Sperriges Sprachtreibgut und rauschhafte Feste

Sie entwickeln einen eigentümlichen Sog, diese langen Gedichte von Thomas Kunst. Es ist dieser besondere Ton. Da spricht einer, erzählt, bekennt, man lauscht gebannt. Lässig fließt es ein Stück in vertrauten Redewendungen, doch, zack, stößt man auf solch sperriges Sprachtreibgut: „unter der steifen Ausschöpfung / Eines jeglichen Muskelsüdens“. Man stutzt, wendet‘s um und um, aber es bleibt rätselhaft. Und so etwas findet man reichlich: „hochgebundener Schnee“, „Kabinenwurzeln“, „Mondänes Tennisgeklimper mit Küste und /Harten Möwen“ oder „Garantien der Ausgekratztheit“. Aber manche dieser verrückten Wortmontagen verbreiten unversehens ein erhellendes Licht: „Glücksgewebe“ zum Beispiel. So hat man das noch nie gehört, aber ja, es stimmt. Und dann begegnen einem Wortfügungen, die wunderbar leuchten: „Berührungen sind Trümmer, kein Besitz“ zum Beispiel findet man in einem der Sonette, die in geforderter Strenge zu bauen dieser Dichter souverän beherrscht. Ein Gedicht beginnt: „Du musst mich diese rauschhaften Feste schon zu Ende feiern lassen“. Vielleicht sind diese Verse vor allem dies: rauschhafte Feste der Poesie. (…) Die wichtigsten Gedichte des in Stralsund geborenen, seit 1987 in Leipzig lebenden Autors finden wir in einem Auswahlband, ein Geschenk des Dresdner Verlegers Helge Pfannenschmidt (Edition Azur) zum 50. Geburtstag von Thomas Kunst. (…) Was Thomas Kunst in der Dichtung der Gegenwart vermisst: „Kühnheit, Frechheit, Phantasie, Dreistigkeit“. Und auch Dreck gehört für ihn in die Literatur. Gar nichts jedenfalls hält er von einer theoretisch überfrachteten Lyrik. So ätzt er hin und wieder in seinen Versen gegen Universitäten. Einfacher zu werden, danach strebt er: „daß man das fast nicht mehr für Dichtung hält“.  / Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten 29.06.2015

Thomas Kunst:
Kunst. Gedichte 1984–2014.
Edition Azur.
144 S.,
20,00 Euro

Bienenspäßchen

Bei Textkette startete eine Serie mit einem Gedicht des niederländischen Dichters Daniel Heinsius (1580-1655), welches in fast jeder Zeile das Versmaß wechselt. Lust auf ein Spiel mit einem großen europäischen Dichter (und einen kleinen Crashkurs in klassischer Metrik)? Dann schauen Sie heute und mindestens in den nächsten ca. 26 Tagen bei http://textkette.com vorbei.

Fortsetzungen

der Debatte um Bertram Reineckes Essay „Die Mitte und kein Ende“ (in den Signaturen): zu den Wortmeldungen in der Lyrikzeitung und auf Facebookseiten kommt jetzt ein Mailwechsel zwischen Frank Milautzcki und Bertram Reinecke bei Fixpoetry.

Geheimdichterin

Emily Dickinson ist die wohl einflussreichste amerikanische Lyrikerin. Sie wird heute weltweit gelesen und gefeiert. In ihrer Epoche, dem 19. Jahrhundert, wusste kaum jemand von ihrer Kunst. Nur zehn Gedichte wurden zu ihren Lebzeiten veröffentlicht. Jetzt erscheint eine Ausgabe mit dem Gesamtwerk: 1.789 Gedichte.

