Ein Platz im Zug

Mahmud Darwisch (1942 – 2008) ist sechs Jahre jung, als ihn die Mutter eines Nachts aus dem Schlaf reist und die Familie in den Libanon fliehen muss. Unweit von Akka, in seinem palästinensischen Geburtsdorf al-Barwa, wird nach dem Krieg 1948 das Land dem Erdboden gleich gemacht und durch zwei jüdische Siedlungen ersetzt – Migranten aus Europa.
Zurück in Palästina fühlt sich Darwisch fremd im eigenen Land, dem Verlust des Heimatdorfes zum Trotz beschließt er das Beste aus seiner Situation zu machen. Er verschließt sich dem Hebräischen nicht, setzt die Sprache der Besatzer metaphernleicht in einen festen Rahmen, schreibt ihr die Funktion eines Fensters zu, durch welches seine ganze Generation auf zwei Seiten blickt.

Aus einem dieser Winkel erhebt sich die Thora „ein wichtiges Buch trotz allem“, ja sogar „ein Material, auf das kein Intellektueller verzichten kann“ erklärt er später. Und fügt außerdem hinzu: „Vielleicht überrascht dich das zu wissen, dass ich die griechischen Tragödien zum ersten Mal auf Hebräisch las. Ich kann nur sagen, dass ich in der Schuld des Hebräischen stehe für das Kennenlernen der ausländischen Literatur.“

(…)

In seinem Gedicht „Ein Platz im Zug“ beschreibt Darwisch eindrücklich die Gedanken und Gefühle der Menschen, die sich auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft – nicht selten in fremden Zügen – wiederfinden. Schonungslos ehrlich skizziert er jeden Bahnhof als einen weiteren Ort der Zuflucht und macht deutlich, dass jedes Bahnhofsschild ein weiteres Gefühl der Fremde vermittelt. Die Reise auf der Suche nach dem Nullpunkt, wie Darwisch das Wesen der Flucht treffend benennt, lässt dem Flüchtigen nur seine Jackentaschen, in denen die Heimat auf das Minimalste reduziert, nicht selten aus alten Hausschlüsseln und einem Familienfoto besteht.

„Alle im Zug kehren zu den Ihren zurück, wir aber kehren nirgendwohin zurück“, beklagt der Dichter den bitteren Geschmack des Heimatverlusts. / Melanie Christina Mohr, qantara.de

Maecenas-Ehrung

Am 9.11.2015 wird Ursula Haeusgen im Rahmen eines Festaktes in der Münchener Residenz mit der Maecenas-Ehrung des Arbeitskreises selbständiger Kultur-Institute e.V. – AsKI ausgezeichnet.
Die Laudatio hält Michael Krüger, der Präsident der Bayerischen Akademie
der Schönen Künste und frühere Leiter des Carl Hanser Verlags; Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Stadt München, spricht ein Grußwort. Das Begleitprogramm wird von dem Komponisten Moritz Eggert und dem Konzert- und Opernsänger Peter Schöne gestaltet.

Die Münchener Mäzenin Ursula Haeusgen erhält die Ehrung für ihre beispielgebende Förderung deutscher und internationaler Lyrik und das großartige Engagement für ihre „Stiftung Lyrik Kabinett“. Das Kabinett verfügt mittlerweile über die zweitgrößte öffentliche Poesie-Sammlung Europas. Die ausschließlich aus privaten Mitteln finanzierte Stiftung beherbergt mit über 50.000 Bänden zu deutscher und internationaler Lyrik die größte auf Lyrik spezialisierte Freihand-Bibliothek in Deutschland. Mit einem ambitionierten Veranstaltungsprogramm gelingt es, diese Literaturgattung einem breiteren Publikum zu vermitteln.
Die unabhängige Jury betont, dass Ursula Haeusgen mit ihrem langjährigen Engagement und ihrer Liebe zur Poesie der Lyrik eine Heimat gegeben hat. Das „Lyrik Kabinett“ ist zu einem Ort internationaler Strahlkraft geworden, wo sich Autoren und Wissenschaftler zum Dialog mit jungen wie auch gestandenen Lyrik-Liebhabern begegnen.

