Die Dichterin und Bürgerrechtsaktivistin Hila Sedighi wurde am 7.1. auf dem Imam Khomeini International Airport in Teheran bei der Rückkehr von einer Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate verhaftet, teilt die Internationale Kampagne für Menschenrechte in Iran mit.
Die Verhaftung steht offenbar in Verbindung mit einem Urteil, das der Gerichtshof für Kultur und Medien in Abwesenheit gegen sie verhängt hat. Bisher gab es keine Mitteilung aus Regierungs- oder Justizkreisen über den Grund für ihre Verhaftung oder wohin sie gebracht wurde.
„Die künstlerische Freiheit steht in Iran unter nie dagewesenem Druck“, sagte Hadi Ghaemi von der Internationale Kampagne für Menschenrechte in Iran. „Die iranische Justiz ist nicht bereit, friedliche Artikulationen ihrer eigenen Bürger zu tolerieren, sondern versucht sie einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen.“
Sedighi, 30, eine der Empfänger des Hellman/Hammett-Preises für Ausdrucksfreiheit 2012, wirkte in der Wahlkampagne des reformorientierten Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mousavi 2009 mit und trug auf öffentlichen Veranstaltungen zur Unterstützung der Grünen Bewegung Gedichte vor. Im Dezember 2010 wurde ihr Haus durchsucht und ihr gehörende Gegenstände beschlagnahmt. Sie wurde mehrmals verhört und am 16. August 2011 vom Revolutionsgericht zu 4 Monaten Haft verurteilt. Die Strafe wurde auf 5 Jahre ausgesetzt.
Im vergangenen Oktober wurden die Dichter Fatemeh Ekhtesari und Mehdi Mousavi zu 9 Jahren und 6 Monaten bzw. zu 11 Jahren Haft sowie zu 99 Peitschenhieben verurteilt. Der Dokumentarfilmer Keywan Karimi wurde zu 6 Jahren Haft und 233 Peitschenhieben wegen Sakrileg und „illegitimen Beziehungen“ verurteilt, die Musikproduzenten Mehdi Rajabian, Hossein Rajabian und Yousef Emadi zu 6 Jahren wegen „Propaganda gegen den Staat“.
Am 30. November 2015 wurde der Dichter Yaghma Golrouee verhaftet und später gegen Kaution freigelassen, am 16. Dezember Mohamadreza Haj Rostambegloo, 2 Tage später gegen Kaution freigelassen.
Über Martin Walsers neuen Roman „Ein sterbender Mann“, in dem ein Kunstlyriker vorkommt, schreibt die FAZ:
Der Verräter soll sein früherer, von ihm bewunderter Freund und Teilhaber Carlos Kroll sein, ein hochnäsiger Dichter, die Karikatur eines hermetischen Lyrikers, der behauptet, „seine Gedichte seien Sprachereignisse, die in dieser Zeit, in der das Mittelmaß triumphiere, gar nicht erkannt werden könnten“. In der Konzeption der Figur hat Walser mit offensichtlichem Schalk alle bürgerlichen Ressentiments gegen die moderne Lyrik versammelt.
Warum Herr Schadt jemanden bewundert hat, dessen Gedichtbände „Lichtdicht, Leichtlos, Lufthaft, Kettenscheu“ oder auch „SeinsRiss“ betitelt sind, ist einem der Lyrik geneigten Leser freilich schwer begreiflich. Carlos Kroll schwebt angeblich „ein Lyrik-Imperium à la Stefan George“ vor, aber „keine elitäre Kunstkirche, sondern eine radikale Banalisierung“. Dem werden die angeführten Beispiele allerdings gerecht: „Mit brennenden Füßen auf Eisschollen stehen, / vom Achtstundentag verschont, sich / preisgegeben, das Leben fürchtend / und den Tod, befreundet mit Frisuren.“ Das ist ganz lustig, wenn es sich nicht beim letzten Wort um einen Druckfehler handelt.
Im Mai 2014 verstarb der türkisch-deutsche Dichter Timucin Davras. Hans-Jörg Loskill hat jetzt eine Sammlung mit Gedichten von ihm herausgegeben
„Ich liebe das Wort Gelsenkirchen“, so schrieb der im Mai 2014 verstorbene Wahl-Gelsenkirchener Timucin Davras in einem seiner Gedichte. Und es war wohl die Liebe zu seiner ausgewählten Heimatstadt, die ihn immer wieder inspirierte.