(…)

Als Emily Dickinson 1872 dieses poetische Selbstbekenntnis schrieb, hatte sie sich schon von aller Welt zurückgezogen, war die „White Lady“, wie die Bürger von Amherst die gespenstische Erscheinung nannten, die in stets schneeweißem Gewand nachts durch ihren Garten wandelte. Emily Dickinson war damals 42 Jahre alt, lebte in ihrem Elternhaus, verließ kaum ihr Zimmer. Und dort stieß man nach ihrem Tod 1886 in einer schweren Truhe auf nahezu vierzig kleine Notizbücher, mit über 1700 Gedichten – ein weltliterarischer Fund, über den sich die jüngere Schwester Lavinia, die den Schatz entdeckte, natürlich nicht im Klaren war.

Denn dass Emily schrieb, wusste jeder in der Familie, nur schwieg man betreten, denn was sollte es schon sein? Emily Dickinsons Biographen haben einen traurigen Strauß an Begründungen geflochten, warum diese Frau sich und ihr Werk so sehr versteckte, immer verbunden mit dem Gedanken, dass eigentlich alles anders, viel schöner hätte kommen können. (…)

Zahlreiche Gedichte arbeiten mit Reflexen, Verweisen auf konkrete Ereignisse, Personen, geschichtliche und philosophische Entwicklungen. Viele Verse entstehen überhaupt erst durch solche Anlässe, und vieles, was bislang als unverständlich-metaphorisch-allegorisch galt, wird im Zusammenhang deutlich und klar konturiert. Ein gutes Beispiel dafür sind Gedichte, die Emily Dickinson ab 1863 schrieb, seit dem Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs, der sich zu einer nationalen Tragödie entwickelte, mit gigantischen Schlachten und Hunderttausenden von Toten. Auch nach Amherst drangen die Nachrichten, die Zeitungen druckten erschütternde Reportagen und gräuliche Bilder von den Schlachtfeldern und aus den Lazaretten. Auch Emily war entsetzt:

Gedicht 704

Mein Part ist heut – das Unterliegen –
Ein bleicheres Geschick als Siegen –
Kaum Lobeshymnen – Glockenklang –
Mir folgt kein Trommler – mit Gesang –
Nicht rasch wie Schüsse geht’s voran –
Debakel – zieht sich hin –

Voll Flecken ist’s, voll von Gebeinen –
Und Männern die zu steif zum Beugen –
Und Stapeln von Gestöhn –
Von Splittern weiß – in Knabenaugen –
Gebetsschutt –
Klar in Stein gehauen
Des Tods frappantes Tun –

[…] *)

„Scraps of prayer“ heißt es im Original, „Gebetsschutt“ macht Gunhild Kübler daraus, und schon an diesem einen Wort lässt sich die Leistung ihrer Übersetzung illustrieren. Sie ist schlicht sensationell. Schon nach wenigen Zeilen spürt man, dass hier eine Schwester im Geiste am Werk ist, vertraut mit dem Empfindungs- und Gedankenraum von Worten und Begriffen, ihrer Aura, die sie instinktiv, scheinbar mühelos, zu erfassen und in die eigene Sprache zu verwandeln vermag. Dichterin und Übersetzerin wirken wie zwei enge Freundinnen, die einander verstehen, ohne viel sagen und erklären müssen. Fällt ein Wort, wissen beide, was gemeint ist, blicken sie gemeinsam auf einen Gegenstand, sehen sie dasselbe. / DLF-Büchermarkt

Emily Dickinson, Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt, kommentiert von Gunhild Kübler. Verlag Carl Hanser München. 1.404 Seiten. 49,90 Euro.

