Schwarze Mamba

Martina Kieninger

Aus dieser Wohnung, die vor einigen Jahren auch mir gehörte, die ich verlassen habe mit all ihrem Mobiliar, dem Sofa aus Kunstleder, der dunklen Kredenz, der Esszimmergarnitur – ein sehr geschontes Mobiliar, immer noch liegen die Schutzhüllen aus Plastikfolie über den rotsamtnen Sitzflächen der geschnitzten Stühle – aus unserer Wohnung zog ich zu ihr.

Es ist nicht einmal auszuschliessen, dass ich sie, meine Ex, wegen dieser Plastikhüllen über den Samtsitzen verlassen habe. Diese Hüllen: sie wirkten auf mich wie materialisierte Übervorsichtigkeit, eine Schonhaltung dem Leben gegenüber, abwaschbare Lebensangst, ein Leben wie nicht gelebt, das mich in die Zimmerfluchten des Palacio Salvo verschlug, in ein umfunktioniertes Hotelzimmer mit mamornen Mosaikböden, altmodisch hohen Zimmerdecken, schmalen Fenstern.

Mit zwei Koffern zog ich um, nur Kleidung und Bücher, hängte meine Anzüge neben die Kleider meiner Frau, ihre Kostüme und Blusen, den Rest, die Stühle, Tische, Teller und Töpfe hatte ich meiner Ex überlassen, nie waren sie mein Besitz gewesen, es waren immer die Möbel meiner Ex gewesen, ihre Couchgarnitur aus weissem Kunstleder, ihre Kredenz, ihr Esstisch, ihre hochlehnigen Stühle mit den rotsamtnen Sitzpolstern und Plastikfolien darüber. Ob ich letztlich wegen dieser Plastikhüllen über dem Polstersamt ausgezogen bin, wegen der Kredenz mit den blassen Blumen und leeren Parfumflakons, weiss ich nicht zu sagen, Schonen und Besitzen, meine Ex, ich stelle dies immer wieder mit großem Erstaunen fest, Maria Jose kann sich sowenig von ihren Besitztümern trennen wie ihre Mutter, auf deren Schrank sich noch die alten Koffer stapeln, mit denen sie in den Fünfzigern nach Buenos Aires reiste. Besitzen und Festhalten – es war dies der sicherste Weg, mich zu verlieren. Komme ich – selten genug – in diese, meine ehemalige Wohnung, so stehen die leeren Flakons noch immer auf der Kredenz wie eine Erinnerung an die Parfums, die ich meiner Ex im Laufe unserer Ehe geschenkt habe – ich verstehe diesen Sammeltrieb nicht. Vielleicht erlangt Maria Jose durch das Aufbewahren dieser an sich wertlosen Dinge ein gewisses Gefühl von materieller Teilhabe an der Welt, die sie in Wirklichkeit nicht besitzt.

Wir leben also im Hotel, ich und meine Frau, in einem ehemaligen Hotel, dessen Zimmerfolgen Mitte der Siebziger zu verschiedenen Wohnungseinheiten zusammengestellt wurden, weitervermieteten, meist möblierten Wohnungseinheiten, in einer angemieteten Wohnung leben wir, die eigentlich keine möblierte Wohnung mit funktionsfähiger Ausstattung ist, eher ein Grab der Dinge.

Dinge wie Ausgrabungsgegenstände, wie auf einem Sediment, schichtweise überlagerte unser zunehmender Besitz das, was an Einrichtung zur Vollmöblierung der Wohnung gehörte, bei ihrer Anmietung. Das Besteck, das Helene, meine Frau neu gekauft hat, überschichtete die Altbestände in der Küchenimprovisation, auf die zerbeulten Billigtöpfe stellte sie die guten, neuen, die sie von einer Europareise mitgebracht hatte, den Rest: Ölbilder von Sturm und Seenot, das Bettzeug, mitgemietet, der Geruch fremden Schlafs, hatten wir in Plastiktüten hinten im Schrank verstaut ebenso die leeren Parfumfläschchen von Simsen und Ablagen.

Das Aufbewahren alter Parfumflakons, deren Inhalt längst verbraucht ist, scheint mir – ich möchte darin ein südamerikanisches Phänomen erblicken, denn Helene, die einst eher zufällig als Lebensabschnittspartnerin eines Berliner Diplomaten nach Montevideo gelangte, sich nach Verschwinden des Botschaftsangehörigen jedoch zum Bleiben entschloss, Helene entsorgt die Glasflaschen umgehend, nicht so Maria Jose, meine Ex, auf deren Kredenz noch Exemplare aus den späten Achzigern stehen, verstaubende Geschenkpackungen in beflockten Pappschachteln mit barockprächtig goldgestanzten Markennamen der längst verbrauchten Inhalte, Massenware, die sie gleichwohl nicht wegwerfen kann, als ob die leeren Schächtelchen und Fläschchen, die Flakons und Döschen sich wieder von selbst füllten, sie werden zu Antiquitäten, erklärte mir Helene, wenn man sie nur lang genug aufbewahrt, aber nicht alle. Und nicht jede. Die von Lalique schon. Was meinst du, was man in Berlin dafür zahlt. Es ist nicht Lalique sagte ich, es ist Avon.

Von hier aus weiß ich eigentlich nicht, was ich noch erzählen sollte, so schrieb ich dem Ermittler, den ich beauftragt hatte. Ich liebe Maria Valkyria, Valkyria aus Buenos Aires, zugegeben, ich kenne sie nicht, ich kenne sie nicht näher und doch genau, ich kenne ihre Meinungen, ihre Ansichten, aus emails und postings und chats und blogs, doch besitze ich weder Anschrift noch Telefonnummer. Ich hätte sie gerne angerufen, doch davon wollte sie nichts wissen, sie war es, die mich anrief. Sie bestand darauf. Sie wolle mir ihre Telefonnummer nicht nennen und in vielen mails nannte sie mir die mehreren Gründe, die sie hinderten mir ihre Daten zu überlassen, sie nannte nur ihren Nachnamen, einen Nachnamen, der mit K beginnt, deutscher Abstammung vermutlich, Kunz vielleicht oder Kuntze, Kunze y Gomez, es ist keiner dieser seltenen Namen, auch wenn der Anfangsbuchstabe K keinen Spitzenwert bezüglich seiner Seitenzahl im Telefonbuch von Buenos Aires einnimmt, so ist Kunz wie Kuntze durchaus mehrfach vertreten, ich bitte Sie also um den vollständigen Datensatz der Dame mit Geburtsdatum, Geburtsort, einen eineindeutigen Datenzusammenhang, der nur und nur auf diese eine Person weist. Sie werden, sehr zu Recht, einwenden, dass der Nachname möglicherweise eine vollständige Erfindung der Dame sei. Dem habe ich wenig entgegenzusetzen, gebe jedoch zu bedenken, dass sie in diesem Fall wohl einen C-Familiennamen gewählt hätte, Casanova, Casablanca, warum also ausgerechnet deutsch? Darauf wußte er, der Ermittler, dem ich ein gewisses Verständnis für psychologische Stimmigkeiten unterstellen darf, nichts zu erwidern.

Die Daten, die ich besitze, umfassen also nicht mehr als diesen deutsch-spanischen Nachnamen, den Maria Valkyria mir nannte, sowie ihre email-Adresse, eine Versteckadresse übrigens, eine Adresse bei einer dieser Werbeplattformen, hotmail, gmail, die sie sich gesichert hat unter einem Spitznamen, patalapata@gmail.com. Sie wissen hiermit eigentlich alles, schrieb ich dem Ermittler. Glauben Sie mir, dass ich nichts unversucht ließ, die zu patalapata gehörige IP-Adresse herauszufinden, Gebiet, Anbieter, von dem aus sie ihre emails verschickte, es war vergeblich, es spricht für ihre Intelligenz, ihre Computererfahrung, sie hatte mit Anonymisierern gearbeitet, aber warum? Von Beginn unseres Meinungsaustauschs bis zur letzten Zeile schrieb sie unter Zuhilfenahme der misstrauischsten Software, ein Umstand, den ich ihr gegegenüber in einer diesbezüglichen mail erwähnte, nicht etwa vorhielt, wofür sie jedoch eine Antwort von gewisser Nachvollziehbarkeit hatte, eine Antwort, die hier nichts zur Sache tut.

Nur ein einziges Mal konnten wir, ich und ein Kollege, den ich ins Vertrauen gezogen und um Hilfe gebeten hatte, den Standort des benutzten Rechners ermitteln, es handelte sich um ein Call-Center in Nähe des Hafens. Ich stelle mir vor, wie sie, Maria Valkyria, dort zwischen den Begrenzungspappen der Halbkabine sitzt, hinter sich das Telefongeschrei schlechtbezahlter Seeleute, die dort zu den billigeren Tarifen in ihre Heimatländer telefonieren.

Aus der Vorstellung der schwatzenden Callcenter trat ich an jenem Abend in die schweigende Wohnung – es schwieg die Wohnung, die ich betrat, Helene wird ins Bett gegangen sein, sagte ich mir, sich auf die von uns angemietete Matratze gelegt haben, prall von den Träumen derer, die vor uns im Vollmöblierten hausten, dem Schlafgeruch der Vormieter, auf den Schichten des Geruchs wird sie liegen, doch unter der Badezimmertür, durch den unteren Spalt zwischen Tür und Fußboden drang Licht, ich öffnete die Tür zum Bad um die Lampe auszuschalten. Helene saß auf dem Badewannenrand.
„Du rauchst?“
„Nein“, erwiderte sie und zog an ihrem Zigarillo.
„Still.“
Eigentlich bestand kein Anlass zu dieser Aufforderung, klar und deutlich drangen die Worte aus dem Rohr, sie rutschten aus der Rohrleitung, es war keine Lauschanstrengung nötig.
„Ich weiß wirklich nicht, was du damit anfangen willst“
Es war nicht herauszufinden, woher die Stimme kam. Wo sich die Wohnung befand, in der diese Worte gesprochen wurden, aus welcher Wortrichtung die Sätze drangen, war im Augenblick nicht mit Bestimmtheit zu sagen, Denkpause, dann eine Entgegnung, seine Entgegnung, eine Männerantwort, still, nicht so laut, was sollen denn die Nachbarn von uns denken, vielleicht, ich weiß es nicht, dunkle, schlecht übertragene Worte, nicht klar zu verstehen, nun lachte die Frau.
„Die Laken auch?“ fragte sie, die Stimme durch die Rohre, eine volle, dunkel getönte, sehr weibliche Stimme, eine Stimme von Üppigkeit und Erotik .
„Gut, werfen wir die Münze. Ich will mich nicht streiten.“
Wir hörten die Frau oben kichern
„nicht um ein paar Bettlaken“ –
„Streiten! Du willst nicht streiten. Das ist mir neu“
Seine Antwort verrauschte in den Rohren.
„Obwohl“, so fuhr die Frauenstimme fort, wie gewillt, ihn zu überhören: Obwohl ich wirklich nicht weiß, was du mit Bettlaken anfängst, du wirst ihr doch wohl kaum unser altes Bettzeug mitbringen wollen“. Vielleicht sagte sie auch „ anbieten“ statt „mitbringen“ – ich weiß es nicht mehr, die Sätze waren nur zur Hälfte verständlich, ich reimte den Rest zu meiner Vorstellung, ergänzte ihn.
Sie kicherte. „Und außerdem habe ich sie bezahlt.“
„Wen?“
„Die Laken, aber bitte.“
Ich sah Helene an: „Das verspreche ich dir, Helene: sollte ich hier ausziehen, werde ich nichts mitnehmen, nichts, gar nichts.“ sagte ich, obwohl es keinen Anlass zu einem solchen Satz gab, doch Helene sagte nichts.
Wir saßen lauschend, schweigend auf dem Badewannenrand, versuchten, weiterhin vergeblich, den Wortwechsel zu orten, Schallverzerrung, das Hotel durchziehn die Rohrsysteme, Zufuhr und Abwasser, ich kenne nicht die Wasserwege im Palast, die Rohre der Entsorgung nicht, nicht die Rohrwege der Mülltüten, die wie schwere Frauenkörper, bleich und willenlos wie Leichen mit weichen Geräuschen ihren Weg durch die Stockwerke fallen, plötzlich die Koordinaten der Stimmen fast peilgenau zu erfassen, sie waren über uns, ich habe sie mir eingeprägt, die Geräusche, die Wege des Schalls und ich hätte schwören können – doch davon später.

