Sapphos „Liebessymptomgedicht“, auch „Sapho’s Ode out of Longinus“ genannt (Voigt 31), ist doppelt überliefert. In seiner wichtigen Schrift „Über das Erhabene“ zitiert es der (Pseudo-)Longinos genannte spätgriechische Autor als Beispiel für treffende Affektschilderung, und der römische Dichter Catull hat es ins Lateinische übersetzt.
Auszug aus „Über das Erhabene“
So nimmt zum Beispiel Sappho die dem Liebeswahnsinn anhangenden Affekte jedesmal aus den Begleiterscheinungen und aus der Wirklichkeit selbst. Wo aber zeigt sie ihre Meisterschaft? Wenn sie die hervorragenden und bedeutsamsten Züge ebenso kunstverständig auswählt als miteinander verbindet.
Selig preis ich, seligen Göttern acht ich Gleich den Mann, der dir gegenüber sitzet Und in deiner Nähe der süßen Rede Töne dir ablauscht. Und das süß anmutige Lächeln! — O dann Zuckt mein Herz im Busen mit jähem Schmerz auf! Wenn ich dich erschaue, so bin ich keines Lautes mehr mächtig; Festgebannt erstarret die Zung’ und leises Feuer rieselt über die Haut mir plötzlich, Vor den Augen dunkelt es mir, und stürmisch Brausen die Ohren. Kalter Schweiß bricht aus, und ein Zittern schüttelt Alle Glieder, falber denn Gras erblaß ich, Wenig fehlt und nieder in Todesgrauen Sink ich bewußtlos.
Aus: Ästhetik der Antike. Herausgegeben von Joachim Krueger. Berlin und Wemar: Aufbau, 1983, S. 309f
In einer Übersetzung von 1742 wird das Gedicht in deutsche Reimstrophen übersetzt:
Der ist den Göttern gleich zu schätzen,
Der sich dir gegen über setzen,
Und deine Stimme hören kan:
Er sieht dich mit Vergnügen an,
Und wenn dein Mund liebkosend lacht,
So wird er ausser sich gebracht.
Kaum seh‘ ich dieß, so muß ich fühlen.
Wie Gluth und Brand in Adern wühlen;
Die Zunge starrt, und kan nicht fort;
Im Munde stockt so gar das Wort;
Den starren Augen fehlt das Licht;
Es saußt das Ohr, und hört doch nicht.
Ein Schauer fährt durch alle Glieder;
Mein Leib erzittert, und sinkt nieder;
Mein Mund verwelkt, der Athem fehlt;
Es scheint, als wär ich schon entseelt.
Doch, wer nicht hat, wagt auch das Letzte. etc.
Aus: Dionysius Longin vom Erhabenen Griechisch und Teutsch, Nebst dessen Leben, einer Nachricht von seinen Schrifften, einer Untersuchung was Longin durch das Erhabene verstehe, Und Einer Neuen Vorrede
Auf Kosten des Uebersetzers, 1742
Das Gedicht ist häufig ins Englische (Phillip Sidney, Tobias Smollett, Byron, Tennyson, William Carlos Williams, Robert Lowell, Louis Zukovsky, Basil Bunting, Anne Carson), Französische (Ronsard, Boileau, Racine), Deutsche (Philander von der Linde, Benjamin Neukirch, Thomas Kling) und andere Sprachen übersetzt worden.
Andreas Bagordo schreibt im Kommentar der Tusculum-Ausgabe: „Die hippokratische Medizinsprache bietet viele Parallelen zu Sapphos Symptomatik.“
Berlin-Hellersdorf ist nicht der einzige Ort in der Welt, der sich einer Gedichtwand rühmen (oder auch schämen) kann. Auf dem Bild eine Hauswand in Leiden (Niederlande) mit einem altgriechischen Gedicht. Es ist Fragment 55 Voigt der Dichterin Sappho, die um 600 vor unserer Zeitrechnung auf der Insel Lesbos lebte.
In Leiden gibt es über 100 Gedichte auf Hauswänden, viele davon in fremden Sprachen wie Russisch, Japanisch, Hebräisch, Deutsch, Französisch, Neugriechisch und eben auch Altgriechisch. Da braucht man viele Semesterpausen*, um die alle auszuforschen.
