ Er sagte: „Sie haben
in ihren Augen so viel Zeit.“
Du sagtest: „Du bist ich, als ich
jung war!“ Er sagte: „Ich bin Sie,
erst wenn ich alt geworden bin… Aber wissen Sie, was,
gehn wir auf die Post
und telefonieren wir uns von dort,
wann wir eigentlich sind…“

[Übertragen von Franz Wurm]

Der vorliegende Band ist Teil einer auf vierzehn Bände geplanten Gesamtausgabe der Werke von Vladimír Holan, von der bisher fünf Bände erschienen sind. Sämtliche Ausgaben sind konsequent zweisprachig. Die Umsicht dieses gewaltigen Editionsvorhabens wird nicht zuletzt durch einen Kommentarteil der beiden Herausgeber Urs Heftrich und Michael Špirit unterstrichen, der den tschechischen Ausgaben fehlt. / Volker Strebel, Fixpoetry

 

Vladimir Holan
Dem Asklepios einen Hahn
Gesammelte Werke / Band 10: Lyrik VII: 1966–1967
Übersetzung: Věra Koubová
Mitarbeit v.: Franz Wurm Kommentiert v.: Urs Heftrich, Michael Spirit Nachwort v.: Urs Heftrich
Universitätsverlag Winter 2015  ·  458 Seiten  ·  29,00 Euro
ISBN: 978-3-8253-6375-8

Lyrix 2015

Lyrix ist ein monatlich ausgeschriebener Bundeswettbewerb für junge Dichterinnen und Dichter beim Deutschlandradio.

Mit dem Jahreswechsel startet »lyrix« in die achte Wettbewerbsrunde. Wie im vergangenen Jahr werden wir jeden Monat zu Gast in einem anderen Museum sein. Im Zentrum der zwölf Monatsthemen steht weiterhin ausschließlich zeitgenössische Lyrik.

Wie funktioniert »lyrix«?

An »lyrix« teilnehmen können Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 10-20 Jahren. Gemeinsam mit dem Deutschen Museumsbund wurden auch für 2015 wieder zwölf interessante und spannende Exponate unterschiedlicher Museen aus ganz Deutschland ausgewählt. Die Themen der einzelnen Wettbewerbsmonate beziehen sich auf diese Exponate sowie auf ein thematisch passendes zeitgenössisches Gedicht. Die Einsendung der Gedichte erfolgt per E-Mail. Jeden Monat werden fünf Monatsgewinner gekürt, aus denen die Jury am Jahresende zwölf Jahresgewinner ermittelt. Diese werden anschließend zu einer mehrtägigen Berlin-Reise mit Schreibwerkstätten, Performance- und Sprechtrainings eingeladen.

Für Lehrerinnen und Lehrer werden begleitende Unterrichtsmaterialien zu den Monatsthemen beziehungsweise den zwölf Gedichten der einzelnen Wettbewerbsmonate angeboten. Begleitend zum Wettbewerb veranstaltet »lyrix« bundesweit Schreibwerkstätten, in denen Jugendliche mit namhaften Autoren erste Erfahrungen im Kreativen Schreiben sammeln und an eigenen Texten arbeiten können. Interessenten können sich per E-Mail an info-lyrix@dradio.de über die Schreibwerkstätten informieren.

Thema im April war Freundschaft, als Anregung wurde ein Gedicht von Monika Rinck vorgegeben. Im Mai ist es Zerstörung, das Begleitgedicht für den noch bis Monatsende laufenden Wettbewerb ist „Der übersetzte Brand“ von Volker Sielaff.

