Leseecke 11

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 8-14 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

11

AS fast as thou shalt wane so fast thou grow'st,
In one of thine, from that which thou departest,
And that fresh bloud which yongly thou bestow'st,
Thou maist call thine, when thou from youth conuertest,
Herein liues wisdome, beauty, and increase,
Without this follie, age, and could decay,
If all were minded so, the times should cease,
And threescoore yeare would make the world away:
Let those whom nature hath not made for store,
Harsh, featurelesse, and rude, barrenly perrish,
Looke whom she best indow'd, she gaue the more;
Which bountious guift thou shouldst in bounty cherrish,
    She caru'd thee for her seale, and ment therby,
    Thou shouldst print more, not let that coppy die.

Einige Anmerkungen zum Text:

1 wane abnehmen

2 departest übergibst, aufgibst. Hintergrund von 1/2 ist der verbreitete Glaube, daß ein Mann durch Geschlechtsverkehr sein Leben verkürzt (wane).

2, 4 thine dir gehörend / die Deinen. „Das frische Blut, daß du in der Jugend in Gesatlt von Samen verlierst, bleibt das Deine in künftigen Nachkommen“.

3 yongly a) als du jung warst b) mit jugendlicher Kraft bestow a) geben b) Geld anlegen

when thou from youth conuertest wenn du deine Jugend hinter dir gelassen hast

7 so (wie du)

threescoore 60 year bei Shakespeare häufig Plural

9 for store zur Vermehrung. Konnotiert ist store im Sinne von Ressource, Lagerhaus

10 barrenly unfruchtbar

11 (Die Natur gibt dem viel, der schon viel hat. Wer gut ist bekommt auch eher Nachkommen.)

12 bountious großzügig

13 seale Prägestempel, Petschaft

14 coppy das zu kopierende Original. Die lateinische Wurzel copia = Fülle, Überfluß war im 16. Jahrhundert noch präsent.

Deutsche Fassung von Stefan George

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Wie fast immer „gelingt“ es Karl Kraus, alle eigentümlichen Schönheiten des Originals „so allgemein als möglich“ im pseudopoetischen Friede-Freude-Eierkuchen-Klischee seiner pathetischen Genitivformeln abzumurksen. Sein Schlußcouplet:

Als Siegel der Natur soll dir gebühren,
der Schönheit Spur unsterblich fortzuführen.

Shakespeare konkrete, anspielungsreich verzweigte Prädikate, bei denen immer ökonomische und sexuelle Subtexte mitlaufen, gerinnen zu nichtssagenden substantivischen Floskeln: „Siegel der Natur“ (für: die Natur hat dich gut ausgestattet, also benutze deine „Petschaft“ auch), „der Schönheit Spur“ (für: du sollst mehr Nachkommen zeugen, damit dein Blut erhalten bleibt). Liebe Verleger und Vermittler: bitte nicht mehr diesen Pseudo-Shakespeare!* Karl Kraus ist ein verdienstvoller Autor und Sprachkritiker, aber leider ein erbärmlicher Nachdichter.)

*) Nehmt lieber Stefan George und / oder moderne Nachdichtungen.**

**) Aber das tun die nicht. Das unanstrengend Pseudopoetische verkauft sich.

Weg in Nichtpolitisches

Der Standard sprach mit dem polnischen Lyriker Adam Zagajewski. Auszug:

STANDARD: Sie sind Dichter und Essayist. Welcher der beiden Bereiche bedeutet Ihnen mehr

Zagajewski: Fast jeder Autor, der in diesen beiden Bereichen arbeitet, würde wohl sagen: Die Poesie ist wichtiger, sie hat etwas Konzentrierteres, etwas Künstlerisches. Sicher, das Publikum dafür ist klein, aber auch heutzutage bleiben immer noch einige gute Leser. Den Essay sehe ich als eine Erweiterung der Gedichte, man kann da mehr sagen, vielleicht ist es aber auch weniger im künstlerischen Sinn. Es gab viele Lyriker, die auch intensiv Essays geschrieben haben, die zwischen der Passion und der Rationalität einen Ausgleich suchten. –

(…)

STANDARD: Kann man mit Lyrik in einem totalitären System etwas ausrichten?