*) Hier der Originaltext:

My Portion is Defeat—today—
A paler luck than Victory—
Less Paeans—fewer Bells—
The Drums don’t follow Me—with tunes—
Defeat—a somewhat slower—means—
More Arduous than Balls—

‚Tis populous with Bone and stain—
And Men too straight to stoop again—,
And Piles of solid Moan—
And Chips of Blank—in Boyish Eyes—
And scraps of Prayer—
And Death’s surprise,
Stamped visible—in Stone—

There’s somewhat prouder, over there—
The Trumpets tell it to the Air—
How different Victory
To Him who has it—and the One
Who to have had it, would have been
Contender—to die—

Gestorben

Mehrmals ging Gerhard Zwerenz von der Fahne: Als Soldat der Wehrmacht desertierte er in Polen, als linker Anti-Stalinist floh er aus der DDR. Heute ist er mit 90 Jahren gestorben – kurz nach seinem runden Geburtstag, zu dem ihm Franziska Augstein gratulierte. / Süddeutsche Zeitung

Wie viele…

Gedichte verträgt ein Feuilleton-Autor? Die Zeit verrät es uns definitiv (und löst damit definitiv das Problem der Lyrik, an dem nicht nur Doktor Benn rumdokterte*): immer 1 Roman 1 Gedicht.

Die interessantere Frage stellt Alexandru Bulucz:

Wie viele Stimmen verträgt ein Gedichtband? In Oberländers kommen einige vor, so zum Beispiel die Paul Celans, Franz Kafkas, Theobald Hocks, Egon Schieles, Adalbert Stifters und Johannes Urzidils. Läuft ein Dichter, wenn er zu viele Personen mit direktem Bezug zur Stadt zu Wort kommen lässt, nicht Gefahr, zu einem Stimmenimitator zu werden? An die Härte, mit der Thomas Bernhard den Stimmenimitator angeht, wird man sich gewiss erinnern: „Als wir ihm [dem Stimmenimitator] jedoch den Vorschlag gemacht hatten, er solle am Ende seine eigene Stimme imitieren, sagte er, das könne er nicht.“ (Thomas Bernhard, Der Stimmenimitator)

Sobald man in die Gedichte hineinliest, erweisen sich diese Befürchtungen als grundlos. Den Weg zwischen Dichtung und Chronik, den Oberländer einschlägt, erkennt man an seiner Umsetzung, die bei ihm etwas hat, was der neueren Literatur vielleicht allgemein etwas abgeht: nämlich Witz. Zum Beispiel überträgt er Theobald Hocks (1573-1624) rätselhafte Worte „durch othebladen öckhen von ichamp / eltzapffern bermeorgisschen secretarien“ wie folgt: „durch abend holten köche nach pech / ikonenbroschen emsiger secretarien / oder / durch theobalden höckchen von china / secretarien pferzapft regnerischen lobens“ (aus „zur erinnerung an theobald hock“). / Signaturen

Harry Oberländer: chronos krumlov. Gedichte. Mit einem Vorwort von Wulf Kirsten und einem Essay des Autors. Frankfurt am Main (edition faust) 2015. 72 Seiten. 18,00 Euro.

*) Immerhin Benn wußte noch, daß Problem im Plural stehen muß. Sein Vortrag trägt den bekannten Titel: Probleme der Lyrik.

My father

My father, Ai Qing, was an early influence of mine. He was a true poet, viewing all subjects through an innocent and honest lens. For this, he suffered greatly. Exiled to the remote desert region of Xinjiang, he was forbidden to write. During the Cultural Revolution, he was made to clean the public toilets. At the time, those rural toilets were beyond one’s imagination, neglected by the entire village. This was as low as one’s condition could go. And yet, as a child 
I saw him making the greatest effort to keep each toilet as clean and as pleasant as possible, taking care of the waste with complete sincerity. To me, this is the best poetic act, and one that I will never forget.

