Tom de Toys
(geb. 24.1.1968: https://lyrikszene.jimdo.com/performer/tom-de-toys/)
13.11.2016, für Louis de Attides
23. JANUAR 1986 + 1989
mein eigener abschied vom
20. jahrhundert begann
schon am tage vor meinem
18. geburtstag als der einzige
bei dem ich gerne studiert hätte
starb: Joseph Beuys – und der
abschied setzte sich nahtlos
drei jahre später fort als 1989
Salvador Dali ebenfalls an
einem 23. januar verstarb
aber am meisten traf mich
diese nachricht daß Antonin
Artaud an meinem geburtstag
1947 seinen letzten auftritt
absolvierte (21 jahre vor meiner
geburt)… ich frage mich jetzt
wer noch sterben könnte um
den abschied zu vervollständigen
oder ob schon alle wichtigen
gegangen sind von denen nur
die werke bleiben? und mein herz
wird schwer wie das gesamte
universum ohne vater
unendliche namenlose stille
Heute ein I-Gedicht von Idili Indris, ich korrigiere: Odile Endres
I
i i is * i i is * i i in — in it — innis it
ínnmitt it ínvis it ínsis int ík niss
is isis ist I ist I ist invinnmin is
ívin in mílliwin in mílliwin in ívin
íllinnin illinin ill ill íllinnin illinin ill ill
I I I * I I I iss/vittis / I I iss/vittis I iss I /
Vitt issis Vitt issis issfiss vitfit
Insili insili – inst inst inst – Insili insili – inst inst inst
insis insis iiiiiii – insis insis iiiiiii
igítt – igíttigitt – igíttigíttigitt
igíttigíttigíttigíttigítt
igitt igitt
igi igi
ig ig
i i
i
Martina Hefter
Zusatz zu “Es könnte auch schön werden”
Dieser Zusatz zur Performance wird nicht gesprochen. Er ist fürs stille Lesen gedacht.
Es folgen ein paar Überlegungen poetologischer Natur.
Ich lass mich mehrmals hinfallen, stehe auf, falle wieder hin.
Gleich sag ich was. Gebe euch vorher meine Telefonnummer, ihr könnt mich anrufen, wenn ihr euch herausgefordert fühlt.
Anrufen bitte, keine E-Mails schreiben.
Sprechen müsst ihr, ins Handy oder in die Sprechmuschel vom Festnetzapparat.
Ruft an, wenn ihr meint, mich niederknüppeln zu müssen.
Wenn ihr mir gern zwei Worte mit dem Zeigefinger auf die Stirn malen wollt,
fuck und you.
Oder auch, wenn ihr mich umarmen wollt.
Ihr könnt euch während des Telefonats vorstellen, wir befänden uns während dieser Umarmung in einem Raumschiff
das von irgendwoher kam, nur nicht von der Erde.
Gratis ist diese Umarmung natürlich nicht.
Also, Stifte oder Handys raus, ich diktiere: 0157 585 154 28
Ich hole nochmal einen Handwärmer unter dem T-Shirt vor.
Knicke das Plättchen, presse das Wärmekissen gegen meine Stirn.
Wenn ich, anstelle die Performance zu zeigen, Gedichte geschrieben hätte –
ich weiß nicht, worin die Freude läge.
Es gibt eh keine Freude.
Nur Ablenkung.
Wer hat bloß die News von der Freude erfunden?
Und eigentlich gibts nicht mal die Ablenkung.
Es gibt Bauwerke hoch und Seen tief,
stürzen und sinken.
Gibt es.
Ich dreh mich um und renne weg, erst mal nur nach hinten in eine Ecke des Raums,
wo das Licht nicht mehr hingelangt. Man nennt das draußen sein.
Mein Herzchen und ich, wir sind draußen, mein Herzchen schlägt natürlich auch hier.
Ich glaube nicht so richtig an die Kraft von Wörtern.
Pause.
Ich drehe mich vom Publikum weg, schaue dann über die linke Schulter wieder zurück und reiße gleichzeitig meine rechte Hand an den Mund. Löse sie wieder.
Und das meine ich keineswegs ironisch. Alles was ich hier sage, meine ich ernst und werde es nicht zurücknehmen.