Zagajewski: Es gab eine Zeit, in der das möglich war, vor allem in den späten 70er-Jahren. Wir lebten damals in einer Gesellschaft, in der das Wort nicht frei war. Das war ein Opfer, aber ein frohes, denn wir haben eine gemeinsame Sprache mit unseren Lesern gehabt. Später habe ich begriffen: Ich kann nicht mein ganzes Leben so schreiben, ich muss einen Weg in Nichtpolitisches finden.

Leseecke 4+

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Sonett 4 kommentierte Fassung
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Àxel Sanjosé hat dankenswerterweise mitgelesen und zu Sonett 4 eine Übersetzung angefertigt, die anstrebt, „die semantische dimension ein wenig mehr zu ihrem recht kommen zu lassen und dafür die formalmetrische etwas freier (…) handhabt.“ Er schreibt zu seiner Übersetzung:

wichtig war mir, dass die beiden kongruierenden hauptisotopien zum zuge kommen:

die des kaufmännisch-buchhalterischen mit besonderem fokus auf der treuhänderischen verwaltung: vnthrifty, spend, legacy, bequest, giue (3x) lend (2x), franck, free, nigard, abuse, bountious, largesse, profitles, vserer, summe (2x), traffike, deceaue, Audit, executor

die des gegensatzes von großzügigkeit und geiz, die mit der vorherigen verbunden ist, wobei ein kleines sprachlogisches paradoxon auftaucht: der verschwender (unthrifty) ist zugleich ein geizhals (nigard), was referentiell gesehen kein widerspruch ist, semantisch aber sehr wohl.

die mitschwingende sexuelle lesart bleibt durch »wendest dir selber zu« und »mit dir selber nur verkehr hast« für mein gefühl ausreichend erhalten, auch im original ist sie ja, wenn ich es richtig sehe, eine augenzwinkernde doppeldeutigkeit, die durch die narzisstische grundierung des schönheitsthemas verstärkt wird.

auf der anderen seite habe ich versucht, dem merkmal der gebundenheit rechnung zu tragen. nur eben dass ich mich nicht sklavisch an das ur-schema halte, sondern dieses »freier« übertrage (so, wie sonst die sememe zugunsten des reims »freier« gehandhabt werden). in unserem fall habe ich folgende lösung gefunden: für die fünfhebigen jamben im kreuzreim der drei quartette habe ich eine alternanz von fünf- und sechshebigen jamben mit durchgehender weiblicher kadenz gewählt. das abschließende, für das englische sonett so charakteristische couplet bekommt zwei sechshebige zeilen mit männlicher kadenz, wodurch der paarreim-effekt angedeutet wird. ausgiebig habe ich von tonbeugung bzw. der lizenz zur schwebenden betonung gebrauch gemacht, zum teil, weil es nicht anders ging, immer aber ganz bewusst um das mechanische klappern zu vermeiden.

ansonsten habe ich versucht, möglichst »normale« sprache zu verwenden (sowie mit Vergeuder, schenken leihen, zuwenden, anvertrauen, Vermächtnis, Nachlass, Geizhals, ordentlich, abbeordern, Rechnungsprüfung, Testamentvollstrecker u.ä. etwas nähe zum buchhalterisch-bürokratischen zu schaffen) und mich ansonsten von der dezimononischen diktion mit ihren apostrophheischenden apo- und synkopierungen zu entfernen.

am ende zwei anmerkungen:

1:

man kann es durchaus auch wie sabine scho mit #10 machen (s. http://signaturen-magazin.de/william-shakespeare–sonett-10.html). es ist eine frage des rahmens/diskurses, auf den man sich bezieht. als spitze gegen die immer wieder in ehrfurcht erstarrende (und dadurch hierarchiefördernde) tradition signalisiert sie eine haltung. als konkretes vermittlungsangebot für den leser, der sich (u.u. erstmalig) den sonetten nähert, bleibt die fassung m.u. zu willkürlich. und: shakespeare würde wahrscheinlich rappen.