Der AsKI e.V. verleiht seit 1989 die undotierte Maecenas-Ehrung an Persönlichkeiten für ihr herausragendes Engagement für Kunst und Kultur. Er will auf diese Weise der privaten Kulturförderung Rechnung tragen, der ein Großteil seiner Mitgliedsinstitute ihre Entstehung verdankt. Bekannte Preisträger sind u.a. Wilhelm Winterstein, Anette und Udo Brandhorst, Sylvia und Friedrich von Metzler, Anne-Sophie Mutter und Henri Nannen.

Der AsKI e.V. ist ein Verbund von 36 national und international angesehenen, selbständigen Kultur- und Forschungsinstituten, die in besonderem Maße die Qualität und Vielfalt des kulturellen Deutschland repräsentieren. Der AsKI e.V. ist Träger der Casa di Goethe in Rom.

Festakt am Montag, 9. November 2015 um 18.00 Uhr, Max-Joseph-Saal der Münchener Residenz

Poets Translating Poets

Reading / Presentation / Discussion
05.11.2015, 19:00
Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan Library
German, Hindi, Kashmiri, English

During the closing event of “Poets Translating Poets” German, Hindi and Kashmiri poets will read from their works and present the recreated versions of poetry by their fellow poets. The specific challenges of poetry translation will be discussed on a panel.

“Poets Translating Poets” is a project about translating poetry by poetry. Poets work together in pairs transferring the poems of each other into their own language. This direct exchange allows a “smuggling“ of stylistic contexts and poetic traditions. The poems are read aloud and subsequently dismantled word by word and image by image. Questions about cultural connotations facilitate to enliven the essence, the structural principle, the word-plays and the sound of the poems in the target language. Through this experiment across cultures, the poets find a platform to share their works, the literary traditions of their home countries and their languages.

From 1 to 5 November poets from Germany meet poets from India in New Delhi and in paired collaboration they recreate their poems in the other language, in German, Hindi and Kashmiri. With this transfer and exchange the poets’ perspectives even on their own work is transformed and they discover an entirely new side to their oeuvre. They are supported by interlinear translators who play a fundamental role in the development of the texts and their interpretations.

The following six poets will present their poems in the original language and the results of the encounter in New Delhi:

Mangalesh Dabral, Gerhard Falkner, Ulrike Almut Sandig, Naseem Shafaei, Shafi Shauq, Savita Singh

Großer Kunstpreis des Landes Salzburg für Ilse Aichinger

Der mit 15.000 Euro dotierte Große Kunstpreis des Landes Salzburg 2015 geht an die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger. Der Anerkennungspreis für das literarische Gesamtwerk eines Autors mit besonderem Salzburg-Bezug wird im Drei-Jahres-Rhythmus abwechselnd für bildende Kunst, Musik und Literatur vergeben, und zwar heuer am 9. Dezember, teilte das Land Salzburg am Freitag mit.

Ilse Aichinger, die von 1963 bis 1984 in Großgmain bei Salzburg gelebt hat, ist nach Gerhard Amanshauser, Walter Kappacher, Karl-Markus Gauß und Peter Handke die fünfte ausgezeichnete Literatin. Den Preis wird Ilse Aichingers Tochter, Mirjam Eich, stellvertretend für ihre Mutter entgegennehmen, da dies der 94-Jährigen aus gesundheitlichen Gründen selber nicht möglich ist.

Die unabhängige Jury – Petra-Maria Dallinger (Direktorin Adalbert-Stifter-Institut), Tomas Friedmann (Leiter Literaturhaus Salzburg) und Günther Stocker (Institut für Germanistik, Universität Wien) – begründete ihre Wahl folgendermaßen: „Die Bedeutung von Ilse Aichinger ist in der deutschsprachigen Literatur unbestritten. Ihr zeitloses, von allen literarischen Moden unbeeindrucktes Gesamtwerk mag schmal sein – und doch ist es gewaltig. (…) Für ihr präzis-poetisches Schreiben, ihr radikal-zeitloses stilbildendes Gesamtwerk und für ihre kritisch-humane Haltung soll die Dichterin Ilse Aichinger mit dem Großen Kunstpreis des Landes Salzburg 2015 ausgezeichnet werden.“ / Der Standard

