Kurz gesagt: Callies legt mit ihrem Debut-Band eine Sammlung sprachlich-ästhetisch ansprechender, gehaltvoll durchgearbeiteter, bewusst schwieriger Gedichte vor, die mir (!) wegen ihrem mich (!) provozierend-verstörenden Gehalt nicht gefallen können, die ich (!) ungern an mich heran, ungern in mich (!) hinein lasse … aber gerade das macht sie (meine Widerstände reflektierend) auch besonders und empfehlenswert, verleiht ihnen Schärfe und persönliche Brisanz. / Matthias Rürup, Fixpoetry
Callies’ Sprache ist manchmal derart knapp und verschlüsselt, dass sie mich überfordern, wenn meine Interpretationen dort, wo alle gleich möglich sind, ins Beliebige driften. Doch die eigenen Grenzen lesend zu weiten, ist nicht die schlechteste Übung.
Callies’ Gedichte sind frei von pathetischem Gefühlsüberschwang oder triefender Innerlichkeit. Eher sind es nüchterne, beinah wissenschaftliche Betrachtungen unserer Körperlichkeit, Feldforschungen, die getränkt sind von Witz, Komik und schwarzem Humor, oft burlesk und frivol. Erfrischend! / Monika Vasik, Fixpoetry
Paul Wühr nannte ihn einen „Chagall der Poesie“. Heise hielt ihn für einen „Pfadfinder der Einbildungskraft“. Harig sprach vom „Wortmetz aus Serralongue“.
Am 1. Juli ist Dieter P. Meier-Lenz im Alter von 85 Jahren verstorben.
Die Beisetzung hat am 10. Juli in seiner Wahlheimat in den französischen Pyrenäen stattgefunden.
/ Andreas Noga
* Aus dem Gedicht „die stille“ im Gedichtband, „hirnvogel. ausgewählte Gedichte 1990 – 2014“, Pop Verlag, Ludwigsburg 2014
Ich muß noch einen Auszug posten, danke Achim Wagner für diesen Artikel:
Lyrik in ihrem Ausdruck als Straßenkunst ist in türkischen Städten unübersehbar geworden. Waren es für mehrere Monate insbesondere die Verse Cemal Süreyas, wie „Hayat kısa, / Kuşlar uçuyor“ („Das Leben ist kurz, / Die Vögel fliegen“), und Turgut Uyars, wie „İkimiz birden sevinebiliriz göğe bakalım“ („Wir beide können uns auf einmal freuen lass uns in den Himmel schauen“), die sich im öffentlichen Raum lesen ließen, führte das immer weitere Anwachsen der Bewegung dazu, dass man sich inzwischen beinahe die komplette jüngere türkische Lyrikgeschichte von der Straße aus erschließen kann (oder natürlich über ihre Spiegelung im Internet), von Tevfik Fikret über die Dichter der Garip-Bewegung, von Ahmed Arif, Nilgün Marmara, Özdemir Asaf, Can Yücel oder Attilâ İlhan bis zu bekannten Gegenwartsdichtern, wie etwa Gülten Akın, Haydar Ergülen, Birhan Keskin. Dabei gehört es zu den Verdiensten von #şiirsokakta, u. a. die Verse des 1973 mit 25 Jahren verstorbenen Ankaraner Dichters Arkadaş Z. Özger einem breiteren Publikum bekanntgemacht zu haben.
Zentren dieser Lyrik-Bewegung sind natürlich die drei größten Städte der Türkei: İstanbul, Ankara, İzmir, mit ihrem zugehörigen Aufkommen an Studenten (die Gelände der Universitäten sind häufig selbst auch zu begehbaren Lyrikanthologien geworden), aber sie ist bis in die Kleinstädte aktiv.
Arslans Slogan „Defteri kapat, şiir sokakta!“ in Zusammenhang mit der Verwendung eines Gedichtausschnitts meint konkret: „Schließ das Heft, das Gedicht ist auf der Straße!“ und wurde in den folgenden Wochen und Monaten als Aufruf verstanden und propagiert, die Straßen mit Gedichten (oder einzelnen Strophen beziehungsweise Versen) zu beschriften.