#lyrix, #wettbewerb

Deutsch-Mährische Literatur

Darüber schreibt Markéta Kachlíková bei Radio Prag:

Die deutschsprachige Literatur aus Mähren wird von Germanisten der Palacký-Universität in Olomouc / Olmütz seit Jahren intensiv erforscht. Im Herbst 2014 ist eine einzigartige „Anthologie der deutschmährischen Literatur“ als Ergebnis eines dreijährigen Forschungsprojekts erschienen. Die Publikation bietet den Lesern sowohl die Originaltexte, als auch die tschechischen Übersetzungen von Erzählungen und Novellen von 27 deutschsprachigen Autoren, die mit Mähren verbunden waren. Dazu gehören allgemein bekannte Autoren wie auch solche, die auf ihre Wiederentdeckung warten. Die Anthologie wurde in dieser Woche im Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren präsentiert. Radio Prag hat nach der Veranstaltung einen der Herausgeber, den Olmützer Germanisten Lukáš Motyčka, vors Mikrophon gebeten.

Obwohl der Titel der Anthologie das Wort „Literatur“ enthält, versammelt sie nur Prosa. Dramen seien zu lang, und Lyrik?

Auch Lyrik wurde viel geschrieben, aber wahrscheinlich wäre es schwieriger, ästhetisch wertvolle Lyrik zu finden. Nicht nur bei den Deutschmähren.

(Zumindest von Marie von Ebner-Eschenbach, die eine von 3 Frauen in der Prosaanthologie ist, gäbe es freilich auch buchenswerte Gedichte.) Lukáš Motyčka sagt:

Marie von Ebner-Eschenbach ist selbstverständlich die Matadorin der deutschmährischen Literatur, aber für mich gab es eine große Entdeckung, auch eine Frau, und zwar die Fürstin Mechtilde Lichnowski. Von ihr steht ein wunderbarer Text im Buch. Vielleicht kann ich die Zuhörer drauf aufmerksam machen, dass dieser Text und weitere Texte von dieser Anthologie vom Tschechischen Rundfunk – Vltava bearbeitet und ausgestrahlt wurden. Darunter war auch ‚Gott betet‘ von Mechtilde Lichnowski.“

Gib Gott, dass mich nicht Wahnsinn packt

Der hitzig freiheitsliebende Puschkin wusste, dass er hochgefährdet war. Im Alter von zwanzig Jahren war er wegen Spottversen auf hohe Regierungsbeamte, die die gebildete Jugend auswendig kannte, fast nach Sibirien verbannt und schließlich „nur“ nach Südrussland strafversetzt worden. Mit 25 Jahren wurde er von Zar Alexander I. aus dem Staatsdienst gefeuert und auf seinem Familiengut bei Pskow festgesetzt, weil der Staatsmacht zu Ohren gekommen war, dass er die Existenz Gottes anzweifelte und das Ende der Tyrannei herbeisehnte. Wenige Jahre später rettete ihn nur die Begnadigung durch Zar Nikolai I. vor einer Verurteilung wegen seiner erotischen Travestie auf die unbefleckte Empfängnis, „Gawriliada“, deren Autorschaft er wohlweislich leugnete. Und er sah mit an, wie sein Freund Pjotr Tschaadajew, einer der glänzendsten Intellektuellen seiner Zeit und der Begründer der russischen Philosophie, seiner Schriften wegen für wahnsinnig erklärt wurde. Es war der erste Fall einer Diagnose geistiger Umnachtung aus politischen Gründen. / Kerstin Holm, FAZ (Frankfurter Anthologie)

Das Gedicht beginnt (in der Übersetzung von Michael Engelhard) so:

Gib Gott, dass mich nicht Wahnsinn packt.
Nein, lieber alt und arm und nackt;
Nein, lieber Müh und Leid.
Nicht, weil ich, auf mein Denken stolz,
Von ihm nicht lassen könnt; ich wollt‘s,
Ich wär dazu bereit.

Ließ man mich frei, ging alsobald
Ich froh in einen finstern Wald
Zu einem Schattenbaum.
Ich sänge Fieberphantasien,
Ich würde flammentrunken glühn
In wirrem Wundertraum.

Yennecott

Yennecott ist eine frühere Bezeichnung für die Insel [Long Island], die jetzt drei Flughäfen trägt für Gegenden zur Naherholung sehr vermögender New Yorker. Und in Yangs Text wird eine Verzichtserklärung zitiert, die die Insel ins Eigentum der europäischen Siedler übergehen lässt. Damit verbunden aber auch die Auslöschung der Namens Yennecott. Geschichte ist an Stellen von Natur überwuchert.

