Twitteratur

Technische Neuerungen sind immer auch eine Chance für scheinbar überholte literarische Formen. Bisher bilden die kleinen Formen in jeder Systematik der Literaturwissenschaft neben Epik, Lyrik und Dramatik mit unterschiedlichen Bezeichnungen eine Randgruppe: Epigramm, Sprichwort, Prosagedicht, Kürzestgeschichte und selbstverständlich der Aphorismus. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist der althergebrachte Aphorismus in Form des Mikroblogging eine auflebende Form. Bestand die Modernität dieser Notate bisher in ihrer Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne. Es ist Twitteratur. Der in der Schwebe gelassene Sinn, die Produktion von Ambiguität – was für Roland Barthes Brecht im Theater geleistet hat, indem er die Sinnfrage zwischen Bühne und Zuschauerraum neu verteilte – findet sich in dieser Kunstform wieder. Wir stellen in dieser Twitteratur-Anthologie unterschiedliche Statements von und über Anja Wurm, Franz Kafka, Ulrich Bergmann, Karl Kraus, HEL, Karl Feldkamp, Jesko Hagen, Michel de Montaigne, A.J. Weigoni, Sophie Reyer, Tamara Kudryavtseva, Tom de Toys, Francisca Ricinski, Joanna Lisiak, Angelika Janz, Michael Gratz, Holger Benkel, sowie Haimo Hieronymus, Peter Meilchen und ein fulminates Nachwort von Denis Ulrich vor. Die Autoren bestehen in ihren Ausführungen darauf, daß auch eine alte Kunstform die neue Wirklichkeit entlarvend aufschließen kann. / mehr: Twitteratur, ein vorläufiges Resüme. Von

Empfehlungsliste

In der New York Times erklärt David Orr den Sinn von Listen:

Die in einem Kalenderjahr erscheinenden Gedichtbände nehmen gewöhnlich 18 Kubikfuß Raum ein, das entspricht etwa dem Fassungsvermögen eines durchschnittlichen Kühlschranks. Aber wenn man Literaturkritiker ist, kann man es sich wahrscheinlich nicht leisten, über längere Zeit jährlich das Volumen eines wichtigen Haushaltsgeräts einzubüßen. Deshalb muß man bis Ende Dezember entscheiden, was man wegwirft und was man behält.

Er beruft sich auf die Politik der New York Times, wonach keine Bücher von Freunden,Verwandten, Kollegen usw. aufgenommen werden. Außerdem habe er Bücher von Dichtern bevorzugt, über die er in den letzten Jahren nicht geschrieben hat.

Seine Liste empfehlenswerter Bücher des Jahres 2015 hat nur eine Überschneidung mit dieser Liste des Kansas City Star (keine Häme, zwei Listen sind besser als eine): 

  • Mary Jo Bang, “The Last Two Seconds.”

Die anderen Titel:

  • Christopher Gilbert, “Turning Into Dwelling.”
  • Linda Gregerson, “Prodigal: New and Selected Poems, 1976-2014.”
  • Marilyn Hacker, “A Stranger’s Mirror: New and Selected Poems, 1994-2014.”
  • Devin Johnston, “Far-Fetched.”
  • Troy Jollimore, “Syllabus of Errors.”
  • Robin Coste Lewis, “Voyage of the Sable Venus.”
  • Ada Limón, “Bright Dead Things.”
  • Cate Marvin, “Oracle.”
  • Lawrence Raab, “Mistaking Each Other for Ghosts.”

Absturz der Nationalkultur

Am 5. Dezember 1965 schreibt Kulturredakteur Klaus Höpcke im SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ bildkräftig  über die „Drahtharfe“:

„Was Wunder, dass Biermann in einem (…) Gedicht davon faselt, die Partei der Arbeiterklasse hacke sich die Füße ab. In Wirklichkeit handelt es sich um die tönernen Füße des Skeptizismus des Herrn Biermann. Er zerhackt die Verbindungen mit dem Volke, die Verbindungen mit der Partei. Er greift auch in den Draht seiner Harfe, um gehässige Strophen gegen unseren antifaschistischen Schutzwall und unsere Grenzsoldaten erklingen zu lassen. (…) Ist es etwa Zufall, dass solche Verse ausgerechnet in Westberlin gedruckt werden?