Das Gedicht ist vielleicht sowieso brisant, aber offenbar auch im Hinblick auf die deutsche Debatte über ein (1) Mauergedicht. Es handelt in polemischer Schärfe von einer Frau, die nichts von Poesie versteht und von der deshalb keine Erinnerung bleiben wird:
Und tot wirst du liegen und niemals wird Erinnerung von dir
bleiben, auch †niemals† später: Denn du hast keinen Anteil an den Rosen
aus Pierien, sondern unscheinbar auch in Hades‘ Haus
wirst du verkehren mit düsteren Toten, bist du erst einmal weggeflogen.
Eine düstere Hinleitung zu dem gestern hier geposteten Auszug aus Dantes „Hölle“. – Das Wort für Erinnerung ist Mnemosyne: die Gottheit, die mit Zeus die Musen zeugte. Pierien ist schon bei Hesiod als Sitz der Musen benannt (die deshalb auch Pieriden heißen).
Das Gedicht hat (fragmentarisch) überlebt, weil es bei Plutarch und Stobaios zitiert wird. Auf der Seite der Leidener Mauergedichte gibt es eine niederländische und zwei englische Fassungen. (Die Überschrift „Ode out of Longinus“ ist falsch, denn das bei (Pseudo-)Longinos zitierte Gedichte ist Voigt 31).
*) Im Offenen Brief des AStA der Hellersdorfer Alice Salomon Hochschule vom 12. April 2016, der mit Verspätung die jetzt seit Monaten anhaltende deutsche Debatte auslöste, hieß es:
Sehr geehrtes Rektorat der Alice Salomon Hochschule,
wir als Studierende haben die vorlesungsfreie Zeit genutzt, um uns etwas genauer mit dem Gedicht an der Südfassade der Hochschule zu beschäftigen: „avenidas“ von Eugen Gomringer, Preisträger des Alice Salomon Poetik Preises 2011.
Ich finde die Vorstellung fast lustig und gut: Arbeitsgruppen von Studenten, Arbeitern, Angestellten und Literaturprofessoren dutzender Fachrichtungen würden ausschwärmen und die jetzt wohl mindestens 111 Gedichte in Leiden analysieren...
Die deutsche Fassung des Sapphofragments aus: Sappho, Gedichte. griechisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Andreas Bagordo (Sammlung Tusculum). Düsseldorf: Aremis und Winkler, 2009.
Dante Alighieri: Inferno
Translated by MARY JO BANG
Canto VI
When I come to, after fainting
From the intense distress of hearing the story
Of two I now felt I knew and felt close to,
I look around and see more torments
And more tormented; on all sides, I see nothing but
Regardless of where I turn and look.
I‘m in the third circle of hell and under assault by rain—
Cold, heavy, odious, and always.
The continual downpour never varies.
Enormous hailstones, sewer water, and snow,
Mix with the soaking rain and add more weight to it.
The ground reeks.
Savage and bestial Cerberus, three-headed freak,
Barks like a Doberman—through each of his three throats—
Over those who are forced to wallow in the slop.
Red eyes, filthy bilious whiskers, swollen belly;
With his claws, he excoriates the ghosts–
Then rips their skin off and quarters them.
The rain makes the poor unfortunates howl like dogs;
They continually turn from side to side,
Uselessly trying to protect themselves from the onslaught.
When Cerberus, that vicious creature, caught sight of us,
He opened his mouths, curled his lips, and showed his fangs.
Every muscle in his body rippled in response.
My teacher reached down several times
And grabbed huge fistfuls of mud and threw them
Into the creature‘s three ravenous gullets.
Just as any hungry canine will set up a racket until knick
Knack, paddy whack, it gets a doggy bone–then snaps it up
And settles down, totally absorbed, to gnaw it clean–
So Cerberus, his demonic faces contorted with chewing,
Quieted, which gave a few seconds of relief to the ghosts
Who were so undone by his barking they wished they were deaf.
We were walking on the ghosts who were stunned
By the deadening rain. Beneath our feet,
They were bodiless, yet seemed to have dimension.