(…)
Stan Lafleur
Die Möwe
niemand hat uns überliefert, daß die Sprache
der Möwen der Wind sei. daß er ihre Methode
sei. ihr Testkanal. ihre eigene Lebensgeschichte
die sie kreuz und quer an den Himmel schreiben
erst als wir begannen sie zu digitalisieren, haben
wir die Sprache der Möwen entschlüsselt. sie
wirkt unmotiviert, sprunghaft, frei und verhuscht
ihre Parameter tanzen und gleichen erstaunlich
den Parametern unseres Bluts. die Sprache der
Möwen ist kaum zu begreifen. wie still sie dort
hocken, aufgereiht, am Kai. die Schnäbel rot
geschminkt. voll Sehnsucht nach dem Fliegen
Aus dem gerade erschienenen Bändchen MINI WELT (Lyrik-Edition Rheinland, Düsseldorf 2017)
Gerd Sonntag
GIOVANNI SANTI MALT EINE FLIEGE
Siehe, ein Paar entfaltete Hände:
Giovanni wischt sie von der Wange
und malt den Erlöser, von zwei Engeln gestützt;
er sitzt auf seinem Sarg und zeigt die Wunden,
doch wichtig ist die Fliege auf der Brust.
Sie malt er zuletzt, und rasch,
kaum kann dem Tändelflug das Auge folgen,
zu Bader, Schinder und von Robespierres
zum abgetrennten Schweinekopf.
Ob auf dem weißen Elefanten oder dir,
Fliegen kennen keine Auren.
Jede Entität ist eine Sitzgelegenheit.
Georg Leß
Die Nacht der OTAN (2015)
Der Student von Prag (DEU 1913)
Les Démoniaques (FRA/BEL 1974)
Les Diaboliques (FRA 1955)
Epidemic (DNK 1987)
Taste of Fear (GBR 1961)
Et mourir de plaisir (FRA/ITA 1960)
[Aus einer Gedichtreihe, polylingual bzw. unter Verwendung der Universalsprache Horrorfilm – dies ist die korrekte Fassung]
Horst Samson
UNTERWEGS
„Heimreisen
sind immer länger als Irrwege,
länger als ein Leben…“
Bei Dao (geb. 1949, Peking)
Du und ich wir treiben
Flussabwärts. Es ist eine Reise
Ohne Grund. Wir
Schlagen den Sonnenuntergang auf,
Unser Buch. Fahren
Die Antennen aus und bereiten uns vor.
Die Abendglocken leiten
Uns auf unbekannte Wege.
In den Obstgärten leuchten die
Birnen heller als das
Paradies. Nie kommen wir dort an.
(2016)
Harald Kappel
Zeitformen
An einem Tag
lauschte ich der Reise
in die ich stürzte
ohne dich
die Sterne
verwandelten sich in blaues Eis
in der verdunkelten Ehe
wurde ich mit dem Boden eins
die Kinder verwesten im kalten See
Spürhunde fanden nach Jahren die Gärung
In einer Nacht
in meinen Köpfen
ein leerer Raum
voll virtueller Teilchen
fliegende Käfer
schütteln die Sterne
bis sie Polarlichter speien
um mein tränennasses Laken zu begrünen
Bald wird die unglückliche Wahrheit
sehr deutlich die Zeitung schwärzen
ich werde unsere gemeinsame Sprache vergessen
nach diesem Ende
wird die Abhängigkeit voneinander
gering
Slata Roschal
Der Schaffner hier hat weiße Haare ist verwirrt
Das sieht man an dem Teppichboden im Abteil
Und daran dass sich alles hebt und senkt
Und daran wie der Wagen zittert
Und an dem Zahngold das ich fand in der Toilette
Es ist nicht viel es reicht vielleicht für einen Ring
Und einen Umzug in die erste Klasse
Dort gibt es kostenlose Zeitungen zur Auswahl
Dort wird Kaffee zum Tisch serviert mit Zucker Milch beliebig
Ich bitte lediglich um eine kleine Spende
Der Kinder willen und des Friedens in der Welt
Und wenn der Schaffner kommt spring ich zur Decke
Und dann unter die Sessel und verschwinde
Es setzt sich eine Frau mit ihr der Bauch ein umgestülpter Nabel
Wir werden in dem Fruchtwasser ertrinken
Geben Sie mir ein Glas von Ihrer Milch zu trinken
Sie lächelt mütterlich und füllt ein halbes Glas
Fast immer sind es Frauen die so lächeln
Fast immer sind es Männer die so trinken
Brigitte Struzyk
Am Rande
(Die Kawenzmänner)
Die Vielgestalt des Gleichen-
die Verwandtschaft-
wandelt die Wand von Bäumen
am Rande zu einem Wald
Von Zweig zu Zweig das Grün
formt an den Zackenrändern Töne,
ja, sie betonen, was vom Himmel fällt,
vom Wind gehoben, ja vom Wind.
