Aus einem Interview, das Hans Christoph Buch mit Wolfgang Kubin führte (NZZ 17.12.). Der Sinologe wurde am 17. Dezember 70.
Unter den Poeten der Gegenwart ist mir Bei Dao der liebste . Wir kommen beide vom spanischen «modernismo» her. Deswegen sage ich spasseshalber, er brauche seine Gedichte gar nicht erst auf Chinesisch zu schreiben. Sein von mir übersetztes «Buch der Niederlage» (Hanser) enthält Wahnsinnstexte. Ich könnte in Tränen ausbrechen!
Vor ein paar Jahren erregten Sie mit der These Aufsehen, die chinesische Gegenwartsliteratur sei ästhetisch unbedarft und uninteressant, zumal der Roman. Das zeitgenössische China habe traditionelle Tugenden wie Zurückhaltung und Bescheidenheit aufgegeben zugunsten von Konsumwahn und blindem Materialismus. Trifft das heute noch zu?
Leider noch mehr als bisher. Das Problem ist, dass weltweit nur umfangreiche Romane als Literatur gelten, daneben werden weder Lyrik noch Essays oder Dramen als Literatur gewürdigt, obwohl China mit Poeten und Essayisten Weltliteratur zu bieten hat. Die aber werden kaum gelesen, und wenn, dann eher in Deutschland als im Reich der Mitte.
Sie kritisieren offen Missstände in China, aber oft wirft man Ihnen vor, nicht für die politischen Dissidenten Partei ergriffen und die real existierende Unterdrückung klein- oder schöngeredet zu haben.
Journalisten, die mich kritisieren, haben als Gegner Chinas Regierung und die Kommunistische Partei vor Augen, aber eine differenzierte Darstellung hat in den deutschen Medien kaum eine Chance, deshalb werde ich hie und da angefeindet. Dabei rede ich an chinesischen Universitäten nicht anders als in Bonn. Mündlich werde ich nicht zensiert, schriftlich dagegen immer. Ich sage in Peking, was ich denke, das ist kein Problem. Was ich sage oder schreibe, darf jedoch nicht immer gedruckt werden. Ich sage offen und öffentlich, dass meine Werke auf Chinesisch zensiert sind. Kein Parteisekretär stellt mich dafür zur Rede. Wenn ich in China Theologie lehre, unterrichte ich natürlich gegen den Strich der Partei, und meine Studenten schreiben höchst kritische Klausuren. Niemand schreitet ein. Mündlich, privat und an den Universitäten sind wir in China so frei wie in Deutschland, aber noch nicht in schriftlich publizierter Form. Ich sage: noch nicht! Denn kein Land kann sich ohne Meinungsfreiheit so entwickeln, dass es nicht verkommt.
Das von dem deutschen Sinologen Wolfgang Kubin herausgegebene und aus dem Chinesischen übersetzte Buch Nachrichten von der Hauptstadt der Sonne – moderne chinesische Lyrik, 1919 – 1984, das der Verlag Suhrkamp zum ersten Mal 1985 herausbrachte, ist in diesem Jahr erneut erschienen, diesmal beim Bacopa Verlag. Während die alte Suhrkamp-Version einsprachig, deutsch war, ist die neue Bacopa-Version zweisprachig, deutsch-chinesisch: diese Erneuerung nennt Professor Kubin im Vorwort zur Neuauflage„einen offensichtlichen Unterschied“ – „Die chinesischen Originale sind den deutschen Übertragungen nun zur Seite gestellt.“ Es stellt sich die Frage: Was kann das Motiv für Bacopa sein, eine Neuauflage zu drucken? Vielleicht gilt es den deutschsprachigen Sinologen, oder auch den chinesischen Germanisten? Natürlich hat sich auch der Auftritt erneuert: Aus dem typisch suhrkampisch (r)einfarbigen, hellblauen Umschlag wird einer des Bacopa, worauf das Gelb des Sonnenlichtes von oben her allmählich auf dem Grün in Form eines Daches weich landet. Als Chinese assoziiere ich damit das Tian’an Men (das Tor des Himmlischen Friedens), das die Stadt Beijing symbolisiert. Wenn schon Kubin in dem 1984 verfassten Vorwort schrieb, dass der Buchtitel auf Bei Daos Gedichtszyklus Nachrichten von der Hauptstadt der Sonne zurückgehe, und obwohl er zu Recht meinte, dass Bei Dao damit auf Campanellas Sonnenstaat anspiele, entspricht das Design des Bacopa-Verlags wohl eher, was Bei Dao vor allem meinte: die Hauptstadt Chinas, Wohnsitz des Vorsitzenden Mao, der von den Chinesen mit der Sonne verglichen wurde, als der Gedichtszyklus entstand.
