Kongreß der Dichterinnen

In Amritsar im indischen Bundesstaat Kerala fand ein großes Treffen von Dichterinnen und Künstlerinnen der All-India Poetess Conference (Gesamtindischen Konferenz der Dichterinnen, AIPC) statt. Die AIPC ist eine der weltweit größten literarischen Vereinigungen.

Die Gründerin, Dr. Lari Azad, eine anerkannte Schriftstellerin und Reformerin, nahm an der Konferenz teil und teilte mit, daß die 17. internationaleAPIC-Konferenz 2017 stattfinden werde. Mehr als 150 Frauen beteiligten sich an der Veranstaltung. Zu den Höhepunkten zählten eine Lyriksession und eine Ghazal-Performance der in den USA lebenden Künstlerin Meshi Bangad. Die Organisation wurde 1999 gegründet und hat mehr als 8000 Mitglieder aus 55 Ländern, darunter den USA, Großbritannien, Südafrika und Rußland.

Dr. Azad sagte: „Unser Hauptziel ist es, an der nationalen Einheit durch Zusammenwirken unterschiedlicher Sprachen mitzuwirken. Wir unterscheiden nicht nach Sprachen, seien es regionale oder internationale. Wir wollen, daß regionale Sprachen wie Gharo, Khasi, Mizo, Gujrati oder Punjabi den nationalen Sprachen gleichgestellt sind.“ / Tribune 23.1.

Polyzentrisch

Was die deutschsprachige Lyrikszene im internationalen Vergleich so aufregend macht, ist ihre polyzentrische Vitalität. Es scheint sich weder ein dominantes Zentrum der Poesie behaupten zu können noch eine Leitästhetik durchzusetzen. Im Gegenteil: Lyrik, das ist eine Vielzahl von poetologischen Konzepten und Orten des Dichtens.

Glücklicherweise gibt es daher die zuverlässigen Wegweiser Michael Braun und Michael Buselmeier. Während Anthologien, wie das ›Jahrbuch der Lyrik 2015‹ (DVA), auf lohnenswerte neue Namen aufmerksam machen, geht es den beiden Lyrik-Lotsen aus Heidelberg in der zweiten Folge von ›Der gelbe Akrobat‹, die im renommierten Leipziger Poetenladen erscheint, um eine Schärfung der Sensoren für Lyrik.

Auf eine unüberschaubare Szene reagieren Michael Braun und Michael Buselmeier mit einer Strategie der Einordnung. Sie liefern Kontexte. Sie beschreiben Konstellationen. Sie machen scheinbar unzusammenhängende Dichtungen lesbar als Ereignisse innerhalb einer vielstimmigen Szene. In ›Der gelbe Akrobat‹ kartographieren die beiden Literaturkritiker dieses sonderbare Babylon der Stimmen und legen eine Ethnologie seiner chamäleonartigen Bewohner noch obendrauf. / Paul-Henri Campbell, mehr hier

Michael Braun · Michael Buselmeier
Der gelbe Akrobat 2
poetenladen
2016 · 18,80 Euro
ISBN: 978-3-940691-73-6

Arisch

Wenn ein Kommentator bei Facebook schreibt, „ich wünsche deinen Töchtern eine Massenvergewaltigung“, oder wenn ein anderer die Bundeskanzlerin „am Strick“ aus Deutschland zerren will, verstößt er „nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards“. Jetzt ist es offenbar Thomas Gsella gelungen, mit einem Gedicht doch dagegen zu verstoßen. Er wurde „gemeldet“ und – für ein paar stunden gesperrt. Bei Gedichten und Nippeln verstehen die keinen Spaß.