Die Präsenz von Lyrik während der türkischen Proteste im Sommer 2013 war von Beginn an auffällig. Gedichtlesungen waren Teil von Protestveranstaltungen, Gedichtzitate fanden sich immer wieder in den Reden auf Kundgebungen. Nâzım Hikmets berühmte Verse „Yaşamak bir ağaç gibi tek ve hür / ve bir orman gibi kardeşçesine / bu hasret bizim…“ („Leben wie ein Baum einzeln und frei / und brüderlich wie ein Wald, / das ist unsere Sehnsucht …“) war auf gedruckten und selbstbeschrifteten Plakaten und Bannern der Protestierenden im Gezi-Park zu sehen, dessen Bäume von der Abholzung bedroht waren; Hikmets Verse verbreiteten sich über die sozialen Medien, wurden u. a. großflächig auf die Ufermeile von Alsancak in İzmir gesprüht, und wiederum für Plakate und Banner im Ankaraner Widerstandspark, dem Kuğulu Park, verwendet.
Als Anfang Juni die ersten Demonstranten starben, waren es verschiedene Verse aus Hasan Hüseyins Korkmazgils bekanntem Gedicht Haziranda ölmek zor („Es ist schwer im Juni zu sterben“), ursprünglich auf Orhan Kemal und Nâzım Hikmet verfasst, die sich als Ausdruck der Trauer in den sozialen Medien und im öffentlichen Raum wiederfanden. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden per Hand zwei Vierzeiler von Ataol Behramoğlu auf ein großes Transparent geschrieben und im Gezi-Park an einer Stange über der temporären Mahnstelle für die Toten der Proteste aufgehängt.
Einen großen Bekanntheitsgrad sollte ein Foto erlangen, das eine junge Demonstrantin mit einem selbstgemachten Plakat zeigt, auf dem zu lesen war: „Turgut Uyar’ın dizeleriyiz!“ („Wir sind die Verse Turgut Uyars“). Der Spruch ist eine ironisierte Abwandlung des bekannten Slogans der Kemalisten, der Anhänger des Gründers der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk: „Mustafa Kemal’in askerleriyiz!“ („Wir sind die Soldaten Mustafa Kemals“), in Anspielung auf den türkischen Unabhängigkeitskrieg. / Achim Wagner, aus: Das Gedicht ist auf der Straße. Über die Bewegung #şiirsokakta in der Türkei. Fikrun wa Fann
The fact that W. G. Sebald, who has come to be recognized as one of the most important prose writers of contemporary Europe, was also a prolific and accomplished writer of lyric poetry remains something of a well-kept secret. Sebald wrote poetry throughout most of his life, from the early 1960s until his death in 2001, publishing it chiefly in literary magazines and anthologies. His first major literary work was the extensive epic poem Nach der Natur, which was published in 1988. Toward the turn of the millennium, after his international reputàtion had been established by Die Ausgewanderten and Die Ringe des Saturn, he seems to have devoted more and more attention to his poetry. When he passed away, he had just published a collection of brief English-language lyric poems entitled For Years Now, and was also working on a closely related German lyric cycle, which was published in 2003 under the title Unerzählt. In 2008, finally, all of his published poems (apart from those included in the aforementioned volumes) along with a selection of hitherto unpublished poems, were collected and printed posthumously under the title Über das Land und das Wasser, which recently appeared in English translation. / Axel Englund,The German Quarterly
Die Wochen-ZEIT, deren Literaturredakteurin gern mitteilt, daß sie nichts von Lyrik verstünde, scheint dieselbe (die Lyrik, nicht die Redakteurin) retten zu wollen. Vor Jahren das politische Gedicht, bei dem sie achtbare und auch einige mir sehr liebe DichterInnen einlud, politische Gedichte zu schreiben (nur waren die Aktivisten des politischen Gedichts unter Alten wie Jungen nicht dabei). Und nun Schlag auf Schlag. Zunächst noch positiv, als Nora Bossong „die Lyriker“ aufforderte, sich „ins Zentrum“ zu trauen. Vorige Woche schlug Thomas Böhm vor, Galerien für Lyrik zu gründen und statt auf Gedichtbände auf Einzelgedichte zu setzen. Das es alles das und noch viel mehr längst gibt, tat dem Messianismus seines Vorschlags keinen Abbruch.
Beide, Bossong und Böhm, lehnten sich noch an den im Frühjahr ausgebrochenen Jubelton an. „Das Gedicht ist als Ware wiederentdeckt – vielleicht das Wundersamste an diesem Bücherfrühling.“ (Bossong). „Der Erfolg von Jan Wagner zeigt: Lyrik hat kein Aufmerksamkeitsproblem.“ (Böhm) Aber jetzt ist Schluß mit lustig. Dem Jubellenz folgt der Summer of our Discontent, auf Deutsch Muffelsommer.