(…)
Erst aus Liebe zum Gedicht kann man beim Übersetzen lauschen, wo des Gedichtes Herz schlägt, wie es atmet. Sobald das zu übersetzende Gedicht dem dichtenden Übersetzer begegnet, ergibt sich eine gute Übersetzung, an der der Zuwachs an Sprachkunst durch Übersetzung leicht erkennbar wird.
Gu Cheng:
远和近 Fern und Nah
你, Du
一会看我, Schaust bald mich
一会看云。 Bald die Wolken.
我觉得, Als
你看我时很远, Sei ich fern,
你看云时很近。 Die Wolken nah.
Wenn man als zweisprachiger (im Fall eines chinesischen Germanisten) Liebhaber moderner chinesischer Lyrik Kubins Übersetzung – beispielsweise eines beliebten Gedichtes von Bei Dao – liest, ist die Freude doppelt so groß, als ob man sich selbst nicht un-narzisstisch im Spiegel betrachtet. / WANG Yanhui, cri.cn
Seine Karriere als Poet und Popstar begann für den indianischen Widerstandskämpfer 1979, dem Jahr, in dem er in Washington die US-Flagge verbrannte. Ein Jahrzehnt davor war John Trudell Wortführer der „Indians of all Tribes“ – Indianer aller Stämme – , die die ehemalige Gefängnisinsel Alcatraz besetzten, um in den ehemaligen Kerkern eine indianische Universität einzurichten. Er startete den Inselsender „Radio Free Alcatraz“, bis die Staatsgewalt nach 19 Monaten das alternative Projekt mit Gewalt beendete. Anschließend trat er dem American Indian Movement (AIM) bei, jener pan-indianischen Widerstandsbewegung, die quer durch Nordamerika die geschwächten Stämme vereinte und mit militanten Aktionen auf sich aufmerksam machte.
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Trudell verbrannte aus Protest den Sternenbanner vor der Zentrale des FBI. In der folgenden Nacht fing sein Haus auf dem Shoshone-Reservat Duck Valley in Nevada Feuer; seine schwangere Frau Tina, seine drei Kinder und seine Schwiegermutter verbrannten. Der Brand wurde nie untersucht. In Trudells Augen war es ein Racheakt des FBI; Beweise dafür gab es keine.
Er war nah daran, sein Gleichgewicht für immer zu verlieren. Um sich zu retten, griff er zu Papier und Stift und heilte sich durch Poesie. Er schrieb und schrieb und produzierte „Lines“ – Zeilen –, wie er sich ausdrückte. Seine ersten Büchlein sind Kult.
(…) Am Dienstag starb Trudell 69-jährig an Krebs in seinem Haus in Nord-Kalifornien. / Claus Biegert, Süddeutsche Zeitung 10.12.
Die Schweizer Autorin Ilma Rakusa, Tochter einer Ungarin und eines Slowenen, erhielt den Manès-Sperber-Preis für Literatur 2015. Wie Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) bei der Verleihung in Wien betonte, zeichnet sich Ilma Rakusa „durch ihre Vielseitigkeit, Vielsprachigkeit und ihren europäischen Geist aus“.
(…) „Gerade in Zeiten wie heute, in Zeiten des täglichen Ringens darum, dass europäische Werte aufrecht erhalten werden, gerade in solchen Zeiten ist ein Werk wie jenes von Ilma Rakusa von ganz besonderer Bedeutung. Sie ist eine Autorin, die in ihrem Schaffen immer weit über Grenzen hinausgegangen ist“, sagte Ostermayer laut Aussendung des Bundespressedienstes.