Hier das Gedicht – die Kommentare darunter erspare ich Ihnen:

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Heidelberger Shortlist

Für den Clemens Brentano Förderpreis für Literatur der Stadt Heidelberg sind in diesem Jahr vier Lyrikerinnen und Lyriker mit ihren jüngsten Veröffentlichungen nominiert: Neben der in Ladenburg lebenden Autorin Carolin Callies mit ihrem Debütband „fünf sinne & nur ein besteckkasten“ (Schöffling & Co., 2015), dem Berliner Dichter Christian Filips mit seiner Publikation „Der Scheiße-Engel“ (Verlag Peter Engstler, 2015), dem in Dresden gebürtigen und in Zürich lebenden Autor Thilo Krause mit „Um die Dinge ganz zu lassen“ (poetenladen, 2015) ist auch die   die Berlinerin Nadja Küchenmeister mit „Unter dem Wacholder“ (Schöffling & Co., 2015) auf der Shortlist vertreten.

Seit 1993 wird der mit 10.000 Euro dotierte Clemens Brentano Preis der Stadt Heidelberg jährlich im Wechsel in den Sparten Erzählung, Essay, Roman und Lyrik an deutschsprachige Autorinnen und Autoren vergeben, die mit ihren Erstlingswerken bereits die Aufmerksamkeit der Kritiker und des Lesepublikums auf sich gelenkt haben. Der Preis ist deutschlandweit einmalig, da die Jury sowohl mit professionellen Literaturkritikerinnen und -kritikern als auch mit Studierenden des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg besetzt ist.

Die Bekanntgabe der Preisträgerin oder des Preisträgers wird nach der Jurysitzung am 11. März 2016 erfolgen. Die feierliche Preisverleihung im Programm der UNESCO City of Literature Heidelberg findet im Juni statt. / Lokalmatador

Irische Shortlist

Die Shortlist des diesjährigen Irish Times Poetry Now Award wurde veröffentlicht. Der Preis soll den besten Gedichtband eines irischen Dichters im Vorjahr würdigen. Der Gewinner des mit €2,000 dotierten Preises wird am 12. März bekanntgegeben. Die 5 Titel der Shortlist:

Der Preis wird zum elften mal vergeben. Unter den bisherigen Gewinnern waren Seamus Heaney, Derek Mahon, Michael Longley, Harry Clifton, Sinéad Morrissey, Dennis O’Driscoll und Theo Dorgan, der im vorigen Jahr mit Nine Bright Shiners gewann.

In der Jury waren in diesem Jahr Colin Graham, Lia Mills und Gerard Smyth.

Radikalpoesie

Politisiert Euch könnte man in Anlehnung an das Motto eines inzwischen bekannten Berliner Verlagshauses Kai Pohls neue Arbeit übertiteln, die von den Ungeheuerlichkeiten der neoliberal geprägten kapitalistischen Gegenwart spricht, von unseren Verstrickungen darin und dem mehr oder weniger bewußten Reproduzieren entsprechender Strukturen. In schon bewährter Weise stellt sie eine Kompilation aus zum Teil abgewandelten Zitaten, Versatzstücken und persönlichen Einlassungen dar und ist auch geeignet, das Diktum gewisser Feuilletonisten, die zeitgenössische deutschsprachige und zumal junge Literatur sei belanglos, zu sehr auf sich selbst fixiert, ad absurdum zu führen.
Was Kai Pohl hier treibt, möchte ich Radikalpoesie nennen, eine Poesie der radikalen (Bild-)Schnitte und Des-illusionierung. / Jayne-Ann Igel, Signaturen

Kai Pohl: 1964 oder Das marktkonforme Schweigen der Seele des männlichen Marktsubjekts. Berlin (Distillery #42) 2015. 36 Seiten. 10,00 Euro.

Palin Poet

In 2011, Michael Solomon released a Kindle single entitled “I Hope Like Heck: The Selected Poems of Sarah Palin.” The book consisted of Palin speeches reprinted word for word but broken into poetic lines. Solomon isn’t the only one who has noticed that Palin’s much-mocked speeches make more sense if formatted as poetry. Writers for both Fusion and the Huffington Post have taken Palin’s speech endorsing Donald Trump and re-cast it as vatic verse.