From: Dante Alighieri: Inferno. Translated by MARY JO BANG. Illustrations by Henrik Drescher. Minneapolis: Graywolf Press, 2012, p. 63 f
Hier einige metrische Übersetzungen der ersten 4 Terzinen des sechsten Gesangs von Dantes Hölle
Karl Streckfuß (Terzinen mit regelmäßig alternierenden männl. und weibl. Reimen):
Bei Rückkehr der Erinn’rung, die sich schloß[66]
Vor Mitleid um die Zwei, das so mich quälte,
Daß das Bewußtsein mir vor Schmerz zerfloß,
Erblickt’ ich neue Qualen und Gequälte
Rings um mich her, ob den, ob jenen Pfad,
Zum Geh’n und Schau’n sich Fuß und Auge wählte.
Dies war der dritte Kreis, den ich betrat,[67]
In ew’gem, kaltem, maledeitem Regen
Von gleicher Art und Regel früh und spat.
Schnee, dichter Hagel, dunkle Fluten pflegen
Die Nacht dort zu durchziehn in wildem Guß;
Stark qualmt die Erde, die’s empfängt, entgegen.
66: VI. 1 – 3. Dante beschreibt nicht, wie er vom zweiten Kreise in den dritten gekommen, wahrscheinlich um anzudeuten, daß er auch nach seinem Erwachen von der Ohnmacht sich noch zu tief erschüttert gefunden habe, als daß er auf den Weg Achtung hätte geben sollen. Erst die neuen Strafen ziehen seine Aufmerksamkeit auf sich.
67. Hier im dritten Kreise finden wir die Schlemmer, ewigem Regen ausgesetzt, der nichts erzeugt, als ekelhaften Schmutz, in welchem sie versinken. Erheben sie sich auch einen Augenblick, doch fallen sie bald wieder zurück, und zwar zuerst mit dem Haupte, dem Sitze der geistigen Kraft, welche durch wüßte Schwelgerei unterdrückt und zu Boden gezogen wird. (V. 91–93.)
Aus: Dante Alighieris Göttliche Komödie. Übersetzt und erläutert von Karl Streckfuß. Mit berichtigter Übertragung und völlig umgearbeiteter Erklärung neu herausgegeben von Dr. Rudolf Pfleiderer. Leipzig: Philipp Reclam jun., 1876
Otto Gildemeister (Terzinen mit regelmäßig alternierenden männl. und weibl. Reimen):
Als wiederkam die Kraft, die mir entschwand,
Weil mich der Jammer, wie ich euch erzählte,
Um jene beiden Schwäger überwand,
Erblickt‘ ich neue Qualen und Gequälte.
Wohin ich schritt, umgaben Foltern mich,
Was ich für Ziel und Augenmerk auch wählte.
Im dritten Kreis, des Regens, wandert‘ ich,
Des ewigen, verfluchten, kalten, schweren,
An Maß und Art stets unveränderlich.
Durch finstre Lüfte, die sich nimmer klären,
Stürzen sich Hagel, Schnee und trüber Guß;
Die Erde stinkt, darauf sie sich entleeren.
Aus: Dantes Göttliche Komödie. Übersetzt von Otto Gildemeister mit sämtlichen Illustrationen von Gustav Doré. Emil Vollmer Verlag, o.J., S. 76 (Zuerst 1888)
Josef Kohler (Terzinen mit regelmäßig alternierenden männl. und weibl. Reimen):
Nun kehrte das Bewußtsein zögernd wieder,
Das mir geraubt des Mitleids schwer Gebot,
Und neue Kraft erfaßte meine Glieder.
Ich spähte rings; doch überall nur Not
Erschaut mein Blick; – wohin ich mich auch wende,
Nur Seufzerqualen, Leid und ew’gen Tod.
Schon sind wir in dem dritten Schmerzgelände;
Ein Regen träuft, die Luft ist fieberkrank,
Ein Fluch ringsum ohn‘ Anfang und ohn‘ Ende.
Vom dunklen Himmel ewig sinkt und sank
Ein schwarzes Wasser, stechend gleich dem Feuer,
Und auf dem Boden gährt ein wild Gestank.