Dieter Wellershoff wird 90

Ich lebe inzwischen ein bisschen an mir vorbei, um die körperlichen Defizite nicht dauernd wahrnehmen zu müssen“, sagt er, auf seinen schwarzen Stock gestützt, und zieht die hohe Stirn kurz kraus. Ja, so kann man das Erdulden-Müssen der eigenen Gebrechlichkeit auch praktizieren: Als eine Art Selbstüberlistungsmanöver‚ als gewitztes Daran-vorbei-Leben. Trotzdem will er nicht unterschlagen: „Wenn man sich so über das Eigene reden hört, hat man das Gefühl, dass das Scheitern nie zu Ende ist.“

(…) Am Dienstag wird er neunzig. / Peter Henning, FAS 1.11.

Poetopie

auf der Party umzingelt von Rednern – sprechen kostet ja nichts, natürliche Notdurft

Hansjürgen Bulkowski

Ulrich Ziegers letztes Gedicht

In der Frankfurter Anthologie das letzte Gedicht des Dichters Ulrich Zieger: „Gesöff“, entstanden am 17. Juli, wenige Tage vor seinem Tod am 23. Juli. Uwe Kolbe kommentiert es in einem etwas zerquälten Text, Zieger in Sie-Form anredend. Das Gedicht scheint vom Autor signiert mit „Ulrich Zieger *1961 in Dublin/Sachsen. Lebt noch.“ 

(Dem offensichtlich gewollten „Fehler“ Dublin (für Döbeln) fügt diese Zeitung einen peinlichen hinzu, indem sie ihn zwar im Text richtig benennt, in der Überschrift und Webadresse aber „Ziegler“.)

Das Gedicht selber

„Der Dichter ordnet die Sprache in kurzen Sätzen.
Was über ist, ist das Gedicht selber.“

Ernst Herbeck

Ernst Herbeck, dem „stillen Poeten“ unter den „wilden“ Gugginger Künstlern, widmet das Gugginger Museum 24 Jahre nach seinem Tod die erste große biografische Schau. Bericht von Michaela Fleck, Niederösterreichische Nachrichten

Ingolds Einzeiler

Bleibt als Erlösung ein einziger Fehler. Nämlich der! der ein Tier ist unter soviel Göttern.

Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr

Indonesische Lyrikszene

Beate Tröger: Wie ausgeprägt ist die indonesische Lyrikszene?

Martin Jankowski: Auch wenn kaum jemand Bücher kauft (die im tropischen Klima selten lange halten): Lyrik ist populär. Tageszeitungen und Internetforen sind voll davon, Rezitationswettbewerbe und Lyrikvertonungen gehören zum Kulturprogramm an Festtagen, fast jeder Indonesier kann viele Verse auswendig. Hunderte Lyrikfestivals und -gruppen bleiben allerdings in lokalen Kulturen verankert und werden national selten wahrgenommen. Wir Zaungäste bekommen eher die Szene von 200 bis 300 akademischen Lyrikern aus den Großstädten zu Gesicht, die hoch angesehen, sind aber nur von einer Minderheit gelesen werden.

Wir haben neulich das Gedicht eines Bauernsohns gehört, das von seinem Autor Agus R. Sarjono quasi singend vorgetragen wurde. Ist diese Rezitation typisch für indonesische Gedichtlesungen?

Typisch ist ein Hang zum dramatischen Vortrag: Den Text nüchtern vorzulesen, wie wir es bevorzugen, gilt als armselig und langweilig – ein guter Poet ist auch ein guter Rezitator. Ob man dabei singt, tanzt oder noch anderes tut, bleibt den Poeten überlassen; es geht darum, einen persönlichen Vortragsstil zu entwickeln. Indonesische Lyriker sind oft auch Performance-Künstler, eine Eigenart, die sie bei westlichem Publikum oft verbergen.

Welchen Lyriker oder welche Lyrikerin würden Sie zur Einstimmung in die indonesische Poesie besonders empfehlen?

Und warum?

