Er kannte sich und wußte, daß ihm die Poesie abhandengekommen war. – Er kannte seine Genossen und wußte, daß sie ihn dafür loben würden. Einmal noch, nach Chrustschows halbverstecktem Tauwetter, erwachte ein poetischer Funken. Aber nach Niederschlagung der ungarischen Revolution war damit Schluß. Er beugte sich dem Brauch und übte Selbstkritik. Seine besten neuen Gedichte versteckte er unter vielen schlechten. Wer die 22 Bände der Werkausgabe durchackern mochte, könnte sie ja finden. Hier, zum 126. Geburtstag Johannes R. Bechers, eins der Tauwettergedichte:
Auswahl
Die wenig gelungenen Stellen
aus meinen kaum gelungenen Gedichten
wird man auswählen,
um zu beweisen,
ich wäre euresgleichen.
Aber dem ist nicht so:
Denn ich bin
meinesgleichen.
So werde ich auch im Tode
mich zu wehren haben,
und über meinen Tod hinaus
– wie lange wohl? –
erklären müssen,
dass ich meinesgleichen war
und dadurch euresgleichen,
aber nicht euresgleichen
in eurem Sinne.
Indem ich mir glich,
glich ich euch.
Aber nur so.
Johannes R. Becher
Von Franz Hofner
Als die Cloud noch nicht abgeregnet war
in Computern Festplatten verbaut waren, träge
wie die Styroporklötze unter den Füßen Wasser
tretender Frauen – weißt du noch das Hände
klatschen das imitierte Headbanging
langhaariger Models im Kleinwagen
wenn das Lenkrad selbsttätig einparkte
da fing das ok Glotzen an mit auf
gerissenen Mündern ein
Hamster der sein Rad
nicht mehr versteht
Die Sprache der Dinge
werden Menschen
nur langsam lernen
So falsch und gewollt die Formeln der Metaphysik, so leicht zu verwechseln
mit Schnörkeln, mit Zufall, Glaube, Nemesis, wirrer Kunde aus Zeiten:
so unscharf zerfiel, zerlief das Mederreich, verwischt auch die Blüte,
und niemand, nein niemand befolgte je Netschajews Katechismus.
Viel Gotik und immer wieder das alte Tedeum, Trost in der Tiefe,
Gesang auch in Schenken, der Abschied der Kelten so mählich und schlicht, ja fügsam.
Wir lasen gerührt den letzten Bericht aus Utopia in stotterndem Versmaß
mit längst nicht mehr gültigen Namen der Parzen, mit ungenauen Listen
von ersten und vorletzten Dingen, von Singularitäten und Mustern.
Aus: Anaptyxis. Aachen: Rimbaud, 2013
Von Friedrich Schiller
War es stets so wie jetzt? Ich kann das Geschlecht nicht begreifen, Nur das Alter ist jung, ach! und die Jugend ist alt!
Geschrieben im Januar 1796, Erstveröffentlichung im Musenalmanach für das Jahr 1797
verschollen, doch als jammergestalt noch sichtbar, von ärzten anschreibar, zu verhöhnen, zu bedrohen, zu nötigen und zu demütigen
alle die mal gelebt haben sind tot.
und ich ersticke am vorhandensein.
schlafe nicht in erlösung ein.
alle einmal gelebten sind nicht mehr da.
aber viele konnten vorher leben als sie noch lebten.
verliere über den ewigen zustand des verstandverlierens
jeden tag zusätzlich noch einmal und zusätzlich grausamst den verstand,
wenn ich in den qualen nach einer stunde des schlafens
erneut erwache, nicht verstorben bin und in nicht beschreibbaren grausamen zuständen
registriere, daß ich immer noch vorhanden bin,
die pausenlosen qualen weitergehen,
in atemlähmung und im inneren und äußeren zittern der erstarrungen quieke, nur weil ich registriere…, weil ich in und durch die zustände nach kurzer zeit erwache und in unbeschreibbaren… dann erneute 23 stunden… und dann die eine stunde schlaf voller alpträume zusätzlich zu den alpträumen der restlichen 23 stunden…
alle die mal gelebt haben sind tot.
und alle die leben, werden… aber viele konnten im leben ein leben leben…
und ich kann nicht einmal beschreiben wie grauenvoll… schreie nur und quieke…
schreie um hilfe und es gibt keine hilfe,
zerstört durch ärzte und deren psychopharmaka,
die pausenlosen qualen von menschenhand gemacht, hil…
Erstellungsdatum: 09.01.2017
Rosalía de Castro 1837 – 1885
DIE GLOCKEN
Und ich lieb sie, und ich hör sie,
und hör sie wie Windgestöber
und wie der Quellen Rauschen
oder der Lämmer Blöken.