Die in der Schweiz lebende Autorin Ilma Rakusa wurde 1946 im slowakischen Rimavská Sobota geboren – als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen. Ihre frühe Kindheit war geprägt von Umzügen nach Budapest, Ljubljana und Triest/ Trst. 1951 zog die Familie nach Zürich, wo Ilma Rakusa ihre Schullaufbahn absolvierte. Sie studierte Slawistik und Romanistik in Zürich, an der Pariser Sorbonne und in Sankt Petersburg. Seit den 1970er Jahren lehrt sie an der Universität Zürich. Aus den 1970er Jahren stammen auch ihre ersten veröffentlichten Gedichte.
(…)
Der mit 8.000 Euro dotierte Manès-Sperber-Preis wird vom Bundeskanzleramt gestiftet und alle zwei Jahre von der Manès-Sperber-Gesellschaft in Wien vergeben. Ausgezeichnet werden Persönlichkeiten, deren literarisches und essayistisches Werk in einem sichtbaren thematischen Zusammenhang mit dem Oeuvre von Sperber steht. Dabei spielen die transnationale europäische Orientierung sowie das intellektuelle und zivilgesellschaftliche Engagement eine wesentliche Rolle. / volksgruppen.orf.at
Kürzlich wurde Sawjalow für sein neues Werk «Sowjetische Kantaten» mit dem Andrei-Bely-Preis in der Sparte Poesie geehrt. Die Preissumme besteht aus einem symbolischen Rubel, dazu wird aber immerhin eine Flasche Wodka und ein Apfel zur unmittelbaren Konsumation abgegeben.
Trotz ihrer kargen Ausstattung verfügt die Auszeichnung über beträchtliches Prestige. Die Liste der bisherigen Preisträger liest sich wie ein Who is who der russischen Literatur und Wissenschaft: Die Leningrader Untergrundlegende Wiktor Kriwulin, der Okkultist Juri Mamlejew und der Minimallyriker Gennadi Ajgi finden sich hier ebenso wie der Philosoph Boris Groys, der Kulturwissenschafter Michail Jampolski oder der Soziologe Boris Dubin.
Sergei Sawjalow wurde 1958 in Puschkin bei Leningrad geboren. In den achtziger Jahren gehörte er zu den aktiven Mitgliedern des nonkonformistischen Klubs 81, der damals eigene hektografierte Literaturzeitschriften herausgab. Sergei Sawjalow blickt heute selbstkritisch auf diese Zeit zurück, in der man den Sowjetkommunismus für alles Übel verantwortlich machte und das Ausland für ein märchenhaftes Paradies hielt.
Die nonkonformistischen Dichter schenkten der gesellschaftlichen Gegenwart wenig Aufmerksamkeit und versuchten, direkt an das Silberne Zeitalter der russischen Poesie nach der Jahrhundertwende anzuknüpfen.
(…)
Seine Dichtung beschäftigt sich vornehmlich mit tragischen Gegenständen: mit Stalins Grossem Terror, mit der Hungersnot während der Leningrader Blockade und mit dem Holocaust. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Typografie: Sawjalow setzt bewusst alte Schrifttypen, Grossschreibung, Kursivschrift und Flattersatz ein, um die verschiedenen Stimmen seiner Protagonisten zu unterscheiden. Wahrscheinlich muss man Sergei Sawjalow viel eher als Komponisten und nicht so sehr als Dichter bezeichnen. Seine «Sowjetischen Kantaten» hat er jedenfalls auf der Grundlage von Prokofjew- und Schostakowitsch-Oratorien zu einem Wortgesamtkunstwerk gefügt. /
So bildet sich in Lyrik von Jetzt 3 ein Porträt der Generation jener, die nach 1980 geboren wurden, ab. 84 Stimmen aus drei Ländern, die etwas zu sagen haben und dies auch noch poetisch verpacken können: Das ist nicht nur schön und bereichernd für die gesamte deutschsprachige Lyriklandschaft, sondern bereitet auch den Weg für die nächste Generation junger Lyriker*innen.
