„Linguistically innovative poetry“

It has been an eventful year for ‘linguistically innovative poetry’; although such poets are often seen as remote, disdainful of fame and popularity, there have been significant incursions not only into the mainstream of poetry and its prizes, itself still a small and self-enclosing world, but also into the comment pages of national newspapers and the bestseller lists. This has been, of course, at the cost of a proper engagement with the innovative character of the poetry at issue; Claudia Rankine’s Citizen has often been discussed in terms of its politics and divorced from questions of form, which, if addressed at all, seem to reach a dead end in banal, inevitable, cries of “but is it poetry?” It is exciting, then, and timely, and good, that we have Out of Everywhere 2, edited by the poet and academic Emily Critchley, which, 19 years after its namesake, brings together nearly 50 contemporary “formally original, politically and philosophically engaged” poets. For all that this small subset of poets has flourished, proliferated even, since 1996, their work, often printed in chapbooks or through small presses, is still difficult to get hold of or stumble upon, and this anthology offers us a guide—or set of starting points, at least. / Rey Conquer, the Oxonian Review

Out of Everywhere 2: Linguistically innovative poetry by women in North America & the UK
Edited by Emily Critchley
Reality Street, 2015
362pp
ISBN 978-1-874400-68-4
£15

Menantes-Preis für erotische Dichtung zum 6. Mal ausgeschrieben

Cover_Menantes-Preis_2014

Sehr geehrte Damen und Herren,

1680 wurde in der kleinen Thüringer Gemeinde Wandersleben zuwischen Erfurt und Gotha Christian Friedrich Hunold geboren, der unter dem Namen Menantes zu einem der meistgelesenen Autoren des Spätbarock aufstieg. Die Kirchgemeinde des Ortes und die Thüringer Literaturzeitschrift „Palmbaum“ schreiben seit 2006 alle zwei Jahre den Menantes-Preis für erotische Dichtung aus. Jeder Autor, jede Autorin kann sich mit je drei Gedichten oder einer Kurzgeschichte von fünf Seiten um den Preis bewerben.

Erotik mit Kirchensegen – geht denn das? Und ob … Immerhin findet sich eines der schönsten Liebelieder im Alten Testament: Das Hohelied Salomons.

Freilich gibt es den Preis nicht für fromme Texte. Doch was ist Erotik – im Unterschied zu Pornografie? Die Jury hat ein Kriterium: Porno ist Aufgeilen abgestumpfter Sinne, zu dessen Zweck sich eine/r eines/r anderen bedient – mit immer denselben phantasielosen Worten und Griffen … Erotik meint das genaue Gegenteil: Verfeinerung der Sinne zur Steigerung des Genusses im freien Miteinander durch Entfesselung der Phantasie …

Das klingt leicht, gehört jedoch zum schwersten, zu den Königsdisziplinen der Literatur: denn nirgends wuchern die Klischees mehr als im Feld der Liebe, und nirgends ist der Grat zwischen Gelingen und Verfehlen so schmal:  entweder dominiert der Stoff die Form, droht der Text ins formlos-Gefühlige oder in Vulgarismen abzugleiten, oder die Form ist so vollendet, das sich kein Kribbeln mehr herstellen will.

Der Preisträger des Jahres 2014 war Uwe Kolbe. Sein Gedicht „Kleinen Mannes Lied auf die große Liebe“ eröffnet die Anthologie „Die fünfte Dimension“, die 2014 im quartus-Verlag Bucha bei Weimar mit Zeichnungen von Roger Bonnard erschienen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Jens-F. Dwars
Redakteur Palmbaum, Jury Menantes-Preis

