Else Lasker-Schüler

Versöhnung

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …
Wir wollen wachen die Nacht,

In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht –
So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.

Und was ist dies Verlangen sich die Welt vorzustellen

Yitzhak Laor

Begriff

Wenn die Welt gedunsen ist
wie eine Leiche, ist das Flugzeug
über ihr nicht eine Fliege? Oder
vielleicht weniger? Eine von allen
Fliegen? Und was ist dies Verlangen
sich die Welt vorzustellen

über ihr zu sein
Flugzeug/ Fliege?

Und das Verlangen
die Welt sei geborgen
in Stille
vollständig

in einem
Vergleich? Was ist
dies Verlangen
eine Leiche
zu sein

was gibt es
in einer Leiche

in einer
Leiche

Aus dem Hebräischen von Efrat Gal-Ed u. Christoph Meckel

Aus: Der Vogel fährt empor als kleiner Rauch. Ein deutsch-israelisches Lesebuch. Hrsg. Efrat Gal-Ed u. Christoph Meckel. Göttingen: Steidl, 1995, S. 156

Harz speichern für Tage der Bedrängnis

David Rokeah

Eine Pinie sein

Eine Pinie sein in Jerusalem.
Eine Antenne für Stimmen
die zurückkehren aus dem Weltall.
Eine Säule von grünem Feuer
in Kreidezonen.
Eine Pinie sein. Harz speichern
für Tage der Bedrängnis;
Sich sträuben wie ein Igel;
Eine Pinie sein auf dem Scopusberg.
Hinunterblicken Stufe um Stufe
bis zum Toten Meer

Deutsch von Gerhard Schoenberner

Aus: David Rokeah: Nicht Tag nicht Nacht. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Hebräischen. Hrsg./Nachwort Michael Krüger. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1986, S. 13

Kunert und Heine begegnen einander zwischenzeitlich

So war das damals – z.B. 1975:

Kunert und Heine begegnen einander zwischenzeitlich

Wie wohl Übersicht erlangen
in der historischen Niederung

umgeben von engen Horizonten
in der Gestalt von Menschen

mit Plattheiten überhäuft
und so wenig Aussicht
auf bessere Aussichten.

Man braucht einen Gipfel!

„Ich baue am Berg…“
Das war sein letztes Wort
am Postwagen.

Aus: Günter Kunert: Das kleine Aber. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 88

Es gab kein Buch

Bertolt Brecht

Klage des Seami über den Tod seines Sohnes Motomasa

Ich erlernte meine Kunst von meinem Vater; er
Unterwies mich in den Vorschriften und Überlieferungen.
Sie waren geheim, es gab kein Buch.

Seami ist ein japanischer Autor und Schauspieler des 14. Jahrhunderts. Brecht las von ihm und seinem Sohn bei Arthur Waley: The No Plays of Japan (erschienen 1921 in London). Das vielleicht fragmentarische Gedicht wurde erstmals 1993 im 15. Band der Großen Kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe veröffentlicht, es steht dort auf S. 286

Rationalistische Exegese

Heinrich Heine

Rationalistische Exegese

Nicht von Raben, nein mit Raben
Wurde Elias ernähret –
Also ohne Wunder haben
Wir die Stelle uns erkläret.

Ja, anstatt gebratner Tauben,
Gab man ihm gebratne Raben,
Wie wir deren selbst mit Glauben
Zu Berlin gespeiset haben.

Entstanden 1850

Aus der Bibel, 1. Könige 17:

Der Prophet Elia aus Tischbe in Gilead sagte eines Tages zu König Ahab: »Ich schwöre bei dem HERRN, dem Gott Israels, dem ich diene: Es wird in den nächsten Jahren weder Regen noch Tau geben, bis ich es sage!« 2 Danach befahl der HERR Elia: 3 »Du musst fort von hier! Geh nach Osten, überquere den Jordan und versteck dich am Bach Krit! 4 Ich habe den Raben befohlen, dich dort mit Nahrung zu versorgen, und trinken kannst du aus dem Bach.« 5 Elia gehorchte dem HERRN und versteckte sich am Bach Krit, der von Osten her in den Jordan fließt. 6 Morgens und abends brachten die Raben ihm Brot und Fleisch, und seinen Durst stillte er am Bach.

