100 Jahre Dada (4)

DADA ist ein Schatz, der immer neu und nicht so leicht zu heben ist. Eines seiner Freude- und Sinn-Potentiale wurzelt in der Kindlichkeit, die für den DADA-Erfinder Hugo Ball Quelle und Versprechen ist:

„Alle Träume der Kindheit sind selbstlos und gelten der Wohlfahrt und Befreiung der Menschheit. Geboren werden die Menschen allesamt als Erlöser und Könige. Aber die wenigsten vermögen sich zu behaupten, oder, wenn sie sich schon verlieren, sich wiederzufinden. Wer das Leben befreien will, muß die Träume befreien.

In der Kindheit erträumen die Menschen sich ein so selbstverständliches Ideal ihrer selbst und der Welt, daß die Erfahrung sie nachher immer enttäuschen muß. Die Berichtigung tritt unversehens ein und der Schock davon ist meistens derart, daß eine gewisse Empfindlichkeit in diesem Punkte niemals erlischt. Wer den Traumschatz der Menschen zu heben vermag, der kann ein Erlöser werden.
Zwischen Traum und Erfahrung liegen die Wunden, an denen die Menschen sterben. Hier liegen die Gräber, aus denen sie auferweckt werden.“

Da DADA diesen Traumschatz anzapfen kann, verliert DADA nie seine Zauberkraft.

Hugo Ball hat sie am eigenen Leib erfahren: In seiner berühmten Rolle als magischer Bischof verkleidet, erlebt er beim Vortrag seiner Lautgedichte die Wiederkehr seiner Kindheit: „Einen Moment lang schien mir, als tauche in meiner kubistischen Maske ein bleiches, verstörtes Jungensgesicht auf, jenes halb erschrockene, halb neugierige Gesicht eines zehnjährigen Knaben…“

Auch wenn die Auftritte der Dadaisten im Cabaret Voltaire in Bild und Ton so gut wie nicht dokumentiert sind, hat sich von diesem Auftritt Hugo Balls als magischer Bischof auf seltsame Weise das unvergessliche Foto erhalten, das heute als Ikone des Dadaismus gehandelt wird.

Hinter diesem Bild, der Ikone, verschwand allerdings für die Öffentlichkeit auch derDADA-Erfinder und die Person Hugo Balls.

Bis heute ist er einer der großen unbekannten Größen der Geistesgeschichte. Zwar liegen inzwischen sieben Bände einer beim Wallstein Verlag erscheinende Ausgabe „Sämtlicher Werke und Briefe Hugo Balls in 10 Bänden“ vor, aber bis heute gibt es keine umfassende Biografie von Hugo Ball, vergleichbar der von Bärbel Reetz vorgelegten Biografie seiner Frau „Emmy Hennings – Leben im Vielleicht.“

Erst mit der Doppelbiografie „Das Paradies war für uns. Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings.“, die  vor kurzem vorgelegt hat, ist dieses Manko ein wenig behoben. Ihre detailierte Darstellung vor allem der Geschichte der Paarbeziehung lässt deutlich werden, dass DADA nur eine Episode im Leben der Beiden war, aber eben auch mehr als „nichts“.

Zur DADA-Faszination zählt auch, dass DADA scheinbar mehr als andere Kunstfiguren zum Phantasieren, Spinntisieren, Erfinden und Verfälschen einlädt und auch seriöse Wissenschaftler dabei gerne mitspielen…

Ohne Zweifel trägt dieses Gebrummel, Gesumme und Gemurmel um DADA zu seiner Mystifikation bei – so wird es auch bleiben und auch nach den vergangenen 100 Jahren weitergehen…

Aber wer sich mehr als DADA-Klischees servieren lassen will, sollte selber lesen.

/ Karl Piberhofer, aus 100 JAHRE DADA. Ein faszinierender Schatz. Faustkultur

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