Yang kompiliert in seinem Text Beobachtungen und Dokumente, die er zitiert, die er in Verse bricht, und die dadurch etwas von dem preisgeben, was sie verdecken sollten, und worin ihre Intention lag. Dazwischen referiert er historische Ereignisse und Mythen. Der Text ist kaleidoskopisch, und er versucht nicht zu kitten, nicht – wie die kolonialistische Tradition es verlangt – eine konsistente Erzählung der Vergangenheit zu liefern. Denn der Text weiß, dass die Konsistenz nur durch die Unterdrückung bestimmter Momente, Störgeräusche gelingen kann. Auch die Erzählung vom Indianer als edlem Wilden ist eine kolonialistische.
Und vielleicht ist das, was Yang da macht, nur in einem Langgedicht zu leisten, weil es den Epen, die die Pfahlwurzeln unserer Kultur sind, eine ebenfalls epische Form entgegensetzt, aber eine, die Geschichte in Schichten abträgt.

Es ist, als deckte Yang – indem er die koloniale Erzählung, die angetrocknete oberste Schicht also, aufbricht, wegnimmt – ein nicht zu ordnendes Ganzes auf, das aber nur in Versatzstücken erscheint. Zumal mit der Auslöschung der Kultur den Natives, deren Überlieferung eine orale war, auch die Mythen ausgelöscht wurden. Erhalten haben sich Worte und Rekonstruktionen in Weißen Erzählungen, denen genau so wenig zu trauen ist, wie der Internetenzyklopädie. Zu bewahren wäre das Bewusstsein eines Verlustes. Und diesen Verlust macht Yang deutlich. / Jan Kuhlbrodt, Signaturen (Mehr)

Jeffrey Yang: Yennecott. Gedicht. Engl./dt. Übersetzt von Beatrice Faßbender. Berlin (Berenberg Verlag) 2015. 96 Seiten. 19,90 Euro.

An die Tyrannen

Die algerische Sängerin und Songschreiberin Souad Massi sang in Tunis Lieder zu arabischen Versen, die an die Jasminrevolution vor vier Jahren erinnern. Es sind Verse von Abou el Kacem Chebbi, einem Dichter der tunesischen Moderne, dessen Gesicht auf der 10-Dinar-Banknote abgebildet ist. Er starb jung 1934, aber sein Gedicht „An die Tyrannen der Welt“ lebte in den Gesängen der arabischen Aufstände auf, die 2011 in Tunis mit dem Sturz des Diktators Zein al-Abidine Ben Ali begannen. Jahrzente vor der Machtübernahme Ben Alis oder seines Vorgängers Habin Bourgiba schrieb Chebbi dem Tyrannen: „Sieh dich vor, daß dich der Frühling nicht überlistet. … Der Strom des [von dir vergossenen] Blutes wird dich bald fortspülen.“ / Maya Yaggi, ft.com

Aufruf: Lyrik wäscht sich nicht

Die Zeitschrift „Abwärts!“ sucht für ihre nächste Ausgabe im Juli Beiträge zum Thema, beliebigen Genres:

„Babypille fauler Zauber

Ajax hält das Becken sauber.“ Heiner Müller

Denis Scheck, anläßlich der Nominierung Jan Wagners für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015: „Jan Wagner schreibt wunderbare Gedichte über so gegensätzliche Themen wie den Giersch im Garten oder Koalabären, außerdem besitzt er perfekte Umgangsformen und nutzt sein Dichtertum nicht als Ausrede für schlechtes Benehmen und mangelnde Körperhygiene. Was kann man von einem Lyriker mehr erwarten?“


Das Infektionskomitee Abwärts! erwidert: „Lyrik wäscht sich nicht“ und fordert auf, ungebleichte Texte und Kommentare jeglicher Couleur (bzw. Odeur) für die nächste Ausgabe einzusenden (an:abwaerts@basisdruck.de). Redaktionsschluß (Waschtag): 19. Juni 2015.