„Dann lieber Einkaufszettel lesen: Wenn man das neue „Jahrbuch der Lyrik“ als Kursbuch der Literatur versteht, kann einem angst und bange werden, wohin die Reise geht.“ So stöhnt Heike Kunert in der aktuellen Zeit. Eine „von Langeweile und Empörung angetriebene Schnappatmung“ löst die Lektüre von 149 Gedichten, zumindest eines Großteils davon, bei ihr aus. Es sei „kein guter Jahrgang: verhalten, trocken, unreif, artig.“ (Bis dahin geht der Rezensionsrezensent mit.)
Nicht daß sie nicht auch Lichtblicke findet. „Natürlich gibt es auch kleine Oasen in diesem geistigen Brachland. Dafür sorgen bekannte Autoren wie Herta Müller, Elke Erb oder Michael Krüger.“* Ja, und dann noch „eine als Lyrik getarnte kleine Erzählung“ über Fingernägel, „die als solche gelesen, tatsächlich Spaß macht.“ Na gut. Die Lösung von Böhm, die Fingernägel als Einzelblatt, hätte hier geholfen. Zumindest der Rezensentin Schnappatmung erspart.
Ich teile die Begeisterung über den Fingernägeltext nicht, aber auch ich finde, daß das aktuelle Jahrbuch keins von den besseren ist. Nur will die Rezensentin nicht einfach eine schwache Anthologie kritisieren, sie zielt auf mehr. „Denn es ist doch so, dass die Lyrik auch immer ein Seismograph des Geisteszustandes einer Gesellschaft ist; ein Destillat der Erfahrungen und Schmerzen.“
Heißt das, wie ein Leserkommentar meint, unsere Zeit hat die Lyrik, die ihr entspricht? Oder fordert sie ein, was die Gedichte nicht liefern? Der nächste Satz scheint die Vermutung zu bestätigen: „Überdies fällt auf, dass sich so gut wie kein politisches, zumindest gesellschaftskritisches Gedicht im Jahrbuch findet. Möchte man kein Mahner mehr sein oder ist Politik nur noch ein Synonym für Langeweile?“
Leider hört das Nachdenken an dieser Stelle auf. Auf die Frage, ob die Herausgeber vielleicht politische Gedichte herausgefiltert haben, kommt Rez. nicht. Überhaupt: Wer ist „man“? Zum Vergleich:
„Nach den ersten 50 flüchtet man zu Gottfried Benn; nach weiteren 30 zu Thomas Brasch und Paul Celan, und hat man die Fibel der Lyrik endlich ausgelesen, so begibt man sich unter die Fittiche von Joseph Brodsky.“ – „Man möchte überhaupt einmal vielen Lyrikern zurufen, dass die Bedeutung ihrer Texte durch permanente Kleinschreibung aller Wörter nicht größer wird.“ – „Man möchte nicht einen letzten Vers lesen, der da lautet: ‚und im Keller faulen die Äpfel von innen‘ “. – „Möchte man kein Mahner mehr sein oder ist Politik nur noch ein Synonym für Langeweile?“ Man, man, man…
Der größte Denkfehler in dieser Rezension ist der Schluß von 149 Gedichten auf „die Lyrik“ heute. Nicht nur daß die Frage nicht gestellt wird, was die Herausgeber aus den 7000 Einsendungen herausgefiltert haben, wirklich nur die noch schlechteren? Und auch nicht die Frage, welche Autoren gar nicht erst eingeschickt haben. Wenn ich unter den 30 Jahrbüchern suche, erinnere ich mich an starke oder spannende, zum Beispiel als Adolf Endler (2002), Elke Erb (1986), Karl Mickel (1990), Ulf Stolterfoht (2008) oder Michael Lentz (2005) Mitherausgeber waren. Offensichtlich gibt es starke und schwache Ko-Herausgeber, solche, denen es gelingt, Autoren unterzubringen, die bisher unterrepräsentiert oder gar nicht vertreten waren, und andere, weniger durchsetzungsfähige oder bequemere. Erwarte ich zuviel von einer Rezension, wenn ich fordere, dies zu berücksichtigen? Ulf Stolterfoht hatte das Problem in seiner Nachbemerkung angesprochen: „Christoph Buchwald fiel es leicht, sich von mir Gedichte aus dem experimentellen Lager nahebringen/unterjubeln zu lassen, mir fiel es schwerer, die Machart vieler eher konventioneller Gedichte zu akzeptieren. ‚Damit kann ich leben!