Benannt nach dem „galantesten“ Dichter des Barock, der als Christian Friedrich Hunold (1680-1721) in Wandersleben zur Welt kam, wird der Preis vom Menantes-Förderkreis der Evangelischen Kirchgemeinde Wandersleben in Zusammenarbeit mit der Thüringer Literaturzeitschrift Palmbaum seit 2006 alle zwei Jahre ausgeschrieben. Bis zu 800 Autoren aus 15 Ländern haben sich daran beteiligt. 2016 wird der Preis zum sechsten Mal verliehen!Senden Sie uns bis zu drei Gedichte oder eine Kurzgeschichte mit maximal fünf Manuskriptseiten (à 2000 Zeichen). Die Texte müssen bislang ungedruckt sein (Veröffent­lichungen auf Websites sind möglich). Eine Jury aus fünf Kritikern und Schriftstellern ermittelt unter allen Einsendungen die fünf originellsten und lädt deren Verfasser zu einem Lesefest am 11. Juni 2016 in den Pfarrhof von Wandersleben ein, bei dem der Jury-Preis (2.000 EUR) sowie ein Preis des Publikums (500 EUR) vergeben werden. Das Preisgeld wird vom Menantes-Förderkreis gestiftet.

Die Beiträge der fünf Finalisten erscheinen im Oktober-Heft des Palmbaums 2016. Eine Anthologie mit den 50 besten Beiträgen zum Menantes-Preis von 2006 bis 2016 ist im quartus-Verlag geplant. Um für die Jury die Anonymität zu wahren, bitten wir die Texte ohne Verfassernamen, jedoch mit einer separaten Kurzbiographie unter dem Stichwort „Menantes“ zu senden an:

 

Evangelische Kirchgemeinde Wandersleben

Menantesstraße 31

99869 Drei Gleichen, Ortsteil Wandersleben

Einsendeschluss: 31. März 2016 (Poststempel)

Eine Rücksendung der Texte erfolgt nur, wenn ein adressierter und frankierter Umschlag beiliegt.

www.menantes-wandersleben.de

When Rilke came to Paris

When Rilke came to Paris he was still a High Romantic, brother-in-art to the likes of Novalis, Klopstock, and the Goethe of Young Werther. Rodin, almost offhandedly, pulled the young dreamer’s head out of the clouds and knocked some common sense into him. For the sculptor, work was everything: Il faut travailler—toujours travailler was his motto. As for inspiration, Rilke wrote, the mere possibility of it he “shakes off indulgently and with an ironic smile, suggesting that there is no such thing….” These assertions must have struck Rilke like thunderbolts. Suddenly it was not the emotion or the idea that mattered, but the thing. Rodin was, above all, a maker of things* … / John Banville, The New York Review of Books**

Letters to a Young Poet
by Rainer Maria Rilke, translated from the German and with an introduction by Mark Harman
Harvard University Press, 94 pp., $15.95

*) Ding, a word as vital to Rilke as it was to Kant and would be to Heidegger, but, as Mark Harman ruefully observes, “no more beautiful a word in German than it is in English.”

**) Ist schon 2 Jahre alt, aber Rilke ist ja noch viel älter…

Serhij Zhadan

Wenn er seine Gedichte liest, klingt er wie eine Maschine. Und manchmal wie ein Maschinengewehr. Bumm, bumm, karge Halbsätze, hingeworfene Silben, dazu die linke Hand, die einen harten Takt schlägt: Serhij Zhadan spricht seine Texte mit einer Mischung aus Aggression und Desinteresse – als wende er sich beim Sprechen schon von der Katastrophe ab, die er eben beschrieben hat. „Nimm nur das Wichtigste mit“, hämmert er, „nur die Briefe, nimm nur das, was du tragen kannst. Die Ikone, Brot, Grünzeug. Dann geh, wir kommen nicht zurück. Nimm alle Briefe, auch den letzten, schlimmen.“

Es ist ein Poem über die Flucht aus dem Donbass, über die Meldung vom gefallenen Sohn, über Friedhofsruhe und Totenmessen. „Ich lege meine Koffer ab und krieche los. Vorbei an fremdem Grün. Vorbei am Vaterland, dem endlosen, entbehrlichen.“ Die Botschaft: Du kehrst nicht heim, nie wieder. Die schwarze Erde: „zerschlagen“.