Aus: Josef KOHLER, Dantes heilige Reise. Freie Nachdichtung der Divina Commedia von J[osef] Kohler. Inferno. Berlin, Köln, Leipzig: Albert Ahn, 1902. S. 32
Wilhelm G. Hertz (Terzinen mit alternierend männl. und weibl. Reimen):
Als wieder zur Besinnung ich erwacht,
Die mir geraubt das Mitleid mit den beiden,
Das mich vor Trauer ganz verwirrt gemacht,
Erblickt ich neue Leidende und Leiden;
Auf allen Seiten werden sie geplackt,
Gleichviel, wohin wir drehen, spähen, schreiten.
Im dritten Kreise strömt, ein Katarakt,
Der Regen nieder, kalt, im monotonen
Ununterbrochenen, argen, gleichen Takt.
Da sich ergießt durch diese finsteren Zonen
Des Hagels, Schnees und schmutzigen Wassers Fluß,
So stinkt die Erde in den Sumpfregionen.
Aus: Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Aus dem Italienischen von Wilhelm G. Hertz. München: dtv, 1978, 9. Aufl. 1997, S. 29 [zuerst 1955]
Der Anfang des 6. Gesangs des Inferno aus Dantes Comedia in der Prosafassung von Georg Peter Landmann (kursiv sein Kommentar):
Bei der wiederkehr meiner sinne, die sich verschlossen hatten vor dem leid der beiden verwandten, als die trauer mich ganz betäubte, sehe ich neue qualen und neue gequäIte rings um mich, wohin ich auch mich bewege, wohin ich mich wende, wohin ich spähe. Ich bin im dritten kreis, dem des regens, der ewig und verflucht, kalt und schwer fällt, unveränderlich nach maass und art. Grober hagel, trübes wasser und schnee ergiesst sich durch die finstre luft; die erde stinkt, die das aufnimmt. Cerberus, das grausame und sonderbare vieh, bellt hündisch aus drei rachen über dem dort versenkten volk. Mit roten augen, fettem, schwarzem bart, dickem bauch und krallenpfoten zerkratzt und schindet und zerfetzt er die geister. Der regen lässt sie heulen wie hunde; mit ihrer einen flanke schirmen sie die andere, und oft drehn sie sich, die unglückseligen weltkinder.
Als Cerberus, das grosse untier, uns bemerkte, riss er die mäuler auf und zeigte uns die hauer; kein glied an ihm, das nicht gebebt hätte. Und mein führer spreizte seine hände, ergriff erde und mit vollen fäusten warf er sie in die lechzenden röhren. Wie ein hund bellend giert und sich beruhigt, sobald er futter beisst, weil er nur ringt und sich abmüht es zu verschlingen, so taten die dreckigen schnauzen des dämons Cerberus, der die seelen so durchdröhnt, dass sie am liebsten taub wären. Wir schritten über die schatten, die der schwere regen niederwirft, und setzten unsere sohlen auf ihre menschengleiche nichtigkeit.
Sie lagen allesamt auf dem boden ausser einem, der sich rasch zum sitzen hob, sobald er uns vor sich vorübergehen sah. „Du da, den man durch diese hölle schleppt, sagte er mir, erkenne mich, wenn du kannst; du warst schon am leben bei meinem ableben.“ Und ich zu ihm: „Deine bedrängnis entzieht dich vielleicht meinem sinn; mir ist nicht, dass ich dich je gesehen hätte. Aber sag mir wer du bist, der du an so einen schreckensort verwiesen bist und zu solcher strafe – vielleicht sind andre schwerer, doch ist gewiss keine so widerlich.“ Und er zu mir: „Deine stadt, die so voll haders ist, dass der sack schon überquillt, beherbergte mich im heitern leben. Ihr bürger nanntet mich Ciacco. Für die zerstörende schuld des gaumens siehst du mich hier im regen bersten. Und ich bin nicht die einzige trauernde Seele: denn diese alle hier stehn in gleicher pein für gleiche schuld.“ Mehr sprach er nicht.
Dieser Ciacco – sein spottname „das schweinchen“ – war ein geistvoller mensch, wohl auch verfasser von gedichten, der sich zu allen schmausereien gern einladen liess oder selber einlud. Nun büsst er bei den schlemmern, denen als teufel mit sinnreichem bezug der dreimäulige Cerberus zugordnet ist.