‘ war wahrscheinlich der am häufigsten geäußerte Satz während unseres Berliner Auswahl-Treffens.“ Im Stolterfohtband finden sich Allemann, Ames, Egger, Filips, Koziol, Lange, Reinecke, Scherstjanoi neben Bossong, Hartung, Küchenmeister. Kooperation ist Kompromiß. Bei Erb (1986) stechen mir Anders und Anderson, Böhmer, Bossert, Claus, Döring, Igel, Kling ins Auge, bei Mickel 1990 Stolterfoht, Hüge, Wichner, Hilbig, Pastior, bei Endler 2002 Domašcyna, Klünner, Köhler, Koziol, Lorenc, bei Lentz Behrens-Hangeler, Hausmann, Mon, Struzyk, jeweils als Beispiel, in keinem der Fälle weiß ich, welchem der Herausgeber die Aufnahme zu verdanken ist, aber diese Bände tragen das Gesicht des Mitherausgebers. Wie ist es mit dem vorliegenden Band? Die Rezensentin stellt auch diese Frage gar nicht, ja sie lobt sogar die Herausgeberin, wo sie unterstellt, sie habe eben viele schwächere Gedichte in Kauf nehmen müssen:
„Ansonsten wird aber schnell klar, dass sich Gomringer über die magere lyrische Ernte enttäuscht zeigt. Viel Spreu unter wenig Weizen. Gomringer erklärt es so: ‚Und mancher wird in der Auswahl dieses Bandes natürlich Dinge vermissen, die die Herausgeber bei den Einsendungen nicht finden konnten.‘
Das erklärt hinreichend, warum so viel Schlechtes auch ins Köpfchen, ergo Buch musste.“
Wirklich hinreichend??
Unterscheidung, Alternativen, Schwerpunktsetzung? Fehlanzeige. Rez. zieht es vor, sich als scharfe Kritikerin zu inszenieren, jede Differenzierung schwächte das Bild nur. Lieber auf der Schulter von Riesen, hier neben Krüger, Benn & Co. vor allem Jossif Brodsky, auf die behauptet magere deutsche Szene herabblicken. Einsam ist es dort oben auf der Säule!
*) Eine beliebte Figur, die Alten herauszuheben, Bossong nutzt sie auch, für ihren Zweck: „Und neben all dem Jugendkult bleibt die zärtliche Erhabenheit einer Friederike Mayröcker hoch geachteter Bezugspunkt genauso wie die störrische Neugier einer Elke Erb.“ Beide, Mayröcker und Erb, galten nicht zu jeder Zeit als unanfechtbar vorbildhafte Ausnahmegestalten. (Wenn nicht alles täuscht, ja auch für Bossong nicht)
Man möchte überhaupt einmal vielen Kritikern zurufen, daß die kritische Bedeutung ihrer Texte durch permanente Verweise auf in der Lyrik häufig verwendete Kleinschreibung aller Wörter nicht größer wird.
Zur Berichtigung der Urteile des kritisierenden und lesenden Publikums hier einige Fakten.
I. Bevor die Kleinschreibung erfunden wurde, mußte man alles großschreiben. Die ZEIT war damals 20 % dicker und ziemlich mühsam zu entziffern. Zum Vergleich
Heute
Man möchte überhaupt einmal vielen Lyrikern zurufen, dass die Bedeutung ihrer Texte durch permanente Kleinschreibung aller Wörter nicht größer wird. Hätte Janin Wölke, um an dieser Stelle ein kleines Gedankenspiel zu machen, die Substantive großgeschrieben, vielleicht wäre ihr aus einer simplen ästhetischen Überlegung heraus aufgefallen, dass der Bedrohlichkeit doch zu viel ist und dass die gewollte Bedeutung die erzielte in der Einheitsorthographie verschluckt.