Weil sich Indonesiens Literatur, wie ich schon angesprochen habe, durch eine Vielfalt der Stimmen und Stile auszeichnet, lässt sich kaum Typisches empfehlen. Zwei Namen sollte man aber kennen, wenn man sich mit Indonesiens Poesie beschäftigt: Chairil Anwar (1922–1949) war der erste bedeutende moderne Dichter Indonesiens, ein eindringlicher und lakonischer Poet. Der einflussreichste Gegenwartsdichter war W. S. Rendra (1935–2009), ein Dichter, Dramatiker und Theatermann, unter dessen Einfluss die gesamte heute tätige Lyrikszene Indonesiens steht. Und denjenigen, die sich einen ersten Überblick über die indonesische Gegenwartslyrik verschaffen möchten, empfehle ich diedeutschsprachige Sonderausgabe von Indonesiens führendem Lyrikmagazin Jurnal Sajak. / Freitag 42

sasakananas: INDONESIEN MATERIAL. gedichte und notate Martin Jankowski
Leipziger Literaturverlag 2015, 120 S., 14,95 €

 

Lange nicht gelüftet

[Durs Grünbein] ist mit dem Flieger aus Rom gekommen, wo er lebt. Was bekommt er aus Deutschland mit? „Ich verfolge das wie ein Länderspiel“, sagt er. Also: Welche Fanbewegungen gibt es, wo kommen die alle her, die ausgerechnet in Dresden den Schulterschluss derer bilden, die sich für das Volk halten? Und die die schöne Kulisse für ihren nationalistischen Kokolores nutzen. „Wenn ich Stadtoberer wäre“, sagt Grünbein, „würde ich die Marke schützen und dafür sorgen, dass die nicht hier an den touristischen Hotspots aufmarschieren.“

Denn wie absurd ist das? Eine Stadt, die einmal zu den großen des durch Königshöfe und feudale Kulturexporte vernetzten Abendlandes gehörte, als Austragsort für Leute, die in ihrem Größenwahn alles kleiner haben wollen? Dabei wirbt die Stadt mit dem größten aller Liebhaber, der sich seinerzeit in Dresden, wie Grünbein sagte, die Geschlechtskrankheit holte. Und sind die Dresdner Marketing-Leute nicht zu küssen für den Slogan, der für die Benutzung der Straßenbahn mit diesem Satz wirbt: „Nur Casanova kam hier öfter?“

Auch diese elegante Reverenz ist ja eine Form des Bürgerstolzes. „Wenn man Lokalpatriotismus messen könnte, hätte Dresden den größten Ausschlag“, sagt Grünbein. Der Stolz auf den Mythos Dresden, das 1945 von Fliegerbomben pulverisiert wurde, er hängt natürlich auch mit dieser Zerstörungsarie zusammen. „Das war nicht einfach der Untergang einer Stadt, das war Pompeji und Ninive – etwas ganz Großes.“ Für unverwundbar hätten sie sich lange gehalten, die Dresdner. Obwohl am Stadtrand die Rüstungsindustrie angesiedelt war, die Feinmechanik für die Kriegsmaschine. Am Ende standen sie aber eben doch auf der Bombardierungsliste. Aber Dresden wurde wieder aufgebaut, und es ist beinahe so schön, wie es mal war. Nach der Wende fühlte sich die halbe Republik zuständig für das Schätzchen an der Elbe, und es waren nicht nur Ostdeutsche, die ihre Frauenkirche wieder stehen sehen wollten. Also bitte noch einmal: Warum ist das plötzlich der Ort der Degradierten und Unzufriedenen geworden – was hat euch denn so bitter gemacht?

Durs Grünbein fragt das als jemand, der die Grundierung dieser Stadt kennt; er ist hier 1962 geboren, wuchs im Vorort Hellerau auf – eine Kindheit zwischen Künstlerdorf und Großstadt, er beschreibt sie in seinem neuen Buch „Die Jahre im Zoo“, das demnächst bei Suhrkamp erscheint. Grünbein erlebte hier die letzten Jahre der DDR, er sah, wie die Proteste in Dresden 1989 besonders brutal eingedampft wurden. Aber es gab eben auch den „Zorn der Eingeschlossenen“, wie Grünbein die Entladungen nennt, die letzten Endes die Stadt befreit hatten. Und jetzt sagt Grünbein den Satz, der einen umgehend durch die noble Drehtür des Kempinski ins Freie fegt: „Diese Stadt ist seit 1989 nicht mehr richtig gelüftet worden.“ / Hilmar Klute, Süddeutsche Zeitung