Vielleicht waren sie nur ein einziges Stockwerk von uns entfernt.
„Unwahrscheinlich“ stellte Helene fest: „falls die Wohnungen über uns dieselbe Raumaufteilung besitzen. Ich glaube nicht, dass die beiden auf dem Fliesenboden ihres Badezimmers hocken um Laken zu verteilen. Sie müssen im Schlafzimmer sein“
„Vielleicht ist die Tür offen. Die Tür zum Bad.“
Es ging weiter.
Schritte in klappenden Hacken und in diesen – aber das konnte ich selbstverständlich nicht hören – Seidenstrümpfe um madenbleiche Beine– so stellte ich sie mir jedenfalls vor – vermutlich aus dem Schlafzimmer über den Korridor am Badezimmer vorbei in die Küche, der durch Rohr, Boden, Wand übermittelte Klang der Schritte deutete darauf, dass sich die Wohnung tatsächlich genau über der unseren befand.

Nun klar und deutlich die Worte: Du auch? Dann ein Ziehen und Ploppen wie von einer Kühlschranktür, wie die Überwindung eines leichten Unterdrucks, der die Kühlschranktür verschlossen hält, Flaschenklirren, still, sagte Helene wieder, sie könnten uns hören, sie könnten hören, dass man ihnen zuhört, es wäre peinlich.
Ich sagte nichts, stattdessen stellte ich mir ihren Mund vor, den Mund da oben, den passenden Mund zur Rohrstimme, wie er in den nach gärenden Nahrungsmitteln riechenden Atem des Kühlschranks hineinsprach. Dann mußte ich wieder die Beine zu den Schritten denken, die ich nicht anders zu denken vermochte als prall und bleich, die zu den blassen Beinen passende Figur, füllig und wie nicht zu fassen, ich betrachtete die rauchende Helene und dachte an Valkyria.
„Und du willst wirklich die Töpfe?“ fragte sie wieder, die Stimme deutlicher durch die Rohre. „du kannst doch gar nicht kochen.“
„Wenn du schon so fragst, dann, ja. Ja, die Töpfe auch. Und die Hälfte vom Geschirr.“
„Fang auf“
Klirren. Kurz darauf hörte es sich genauso an wie es sich anhört, wenn einem Menschen ein Haken in die Magengegend versetzt wird. Woher ich das weiß, wieso ich weiß, wie sich das anhört, tut ebenfalls nichts unmittelbar zur Sache.
„Müßten wir nicht die Polizei rufen“ sagte Helene und ich schlug die Bar gegenüber vor.

Guck mal nach hinten, aber dreh dich nicht um, sagte ich zu ihr, zu Helene, sie drehte sich natürlich trotzdem um, die volle Halbdrehung, Helene kann nicht unauffällig schauen wie die Südamerikanerinnen, nicht mit gesenktem Lid durch den schwarzgefiederten Fächer der Wimpern blicken, allerdings erwies sich meine Bitte als überflüssig, denn es war nichts zu sehen von der Meinungsverschiedenheit in der Wohnung über uns , deren Zeuge wir durch die Rohre hindurch geworden waren, die Stimme erhob sich, ging nach vorne und stand im Licht der Scheinwerfer, die madenfetten Beine stimmten nicht, sie war sehr schlank, sie war wahrscheinlich etwas jünger als Helene und sie hieß Giovana.

Ich verstand ihn trotzdem, Sie kennen den Text sicherlich, obwohl sie die Worte bis zur Unkenntlichkeit in den Melodiebogen stauchte und zerrte, En fun da la / man do li na / ya noes tas pa / se re na tas – die Silben sinnwidrig zerschnitten und geklebt, ya noes tas pa – ya no estas pa müsste es heissen, / en la tim ba / de la vi da / me plan te con / sie tey me dio – Enfunda la fun dala la mando lina, geh heim, Alter, die Frauen sind nichts mehr für dich, Qué querés, Cipriano, was willst du, hast keinen Saft mehr – ya no das más jugo. Son cincuenta abriles que encima llevás. Ich werde im April fünfundfünfzig, es wäre mir angenehm gewesen, hätte Giovana einen anderen Text gesungen – nicht diesen Tango, der mich, ich gebe es zu, verstimmte, höchstens 26, 27, Valkyria hat eben erst ihr Studium abgeschlossen.

“Gut, dass wir die Polizei nicht gerufen haben,” flüsterte meine Frau.
“Helene”, sagte ich, “ich muß mit dir reden.”

Ich hatte das alles bereits mit meiner Ex durchlebt und auch dieses Mal fiel es mir nicht leicht. Sie solle es bitte nicht als Kritik auffassen, aber es stimme ja wohl, dass sie sich nicht für die Papiermühlen an der Grenze zu Argentinien interessiere, nicht für das Zusammenspiel von Wirtschaft, Naturschutz und Außenpolitik, ja, sagte sie, seitdem Stefan sie in Monte habe sitzenlassen, nicht für die Themen, fuhr ich fort, ihren Einwurf übergehend, denn schließlich bin ich nicht daran schuld, dass der Typ nach Deutschland abgehauen ist, nicht für Gewässerschutz, die ich, als Chemiker, mit einigem Interesse verfolge, dann betonte ich, wie harmlos freundschaftlich die Beziehung mit Valkyria, Maria Valkyria Kuntze y Gomez begann, öffentlich begann auf einem der Zeitungsforen und mit einer Antwort auf eine chemische Fragestellung, Dioxine betreffend, Valkyria, als angehende Ökonomin, wie sie sich an einer Zeitungsdiskussion bezüglich der Zukunft der Papeleras, der Papiermühlen beteiligte, wir schrieben uns in der Folge mit zunehmender Frequenz, öffentlich und jederzeit einsehbar, aber Helene hat sich, diesen Vorwurf kann ich ihr nicht ersparen, nie um dergleichen Themen bekümmert, weder um Ökonomie, Ökologie noch Südamerika, sie hätte mitlesen können, den Austausch, den wir hatten, hätte sie mitverfolgen können, Osvaldo und Valkyria, beso Valkyria, beso Osvaldo, Waldo, Walli, Walli, Waldo, so ging das webseitenlang und immer noch auf den unverschlüsselten Seiten, dann erst, vor drei Monaten tauschten wir die mail-Adressen. Ich muß mit ihr zusammenleben, es ist unvermeidbar und ich erwarte auch gar nicht, dass sie, Helene, mich versteht, ich werde zu ihr ziehen, in die Wohnung, die wir uns in Pocitos mieten werden, ich dachte, sie lebt in Buenos Aires, so Helene erstaunt, hast du nicht gerade vor fünf Minuten gesagt, dass sie in Buenos Aires wohnt? Sie kommt nächsten Monat nach Montevideo, wenn sie, Helene, auf Deutschlandbesuch sei, dass ich Valkyria vom Flughafen abholen, dass ich mit Valkyria zunächst ins Victoria Plaza ziehen werde und dass ich sie, helene, davon habe vorab informieren wollen.

Ich hätte, sie, Helene nicht in gleicher Weise vor vollendete Tatsachen stellen, sie mit Valkyria betrügen können wie ich meine Ex, wie ich Maria Jose mit Helene betrog, ich hätte ja auch einfach gehen können, das müsse mir zugute halten, meine Hosen und Hemden aus dem Kleiderschrank nehmen können, sie, Helene hätte bei der Rückkehr von ihrer Reise die Wohnung leer gefunden, es wäre leichter gewesen für mich, es hätte in jenem Monat zwischen Geständnis und Ankunft diese zahlreichen Gespräche über Valkyria nicht gegeben, über ihr Aussehen. Alter, Genaues, alles wollte sie, Helene, wissen und ich nehme an, dass sie daran zweifelte, dass selbst mir nicht viel mehr bekannt war als email-Adresse, jpg-Datei und Vorname, den Helene wie einen dicken Kloß im Hals ausspricht, da sie das R nicht auf spanische Weise zu rollen vermag, Valkyria, nicht viel mehr als ein Name und doch kenne ich sie besser als ich Maria Jose kenne oder Helene. Ich kenne sie als lebten wir schon seit Jahren zusammen und einen Monat nach jenem Abend fuhr ich zum Flughafen.

Wie ich dem Beauftragten, dem Nachforschenden schon beim ersten Gespräch berichtete, wartete ich am Flughafen in Carrasco vergebens auf eine Maria Valkyria Kuntz oder Kunze.

Nach zwei Stunden beschloß ich, zum Palacio Salvo zurückzukehren, Helene würde die Wohnung bereits verlassen, sie würde ein Taxi gerufen haben, vielleicht würden sich die Taxis, die wir benutzten, sie stadtaus und ich stadteinwärts, noch kurz auf der Rambla begegnen, vielleicht würde ich noch sehen, wie sie am Taxistand vor dem Flughafengebäude mit ihrem Koffer ausstieg. Aber ich traf sie nicht. Vor dem Flughafengebäude schrie ein Bettler einem wild gestikulierenden Trenchcoat hinterher:
“Merken Sie sich das, ich bin Bettler und kein Dienstleister.”

Ich beschleunigte meine Schritte, erreichte den Trench gerade noch, bevor er in sein Auto stieg.
Er griff ins Innere seines Mantels, ungefähr in Brieftaschenhöhe griff er sich ins Mantelinnere, zog an einem Stück Schlauch, etwa daumendick, dessen Kopfende er mir entgegenhielt.

„Was sagen Sie dazu?“ fragte er: „Dieser Mensch, der sich nicht zu schade ist, sein ganzes Leben dem Bürgersteig zu widmen, hat sich geweigert, das heiligzusprechen, was mir das Heiligste ist, meine schwarze Mamba.“

Ich weiß nicht, wie eine Mamba aussieht, ich weiß bis heute nicht, ob es wirklich eine Mamba war, aber ich halte es für möglich.

Die Wohnung im Palacio Salvo war leer und ich ging ins Bad.

„Carrasco“ sagte die Frauenstimme, die ich durch die Rohre hörte, eine Stimme mit einem dicken R, einem deutschen R, das tief im Hals sitzt wie ein Kloß: „Er wird sie jetzt wahrscheinlich ins Victoria Plaza bringen“.

Belichtetes Papier

Angelika Janz

Belichtetes Papier oder
Er denkt an sein Land

Die Hälfte der Welt hat aufgehört, sie selber zu sein, die andere Hälfte hat nie gewusst, wer sie war. Boris Pasternak

Es galt, die dunkelsten Stellen auf dem Papier abzulichten. Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren. Es galt, die Grenzen des Sagbaren – oder Unsagbaren – immer weiter hinauszutreiben, in Regionen, in denen ihre Sprache eine eigene Wirklichkeit schuf. Das Wissen über den Glauben war verloren gegangen, der Glaube an das Wissen überlebte. Am Ende galt es, den Glauben an das Wissen durch das Wissen selbst zu verlieren. 

Das Blatt, das die Kopiermaschine ansaugte, gemäß ihrer Bestimmung, die dunkelsten Stellen auf dem Papier abzulichten, war leer. Oder nicht? Als es wieder hinaus glitt, war es ein anderes. Es war markiert. Die erwartete Kopie des Originals blieb aus. Die Maschine signalisierte einen Defekt.
Ich griff nach dem Original. Nach dem, was ich für das Original hielt. Dort gab es in der Mitte des Blattes eine dunkle Zeile, Buchstaben, die an den Rundungen unterbrochen waren, wieder ins Weiße hinein. Das Wort ließ sich lesen, es hieß Wiederholung. Das aber war nicht mein Wort.
Seit einigen Tagen kopierte ich in dem Büro am Mariannenplatz das Material für eine kleine Publikation visueller Poesie. Diesen Fragmenten ging es wie dem letzten Menschen eines ausgestorben geglaubten Stammes, den es erklärungslos in die westliche moderne Welt verschlagen hatte und der, von ein paar Sonnenstrahlen getroffen, dort erwacht. Ich hatte Monate zuvor einen Roman darüber geschrieben, ihn in eine kleine Holzkiste gepresst und diese für immer zugenagelt.

Das Büro lag isoliert von allen anderen Räumen am äußersten Rand des Komplexes. In dem ehemaligen Krankenhausgebäude einen Steinwurf vom Sperrgebiet der deutsch-deutschen Grenze entfernt verbrachte ich 6 Monate eines Kulturstipendiums. Ich hatte einen Kopierschein. Ich schuf mir damit die Arbeitsgrundlage für mein Stipendium. Doch jetzt hatte ich eine Zwangspause.

Die Schreibkraft am Schreibtisch nahe der Tür hielt in ihrem emsigen Schlagen auf Buchstabentasten inne. Sie schlug die Sprache, die sie auf weiße Blätter übertrug, das hatte ich deutlich im Kopf. Sie riss das engbeschriebene Blatt heraus und spannte in Windeseile ein neues ein. Hektisch setzte sie mit allen 1o Fingern zugleich ein einziges Wort aufs weiße Papier. Dann riss sie das Blatt wieder heraus. Sie schrie auf.