Damals
MAN MÖCHTE ÜBERHAUPT EINMAL VIELEN LYRIKERN ZURUFEN, DASS DIE BEDEUTUNG IHRER TEXTE DURCH PERMANENTE KLEINSCHREIBUNG ALLER WÖRTER NICHT GRÖßER WIRD. HÄTTE JANIN WÖLKE, UM AN DIESER STELLE EIN KLEINES GEDANKENSPIEL ZU MACHEN, DIE SUBSTANTIVE GROßGESCHRIEBEN, VIELLEICHT WÄRE IHR AUS EINER SIMPLEN ÄSTHETISCHEN ÜBERLEGUNG HERAUS AUFGEFALLEN, DASS DER BEDROHLICHKEIT DOCH ZU VIEL IST UND DASS DIE GEWOLLTE BEDEUTUNG DIE ERZIELTE IN DER EINHEITSORTHOGRAPHIE VERSCHLUCKT.
II. Die radikale Kleinschreibung hat Jacob Grimm vorgeschlagen und in seinem Wörterbuch praktiziert:
Sein Vorschlag wurde nicht angenommen, auch im Grimm schreibt man wieder vorschriftsmäßig Großklein. Nur Dänemark hörte auf ihn und führte im 20. Jahrhundert die Kleinschreibung ein. Wenn ein Lyriker sie dort verwendet, fällt es gar nicht auf und den Kritikern fehlt ein Argument.
III. Die Kleinschreibung in der Lyrik wurde nicht von Brecht eingeführt, der seine Gedichte schulmäßig korrekt und in gängigen Brevierformaten drucken ließ. Selbst wenn er gewollt hätte, hätte er sie nicht erfinden können, weil es sie schon gab. Es war Stefan George, der für seine Werke eine eigene Schrift erfand und auf dem Buchtitel Großschreibung
und im Text gemäßigte Kleinschreibung verwendete:
Georgeschüler folgten dem Meister – doch daraus folgt nicht, daß Kleinschreibung in der Lyrik eine Huldigung an George ist. Das kommt vor, aber eher selten.
IV. Wenn es Groß- und Kleinschreibung gibt, kann sich der Autor entscheiden. Radikale Kleinschreibung kann an George erinnern wollen oder auch an Brecht oder Peter Paul Zahl
In den meisten Fällen ist es neutral wie die Metapher oder der Reim. Ob und was sie zum Mitteilungsgehalt des Gedichts beiträgt, das herauszufinden wäre die Arbeit von Kritikern, die statt zu räsonieren analysieren. Aber heute machen es sich fast alle so leicht wie die Zeit-Kritikerin und lesen es als einfaches Zeichen oder als Vorlage für eine Sottise.
V. Konrad Bayer
KURZE BESCHREIBUNG DER WELT
es gibt aalen
es gibt aale
es gibt aas
es gibt ab
es gibt abarten
es gibt abbalgen
es gibt abbau
es gibt abbeissen
es gibt abbilder
es gibt abblasen
es gibt abblühen
es gibt abbruch
es gibt abdecker
es gibt abende
es gibt abendzeitungen
es gibt aber
es gibt aberglauben
es gibt abermals
es gibt abfall
es gibt abfluss
u.s.w.
bis zuzeln, das es natürlich auch gibt
VI. ZUR KLEINSCHREIBUNG
die kleinschreibung ermöglicht den ankauf dieses blattes auch dem leser, welcher der grossbuchstaben noch nicht mächtig ist.
ich bitte den fortgeschrittenen leser um verständnis.
V und VI von Konrad Bayer aus: Poesiealbum 267. Konrad Bayer. Berlin: Neues Leben 1989 (S. 3 und 32)
Es gibt immer eine Welt von gestern, auf die der Glanz des Verlustes fällt. Für den Serben Stevan Tontić, den Kroaten Mile Stojić, den bosnischen Muslim Abdulah Sidran und die anderen Dichter aus Sarajevo ist es die Zeit, bevor ihre Stadt eingekesselt, belagert, bombardiert wurde. Und bevor das bosnische Experiment, in einer gemeinsamen Stadt das Zusammenleben von mehreren Volksgruppen und Religionsgemeinschaften zu erproben, so blutig zunichte wurde.