Aus: Dante Alighieri: Die Divina Commedia. In deutsche Prosa übersetzt und erläutert von Georg Peter Landmann. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1997 (2. Aufl. 1998), S. 19
Im dritten Kreis der Hölle, den Dante mit seinem Führer Vergil im sechsten Gesang erreicht, werden die Gefräßigen bestraft. Ihre Seelen liegen im Eisregen auf dem Boden und werden vom Höllenhund Kerberos gequält.Mit einigen Versionen des sechsten Gesangs beende ich meine kleine Danteserie.
Der New Yorker Künstler David Fox zeichnete eine Danteserie. Mit seiner freundlichen Genehmigung hier vier Variationen zum Thema glutton (Vielfraß, Fresser).
Dante
Sonett 1 Du, Guido, Lappo auch und ich, wie sehr Wünscht' ich, daß uns ein Zauberer geschwinde Zu Schiffe brächte, das bei jedem Winde Nach unsrem, meinem Wunsch durchführ' das Meer. So daß kein Sturm, kein böses Ungefähr Des Schiffleins Lauf zu hemmen Kräfte finde, Daß einer wie der andre Lust empfinde, Nach engerem Bund noch wüchse das Begehr; Daß Hanna dann und Bice und mit ihnen Noch jene, der das dritte Zehnt beschieden, Der gute Zauberer zu uns versetzte, Und nichts als Minnetändeln uns ergetzte, Und daß die Frauen allesamt zufrieden So, wie wir, denk' ich, dann uns selbst erschienen.
Aus: Dantes lyrische Gedichte. Neu übertragen und herausgegeben von Albert Ritter. Mit 4 Vollbildern in Kupferdruck [von Dante Gabriel Rossetti]. Berlin: Gustav Grosser, 1921 (2.-6. Tsd.), S. 53
Guido: Guido Cavalcanti und seine Freundin Johanna
Bice: Beatrice, Dantes Liebe
Lappo: unbekannt
DANTE A GUIDO CAVALCANTI
Guido, i’ vorrei che tu e Lapo ed io
fossimo presi per incantamento
e messi in un vasel, ch’ad ogni vento
per mare andasse al voler vostro e mio;
sì che fortuna od altro tempo rio
non ci potesse dare impedimento,
anzi, vivendo sempre in un talento,
di stare insieme crescesse ’l disio.
E monna Vanna e monna Lagia poi
con quella ch’è sul numer de le trenta
con noi ponesse il buono incantatore:
e quivi ragionar sempre d’amore,
e ciascuna di lor fosse contenta,
sì come i’ credo che saremmo noi.
SØREN KIERKEGAARD
(1813-1855)
Glücklich macht mich das Gefühl, an meine Muttersprache gebunden zu sein, gebunden, wie es vielleicht nur wenige sind, gebunden wie Adam es an Eva gewesen, weil da ein anderes Weib nicht war, gebunden, weil es mir unmöglich gewesen ist, eine andre Sprache sprechen zu lernen, und ich daher der Versuchung durchaus enthoben bin, wider die angeborene Sprache stolz und vornehm zu tun, aber auch dessen froh, daß ich an eine Muttersprache gebunden bin, welche innerer Ursprünglichkeit ist, wo sie die Seele ausweitet und wollüstig im Ohre tönt mit ihrem süßen Klang; eine Muttersprache, welche nicht in dem schwierigen Gedanken sich verfangend stöhnt, und eben deshalb glaubt wohl der und jener, sie könne diesen nicht ausdrücken, weil sie die Schwierigkeit, indem sie sie ausdrückt, leicht macht; eine Muttersprache, welche nicht angestrengt keucht und ächzt, wenn Sie vor dem Unaussprechlichen steht, sondern damit sich zu schaffen macht in Scherz und in Ernst, bis es ausgesprochen ist; eine Sprache, welche nicht in der Ferne sucht, was nahe liegt, oder unten in der Tiefe sucht, was gerade bei der Hand liegt, weil sie in einem glücklichen Verhältnis zu ihrem Gegenstande aus- und eingeht gleich einer Elfe,und den Gegenstand an den Tag bringt, so wie ein Kind die glückliche Bemerkung, ohne es recht zu wissen; eine Sprache, die heftig und bewegt ist, jedesmal, wenn der rechte Liebhaber es versteht, der Sprache weibliche Leidenschaft zu entflammen, selbstbewußt und sieghaft im Gedankenstreit‚ jedesmal,wenn der rechte Herr und Gebieter sie anzuführen weiß, geschmeidig wie ein Ringer, jedesmal, wenn der rechte Denker sie nicht losläßt; eine Sprache, welche, auch wenn sie an vereinzelter Stelle arm scheint, es doch nicht ist, sondern nur gering geachtet wie eine bescheidene Liebende, die doch den höchsten Wert hat und vor allem nicht verschandelt ist; eine Sprache, welche nicht ohne Ausdruck ist für das große, das Entscheidende, das Auffallende, jedoch eine anmutige, eine zierliche, eine glückselige Vorliebe hat für den Zwischengedanken und den Nebenbegriff und das Beiwort, und das Flüstern der Stimmung, und das Raunen des Übergangs, und die Innigkeit der Beugung und die verborgene Üppigkeit des heimlichen Wohlseins; eine Sprache, welche Scherz fast besser versteht als Ernst: eine Muttersprache, welche ihre Kinder fesselt mit einer Fessel, welche ‚leicht zu tragen ist — ja! aber schwer zu brechen‘.