Oktober

Rajzel Żychliński (* 27. Juli 1910 in Gąbin, damals Russisches Reich, heute Polen; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien), jiddischsprachige Dichterin.

OKTOBER

Der Hurensohn
Mojsche Drunterunddrüber
Fall tot um!
Eine alte Frau redet mit sich
und schimpft
mitten im Oktober-Blätterfall.
Die gelben Blätter fallen, fallen
von den Bäumen herab —
weil die alte Frau schimpft?
Oder weil sie müde sind?
Sie fallen, fallen gelb
vor ihre Füße.

oktober

The son of a bitch
mojsche kapojer
Drop dead!
an alte froj redt zu sich
un schilt
in mitn fun oktober-bleterfal.
di gele bleter faln, faln
fun di bejmer arop —
wajl di alte froj schilt?
zi wajl sej senen mid?
sej faln, faln gele
zu ire fiss.

Aus: Rajzel Żychliński: di lider. 1928-1991. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Hrsg./Ü: Hubert Witt. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 530f

Seitdem die Welt verrohte

Else Lasker-Schüler

Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür.
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.

Make it new

Neu machen

Rabbi Eliezer said
                “prayer ‘fixed’?
                “his supplication bears no fruit

...........................

the question next came up: what
                is  F I X E D?
Rabba & Rabbi Yosef answered
                “whatever blocks the will
                “to MAKE IT NEW

                                    (Talmud)

Aus dem Babylonischen Talmud, Berachot 28b / 29b. Übersetzt von Jerome Rothenberg und Harris Lenowitz aus: Jerome Rothenberg, Harris Lenowitz (Ed.): Exiled in the Word: Poems & Other Visions of the Jews from Tribal Times to Present. With Commentaries by Jerome Rothenberg. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press, 1989.

Rabbi Eliezer sagte
                "Gebet 'festgelegt'?
                "dann wird sein Bitten nicht erhört

............................

als nächstes kam die Frage auf: was heißt
                 festgelegt?
Rabba & Rabbi Yosef antworteten
                 "alles was uns hindert
                 "es NEU ZU MACHEN

                                    (TALMUD)

Rothenberg und Lenowitz schreiben in einer Anmerkung: Vgl. Ezra Pound, Canto 53:

Tching prayed on the mountain and 
   wrote MAKE IT NEW 
on his bath tub. 
   Day by day make it new

Deutsch von Eva Hesse:

Tching betete auf dem Berge und
   schrieb MACH ES NEU
auf seine Badewanne
   Tag für Tag mach es neu

Aus: Ezra Pound: Die Cantos. Hrsg. Manfred Pfister, Heinz Ickstadt. Zürich: Arche, 2012, S. 411/413

(Kaiser Tching Tang, 1766-1753 v.u.Z., schrieb „Mach es neu“ auf seine Badewanne. Er galt als guter Kaiser, der in einer Dürreperiode Geld drucken ließ, damit die Leute Getreide kaufen konnten. Aber erst nachdem der Himmel seine Gebete erhört und Regen gespendet hatte.)

Aktualisierte Version 1989/2017

Rabbi Elieser sagte
                  wer am Wortlaut klebt
                  dessen Wollen wird nicht erhört

..............................

bleibt die Frage, was heißt
                  am Wortlaut kleben?
Rabba & Rabbi antworteten
                  wenn wir es nicht mehr
                  NEU MACHEN
                  KÖNNEN

Etwas mehr originaler Kontext in einer anderen englischen Übersetzung des Talmud:

Rabbi Eliezer says: One whose prayer is fixed, his prayer is not supplication and is flawed. The Gemara will clarify the halakhic implications of this flaw.

We learned in the mishna that Rabbi Eliezer says: One whose prayer is fixed, his prayer is not supplication. The Gemara asks: What is the meaning of fixed in this context? Rabbi Ya’akov bar Idi said that Rabbi Oshaya said: It means anyone for whom his prayer is like a burden upon him, from which he seeks to be quickly unburdened. The Rabbis say: This refers to anyone who does not recite prayer in the language of supplication, but as a standardized recitation without emotion. Rabba and Rav Yosef both said: It refers to anyone unable to introduce a novel element, i.e., something personal reflecting his personal needs, to his prayer, and only recites the standard formula.