Nein, natürlich nicht. Ich nehme an, in Ostberlin warn keine Kapazitäten frei.

Ein anderer Literaturkritiker war der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle, Horst Sindermann:

Könnte ein Volk den Absturz vertragen von Goethes ‚Edel sei der Mensch, hilfreich und gut‘ zu Biermanns Reimerei ‚Es war einmal ein Mann, der trat in einen Scheißhaufen‘.

Der Reim war mir gar nicht aufgefallen. Mir fehlte der Klassenstandpunkt. Unser Lehrer erklärte: „Es kann nicht sein, daß ein junger Dichter dichtet: ‚Es war einmal ein Mann, der trat in einen Scheißhaufen‘.“ Okay, das war auch die einzige Zeile, die er kannte. Literaturkritiker Sindermann erklärt die Nationalkultur, auch er bildkräftig, wieder anhand der Zeile mit dem Scheißhaufen:

Bei einem solch geistigen Absturz muss sich eine humanistische Nationalkultur den Hals brechen. Unweigerlich. Was aber ist an Biermann zu verunglimpfen, was er nicht selbst schon längst verunglimpft hätte. Angeblich haben wir seine Seele, die er als die Seele Francois Villon deklariert, auf der Mauer um Westberlin erschossen. Was legt er seine Seele zwischen Sozialismus und Imperialismus? Warum leidet seine Seele so großen Kummer? Nur weil wir drei imperialistische Armeen in Westberlin eingemauert haben, damit sie hier nicht das gleiche machen können, wie in Vietnam?“

Biermann rächte sich ruchlos:

Ach Sindermann, Du blinder Mann / Du richtest nur noch Schaden an / Du liegst nicht schief, Du liegst schon quer / Du machst mich populär

Der Westberliner Verleger Klaus Wagenbach 1993 im Interview:

„Nach der Veröffentlichung von Biermann kam ja der berühmte junge Journalist Höpcke und hat mir dieses unsittliche Angebot gemacht: Wenn Sie Biermann nicht weiterdrucken, können Sie die Lizenzen haben von allen DDR-Autoren die Sie haben wollen. Silvester 1965. Da ich das nicht gemacht habe, kriegte ich nicht nur die Lizenzen nicht, sondern ich kriegte auch ein Einreiseverbot und ein Durchreiseverbot. Das heißt, die Mauer drückte sich wirklich ein dreiviertel Jahr nach Verlagsgründung bei mir so aus, dass ich hier nur noch mit dem Flieger rauskam.“

Zitate aus Deutschlandfunk

Biermann, Wolf: Die Drahtharfe – Balladen, Gedichte, Lieder
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1965

Ich – Dylan – Ich

Seelenverwandschaft, Wahlverwandschaft – Peter Wawerzinek schreibt über den großen walisischen Dichter Dylan Thomas, und schreibt dabei auch über sich selbst: „Ich – Dylan – Ich“ / BR

Last minute

Und warum keinen Gedichtband zu Weihnachten schenken? Ein bißchen Schönheit in dieser finstren Welt?

Et pourquoi pas un livre de poésie comme cadeau de Noël ? Un peu de beauté dans ce monde plutôt sinistre. Le poète-écrivain Pierre Thiollière vient de sortir un livre de poèmes «La vie pourtant… Poèmes pour un siècle nouveau». / La dépêche

12 Sätze

Ein böser Streit zweier Dichter, die ich bewundere (beide auch im polemischen Zugriff, wenn auch vielleicht nicht in jeder polemischen Windung) zuckt durch die Szene. Ich widerstehe der Versuchung, was auch immer „bezeichnende“ Stellen herauszupicken, sondern zitiere jeweils die ersten vier Sätze in umgekehrt chronologischer Folge.*

Ann Cotten: Antwort auf Gerhard Falkner
In: lyrikkritik.de

Lieber Gerhard,

einen bestürzenden Knäuel Gekränktheit hast du jetzt ausgespuckt zwei Jahre nach dem Aufsatz über ein paar Gedichte von dir in Text und Kritik, den ich auf deine Anfrage hin über dich schrieb im dich ehrenden Band. Inzwischen habe ich deine Ignatien getreulich übersetzt, die in Manfred Rothenbergers starfruit press erschienen, mit im Grunde der selben relativ gleichmütigen Haltung, die ich dir gegenüber allgemein hege. Auf der Ebene, wo du dich hier bewegst, möchte ich mich nicht aufhalten. Gehässiges Geschnatter, seniles Getue.