Here is a fragment of Palin, with line breaks from Jason O. Gilbert of Fusion:

I Sing the Body Apoplectic

We all have a part in this, we all have a responsibility.
Looking around at all of you, you hard-working Iowa families.
You farm families! And teachers! And teamsters! And cops, and cooks!
You rockin’ rollers! And holy rollers!
All of you who work so hard,
You full-time moms!
You, with the hands that rock the cradle!
You all make the world go round,
and now,

Our cause is one!

(…) As Michael Solomon writes, “Not since Walt Whitman first heard America singing has a writer captured the hopes and dreams of her people so effortlessly—and with so many gerunds.”

Jason O. Gilbert agrees. “Many critics derided [Palin’s] speech as ‘rambling’ and ‘insane,’” he notes. “These critics are wrong. With a little proper formatting, this speech was poetry, in the tradition of Walt Whitman.” / Jeet Heer, New Republic

Jürgen Fuchs wäre jetzt 65

Der Politiker und Dichter Hans-Jürgen Döring, der ausgewählte Texte vortrug, meinte, Fuchs müsse als Desiderat literarisch noch entdeckt werden. „,Magdalena muss man lesen.“ Und Utz Rachowski scheint es, als würde Fuchs‘ literarische Bedeutung stetig wachsen. Er sei „als Literat lange unterschätzt“ worden. Es sei singulär, „wenn jemand so von unten schreibt, mit diesem plebejischen Blick der kleinen Bahnstationen“, meinte Rachowski, einen Fuchs-Essay Herta Müllers zitierend. / Michael Helbing, Thüringer Allgemeine

Wortarten – Ein Lyrikfestival präsentiert von Monika Rinck

Samstag, 6. Februar 2016

 

Um Worte soll es gehen. Als der Maler Degas während einer Abendgesellschaft darüber klagte, wie schwer ihm das Dichten falle, und das, obwohl er doch so viele Ideen habe, erging an ihn von Mallarmé, „avec douce profondeur“, der Hinweis, dass man ja auch nicht mit Ideen Gedichte mache, sondern mit Worten. Nun sind Worte aber auch nicht das blanke Gegenteil von Ideen, was sich an vielen guten Gedichten zeigen lässt, und zudem daran ersichtlich ist, dass Ideen wortlos nur schwer zu vermitteln sind.

Was aber machen die Worte? Und wie machen sie es? Bewegen die Verben, was die Präpositionen einrichten, während Adjektive sich um das Substantiv bemühen, das auf seine pronominale Ersetzung wartet? Ja, und Metapher ist auch nur ein Wort. Aber das stimmt nicht. Kein Wort ist nur ein Wort. Auch darum soll es gehen. In Lesungen und Geprächen – mit Marion Poschmann, Kerstin Preiwuß, Farhad Showghi, Sabine Scho und Martina Hefter.

Beginn: 15 Uhr, Abschlussdiskussion: 20 Uhr

Eintritt frei

Zur Facebook Veranstaltung hier

/ Spec ops network

Opferhaltung

Da wir grad bei garstig sind. Auf seiner Facebookseite kommentiert Hamed Abdel-Samad ein Video, auf dem eine Frau mit Kopftuch ein Gedicht vorträgt. Er schreibt:

Natürlich gibt es oft Diskriminierung gegen Muslime, wie es gegen Juden, Schwarze auch Diskriminierung gibt. Aber keine Gruppe beschwert sich mehr über Benachteiligung wie Muslime. Ich verstehe aber nicht warum Muslime Ereignisse wie die Silvester-Übergriffe auch nutzen um sich als die eigentlichen Opfer zu stilisieren wie die Poetin (…) das tut? Warum protestiert sie nicht gegen die Diskriminierung der muslimischen Frauen durch muslimische Männer? Warum beschwert sie sich nicht über die Diskriminierung der Andersgläubigen durch Muslime?