Lyrik von Jetzt 3 beweist, dass es sich durchaus lohnt, für die junge, deutschsprachige Lyrik über Grenzen zu gehen. Die Anthologie verspricht eine kurzweilige, abwechslungsreiche Lektüre und hält mit Gewissheit für jeden Leserin ein neues Lieblingsgedicht bereit. / poesierausch
Max Czollek, Michael Fehr, Robert Prosser (Hgg.)
Lyrik von Jetzt 3 / babelsprech
Wallstein Verlag
ISBN: 978-3-8353-1739-0
Warum hat bislang noch niemand auf die Nähe von Meyers Techniken beispielsweise zur Zwölftonmusik hingewiesen, die mit Mustern des klassischen Kontrapunkts arbeitet? Nicht nur ist darin jeder der zwölf Töne einer Oktave gleichberechtigt – wie im Pangramm „Quizlöß“ alle 26 Buchstaben, drei Umlaute und „ß“ des deutschen Alphabets –, sondern die Themen werden wie bei einer Fuge vorwärts wie rückwärts (‚Krebs‘ genannt) verwendet und jeweils gespiegelt. Der Text „as snow“ wäre in diesem System so etwas wie die Spiegelung des Krebses:
as snow
punos sound
mousse.
Mit diesem „Vertikalpalindrom“ springt der Autor endgültig von der orthographischen zur grafischen Form – da kann man sich wahrhaft auf den Kopf stellen! Wem das zuviel ist, der erfreue sich an Homogrammen, in denen nur Wortzwischenräume und Interpunktion den Unterschied machen: „Language ist / Brauchtum. / Lang u.a. Geist / braucht, um // derbe Steward / zu sein. / Der Beste ward / zu Sein.“
Bertram Reinecke bringt es in seinem Nachwort auf den Punkt: „Wem Palindrome und Anagramme Kreuzworträtseln ähnlich scheinen, der hat im Dunkel das Gesicht des Künstlers noch nicht erkannt.“ Auch Meyers Texte sind nicht nur schlicht ‚gebaut‘. Aus der Ursuppe der Zeichen leuchten da ganz deutlich Witz und der Wille, mit angestammten Mitteln und zeitgemäßer Sprache die Grenzen der Poesie auszuloten. Das ist auch an den beiden abschließenden neunzeiligen ‚Meister-Palindromen‘ abzulesen, deren Akrostichon und Telestichon, also Anfangs- und Schlussbuchstaben der aufeinanderfolgenden Verse, das Wort „Palindrom“ bilden. „Pur ist Sinn Adel“ steht am Anfang – und endet mit „Alle dann ist Sirup.“
Was kritischen Lesern an diesen Gedichten aufstoßen dürfte, ist die Tatsache, dass es darin keinen Ausschuss gibt. Das ‚Material‘ ist stets vollständig anwesend. Das gilt es bei der Lektüre auszuhalten. „Strenge Texte“, sagt Reinecke, seien zwar Kunstwerke, aber immer auch „Dokumente ihrer eigenen Genese: Sie teilen gleichzeitig mit, was unter diesen Bedingungen neben dem Gesagten auch gerade nicht sagbar war.“ Meyers Lyrik mag schwerlich politisch und im Bereich der außersprachlichen Wirklichkeit nur locker verankert sein. Dafür hat er mit „Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung“ dem Anspruch nach ein kleines Wohltemperiertes Klavier gedichtet. / Patrick Wilden: Alpinmord am Polrind: Titus Meyers Palindrome, in: Ostragehege Nr. 78 (Inhalt)
Titus Meyer: „Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung“, Reinecke & Voß Leipzig 2015, 88 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-942901-15-4
17 Nachwuchstalente – darunter ein Kammermusik-Trio, ein Architekten-Duo und zwei Regisseure – werden von Kulturministerin Ute Schäfer mit dem Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler ausgezeichnet. Der mit 7.500 Euro dotierte Preis wird an überdurchschnittlich begabte Preisträgerinnen und Preisträger vergeben, die nicht älter sind als 35 Jahre und dem Land durch Geburt, Wohnsitz oder ihre Arbeit verbunden sind. „Es sind die herausragenden Künstlerinnen und Künstler, die die Strahlkraft unseres Kulturlandes NRW ausmachen. Ich freue mich, auch in diesem Jahr ihre außergewöhnlichen Leistungen auszeichnen zu können. Das Preisgeld soll dazu beitragen, dass besondere Projekte verwirklicht werden können”, sagte Ministerin Schäfer.
