Veröffentlicht am 10. Oktober 2015
von lyrikzeitung
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Puisi: Mit diesem Lehnwort bezeichnet man in Indonesien das einzelne Gedicht, zudem die Lyrik als literarische Gattung. (…)
Auch die moderne indonesische Literatur bedient sich der malaiischen (= indonesischen) Sprache. Insofern ist sie Erbin der reichen traditionellen bzw. klassischen malaiischen Literatur. Sowohl inhaltlich als auch formal löste sie sich jedoch von der Tradition und wird daher zu Recht als «modern» bezeichnet. (…) Man kann durchaus sagen, dass die moderne indonesische Literatur ein Resultat des Einflusses westlicher Kultur auf Indonesiens intellektuelle Elite ist. Dasselbe gilt für die moderne Lyrik. Es ist Lyrik von autonomen, individualistischen Dichtern, die sich der malaiischen Sprache bedienen, die heute «Indonesisch» heisst.
Die moderne indonesische Lyrik bricht nicht vollständig mit der Vergangenheit. Sie knüpft an das reiche lyrisch-poetische Erbe an, an die Verskunst sowohl der schriftlich als auch der mündlich tradierten Literaturen. Zu nennen ist insbesondere das Pantun, eine Gedichtform, die Adelbert von Chamisso im 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht hat. In seiner klassisch-malaiischen Variante handelt es sich hierbei um eine Quartine, deren Zeilenpaare durch parallele Lautfolgen und Satzstrukturen miteinander verbunden sind. Die Parallelität von sachlicher Naturdarstellung und Gefühlsausdruck wurde zum Prinzip der Pantun-Tradition. (…) Das Pantun, das insbesondere in Frankreich viele Nachahmer fand (Victor Hugo, Charles Baudelaire, Paul Verlaine), ist sicherlich einer der wichtigsten Beiträge Indonesiens zur Weltliteratur.
Die grossen Namen der modernen indonesischen Lyrik sind bei uns nahezu unbekannt. Völlig zu Unrecht, wie jeder zugestehen wird, der sich mit Gedichten von Chairil Anwar, Rendra, Sapardi Djoko Damono, Agus R. Sarjono oder Dorothea Rosa Herliany auseinandersetzt, die hier beispielhaft für Dutzende weitere Lyriker und Lyrikerinnen genannt seien, deren Werke nicht minder interessant und faszinierend sind. / Berthold Damshäuser, Neue Zürcher Zeitung
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