Blass war sie, ihre rosa geschminkten Lippen bebten, als sie zu mir ans wuchtige Kopiergerät trat, das parallel zu den breiten unverhangenen Fenstern aufgestellt war. Die Fenster gaben die Aussicht auf den unbegrünten, in langen Bahnen geharkten Grenzstreifen und den in seinen Konturen scharf heraus stechenden Kontrollturm frei. Das spätnachmittagliche Oktoberlicht schien in der Gräunis der zugemauerten Fassaden gegenüber ersoffen. Dort war die andere Welt, einen olympischen Steinwurf entfernt. Und doch ferner als Australien. Der Wachturm schien nahe herangerückt. Man konnte hinter dem länglichen Fenster des Turms den anonymen Oberkörper des diensthabenden Postens sehen. Er richtete sein Fernglas direkt in unser Büro. Offenbar galt sein Interesse nicht uns, die wir uns unschlüssig im Zimmer hin und herbewegten, sondern dem Kopiergerät und der beeindruckend großen elektrischen Schreibmaschine weiter hinten auf dem Tisch nahe der Tür. Das teilten uns seine hektisch das Glas führenden Bewegungen zwischen den beiden Geräten mit. Es war im Jahr 1986. Jetzt erst bemerkte ich, dass die Schreibdame, die mir nur wenig vertraut war, das Blatt in der Hand hielt. Ihre Hand zitterte und auf dem Blatt stand d a s Wort. Konnte der Kopierer ein Original verschlucken und es gegen ein anderes austauschen?

Im Flur kein Laut, es war kurz vor Feierabend. Der Büroraum lag am äußersten Ende des Gebäudes. Auf einem großen Tableau an der Flurwand hatte ein Künstler einige Dutzend schlecht präparierte tote Tauben angenagelt, in dessen Umfeld goldschimmernde Motten flatterten. Niemand hielt sich in den andren Räumen auf. Vereiste Zeit, eine Zeit ohne Vereinbarungen, ohne augenzwinkernde Zukunft. Im Raum das kanonische Summen der beiden Geräte. Vernetzte hardware war zu dieser Zeit in normal funktionierenden Büros nicht selbstverständlich wie heute und kaum mit Erfahrungswerten in Berührung gekommen. In dem Büro gab es kein Schreibgerät, das mit einem Druckgerät kausal verbunden war und schon gar nicht mit dem Kopierer.

Sanfte Wellen verbrauchter Luft aus den Gebläsen der Geräte versetzten unser Haar in flimmrige Vibration. Das war die einzige unkalkulierbare Bewegung in diesem Raum.
„Ich wollte es nicht schreiben“, stotterte die Frau mehr für sich, „die Maschine tat es für mich…meine Finger…“
„Sie mussten das Wort schreiben?“ fragte ich neugierig.
„Nein“, erwiderte sie. „Ich wollte es, ich schrieb es, aber ich weiß wirklich nicht, warum der Kopierer es protokolliert und gedruckt hat.“
Der Raum war eine Bühne. Eine Bühne mit Augen. Er beobachtete uns.
Sie richtete ihren Blick auf das Blatt, das ich nun in der Hand hielt. Sie schrie auf, grell, wechselte die Gesichtsfarbe: „ Das Kopiergerät muss ein Empfänger sein !“ Hochrot im Gesicht atmete sie theatralisch zwei Mal tief durch und sprach im genervten Tonfall weiter: „Ich bin jetzt fünfzehn Jahre hier und gucke immer auf diesen verdammten Streifen. Die Büroordnung gestattet weder Vorhänge noch Jalousien. Ich habe einmal nachgefragt, warum eigentlich. Das Zimmer sei groß genug, um der Sonne auszuweichen, hieß es. „ Warum erzählen Sie mir das ?“, fragte ich. „Weil sie uns ma-ni-pu-lieren – sie stören täglich meine Arbeit, sie beeinflussen sie, sie verfremden sie!“
Ich war beeindruckt. Mir gefiel, was sie sagte, weil es mehrdeutig war. Damals liebte ich das, weil es ein Schreibversprechen war. Sie deutete auf ihren Arbeitsplatz nahe der Tür. „Sehen Sie, ich hab es mit Distanz versucht. Da sind aber die Balkone und Fenster, drüben, sehen Sie, alles in Ostfarbe, graubrauntrüb. Sie arbeiten dahinter. Da ist immer jemand.“ Sie kicherte. Das Kichern wirkte traurig und selbstbeschwichtigend.
„Länger als zwei Minuten krieg ich da keinen zu Gesicht. Die schaffen sich immer schnell ihre Abgänge. Ist ja auch kein Anblick, das hier, dieses Bürro.“ Sie sprach das Wort zynisch und fast hasserfüllt aus. Man spürte, sie mochte sich nicht und auch nicht ihre Arbeit. Aus ihrem Mund gepresst stand das Wort wie ein politisch brisanter Begriff im Raum. Er passte nicht zu ihr.
Sie war das, was man eine nette Person im besten Alter nennt, trug eine röllchengelegte Frisur um den runden Kopf mit dem immer etwas zu bunt geschminkten Gesicht mit randloser Brille, jugendlich betonte Kleidung rund um den leicht fülligen Leib drapiert oder gewickelt. Die paar Male, die ich sie beim Kopieren erlebt hatte,verrieten: sie konsumierte gern Süßes, trank Auratee und war unpolitisch.

Das Unpolitische war ein bedeutender Teil ihrer Persönlichkeit, wie sie gerne betonte. Sie verwischte mit der Rückhand fahrig ihren Lippenstift. „Aber die da, die, die zwei, die machen sich einen Spaß mit mir. Die kenne ich,“ sie rang nach Luft, „verstehen Sie, ich bin für die ein Opfertyp, Ost gegen West, Sie verstehen, ich könnte ganze Romane darüber zusammenschreiben, wenn ich es hier nach Feierabend nur länger aushielte.“ Mit leisem Stolz fügte sie, auf die Maschine weisend, hinzu: „Das Ding da, das schreibt nämlich wie gedruckt.“ Und dann, gequält: „Ach, und die Ablösungen! Tagtäglich diese Ablösungen! Wenn man nur die Uhr danach stellen könnte!“ Sie setzte ein unbeteiligtes Gesicht auf. Es wirkte wirklich aufgesetzt. Und mit flüchtigem Blick auf das Blatt in meiner Hand tadelnd: „Was soll das, Verschwenderin? Sie haben das leere Blatt belichtet.“ Ich sagte: „Tut mir leid, ich habe das weiße Blatt nicht belichten wollen. Naja, ganz leer ist es nicht. Dieses eine Wort darauf ist vielleicht in Ihren Augen nicht der Mühe wert. Was in mich gefahren ist, es doch zu kopieren, weiß ich nicht. Vielleicht diese immer gleichen Handgriffe der letzten Tage. Ich kann mich an dieses Wort gar nicht erinnern. Sie wenigstens tun mit Kopf und Hand das Ihre. Ich aber tätige das meinige nur mit den Händen.“
Ich muss mir das Mitdenken leider immer verbieten“, sagte die Schreibkraft plötzlich patzig, als habe ich ihr gerade ein Privileg genommen. „Ob ich was abschreibe oder nach skizzierten Anweisungen oder vom Diktaphon schreibe – ich schalte das da ab.“ Dabei tippte sie mit dem rosa lackierten Zeigefinger gegen die Stirn. Sie hatte Stummelfinger, an deren stumpfen Enden lange rosa Fingernägel klebten. Was sie sagte, glich ihren Fingern. „Immer ab schalte ich, immer ab. Ich entscheide hier nicht – , nein, niemals! – eigenmächtig. Ich arbeite eins zu eins. Man vertraut mir vollkommen.“
„Sie ist nun ausgeklinkt“, dachte ich.
Meine Schulter berührte die ihre. Ihr fades Parfüm vermischte sich mit dem Schweiß eines 8-stündigen Bürotages. Wir standen nebeneinander vor dem Fenster, jede mit einem weißen Blatt Papier in der Hand, auf dem ein einziges, das selbe Wort in Druckbuchstaben stand. Irgendwie gelang es uns nicht, vom Fenster wegzutreten. Wir hätten auf dem Gang eine rauchen können, um die Motten zu erschrecken. Im Archivraum einen Kaffee trinken können.
Auf unseren Gesichtern brannte der Fernblick der fremden Grenzbeamten. Menschen, die wir niemals kennenlernen würden. Ihre Blicke wanderten über die Flächen unserer Gesichter, tasteten unsere Körper ab, untersuchten jeden Gegenstand im Raum. In mir schwelte eine fast leidenschaftliche Unlust an der Situation, eine lähmende Gemütstrübnis, der keine Übelkeit folgen wollte, Überdrussempfinden, das aus Ohnmacht entsteht. Wir waren wie abbildhaft fixiert und vollkommen unsinnlich, wir hätten nackt dastehen können, beschmutzt, vergreist. Als Fremde oder als Feindinnen und zu niemandes Freude.

„Es muss eine Verbindung geben zwischen dem Kopiergerät und Ihrer elektrischen Schreibmaschine,“ sagte ich angesichts der deckungsgleichen Worte auf den Blättern in unseren Händen. Damals war es tatsächlich unvorstellbar, was heute selbstverständlich ist. Und es konnte auch keine Verbindung geben, weil niemand je eine solche in Betracht gezogen hatte. Man schrieb in der Regel in normalen Büros auf einer mechanischen oder elektrischen Maschine, und wenn man es wünschte, kopierte man das Getippte noch einmal. Der Kopiervorgang pro Blatt dauerte eine Zeitlang. Es war ein langsamer Umwandlungs- und Produktionsprozess, bei dem man als Wartender mitdachte. Man stand, atmete flach und gestaltete Zeit ganz für sich, bis so ein Blatt langsam das Gerät verlassen hatte. Man atmete Gase ein, die das Gebläse ausstieß. Das Gerät, in dessen Innern chemische und physikalische Prozesse lärmend an einem sichtbaren Ergebnis arbeiteten, war rigide, launisch und in seiner Erscheinung aufdringlich und nahezu gewalttätig. Wenn ich heute das damals so Selbstverständliche zu erklären versuche, schäme ich mich etwas. Ich habe das Gefühl, etwas Vertrautes zu verraten.

„Es gibt keine Verbindung,“ sagte die Schreibkraft schroff, fast böse.
„Dann sind es Strahlungen“, erwiderte ich aufs Geradewohl.
Plötzlich fuhr die Schreibkraft auf. “Darf man erfahren, was Sie seit einer Woche ständig zu kopieren haben?“ Sie steigerte sich in einen Verhörjargon: „Wie ich beobachten konnte, sind das immer nur ein paar Worte auf den vielen Blättern, lohnt sich das? Für wen machen Sie das? Wozu? Sie verschwenden Zeit und Material. “ Ich war verletzt und stürzte in zittrige Unsicherheit, als sei ich dabei, wissentlich einen irreparablen Fehler zu begehen. „Für mich.“ sagte ich nicht ohne leise Beschämung, die sich aus der Erkenntnis schälte, dass tatsächlich niemand verstehen könne, was es mit den Textfragmenten auf sich hatte. „Ich erforsche, wie sich Buchstaben, wenige Buchstaben und Buchstabenformationen, auf dem Papier verhalten…sozusagen. Ich füge ihnen später etwas Eigenes hinzu.“ Ließ sich das so erklären? Und nach einer Atempause sagte ich: “Andere Buchstaben. Ich füge neue Buchstaben hinzu. Der Sinn verändert sich dadurch. Der Sinn wird ein völlig anderer dadurch!“ Ich war erleichtert. Ich konnte meine Arbeit Menschen erklären, die nicht einen Schimmer von ihr hatten. „Und außerdem“ setzte ich noch eins drauf, „habe ich einen Kopierschein. Rt ist Teil meiner Förderung. Es geht Sie nichts an, was ich kopiere.“
Erforschen, hinzufügen, verändern!“ Die Worte kollerten verächtlich aus dem verwischten nassrosa Mund der Frau, wertvolle Worte, die gefangen gehalten wurden in ihrem verstümmelten Lachen, das die Atmosphäre im Raum hässlich färbte.
Ich blieb verletzt. Ich rückte von ihr ab und sah auf den dämmrigen Grenzstreifen an diesem isabellfarbenen Oktobernachmittag hinaus. Was reimte man sich wohl dort hinten zusammen, während man uns beobachtete? Auf einmal fühlte ich mich dorthin mehr zugehörig als hierher.

Ein Wurf Spatzen balgte sich in den exakt gezogenen Furchen der nahezu unkrautfreien Erde des Niemandslandes. Lebendige kleine Schattenvögel auf grauer Erde im gelbgrau gesprenkelten letzten Tageslicht.
Dort müsste einmal Saat aufgehen, dachte ich wehmütig. Ein Beet ausgewachsener Kohlköpfe, violetter, grüner und gelber Kohlköpfe. Dazwischen scheckige Kaninchen. Kleine goldene Hamster und gefleckte Meerschweinchen. Und bunte Futterhäuschen dazwischen.