ר‘ אליעזר אומר העושה תפלתו קבע וכו‘: מאי קבע א“ר יעקב בר אידי אמר רבי אושעיא כל שתפלתו דומה עליו כמשוי ורבנן אמרי כל מי שאינו אומרה בלשון תחנונים רבה ורב יוסף דאמרי תרוייהו כל שאינו יכול לחדש בה דבר

schpil mir a lidele af jidisch

שפּיל מיר א לידעלע אף ײדיש

schpil sä mir a lidele af jidisch

Text: Josef Kotliar (1908-1962)

Spiel mir ein Lied in Jiddisch,
erwecken soll es Freude, nicht eine Überraschung.
Weil alle groß und klein sollen das verstehen können,
von Mund zu Mund das Lied soll gehen, oj, oj, oj

Spiel, spiel, Musikant spiel,
weißt doch was ich mein und was ich will.
Spiel, spiel, spiel ein Lied für mich,
spiel ein Lied mit Herz und mit Gefühl.

schpil sä mir a lidele af jidisch,
derwekn sol es frejd nit kejn chidesch.
as ale grojs un klejn, soln kenen dos farschtejn.
fun mojl zu mojl dos lidele sol gejn, oj, oj, oj.

schpil, schpil, klezmer, schpil,
wejst doch wos ich mejn un wos ich wil.
schpil, schpil, schpil a lidele far mir,
schpil a lidele mit harz un mit gefil.

Play me a little song in Yiddish
May it wake joy and no surprises,
So everyone, young and old, can understand it.
Let the song go from mouth to mouth!

Play, musicians, play –
You know what I have in mind and what I want.
Play a little song for me –
Play a little song with heart and feeling.

Josef Kotliar (Iosif Solomonovich Kotlyar, Иосиф Соломонович Котляр), geboren in Berditschew (Russisches Reich, heute Ukraine). Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er in Vilnius.

Um mein Land zu versüßen, o Walt Whitman

Jorge de Lima (1895-1953)

Demokratie

Hängematten wiegten meinen Gesang ein,
um mein Land zu versüßen, o Walt Whitman.
Jenipapo färbte meinen Körper gegen den bösen Blick,
Katechismus lehrte mich den Gast zu umarmen,
Kiefernnadeln nährten mich, als ich ein Kind war.
Negermutter erzählte mir Tiergeschichten,
Negerjunge brachte mir Schamlosigkeiten bei,
Panierfleisch, Tapioka, Puffreis, alles aß ich,
ich trank Zuckerrohrschnaps mit Cajúnüssen zur inneren Reinigung‚
bekam Wechselfieber, Frieseln und Lymphdrüsenschwellung,
Hakenwürmer, Sehnsucht, Gedichte;
ich wurde mondsüchtig, verhext und schwenkte die Negerrassel, ‚
redete Unsinn, spielte mit den halbschwarzen Mädchen,
sah Gespenster, Aberglauben, Wassermütter,
sprach mit den Verrückten, sprach mit mir allein,
schwängerte alles, was mir über den Weg lief,
umarmte die Schlange im Buschwald,
vermischte mich, versteckte mich, gab mir den Rest,
um eine gesegnete Seele zu retten
und meinen safranbemalten Leib, tätowiert mit Kreuzen, mit Herzen, mit verbundenen Händen,
mit Liebesnamen in allen Sprachen von Weißen, Mohren oder Heiden.

(1927)

Aus: Brasilianische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg./Ü Curt Meyer-Clason. München: DTV, 1975, S. 50

Gedicht mit sieben Gesichtern

CARLOS DRUMMOND DE ANDRADE

(31. Oktober 1902, Itabira, Minas Gerais, Brasilien – 17. August 1987, Rio de Janeiro)

Gedicht mit sieben Gesichtern

Als ich geboren wurde, sagte ein scheeler Engel,
einer von denen, die im Dunkeln hausen,
zu mir: Los, Carlos, sei linkisch im Leben!