PS. „Waschen verdirbt das Talent.“ Bertolt Brecht



http://www.basisdruck.de/index.php?cPath=24

Poetopie

heilig oder nicht – der Geist hält sich versteckt in unseren Körpern

Hansjürgen Bulkowski

American Life in Poetry: Column 521

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Amanda Strand is a poet living in Maryland. I like this poem for its simplicity, clarity and directness. No frills to decorate it, just the kind of straightforward accounting of an experience that Henry David Thoreau said he looked for in an author.

Father and Daughter

The wedding ring I took off myself,
his wife wasn’t up to it.
I brought the nurse into the room
in case he jumped or anything.
“Can we turn his head?
He looks so uncomfortable.”
She looked straight at me,
patiently waiting for it to sink in.

The snow fell.
His truck in the barn,
his boots by the door,
flagpoles empty.
It took a long time for the taxi to come.
“Where to?” he said.
“My father just died,” I said.
As if it were a destination.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2014 by Amanda Strand and reprinted by permission of the poet. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

American Life in Poetry: Column 520

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

With this column American Life in Poetry celebrates its tenth anniversary. Thanks to all of you for supporting us, week in and week out!

When I was a boy, I was advised that if a wasp landed on me I wasn’t to move until it flew away. I did as I was told and got stung. Here Karen J. Weyant, who lives in Pennsylvania, takes a similar risk.

Yellowjackets

When my father held his Bic lighter
to the nests in back of the garage,
the gray paper pulp sparked

then blackened. Ashes fell,
coating crawling ivy and clover.
A few yellowjackets fled,

one or two swirled, flying
into the sweaty face of my father,
but most too stunned,

their usual side-to-side swag
of a dance, flailing in the smoke.
When one landed on my arm, I stiffened.

His wings settled into a still gauze,
body coiled in yellow bands,
the same shade as buttercups we held

to our skin, cupping sunlight near our chins.
Every step, careful, quivering, as if neither
of us knew who was supposed to sting.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Karen J. Weyant and reprinted from Poetry East, Nos. 80 & 81, Fall 2013. Karen J. Weyant’s most recent book of poems is Wearing Heels in the Rust Belt, (Main Street Rag, 2012). Poem reprinted by permission of Karen J. Weyant and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

Brodsky-Museum

In St.Petersburg wurde gestern ein dem Dichter Joseph Brodsky gewidmetes Museum eröffnet – in der „Kommunalka“ (kommunalen Wohnung), in der er zwischen 1955 und 1972 mit seiner und drei weiteren Familien lebte.  Über die Wohnung, in der seine Familie 2 Zimmer bewohnte, schrieb er den Essay „Anderthalb Zimmer“. Anderthalb, weil sein Vater in der Hälfte des einen Zimmers eine Dunkelkammer betrieb. Das Museum hat heute mehr Platz als Brodskys Familie – nur eine Familie verblieb in der ehemaligen Gemeinschaftswohnung, sie bekam einen separaten Eingang. 1972 verließ der Dichter die Sowjetunion nach jahrelangem Druck der Geheimpolizei KGB, mehreren Verleumdungskampagnen, Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik und 18 Monaten Verbannung im arktischen Norden.

/ France24

Tzveta Sofronieva

Sie promovierte 1991 über kulturelle Einflüsse auf den Wissenstransfer und nahm an der Poetry Master Class von Joseph Brodsky teil. In den 80er-Jahren musste sie Bulgarien wegen kritischer Äußerungen verlassen und ging in die USA, wo sie sich mit mehreren Vorträgen finanziell über Wasser hielt. Reisen, Forschungsaufenthalte und Lesungen führten sie in die ganze Welt. Heute lebt sie als freie Autorin in Berlin und schreibt ihre Texte auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch.