Gegenkritik

Darf ein kritisierter Autor sich gegen eine Kritik wehren? Bertram Reinecke schreibt:

Eine Gegenwehr gilt anders als in der Aufklärung z.B. als eine Verletzung der Regel und so hätte ich geschwiegen, obwohl die Mängel Ihrer Rezension mir in bestimmten Punkten exemplarisch vorkommen.

Zur Erinnerung:

Am 20.8. veröffentlichte Bettina Hartz bei Fixpoetry eine harsche Kritik an dem von Bertram Reinecke herausgegebenen Band „Mara Genschel Material“ unter dem harschen Titel „RAUS!“, Untertitel:

Zu Mara Genschel gibt es jetzt Material – das man lieber links liegen lassen sollte. Um stattdessen mit ihren Lyrikproduktionsverfahren die Stadt als Referenzfläche zu erobern

In der Lyrikzeitung hatte ich die Kritik am 30.8. kommentiert. Jetzt meldet sich der Verleger und Herausgeber wiederum bei Fixpoetry mit einer ausführlichen und meinem Urteil nach wohlbegründeten Antwort, sein Titel: „RAUS! Raus-lesen? Erst einmal: Lesen!“. Ein Auszug:

Ob man das Buch links liegen lassen sollte, muss der Leser beurteilen. Aber es geht an Mara Genschels Werk vollkommen vorbei, mit ihren Verfahren die Straße erobern zu wollen. Mara experimentiert ja gerade damit, Weisen der Wandgestaltung im öffentlichen Raum (Streetart ist ein hohes Wort, “Schmierereien” sind  mitgemeint) in das System Tinte (and more) auf Papier zu übertragen. Was verändert sich, wenn diese symbolischen Strategien das Medium wechseln? Wie interagieren sie mit anderen Zeichenbeeinflussungs- bzw. Rezeptionsgewohnheiten? Es kann schon sein, dass Ihnen diese Fragen egal sind 7 und dass Sie Streetart irgendwie cooler finden als z.B. Gedichte. Aber was hat das mit Literaturkritik zu tun?

Dieser Lapsus wäre Ihnen übrigens nicht unterlaufen, wenn Sie das Gespräch Schüttler – Boege – Genschel genauer gelesen hätten, dort diskutiert man solche Fragen. Unter den Dingen, die Sie als unwichtig, einfach stehengeblieben usw. abkanzeln, haben Sie also Dinge übersehen, die Ihrer Kritik unentbehrlich gewesen wären. Ich muss Ihnen im Grunde wohl nicht erklären, wie inadäquat ihr Vorschlag ist. Ihnen dürfte bereits aufgefallen sein, dass es abstrakte Streetart zwar gibt, Abstraktion dort aber viel seltener ist als in anderen Künsten. Das hat seinen Grund: Will Streetart mit einem Vorübergehenden in Kommunikation treten, muss sie schnell sein, unmittelbar, subkutan wirken. 8Genau dieses unmittelbare Einverständnis hat Mara Genschel für sich als problematisch erkannt. Im Dialog mit Schüttler und Boege entwickelt sie ihre Intuitionen, sieht in zeitgenössischen Komponisten, die den Mut haben, ihr Publikum zu nerven, ihr Vorbild, und versucht in ihren Auftritten, wie in den Referenzflächen, wo das komplizierter ist, solche Verfahren in andere Ausdrucksformen hinüber zu retten. Sie spielt in dieser Liga mit, sie ist eine ausgebildete Musikerin, die einschmeichelnde Stile von Zigeunermusik bis zu klassischen Violinkonzerten beherrscht und über Kompositionserfahrung von Pop bis zeitgenösscher Musik verfügt. Literarisch ist ihre Auseinandersetzung mit Ausdrucks- und Verweigerungsstrategien von Futurismus- Lettrismus bis hin zu Thomas Bernhard und Kling aktenkundig.9 Die Lektüre der Publikationsliste am Ende des Buches hätte Ihnen nützliche Winke geben können. Sie “diffamieren” Mara Genschel lieber als “ungebildet”.10  Sehr daneben – es sei denn, Sie meinten mit “Bildung” die Anpassung an einen gepflegt kulturvoll zurückhaltenden Habitus. Wenn Mara Genschel keine leichtrezipierbare, leichtkritisierbare Kunst auf dem Silbertablett reicht, muss Ihnen das nicht liegen. Aber tun Sie doch bitte nicht so, als hätte Mara Genschel ein spezifisches Problem, als wäre explizit Mara Genschel an etwas künstlerisch gescheitert. Es gibt Menschen, die finden Auftritte von Mara Genschel sogar unterhaltsam.