Gerhard Falkner: Ann Cottens Schwuppdiwuppismus
Antwort auf Ann Cottens Beitrag: Katachresen.
Beobachtungen an Gedichten von Gerhard Falkner | Text + Kritik. In: Poetenladen

Um erst gar keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen, ich liebe Ann Cotten; (als Autorin). Jeden­falls hin und wieder. Ich würde auch mit ihr ins Bett gehen, wenn das dazu beitragen würde, ihre aber­witzigen Speku­lationen über meine Sexualität zu über­winden.

Aber gerade, weil ich sie als Dichterin zu den doch gegenwärtig Interessanten zähle, möchte ich ihren – gern diskutierten und zitier­ten – Beitrag im kürzlich erschie­nenen Text + Kritik-Heft über „mein Werk“ einem kritischen Blick unterziehen.

Ann Cotten: Katachresen
– Beobachtungen an Gedichten von Gerhard Falkner. –
In: Text+Kritik. Heft 198. Gerhard Falkner, edition text + kritik, April 2013. Auszug bei Planet Lyrik

Vermutlich bin ich die jüngste Falkner-Leserin in diesem Band. Davon darf man sich mit Fug einen frischen und, sage ich Ihnen, unvoreingenommenen Blick auf die Gedichte von Gerhard Falkner versprechen. Im Folgenden habe ich einige ,Patentmethoden‘ des Autors, die mich interessieren, zu benennen und anschaulich zu machen versucht. Diese – die Zotenpointe, das Husarenstück und die fickende Uhr – erscheinen eingebettet in ein Weltmodell, das mich diese Gedichte erahnen lassen.

*) Ich beschloß das mit den vier Sätzen nach ratlos-verstörtem (Wieder-)Lesen der Texte, ohne mich in dem Moment an diese jeweiligen Sätze zu erinnern, erschrak dann als ich das Ergebnis sah – aber ich bleibe jetzt dabei. Der Einstieg in einen Text repräsentiert diesen ja schon, wenn auch wohl meist nicht metaphorisch (im Sinne von Jakobsons Unterscheidung von Metapher und Metonymie).

In Gott

STANDARD: Lassen Sie mich unser Gespräch mit Goethe beginnen. „Wenn Islam Ergebenheit in Gottes Willen heißt, / In Islam leben und sterben wir alle …“, schrieb er im „West-östlichen Divan“.* Stimmen Sie ihm zu?

Ahmad Milad Karimi: Voll und ganz. Ich lebe, was Goethe dichtete. Diese Hingabe in Gott befreit mich als Mensch. / Der Standard

*) Genauer gesagt:

Närrisch, daß jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam Gott ergeben heißt,
In Islam leben und sterben wir alle.

(Aus dem Hikmet Nameh. Buch der Sprüche)

Best poetry books of 2015

▪ “Conflict Resolution for Holy Beings,” by Joy Harjo (Norton). … She is a member of the Muscogee Creek Nation of Oklahoma and uses her heritage to prove poetry transcends despair.

▪ “Felicity,” by Mary Oliver (Penguin). …

▪ “How to Be Drawn,” by Terrance Hayes (Penguin). African-American legacies underpin this book that is as broad, deep and swift as the Mississippi. The poet’s online notes include songs, books, photographs, newspapers and videos.

▪ “The Last Two Seconds,” by Mary Jo Bang (Graywolf). …

▪ “Memories,” by Lang Leav (Andrews McMeel). …

▪ “My Secret Wars of 1984,” by Dennis Etzel Jr. (Blazevox). … He mixes 1984 texts from Marvel comics, Ronald Reagan, feminist writings and George Orwell.