2:

dies war auch ein selbstversuch. unter meinen spezifischen produktionsumständen knapp eine woche bei hintanstellung aller möglichen anderen dinge, die sich über meine unthriftienes beklagen werden.

IV
 VNthrifty louelinesse why dost thou spend,
 Vpon thy selfe thy beauties legacy?
 Natures bequest giues nothing but doth lend,
 And being franck she lends to those are free:
 Then beautious nigard why doost thou abuse,
 The bountious largesse giuen thee to giue?
 Profitles vserer why doost thou vse
 So great a summe of summes yet can’st not liue?
 For hauing traffike with thy selfe alone,
 Thou of thy selfe thy sweet selfe dost deceaue,
 Then how when nature calls thee to be gone,
 What acceptable Audit can’st thou leaue?
      Thy vnus’d beauty must be tomb’d with thee,
      Which vsed liues th’executor to be.
Was bist du, Liebreiz, fürn Vergeuder: wendest
dir selber zu all das Vermächtnis deiner Schönheit!
Als Nachlass schenkt Natur nichts, sondern leiht bloß,
großherzig leiht sie denen, die großzügig handeln.
Wenns so ist, schöner Geizhals, was missbrauchst du
die reiche Fülle, anvertraut zum Weitergeben?
Du Wucherer ohne Profit, was brauchst du
Unsummen auf und kannst davon ja doch nicht leben?
Indem du mit dir selber nur Verkehr hast,
betrügst dein Selbst du um dein eignes Selbst, dein schönes;
wie willst du, wenn Natur dich abbeordert,
die Rechnungsprüfung halbwegs ordentlich bestehen?
    Die ungebrauchte Schönheit geht mit dir ins Grab,
    gebraucht lebt sie als Testamentsvollstrecker fort.

Alternativ:

Veruntreuender Liebreiz, warum wendest
du selbst dir zu all das Vermächtnis ...

<»veruntreuen« gefällt mir ob der verbindung zur kaufmännischen welt gut, es geht aber dann der »sparsam/unsparsam//geizig/freigiebig«-komplex verloren>

Freigeist

Er war ein Freigeist, dessen Sprache im deutschen Theorietheater der späten sechziger Jahre sofort auffiel. Der Hanser-Verleger Michael Krüger erzählt, wie er Lars Gustafsson ins Herz schloss und nie mehr losliess. Neue Zürcher Zeitung 17.5.

Buchtempel

Auf einer Anhöhe über der Hauptstadt Erewan thront majestätisch das Matenadaran, ein tempelartiges Archiv mit integriertem Forschungszentrum und Museum, das rund 16 000 armenische Manuskripte beherbergt und mit einem reichen Zusatzbestand an persischen, arabischen und hebräischen Dokumenten eine der weltweit grössten Sammlungen mittelalterlicher Handschriften bildet.

Die Vorläufer dieser 1957 eröffneten Einrichtung gehen bis ins 5. Jahrhundert zurück, denn die ersten Bücherspeicher entstanden zusammen mit der armenischen Schrift. Seit 405 n. Chr. verfügt das kleine südkaukasische Land über ein eigenes Alphabet. Ursprünglich für die Niederschrift der Bibel geschaffen, stieg das Armenische bald in die Riege der rege benutzten Schriftsprachen auf und diente nicht mehr nur der Übermittlung heiliger Geschichten, sondern der Verbreitung des gesamten damaligen Wissens. Zahlreiche Übersetzungen aus dem Persischen, Griechischen oder Syrischen spiegeln im Museum folglich die mittelalterlichen Vermittlungswege und Kenntnisstände unterschiedlichster Disziplinen und Kulturen. «Einige unserer Übersetzungen sind von unschätzbarem Wert, weil die Ursprungstexte verloren und die armenischen Manuskripte die einzigen Zeugen ihrer Existenz sind», erläutert Vahan Ter-Ghevondyan, der uns ausgewählte Perlen des Matenadaran vorführt. (…) Immer wieder ist Armenien im Verlauf der Jahrhunderte verwüstet und geteilt worden, und allein während des Genozids von 1915 sind laut Schätzungen an die 30 000 Manuskripte verloren gegangen. / Claudia Mäder, NZZ 28.4.