Im Turm drüben regte sich etwas. Was die beiden Grenzer in Bewegung brachte, gehörte nicht zum üblichen Dienstvollzug dieser Männer, das spürte ich. Einer der beiden hastete in dem kleinen Hochverlies zwischen den 4 Fenstern hin und her. In Richtung der gegenüberliegenden verwaisten Balkone riss er mehrfach sein Glas hoch und ließ es wieder sinken, hastete zwischen den Himmelsrichtungen hin und her. Erwarteten sie etwas? Das schnurgerade auf die Grenze und auf unser Büro zulaufende Grau wurde durch ein zweimenschengroßes, helles Geschoß plötzlich verstört. Verstört und dann aufgerissen. Eine kleine, helle, bewegliche, menschenkompakte Masse. Und schon hielt im herüberkreischenden Bremslärm, umwölkt vom Rauch des Dreitakters ein knallgelber Trabant. Sein Fahrer entwich dem Gefährt wie ein Gas, nicht unähnlich den unter grell eingeschalteten Scheinwerfern dinghaft geballten Auspuffgasen.

Er verschwand im Schatten der Mauer.

Wie gebannt hatten die beiden Uniformierten das undecodierbare Geschehen vom Wachturm verfolgt. Uns verband ein gemeinsames Bildgeschehen, ein Augenblicksfilm. Dann verschwanden sie aus dem Blickfeld des Turmfensters und tauchten auf dem Streifen vor dem Turm wieder auf, anonyme, uniformierte unbewegliche Verwischungen.

Hatte die Bürodame gar nichts bemerkt? „Das ist Blattverschwendung!“ stieß sie in meine Richtung hervor, als habe es die wenige Sekunden zwischen uns andauernde Solidarität in Notwehrstimmung nie gegeben. Ich registrierte diesen Satz und beantwortete ihn sofort mit einem unsanften Puff in ihre gepolsterte Seite. Denn in diesem Moment hechtete ein gedrungener, eher kleiner Herr in dunklem Anzug, mit großen, seiner Körpergröße unangemessenen Sprüngen über den Todesstreifen Richtung Kontrollturm.

Der darf“, ließ die Schreibkraft anerkennend vernehmen, sie hatte den Grund ihrer Verärgerung vergessen. Aus den verwaisten Abschottungen der Fenster und Balkone auf der anderen Seite konnten plötzlich bewegliche grelle Lichtstreifen nach außen dringen und uns ungebrochen erreichen.

Der fliehende Mann war ein Fremdkörper. Er hielt beim Laufen in seiner rechten Hand etwas Rundes, Kompaktes hoch wie einen Ausweis. Erst war es nur eine Scheibe mit gleichmäßig bemustertem Rand, wurde plastisch im Näherkommen. Es war ein Wecker, ein billiger nostalgischer Wecker, wie man ihn im Kaufhäusern bekommt, ein Wecker für ein grausames, gänzlich untherapeutisches Wecken, der jetzt im Scheinwerferlicht bronzefarben aufblitzte. Einer der Uniformierten verharrte mit dem Rücken zu uns unbeweglich, während sich ihm der Weckermann näherte. Der zweite Grenzposten war nicht mehr zu sehen.

„Ein hohes Tier“, murmelte die Schreibkraft hypnotisiert, „ein sehr hohes Tier. Dabei rollte sie auf russische Weise das r. Und weiter: „Das ist keine Kontrolle und auch keine Ablösung, auch kein Fall von Republikflucht,- oder ist es…die Ablösung?“ Und sie wiederholte: „Die Ablösung?“ Als der Posten beflissen Dienstmütze, Jackett und Koppel richtete, um schließlich mit herab gefallenen Armen mit Blick auf den Weckermann zu erstarren, murmelte sie noch einmal : „Das ist was Höheres.“ Drüben tockerte noch immer der gelbe Trabi, produzierte dicken grauen Nebel.

Die Lichtstreifen hinter den Fenstern und Balkonen schalteten sich alle zugleich ab. Die beiden Menschen im Niemandsland schienen in verwischter Zeitlupe weiterzuexistieren. Die Berliner Dämmerung, die schon Ende Oktober ab mittags fast überall Zimmerbeleuchtung erforderlich macht, verbreitete jetzt eine falsche Traulichkeit, verödete diesen Ort am Ende alles Weltläufigen.

„Es gibt also auch hier Schlupflöcher“, bemerkte ich in Verkennung der Lage, „man müsste sich seine Spuren merken und dann…“
„Das probierʼn Se mal,“ berlinerte die Bürokraft zurück. Sie hatte ihr distinguiertes Angestelltengebaren abgestreift, als sie mich anfuhr : “Sie…Sie falsches Original! Nichts verstehen Sie! Sehen Sie genau hin! Der da, der da jetzt dem Grenzer den Wecker auf seinen ollen Duckschädel haut, der da….“ und tatsächlich sank der Uniformierte unendlich langsam nieder, „…der da weiß es! DER wiederholt sich nie!“

Der gedrungene Zivile mit dem Wecker wirkte unbeholfen. Wer verwendete schon einen Wecker als Waffe? Und das auf einem der gefährlichsten Grundstücke der Welt? Gefahren warten doch nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren. Ein wenig hektisch geworden, als habe er mit der Ohnmacht des Beamten nicht gerechnet, versuchte er ihn Richtung Kontrollturm zu schleifen, ja, er musste ihn die Treppen hoch gezerrt haben, denn nach einer Weile sah man ihn oben angelangt mit dem erschlafften Körper agieren, – einmal sah man einen hochgerissenen Arm, eine flatternde Hand, einen grobbeschuhten Fuß, in der Luft abgeknickt. Endlich schien er zur Ruhe gekommen zu sein und sichtlich erschöpft stützte sich der gedrungene Zivile irgendwo auf. Der zweite Posten blieb verschwunden. Plötzlich sahen wir das Fernglas auf uns gerichtet. Der fremde Zivile – seine etwas unbeholfenen Bewegungen ließen auf einen Mann um die fünfzig schließen – nahm uns ins Visier. „Schluss jetzt!“, schrie die Bürodame,“ ich hab auch was! Ja, da wirʼste staunen, ich kann nämlich auch!“ Sie riss ihre Brille vom Gesicht, das auf einmal ganz flach geworden war und wehrlos wirkte.

Wie der Mann drüben, so hechtete jetzt sie mit Riesenschritten durch den schlauchartigen Büroraum zu ihrem Schreibtisch an der Tür, riss eine Lade auf und beförderte ein elegantes gold-glitzerndes Opernglas zutage. Triumphierend hielt sie es hoch und war schon wieder am Fenster. Was passiert, wenn zwei Augenpaare über eine erhebliche Strecke hinweg durch Ferngläser einander treffen? Verschmelzen sie zu e i n e m Augenblick jenseits beider Blicke?
Dort draußen standen die spätherbstlichen Abendnebel unwirklich und kompakt mit durchsichtigen Zwischenräumen: Gestalten aus noch unentschiedener Materie auf dem Niemandsstreifen. Drüben produzierte noch immer der gelbe Trabi Lärm und dicken grauen Nebel.

Und ich hielt noch immer das umsonst belichtete Blatt Papier mit dem einen Wort in der Hand. Ich sah auf das Blatt und las das Wort Wiederholung: noch einmal.
„Ich wiederhole ihn, ich kopiere ihn!“ rief die Sekretärin unbeherrscht, ließ das Glas sinken und riss mir das Blatt aus der Hand. Sie las das Wort noch einmal still für sich, wobei sie die Lippen lautlos bewegte. „Sie werden sehen, er versteht uns!“ Sie gab mir das Blatt zurück. „Halten Sie es hoch, nein, nicht so Herzchen, so, ja, zu ihm, mit der Schriftseite zu ihm, in seine Richtung! „ Sie kommandierte: „Sie geben das Signal, ich überprüfe die Wirkung!“ Und legte das kleine Glitzerfernglas wieder an. Ich dachte: „Wenn du jetzt nicht einfach gehst, landest du in einem Albtraum. Nicht zu wissen, warum die Dinge geschehen, stürzt dich aus allen Halterungen vertrauter Ichvisionen.“

Ich blieb.
Ich hielt das Blatt hoch. Ich nehme ein Blatt vor den Mund, dachte ich. Der Zivile schien es zu lesen, gelesen zu haben. Es löste eine kleine Freude in mir aus, dass er mich bemerkt hatte, war ich doch Teil eines Ablaufs von vielleicht schon lange geplanten Vereinbarungen, an denen ich keinen Anteil hatte. Dann ließ er sein Fernglas sinken und wandte sich wieder ins Innere des Turmraumes.
Ich legte das Blatt beiseite, nahm der Anderen das Opernglas aus der Hand. Seltsamerweise ließ sie es geschehen. Ich richtete die Schärfe des Glases ein und erschrak vor der Nähe des fernen Ortes. Er wirkte karg und leer geräumt in dem matten Neonlicht. Der vorherrschende Ton tendierte zu einem matten Oliv-schwarz- weiß. Der mutmaßlich von der Weckerwaffe unschädlich gemachte junge Soldat hatte sich aufgerichtet. Wie er so wackelig dort stand, zeigte sein Gesicht Verblüffung und – ich war fassungslos – Respekt. „Er hat ihn nicht niedergeschlagen“, fasste ich meinen Eindruck zusammen „der Mann ist beim Anblick des anderen Mannes ohnmächtig geworden und sein Kamerad hat die Fassung verloren und ist geflohen!“ „Halt den Rand!“ ließ die Bürofrau vernehmen und nahm das Glas wieder an sich, ehe ich noch das Gesicht des Zivilen erforschen konnte, „Ihr Studierten wollt es immer anders gesehen haben, damitʼs hinterher einen Rest Aufklärungsbedarf gibt, so oder so, euch ist das Geheimnisvolle immer passender, statt der nackten Wahrheit ins Auge zu blicken!“ Und nach zwei hektischen Atemzügen: „Er schlug ihn mit dem Wecker nieder, pariert? Er schlug ihn nie-der, zack – und basta! Der Grenzer hat nur seine Pflicht getan!“

„Indem er niedersank“, ergänzte ich. Der gedrungene Zivile bewegte sich langsam, ungeübt, ungelenk. Der Grenzer war nicht mehr zu sehen. Er war – wohin auch immer – gegangen, wohl, um Meldung zu machen. Das Motorengeräusch des gelben Trabis gehörte nun ins Bild – als zweite Sinneswahrnehmung- oder Täuschung. Doch das Fahrzeug war in dem selbst produzierten Nebel nur noch zu ahnen.

Offenbar schaltete der Fremde drüben an Kontrollvorrichtungen herum, die man nicht sehen konnte; der Kopf war halb gesenkt, sein ab und zu aufschauendes Gesicht verriet ratlos konzentrierte Anspannung. Im Turm wurde es um einige Nuancen heller, es reichte aber kaum aus, Vertrauen in einen mutmaßlich alltäglichen Vorgang zu verbreiten. Der zu Kräften gekommene Grenzsoldat bewegte sich nur minimalistisch nah am Körper des Anderen, es wirkte, als versuche er ihm vergeblich Deckung zu geben. Manchmal hielt er sich die Hand vor den Mund, als ob er hustete. Dann umklammerte die Hand des Zivilen etwas Längliches, Dunkles mit einer langen Schnur daran, ein Mikrophon! Er versuchte, dahinein zu sprechen; seine legere Haltung signalisierte, dass er keine Befehle erteilte. In kleinen Schritten durchmaß er das nüchterne Turmzimmer, der Soldat in kleinen Schritten folgend, er schien zu plaudern, gestikulierte sparsam wie ein Moderator, doch mit fahrigen Blicken. Dann legte er das Mikrophon ab, griff in die Innentasche seines Jacketts, um ein weißes, offenbar beschriebenes Papier herauszuziehen.

„Aha?“, ließ die Bürofrau vernehmen, als habe sie genau das erwartet, sei aber nicht völlig sicher. Der Mann auf der anderen Seite faltete das Blatt langsam auseinander. Mit der rechten Hand hielt er das Blatt vor sein Gesicht, genauer gesagt, vor den Mund, denn die Augen blieben sichtbar. Die andere hielt wieder den Wecker in gleicher Höhe hoch. Dabei blickte er eindeutig in unsere Richtung. Die Sekretärin legte ihr Opernglas ab.