My father was punished for being a poet, and I grew up in its consequences. But even when things were at their most difficult, I saw his heart protected by an innocent understanding of the world. For poetry is against gravity. Reading Walt WhitmanPablo NerudaFederico García Lorca, and Vladimir Mayakovsky at a young age, 
I discovered that all poetry has the same quality. It transports us to another place, away from the moment, away from our circumstances. / Ai Weiwei, July/August 2015 issue of Poetry magazine

Jean-Pierre Schlunegger

Der Waadtländer Lyriker Jean-Pierre Schlunegger, der sich 1964 mit knapp vierzig Jahren das Leben nahm, wird im deutschsprachigen Raum erst jetzt durch die von Christoph Ferber übersetzte und edierte zweisprachige Auswahl «Bewegtes Leuchten – Lueur mobile» (mit einem Nachwort von Barbara Traber) bekannt. Es sind kräftige, farbige, worthungrige und dramatische Gedichte im Rhythmus des bald langen, bald kurzen Atems des Dichters. / NZZ

Jean-Pierre Schlunegger: Bewegtes Leuchten. Lueur mobile. Gedichte. Aus dem Französischen von Christoph Ferber. Limmat-Verlag, Zürich 2014. 176 S., Fr. 39.90.

Henri Meschonnic und sein Werk

Auszüge aus einem Artikel von Felix Philipp Ingold über den 2009 verstorbenen französischen Gelehrten und Dichter Henri Meschonnic:

Selbst seine einstmals berüchtigten, bisweilen aphoristisch zugespitzten Pauschalurteile sind in Vergessenheit geraten: «Der schlimmste Feind der Poesie ist die Liebe zur Poesie.» – «Die Ästhetik ist der Tod des Gedichts.» – «Lernen heisst verstehen lernen, dass man nicht weiss, was man tut.» – «Nichts steht dem Göttlichen so sehr entgegen wie das Religiöse.» Usw.

(…)

All seine sprachphilosophischen und literaturtheoretischen Erwägungen münden letztlich in die Frage nach dem Gedicht. Die Frage nach dem Gedicht (wie auch die allfällige Antwort darauf) schliesst bei ihm – noch eine Provokation! – den Dichter und sogar die Dichtung aus: Das Gedicht, so betont er stets aufs Neue, entsteht im Gegenzug zur Dichtung und auch im Gegenzug zum Willen des Dichters. Es entsteht, um für sich selbst einzustehen, und es selbst ist die Gesamtheit dessen, was jeweils in ihm verwahrt ist und aus ihm spricht: ein «Ich – hier und jetzt», mithin ein geschichtlicher Moment, aber auch eine «poethische» Qualität, in der ethische und poetische Komponenten zu einem (zu seinem) «Wert» fusionieren: «Unaufhebbare Interdependenz und Interaktion von Sprache, Wirklichkeit und Ich.»

Das Gedicht ist immer dieses Gedicht. Das Gedicht entsteht und besteht an und für sich, es geht allen Regeln und Konventionen und Traditionen voraus: Das Gedicht kommt vor dem Sonett, der Vers vor dem Alexandriner, die Assonanz vor dem Reim, der Rhythmus vor dem Metrum. Das Sagen fällt hier mit dem Gesagten in eins. Das ist, zumal bei einem hyperluziden und hochgebildeten Autor wie Meschonnic, ein geradezu «primitiver» Ansatz: Urworte orphisch? Nein, ganz einfach Rückkommen aufs Eigentliche und aufs Eigene zugleich. Das Gedicht als Lebensform: «Das Gedicht ist die Verwandlung einer Sprachform durch eine Lebensform und die Verwandlung einer Lebensform durch eine Sprachform.» So behauptet sich das Gedicht als die einzige authentische Sprachform des Lebens.

Was in diskursiver Auslegung kompliziert, vielleicht gar abschreckend wirken mag, gewinnt in Meschonnics Gedichten eine staunenswert schlichte Sprachgestalt, die man beim Lesen als ebenso kunstvoll wie unbedarft erfahren kann. Fragt sich nur, ob der Autor das Gedicht nicht überschätzt (oder überfordert), wenn er ihm eine anthropologische Schlüsselfunktion bei der «Verteidigung des Lebendigen» zuspricht und von ihm erwartet, dass es seinen Zeichencharakter und damit den «abendländischen» Dualismus zwischen Form und Inhalt, Affekt und Konzept, Signifikant und Signifikat überwinde, um «sein Schweigen im Gelärm der Jetztzeit» zu behaupten. Damit zieht sich Meschonnic auf eine einsame Position zurück und markiert Distanz gegenüber seinen Dichterkollegen, die es eben darauf angelegt hätten: «die Jetztzeit mit Gelärm zu erfüllen».