Nach dem Ende der Sowjetunion ist die „Lesekultur“ zusammengebrochen. Kein Wunder: bei einem durchschnittlichen Einkommen von 300 Dollar haben die Preise der Bücher westeuropäisches Niveau.

Jugendlyrik

Fluch des Berühmtseins: irgendwann werden auch die peinlichsten Jugendwerke ausgegraben. So geschieht es jetzt Patrick White, dem einzigen australischen Nobelpreisträger (1912-1990). Die australische Nationalbibliothek erwarb ein Exemplar seines ersten Büchleins, „Thirteen poems“, das die stolze Mama des 15-, 16jährigen drucken ließ. Kein Meilenstein der Literatur, aber ein wertvolles Sammelstück. / The Canberra Times

Rumäniendeutscher Expressionismus

Der Tisch musste für andere Blätter geräumt, die Dissertation verschoben werden. Dann hieß es in der Familie: „Er trägt den Expressionismus wieder in den Keller“.

(…) Eine Strömung mit ihren literarischen Ablegern, das heißt in diesem Fall mit Qualität beanspruchenden Siebenbürger, Bukowiner, Bukarester und Banater Texten. Sie werden vom Herausgeber zum ersten Mal mit dieser gereiften Informiertheit, Textverlässlichkeit, Objektivität im ergänzenden ­Nebeneinander und Miteinander einer Strömungsgemeinschaft als das Ergebnis eines ­Kulturtransfers vorgestellt. (…)

Alphabetisch reicht die Skala der 18 Lyrik-Autoren von der positiv kaum bekannten Helene Burmaz-Buchholzer bis zum begabten und selbstbewussten Heinrich Zillich. Der älteste in der Runde ist Adolf Meschendörfer mit dem Prosagedicht „Wallfahrt nach Polen“, von dem Markel feststellt, „dass es der erste expressionistische Text rumäniendeutscher Literatur überhaupt“ sei. International bekannt geworden ist Meschendörfer in der Zeit des Nachexpressionismus durch eine vergleichende Untersuchung der Farbwerte in der Lyrik des Expressionisten Georg Trakl. An der Spitze der rund hundert für diese Anthologie ausgewählten Gedichte stehen jene von Alfred Margul-Sperber und Oscar Walter Cisek. Der jüngste Lyriker der Anthologie ist der Bukowiner, in New York verstorbene Dagobert Runes. / Horst Schuller, Siebenbürgische Zeitung

In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen. Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens. Herausgegeben von Michael Markel. Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München im Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 2015, Band 130, 280 Seiten, 34,95 Euro, ISBN 978-3-7917-2653-3

Himmelsfund

Die Forscher Manfred Cuntz vom Levent Gurdemir Department of Physics, University of Texas at Arlington und Martin George vom National Astronomical Research Institute of Thailand haben mit Hilfe der Astronomiesoftware Starry Night und weiterer Software einen Beitrag zur Datierung des berühmten „Pleiaden“-Fragments der Dichterin Sappho geleistet. Sie untersuchten ausgehend vom wahrscheinlichen Jahr ihres Todes, 570 v.u.Z., und unter der Annahme, daß sie in Mytilene lebte, den Zeitpunkt im Jahreslauf, an dem die Pleiaden vor Mitternacht untergehen, wie das Gedicht sagt. Im Jahre 570 v.u.Z. war das frühestens am 25. Januar und spätestens am 6. April der Fall. Das bestätigt die Vermutung früherer Forschung, daß das Gedicht im späten Winter oder zeitigen Frühjahr entstand. (Die Daten für die vorangegangenen 20 Jahre verschieben sich nur geringfügig).