Und dämmert über den Himmel
die erste Morgenröte,
begrüßen sie sie jubelnd
wie die erwachten Vögel.
Aus ihren Klängen, die hallend
um Tal und Hügel tönen,
klingt eine ferne Einfalt,
klingt Frieden und Versöhnen.
Wenn sie für immer schwiegen —
wie weinten Himmel und Höhen!
Wie wären die Kirchen stille!
Wie möcht es die Toten verstören!
Deutsch von Rudolf Großmann aus: Gedichte der Spanier. Zweisprachig. Hrsg. Rudolf Großmann. Leipzig: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, 1948. Bd.2: Vom Klassizismus bis zum Modernismus. S. 267
Der 17. Mai ist ihr zu Ehren in Galicien der „Día das Letras Galegas“.
LAS CAMPANAS
Yo las amo, yo las oigo
cual oigo el rumor del viento,
el murmurar de la fuente
o el balido del cordero.
Como los pájaros, ellas,
tan pronto asoma en los cielos
el primer rayo del alba,
le saludan con sus ecos.
Y en sus notas, que van repitiéndose
por los llanos y los cerros,
hay algo de candoroso,
de apacible y de halagüeño.
Si por siempre enmudecieran,
¡qué tristeza en el aire y el cielo!,
¡qué silencio en las iglesias!,
¡qué extrañeza entre los muertos!
NACHDENKEN ÜBER TRAKL
Auf dem Rand der Vernunft,
Sitze ich über dem Hanauer Ring,
Denke an Trakl und Bossert,
Lasse im dritten Stockwerk
Die Füße baumeln. Verschicke
Im offenen Fenster Rauchzeichen.
Hinter mir das Zimmer, vor mir die dunkle
Stirn, unter mir Asphalt, über mir
Ein Fetzen Freiheit, dunkelblau wie mein
Auge – wann fliege ich los?
(1989/2014)
Mit 42 stellt er fest:
Da war kein Abenteuer
Einmal im Jahr Familienfest
Zum Sommeranfang Steuer.
Der Reifenwechsel kommt im Lenz
Im Herbst dann gleich schon wieder
Zweimal im Jahr ist die Frequenz
Dazwischen blüht der Flieder.
Den Müll stellt er am Morgen raus
Er würde sonst wohl stinken.
Sein Standing, Quatsch: Prestige im Haus
Möglicherweise sinken.
Er mag das Bier, er ißt gern viel
Und schimpft auf die Regierung,
Er träumt von Sieg und Liebesspiel
Am Rücken: Tätowierung
So sitzt er schwer am Thekenplatz
Und seufzt: alles beim Alten
Er ordert noch ein Bier und denkt:
So will ich’s immer halten.
Gunnar Homann, Preisträger des Großen Dinggang 2017, gelesen beim Finale am 13. Mai.
In: Peter P. Neuhaus (Hrsg.): Der Große Dinggang. Ein Preis für Komische Lyrik. Das Beste vom Guten 2017. Menden (Sauerland): Katastrophenkultur e.V., 2017
Jürgen K. Hultenreich
Des Zoohändlers Bemerkung: DEN KÄFIG FÜR
LEUTE WIE SIE GIBTS GRATIS! Ist vergessen.
Seine Mehlwürmer haben gut geschmeckt. Die
drei Mäuse kosteten nur drei Mark, der fette
Angora-Hamster Fünfneunzig. Das war preis-
wert und wäre auch was fürs nächste Wochen—
ENDE.
In: Mikado oder Der Kaiser ist nackt. Selbstverlegte Literatur in der DDR. Hrsg. Uwe Kolbe, Lothar Trolle und Bernd Wagner. Darmstadt: Luchterhand, 1988, S. 40
Jan Faktor
Georgs Versuche an einem Gedicht
(nicht aufgeben)
(nicht aufgeben)
In: Mikado oder Der Kaiser ist nackt. Selbstverlegte Literatur in der DDR. Hrsg. Uwe Kolbe, Lothar Trolle und Bernd Wagner. Darmstadt: Luchterhand, 1988, S. 101
Günter Eich
Beitrag zum Dantejahr
Chandler ist tot
und Dashiell Hammett.
Mir liegts nicht,
mich an das Böse schlechthin
zu halten und
Dante zu lesen.
Aus: Lange Gedichte (1966)
Nikolaus Lenau
Das Licht vom Himmel läßt sich nicht versprengen,
Noch läßt der Sonnenaufgang sich verhängen
Mit Purpurmänteln oder dunklen Kutten;
Den Albigensern folgen die Hussiten
Und zahlen blutig heim, was jene litten;
Nach Huß und Ziska kommen Luther, Hutten,
Die dreißig Jahre, die Cevennenstreiter,
Die Stürmer der Bastille, und so weiter.