Zusammenfassung ihres Gedichts ist: Hallo, ich bin Muslima, vergesst die Frauen von Köln. Ich bin das eigentliche Opfer, und deutsche Männer fassen mich ständig an. Und Köln hat weder mit Ethnie noch mit Religion zu tun. Das ist ein deutsches Problem, weil ich in Deutschland nur Probleme sehe!

Die gleiche junge Poetin (wenn ich mich ans Gesicht und an die Stimme richtig erinnern kann) war bei meiner Buchpräsentation „Der islamische Faschismus“ im Gorki-Theater in Berlin und ließ die gleiche Opferhaltung auf mich los. Sie meinte meine Bücher machen ihr das Leben schwer. Ich fragte sie ob sie in Berlin mehr Probleme habe mit ihrem Kopftuch als ein Jude mit einer Kippa. Sie blieb stumm. Ich, der nur in Begleitung von 6 Polizisten auftreten durfte, nur weil meine Kritik Muslime beleidigt, mache ihr das Leben schwer? Es gibt einige junge Muslime, die eigentlich Kader der Islamverbände sind, und darauf vorbereitet werden, künftig den Ton über die Islamdebatte in den Medien zu bestimmen.

Blutiger Anschlag

Unbekannte Schützen betraten heute die Bacha-Khan-Universität in der nordpakistanischen Stadt Charsadda, nahe der afghanischen Grenze, und eröffneten das Feuer auf Studenten, die gerade zu einer Lyriklesung zum Gedenken an den Namensgeber der Universität, den Kämpfer gegen die britische Herrschaft Bacha (Badsha) Khan (um 1890-1988) versammelt waren.

Der Anführer der verbotenen Tehreek-i-Taliban Pakistan (TTP)-Geedar-Gruppe Umar Mansoor bekannte sich auf seiner Facebookseite zu dem Anschlag. Ein Sprecher der TTP widersprach ihm und verurteilte die Tat als „gegen die Scharia“ gerichtet. / Dawn

Der Guardian spricht von mindestens 30 Toten.

 

Sensers Lyrik

Armin Sensers Lyrik ist komplexer geworden, vertrackter, gedankenreicher. «Der Gedanke ist ein Liebhaber der Poesie», heisst es in dem nämlichen Aufsatzband. Wohl in keinem Band zuvor hat Senser, der immer schon zu einer diskursiven, argumentativen und bildarmen Gedankenlyrik neigte, die Schönheit des Denkens und die verständige Klarheit alles Schönen so konsequent in Verse gefasst.

Und trotzdem bewahren sich diese Gedichte den erzählerischen Gestus, den Senser in dem biografischen Versroman «Shakespeare» erprobt hatte. Elegisch und lakonisch zugleich sind nun die neuen Gedichte gestimmt. Sie atmen weit (im nicht vollends gelungenen Zyklus «Die menschliche Komödie» zum Beispiel), sie öffnen etwa in der «Kolumbianischen Serenade» mit emphatischer Anschaulichkeit einen grossen Erfahrungs- und Denkraum. Senser rekapituliert ohne Pathos, nüchtern und lakonisch biografische Reminiszenzen, er erzählt bewegend von seinem Vater, von seiner Kindheit, von frühen Versuchen mit der Malerei. Und gelegentlich erscheint dazwischen ein Bild von der Liebe, verstohlen fast. / Roman Bucheli, NZZ

Armin Senser: Liebesleben. Gedichte. Verlag Carl Hanser, München 2015. 110 S., Fr. 23.90; Priester und Ironiker. Über Literatur. Klever-Verlag, Wien 2015. 168 S., Fr. 25.40.

Das Unbehagen in der Literatur

Literarische Welt:

Sie sind in erster Linie Lyriker, Romancier erst seit Kurzem. Was ist die Rolle des Dichters in der heutigen Gesellschaft? Wer schreibt heute noch Sonette und wozu?