Flucht, Vertreibung, Sterben – nie hatte Zhadan darüber geschrieben. Bisher. Der junge Ukrainer, ein schmaler, durchtrainierter Junge von 41 Jahren mit raspelkurzem Undercut, ist ein Popstar der Literaturszene und ein Literaturstar der Musikszene. Er ist textender und sprechender Teil der Band Sobaky v kosmosi (Hunde im Weltall). Auf Festivals ist er mal als Autor, mal als Bandmitglied unterwegs.

Seine Gedichte, seine Prosa, vielfach preisgekrönt, bei Suhrkamp auf deutsch erschienen, waren immer eine Feier des Lebens, der Anarchie, des fröhlichen Chaos. Er war ein Autor der postsowjetischen Jugendkultur, ein Wolfgang Herrndorf der Ukraine: Bei ihm wurde gesoffen und gekifft, gelacht und gevögelt, Freundschaft war dicker als Blut und sein wildes, abgefucktes, herrenloses Personal war immer auf der Suche und immer auf der Reise. / Cathrin Kahlweit, Süddeutsche Zeitung 28.11.

Lustige Reimlyrik mit unbetroffener Tiefe

Eine als Besprechung getarnte Eloge auf einen biedermeierlich gesehenen Gernhardt- und Hacksschüler mit vielen Zitaten und einem Ausblick auf die Lyrikszene:

Auch Freunden schwermütigerer Reimlos-Lyrik mit Betroffenheitsgarantie, die in diesem Leben vielleicht nicht mehr zu Droste bekehrt werden, sei im Übrigen zu diesem Buch geraten, denn es besitzt durchaus tragische Tiefe – jedenfalls dann, wenn der Autor die katastrophale BVB-Saison 2014/15 bedichtet: „Was Politik nicht schafft und nicht die Frau, / Dortmund kann das, es färbt das Resthaar grau.“ / Wieland Schwanebeck, literaturkritik.de

Wiglaf Droste: Wasabi dir nur getan? Gedichte.
Verlag Antje Kunstmann, München 2015.
127 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783888977046

reinzeichnung

Die Wahl des Gedichtbandtitels ist programmatisch. Das in ihm enthaltene Versprechen erinnert an den auch als Eindruckskunst bezeichneten Impressionismus. In Roloffs Gedichten wird die impressionistische „Forderung höchster Empfänglichkeit, differenziertester, hingebungsvollster Aufnahmefähigkeit“ (Luise Thon) von Eindrücken sicherlich eingelöst. Doch geht es ihm nicht so sehr um die passive, Aufnahmefähigkeit bedingende Grundhaltung des wahrnehmenden Subjekts, sondern um den Augenblick, in dem sich seine Aufnahmefähigkeit erschöpft: „dass dies gestorbensein so / aus dem schatten springt // aus dieser röntgenmaske / dem dreifaltigen flipchart // hat mich aus dem tritt gebracht / als du dich hinknietest / hörte ich auf genauer hinzusehen“. Ihm geht es um die Voraussetzung des Schreibens schlechthin: Erst bei Überreizung und Rhythmusverlust, nämlich dann, wenn man von gewissen Eindrücken erschlagen wird und aus dem Tritt kommt und wenn das wahrnehmende Bewusstsein zu einem vollen Aura- und Inspirationsspeicher wird, so dass man nicht mehr genauer hinsehen muss, wird Schreiben möglich. / Alexandru Bulucz, Park. Zeitschrift für neue Literatur, Heft 68, Dezember 2015, S. 108f.

Poetopie

was für ein Klima herrscht wohl unter den Teilnehmern der Pariser Klimakonferenz?