Der Regen treibt in jede Lücke Blei.
Die Vielgestalt des Gleichen-
die Verwandtschaft –
verflüchtigt sich im Unterholz.
Dürr und verkümmert krümmt es sich
unter dem strotzend Großen.
Braune Skelette gehen sich an die Stämme.
Hier fließt zusammen, was von oben kommt.
Es fördert die Verrottung die Verwandtschaft.
Die Vielgestalt des Gleichen-
die Verwandtschaft-
verdrängt die Schwachen, heißt sie sterben.
Doch oben in den Kronen thronen
die starken Äste unberührt
von all dem Weitverzweigten
der Verwandtschaft.
Sie wachsen angeregt noch höher,
so stark geworden über dem,
was unten welkt, verdorrt-
Verwandtschaft.
Die Vielgestalt des Gleichen
schafft Diverses.
Das schließt sich gegenseitig aus.
Die Eigenart befördert Wachstum.
Der Wipfel rauscht Behauptung.
Die Niedrigkeit am Fuße bleibts.
Sie trachtet kaum nach Leben,
selbst wenn, dann bei sich selbst.
Die Wurzeln aber-
die Verwandtschaft –
halten das Disparate fest zusammen
als Vielgestalt des Gleichen.
Ja, hast du nicht gesehen,
der Fuchs geht um….
Ruhsan İskifoğlu
(*1984 in Hatay, Türkei, lebt in Mağusa, Nordzypern)
lied für meinen nachbarn
das alternde toilettenset meines nachbarn
die todgeweihte markise stets über der terrasse
mein nachbar erzählt von guten dingen
im wohnzimmer jagen sich die lieder angst ein
wenn niemand zuhause ist, läuft
der fernseher, sogar das radio
regelmäßig schreit der balkon des nachbarn jeden tag
eine störrische fußmatte gefangen in sich selbst
für ihre seltsame leere
Übersetzung: Achim Wagner
komşum için şarkı
komşumun eskiyen tuvalet takımı
can çekişen güneşlikleri hep terasta
iyi şeyler anlatıyor komşum
şarkıları ürkütüyor oturma odasında
evde kimse yokken çalışır
televizyon kanalları, hatta radyosu
balkonu her gün düzenli bağırır
huylu paspası hapseder kendini
garip boşluğuna
Hansjörg Zauner
berg brillanter insekt pritschelt emailliert im hubschrauberslip
in new york flattern sickerglasmagnetartig 799.197 kameras
perücken für motten hetzen adlergruppende abendzurrröte
mangocultkuchen säuselring umweilt pantherpflastersackaal
zebraesel kifft in rostbienenwachspfoten spiralenechoknäuel
100.000 gemäldescheren sickerzoomen orkanknisterträume
guavensaft raubt zungenkuß flattert zirbenfracht datteltakt
laufbahn in zeitbahn gigantisch schlägt eiklar luftig schöner
buschiges dämmern reißt turbowimpernkit triefkahnsprudel
schnatterzwirbelt räuspersonnenblumen galaxissorbetklunker
glanzlocker purzelt unsere crew aufs vorsegel beduseltes zu
universum auf stelzen wagt faltwasser treibende pirouetten
hecktropfender applaus schmust schmirgelliftpappeluster
regentropfen winken lusttropfen watteboilerschüttelkratzer
mond scheint auf sonne retour zapfende reiher würfeln fuhr
wörter mit rissen surfen von innen zugeschweißt rockig süß
gehmuschelsteigbrat beduselt kleckert geländerkornflipper
strich offenbar tiefseediwan glitzern flauschig gut lecken wird
auf steilen flügeln junger hornissen überseedampfer kalben
im adlerpirschschrei stapfen tanzginsterhobelsickerwünsche
hornissenquallen werfen borstiges kläffen autobahn hurrikan
salat rügt mückenclo rasenwippwürfelmäher toupierten toast
aus: „99.144 gedichtnasenlöcher schießen auf mich bis alles passt“ Ritter Verlag 2016
dirk uwe hansen
oberkleveez für Christoph Meckel ist vieles blau hier ist blau nur was nicht mehr ist zwischen rahmen und glas hängt zwischen bruch kante und wolken decken wolln sich nicht schließen. ist vieles blau hier ist blau nur das pferd nur die pferde sind schwarz.
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