Søren Kierkegaard: Stadien auf dem Lebenswege (1845)
Aus: Anthologie der dänischen Literatur. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. F.J. Billeskov Jansen und Hanns Grössel. Kopenhagen: C.A.Reitzels Boghandel, 1978, S. 223/225
ALICJA RYBAŁKO
Die polnische Sprache ist voller RascheIn
Die litauische voller Zischeln.
Wie die Schlange auf trocknen Blättern
zwei Hostien auf meiner Zunge.
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Język polski jest pełen szelestów,
Iitewski zaś – pełen syków.
Jak żmija na suchych liściach –
dwie hostie na moim języku.
Aus: Das Unsichtbare lieben. Neue polnische Lyrik. Anthologie. Herausgegeben von Dorota Danielewicz-Kerski. Mit einem Vorwort von Adam Zagajewski. Aus dem Polnischen von Henryk Bereska, Renate Schmidgall, Roswitha Matwin-Buschmann und Joanna Manc. Köln: Kirsten Gutke Verlag, 1998, S. 162/163
Sarah Kirsch
Keiner hat mich verlassen
Keiner hat mich verlassen
Keiner ein Haus mir gezeigt
Keiner einen Stein aufgehoben
Erschlagen wollte mich keiner
Alle reden mir zu
Aus: Sarah Kirsch: Zaubersprüche, Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1972
ALICJA RYBAŁKO
Seismologie
Zuerst fliegen die Minderheiten weg.
Dann beginnt die Intelligenz zu flattern.
Schließlich bricht das Volk zum Flug auf.
Als letztes erwacht die Regierung.
In der Regel erst nach dem Erdbeben.
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Seismologia
Najpierw odlatują mniejszości.
Potem zaczyna trzepotać inteligencja.
Wreszcie naród zrywa sie da lotu.
Ostatni budzi się rząd.
Zwykle bywa już po trzęsieniu ziemi.
Aus: Das Unsichtbare lieben. Neue polnische Lyrik. Anthologie. Herausgegeben von Dorota Danielewicz-Kerski. Mit einem Vorwort von Adam Zagajewski. Aus dem Polnischen von Henryk Bereska, Renate Schmidgall, Roswitha Matwin-Buschmann und Joanna Manc. Köln: Kirsten Gutke Verlag, 1998, S. 164/165
Spruch 54 aus der Hávamál (aus der Lieder-Edda)
Seichter See; seichte Meeresdünung.
Seicht ist vieler Menschen Verstand.
Nicht jeder Mann wurde klug geboren.
In zwei Hälften zerfällt die Welt.
Deutsch von Walter Baumgartner
Lítilla sanda
lítilla sæva
lítil eru geð guma
því at allir menn
urðut jafnspakir
hálf er öld hvar
? [of small sands,]
? [of small seas,]
Small are the minds of men,
because all men
have not turned out equally wise,
? mankind is everywhere halved. (Quelle)
IBN BAQI
Ich armer Dichter, der, wo keine Kunstliebhaber
Und keine Kenner sind, das Volk um Beifall fleht!
Die Reime nur beweinen den verlassenen Araber
In einer Welt, die kein Arabisch mehr versteht.