Ben Lerner:

Lyrik ist ein Kürzel, ein Ausdruck für das Unbehagen in der Literatur: Ist sie relevant, ist sie irrelevant? Kann sie etwas zur öffentlichen Debatte beitragen oder nicht? Und die Frage, ob es richtig ist, heute noch Lyrik zu schreiben, war von Anfang an Thema der Lyrik. Denn letztlich geht es ihr immer nur um ein Thema: Was ist Lyrik überhaupt? Lyrik ist immer selbstreferenziell. Es ist eine Form der Literatur, die nicht Marktgesetzen unterworfen ist, weil sie nicht erfolgreich sein muss. Eine Parallelgesellschaft, wenn Sie so wollen. Wenn ein Lyrikband sich ein paar Tausend Mal verkauft, ist das schon beinahe sensationell.

Kennen Sie die enzensbergersche Konstante? Sie wurde von Hans Magnus Enzensberger entdeckt, einem deutschen Lyriker, der die Mathematik liebt, und beträgt 1354. Das ist – laut Enzensberger – die Anzahl von Menschen in jeder Sprachgemeinschaft der Welt, die Gedichte liest.

Großartig! Natürlich kann niemand vom Gedichteschreiben leben, ich auch nicht. Mir macht es aber Spaß, mich in dieser Literaturgattung zu bewegen, die so unbestimmt und selbstreferenziell ist, die mit Ambivalenzen spielt, die ein Unbehagen ausdrückt.

/ Hannes Stein, Die Welt

Nachricht aus Guatemala

Wie lauten deine Programmziele für Editorial Cafeína und wie suchst du deine Autoren aus?

Die Idee ist, daß jeder guatemaltekische Autor bei uns veröffentlichen kann. Ich denke, daß die Dezentralisierung, die der verlegerische Prozeß im Landesinneren erleidet, ebenso von Bedeutung ist wie die Tatsache, daß die daraus sich entwickelnden und ergebenden Verlagsaktivitäten fern der Hauptstadt nicht nur ein kulturelles Erbe bekräftigen, sondern auch mit herkömmlichen literarischen Paradigmen brechen. Das Wichtigste ist, daß es sich um Werke handelt, die andere Lesarten anbieten und befördern und eine klare Botschaft vermitteln, daß einem bestimmten literarischen Zirkel anzugehören keine notwendige Voraussetzung darstellt, um veröffentlicht zu werden. Die Auswahl betreiben wir in einem Herausgeberrat, eine Art Filter, der dafür sorgt, daß das, was publiziert werden soll, literarische Qualität aufweist, wenngleich das relativ ist.

Gibt es in der jungen guatemaltekischen Literatur so etwas wie einen gemeinsam zu nennenden Trend? Worüber schreiben die jungen guatemaltekischen Dichter (deines Verlags) in diesen Tagen?

Es gibt eine ziemlich lange Liste junger guatemaltekischer Dichter und Schriftsteller, dazu gehören Sonia Marroquín, Alberto Arzú, Rebeca Lane, Daniela Castillo, Pep Barcárcel, Marilinda Guerrero, Vanessa Ramos, Evelyn Macario, Jhonatan Bell, Marco Valerio Reyes, Numa Dávila, José Juan Guzmán, José Alvarado, Joselin Pinto, Pablo Hernández, Julio Prado, Marlon Francisco, Gabriela Gómez, César Yumán, Carlos Orellana, Rafael Romero und viele andere, die gerade meiner Erinnerung entflohen sind, aber zweifellos existiert eine große Varietät guatemaltekischer Literatur, die mit Kraft und sehr guten literarischen Vorschlägen aufwartet und die sich deutlich von romantischen oder Nachkriegskriterien absetzt. Ich würde sagen, es handelt sich um eine Literatur, welche die literarische Sprache neu zu erfinden beabsichtigt, und die unter anderem eine eineindeutige Beziehung zwischen Schriftsteller und Leser herzustellen versucht. / Stan Lafleur im Gespräch mit dem guatemaltekischen Dichter und Verleger Rudy Alfonzo Gomez Rivas (Mehr hier)