„Wiederholung“ stand auf meinem Blatt, das ich noch immer in der Hand hielt. Es war „mein“ Wort, aber ich wusste nicht, woher es gekommen war. „In Herzhöhe Ihr Blatt halten!“, befahl die Sekretärin und: „in seine Richtung – Herz gegen Herz!“ Ich parierte, warum, war mir nicht klar. „Eine Minute lang“, befahl die Frau und zählte leise bis 60. Dabei ließ sie ihren Blick nicht von dem Mann gegenüber, der wie ich nun das Blatt in Herzhöhe hielt. Dort war so etwas wie ein schmales, länglich kompaktes nicht ganz in den Aufgaben gelöstes Rechenkästchen, in der Mitte des Blattes platziert, erkennbar. Als gäbe es zwischen beiden Blättern eine Verbindung, dachte ich und:

Gibt es Fernsympathie? fragte ich mich. Warum mochte ich diesen wildfremden ein wenig dicklichen Menschen an einem so wildfremden Ort, der mir ferner als Australien war in dieser mehr als absurden Situation? Dann lachte die Bürofrau irre auf. Es hörte sich wie ein Schluchzer an. „Jetzt dürfen Sie“, und ich wusste, was gemeint war, ergriff das Opernglas erneut. Meine Augen fanden schnell hinüber, er hatte Blatt und Wecker niedergelegt und schaute mich per Fernglas direkt an. Ein volles, gebräuntes, wirklich nicht unsympathisches Gesicht, der ganze Mann atmete in einer Art energetischer Gefasstheit, ein Mann Mitte fünfzig, die ganze Gestalt durch ein Lächeln geprägt,- aber dieses Lächeln war schmerzlich neutral, unbeteiligt, ein Medienlächeln, ich war enttäuscht – hatte ich diesen Mann schon gesehen?

Auf seinem fast kahlen Kopf war eine dunkle Spur zu sehen, rötlich landkartenartig zur Stirn hin ausuferndes Gerinsel, war er verletzt worden? Da war etwas, das ich sicher kannte, etwas war durch die Medien gegangen, an mir vorbei, eine Stimme, sie sprach nicht meine Sprache, eine Tribüne, eine Delegation, alte Männer, Blitzlichter, Menschenmassen, die an der Tribüne teilnahmslos bunt und kontrolliert lärmend und doch irgendwie teilnahmslos vorbei glitten.

Jetzt hat es mich auch gepackt, dachte ich traurig. Zu Beginn meines Studiums hatte ich Descartes zu denken gelernt und riskiert, ein lebenslanges Getäuschtwerden vorzudenken, undecodierbare Wahrnehmungsprägungen. Ich fand mich damit ab, mich eines Tages in nicht mehr wieder erkennbaren Zusammenhängen vorzufinden, und damit hatte ich eine Tür geöffnet, mit Blick auf neue Namen, Bilder, Denklandschaften, Bücher.

Ich sah seine weinrote Krawatte, seine Hände lagen plan auf einem Tisch oder Schaltpult nahe dem Fenster, neben ihm der Wecker, dessen Zifferblatt in unsere Richtung schaute, hinter ihm der fast reglose Uniformierte, der es aufgegeben hatte sich vor ihm zu platzieren. Statt der Ziffern erkannte ich Buchstaben, 12 Buchstaben, und das Wort mit den 12 Buchstaben war ein deutsches, u n s e r Wort, es hieß Wiederholung, mit dem großen W auf der 12. Der Mann auf der anderen Seite bewegte sich kaum, er schaute mich an, er wusste, dass meine Augen seine Augen suchten. Meine Augen tränten. Dort drüben war es still und auch hier war es still. Ich wollte mir alles genau einprägen. Die Frau neben mir atmete gleichmäßig. Sie litt stumm in starrer Haltung. Das Büro war jetzt ein hermetisch abgeschlossener Behälter, verschworen seine Einrichtung gegen eine erst spät vom Menschen erfundene Zeit, und seine beiden Insassen verloren allmählich an Farbe und Willenskraft. Draußen verwischtem die endgültig eingefallene Düsternis und ein fein einsetzender Schneeregen die Sicht auf Einzelheiten. Der unerwartete Schnee verbindet beide durch den STREIFEN voneinander getrennten Umgebungen, dachte ich. Da gab es den Mann mit der weinroten Krawatte und dem Wecker mit den 12 Buchstaben in der hell erleuchteten Wachturmkabine und hinter ihm jemand, der seinen Posten, vielleicht sein Leben, ab heute verwirkt hatte. Ein scharf entwickeltes, beseeltes Fensterfoto mit wegretuschiertem Umraum. „Man sieht uns genau“, sagte die Sekretärin, ihre Stimme war kraftlos, als habe sie lange genug gegen etwas angeschrien. Dann ging es sehr schnell. Aus dem Nichts hatten sich mit Höchstgeschwindigkeit 4 oder 5 schwach erleuchtete Militärfahrzeuge der Mauereinfriedung von der anderen Seite genähert. „Das sind Kleinkübelwagen“, sagte die Sekretärin tonlos, ich kenne die Motoren von den Kontrollfahrten zwischen den Führungstürmen und sie entriss mir das Glas. Ich sah sie an, – ihr Körper hatte sich gelockert und ihre Bluse raschelte. Die lärmenden Dreitakter zerfetzten die Stille.

Sie eilte zum Lichtschalter und löschte das Licht und wir pressten unsere Gesichter an die Scheibe. Eine fast geräuschlose Aktion, die Uniformierten glitten durch die Nacht. Einmal hörten wir den deutlich gesprochenen Satz „Die Welt ist erkennbar!“. „Das ist die Kennung und normal“, reagierte die Sekretärin mit leiser Stimme darauf. Sie hatte sich wieder im Griff. Unter Führung zweier leitertragenden Uniformierten preschte der Trupp geduckt zur Mauer vor (gab es denn keine Tür, keinen Durchlass, wie war denn der gedrungene Zivile auf den STREIFEN gelangt?) und blitzschnell sah man diese explosive Traube bereits darauf agieren, nachdem man nur eine Sekunde lang unschlüssig auf freier Bahn – ein lebendes Militärdenkmal – gestanden hatte. Dort war die Stelle dunkel, der Schnee war sofort unter ihren erhitzten Stiefeln geschmolzen. Die zehn, fünfzehn Meter bis zum Turm überwanden sie alle ohne Zögern, sie trollten sich voran wie junge Hunde, ausnahmslos junge Grenzer. Warum geht keine Mine hoch, fragte ich mich? Ich entriss ihr das Fernglas wieder, und blickte ins Gesicht des Mannes im Turm am Fenster. Seine neutrales Medienlächeln war eingefroren und einer gespannten Erwartungsmimik gewichen. Er bewegte sich nicht. „Er ist ein Pantomime“, sagte ich. „Eine Attrappe, meine Liebe“, ergänzte sie, als habe sie auf diese Bemerkung gewartet. Die Kopiermaschine setzte sich augenblicklich wieder in Gang und stieß wohl endlich mein kopiertes Fragmentgedicht Blatt aus.

Ein Teil der Soldaten war in den Turm eingedrungen, der Rest nahm kreisförmig Stellung um den Turm herum ein. „Es sind 12 Mann“, sagte die Bürofrau. Sie schien etwas begriffen zu haben, von dem sie nicht wusste, auf welchem Wege es sie erreicht hatte. Ich sah den Mann am Fenster nicht mehr, gegenüber im Turm war das Licht gelöscht worden und der Truppe setzte sich als dicht schließendes Menschenmosaik über den Streifen hinweg in Bewegung. Mich beschlich ein Gefühl, ab jetzt nicht mehr hinschauen zu dürfen. Die Andere schaltete das Licht ein. „Feierabend, Sie Wiederholungszwang“, rief sie. Noch geblendet vom kalten Neonlicht tastete ich mich zum Kopierer und griff nach dem Blatt, das er endlich freigegeben hatte. Es war das Fragment, rechenkästchenartig mit halbgelösten Aufgaben, flatternd an den Rändern. Das Trabimotorengeräusch drüben, es war noch immer zu hören.

Wer liest heute noch Arndt?

Michael Gratz

„Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte“ (Wer liest heute noch Arndt?)

Wir Kleingläubigen glauben ja gern, daß Lyrik heute keine Bedeutung hat, außer für den kleinen Kreis der Lyrikleser. Dabei müssen wir nur den Blick kurz aus der Blase ziehen. Aus in Greifswald gegebenem Anlaß beschäftigte ich mich mit Ernst Moritz Arndt. Hier gibt es seit über 550 Jahren eine Universität, etwa 470 davon kam sie ohne Namen aus, aber 1933 erhielt sie auf Antrag eines stramm deutschnationalen Theologieprofessors, Mitglied des Stahlhelm, des Kyffhäuserbunds und der DNVP (Deutschnationalen Volkspartei), aus den Händen Hermann Görings, damals preußischer Ministerpräsident, den Namen Ernst Moritz Arndt. 1945 wurde der Name buchstäblich durchgestrichen auf den Uni-Stempeln, aber 1954, die DDR gründete die „Nationale Volksarmee“ und brauchte „nationale“ Traditionen, wurde der Name wieder eingeführt. (Jener Professor war inzwischen Mitglied der regierenden SED). Seit 1991 wird über den Namen diskutiert, erst Anfang 2017 gab es im Senat eine Zweidrittelmehrheit für die Streichung des Namens. Und dann brach ein wahrer Volkessturm (das Volk steht auf, der Sturm bricht los!) über Greifswald aus, eine veritable Provinzposse mit Menschenkette, Luftballons, Rosen für Arndt, Demonstrationen und Dutzenden Leserbriefen, in denen beklagt wurde, daß Studenten (die ja nicht richtige Greifswalder sind, weil sie wieder weggehn, solln erst mal ordentlich arbeiten lernen!) beziehungsweise Westprofessoren (die auch nicht richtige Greifswalder sind, selbst wenn sie seit 20 Jahren in der Stadt leben) „uns unsere Identität nehmen“ wollen. Sie erzielten einen Teilerfolg, das Ministerium in Schwerin hob die Aufhebung aus formalen Gründen auf. Aber diese finsteren Gesellen wühlen weiter und wollen uns unseren Arndt lesen. Das ist die Volksmeinung bei vielen Greifswaldern, es sind auch einige Politiker fast aller Parteien darunter. Also fragte ich mich: lesen sie eigentlich „ihren“ Dichter? Ich fragte in einer Greifswalder Buchhandlung, sie erinnerten sich an einen (1) Kunden, der in den Monaten seit dem Ausbruch des Arndtfurors nach einem Buch vom Meister gefragt hatte. Ich fragte in einem Greifswalder Forum, jemand sagte, es gäbe ja nichts im Buchhandel und sie benützten natürlich die alten Bücher, ein anderer: es gehe ja gar nicht um Arndt, es gehe um die Identität und wie seit 1990 mit ihr umgegangen werde.

Arndtdiskussion 2010

Vor diesem Hintergrund begann ich nach Spuren einer Beschäftigung mit Arndt zu suchen. Ich fand nicht viel. Immerhin auf einer Greifswalder Neonaziseite (inzwischen nicht mehr im Netz) vier Verse von Arndt nebst seinem Bildnis auf der Titelseite:

Arndt in Greifswald

(Der grammatische Fehler ist nicht original Arndt, sondern authentisch Neo).

Dieses Gedicht (eigentlich die erste Strophe eines Gedichts) ist weit verbreitet von Stickdeckchen bis zu allerlei völkischen und nationalen Devotionalien und Demobedarf. Das Gedicht lebt sozusagen als (völkisches) Gebrauchsgut.

Arndt in Thüringen

Im folgenden untersuche ich Spuren des Umgangs mit Arndt-Versen in der Populär- und Rechtsfolklore-Kultur am Beispiel seines „Vaterlandslieds“ (Text siehe unten).

Ernst Moritz Arndt schrieb das Vaterlandslied (Der Gott, der Eisen wachsen ließ) im Jahr 1812, während der napoleonischen Besetzung. Es wurde vertont und fand während der Befreiungskriege und danach weite Verbreitung. Eine Google-Anfrage nach der ersten Zeile erbringt in weniger als einer Sekunde über 59.000 Fundstellen und schlägt weitere beliebte Suchanfragen vor. Besonders häufig sind Kombinationen mit dem Sänger Heino und der rechtsradikalen Band „Stahlgewitter“ sowie

  • der gott der eisen wachsen ließ der wollte keine knechte t shirt
  • der gott der eisen wachsen ließ schuf auch die eisenmänner (Berufslied)
  • der gott der eisen wachsen ließ division wiking

Die rechtsradikale Enzyklopädie Metapedia erklärt:

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in manchen Liederbüchern die Strophe „Mit Henkerblut, Franzosenblut“ in „Mit Henker- und mit Knechteblut“ geändert, um den deutschen Freiheitskampf gegen jedweden Feind, nicht nur den französischen Erzfeind zu symbolisieren.

In neuerer Zeit wurde das Lied u. a. von Heino, Leger des Heils, Ultima Thule und dem 2009 verstorbenen Liedermacher Michael Müller neu veröffentlicht. Darüber hinaus diente das Gedicht als Grundlage für das 2011 auf dem Album Sturmzeichen erschienene Lied Der Eisen wachsen ließ von MaKss Damage.