▪ “Report to the Department of the Interior: Poems,” by Diane Glancy (University of New Mexico Press). Glancy’s versified history, or docu-poetry, stretches from the first Native American prison school to Red Lake Reservation shootings of 2005.

▪ “Scattered at Sea,” by Amy Gerstler (Penguin). … Gerstler shows what to do with gazillions of factoids accumulating in the age of the Internet. She collages them in exuberant verse scrapbooks.

▪ “A Small Story About the Sky,” by Alberto Rios (Copper Canyon Press). The first poet laureate of Arizona writes lyrical works about the Mexico-United States border. …

▪ “Twelve Clocks,” by Julie Sophia Paegle (University of Arizona Press). …

▪ “War of the Foxes,” by Richard Siken (Copper Canyon Press). …

/ The Kansas City Star

abgelehnt

liebe katja horn, kai pohl, clemens schittko, kristin schulz (redaktion des »schwarzbuchs der lyrik«),

könnte ein modell sein: autorinnen und autoren, die für eine anthologie texte einreichen und nicht dafür ausgewählt werden, in selbiger aufzulisten, eine art negativ-impressum. da überlegt es sich die/der eine oder andere noch einmal gut, ob sie/er wirklich einreichen will, und so sparen sich die herausgeber die mühe, viel überflüssiges zeug lesen zu müssen. ließe sich auf wettbewerbe erweitern. dumm nur: Ihr müsst das vorher ankündigen, sonst funktioniert der trick nicht. so blieb Euch keine einsendung erspart und Ihr habt obendrein papier für das abdrucken belangloser begleitschreiben verschwenden müssen.

anders gesagt: ich wäre gerne gefragt worden, ob ich mit dem abdruck meiner e-mail im »schwarzbuch der lyrik« einverstanden bin. nein, bin ich nicht.

es wundert mich, dass Ihr so wenig auf persönlichkeitsrecht und datenschutz achtet. und bitte sagt nicht, dass die wiedergabe der initialen statt des vollen namens im sehr überschaubaren kontext der zeitgenössischen deutschsprachigen lyrik als ernstzunehmende anonymisierung anzusehen sei.

blöd gelaufen, leider in erster linie für mich. was tun? die stelle schwärzen wäre eine option, die dem buchtitel eine neue bedeutungsebene hinzufügen würde, aber die meisten exemplare werden ja längst draußen sein. eine flasche guten weins würde mich wahrscheinlich versöhnlicher stimmen, wenn Ihr mir versprecht, meine privatadresse nicht im nächsten schwarzbuch zu veröffentlichen.

beste grüße
àxel sanjosé (à.s.)

Gestorben

„Meine Stadt ist kein Knüller in Reisekatalogen“ hieß ihr bekanntestes Gedicht und eines ihrer Bücher. Gemeint war Gelsenkirchen – dort ist Poetin Ilse Kibgis geboren und in der vergangenen Woche im Alter von 87 Jahren nach schwerer Krankheit auch gestorben. Als Arbeiterdichterin war sie eine der Letzten ihrer Art. / Münsterland Zeitung

D/O Poeticon#3: Schönheit | Geschlecht

mit Crauss und Swantje Lichtenstein — plus Ricardo Domeneck

22.12., 20:00 Uhr
Ausland
Lychener Strasse 60, 10437 Berlin

http://ausland-berlin.de/do-poeticon3-schonheit-und-geschlecht

Diskussion mit Crauss. und Swantje Lichtenstein

Als Gesprächsgast: Ricardo Domeneck
Moderation: Asmus Trautsch

Geöffnet ab 20:00 Uhr, Beginn 20:30 Uhr | Eintritt 5 EUR

Der dritte Abend in der Reihe D/O Poeticon ist terminlich von sehr vorweihnachtlichem Gepräge, thematisch aber eher zeitlos – und das heißt hier sicher auch: abendsprengend – angelegt: Ausgehend von den Essays „Geschlecht. Schlagen vom Schlage des Gedichts“ (2013) und „Schönheit. Simultanabschweifung mit Grimm“ (2014), die sie in der Edition Poeticon (beim Verlagshaus Berlin) veröffentlicht haben, diskutieren Crauss. und Swantje Lichtenstein im reichlich weiten Spannungsfeld zwischen den beiden titelgebenden Begriffen; zusammen mit einem weiteren Gesrächsgast, moderiert vom Herausgeber der Edition Asmus Trautsch und gemeinsam mit allen in der für Einwürfe und Interventionen stets offenen Runde!