Zwei Ansichten

Über die Anthologie Lyrik von jetzt 3 – Babelsprech

Formale Grenzen des Gedichts scheinen endgültig aufgehoben. Was auf knapp dreihundert Seiten zu lesen ist, zeigt eine Vielfalt, wie man sie so noch nicht bestaunen konnte. Waren bisher deutliche oder indirekte Anknüpfungen an tradierte Formen, an Reim und Strophe, in der zeitgenössischen Lyrik unübersehbar, so verfügen die meisten Texten kaum mehr über eine feste oder vorgegebene Struktur. Die meisten Gedichte ankern in der fortgesetzten Postmoderne. Gerade dies macht ihren Reiz aus. Es herrscht eine Tendenz zum Versatzstückhaften, zum Schreiben und Denken in zerbrochenen, nicht mehr zusammenzufügenden Teilen. Es geht nicht mehr um das Große und Ganze.

War das Gedicht vor einigen Jahrzehnten noch ein Träger von Botschaften, eine Art Kassiber, so ist es heutzutage ein stupender Kunstgriff oder ein kritisches Selbstgespräch. Es richtet sich nur noch selten emphatisch an einen Leser, eine Leserin. Das Gedicht will häufig mit sich sein, ein Fragen stellender und womöglich klärender Monolog: „Ich habe noch nie so viel Schnee gesehen / nicht so viele Landschaften so dick überfroren / kalt und eisesstill wie das Land das sich abkehrt von uns / in ein inneres Gespräch…“ – wie es bei Anja Kampmann heißt. / Tom Schulz, Die Welt 24.10.15

Zu heterogen, zu aufgesplittert das Ganze. Aber auch: Nichts wirklich Neues oder Herausragendes. Natürlich gibt es auch hier einige Stimmen, die bereits verlegt und damit etabliert sind, übliche Verdächtige wie Carolin Callies, Dagmara Kraus, Martin Piekar, Marie T. Martin. Aber ansonsten überwiegt das Gefühl, »die Nischen für Ausreifungszeiten« (Falkner) würden weniger und stattdessen nehme das »Überfischen der Jugendgewässer« (ebenfalls Falkner) deutlich zu. Da gibt es eben auch viel Beifang, der dann – zu früh an die Oberfläche geholt – halb betäubt wieder in die tückischen Strudel und Unterströmungen des lyrischen Betriebs zurückgeworfen werden muss.

Was auffällt: Die Enigmatiker sind in der Überzahl, ihre Gedichte verschließen alle Zugänge bewusst und schwingen sich stattdessen an den Lianen willkürlicher Assoziationen durch den Vokabeldschungel. Manche wirken schon visuell abweisend wie etwa die monolithischen Texttafeln von Richard Duraj, die wie Steilwände vor dem Leser aufragen und ihm keine Möglichkeit zum Einstieg bieten. Auch die heterogenen Elementarteilchen von Charlotte Warsen fliegen wirr umher, ohne sich jemals zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Die »Plugs« genannten quadratisch umlaufenden Texte von Andreas Bülhoff sehen zwar schön aus, bieten aber inhaltlich in keiner Weise eine Notwendigkeit für ihre optische Extravaganz.
Léonce W. Lupette erhebt Stammeln und Stottern zum Stilprinzip seiner hier vorgestellten Gedichte: »& sadden-su-suddenly auch in Jena-ja-jena der Jebel na Nebel die Nebel…« oder: »kein Kosen-ko-Kosen-ko-komo to-tosen die Dämpfe ent-/ krämpfe sich etwas Toskana la Thema la Therma la kontra la toz…« usw. Ein ostentativ Gassi geführtes palatales Handicap macht noch kein gutes Gedicht, möchte man gern dazwischenrufen. / Hellmuth Opitz, dasgedichtblog