Es ist, so sagte sie am Mittwoch, vor allem die Idee der Kommunikation, die sie zum Schreiben motiviere. „Ich glaube, dass Menschen sich verstehen können, auch wenn sie es eigentlich nicht können“, sagte sie. „Sie müssen sich nur bemühen und dieses Bemühen ist dann so wunderbar.“ Sie selbst habe Deutsch dadurch gelernt, dass sie viel gelesen, aber auch geschrieben habe. (…) Zunächst schrieb sie nur epische Texte auf deutsch und hätte nicht gedacht, dass sie auch deutsche Lyrik verfassen könne. (…) Ihr erstes Gedicht in deutscher Sprache war „noch eines der verbotenen Worte“. Ein Text, von dem sie selbst nicht so richtig wusste, wo er herkam, und der, auch wenn er so klinge, kein wirkliches Liebesgedicht sei.  / Sarah Kugler, Potsdamer Neueste Nachrichten

Dante 750

Irgendwann zwischen dem 21. Mai und dem 21. Juni vor 750 Jahren, also 1265,wurde in Florenz Dante Alighieri geboren. Er war Dichterphilosoph. Er schrieb hinreißende Gedichte, gelehrte Abhandlungen und ein Werk, das zu den berühmtesten der europäischen Literaturgeschichte gehört: „Die Göttliche Komödie“. Der Icherzähler berichtet, wie er in einer großen, sein Leben bedrohenden Krise zu einer Reise durch Hölle, Fegefeuer und Paradies geführt wurde. Dante schreibt das in mehr als 14 000 Versen, in einer Verkettung von Terzinen (aba bcb cdc ded efe usw.), deren Reime mal eine rauschhafte Wirkung erzielen, mal die Story weitertransportieren wie ein schnurrender Motor. Aber man kann Dante nicht aufschlagen und zu lesen beginnen. Nein, natürlich kann man nur das tun, wenn man ihn kennenlernen möchte. Aber man versteht nichts. Der Verserausch stellt sich nicht ein, weil man keine der mehr als 600 erwähnten Personen kennt, weil einem bald klar ist, dass es in dem Text von Anspielungen wimmeln muss. Aber auf wen? Worauf? Ist das parodistisch, ist das ernst gemeint? Nach noch einmal zehn, fünfzehn Zeilen gibt man auf. Von wegen Schönheit! Nichts hat man mitbekommen. Das geht auch jedem Italiener so. Das ging manchem Zeitgenossen Dantes schon so. Er selbst hat darum seine Gedichte in langen, ausschweifenden Kommentaren erklärt. Er wollte verstanden werden. Aber er wollte auch festlegen, wie man ihn zu verstehen hatte. Darum schrieb er Italienisch. (…) / Arno Widmann, Perlentaucher

#verserausch, #dante700, #williamblake

Toller, Rilke, Revolution

Auf seiner Flucht vor der Polizei begegnet Toller Rilke, der in dieser Zeit in München lebt: „Ich bin sehr betrübt, bei mir sind Sie nicht sicher, zweimal schon wurde mein Haus durchsucht. Sie hatten meine Wohnung unter den Schutz der Räterepublik gestellt, ich vergaß den Anschlag zu entfernen, das wurde mir zum Verhängnis.“
Rilke wird aus München ausgewiesen, Toller kommt vor Gericht und wird von Hugo Haase verteidigt. In seinem Plädoyer formuliert der Anwalt:

Es ist ein Nonsens, dass die Regierung, die selbst durch eine Revolution zur Herrschaft gekommen ist, diejenigen als Hochverräter ins Zuchthaus oder gar aufs Schafott schickt, die nichts anderes tun, als sie selbst getan hat.

Toller wird zu Festungshaft verurteilt. Sein Anwalt Haase 1919 in Berlin von einem angeblich Geisteskranken angeschossen. Er erliegt seinen Verletzungen im Krankenhaus.

Was ist von einer Demokratie zu halten, die auf solche Weise die Weltbühne betritt? / Jan Kuhlbrodt, Signaturen

#demokratie, #raeterepublik, #ErnstToller