Gewürdigt werden die Leistungen in den Sparten Bildende Kunst, Literatur, Musik, Film, Theater, Architektur und Medienkunst. Das Preisgeld wird in der Regel an zwei Preisträger pro Sparte vergeben.
Die seit 1957 jährlich vergebene Ehrung erhielten auch später so prominente Künstler wie Pina Bausch, Günther Uecker oder Frank-Peter Zimmermann.
Ausgezeichnet wurden in der Sparte Dichtung und Schriftstellerei: die Lyriker Sina Klein (Düsseldorf) und Gerrit Wustmann (Kerpen)
/ Land NRW
Ein Kommentar von Axel Kutsch
Rezensionen von Lyrik-Anthologien findet man eher selten in den Medien – und wenn doch, dann kommt es einem mitunter so vor, als hätten Redaktionen Kettenhunden freien Lauf gelassen. Das ist jedenfalls der Eindruck, den einige in den vergangenen Wochen veröffentlichte Kritiken mit Vernichtungspotenzial vermitteln. Fast schon geifernd stürzen sich da Rezensenten auf Gedichte, die nach ihrer Ansicht missraten sind, klopfen sie mit Vehemenz in die Tonne und erwähnen gerade mal am Rande, dass die besprochenen Sammlungen auch gelungene Texte enthalten. Es ist eine billige Masche, das vielleicht weniger Geglückte in den Mittelpunkt zu rücken und damit zu suggerieren, dass die gesamte Anthologie eigentlich wenig bis nichts taugt.
Das Beispiel eines Verrisses, der offenbar von einer Wollust am Vernichten beflügelt worden ist, konnte man unlängst in der „Zeit“ lesen, wo die 2015 erschienene Ausgabe der renommierten Anthologiereihe „Jahrbuch der Lyrik“ regelrecht zerfleischt worden ist. Da heißt es unter anderem, dass man lieber einen Einkaufszettel lesen solle und einem angst und bange werden könne, wohin die Reise geht, wenn man das neue Jahrbuch als Kursbuch der Literatur verstehe. Es werden eifrig angeblich misslungene Passagen aus Gedichten zitiert und immerhin marginal „noch kleine Oasen in diesem geistigen Brachland“ gesichtet. Nun gehört das Jahrbuch 2015 nicht zu den stärksten Ausgaben dieser Reihe, bietet aber mit so manchem lesenswerten Gedicht wenig Anlass, in eine von Langeweile und Empörung angetriebene Schnappatmung zu verfallen, wie es in der Rezension heißt.
Kaum glimpflicher kommt die vor kurzem veröffentlichte Anthologie „Lyrik von jetzt 3 – Babelsprech“ mit Beiträgen junger deutschsprachiger Autorinnen und Autoren im Deutschlandradio davon. Auch hier wird genüsslich das Negative ausgerollt, ist von „Metaphernsalat“, „poetischem Packpapier“, freien Rhythmen, „teilweise im freien Fall“ die Rede. Eher nebenbei wird erwähnt, dass diese Sammlung auch Geglücktes enthält – weitaus mehr jedenfalls, als diese Kritik vermuten lässt.
Nicht einmal einen Hinweis auf die gelungenen Beiträge in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Das Gedicht“ enthält eine Rezension, die jetzt in der „Welt“ erschienen ist. Stattdessen werden Verse, die dem Kritiker missfallen haben, herausgepickt und in einem Fall gar als „furchtbar“ abqualifiziert. Angesichts der Thematik „Götterspeise & Satansbraten – Gedichte vom Essen und Trinken“ kam es ihm offenbar darauf an, mit Tunnelblick auf sein süffisantes Fazit „ziemlich halbgar“ zuzusteuern. Da passt es halt nicht ins Konzept, auch auf vorhandene Leckerbissen hinzuweisen.