Bericht bei arstechnica.com

Der Aufsatz im Journal of Astronomical History and Heritage, 19(1), 18–24 (2016)

„Mitternachtsgedicht“ (Fragment 168B Voigt, Wharton 52, Cox 48, Diehl (1936) 94 im Original und mehreren englischen und deutschen Fassungen:

ἐδυκε μὲν ἀ σελάννα
καὶ πληΐαδες μέσαι δε
νύκτες, πα ὰ δ‘ ἔ χετ‘ ὤ α,
ἔγω δὲ μόνα κατεύδω

deduke men a selanna,
kai Pleiades, meso de
nuktis, para d’erkat‘ ora,
ego de mona ketaudo

The Moon hath left the sky;
Lost is the Pleiads‘ light;
It is midnight
And time slips by;
But on my couch alone I lie.

(Symonds, 1873–1876)

The moon has set,
and the Pleiades;
it is midnight,
the time is going by,
and I sleep alone.

(Wharton, 1887: 68).

The silver moon is set;
The Pleiades are gone;
Half the long night is spent, and yet
I lie alone.

(Merivale, 1838: 226).

Moon has set
and Pleiades: middle
night, the hour goes by,
alone I lie.

(Anne Carson, 2002)

Untergegangen sind der Mond
Und die Plejaden. Es ist Mitternacht,
Die Stunden vergehen.
Ich aber schlafe allein.

(von Schirnding, 2013)

Es versank die Mondgöttin,
und auch die Pleiaden; es ist Mitte
der Nacht; es vergeht die Zeit,
und ich schlafe allein.

(Bagordo, 2009)

 

Brieffund

Ein Kommentar von Daniel Graf zu dem Artikel „Der letzte Kuß, vorgestern nacht“, Die Zeit #19

Zu den Entstehungsumständen von Iris Radischs Artikel und wie viel Zeitdruck da im Spiel gewesen sein mag, weiß ich nichts. Aber es wundert mich schon, dass eine kluge und verdienstvolle Autorin zu einem interessanten Fund einen so schwachen Artikel schreibt.

Mal von stilistischen Fragen und der Portion Gala abgesehen: Es ist schlichtweg falsch, dass Bachmann „nach der endgültigen Trennung von Celan [1958] bis zu ihrem Verbrennungstod in Rom 1973 keine Gedichte mehr“ schrieb. Die Gedichte der 60er-Jahre, im legendären Kursbuch 15 von 1968 z.B., gehören ja sogar zu ihren berühmtesten, und wie umfangreich neben den (zugegebenermaßen vereinzelt publizierten) Bachmann-Gedichten der 60er-Jahre das Korpus ihrer Lyrik aus dem Nachlass ist – alles doch seit Jahren bekannt und ausführlichst diskutiert.
Warum schreibt Radisch, Bachmann und Celan wären bei der Gruppe-47-Tagung in Niendorf die „frisch entdeckten Wunderkinder des deutschen Literaturbetriebs“ gewesen, wenn die Tagung doch für beide nicht hätte unterschiedlicher laufen können? Bachmann wurde nach ihrer Lesung in der Tat als neuer Star gefeiert, aber Celan wurde in Niendorf auf geradezu skandalöse Weise verkannt (wovon doch auch der Link in Radischs Artikel erzählt).

Und lernt man nicht schon im journalistischen Praktikum, dass es vielleicht nicht das Ausgewogenste ist, nur eine einzige Expertenstimme zu zitieren, die aber dafür umso ausführlicher (selbst wenn es sich dabei um eine so exzellente Kennerin handelt wie Barbara Wiedemann)?

Eine schwierige Dichterfreundschaft

Paul Celan im Briefwechsel mit René Char

Beitrag von Felix Philipp Ingold für die Neue Zürcher Zeitung vom 14.5.