„Timucin Davras hat sich sehr für das Leben in dieser Stadt und vor allem für die Kulturarbeit und das kulturelle Schaffen interessiert. Es gab aber auch ein Wort, das er gar nicht mochte: Das Wort ‘Integration’“, erzählt sein langjähriger Freund Mehmet Ayas (…).
(…) Timucin schrieb keine Gastarbeiterliteratur, er hat stattdessen eindrucksvoll bewiesen, dass Lyrik eine universelle Sprache spricht, die nicht per se ethnisch gefärbt ist“, betont Ayas, der den Nachlass von Timucin Davras Gedichten gesichtet hat.
(…) „Ich bin ein Lyriker. […] Das ist ein Luxusleben/ Und ein Geschenk,/ Weil [Lyrik] für mich ein Kompass/ Der gottvergessenen Sprache ist.“ /
Anne Bolsmann: Lyrik als Kompass für die Sprache | WAZ.de – Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/staedte/gelsenkirchen/lyrik-als-kompass-fuer-die-sprache-id11441510.html#plx2050373206
„Der Himmel im Schnapsglas“, herausgegeben von Jörg Loskill, ist im Klartext-Verlag erschienen, ISBN 978-3-8375-1502-2 und kostet 9,95 Euro.
Der Pianist (und Dichter) Alfred Brendel, der am Dienstag seinen 85. Geburtstag beging, im Gespräch mit der FAZ:
Und es gab bei mir mal eine kurze „Geniezeit“, wie das bei Heranwachsenden nicht selten vorkommt, zwischen fünfzehn und siebzehn. Da habe ich einfach alles gemacht, außer Skulpturen. Ich habe damals komponiert, gezeichnet, gemalt, geschrieben. Ich schrieb vierundzwanzig Sonette in einem Zug, die schön klingen, aber überhaupt nichts bedeuten. Anschließend war ich von dieser Form für immer geheilt (lacht).
Heißt das, im Umkehrschluss, wenn Sie heute freie Versformen bevorzugen, dass die dann Sinn und Bedeutung haben?
Nein! So nun auch wieder nicht. Sinn allein macht wenig Sinn!
Wie bitte?
Sinn ist immer auf einen bestimmten Bereich eingeschränkt. Aber für den Unsinn sind die Grenzen des Intellekts weit geöffnet, das geht weiter ins Unendliche. Kurt Schwitters sagte einmal auf die Frage, was er wichtiger fände, er würde sich im Zweifelsfall lieber für den Unsinn entscheiden. Das hat er auch getan. Bei mir, in meinen Gedichten, ist es, glaube ich, eher eine Balance zwischen Sinn und Unsinn. Eine Verbindung, die ich sehr schätze!
Sie pflegen Ihre Gedichte selbst vorzutragen…
Ja, meine Gedichte sind Sprechgedichte, keine Lieder. Sie vermeiden Vers und Reim. Es gibt da keine vier- und achttaktigen Perioden, sondern freie Rhythmen. Man fährt nicht auf einer Vers-Schiene, insofern bewegen sich die Gedichte ähnlich der neuen Musik.
Der Petersburger Kampfsportler und Gelegenheitsstuntman Leonid Uswjazow verbrachte zwanzig von seinen 58 Lebensjahren hinter Gittern, zehn wegen einer Gruppenvergewaltigung und zehn wegen Hehlerei und illegaler Devisengeschäfte. 1994 kam er bei einer Schießerei ums Leben. Seinen Grabstein ziert ein von ihm selbst vorsorglich gedichtetes Epitaph: „Hurra, jetzt bin ich endlich tot und schufte nicht mehr für die Weiber. Zum Schluss hab’ ich mein Ding gleich zwei Mal reingesteckt, nun fährt mich weg der Leichenwagen.“ In Russland erregen diese Zeilen und ihr Autor jetzt plötzlich große Aufmerksamkeit. Denn zwischen seinen Gefängnisgängen, also zwischen 1968 und 1982, war Uswjazow Judo-Trainer am Sportclub „Trud“. Nicht nur trainierte er dort Wladimir Putin, er verhalf dem jungen Sportler aus einer ärmlichen Familie zur Aufnahme an die begehrte juristische Fakultät der Leningrader Staatsuniversität. / Nikolai Klimenjuk (Klimeniouk), FAS 3.1.