Crauss., *1971, lebt in Siegen. Dozent für Rhetorik und Kreatives Schreiben, Werbetexter, Postsortierer, Museumstänzer, Redakteur der Kritischen Ausgabe (Bonn). Zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien. Zuletzt erschienen von ihm unter anderem „Lakritzvergiftung“ (2011), „Schönheit des Wassers“ (2013) und der Poeticon-Band „Schönheit. Simultanabschweifung mit Grimm“ (2014, alle im Verlagshaus Berlin).
www.crauss.de

Swantje Lichtenstein, *1970 in Tübingen, ist Autorin, Künstlerin, Hochschullehrerin und lebt in Köln. Zuletzt erschienen von ihr unter anderen die Bücher „turtle dreams“ (2015, zus. mit Maria Schleiner), „Kommentararten“ (2015) und der Poeticon-Titel „Geschlecht. Schlagen vom Schlage des Gedichts“ (2013).
swantjelichtenstein.de

Mit der Edition Poeticon hat das Verlagshaus Berlin 2013 eine Buchreihe mit Essays zur Lyriktheorie und Poetologie eröffnet, in denen Dichterinnen und Dichter jeweils ein titelgebendes Thema verhandeln: Ein Forum zum Nach-, Um- und Weiterdenken von Fragen und Problemstellungen der zeitgenössischen Lyrik, auch in ihrem Verhältnis zu anderen Künsten und Diskursen. „Lyrik im ausland“ und Asmus Trautsch begleiten diese Auseinandersetzung mit dem Format D/O Poeticon: Jenseits von Buchvorstellung oder bloßer Lesung sind einzelne oder mehrere Bände der Edition Ausgangs- und Reibungspunkt der gemeinsamen Diskussion zwischen den Autor*innen, ihren Gesprächspartnern und dem Publikum. Alle, die an diesem offenen Format gerne teilnehmen, die mitargumentieren, -streiten oder einfach nur zuhören möchten, sind herzlich willkommen – die spontane Diskussion im Plenum ist Programm…

Ricardo Domeneck, *1977 in São Paulo, gehört zu den aufregendsten Stimmen Lateinamerikas, und ist als Repräsentant einer neuen brasilianischen Lyrik, die Lesung und Performance verbindet, Gast an Orten wie dem Museum of Modern Art in Rio de Janeiro und dem Reina Sofia Museum, Madrid. Bei Veranstaltungen las und diskutierte er mit Autoren wie Wole Soyinka, Tomaž Šalamun und Yang Lian.
Er veröffentlichte fünf Gedichtbände, außerdem Rezensionen und Übersetzungen (Hans Arp, HC Artmann, Thomas Brasch, Jack Spicer, Frank O‘Hara, etc.) in brasilianischen Zeitschriften und Zeitungen. Seine Gedichte wurden in Anthologien, u. a. in Deutschland, USA, Belgien, Spanien und Argentinien, übersetzt und publiziert.Seit 2002 lebt Domeneck in Berlin.
https://en.wikipedia.org/wiki/Ricardo_Domeneck

Das Stalin-Epigramm („Ich habe nichts gehört, und Sie haben nichts rezitiert“)

Nicht jedem gefällt der Lubjankajargon. Der Fernsehsender Doshd veröffentlicht auf seiner Facebookseite ein Foto, das Stalins „Sicherheitsorgane“ von dem Häftling Mandelstam machten, und das Gedicht, das zur ersten Verhaftung des Dichters führte, das sogenannte „Stalin-Epigramm“. Es ist die kürzere Version von 16 Zeilen – von dem Text gibt es eine schärfere Variante mit zwei zusätzlichen Zeilen, die Mandelstams Frau Nadeshda im Gedächtnis aufbewahrt hat.