Mit der verharmlosenden Sprache bin ich beim Thema. Sie tun so, als wären sie ein normales Wiki-Lexikon, aber es ist pure völkische Ideologie. Der deutsche Militarismus jener Jahre wird zum „Freiheitskampf gegen jedweden Feind“, der rechtsradikale Sänger Michael Müller, der vom Verfassungsschutz als „rechtsextremistisch“ eingestuft wurde und zusammen mit NPD-Kadern am Aufbau eines „Nationalen Widerstandes Süddeutschland“ mitwirkte und der auf die Melodie von Udo Jürgens, „Mit 66 Jahren“, zur Gaudi seines Publikums sang: „mit sechs Millionen Juden, da fängt der Spaß erst an“, wird in ihrer Darstellung zum fröhlich Erbepflege betreibenden „Liedermacher“. Und der Neonazi-Rapper MaKss Damage alias Julian Fritsch singt außer Arndt auch Sprüche wie „Ich leite Giftgas lyrisch in Siedlungen die jüdisch sind“. Vielleicht haben sie Arndt bei Heino kennengelernt, aber Arndts „Fans“ in der rechten Popkulturszene sind alles andere als harmlose Freunde der klassisch-romantischen deutschen Literatur. Die übergroße Mehrheit der Fundstellen führt direkt ins rechtsradikale, neonazistische Lager.

(Die Zitate im folgenden unverändert aus den Internetquellen)

„This song is a modern cover and reinterpretation of the german folksong Der Gott der Eisen wachsen ließ“, behauptet eine englischsprachige Seite, auf der die Texte von MaKss Damage veröffentlicht werden. Der Nazibarde singt jeweils zwei Originalstrophen von Arndt und dann einen längeren eigenen Text, der offen völkische und neonazistische Haßrede führt. Hier die erste Strophe der „Reinterpretation“ (die Stelle, wo im Text vier Pünktchen stehen, reimt per Assonanz „Führer“ auf „Brüder“). Wo es holprig wird, hört Arndt auf und fängt völkische Hetze an:

Der Gott der Eisen wachsen ließ wollte keine Moscheen.
Der wollte keine Teppiche und auch kein Kopftuch sehen.
Nein! Der Gott der Eisen wachsen ließ
lief schnell in unseren Herzen,
sodass uns unser Hass gestärkt den Gegner auszumerzen.
Der Gott der Eisen wachsen ließ, der sandte uns den ….
Auf das er wieder uns vereine, alle deutschen Brüder.
Und seht nur die Zeckenbrut glaubt, dass siegen könnte.
Darum sammelt all eure Wut und schickt sie in die Hölle!

Heidi Benneckenstein beschreibt in dem Buch „Ein deutsches Mädchen. Mein Leben in einer Neonazi-Familie“ (Stuttgart: Cotta 2017) den Platz von Arndt und Liedern überhaupt im völkischen Lebensstil:

“ Die Lieder hießen »Schwarze Fahne halte stand«, »Gebt Raum, ihr Völker« oder »Deutschland, Deutschland über alles«. Manche Titel klangen eher harmlos, als handle es sich um romantische Heimatlieder aus dem 19. Jahrhundert, zum Beispiel »Der Wind weht über Felder«, aber wenn man in die Strophen hineinlas, wurde schnell klar, welcher Wind hier gemeint war:

»Laßt uns Geist und Hände regen,
stählen unsere junge Kraft,
daß sie einst mit Gottes Segen
uns ein starkes Deutschland schafft!

Laßt nicht Neid die Blicke trüben,
urteilt nicht nach äußrem Schein,
laßt uns Zucht und Ordnung lieben,
pflichtgetreu im kleinsten sein.«

Ich legte es beiseite und wühlte weiter. Als Nächstes kamen jede Menge Briefe, Karten und Einladungen der Jungen Nationaldemokraten und der Heimattreuen Deutschen Jugend zum Vorschein, adressiert an Heidrun Redeker, an mich.

Ich las sie von der ersten bis zur letzten Zeile, Erinnerungen wurden wach, Bilder tauchten auf. Es folgten Flugblätter der NPD und der DVU . »Deutsch soll Deutschland sein!«, stand darauf. (…)

Ich fand zwei T-Shirts. Auf einem stand »Todesstrafe für Kinderschänder«, auf dem anderen »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte« – der Anfang des Vaterlandslieds von Ernst Moritz Arndt aus dem Jahr 1812. Ich fand CD s von Stahlgewitter, Landser und Gigi und die braunen Stadtmusikanten.

Eine Seite „deutschesreichforever“ stellt den Text des Vaterlandslieds und andere Texte von Arndt und Hoffmann von Fallersleben neben krudesten Geschichtsrevisionismus und „modernen“ Israelboykott:

und offene Bekenntnisse zum Führer. Direkt neben Arndts Text stehen Bilder und Links wie diese:

Heino ist natürlich kein Nazi. Er hat nur einen anderen Musikgeschmack und sicher andere Meinungen als z.B. ich. Er singt Arndts Text, wenn auch nicht mit dem Original-„Franzosenblut“, sondern mit „Knechteblut“. Wo sein Lied bei youtube verbreitet wird, sammeln sich die rechten „Fans“ natürlich trotzdem. Anders als die gutwilligen Greifswalder Arndtfreunde wissen sie genau, wofür Arndt steht. Ein paar Zitate:

  •  Ich wollte, das die deutsche Jugend dieses Lied höret!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
  • Mein Vater ( Korvettenkapitän und vorher Funker im Sperrbrecher 13 ) hat mich dieses Lied gelehrt.– ICH DANKE DIR !!!
  • 88! Heil Heino*
  • Deutschland ist nicht was sie einmal war ..
  • Das Lied sollte man im Bundestag mal 24/7 laufen lassen. (jemand, der oder die sich „ThewhiteRose“ nennt)
  • Der Künstler Makss Damage hat davon auch eine neue Version aufgelegt und den Text ein wenig angepasst. Findet ihr hier auf YouTube (jemand, der oder die sich Souveränität für Deutschland nennt)
  • nationalistisches Heino + Frei.Wild** = Nationalistisches Traumpaar 2013
  • Heute ist der 25567 Tag der Pein. Deutschland wehrt sich.***

* 88 ist der Code für HH = Heil Hitler (H ist der achte Buchstabe im Alphabet)
** Frei.Wild ist eine Deutschrock-Band aus der Gemeinde Brixen in Südtirol (Italien). Der Name lehnt sich an das Wort Freiwild an, sei aber durch die Zusammensetzung der Adjektive frei und wild entstanden. Von diversen Medien wird der Gruppe wiederholt eine Nähe zu politisch rechten Motiven vorgeworfen; die Band selbst distanziert sich von Extremismus jeglicher Art, so auch in der Absage an jede flüchtlingsfeindliche Position und an Fans, die solche Positionen vertreten. (Wikipedia)
*** vom 8. Mai 2015 25567 Tage zurück ist genau der 8. Mai 1945

Na und so weiter. Alle Zitate aus den ersten paar Seiten von tausenden der Googlesuche. Leider ist das meiste von der Art, ein paar Volksliedsammler und Arndtbiografen mal ausgenommen. Eine letzte quasi „literarische“ Fundsache:

Die Rechtsrockband „Stahlgewitter“ läßt es sich nicht nehmen, in ihrem Lied „Ruhm und Ehre der Waffen SS“ Arndt zu zitieren:

Fuer Deutschland und Europa,
fuer ein freies Abendland,
seit dem das letzte in Berlin getreu dem Einlauf noch widerstand,
gegen Bolschewismus,
und seine dunklen Maechte,
der Gott der Eisen machen liess,
der wollte keine Knechte

ich weiss dass ihr sie nie vergesst,
Ruhm und Ehre der Waffen-SS
ich weiss dass ihr sie nie vergesst,
Ruhm und Ehre der Waffen-SS

Wo „Arndt“ draufsteht, ist heute in den allermeisten Fällen schlimmstes neonazistisches „Gedanken“gut drin. Nicht alle, die auf dem Markt in Greifswald für Arndt als vermeintliche Identifikationsfigur demonstrierten, kannten diesen braunen Subtext. Einige aber schon! Den anderen rufe ich zu: Lest meinetwegen Arndt, den originalen. Die Geschmäcker sind verschieden wie die Meinungen. Aber paßt auf, ob wirklich Arndt drin ist, wo Arndt drauf steht.

Hier Strophe 1 und 5 des originalen Arndt:

Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
Der wollte keine Knechte,
Drum gab er Säbel, Schwerdt und Spieß
Dem Mann in seine Rechte,
Drum gab er ihm den kühnen Muth,
Den Zorn der freien Rede,
Daß er bestände bis aufs Blut,
Bis in den Tod die Fehde.

(…)

Laßt klingen, was nur klingen kann,
Die Trommeln und die Flöten!
Wir wollen heute Mann für Mann
Mit Blut das Eisen röthen,
Mit Henkerblut, Franzosenblut –
O süßer Tag der Rache!
Das klinget allen Deutschen gut,
Das ist die große Sache.

 

manuskripte 217

Zeitschriftenschau
Michael Gratz

Die österreichische Literaturzeitschrift manuskripte erscheint im 57. Jahr. Heft 217 eröffnet mit einer seltenen Marginalie. Die Schriftstellerin Aslı Erdoğan, die im August 2016 in Istanbul verhaftet wurde, schrieb der Redaktion, sie sei stolz, daß zwei ihrer Artikel 2013 in manuskripte publiziert wurden; sie habe sie ihrer offiziellen Verteidigung vor Gericht beigefügt. Inzwischen wurde sie bekanntlich freigelassen und konnte nach längerer Ausreisesperre kürzlich ausreisen. Vor Gericht sagte sie: „Man sollte sich schämen, daß eine Schriftstellerin ihre Literatur in einem Gerichtssaal und flankiert von Gendarmen verteidigen muss“.

Das aktuelle Heft der Zeitschrift veröffentlicht u.a. Prosa von Sophie Reyer und Anja Utler sowie unter mehreren Beiträgen zum Literaturfestival im Rahmen des 50. Steirischen Herbstes Texte von Aslı Erdoğan, Jazra Khaleed und Serhij Zhadan. Von Olga Martynova gibt es Auszüge aus einem für 2018 geplanten Essayband mit dem Titel „Über die Dummheit der Stunde“ (Frühjahr 2018 bei S. Fischer). Abgedruckt ist ein Fragment aus „Probleme der Essayistik“. Die Ähnlichkeit des Titels mit einem Vortrag Gottfried Benns ist nicht zufällig. In Anlehnung an Benns „vier diagnostische Symptome“, anhand derer man erkennen könne, ob ein Text von 1950 „identisch mit der Zeit“ sei oder nicht (1. Andichten, 2. Wie-Vergleich, 3. Farbadjektive, 4. seraphischer Ton), lädt sie den Leser zu analogem Spiel mit der Gattung Essay ein. Lyrik und Essay hätten gemeinsam, daß der Leser zu aktivem Mittun eingeladen sei. „Sie belehren nicht, sie fordern auf, allein zu denken.“ Sie untersucht die (wie erst kürzlich wieder festzustellen war, auch bei manchen Lyrikern beliebte) Meinung, daß man ein „Gedicht“ durch einfaches Ausschneiden aus einem nicht lyrischen Text gewinnen könne. In einem spannenden Experiment entnimmt sie drei philosophischen bzw. publizistischen Texten (Wittgenstein, Benjamin, Marx) sowie erzählender Prosa von Goethe und Kafka kurze Auszüge, teilt sie auf „Verse“ auf und versieht sie mit eigener Überschrift. Das Wittgenstein-„Gedicht“ sieht so aus:

IM SELBEN KÄFIG MIT DEN URZEICHEN SITZEND

Die Bedeutungen von Urzeichen
können durch Erläuterungen
erklärt werden. Erläuterungen
sind Sätze,
welche die Urzeichen
enthalten.
Sie können also nur
verstanden werden, wenn
die Bedeutungen dieser Zeichen
bereits bekannt sind.

Im Ergebnis des Experiments stellt sie fest, daß die aus Erzählprosa gezogenen „Gedichte“ mehr Harmonie aufweisen als die aus der ersten Gruppe. Aus den Erzähltext-Gedichten erfahre man, „was uns der Autor sagen wollte“ (nicht zwar im Sinne einer von der Form unabhängigen Botschaft). In den Texten der ersten Gruppe aber, wenn man sie als Gedichte, also mindestens zweimal, lese, gehe es „ums Ganze“. Im Rhythmus wirkten sie unruhiger und eben „dichter“.