Seit 2001 hat das kanadische Parlament einen „Poet laureate“ oder „offiziellen Dichter“. Der Titel wird für 2 Jahre vergeben und relativ mäßig bezahlt (jährlich $20,000 sowie Reisekosten bis zu $13,000 und ein Budget für Projekte). Dafür muß oder kann er oder sie (unter den bisher 7 Amtsinhabern war nur eine Frau)
(wobei es heißt, er könne seinen Schwerpunkt in diesem Rahmen bestimmen).
Das Amt wird im Wechsel an Autoren der beiden offiziellen Sprachen Englisch und Französisch vergeben. Neuer Amtsinhaber 2016-17 ist George Elliott Clarke aus Windsor, Neu-Schottland. Er wurde 1960 in einer Familie mit Afroamerikanischem und Mi’kmaq*-Erbe geboren.
*) Ein indianisches Volk im Osten Kanadas und der USA, in Kanada gibt es 29 anerkannte First Nations der Mi’kmaq. Hier über die Hieroglypenschrift der Mi’kmaq.
Über seine Vorstellungen vom Amt sagt er:
„I look forward to trying to extend the example of my predecessors in reaching out to Canadians from coast to coast to coast to coast because we have four, there’s also the Great Lakes along with the Arctic,“ he said.
Clarke says he’s primarily an English speaker, but that he will do his best to reach out to Francophones, as well as to poets from third language communities and indigenous communities.
He says he wants to raise the profile of the poet laureate position so others can aspire to it. Clarke says he would like to canvass MPs and senators to identify poems in their constituencies that should be made better known to the public.
„I’d like to have a website perhaps or a poetry map of Canada where those poets and their poems would appear. That would be a great way in my opinion, presuming we have the resources to make it happen, to remind everybody that Canadians have a wealth of poets,“ he said. / CBC News
Offizielle Seite des Amts (Englisch-Französisch)
Sowohl Shakespeare als auch Cervantes sollen am 23. April 1616 gestorben sein. Dennoch war einer um zehn Tage früher dran – in Spanien hatte man schon den Gregorianischen Kalender eingeführt, in England hingegen galt noch der Julianische, der etwas hintennach war. Und wer weiß, ob die Engländer nicht ein bisschen geschwindelt haben. Der 23. April ist nämlich auch der Todestag St. Georgs, ihres Landespatrons, zu Beginn des vierten Jahrhunderts. Das Gedenken an den legendären Drachentöter ist doch ideal für den Abschied vom größten englischen Dichter, der in seiner Heimatstadt starb, in Stratford-upon-Avon. Eingefleischte Stratfordianer behaupten auch, dass Shakespeare am 23. April 1564 geboren wurde. Relativ sicher ist aber nur, dass am 26. April seine Taufe stattfand.
Das aber nur nebenbei, denn beim 400. Jubiläum, das 2016 gefeiert wird, geht es um letzte Dinge. Und die erwiesen sich bei diesen zwei Dichtern doch als recht unterschiedlich. Shakespeare war 52 – ein beachtliches Alter für einen Menschen der frühen Neuzeit, der eine Pestepidemie und einige Theater überlebt hatte. Am schönsten ist es, sich vorzustellen, dass der aus London in seine Geburtsstadt zurückgekehrte Dramatiker nach der eigenen Geburtstagsfeier gestorben sei. Das mag glauben, wer das Tagebuch John Wards gelesen hat. Der Pfarrer der Holy Trinity Church in Stratford notierte darin, dass William nach einer fröhlich durchzechten Nacht verschied:
„Shakespear, Drayton and Ben Jonson had a merry meeting and it seems drank too hard, for Shakespear died of a feavour there contracted.“ / , Die Presse
Poetry may be a potent tool in recruiting militant jihadis, a new study by Oxford academic Elisabeth Kendall has found.
In Yemen’s al-Qaida and Poetry as a Weapon of Jihad, published in a forthcoming book, Twenty-First Century Jihad, she writes: “The power of poetry to move Arab listeners and readers emotionally, to infiltrate the psyche and to create an aura of tradition, authenticity and legitimacy around the ideologies it enshrines make it a perfect weapon for militant jihadist causes.”
Osama bin Laden composed an ode to the destruction of the USS Cole in 2000, which he recited at his son’s wedding, and a second example of his verse was discovered in an abandoned safe house in Kabul, having been distributed among trainee jihadis as an exhortation to fight.