Es ist gewiss keine einfache Aufgabe, Lyriksammlungen mit Beiträgen zahlreicher Verfasser und unterschiedlichen Schreibweisen differenziert und seriös zu beurteilen. Man kann da nicht auf alles eingehen. In jeder Anthologie gibt es zwar ein qualitatives Gefälle, aber das angeblich Missratene so in den Mittelpunkt zu stellen wie in diesen drei Rezensionen und den vielen gelungenen Gedichten bestenfalls eine Randnotiz zu widmen, zeugt von einer Mentalität, die man als pure Lust am Niedermachen bezeichnen kann. Seriöse Kritik, die auch das Negative nicht ausschließt, geht anders.
Hochgelobt* heißt längst noch nicht vielgelesen. Das ist die Diskrepanz, die momentan** die Lyrik der Gegenwart umtreibt. Monika Rinck, 1969 geboren, in Berlin lebend, ist eine der herausragenden Protagonistinnen*** der Gegenwartslyrik, hochgradig anerkannt, vielfach ausgezeichnet, aber das Risiko, „ungelesen oder missverstanden zu bleiben“, ist ihr, wie sie selbst schreibt, durchaus bekannt. 2004 veröffentlichte Rinck ihren ersten Gedichtband „Verzückte Distanzen“ im kleinen, feinen Entdeckerverlag zu Klampen!.
Seit 2006 publiziert sie im Berliner kookbooks-Verlag****. Vier große Gedichtbände hat sie seither dort veröffentlicht. Für ihre 2012 erschienenen „Honigprotokolle“ erhielt sie mit dem Peter-Huchel-Preis die höchste Anerkennung, die eine Dichterin innerhalb der deutschsprachigen Lyrik erhalten kann.***** An diesem Wochenende wird ihr in Berlin der renommierte Kleist-Preis verliehen. In diesem Jahr allerdings sorgt Rinck nicht etwa mit ihrer Lyrik, sondern mit ihrem neuen Essayband für Furore. „Risiko und Idiotie“, heißt er, und er trägt den kämpferischen Untertitel „Streitschriften“. / Christian Metz, FAZ
*) In meiner Jugend unterschied man zwischen „zu recht hoch gelobt“ und „zu unrecht hochgelobt“. Im Neusprech kann man das gar nicht mehr ausdrücken.
**) Wenn das mal nicht immer so war. Die sogenannten Klassiker: „Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? Nein. Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein.“ (Lessing sagt „Wir“, statt auf den „schwierigen“ Klopstock zu zeigen.)
***) Wenn man in Deutschland die weibliche Form verwendet, klingt immer die Einschränkung mit: „Naja, unter den Dichterinnen bedeutend“. Dann wäre es schon gleich besser, zu sagen: „eine der herausragenden Protagonisten“. (Dickinson is a great poet, Droste eine große Dichterin.)
****) Auch ein kleiner feiner Entdeckerverlag.
*****) Wenn auch nicht in finanzieller Hinsicht. Huchel (Freiburg): 10.000, Ernst Meister (Hagen): 13.000, Ringelnatz (Cuxhaven), Mörike (Fellbach): 15.000, Hölty (Hannover): 20.000, Rainer Malkowski (München): 30.000
Ganz so einfach war es dann offensichtlich doch nicht, sich auf die Fabeln, Erzählungen, Gedichte und Briefe des 1715 in Hainichen geborenen Christian Fürchtegott Gellert einzulassen. „Als poetische Impulsgeber versagten sie allerdings: beim ersten Lesen, beim zweiten Lesen“, schreibt der Lyriker Jürgen Nendza unumwunden. Und auch Norbert Hummelt gesteht: „Dennoch wäre es ja nicht ausgeschlossen, dass ich mich von einem Gellert-Gedicht angesprochen, von einem seiner Verse dennoch gemeint und befeuert fühlen könnte; dies, muss ich gestehen, hat sich … aber nicht ereignet.“
Fünf seiner „Lieblingsdichter“ hatte der ebenfalls in Hainichen geborene Lyriker Andreas Altmann anlässlich des 300. Geburtstages von Christian Fürchtegott Gellert eingeladen, sich mit dem Werk des zu seiner Zeit beliebten Dichters und Lehrers auseinanderzusetzen, in einen poetischen Dialog zu treten. Womit er auch einen Wunsch von Angelika Fischer, der Leiterin des Hainichener Gellert-Museums, erfüllte. Am Sonntag wurden die Ergebnisse des Zwiegesprächs präsentiert, begleitet von rasanten Gitarrenimprovisationen des Chemnitzers Helmut „Joe“ Sachse, in denen man etwas vom furiosen Briefstil Gellerts wiederfinden konnte.