Günter Kunert
Beichte
Jedesmal schlägt das Herz
viel zu schnell. Nur Pflichten
machen nicht glücklich. Der Abend ist leer
und die Gespräche wie er. Schon wieder
sind wir um ein Jahrhundert gealtert
und wissen es nicht.
Selbst von unserer Hinrichtung
hat niemand uns Mitteilung gemacht: Merkmal
daß die wahren Freunde uns fehlen.
Adieu du mein Haar
Adieu du mein Glaube.
Nur Goethe ist zu beneiden: nicht um
die Unsterblichkeit seiner Potenz
sondern wegen der kristallinen Substanz
seiner Seele: sie zerlegt
alles Erfahrene in ein harmonisches Spektrum
und filtert gewisse Farben heraus:
die gebrochenen.
Beim Übertritt
an allen Grenzen zwischen hier und dort
zwischen Oberlippe und Unterlippe
zwischen Wahrheit und Sicherheit
schlägt uns jedesmal das Herz viel zu schnell.
Aus: Günter Kunert: Das kleine Aber. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 7
WILLIAM BLAKE TRIPTYCHON
Kinder einer bessern Zeit
Wenn euch meine Wut anschreit
Wißt, daß jenen Zeiten alt
Liebe als Verbrechen galt
WILLIAM BLAKE´S GARTEN DER LIEBE
Ich ging zum Garten der Liebe.
Und sah, was ich niemals gesehn:
Eine Kirche stand da inmitten,
Wo ich sonst zu spielen pflegte.
Und die Kirchtore waren verschlossen,
Und „Verboten!“ stand obendrauf;
Da ging ich zurück zum Garten,
Der so viele Blumen getragen;
Und ich sah ihn voller Gräber,
Grabsteine an Stelle der Blumen;
Und Priester in schwarzen Gewanden die banden
All meine Wünsche, meine Freuden.
WILLIAM BLAKE´S KLEINER JUNGE, VERLOREN
Wie kann den Nächsten wie mich selbst
Ich lieben, unmöglich ist es, wie
Dem Gedanken, sich einen andern
Größer als mich zu denken:
Und, Vater, wie könnt ich Dich
Oder die Brüder, mehr noch lieben?
Ich liebe dich, wie den Vogel,
Der Krümel am Weg aufpickt.
Der Priester hörte den Jungen,
Ergriff ihn in zitterndem Eifer:
Zog ihn an Haar und Mantel,
Alles lobte des Priesters Eifer.
Und er stand hoch am Altar.
Seht! seht den Teufel! so spricht er,
Setzt die Vernunft zum Richter
Über das hohe Geheimnis des Glaubens!
Der Junge weinte ungehört,
Die Eltern weinten vergebens;
Man zog ihn bis aufs Hemdchen aus,
Band ihn in eiserne Fesseln;
Und verbrannte ihn an der heiligen Statt,
Wo so viele zuvor schon verbrannt:
Die Eltern weinten vergebens.
Geschieht DAS an Albions Strand?
WILLIAM BLAKE´S LACHLIED
Wenn die grünen Wälder mit Freudenhall,
Und der Strom dort vorbeilacht, die Bäche all;
Wenn die Luft auch lacht mir im Gleichklang mit,
Und die grünen Hügel in gleichem Tritt;
Wenn die Wiesen lachen im Sonnenschein,
Und der Grashüpfer lacht in die Szene hinein,
Wenn Marys und Susans und Emilys
Süße Mäulchen singen ihr „Ha, Ha, Hi!“
Wenn die hölzernen bunten Vögel am Haus,
Und der Tisch auch mit Kirschen und Augenschmaus,
Erwachen und froh in die Melodie
Des süßen Chors einfallen: „Ha, Ha, Hi!“
(1789/ 1794)
Deutsch von Michael Gratz
Sylvia Plath
Female Author
All day she plays at chess with the bones of the world:
Favored (While suddenly the rains begin
Beyond the window) she lies on cushions curled
And nibbles an occasional bonbon of sin.
Prim, pink-breasted, feminine, she nurses
Chocolate fancies in rose-papered rooms
Where polished highboys whisper creaking curses
And hothouse roses shed immoral blooms.
The garnets on her fingers twinkle quick
And blood reflects across the manuscript;
She muses on the odor, sweet and sick,
Of festering gardenias in a crypt,
And lost in subtle metaphor, retreats
From gray child faces crying in the streets.
Aus: Sylvia Plath: The collected Poems. Edited by Ted Hughes. New York u.a.: HarperCollins, 2015, S. 301
Der Herausgeber dieser zuerst 1981 erschienenen Ausgabe, ihr Ehemann Ted Hughes, entschied sich dafür, dieses Gedicht in einem Anhang unter der Rubrik Juvenilia zu veröffentlichen. Bestimmt hatte er seine Gründe.
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