Das ist mehr als ein Seitenhieb auf die heute besonders erfolgreiche performative Dichtung, die den Text in Gebrüll und Geraune verkommen lässt; es ist die viel weiter reichende Klage darüber, dass sich Dichtung nur noch in Gedichten (quantitativ) und nicht mehr im Gedicht (qualitativ) artikuliert. Dass Lyrik heute – nicht anders als Prosa – vorab aus Literaturinstituten, Workshops und Wettbewerben hervorgeht, dass sie sich von ständig wechselnden Trends, von Ratings und Preisen bestimmen lässt, ist Beleg dafür. Henri Meschonnic hat solch vordergründige «Preisung» der Poesie – deren Pathos wie deren Leichtfertigkeit! – durchweg kritisch kommentiert. «Doch jedes Mal, wenn ein Gedicht kommt, verliert diese monströse Produktion ihre ganze Kraft.» / Neue Zürcher Zeitung

Poetopie

gehst du zu Fuß, bleibt dein Körper laufend im Gespräch mit dem Boden

Hansjürgen Bulkowski

Nikolai Kljujew (1884-1937)

Klujev, altgläubiger dichter in schaftstiefeln und schafspelz, der von einem irdischen bauernparadies träumte und der wiederkehr Pugatschows, als kulak verteufelt, verhaftet, verbannt, ohne Kieferngeläut verscharrt wie ein räudiger köter im lager narym in jenen jahren…

Wulf Kirsten

 

Der russische Dichter des silbernen Jahrzehnts Nikolai Aleksejevitsch Klujev [Kljujew, Клюев], Vertreter der sogenannten “neubäuerlichen” Richtung in der russischen Lyrik des XX. Jahrhunderts, ist am 10. (22) Oktober 1884 im abgelegenen nördlichen Dorf Koschtugi bei Wytegra des Olonetski Gouvernements (heutzutage Gebiet Wologda) in einer altgläubigen Bauernfamilie geboren. (…)

In den Jahren der ersten russischen Revolution (1905-1907) nahm Klujev aktiv an der revolutionären Bauernbewegung teil. Anfang 1906 wurde er wegen Agitation verhaftet, sechs Monate lang ins Gefängnis gesperrt und danach einige Zeit von der Geheimpolizei überwacht.

Vor der Oktoberrevolution erschienen weitere Gedichtbände von Klujev: „Die brüderlichen Lieder“ (1912), „Waldsagen“ (1913) und „Weltrauch“ (1916).

Nicht nur Block und Brüssov, sondern auch Gumiljow, Achmatowa, Gorodetsky, Mandelstam etc. haben diesen eigenartigen, großen Dichter bemerkt. 1915 lernte Klujev Sergej Jessenin kennen, der ihn in der Folge seinen Lehrer nannte. Um sie scharten sich Dichter der sogenannten neubäuerlichen (volkstümlichen) Richtung wie A. Belyj, S. Klychkov, Iwanow-Razumnik, P. Oreschin, A. Schirjajevez usw., die alle der Gruppe „Skythen“ angehörten.

(…)

Wegen seiner christlichen Anschauungen wurde Klujev 1920 aus der Partei der Bolschewiki ausgeschlossen. Statt Zeilen wie “Lenin hat den Wind und Sturm zum Engel gemacht”, schrieb er jetzt: “Wir glauben an vieläugige Brüder, Lenin dagegen an Eisen und den roten Geist”.