Schon lang war sie angekündigt, mehrfach wurde ihr Erscheinen aufgeschoben, jetzt liegt sie endlich vor – die Buchausgabe von Paul Celans Korrespondenz mit René Char. Der mehr als 300 Druckseiten umfassende, durch Kommentare, diverse Bilddokumente und eine detaillierte Chronologie angereicherte Band ergänzt die Reihe früherer Briefeditionen (Rudolf Hirsch, Ingeborg Bachmann, Franz Wurm, Klaus und Nani Demus u.a.m.), mit denen er sich thematisch naturgemäss an manchen Stellen überschneidet. Zwar stehen in dieser nun erstmals einsehbaren Korrespondenz – sie erstreckt sich über die Jahre 1954 bis 1968 – Celans vielfältige Bemühungen als Übersetzer und Vermittler René Chars im Vordergrund, doch kommen auch die langwierigen Querelen um die Plagiatsvorwürfe in der sogenannten „Goll-Affäre“ zur Sprache, die für Celan zur existentiellen Bedrohung wurde, bei Char jedoch nur beiläufiges Interesse fand.

Unter Celans zahlreichen Korrespondenten war René Char – neben Ingeborg Bachmann – der einzige, der seinen hohen künstlerischen Ansprüchen voll und ganz entsprechen konnte. Zwischen den beiden erwuchs eine Dichterfreundschaft, die von wechselseitigem Respekt getragen war und doch niemals zu einer adäquaten vertrauensvollen Beziehung werden konnte, weil dafür der gemeinsame und gleichrangige Sprachbezug fehlte: Char verstand vom Deutschen (wie von allen andern Sprachen) nicht ein einziges Wort, er war vollkommen und ausschliesslich in seine französische Muttersprache eingelassen, die er wie eine Festung hochhielt und die er auch wie ein Festungskommandant beherrschte. Celan hingegen, der Vielsprachige, liess sich von der Sprache (in der er stets alle Sprachen am Werk sah) beherrschen, folgte beim Schreiben gewissermassen ihrem Diktat, verstand sich als ihr Diener und Vollstrecker.

Von daher erklärt sich wohl die latente Spannung, von der die Korrespondenz durchweg – wenn auch sehr diskret – gekennzeichnet bleibt. Celan hat gegenüber Char einen doppelten Vorrang: Deutsch und Französisch sind ihm gleichermassen vertraut, er kommuniziert mit dem Briefpartner in dessen eigener Sprache, derweil er selbst eine Fremdsprache verwendet, um den Briefdialog überhaupt zu ermöglichen. Anderseits ist das Deutsche – Vater- und Dichtersprache für Celan, unverständliche Fremdsprache für Char – das Medium der Übersetzungsarbeit, die der Begünstigte, also Char, auf keine Weise zu würdigen vermag, so wie er auch Celan selbst, in dessen Qualität als Lyriker, nicht gerecht werden kann. Wenn er ihn gleichwohl als den grössten deutschen Gegenwartsdichter belobigt, tut er dies lediglich anhand der ihm vorliegenden französischen Übersetzungen – ein Faktum, das den hochsensiblen Paul Celan insgeheim kränkt.

Naturgemäss wird diese Ungleichheit zwischen den beiden dadurch verstärkt, dass René Char nicht Gegenrecht halten kann, weder durch literaturkritische noch gar durch übersetzerische Vermittlung Celans in Frankreich. Seine diesbezügliche Unterlegenheit kaschiert und kompensiert er in seinen zumeist sehr knapp gefassten Briefen mit einer angestrengt kollegialen und doch fühlbar paternalistischen Haltung, die er nicht zuletzt durch seinen stets gleichbleibenden erhabenen Stil zum Ausdruck bringt, und dies selbst dann, wenn es Celan um ganz vordergründige Dinge, um „geschäftliche“ oder „literaturbetriebliche“ Interessen geht.