Lyrikpapst

Er dichtet, postet, bloggt. Anton G. Leitner brennt für die Lyrik und bekommt jetzt den bayerischen Kulturpreis

(…) Anton G. Leitner ist durch und durch Idealist – und ein Besessener in Sachen Lyrik. Seit fast vier Jahrzehnten hat er sich dieser Leidenschaft verschrieben. Im deutschsprachigen Raum gilt er mit seiner Zeitschrift „Das Gedicht“ als der Lyrikpapst schlechthin. An diesem Mittwoch (28. Oktober) erhält er für seine Verdienste um die Poesieden „Bayerischen Poetenaler“ der Literatenvereinigung Münchner Turmschreiber.

/ dpa/Bayerische Staatszeitung (Alle Informationen, Meinungen und Fehler gehören der Quelle. Nebenan kann man die politischen Meinungen der Leser / Klicker der Bayerischen Staatszeitung studieren.)

Lee Harwood (1939-2015)

Poet and climber, Lee Harwood is a pivotal figure in what’s still termed the British Poetry Revival. He published widely since 1963, gaining awards and readers here and in America. His name evokes pioneering publishers of the last half-century. His translations of poet Tristan Tzara were published in diverse editions. Harwood enjoyed a wide acquaintance among the poets of California, New York and England. His poetry was hailed by writers as diverse as Peter Ackroyd, Anne Stevenson, Edward Dorn and Paul Auster.

Lee Harwood was born months before World War II in Leicester. An only child to parents Wilfred and Grace, he lived in Chertsey. He survived a German air raid, his bedroom window blown in across his bed one night as he slept. His grandmother Pansy helped raise him from the next street while his young maths teacher father served in the war and on to 1947 in Africa. She and Grace’s father inspired in Lee a passion for stories.

Delicate, gentle, candid and attentive – Lee called his poetry stories. Iain Sinclair described him as ‚full-lipped, fine-featured : clear (blue) eyes set on a horizon we can’t bring into focus. Harwood’s work, from whatever era, is youthful and optimistic: open.‘

(…)

His eye for Surrealism led him, aged 24, to seek the Dada poet Tristan Tzara in Paris in 1963. He gained Tzara’s blessing for his translations. The American poet John Ashbery had already enjoyed ten years in Paris before he met Harwood in 1965. Their relationship triggered a lifelong bond. Elements of a very changed life, of European and American friendships flowered in The Man With The Blue Eyes.

Lee Harwood’s title illegible was published in London by sound poet Bob Cobbing’s Writers Forum in 1965. Then New York poets Lewis Warsh and Anne Waldman at Angel Hair issued The Man With The Blue Eyes. This carried a preface by John Ashbery: ‘Lee Harwood’s poetry lies open to the reader, like a meadow. It moves slowly toward an unknown goal, like a river. It is carelessly wise, that is, wise without knowing or caring what wisdom is.’ 