Häftling Mandelstam
Häftling Mandelstam

Мы живём, под собою не чуя страны,
Наши речи за десять шагов не слышны,
А где хватит на полразговорца,
Там припомнят кремлёвского горца.
Его толстые пальцы, как черви, жирны,
А слова, как пудовые гири, верны,
Тараканьи смеются усища,
И сияют его голенища.

А вокруг него сброд тонкошеих вождей,
Он играет услугами полулюдей.
Кто свистит, кто мяучит, кто хнычет,
Он один лишь бабачит и тычет,
Как подкову, кует за указом указ:
Кому в пах, кому в лоб, кому в бровь, кому в глаз.
Что ни казнь у него – то малина
И широкая грудь осетина.

Hier die ersten beiden Verse in verschiedenen Varianten und anschließend die Verse 5-8 der längeren Fassung in der Übersetzung Ralph Dutlis (die ersten zwei davon fehlen in den meisten Übersetzungen).

Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,

(Kurt Lhotzky)

Und wir leben, doch die Füße, sie spüren keinen Grund,
Auf zehn Schritt nicht mehr hörbar, was er spricht, unser Mund,

(Ralph Dutli)

Our lives no longer feel ground under them
At ten paces you can’t hear our words.

(Clarence Brown and W. S. Merwin)

We live without feeling the country beneath us,
our speech at ten paces inaudible,

(David McDufff)

We live, deaf to the land beneath us,
Ten steps away no one hears our speeches,

(John Simkin)

Nous vivons sans sentir sous nos pieds de pays,
Et l’on ne parle plus que dans un chuchotis,

(François Kérel)

We live without feeling our country’s pulse,
We can’t hear ourselves, no one hears us,

(Ian Probstein)

Verse 5-8:

Nur zu hören vom Bergmenschen im Kreml, dem Knechter,
Vom Verderber der Seelen und Bauernabschlächter.

Seine Finger wie Maden so fett und so grau,
Seine Worte wie Zentnergewichte genau.

(Ralph Dutli)

Dutli merkt zu diesem Gedicht in dem Band „Mitternacht in Moskau. Die Moskauer Hefte“ (Ammann 1986 / S. Fischer 1990) an:

Vgl. zu diesem Gedicht die Erinnerungen der letzten Lebensgefährtin Boris Pasternaks, Olga Iwinskaja (deutsch 1978 unter dem Titel »Lara. Meine Zeit mit Pasternak«): »Ende April 1934 traf er  / Mandelstam / eines Abends Boris Leonidowitsch / Pasternak / auf dem Twerskoj-Boulevard und rezitierte ihm sein Gedicht /. . ./.  >Ich habe nichts gehört, und Sie haben nichts rezitiert<, sagte Boris Leonidowitsch. >Sie wissen, es gehen jetzt seltsame, schreckliche Dinge vor, Menschen verschwinden; ich fürchte, die Wände haben Ohren, vielleicht können auch die Pflastersteine hören und reden. Halten wir fest: Ich habe nichts gehört.< Auf die Frage, was Mandelstam zu diesem Gedicht veranlaßt habe, erklärte er, er hasse nichts so sehr wie den Faschismus, in welcher Form er auch auftrete.

PennSound link of Probstein reading this poem in Russian: MP3 
Ian Probstein über 3 englische Übersetzungen (mit Link zu weiteren Versionen)