Hansjürgen Bulkowski

Ehrung

Vietnam gab eine Briefmarke zum 250. Geburtstag des Dichters Nguyên Du (1765-1820) heraus. Der Dichter, der unter den Namen Tô Nhu und Thanh Hiên publizierte, ist Autor des Romans „Truyên Kiêu“ oder „Kim Vân Kiêu“. Der Roman ist in 3.254 Versen in der traditionellen Lục-bát-Versform (6-8 Füße) geschrieben und erzählt das Leben einer schönen und talentierten jungen Frau, die ihre Liebe opfern muß, um ihre Familie zu retten. / vietnamplus

Poet laureate von Kalifornien

Gouverneur Jerry Brown ernannte den Dichter Dana Gioia zum Poet laureate von Kalifornien. Die Institution des Poet laureate (Wörtlich „Gekrönter Dichter“, in den USA so etwas wie Staats-, Bundesstaatsdichter) in Kalifornien wurde 2001 begründet, um die Wertschätzung für Dichtung im Land zu fördern. Während seiner zweijährigen Amtszeit wird Gioia öffentliche Lesungen in Klassenzimmern und andernorts halten.

Eins seiner persönlichsten Werke mit Kalifornien-Bezug ist “Being a California Poet”  („Kalifornischer Dichter sein“), in dem er das Paradoxe an der reichen Mischung von Einwanderersprachen und -kulturen in Kalifornien erkundet.

Sein neuster Gedichtband heißt 99 Poems: New & Selected, er wird im März erscheinen. / Andrew Good, USC News

Sinn

Andererseits wird Sinn überschätzt. 2 zufällig nebeneinander gelesene Zitate:

… allerdings sind ihre Texte nicht simulierter Nicht-Sinn, sondern Proteste gegen die Verfälschung von Wirklichkeit durch eine sinnentleerte Sprache (FAZ, siehe die beiden vorangegangenen Nachrichten hier).

Der interessante, freche Mix an zeitgeistigen Themen, Problemen und Sprachebenen. Schikaneders „Zauberflöte“ war so ein Mix, eine Art Musical wie die „Horror Picture Show“ fast zweihundert Jahre später. Goethe flog auf den gekonnten Wiener Klamauk rein, ahnte Tiefen, die er einfach selber konstruierte. / Ulrich Bergmann, KuNo

Aber war es so nicht überhaupt? Wie groß ist der Unterschied zwischen Schikaneders Klamauk und Goethes Faust (in dem mehr Klamauk und offener Nonsense steckt als in der Zauberflöte)? Wenn größere und kleinere Menschengruppen übereinkommen, Tiefsinn hinein- und wieder herauszulesen, wenn ganze Berufsgruppen und Medien davon leben, Interpretationen zu produzieren und zu verbreiten … dann ist der Sinn real, und nur Kinder, Betrunkene und Dissidenten halten den Kaiser für nackt.

„Krieg heißt jetzt Friedenssicherung“

Wie Flarf-Poeten und doch anders gehen auch Kai Pohl und Clemens Schittko vor, die auf meine Anfrage bei fixpoetry.com mit Hinweisen in eigener Sache reagierten. Interessant finde ich ihre Anthologie serieller Texte „my degeneration. the very best of WHO IS WHO“, die im freiraum-Verlag vorliegt. Das titelgebende sprachkritische Listengedicht „WHO IS WHO“ basiert auf Suchmaschinenergebnissen, die per Cut-up und Montagetechniken miteinander kombiniert wurden: „Krieg heißt jetzt Friedenssicherung, Angriffskrieg heißt jetzt Verteidigung vitaler Interessen, Destroy heißt jetzt Erase.“ Die Haltung der Berliner Kompilatoren ist ebenso unprätentiös wie die der Flarf-Poeten; allerdings sind ihre Texte nicht simulierter Nicht-Sinn, sondern Proteste gegen die Verfälschung von Wirklichkeit durch eine sinnentleerte Sprache. / Elke Heinemann, FAZ.net

Nachzutragen die erwähnten Bücher:

„Genuin digital“

Die genuine Digitalpoesie unserer Tage, die zur Medienkunst zählt, nutzt Sprache als reines, vom Semantischen losgelöstes Material für akustisch-visuelle Installationen und Online-Experimente. Ist aber die genuine Lyrik unserer Tage, die mit Permutationen und Kombinationen immerhin mathematischen Verfahren folgt, völlig frei von digitalen Einflüssen? Das habe ich mich gefragt und diese Frage an deutschsprachige Lyrikportale weitergegeben. Die zahlreichen ausführlichen Antworten, von denen ich hier aus Platzgründen nur einige auszugsweise zitieren kann, könnten glatt den Grundstock einer germanistischen Dissertation bilden.

