Geheimdichterin

Emily Dickinson ist die wohl einflussreichste amerikanische Lyrikerin. Sie wird heute weltweit gelesen und gefeiert. In ihrer Epoche, dem 19. Jahrhundert, wusste kaum jemand von ihrer Kunst. Nur zehn Gedichte wurden zu ihren Lebzeiten veröffentlicht. Jetzt erscheint eine Ausgabe mit dem Gesamtwerk: 1.789 Gedichte.

(…)

Als Emily Dickinson 1872 dieses poetische Selbstbekenntnis schrieb, hatte sie sich schon von aller Welt zurückgezogen, war die „White Lady“, wie die Bürger von Amherst die gespenstische Erscheinung nannten, die in stets schneeweißem Gewand nachts durch ihren Garten wandelte. Emily Dickinson war damals 42 Jahre alt, lebte in ihrem Elternhaus, verließ kaum ihr Zimmer. Und dort stieß man nach ihrem Tod 1886 in einer schweren Truhe auf nahezu vierzig kleine Notizbücher, mit über 1700 Gedichten – ein weltliterarischer Fund, über den sich die jüngere Schwester Lavinia, die den Schatz entdeckte, natürlich nicht im Klaren war.

Denn dass Emily schrieb, wusste jeder in der Familie, nur schwieg man betreten, denn was sollte es schon sein? Emily Dickinsons Biographen haben einen traurigen Strauß an Begründungen geflochten, warum diese Frau sich und ihr Werk so sehr versteckte, immer verbunden mit dem Gedanken, dass eigentlich alles anders, viel schöner hätte kommen können. (…)

Zahlreiche Gedichte arbeiten mit Reflexen, Verweisen auf konkrete Ereignisse, Personen, geschichtliche und philosophische Entwicklungen. Viele Verse entstehen überhaupt erst durch solche Anlässe, und vieles, was bislang als unverständlich-metaphorisch-allegorisch galt, wird im Zusammenhang deutlich und klar konturiert. Ein gutes Beispiel dafür sind Gedichte, die Emily Dickinson ab 1863 schrieb, seit dem Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs, der sich zu einer nationalen Tragödie entwickelte, mit gigantischen Schlachten und Hunderttausenden von Toten. Auch nach Amherst drangen die Nachrichten, die Zeitungen druckten erschütternde Reportagen und gräuliche Bilder von den Schlachtfeldern und aus den Lazaretten. Auch Emily war entsetzt:

Gedicht 704

Mein Part ist heut – das Unterliegen –
Ein bleicheres Geschick als Siegen –
Kaum Lobeshymnen – Glockenklang –
Mir folgt kein Trommler – mit Gesang –
Nicht rasch wie Schüsse geht’s voran –
Debakel – zieht sich hin –

Voll Flecken ist’s, voll von Gebeinen –
Und Männern die zu steif zum Beugen –
Und Stapeln von Gestöhn –
Von Splittern weiß – in Knabenaugen –
Gebetsschutt –
Klar in Stein gehauen
Des Tods frappantes Tun –

[…] *)

„Scraps of prayer“ heißt es im Original, „Gebetsschutt“ macht Gunhild Kübler daraus, und schon an diesem einen Wort lässt sich die Leistung ihrer Übersetzung illustrieren. Sie ist schlicht sensationell. Schon nach wenigen Zeilen spürt man, dass hier eine Schwester im Geiste am Werk ist, vertraut mit dem Empfindungs- und Gedankenraum von Worten und Begriffen, ihrer Aura, die sie instinktiv, scheinbar mühelos, zu erfassen und in die eigene Sprache zu verwandeln vermag. Dichterin und Übersetzerin wirken wie zwei enge Freundinnen, die einander verstehen, ohne viel sagen und erklären müssen. Fällt ein Wort, wissen beide, was gemeint ist, blicken sie gemeinsam auf einen Gegenstand, sehen sie dasselbe. / DLF-Büchermarkt

Emily Dickinson, Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt, kommentiert von Gunhild Kübler. Verlag Carl Hanser München. 1.404 Seiten. 49,90 Euro.

*) Hier der Originaltext:

My Portion is Defeat—today—
A paler luck than Victory—
Less Paeans—fewer Bells—
The Drums don’t follow Me—with tunes—
Defeat—a somewhat slower—means—
More Arduous than Balls—

‚Tis populous with Bone and stain—
And Men too straight to stoop again—,
And Piles of solid Moan—
And Chips of Blank—in Boyish Eyes—
And scraps of Prayer—
And Death’s surprise,
Stamped visible—in Stone—

There’s somewhat prouder, over there—
The Trumpets tell it to the Air—
How different Victory
To Him who has it—and the One
Who to have had it, would have been
Contender—to die—

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