Nach dem Selbstmord von Jessenin hat Klujev das Gedicht „Ein Wehklagen über Sergej Jessenin“ (1926) verfasst, das aber kurz darauf verboten wurde.

Klujew trauert um ihn wie eine Mutter:

 

Du, mein Uhu klein, mein liebstes Vögelein!

Der Dichter sieht in Jessenin “ein Kind”, einen reinen Knaben vom Lande”, der als Opfer der Stadt fallen sollte, einer fremden und feindlichen Welt. Er ist sich im Klaren, dass die Machthaber die Volkspoesie nicht nötig haben: “Überall, wo der Hirt klopft – hört er nur das Bauchbrummen”.

(…)

Eine verhängnisvolle Rolle im Leben Klujevs hat der kritische Artikel von Leo Trotski gespielt, der 1922 in der Presse erschien. Jahrzehnte lang musste nun der Dichter mit dem Makel eines Kulakendichters weiterleben.

(…)

Am 5. Juni 1937 wurde Klujev in Tomsk verhaftet, angeblich – so führte die sibirische NKWD aus – wegen konterrevolutionärer Tätigkeit und Vorbereitung eines Aufstands gegen die sowjetische Macht, in dem man dem Dichter eine führende Rolle zuschrieb. Nach seinem Tod schenkte man viele Jahre der Darstellung Glauben, Klujev sei an der Station Taiga nach dem Verlust seines Koffers mit den Manuskripten an einem Herzanfall gestorben. In Wirklichkeit aber wurde der Dichter im Oktober 1937 (am 23. oder 25.) auf dem Kaschtatschberg in Tomsk erschossen.

Zwanzig Jahre lang bis zur Rehabilitierung 1957 wurde sein Name in der UdSSR nicht erwähnt, und erst 1982 erschien das erste posthume Buch. Während der Glasnostzeit wurden einige Werke von Klujev veröffentlicht, die man lange für verschollen gehalten hatte, vor allem das Poem «Pogorelschina», das der Dichter einst dem italienischen Slawisten Lo Gatto übergeben hatte. 1950 wurde es im Ausland publiziert. Ironie des Schicksals ist, dass Klujevs unvollendetes und verloren geglaubtes Hauptpoem «Das Lied von der großen Mutter» ausgerechnet in den Archiven der KGB erhalten blieb.

«Das Lied von der großen Mutter» spricht von der Herkunft des Dichters und seinen Vorfahren. Diese lebten im Lande der Vepsen, Saamen, Loparen und Karelen – finnougrische Völker des russischen Nordens.

(…)

Dem Rat von W. Kirsten folgend haben wir dem Biberacher Hartmut Löffel vorgeschlagen eine Klujev-Auswahl auf Deutsch zu präsentieren. Leider war der Übersetzter  zu eifrig an die Tat gegangen. 2009 erschienen 28 von ihm übersetzte Gedichte in einer Buchform gedruckt (Kljuev N. «O Russland – das bist du!». Ausgewählte Gedichte, Russisch und Deutsch, übersetzt und herausgegeben von Hartmut Löffel. Wiesenburg-Verlag, Schweinfurt). Der Nachdichter, ein Verehrer von Heine und seiner modernen Schreibweise, hat die deutsche  Tradition zu stark in die russische prosodische und äußerst individuell geprägte poetische Welt von Kljuev eingemeißelt. So dass dabei die unwiederholbare stilistische, inhaltliche und sprachliche Einzigartigkeit der Originaltexte verloren gegangen war und dem Leser ein moderner Dichter aller Völker und aller Zeiten präsentiert wurde (so der Eindruck eines deutschen Lesers). Man kann so eine Interpretation durch das Phänomen der sogenannten ästhetischen Interferenz erklären, wenn der nationale Kode einer heimischen Dichtung auf das fremdsprachige (-kulturelle) Literaturmodell übertragen wird und auf diese weise die   sinntragende Integrität des fremden Stoffes verletzt wird. Leider waren wenige, doch positive Rezensionen auf dieses Buch, in erster Linie von der Wichtigkeit des unternommenen Projektes  inspiriert, auf der Kühnheit des Übersetzers konzentriert, der Kopf über Hals das äußerst schwierige Material herangewagt hat, ohne über eine genügende sprachliche Kompetenz zu verfügen (Sieh. dazu: Данилевский Ю. Первый сборник стихотворений Н.А. Клюева в переводе на немецкий язык // Русская литература. № 4. 2011. С. 201–202; Rakusa I. Begnadeter russischer Sonderling // Neue Zürcher Zeitung. 18. März 2010. S. 50; Kasper K. Klopf ich beim Kerl, der Särge macht … // Neues Deutschland. 7. Juni. 2010. S. 15 // Osteuropa. N. 12. 2010. S. 143–144).