(…)
Die Belagerung war für alle Einwohner Sarajevos katastrophal. Eine besondere Belastung aber bedeutete sie für jene weltoffenen Serben, die für die kulturelle Pluralität einstanden und nun in einer Stadt ausharren mussten, die monatelang von serbischen Truppen beschossen wurde. Das dichterische Werk von Stevan Tontic, der bereits vor dem Krieg ein anerkannter Autor war, ist seither ganz den Erfahrungen des Schreckens gewidmet; aber nicht so sehr, weil es immer wieder auch Verrat, Mord, Rache thematisiert, sondern weil der Autor im „täglichen Weltuntergang“ die Moral, die Frage nach dem richtigen Tun und Verhalten des Einzelnen und der Gesellschaft ins Zentrum seiner Lyrik stellt. Das ist einem Buch zu entnehmen, das einen Überblick über das Gesamtwerk von Tontic gibt, der auf Serbisch zwölf Gedichtbände publizierte und für seine in den Berliner Exiljahren entstandene „Handschrift aus Sarajevo“ Ende der neunziger Jahre auch einige deutsche Literaturpreise erhielt. / Karl-Markus Gauss, Süddeutsche Zeitung 16.7.
Stevan Tontić: Der tägliche Weltuntergang. Gedichte. Serbisch-Deutsch. Übersetzt von Sabine Fahl, Cornelia Marks, Richard Pietraß, Zvonko Plepelic, André Schinkel, Bärbel Schulte. Drava-Verlag, Klagenfurt 2015, 170 Seiten, 17,80 Euro.
SZ: Was hat Sie motiviert, sich auch in Ihrem dritten Roman mit dem Islamismus in Westafrika auseinanderzusetzen?
Ousmane Diarra: Der Schmerz hat mich dazu gezwungen. Als die Islamisten Anfang 2013 zwei Drittel des malischen Territoriums besetzten und Intellektuelle, Musiker und Künstler mit dem Tod bedrohten, ließ ich einen anderen, bereits begonnenen Roman liegen. Es fühlte sich an, als sei ein Teil meines Körpers verstümmelt und abgetrennt worden. Die Schönheit und Kraft Malis: Sie schöpfte doch immer aus unserer Vielfalt, aus diesem bunt gewebten Teppich unterschiedlicher Kulturen. Und nun kamen diese Verrückten, um Mausoleen einzureißen, unser säkulares Erbe zu zerstören, der traditionellen Sinnlichkeit Malis den Garaus zu machen.
Sie deklarieren Ihr Buch als Fiktion. Dennoch könnte es sich auch um eine Innensicht aus dem Machtbereich von Boko Haram handeln…
Manche Gräuel übertreffen längst jede schriftstellerische Imagination. Dabei steckt ein hartes politisches Kalkül hinter dem religiösen Wahn. Gewisse arabische Staaten fördern den islamischen Fanatismus mit viel Geld, sie schicken ihre Prediger zu uns und errichten überall in Westafrika ihre Moscheen. Geht es da wirklich um Religion? Ich sehe vor allem einen Kultur-Imperialismus am Werk, der das alte, tolerante Afrika zu zerstören droht.
(…)
1950 waren noch 80 Prozent der malischen Bevölkerung Animisten, heute sind die Malier zu 90 Prozent Muslime. Wie kam es zu diesem Umschwung?
Materielle Vorteile spielen eine große Rolle. In meinem Dorf hat Kuwait die Errichtung moderner Brunnen finanziert. Einmal im Jahr, an einem Freitag, versammelt sich das Dorf um die Ältesten. Dann initiieren sie die Jungen in das traditionelle Wissen, in unseren Kult. Seit 20 Jahren schicken die Kuwaitis genau an diesem Tag ihre Techniker zur jährlichen Brunnenwartung. Natürlich lehnen die Ältesten stets ab. Denn – defekte Brunnen hin oder her – die Kette der Tradition darf um keinen Preis abreißen. Wir Bambara haben Initiationslager für Mädchen und Jungen, feiern üppige Hochzeiten und Feste: Sie binden die Jugendlichen in die Gemeinschaft ein. Hier können sie ihre jugendliche Energie auf gute Weise abreagieren. Wenn das wegfällt, treten im schlimmsten Fall Organisationen wie Boko Haram in die Lücke.
Idealisieren Sie da nicht das ursprüngliche Afrika?
In Paris wie Mekka wurde die animistische Tradition gerne als „Barbarei“ und Hindernis für Zivilisation und Fortschritt verunglimpft. Dabei stellt sie das tolerante Herz Afrikas. Wenn wir sie aufgeben, dann verliert nicht nur Mali seine Seele.