Freie Pdf mit Übersetzungen Ilya Bernsteins ins Englische

Tag der Tschekisten

Am 20. Dezember 1917 beschloß der Rat der Volkskommissare der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik die Bildung der „Allrussischen Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution und der Sabotage“ (nach dem russischen Namen Всероссийской чрезвычайной комиссии, ВЧК „Wetscheka“ oder Tscheka genannt) unter Leitung von Felix Dserschinski (Feliks Dzierżyński). Dieser Tag wurde später als „Tag der Tschekisten“ (so der inoffizielle Name) begangen. 1995 benannte Boris Jelzin ihn in „Tag der Mitarbeiter der Sicherheitsorgane der Russischen Föderation“ um. Die „Agentur für Politische Nachrichten“ der rechtsradikalen russischen „Nationaldemokratischen Partei“ sagt es poetisch so: „Den Erben Felix Dserschinskis gratuliert der Präsident und die Meister der Kunst geben ihnen ein großes Konzert im Kreml“. Über den Feiertag sagen sie a) „In der Lubjanka nennt man ihn der Tradition gemäß Tag des Tschekisten“ und b) zwar habe Jelzin das Dekret erlassen, aber erst unter Präsident Putin werde er in gesamtrussischem Maßstab (russ. масштаб, Mas-schtab) begangen.

Genug muckraking*! In einem zweistufigen Anlauf zurück zur Normalität, aka Poesie. Hier die erste Stufe.

1981 veröffentlichte Uwe Kolbe das Gedicht „Kern meines Romans“. Hier die vierte Strophe:

Einsicht Umweg Reime Ergebnis Maß
Hochachtung Ehre Lob Demut Edelmut Nutzen Tadel Unsicherheit Mut
Dank Erziehung Nachsicht
Offenbarung Pathos Frieden Erscheinung Reinheit Nichts
Weg Irrtum Droge Mahnmal Erklären
Ideal Cäsur Haltlose
Eines Ich Norm Einfaches Natur
Opfer Rasen Genick Arche Suche Musik Unwirsch Schwanz

Mit Gedichten kann man vielerlei tun. Sie lesen, vorlesen, nicht verstehen, lesen, kopfschüttelnd weglegen, interpretieren, lesen, verstehen, zu verstehen glauben, zu verstehen behaupten, loben,kritisieren, ignorieren, denunzieren, lesen… In Haft nehmen kann man Gedichte nicht, das geht nur mit den Schreibern oder Lesern. Dieses Gedicht hat etlichen Angehörigen der Sicherheitsorgane und Funktionären auf verschiedenen Ebenen Arbeit gemacht. Als jemand nämlich (ein gebildeter Literaturwissenschaftler, nehme ich mal an) den Organen steckte, daß das Gedicht ein Palindrom ist. Liest man die Anfangsbuchstaben aller Wörter, entsteht Zeile für Zeile ein neuer Text.

*) Für heute? Schön wärs, aber kann mans vorher wissen?

Jürg Laederach 70

Aus einem Gespräch, das die NZZ mit dem Schweizer Autor und Musiker führte

Welchen Rat geben Sie einem jungen Autor, der heute zu schreiben beginnt?

Ich würde eine Doppelstrategie vorschlagen. Einerseits sehr sorgfältig lesen, was publiziert wird. Und dann, da würde ich mich selbst als Beispiel nehmen, würde ich versuchen, eine Art eigener Analytik zu entwickeln: dass man in einem eigenen Emotional- und Erkenntnis-Vokabular sieht, was man jeweils vor sich hat. Und da sollte man sich auf niemand anderen verlassen müssen. Denn es sagt einem niemand die Wahrheit. Aber zugleich sollte man, auf einer zweiten Ebene, Ratschläge holen und anderen zuhören, ohne gleich ein Heiligtum daraus zu machen.

Die Bereitschaft, komplexe Texte zu verlegen und zu lesen, hat sich drastisch verändert. Wie nehmen Sie das wahr?

Das ist so, obwohl doch auch sehr komplexe Gedichte geschrieben werden. Aber Gedichte interessieren mich unendlich weniger – da bringe ich alle Lyriker gegen mich auf, ich weiss. Ich habe unrecht, und es entgeht mir einiges, ich weiss, aber das kümmert mich nicht. Es gibt auch immer wieder erfreulich komplexe Prosa, die, durchaus nach meinem Prinzip, nicht so gigantische technische Apparate in Bewegung setzt, sondern mit gut ausgedachten Veränderungen etwas sehr Interessantes bieten kann.

Poetopie

lange bevor du geboren wurdest, hat dein Leben schon begonnen

Hansjürgen Bulkowski