/ Auszüge aus einem Aufsatz von Tamara Kudryavtseva (Kudrjawzewa) bei Kuno

Gestorben

Der Dichter James Tate, Professor am English Department der University of Massachusetts Amherst, starb am Mittwoch abend im Alter von 71 Jahren. Er veröffentlichte mehr als 20 Gedichtbände, darunter “Worshipful Company of Fletchers” (National Book Award 1994) und “Selected Poems”, 1991 (Pulitzer Prize for poetry und William Carlos Williams-Preis).

Tate veröffentlichte seit 1967 im Poetry-Magazine (The Whole World’s Sadly Talking to Itself —W. B. Yeats” und “Pity Ascending with the Fog.”), zuletzt im Januar 2005 (“Spiderwebs”).

Hier eine Auswahl seiner Gedichte. Bei Essential American Poets eine Lesung des Autors in der Library of Congress, 1976.

/ Poetry Foundation

Translation

In the United States and Britain, translations represent just 3 percent of the book market. In Russia, in contrast, translated titles accounted for 10.5 percent of the market in 2013; in China, they make up around 7 percent. In the Netherlands, some 75 percent of all books produced are translations, according to 2013 statistics — and about 10 percent of all general interest books sold are original, English-language versions. Not only do foreign writers face obstacles to being read abroad, then, they are being crowded out of bookstores in their own countries. The English language, like rats or kudzu, has become an invasive species. / Benjamin Moser, New York Times 8.7.

Clarice Lispector

In college in the 1990s, I happened upon a Brazilian writer so sensational that I was sure she must be a household name. And she was — in Curitiba or Maranhão. Outside Brazil, it seemed, nobody knew of Clarice Lispector.

(…)

As I later learned, Lispector’s first name was enough to identify her to most Brazilians. But two decades after her death in 1977, she remained virtually untranslated; among English speakers, she was unknown outside some academic circles. One pleasure of discovering a great writer is the ability to share her work, and I was stymied. Lispector’s obscurity reinforced itself. People couldn’t care about someone they couldn’t read. And if they couldn’t read her, they couldn’t become interested. / Benjamin Moser, New York Times

Aufschwung Lyrik

Gerade hab ich gedacht, dem nächsten, der uns erzählt, wie prächtig sich die Lyrik entwickelt hat, seit der Börsenverein für den deutschen Buchhandel oder doch seine Jury im letzten Winter beschlossen hat, für diesmal keinen Roman, sondern einen Gedichtband auszuzeichnen, hau ich das um die Ohren… da isser:

Dass die deutschsprachige Lyrik in den letzten Jahren so aufregend ist wie lange, vielleicht seit den frühen Neunzigerjahren nicht mehr, hat spätestens mit dem Leipziger Buchpreis von Jan Wagner jeder mitbekommen. Vieles ist immer noch zu entdecken, übrigens in allen Dichtergenerationen. Mit N.N., geboren 1980, steht plötzlich eine neue Stimme in der allerersten Reihe.