Schreibt Elke Heinemann in der FAZ (jetzt auch online). Und gibt damit glatt ein Beispiel für Chancen und Gefahren digitaler Kommunikation. Bei der analogen (sich selektiv digital präsentierenden) Zeitung bündelt Fachfrau für Diskurs Brocken und Bröckchen aus „zahlreichen ausführlichen Antworten“ zu einem Feuilletonartikel. In der germanistischen Dissertation dann bündelt Fachmann noch mehr Material zu einer 250seitigen Facharbeit, die, von den Gutachtern gelesen, ihm einen akademischen Titel einbringt und später von anderen Spezialistinnen zitiert (manchmal auch nur bibliographiert) wird.

Ein digitales Medium könnte das gesamte Material vernetzt präsentieren, mit einem oder mehreren Kommentaren versehen und der selektiven Benutzung des Publikums überlassen. Ein (utopisches) Kommunikations-und Wissensmodell ohne einschränkende Regularien, bei dem es „nicht darum [geht], zu zeigen, wie tiefgründig oder klug Texte sein können*, sondern darum, inwieweit die Diskurse von Ärzten, Wissenschaftlern, Romanciers[, Lyrikern, Kritikern] und anderen die Sachverhalte, die sie zu analysieren vorgeben, erst schaffen.“** Aber wer will das schon?

Die Besprechung für den Leser hinter den großen Zeitungsseiten endet mit einem Zitat, das Neugier weckt:

Ich schließe mich hier dem Herausgeberteam des Lyrikportals karawa.net an, das mir schreibt: „Wenn der Begriff des ,Digitalen‘ Konsens für ein fortschrittliches Literaturverständnis zu werden droht, ist es selbstredend poetische Pflicht, ihn als solchen zu sabotieren.“

Ein guter Gedanke. Und schwupp! vom Feuilleton vereinnahmt. Ich wüßte zu gern, was das Herausgeberteam (aktuell Konstantin Ames / Sonja vom Brocke / Richard Duraj / Mara Genschel / Norbert Lange / Léonce W. Lupette) außer dem einen Satz noch geschrieben hat. Vielleicht gibt uns die Zeitung ja in 4 Wochen weitere Bröckchen.

*) die zu besprechenden Texte und nicht zu vergessen die Besprechung selber

**) Jonathan Culler: Literaturtheorie. Eine [sehr] kurze Einführung. Stuttgart: Reclam, 2002, S. 26

Der Reim bei Schrott

Die Form ist herb, eigenwillig und verdankt sich vor allem Schrotts Umgang mit dem Reim. Der gängigen Reimlosigkeit des modernen Gedichts schließt er sich nicht an, doch ebenso scheiden die eingängigen metrisch-strophischen Muster des 18. und 19.Jahrhunderts aus. Schrott kehrt in eine ältere Zeit zurück, das 16. Jahrhundert oder noch früher, als es den Druckakzent noch nicht gab und der füllungsfreie Knittelvers blühte, den man später zu Unrecht als kunstlos geschmäht hat. Deshalb, und weil das Schema frei gehandhabt ist, merkt man relativ spät, dass hier überhaupt Reime vorliegen – und auch, weil Schrott unbedenklich Wörter mit Doppelhebung reimt, die der populäre Geschmack als unreimbar ansieht, Wörter wie „ábbúcht“, „sélbstláut“, „weíhnácht“. Der Reim wirkt bei Schrott vor allem als gewolltes Hemmnis, das er der Beliebigkeit einerseits des gänzlich Formlosen, andererseits der allzu leicht gelingenden Form entgegenstellt. Hier liegt der unverwechselbare Kern des Werks. Es schadet wenig, wenn sich darum ein Kranz von Liebes-, Reise- und Gelegenheitsgedichten rankt. / Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung 5.12.