(…) Poetry is woven into life’s fabric for 300 million people in the Arabic-speaking world (…)
“The survey was conducted in December 2012 by local fieldworkers, men and women, face to face, to capture illiterate respondents of both genders. A startling 74% of respondents believed that poetry was either ‘important’ or ‘very important’ in their culture today,” she writes. (…) Finally, poetry was found to be more important among men (82%) than women (69%).
(…) On YouTube, where some poems get large numbers of hits, the impact is reinforced by the use of images – “often of jihadists training or dead children in Iraq and Gaza, with faint background music and a ‘reverb effect’ that emphasises the monorhyme and heightens the sense of gravitas in the apocalyptic battle between good and evil that is the underlying theme running through most poems”. / Emma Hartley, The Guardian
Als ich zum ersten Mal Gedichte von Thomas Kunst las, dachte ich mir: So kann man heute keine Gedichte schreiben. Und als ich sie vom Dichter vorgelesen hörte, dachte ich mir: So kann man seine Gedichte nicht vorlesen. Und dann, nach diesen Schrecksekunden, die länger dauern als normale Sekunden, dachte ich mir: Was für eigentümliche, schräge, verrückte, todtraurige Gedichte, was für ein phantastischer Humor, was für eine ungeläufige, verschroben anmutige Schönheit.
Thomas Kunst ist ein gelehrter Dichter, ein leidenschaftlicher Leser, ein hochgebildeter Bibliothekar, und ein bunter Vogel, kindlich, ein Romantiker, den der Weltzustand beunruhigt, und der es versteht, diese Beunruhigung durch die künstlerische Form in Einsicht zu verwandeln und den Mut der Phantasie ins Spiel zu bringen. / Aus: Hans Höller über Thomas Kunsts Roman Freie Folge (Salzburg: Jung und Jung Verlag 2015). in: Volltext, Wien, Ausgabe 4/2015
so viel Herausforderungen – wo bleiben die Eingebungen?
Hansjürgen Bulkowski
«In den Buchläden stapeln sich / Die Bestseller Literatur für Idioten / Denen das Fernsehen nicht genügt / Oder das langsamer verblödende Kino» – schrieb er ein Jahr vor seinem Tod. Mancher hat ihn einen Zyniker genannt, aber seine provozierende Ästhetik war so etwas wie Wahrheits- und Menschenliebe. Manchmal ein Raunen und auch Galligkeit, die bei ihm schnell in Gelächter umschlug. Sein Witz war dunkel und gütig.* / Aus einem Beitrag von Tom Schulz zum 20. Todestag Heiner Müllers, Neue Zürcher Zeitung
*) Das Zitat freilich weder dunkel noch gütig.
Es war in Nagoya, in Zentraljapan, dass ich Ilma Rakusa endgültig ins Herz schloss. Ich hätte fast geschrieben: mich in sie verliebte, aber das geschah erst später, als ich schon eine literarische Figur aus ihr gemacht hatte. Als solche nenne ich sie Ima, was auf Japanisch «das Geschenk» heissen kann, während Ilma im Arabischen wohl «die Weisheit» bedeutet, und auch das würde passen. Aber es ist wohl sinnvoller, davon auszugehen, dass die echte Ilma Rakusa nach einer Figur aus der ungarischen Literatur benannt worden ist: nach der Hofdame einer Fee namens Tünde, die sich in einen irdischen Prinzen namens Csongor verliebt. Ilma hat dabei die wichtige Rolle der Vermittlerin zwischen diesen beiden Prinzipien: dem Himmlischen und dem Irdischen, und ist somit der denkbar passendste Name für eine zukünftige Dichterin. / Aus einem Beitrag von Terézia Mora, Neue Zürcher Zeitung
Lyrik als Reflexionsraum auf engstem Raum, das gefällt mir.
Die Gefahr bei falsch verstandener Lyrik ist halt oft, dass sie ins „Versli-Brünzler-Hafte“ abrutscht, das wirkt dann ziemlich antiquiert – aber davon sind auch junge Rapper und Slamerinnen nicht gefeit, wie ich oft mit Schrecken feststelle. – Oder dass die Verse aus lauter Gefühlsduseleien bestehen. Lyrik aber besteht aus Sprache, und diese muss stark und eigenständig sein. Auch kein abgehobenes akademisches „Geschwurbel“, nein, das auch nicht. Ziel der Lyrik ist viel mehr eine Dichte, die einen in Bann schlägt. Die einem den Geist öffnet und nicht „auf den Geist geht“. / Interview mit Klaus Merz, Aargauer Zeitung
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