(…)
Mutig haben alle fünf Dichter im Werk Christian Fürchtegott Gellerts gegraben – Andreas Altmann hat die Fundstücke und die poetischen Reflexionen dazu in einem kleinen Buch versammelt, ergänzt um stimmungsvolle Bilder von Daniel Lorenz, der im Archiv der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig Schreib- und Druckgerätschaften aus Gellerts Zeit fotografierte.
Für Altmann ist so ein „bisher einzigartiger“ Dialog entstanden. „Und auch dort, wo der poetische Faden nicht leicht aufgenommen werden konnte, knüpfen sich Netze, die bei der Lektüre über sich hinausreichen. Die gedankliche Schärfe und Klarheit der Dichtung Gellerts hat nichts an Bedeutung verloren“, merkt Altmann an. / Matthias Zwarg, Freie Presse
Das „berühmte kleine Ungarnland“, das böse ist, bekommt den Marsch geblasen aus alter Anhänglichkeit, und auch die Eltern, die Juden beschimpfen, werden sanft und unmissverständlich korrigiert und weiter geliebt. Auf ein wenig Distanz zum eigenen Kleinmut hofft der Dichter auch, passend kleinmütig. Von der Gegenseite, vom König und von Gott, ist ja nichts zu erwarten: Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens ertönt seit jeher nur Schweigen. Seine Enttäuschung darüber spricht Kemény in gleich drei Gedichten aus.
In ihrem Nachwort erklären die Übersetzerinnen und Lyrikerinnen Orsolya Kalász und Monika Rinck das Nichts zum „Totemtier“ Keménys: Er bedichte es. Tatsächlich findet sich das Nichts in den frühen Poemen öfter. In den neuen aber wird es nur zweimal erwähnt, einmal gar als „Stützknochen“. Kemény ist sicher nicht hoffnungsvoller geworden, aber der Spagat gelingt ihm besser: der Spagat über den Abgrund. / Jörg Plath, DLR
István Kemény: „Ein guter Traum mit Tieren“
Aus dem Ungarischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Orsolya Kalász und Monika Rinck
Matthes & Seitz, Berlin 2015
144 Seiten, 19,90 Euro
Der deutsch-chilenische Schriftsteller Gaston Salvatore ist am Freitag in Venedig im Alter von 74 Jahren gestorben. Er wurde am 29. September 1941 in Valparaiso / Chile geboren. 1965 kam er nach Berlin und studierte an der FU Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaften. Während der Studentenzeit lernte er Hans Magnus Enzensberger kennen, der ihn ermunterte, in deutscher Sprache zu schreiben. Nach dem Militärputsch in Chile 1973 wurde ihm der chilenische Paß entzogen. Er war mit Rudi Dutschke befreundet und einer der Aktivisten der „68er“ Studentenbewegung. 1969 wurde er wegen Landfriedensbruchs – gemeint waren Proteste gegen den Vietnamkrieg – zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Zu einer Anklage gegen Dutschke war es wegen des Attentats auf Dutschke nicht gekommen. Salvatore floh ins Ausland, wurde aber 1972 bei einer Veranstaltung im Hessischen Staatstheater in Darmstadt verhaftet, „weil die Amnestie, die der damalige Bundeskanzler Willy Brandt für die verurteilten Mitglieder der Studentenbewegung erlassen hatte, nur für deutsche Staatsbürger galt. Salvatore schlug den Polizisten vor, den Bundespräsidenten Gustav Heinemann, der den Feierlichkeiten beiwohnte, persönlich zu diesem Zwischenfall zu befragen. Daraufhin erhielt Salvatore umgehend eine unbefristete Arbeitserlaubnis in Deutschland.“ (Wikipedia)
„Am 7. November 1983 wird der chilenische Dichter und Revolutionär Gaston Salvatore, ein Mann großbürgerlicher Herkunft und allerbester Manieren, aus dem deutschen Kulturleben verbannt. Eine Hassschrift, wie man sie nur selten liest, erscheint an diesem Tag im Spiegel. Sie trägt den Titel Ein Papagallo der Prominenz und hat die rufmörderische Absicht, den aufstrebenden Schriftsteller als Irrtum der deutschen Zeitgeschichte, als Parvenü des Betriebs zu deklarieren. Über 20 Jahre später ist das Projekt vollbracht: Den Jüngeren ist heute der Chilene, einer der schillerndsten Intellektuellen der Achtundsechziger, kein Begriff mehr. Nach Erscheinen des Spiegel-Artikels, der Schmähungen überdrüssig geworden, zog Gaston Salvatore sich ganz nach Venedig, wo er seinen Zweitwohnsitz hatte, zurück.