Chars mangelndes Sensorium für die zahlreichen Celanschen Empfindlichkeiten führten immer wieder zu krisenhaften Verstimmungen und zu langfristigen Unterbrechungen des Briefverkehrs. Doch nie wurden die Anlässe zu diesen Krisen zwischen den beiden Korrespondenten expliziert. Nur durch Vermittlung Dritter, Unbeteiligter lässt sich darüber Klarheit gewinnen. Als hauptsächliche Krisenpunkte sind René Chars vorbehaltslose Bewunderung für den NS-Sympathisanten Martin Heidegger und sein schonender Umgang mit Claire Goll auszumachen, die einen verleumderischen Plagiatsvorwurf gegen Celan lanciert hatte. Aus verlässlichen Quellen weiss man heute, dass Paul Celan diese von seinem „Freund“ gehegten Sympathien als „schockierende“ Provokation empfand und dass sein Missbehagen so weit ging, dass er ihn (in einem Brief an Ingeborg Bachmann) als Menschen wie als Dichter gleichermassen der „Falschheit“ bezichtigte.

(…) Die von Bertrand Badiou mit aufwendiger textkritischer Akribie erstellte Briefausgabe ist – abgesehen von der Präsentation der Erstdrucke – dank der umfänglichen Anmerkungen eine Fundgrube zu genauerem Verständnis der deutsch-französischen Literaturbeziehungen in den 1950er/1960er Jahren, aber auch zur Komplettierung der Werkbiographien René Chars und Paul Celans durch mancherlei bislang übersehene Fakten. Zu bedauern ist allerdings, dass der Herausgeber die originalen Brieftexte orthographisch bereinigt und grammatikalisch korrigiert hat, ein Übergriff, der bei Zeitdokumenten zumindest als fragwürdig gelten muss.

Paul Celan / René Char, „Correspondance, 1954-1968“, suivie de la Correspondance de René Char avec Gisèle Celan-Lestrange, 1969-1977. Édition établie, présentée et annotée par Bertrand Badiou. Éditions Gallimard, Paris 2015; 317 S., EUR 28.

 

Never try to lift the words which you cannot hold

While Julia Ward Howe was writing her saber-rattling “Battle Hymn of the Republic,” and Whitman his “Drum-Taps,” [Emily] Dickinson was quietly demolishing myths of heroic pomposity:

Finding is the first Act
The second, loss,
Third, Expedition for the “Golden Fleece”

Fourth, no Discovery—
Fifth, no Crew—
Finally, no Golden Fleece—
Jason, sham, too—

Dickinson’s language, oblique and sharply objective, can be seen as one response to the degraded verbiage of the Civil War era, and the Gilded Age pieties that followed. This is one explanation for her special appeal to such poets and translators of her work as Paul Celan (discussed in an essay in The Emily Dickinson Handbook by Kerstin Behnke) and Eugenio Montale. In these poets we find a kindred prosody of obliquity and harsh specificity in the face of the degradation of the Italian language under Mussolini and the German language under the Nazis. That the leading German-language poet of the post-Nazi era and the leading Italian poet of this century looked to Emily Dickinson should invite us to read her in this way, as a voice raised against the pompous posturing of both sides. She once mentioned to Higginson her adamant resolution to “never try to lift the words which I cannot hold.” She never did. / Christopher Benfey, New York Review of Books

Rimbaud in der Schweiz

Die Schriftstellerin Gertrud Leutenegger besichtigt den schmelzenden Rhonegletscher und erzählt, wie Arthur Rimbaud im Winter 1878 über den Gotthard ging.

(…) Was bewog Arthur Rimbaud im November 1878, das Reiseziel Ägypten vor Augen, von den Ardennen her über die Vogesen die Schweiz erreichend, den verschneiten Gotthard überqueren zu wollen? In den Hafen von Genua, wo das Schiff nach Alexandria wartet, führen bequemere Wege. Rimbaud hat sich nun einmal den gefahrvollen Gotthardweg, der im 19. Jahrhundert auch im Winter offen war, in den Kopf gesetzt, als vorauszusehende Heldentat, wie er in einem Brief an die Familie das Unternehmen wohl eher ironisch bezeichnet. Dieser Bericht, ebenso sprunghaft wie streckenweise bemerkenswert detailliert, als registriere er die Bergwelt mit dem Auge eines Geografen, sticht unter den sonst knapp gehaltenen Nachrichten durch seine Ausführlichkeit hervor. Wie jung ist Rimbaud noch! Aber er ist schon alt. Alles, was seinen strahlenden Ruhm begründen wird, liegt hinter ihm. Er ist vierundzwanzig und hat die Poesie revolutioniert, ästhetische Strategien etabliert, mit kaltem Vorsatz die Selbstzerstörung betrieben. (…) / NZZ 30.4.