Die Häuser belauern die Männer,
die hinter den Frauen herlaufen.
Der Nachmittag wäre vielleicht blau,
gäbe es nicht so viele Wünsche.

Vorbeifährt die Straßenbahn, voller Beine:
weiße schwarze gelbe Beine.
Wozu so viele Beine, mein Gott, fragt mein Herz.
Aber meine Augen
fragen nichts.

Der Mann hinter dem Schnurrbart
ist ernst, schlicht und stark.
Er redet kaum.
Wenige seltene Freunde hat der Mann
hinter der Brille und dem Schnurrbart.

Mein Gott, warum hast du mich verlassen,
wenn du wußtest, daß ich nicht Gott war,
wenn du wußtest, daß ich schwach war.

Welt Welt weite Welt,
Wär mein Name Türkenfeld,
nicht Lösung wär’s, nur Reim und Scherz.
Welt Welt weite Welt,
weiter aber ist mein Herz.

Ich dürfte es dir nicht sagen:
aber dieser Mond,
dieser Cognac,
machen einen teuflisch sentimental

(1925)

Aus: Brasilianische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg./Ü Curt Meyer-Clason. München: DTV, 1975, S. 90

Ich habe die Veränderung nicht bemerkt

Cecília Benevides de Carvalho Meireles (* 7. November 1901 in Rio de Janeiro; † 9. November 1964 ebenda), brasilianische Lyrikerin

CECILIA MEIRELES

Porträt

Ich hatte nicht dieses Gesicht von heute,
so still, so traurig, so mager,
auch nicht diese leeren Augen,
nicht die bittere Lippe.

Ich hatte nicht diese kraftlosen Hände,
so reglos und kalt und tot;
ich hatte nicht dieses Herz,
das sich nicht einmal zeigt.

Ich habe die Veränderung nicht bemerkt,
die so einfach war, so genau, so leicht;
— In welchem Spiegel ging
mein Antlitz verloren?

1929

Aus: Brasilianische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg./Ü Curt Meyer-Clason. München: DTV, 1975, S.67

ein und alles

Konrad Bayer (* 17. Dezember 1932 Wien; † 10. Oktober 1964 Wien)

 

ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und
ein und

Konrad Bayer: Sämtliche Werke. Hrsg. Gerhard Rühm. Win:ÖBV / Klett-Cotta, 1996, S. 462


nachwort

alles kann dies und jenes heissen.
alles mag auch etwas anderes heissen.
der apfel zwischen den zähnen ist geschmack.
der stein auf meinem schädel ist ursache einer beule.
die dame vor deinen augen ist einstweilen noch ein anblick.

Ebd. S. 530

Johannes Theodor Baargeld (Zentrodada)

26 DOCH SIMPEL

26 Lautzeichen, I guess, allerdings als Handhabe errungenschaftlich simpel. Wer erwärmte sich nicht für sich, um rein dazustehen. Adonismus, jene verschämte Hilfsstellung der zwei Finger, mag hier als Infantilperversion das präejakulative Erkenntnis noch aufkitzeln. Auf jeden Fall: Was jene sozialen Fertigkeiten anbelangt, wird man sich doch wohl noch als Brennscheere denken können, und sieht sich zwangsläufig das Befriedigungsalphabet nach bestem Können zur Weltanschauung ondulieren. Es ist wesentlich, als Maßstab dort das Können tierstimmimitatorisch bauchzujodeln, wo es nur terminologisch vorhanden und als Reflexion (secretio interior impotentiae) gesellschaftswertet wird, um festzustellen, daß diesartige Reflexionen lediglich die lustreiberische Auskosung jener spärlichen Nurnochreizanläufe sind, die man sich noch für eine zeitlang mit verstohlener Koketterie zuspricht. Also von vulgärster Langeweile und bestenfalls erträglich verlogen.

(1920)

Johannes Theodor Baargeld: Texte vom Zentrodada. Hrsg. Walter Vitt. Nachwort Karl Riha. Siegen 1988 (Vergessene Autoren der Moderne XXX), S. 18