…
Ja, sagt Gaston, während er sich energisch eine Zigarette anzündet, er wolle nicht klagen, aber was hätte er schon werden können in einem Land, das, etwas grob betrachtet, nur eine einzige Klasse herausgebildet habe: das Kleinbürgertum.“ (Adam Soboczynski, DIE ZEIT Nr. 8/2011)
Václav Jan Tomášek wird zum führenden Komponisten in Prag. In Kontakt steht er unter anderem mit Haydn und Beethoven, aber auch mit dem Dichterfürsten Goethe. 1815 beginnt Tomášek damit, Goethes Gedichte zu vertonen. Dass zeitgleich Schubert dasselbe tut, scheinen beide nicht zu wissen. 41 Gedichte bearbeitet der böhmische Komponist für Klavier und Stimme. Aber anders als der etwas jüngere Schubert hat er auch das Glück, sie Goethe sogar vorspielen und vorsingen zu können. (…)
In seinen Memoiren beschreibt der Komponist nicht nur die Begegnungen mit Goethe sehr genau, sondern auch die Lieder, die er vorträgt. Darunter „Schäfers Klagelied“, „Am Flusse“ und in der Zugabe auch den „Erlkönig“. Goethe, so schreibt Václav Jan Tomášek, habe die Vertonungen seiner Gedichte sehr gelobt – und sich hingegen schlecht geäußert über dasselbe Unterfangen Beethovens. Der Dichter bittet daher Tomášek um die Zusendung der Noten zu den Stücken, was dieser gerne auch macht.
Sidonia Hedwig Zäunemann – selbst in ihrer Heimatstadt Erfurt kennt heute kaum jemand den Namen dieser preisgekrönten Dichterin. Sie trat Anfang des 18. Jahrhunderts für die Gleichberechtigung der Frauen ein – zu einer Zeit, als es das Wort noch gar nicht gab. Sie war eine erfolgreiche, geistsprühende junge Dichterin, als sie am 11. Dezember 1740 vor 275 Jahren starb.
(…)
Nicht nur zur Welt der Wissenschaft forderte Sidonia Zäunemann Zugang, sondern auch zu der anderen großen Männer-Sphäre, nämlich der Arbeitswelt, und zwar da, wo sie am härtesten ist: Unter Tage. Wie sie es schaffte, die Genehmigung zu bekommen, weiß man nicht genau. Jedenfalls fuhr sie am 23. Januar 1737 in das damals florierende Kupfer- und Silberbergwerk Ilmenau ein.
Sie kroch und kletterte und rutschte stundenlang durch die Stollen, sprach mit Hauern und Steigern und machte sich Notizen. Daraus hat sie ein Gedicht geformt, das in der deutschen Literatur bis heute einzigartig ist, auch weil sie aus der kräftigen Sprache der Bergleute eine eigenwillige und sozialkritische Poesie schuf. Da ist die Rede von
„nassen Kitteln, Müh und Schrecken,
Und Karren übern Arsch zu drecken
Von Noth und Kümmerniß, von Jammer-vollen Tagen;
Von Elend, Angst und Schmerz kan uns ein Bergmann sagen.“
/ Christoph Schmitz-Scholemann, DLR
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