Raoul Schrott: Die Kunst an nichts zu glauben. Carl Hanser Verlag, München 2015. 168 Seiten, 17,90 Euro.

„Verrückt nach Gedichten“

Arabische Poesie ist ein Kosmos für sich. Es ist jedoch keineswegs eine verstaubte, antiquierte Welt. Denn gerade Lyrik ist das Ausdrucksmittel schlechthin für eine junge arabische Generation. Aber auch ein verbindendes Glied zwischen den Generationen. Gleichermaßen Lebenseinstellung wie Kunstform. Eine herb glitzernde Welt, die hinter die Fassade der Worte blickt, die es zu erkunden lohnt. Sofern die Texte in deutscher oder zumindest englischer Übersetzung verfügbar sind. Einen Schritt in diese Richtung hat dieser Tage der österreichische PEN-Club getan. Mit der ersten Tagung für arabische Literatur in Wien. Im Rahmen dieses Symposiums erschien auch der Gedichtband „Symphonie der Rub al-Chali“ (der arabischen Wüste). Er enthält deutsche Übersetzungen von Gedichten junger Poetinnen und Poeten aus der Golfregion – aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und dem Oman.

(…)

Die junge Dichterin Shaikha Bin Jassim etwa nutzt soziale Medien, um Freunde an ihren Gedichten teilhaben zu lassen. Sie hat bereits einige Lyrikbände veröffentlicht und mehrere Preise dafür bekommen. Für die Bibliothekarin aus den Emiraten ist Literatur wie eine tägliche Mahlzeit: „Man braucht etwas für die Seele und unsere Seele ist Poesie.“ Die Gedichte der jungen Frau mit den wachen, melancholischen Augen kreisen um das Menschsein, die Liebe. Es ist für sie eine Möglichkeit, etwas in einer andren Sprache zu sagen. In der der Poesie.

In ihrer Heimat sei man „verrückt nach Gedichten“, Literatur ein integraler Bestandteil des Lebens, keineswegs einer Bildungselite vorenthalten. Der Scheich von Schardscha etwa, einem der sieben Emirate, hat jedem Haushalt eine Bibliothek mit 50 Büchern gestiftet. Inklusive Regal. / Judith Belfkih, Wiener Zeitung

„Symphonie der Rub al-Chali“, 14,80
edition pen im Löcker Verlag

Vom Himmel hoch

da kommt Robert Gernhardt und bespricht die Anthologie „Lyrik von jetzt drei“:

Es dominieren die freien Rhythmen, teilweise im freien Fall. Auch auf semantischer Ebene erinnert mancher Metaphernsalat weniger an Gedichte als an poetisches Packpapier, frei nach dem schönen Satz von mir: Morgens um zehn habe ich schon drei Celans geschrieben, aber noch keinen einzigen Brecht.

Auch sonst nur Gutes:

Die Überraschung von „Lyrik von Jetzt 3“ ist, dass ausgerechnet aus den Reihen der Novizen ohne lange Publikationsliste die interessantesten Beiträge kommen. Frieda Paris‘ kleine Serie über die Klosterschule Wald beispielsweise gehört zu den gelungensten Versen des Buches:

fünf Jahre verbracht in einem Schutz-
Gebiet dem alles Wilde ausgetrieben
bis auf ein paar jungen Rehen das Ora et Labora
eingebläut der Traum: diesen Hort verlassen
bleibt unausgepackt im Koffer
A wie Ausbildung und Abitur
vom Ortsabgang an kannten die Mädchen
nichts als Falten:
Rock-, Stirn-, Tischdecken-, Hände-

/ Deutschlandradio

Max Czollek, Michael Fehr, Robert Prosser (Hg.): Lyrik von Jetzt 3 / Babelsprech,
Wallstein Verlag, Göttingen 2015, 360 Seiten, 19,90 Euro

Weitere Stimmen:

„Lyrik von Jetzt“, die dritte Staffel: Eine Anthologie überwindet die letzten Grenzen des Gedichts. Tom Schulz in Die Welt