Dann wendet sie sich wieder in Analogie zu Benns „diagnostischen Symptomen“ den Wörtern zu. Im Fall des Essays geht es nicht um die Farbadjektive, sondern um Wörter, „die zusätzlich zu ihrer direkten Bedeutung eine emotionale Ladung haben, wie: Rot, braun, Geflüchtete, die Vorsilbe Post-, Europa oder Integration. Am Auftauchen dieser Wörter in Essays kann man bemerken, wie sich „reine Wortklischees“ in den Text einfügen. Es bestehe immer die Gefahr, daß Wörter die Gedanken „parasitisch ersetzen, statt sie zu transportieren“. „Dass bei einem Gedicht diese Gefahr besteht, wissen alle, die Gedichte schreiben, oder zumindest sollten sie es wissen. Aber auch wenn man, sagen wir, über die aktuelle Weltlage spricht, sollte man aufpassen.“ Von hier aus entwickelt Martynova eine spannende Analyse aktueller Kommunikationsschwierigkeiten im politischen Raum u.a. am Beispiel der Wörter postfaktisch, Elite, Volk oder Revolution. Sie zitiert einen Aufsatz von Pankaj Mishra, der einen überraschenden Vergleich zwischen Donald Trump und Jean-Jacques Rousseau aufstellte. Die Vergleichsebene ist hier der Angriff auf „Eliten“. Mishra löse das Problem nicht, daß die Welt so radikal anders geworden sei, daß eine Beschreibung noch fehle, aber seine große Leistung sei, daß er den Widerspruch offenlege und das ungelöste Problem wenigstens von einer überraschenden Seite zeige. Unbedingt lesenswert: der Auszug sofort, das Buch im nächsten Jahr.

Ich gehe noch einen kleinen Schritt zurück und zitiere aus dem Essay:
„Aber irgendwie sind es immer die ‚anderen‘, die die falschen Wörter verwenden. Es ist einfach, über die Wörter zu spotten, über die sich alle jeden Tag aufs Neue lustig machen (mit ‚alle‘ meine ich Menschen mit ähnlicher Gesinnung wie ich). Die ‚anderen‘ beim falschen Wort zu ertappen ist einfacher: ‚Gutmensch‘, ‚Lügenpresse‘, usw. Doch befällt lexikalische Verkalkung alle Lager. Das Wort ‚Lager‘ gefällt mir nicht. Doch leider stimmt das, Menschen verteilen sich gegenwärtig immer überzeugter auf verfeindete Lager. ‚Die Diskussion in Deutschland (…) ist gegenwärtig in einer Weise zwischen Befürwortern und Gegnern der ‚Willkommenskultur‘ festgefahren, die den wirklich anstehenden Entscheidungen nicht besonders gut tut. Unser Diskussionsklima ist vergiftet durch eine Kultur des Rechthabens und der moralischen Verurteilung der Kontrahenten, die tiefe Wurzeln in der deutschen Tradition hat‘, stellt Stephan Wackwitz (…) in einem Essay fest.‘ “ Wem fallen da nicht neben den politischen Schlachten der jüngsten Zeit auch aktuelle Lyrikdebatten ein? (Na, mir jedenfalls. Dazu vielleicht später!)

Ein Essay von Ilma Rakusa beschäftigt sich mit dem Thema „Die Geschwindigkeiten der Literatur“. Ihr Text liefert schöne Momentaufnahmen klassischer Erzähltexte etwa von Musil, Döblin oder Proust. Mit Zwischenstufen wie Yoko Tawada kommt sie dann zur Lyrik. An dieser Stelle verliert ihr Essay die, wie sage ich? Trennschärfe? Schlagkraft? Ich vermute, daß es an der Auswahl der Autoren liegt, die als Beispiele herangezogen werden. Nach den Klassikern und Meistern der Prosa (Beispiele von 12 Autoren werden genannt) kommen zwei europäische Autoren, Inger Christensen und Dane Zajc – hier überzeugt mich die Anknüpfung noch, wie bei dem angefügten Eduard Mörike – und dann drei lebende deutsche Lyriker, es sind (wer kann es erraten):

Durs Grünbein, Nico Bleutge und Jan Wagner – nein, Marion Poschmann hat auch einen kurzen Auftritt. Diese repräsentieren die Lyrik, flankiert von den Meistern der modernen Prosa und, im Schlußteil, Goethes Faust, Dostojewskis Großinquisitor sowie Samjatins und Orwells Dystopien. Die vier Lyriker, die zu den gefeiertsten und preis“gekrönten“ deutschen Lyrikern der Gegenwart zählen, werden durch den Rahmen quasi feierlich in die Weltliteratur aufgenommen. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden, nur so ein Gefühl, daß sie auf den Höhenkämmen der Weltliteratur vielleicht etwas einsam stehen. Weltliteratur und deutsche Gegenwartslyrik sind etwas ungleiche Partner (ob sie den Status von Christensens „Alphabet“ als eins der „großen Weltgedichte der Moderne“ – Detering – erlangen, bleibt abzuwarten).

Vielleicht muß man ja (bestimmt muß man) sich auf wenige repräsentative Beispiele beschränken, wenn man Bestimmtes mitteilen will. Aber was „repräsentieren“ diese drei oder vier Lyriker? Die deutschsprachige Gegenwartslyrik? So gut wie jeder Kenner wird da Bauchschmerzen haben. Vielleicht nicht weil diese dabei sind, sondern weil so viele nicht dabei sind.
Essay als Kanon, Gesetzestafel, Straße der Besten? Wer ist das Publikum solcher Essays? Mit einigem Schrecken stelle ich mir vor, wie Lehrer und Dozenten diesen Aufsatz benutzen könnten, um im Leistungs- oder Grundkurs Erzähltempi bei Musil, Mann und Döblin zu vergleichen. Und was machen sie mit den Lyrikern? Erfahren sie da etwas über die Poetik der deutschen Lyrik der Gegenwart? Ich fürchte, sie lernen einfach Kanon. Die Lyrik ist rasend schwer, ich kann es nicht alles selbst ausforschen, ich merke mir zu den „wichtigsten“ Autoren einen Satz (die Verfasserin sagt tatsächlich „doch im Trend liegt“ das und das, just im Lyrikteil) und kann mitreden. (Wo bleibt da die bei Martynova der Lyrik zugeschriebene Eigenaktivität, Drang zum Mitdichten?)

Dabei gibt es allein in diesem Heft der manuskripte Gedichte von Nancy Hünger, Georg Leß, Maja-Maria Becker, Uta Gosmann und Wolfgang A. Golznig. Muß ich die alle lesen?

Was, wenn die Kanontexte (nenne ich sie mal so) vor allem zum Grundkurs taugen? (Ich meine gar nicht diese vier AutorInnen, sondern die Reduktion auf sie, wie sie der Lyrikbetrieb vorlebt und Rakusas Essay exekutiert.)
Wäre ein „Betrieb“ und wären Vermittler denkbar, der und die nicht Positionen bestätigen und Kanon zementieren, sondern zu Entdeckungen einladen? Vielfalt statt Ein- (nein, nicht was Sie jetzt denken) -dimensionalität? Neugier auf die Vielzahl der Stimmen, aha, das gibt es und das, manches geht an mir vorbei, was mag noch kommen, vielleicht daß was einschlägt und bei mir bleibt?

Je ein Gedicht von Nancy Hünger und Georg Leß mag das Potential der Eigenerkundung andeuten:

Nancy Hünger

KANN MICH BITTE
jemand vernunft sprechen lehren die sprache
des immer so weiter und ist doch die beste aller
was welt ist möglich es geht uns ja gibt uns ja
geht uns ja gut wenn nur der hunger woanders
nicht wär woanders bäckt man kein gutes deutsch
kann einer mir das maul damit stopfen mehl und
mohn und die knochen zerbacken diese vernunft
ist hungrig kann irgendwer teilen dies brot
für die beste oder die mögliche teile mich
den mäulern und zieh mir die grannen hier
aus dem leib damit ich endlich sprechen lerne
fresse ich unser gutes deutsch kann man mich
bitte lehren was möglich was welt ist woanders:

lehren lieber den tod

Georg Leß

GEGEN DIE ÖFFENTLICHKEIT

auf Marktplätzen wurden ihre Gedichte
bearbeitet mit glühenden Gedichten
mit geschmolzenen Gedichten

gehängt in massiven Gedichten
an hoch aufragende Gedichte, schreckte einige von etwas ab

sind echte Gedichte da drin? fragt blinzelnd
ein Kind sich am Markttag

Ein Wort noch zu Wolfgang A. Golznig. Herausgeber Alfred Kolleritsch teilt mit, daß der ihm 1975 als 18jähriger Gymnasiast unaufgefordert eigene Gedichte gezeigt habe und das bis 1978 (im Heft steht fälschlich 1968) beibehalten habe. Dann habe er aufgehört zu schreiben, Kolleritsch habe ihn noch bedrängt, aber er habe nur mit einem Lächeln geantwortet. Im Mai diesen Jahres sei er im 58. Lebensjahr tot aufgefunden worden. Die Zeitschrift druckt Gedichte und einen Prosatext „Aus dem Leben & Tod des Gustav Mahler“. Besonders ein Gedicht aus sieben Strophen, „seven poets crossing the Alps“ fesselte meine Aufmerksamkeit und verlangt fernere Erkundung.

Recht, Katalanisch zu sprechen

JOAN BROSSA (1919-1998)

Sonett für Jordi Carbonell,
der kürzlich gefoltert wurde, weil er auf dem Recht,
katalanisch zu sprechen, bestand

Jedwede Niedertracht begeht die Henkerschar,
sie bleibt dem ersten Tag des Schlachtens treu;
geschaßt die Sonne von der Polizei;
aus Mitgefühl legt die Natur sogar

gleich alle ihre Ämter nieder;
bis in die Traueröde breitet sich das Moos,
die Rache steigt aus des gekränkten Berges Schoß,
ganz weiß, nimmt ihren Weg sie wieder.

Erhobnen Hauptes, vor der Bestie ganz allein,
bespeist du ihre Uniformen in der Gruft;
die Sonne wird ein Apfelbaum und bleibt bei dir,

im Morgengraun tritt sie ins Zeichen Kataloniens ein.
Sie halten deinen, unsern Stern gefangen hier,
frei flattert seine Fahne in der Luft.

Deutsch von Uwe Grüning. Aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Hrsg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Philipp Reclam, 1987, S. 143

Mein Volk und ich

SALVADOR ESPRIU (1913-1985)

Mein Volk und ich

Pompeu Fabra, unser aller Lehrmeister,
zum Gedächtnis.*

Wir tranken unvermischt
herbe Weine des Spotts,
mein Volk und ich.

Hörten, zu widerlegen nicht,
Argumente des Säbels,
mein Volk und ich.

Eine Lektion der Pflicht
mußten wir hören,
mein Volk und ich.

Das gleiche Geschick
eint uns auf ewig,
mein Volk und mich.

Wer herrscht, wer dient?
Sind nicht zu trennen,
mein Volk und ich.

Wir haben das Recht
wider Diebe und Heuchler,
mein Volk und ich.

Bewahrten sie schlicht,
die Worte der Sprache,
mein Volk und ich.

Uns entmutigten nicht
alle Stufen der Trauer,
mein Volk und mich.

Im Brunnen sehr tief,
schaun wir nach oben,
mein Volk und ich.

Recken empor zum Licht
uns erwartungsschwer beide,
mein Volk und ich.

*) Pompeu Fabra (1868—1949) gilt als Vater des modernen Katalanisch, da er die grammatischen, lexikalischen und orthographischen Normen in seinen Standardwerken für alle Katalanen verbindlich festgelegt hat.

Deutsch von Roland Erb. Aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Hrsg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Philipp Reclam, 1987, S. 113/115

Ramon Llull

Sie fragten den Freund: Was für ein Ding ist die Welt? Er antwortete: Es ist ein Buch für diejenigen, die lesen können, darin ist mein Geliebter wohlbekannt. Sie fragten, ob sein Geliebter in der Welt sei. Er antwortete: Ja, wie der Autor im Buch. Und worin befindet sich dieses Buch? Er antwortete: In meinem Geliebten, weil mein Geliebter alle Dinge enthält, und aus diesem Gund ist die Welt in meinem Geliebten und nicht mein Geliebter in der Welt.

Ramon Llull: Das Buch vom Freunde und vom Geliebten (1276-1283)

Aus: Grenzen sind Straßen. Verbindungen zwischen der deutschen und der katalanischen Kultur. Hrsg. Arnau Pons u. Simona Škrabec. Barcelona: Institut Ramon Llull, 2008, S. 16

Ramon Llull (deutsch Raimund Lull, latinisiert Raimundus Lullus, auch Raymundus Lull(i)us; * um 1232 in Palma de Mallorca; † Anfang 1316 auf der Fahrt von Tunis nach Mallorca), mallorquinischer Philosoph, Logiker und franziskanischer Theologe. Er war ein Troubadour, aber eine Christusvision veranlaßte ihn, seine Dichtung in den Dienst des Glaubens zu stellen. Er lernte Arabisch, bereiste arabische Länder, lehrte an der Sorbonne und wurde einer der Begründer der europäischen Orientalistik. Gerüchten zufolge wurde er in Algerien von aufgebrachten Muslimen gesteinigt und starb an den Folgen auf der Überfahrt.

Der katalanische Dichter Jacint Verdaguer veröffentlichte 1908 eine gereimte Fassung der Gesänge Llulls.