In their collection, volume four of the Poems for the Millennium series, Pierre Joris and Habib Tengour present an ‘anthology of the oral and written literatures of North Africa’ that offers fresh selections, well-known canonical works, and unusual texts. The book is attractive both for the quality of the canonical literary choices, in both poetry and prose, and the folk and oral material. (…)
The book should interest all scholars and general readers of literature (and history) on at least four accounts: it insightfully tackles the nature of literariness, a fundamental subject for any lover of literature; it pays attention to the multilingual (Arabic, Tamazight, Hebrew) and multiethnic diversity (Arab, Kabyle, Jewish, European) in past and present North Africa, considerations that are often overlooked in common understanding of national literatures; it includes generous selections from resistance and independence poetry from a region that fought one of the world’s greatest colonial struggles, therefore providing insights into the relation between literature and politics and into engaged writing; and it subtly but persistently challenges accepted literary mappings and boundaries within and without this region.
Joris and Tengour divide ‘Diwan Afrikiya’ into five diwans that rest on chronological, typological, and political underpinnings. The book opens with ‘A Book of In-Betweens: Al-Andalus, Sicily, the Maghreb’. This first diwan includes a number of muwashshahas (by Ibn Quzman and Ibn Labbana), selections from Ibn Hazm’s The Neck-Ring of the Dove, Al Mu’tamid Ibn Abbad, Ibn Hamdsis’s lament for Sicily from his qasidas (or odes) the Siqilliat, Yehuda Halevi’s Songs to Zion, Ibn Arabi’s ‘O My Two Friends’, and Yusuf Ibn Harun al-Ramadi, Ibn Zaydun, and Ibn Khafadja’s ‘The River’. Ibn Labbana’s ‘Al-Mu’tamid and His Family Go into Exile’ movingly mourns the expulsion of that poet prince and his family from Seville, as they embark on the Guadalquivir, ‘precious pearls,/adrift on the foam of the river ’. / Ala Alryyes, (2014) Poems for the millennium, volume four: Book of North African literature, The Journal of North African Studies, 19:5, 864-867, DOI: 10.1080/13629387.2014.930292
Poems for the millennium, volume four: Book of North African literature, edited by Pierre Joris and Habib Tengour, Berkeley, California, The University of California Press, 2012, xxxii + 760 pp., $80.00 (hardback), ISBN 978-0-520-26913-2/$39.95 (paperback), ISBN 978-0-520-27385-6
Anja Golob ist 38, sie hat in Slowenien zwei Gedichtbände veröffentlicht, das vorliegende Bändchen (ein Heft nur, aber schön gestaltet, edle, klare Linie, überwiegend schwarz, mit einer Art stufiger Vorderseite) bringt eine sehr knappe Auswahl ihres zweiten Gedichtbands von 2013. Dafür bekam sie den Jenko-Preis, den wichtigsten Lyrikpreis Sloweniens. Sie nahm ihn gerne an, aber nicht das Preisgeld, weil es aus einer privaten Hand kam, die ihr nicht sauber vorkam. So konsequent ist nicht jeder.
(…)
Anja Golob wird sich im Herbst eine Weile in der Villa Waldberta am Starnberger See aufhalten, und dann plant sie Berlin. Dort will sie Versuche anstellen: mit ihrem «zerbrochenen Deutsch und perfekten Slowenisch». Das Deutsch im vorliegenden Büchlein ist nicht «zerbrochen». Die Übersetzung des Duos Černe/Wolf ist schlicht preiswürdig. / Peter Urban-Halle, Neue Zürcher Zeitung
Anja Golob: ab und zu neigungen. Gedichte. Hrsg. von Johanna Öttl. Aus dem Slowenischen von Urška P. Černe und Uljana Wolf. Hochroth-Verlag, Wien 2015. 28 S., € 8.–.
Einer der bekanntesten Autoren Simbabwes, Chenjerai Hove, starb in Norwegen im Alter von 59 Jahren. Er war ein Kritiker von Präsident Mugabe, 2001 verließ er sein Land nach Schikanen von Behörden.
Er schrieb Romane, Gedichte und Stücke. Er schrieb Englisch und Schona mit gleicher Meisterschaft. Er wurde u.a. mit dem Zimbabwe Writing Award (1987), dem Noma Award for Publishing in Africa (1989) und einem Deutsch-Afrikanischen Preis für Meinungsfreiheit 2001 ausgezeichnet. / BBC
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