/ Tom Raworth

In München

Juror Andreas Heidtmann schreibt im Poetenladen über seine Eindrücke vom Finale des Lyrikpreises München. Auszug:

Viel­leicht war es der zwanzig­jährige Jonas Gawinski, der die spannends­te Lesung des Abends bot. Einige Schwächen in der Durch­arbei­tung seiner Gedichte waren zwar offen­kundig – womit noch einmal auf den unein­heit­lichen Status der Ein­reichungen ver­wiesen sei –, aber sein Ton, die Inten­sität, auch einige origi­näre Bilder fanden Beifall. Man dürfe auf gar keinen Fall – so Àxel San­josé – solche Texte einfach schleifen oder glätten, um sie dann als fehler­freie Gebilde dem all­gemeinen Lyrik­fundus zu überant­worten. Alle beschei­nigten dem sympathi­schen Autor Potenzial, auch wenn er an diesem Abend noch stark die „Klaviatur der Mut­willig­keiten“ (Andreas Heidtmann) bediente. Die Ein­dring­lichkeit, mit der er man­che gran­dios gedachte Fügung las, ließ sogar kurz den Verdacht aufkommen, hier werde den Anwe­senden eine Parodie auf die Lyrik geboten. Doch dafür wiederum, so eine andere Jurystimme, seien die Gedichte eben „doch nicht kitschig genug“, mit anderen Worten: zu gut.

Der in München lebende Autor SAID gehört zu den namhaften Lyrikern, die zahlreiche Publi­kationen vorweisen können und sich als Schrift­steller seit langem einen Namen gemacht haben. Der Juror Wolfram Malte Fues zeigte sich be­eindruckt von den Gedichten, die mit be­wusster Spar­samkeit lyrische Räume öff­neten und sich formal in eine große Tradition einreihten. Dass in diesen fast herme­tischen Gebilden plötzlich der Komponist Sergei Wassil­jewitsch Rach­maninow auftauchte – und zwar mit Vor- und Nachnamen! –, empfand der Juror als kleinen Makel, während andere Juroren die Herein­nahme solch surreal an­mutender Elemente als ein Auf­brechen der starken Geschlossen­heit sahen.

Mit schönem Under­statement trug Dominik Dombrowski seine Gedichte vor. Ein­hellig bescheinigte ihm die Jury, dass sein Gedicht Serenade äußerst geglückt sei, womit es zu einer Art „Gedicht des Abends“ avancierte. Hier findet ein lakonischer Ton mit der Chrono­logie eines gemein­samen Alterns auf selbst­verständl­iche Weise zu­sammen. Vom Kennen­lernen beim Swing „In the Mood“ bis hin zu Krankheit und De­menz zeichnet dieses lebens­abendliche Stück eine alternde Liebe nach – ob der musika­lische Begriff der Serenade die Tonlage des Gedichts trifft, mag dahin­gestellt sein, man hätte auch an eine Ballade denken können. Insgesamt gefiel der leise melan­cholische Sound in den Gedichten Dominik Dombrowskis, wobei andere Gedichte in ihrer Detailarbeit nach Meinung der Jury nicht an die Serenade heran­reichten. Doch dieses Gedicht allein war sicher schon ein guter Grund, Dominik Dombrowski mit dem 2. Preis aus­zu­zeichnen.

(…) Dass viele Zeilen von Ron Winkler nach Ron Winkler klangen – kein Einwand. Stärker wog das Ar­gument, dass bei der unge­bremsten Lust an kühner Bild- und Wort­findung manche Über­dreht­heit drohte – bis hin zum (bewussten) Kalauer – und gelegent­lich eine Ver­lieb­theit ins eigene Können durch­schien. Die Wendung „nimm den nächsten Papst zum Mars“ wurde moniert. Auf der anderen Seite An­erkennung für den inneren Zu­sam­men­halt dieser Gedichte, die auf einmalige, intuitive und intel­ligente Weise Sprache formieren, montieren, neu­erfinden, die mit viel Ele­ganz, mit gestreu­ten Alli­tera­tion, Asso­nanzen, ja, ver­schie­dentlichen Ana­gram­mie­run­gen spielen, auch Gesell­schafts­kritik ein­beziehen, ob nun sarkas­tisch oder nicht, wie in jenen Zeilen über die Stadt, „die even­tuell nur ein Gewerbe­gebiet ist / mit sehr viel Wohnraum“. Oder auch: „Die Analyse zeigt, dass wir uns lieben.“ Frappie­rende Wirk­lich­keiten, die wie Absur­ditäten klingen. Oder umgekehrt. Ron Winkler erhielt den 1. Preis.