Poetopie

eine Rose ohne Dornen – heute kann sie uns begeistern

Hansjürgen Bulkowski

Leseecke 10

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Sonette 8-14 bei Signaturen hier
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10

FOr shame deny that thou bear'st loue to any
Who for thy selfe art so vnprouident
Graunt if thou wilt, thou art belou'd of many,
But that thou none lou'st is most euident:
For thou art so possest with murdrous hate,
That gainst thy selfe thou stickst not to conspire,
Seeking that beautious roofe to ruinate
Which to repaire should be thy chiefe desire:
O change thy thought, that I may change my minde,
Shall hate be fairer log'd then gentle loue?
Be as thy presence is gracious and kind,
Or to thy selfe at least kind harted proue,
     Make thee an other selfe for loue of me,
     That beauty still may liue in thine or thee.
 

Einige Anmerkungen zum Text:

vnprouident ohne Vorsorge

 6 stickst zögerst

Deutsche Fassung von Gottlob Regis

O Schmach! vernein‘ es irgend wen zu lieben,
Du, der Du auf Dich selbst so unbedacht!
Gieb zu, Du sey’st das Ziel von Vieler Trieben,
Doch daß Du niemand liebst, ist ausgemacht.
Denn Dich beherrscht ein mörderischer Haß,
Daß Du nicht zauderst selbst Dich zu bedräuen,
Das edle Haus zerrütten möchtest, das
Vor allen Dir geziemte zu erneuen.
O ändre Deinen Sinn, und meine Meinung!
Birgt Haß in holder Liebe Wohnung sich?
Sey mild wie Deine liebliche Erscheinung:
Sey mindestens barmherzig gegen Dich.
Erschaffe neu, aus Liebe Dich zu mir,
Daß Schönheit leb‘ im Deinen oder Dir.

Shakspeare-Almanach, 1864

(Der Hauptmangel dieser Übersetzung: daß das Ich in Vers 9 – o change my mind that I may – wegfällt. Das erste, verräterische Ich in diesen Sonetten.)

Ilma Rakusa zum Tode von Fabjan Hafner

Mit zweiundzwanzig Jahren veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband «Indigo» (1988), dem mehrere weitere folgen sollten. Meist schrieb er seine lyrischen Texte auf Deutsch, doch die Muttersprache Slowenisch, Idiom der Kindheit und der Gefühle, blieb stets präsent. Die genuine Zweisprachigkeit war es denn auch, die ihn zum Übersetzer prädestinierte. Mit Verve gab er den hochexpressiven Prosastil des Kärntner Slowenen Florjan Lipuš und die «Erdsprache» von Dane Zajc wieder, verlieh der vielfältigen lyrischen Sprachwelt von Tomaž Šalamun und den poetischen Sprechweisen von Maruša Krese und Maja Vidmar eine deutsche Stimme und erschloss einen der interessantesten slowenischen Gegenwartsdichter, Uroš Zupan, der deutschen Leserschaft. / NZZ

Aus einem seiner Gedichte

Könnte man Berührungen behalten, / ausserhalb des Gedächtnisses / oder in Erinnerung, // sie aufnehmen und mit sich führen, / als hätte der Körper sie sich einverleibt, // und könnte man sich mittels so Angeeignetem / erlösen zu dauernder / Berührbarkeit, // verschwände dann dieser unablässig / wie ein Köder zuckende / unfassbare Rest?