Hipp hipp, hurrah! Und die Medien haben  sie entdeckt, der Börsenverein persönlich hat dran gedreht, der Papst hat es abgesegnet. Von den vielen neuen und alten Stimmen besprechen sie nur wenige, aber die sind dann die jeweilig besten. (Liebe Carolin Callies, denn ihr Name „verbirgt“ sich hier hinter dem N.N., lieber Tom Schulz, lieber Jan Wagner, liebe N.O., O.P., P.Q. etc. bis Y.Z.: nicht bös sein, ich liebe euch doch alle! Mich nervt nur der dämliche Diskurs, sorry! Liebe Feuilletonschreiber, fragt doch bitte meinen Buchhändler, wenn ihr mal nach Greifswald kommt, von wegen Erdung!).

Nach dem Stoßseufzer die Rezension von Richard Kämmerlings, Leitender Feuilletonredakteur der Zeitung Die Welt, in Auszügen. Sie geht insgesamt sehr kurvenreich in Ab- und Aufschwüngen, vereinfacht etwa so:

 kurve

Lyrik kratzt uns nicht? Oh doch!

Willkommen in der Kompostmoderne: Carolin Callies schreibt das wichtigste lyrische Debüt der Saison

Wer mit seinen jugendlichen Söhnen oder Töchtern per SMS oder Whatsapp kommuniziert, kann ein Lied davon singen, ein kurzes Lied, denn die Schriftsprache des Alltags wird immer knapper, schneller, notwendigerweise auch kryptischer und mehrdeutiger: Je weniger Zeichen, desto vielfacher die möglichen Lesarten. Welches Gefühl wird denn genau von einem klopfenden Herzen versinnbildlicht? Es müsste die Stunde für Lyrik sein, seit jeher das Fach für die mit knappstem Zeicheneinsatz operierende Erfassung von Gedanken oder Seelenzuständen.

Sehr schade und ziemlich paradox ist, dass ausgerechnet eine der schönsten Abkürzungen der Schrift auszusterben droht: „&“, das Kaufmanns-Und, in das sich so viel hineinlesen, oder besser: hineinsehen lässt. Eine Katze, die sich putzt, könnte es darstellen oder einen sitzenden Menschen, vielleicht einen betenden, einen Denker im Stile von Rodins Skulptur. Es ist ein sehr körperliches Zeichen.

„mir wurde, es war mal, räudig ums maul. / drum fehlt nun die anzahl an backen, um kauen zu können. / doch, ach, behalf ich mir mit fleisch, / das hinten, das vorne & aller leib dazwischen war / & muskelrelevant. // ich hatte, es war mal, ’nen tüchtigen körper“. Das „&“ kann auch ein kauernder Leib sein, ein vor Schmerzen zusammengekrümmter Kranker oder Sterbender.

Carolin Callies hat das Kaufmanns-Und zu ihrem Erkennungszeichen gemacht, es ist gewissermaßen das Tribal-Tattoo auf ihren Textkörpern.

(…)

Derart skalpellhaft präzise Worte dringen leicht unter die Haut: Carolin Callies zeigt, dass die vermeintlich so unkörperliche Sprache möglicherweise sogar besser als oberflächliche Bilder in der Lage ist, das Flüssige, Amorphe und Prozesshafte des Organischen zu beschreiben. (…)

Dass die deutschsprachige Lyrik in den letzten Jahren so aufregend ist wie lange, vielleicht seit den frühen Neunzigerjahren nicht mehr, hat spätestens mit dem Leipziger Buchpreis von Jan Wagner jeder mitbekommen. Vieles ist immer noch zu entdecken, übrigens in allen Dichtergenerationen. Mit Carolin Callies, geboren 1980, steht plötzlich eine neue Stimme in der allerersten Reihe.

Carolin Callies: fünf sinne & nur ein besteckkasten. Schöffling, Frankfurt/Main. 112 S., 18,95 €.