Auch ohne Spiegel, Harfe und Azur und Schwan

Josep Vicenç Foix (1894-1987)

O könnte klug …

O könnte klug, mit leichter Zunge ich erlangen,
des Geistes Reich auf immer festzuhalten,
vermöcht’ ich, in gewandten Worten die Gewalten
der Leidenschaft, der neu gebornen, einzufangen,

o könnt ich, fremder Eigenart nicht anzuhangen,
in harter Nacht dies im Gedicht gestalten:
des Nichts, des Alles Liebe; könnte fern ich halten
das Seltene und Dunkle, dahin zu gelangen,

mit klaren Zeichen rauh, doch streng den Reim zu zwingen
in herber Art — o Llull! O March! — wie ihrs getan,
des Volkes Zunge sicher sprechend, könnt es mir gelingen!

Den Künftigen zu Nutz. O könnt mein Vers fortan
würdig und ausgewogen Nachruhm sich erringen
auch ohne Spiegel, Harfe und Azur und Schwan!

Deutsch von Uwe Grüning. Aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Hrsg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Philipp Reclam, 1987, S. 65

„Hast du’s verlernt, deine Kinder zu verstehen?“

Aus gegebenem Anlaß – Àxel Sanjosé übersetzte ein Gedicht des katalanischen Dichters Joan Maragall (1860–1911) – ein kleines Stück Vorgeschichte:

Ode an Spanien

Hör, Spanien – die Stimme eines Sohnes,
der mit dir spricht – in nicht-kastillischer Sprache;
ich spreche in der Sprache – die mir
die rauhe Erde gab:
In dieser Sprache – redeten wenige mit dir,
allzu viele in der anderen.

Zu viel haben sie geredet – von den Saguntern*
und von jenen, die fürs Vaterland sterben:
dein Ruhm – und deine Erinnerungen,
Erinnerungen und Ruhm – stammen von Toten:
du lebtest traurig.

Ich will mit dir reden – auf ganz andre Art.
Warum nutzlos das Blut vergießen?
In den Adern – Leben ist das Blut,
Leben für die Heutigen – und für die Kommenden:
Vergossen, ist es tot.

Zu viel dachtest du – an deine Ehre
und zu wenig an dein Leben:
tragisch führtest du – zum Tod die Söhne,
hattest Gefallen – an Totenehrungen,
und deine Feste waren – die Begräbnisse,
trauriges Spanien!

Ich sah die Schiffe – randvoll auslaufen
mit deinen Kindern, die du – zum Sterben führtest:
sie gingen lächelnd – ins Ungewisse;
und du, du sangst – am Meeresufer
wie eine Irre.

Wo sind die Schiffe? – Wo sind die Söhne?
Frage den Westwind, die Sturmeswoge:
alles verlorst du – niemanden hast du.
Spanien, Spanien, kehr zurück zu dir,
brich aus in Mutterweinen!

Rette, oh rette dich – vor so viel Übel,
möge das Weinen dich fruchtbar machen, froh und lebendig;
denk an das Leben, das um dich ist:
hebe die Stirn,
lächle den sieben Farben zu, die in den Wolken sind.

Wo bist du, Spanien? – Ich seh dich nirgends.
Hörst du denn nicht mein lautes Rufen?
Verstehst du diese Sprache nicht – die in Gefahren zu dir spricht?
Hast du’s verlernt, deine Kinder zu verstehen?
Lebwohl, Spanien!

ODA A ESPANYA

Escolta, Espanya, – la veu d’un fill
que et parla en llengua – no castellana:
parlo en la llengua – que m’ha donat
la terra aspra:
en’questa llengua – pocs t’han parlat;
en l’altra, massa.

T’han parlat massa – dels saguntins
i dels que per la pàtria moren:
les teves glòries – i els teus records,
records i glòries – només de morts:
has viscut trista.

Jo vull parlar-te – molt altrament.
Per què vessar la sang inútil?
Dins de les venes – vida és la sang,
vida pels d’ara – i pels que vindran:
vessada és morta.

Massa pensaves – en ton honor
i massa poc en el teu viure:
tràgica duies – a morts els fills,
te satisfeies – d’honres mortals,
i eren tes festes – els funerals,
oh trista Espanya!

Jo he vist els barcos – marxar replens
dels fills que duies – a que morissin:
somrients marxaven – cap a l’atzar;
i tu cantaves – vora del mar
com una folla.

On són els barcos. – On són els fills?
Pregunta-ho al Ponent i a l’ona brava:
tot ho perderes, – no tens ningú.
Espanya, Espanya, – retorna en tu,
arrenca el plor de mare!

Salva’t, oh!, salva’t – de tant de mal;
que el plô et torni feconda, alegre i viva;
pensa en la vida que tens entorn:
aixeca el front,
somriu als set colors que hi ha en els núvols.

On ets, Espanya? – no et veig enlloc.
No sents la meva veu atronadora?
No entens aquesta llengua – que et parla entre perills?
Has desaprès d’entendre an els teus fills?
Adéu, Espanya!

  • „Nach dem im Vorfeld des Krieges zwischen Rom und Karthago geschlossenen Vertrag zur Aufteilung der Interessensphären (Ebro-Vertrag) fiel Sagunt in die karthagische Interessensphäre und die Karthager glaubten somit, das Recht zu haben, Sagunt zu erobern. Ihr monatelanger Widerstand, über den Livius berichtet, ist der eine kurze Strahl historischen Ruhms der Stadt. 218 v. Chr. eroberte Hannibal die Stadt und zog nach Italien weiter. Über den Fall von Sagunt handelnde lateinische Texte sind sehr häufig. (…) Die Stadt wurde auf Katalanisch Molvedre, auf Spanisch Morviedro genannt, beides nach dem Lateinischen muri veteres, alte Mauern. Sagunts Abstieg begann mit dem Aufstieg von Valencia. 1098 wurde sie kurz von El Cid besetzt, die endgültige Rückeroberung musste aber bis 1238 warten, bis zu König Jakob I. von Aragón.

Während der Napoleonischen Kriege auf der Iberischen Halbinsel besiegten am 25. Oktober 1811 in der Schlacht von Murviedro (Sagunto) die Franzosen unter Louis-Gabriel Suchet eine spanische Armee unter General Joaquín Blake y Joyes. Sie sollte die seit Monaten belagerte Festung entsetzen. Am Tag darauf kapitulierte Murviedro vor Suchet.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Sagunt

Lernziel: Gattin und Mutter

Sophie Tieck (verh. Bernhardi / von Knorring, * 28. Februar 1775 in Berlin; † 1. Oktober 1833 in Reval)

Klagen.

I.

Die Lust entfloh, verarmt bin ich im Herzen,
Mir kann nicht Leben, Glük mehr, Liebe taugen.
Will ich aus Erd’ und Himmel Tröstung saugen,
Entquillen neu nur meiner Seele Schmerzen.

O Herz! Was konnte so dich denn entherzen?
Warum verlöscht den glühnden Strahl der Augen
Ein schmerzlich Naß? Warum muß ich entsaugen
Nur bittre Quaal, der Liebe linden Scherzen?

O Erd’ erbarmend nimm mild meine Thränen!
Hilf Sonne brennend diesem Regenschauer!
Laß Erd’ erwärmt dein starres Herz durchdringen.

Wie hohl hör’ ich die kalten Felsen klingen.
Ich bin allein; unendlich ist mein Sehnen,
Nicht Erd’ und Himmel enden meine Trauer.

Aus: Dichter-Garten: Erster Gang: Violen. Hrsg. Rostorf (Georg Anton Hardenberg), Würzburg: Stahel, 1807, S. 167

Sophie Tieck war die Schwester des Schriftstellers  Ludwig Tieck und des Bildhauers Friedrich Tieck. „Und während Ludwig das Gymnasium besucht und studiert und Friedrich als Bildhauer bei Schadow lernt, wird Sophie zur Ehefrau und Mutter ‚erzogen’”. (FemBio). Sie schrieb Dramen, Novellen, Romane, Erzählungen, Gedichte und Märchen.

Ein Dichter erhielt einen Fragebogen

Christa Reinig (6. August 1926 Berlin – 30. September 2008 München)

EIN DICHTER ERHIELT EINEN FRAGEBOGEN

Ein dichter erhielt einen Fragebogen zur Ausfindigmachung der von den Kulturschaffenden für geeignetst gehaltenen Methoden zur Hervorbringung drucktauglicher Produktion.

Der fragebogen fragte: Welches halten Sie für die günstigste Voraussetzung zum fehlerlosen Ablauf Ihres Schaffensprozesses? Er antwortete: ergriffenheit. Können Sie uns ein Arbeitsmittel zur Anfertigung möglichst hochwertiger Kunstwerke nennen, das in unserem Wirtschaftsbereich nicht als Mangelware eingeplant ist? Er antwortete: geduld. Welches Material halten Sie bei der Herstellung Ihrer Kunstwerke für besonders unumgänglich? Er antwortete: wahrheit. Verfolgen Sie neben der massenbildenden Aufgabe Ihrer kulturellen Tätigkeit noch einen besonderen persönlichen Zweck in Ihrer Arbeit? Er antwortete: erkenntnis.

Stele für Mickel, Hüge und Lorenc

Kito Lorenc

Totenschmaus • Regenzauber

Schält Zwiebeln reibt Meerettich
die Trauerzitrone preßt, zu Tisch! Mickel
hat sein Sterbchen gemacht, Hüge brannte schon
Laßt kreisen den roten Wein

Zu Tisch Fixgriffel! Bei Fuß winselnder
Leichdorn Zeilenschinder Schmähbrieftipper
Hoch die trüben Tassen ihr Frotzler Abzocker
Fellversäufer Kotzbrocken alle! Frisch

hinter die Binde auch du Blindekuh! Sparflamme
auf! Um den heißen Brei, stockt der laue
am Rand laßt kreisen die Löffel! Bis
zur Kühle, junger Steinmetz, ist die Arbeit getan

heben wir ab von der Bank Durch die Lappen
ins Feuer Hockt bei Dresden das Korn so klein
verbiegt sich die Schiene Steigt auf
Weihnachtsbäume Lichterketten, falle Lametta

um die Brüstungen Glühe Teer an den Sockeln
Flieg hoch lidloses Auge Weckt die Hunde
Zu Tisch! Es ist angerichtet Herab
O Regen von Phosphor Gold Es ist gegessen

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2002. Hg. Christoph Buchwald und Adolf Endler. München: C.H. Beck 2001, S. 94f

So langsam wirds Zeit

Kito Lorenc (1938-2017)

Schließübung

So langsam wirds Zeit
das Haus einzuzäunen
die Alarmanlage anzubringen
und den Hund auszubuddeln
da wo er begraben liegt
Zeit wirds wieder
die Zeit totzuschlagen
die Grenzen dichtzumachen
die Akten zu schließen
und den Muskel
Fangen wir gleich an mit
wo es am schnellsten klappt
es geht schon beim Autofahren
beim Ausfüllen der Steuererklärung
beim Fernsehn hinter der Zeitung
Und immer etwas steigern
die Leistung dann kommts auch
zum Wachstum also dies schon mal
üben: auf und zu und
so langsam machts Spaß

Aus: Die Unerheblichkeit Berlins, Texte. München: Lyrikedition 2000, 2002, S. 33

Der deutsch-sorbische Schriftsteller Kito Lorenc, * 4. März 1938 in Schleife, Kreis Rothenburg (Oberlausitz) starb am 24. September 2017 in Bautzen.

Meuchlem Sumpf der Unke Läuten

Albert Vigoleis Thelen (28. September 1903, Süchteln – 9. April 1989, Dülken)

Dichterholdschaft

Wenn das Abendmeer sich leichtet
In der Holdschaft mit dem Mond,
Fernster Stern der Erde beichtet,
Was in seiner Meinheit wohnt –

Meuchlem Sumpf der Unke Läuten
Todesgraus und Trugsal nimmt,
Nachtigall’n der Nacht bedeuten,
Daß noch Mein auf Minne stimmt:

Wird sich da dem Dichter milden
Des gestollten Wortes Not?
Irrender in Lichtgefilden
Gilt ihm Holdschaft nur der Tod.

(aus: Albert Vigoleis Thelen: Im Gläs der Worte. Gedichte. Düsseldorf: Claassen 1979)

Mehr Lust für Ohren

Andreas Tscherning (* 18. November 1611 in Bunzlau; † 27. September 1659 in Rostock)

Andere Fassung (da ich auf Reisen bin, kann ich nicht überprüfen):

Wer ungereget
Die Sinnen träget /
Wenn Künstler singen
und Sayten klingen

Mehr Lust für Ohren
Ist nicht gebohren;
Sie treibt von Hertzen
Verdruß vnd Schmertzen /
Kan Eifer dempfen
Gibt muth zu kämpfen /
Macht durch die Ohren
Uns neu geboren. etc.