Aus: Der arabische Liebesdiwan. Lyrik des Morgenlandes. Frankfurt/Main: Goldmann, 1986, [Hrsg./Übers. Janheinz Jahn], S. 136
Ibn Baqi oder Abu Bakr Yahya Ibn Muhammad Ibn Abd al-Rahman Ibn Baqi (gestorben 1145 oder 1150) war ein arabischer Dichter der almoravidischen Zeit aus Córdoba oder Toledo in Andalusien. Die Almoraviden waren eine Berberdynastie aus dem heutigen Mauretanien und Marokko. 1086 kamen sie auf Bitten der andalusischen Emirate den arabischen Andalusiern gegen die Rückeroberung (Reconquista) Spaniens zu Hilfe. Sie besiegten den spanischen König – und blieben, das heißt sie eroberten die von kultureller Toleranz und Blüte geprägten andalusischen Staaten und setzten einen rigorosen glaubensstrengen und puritanischen Islam durch.
Ibn Hazm
Als man seine Bücher verbrannte
Verbrennt nur die Papiere! Die Gedanken
Sind feuerfest.
Was ich erkannt, kommt dadurch nicht ins Wanken‚
Daß ihr den Geist mit falschen Maßen meßt.
Allüberall, wohin mich Pferde tragen,
Ziehn die Gedanken mit mir auf und ab.
Sie gehn mit mir zu Bett nach mühevollen Tagen,
Und sterb ich, nehm ich sie mit ins Grab.
Doch dies Autodafé der Pergamente
Ist dumm und eine Schmach der Wissenschaft.
Stützt eure Meinungen durch Argumente!
Dann wird sich zeigen, wo der Irrtum klafft.
Ihr sitzt zu Unrecht auf dem Richterstuhle
Und seid von euren Zielen weit entfernt.
Ihr geht am besten auf die Fibelschule,
Daß ihr erst mal die Anfangsgründe lernt.
Aus: Der arabische Liebesdiwan. Lyrik des Morgenlandes. Frankfurt/Main: Goldmann, 1986, [Hrsg./Übers. Janheinz Jahn], S. 136
Der Titel ist irreführend – hat den ein Praktikant geschrieben? Sogar „Abendland“ wäre richtiger, denn diese Gedichte entstanden im arabischen Andalusien, im äußersten Westen (= Maghreb) des damaligen arabischen Kulturkreises.
Ibn Hazm (Abū Muhammad ʿAlī ibn Ahmad Ibn Hazm az-Zāhirī al-Andalusī, arabisch أبو محمد علي بن أحمد ابن حزم الظاهري الأندلسي, Abū Muḥammad ʿAlī ibn Aḥmad Ibn Ḥazm aẓ-Ẓāhirī al-Andalusī) wurde am 7. November 994 in Córdoba geboren; er starb am 16. August 1064 auf dem Gut Casa Montija bei Niebla. Er war ein arabischer Dichter und Universalgelehrter im Kalifat von Córdoba. Seine Familie war wohl westgotischer Abstammung.
„Da er aber Anhänger der muslimischen Rechtsschule der Zahiriten war, erhielt er in der Großen Moschee Lehrverbot und wurde auch später deshalb immer wieder vertrieben. In Sevilla wurden sogar seine Werke verbrannt. Ein weiterer Grund für seine mehrmalige Verbannung war seine angeblich pro-umayyadische Gesinnung, die in den Taifa-Königreichen verdächtig war. Nachdem er zeitweise Wesir unter dem umayyadischen Kalifen Abd ar-Rahman V. (1023–1024) gewesen war, zog er sich aus der Politik zurück.“ (Wikipedia)
Richard Weiner.
Jean Baptiste Chardin
Dies ist mein Tisch,
Dies meine Hausschuh,
Dies ist mein Glas,
Dies ist mein Kännchen.
Dies meine Etagere,
Dies meine Pfeife,
Dose für Zucker,
Großvaters Erbstück.
Dies ist mein Eßzimmer,
Dies meine Ecke,
Dies ist mein Hund,
Dies meine Katze.
Hier ist mein Wegdewood,
Dort ist mein Sevres.
Das lustige Bildchen,
Fragos Geschenk.
Bläuliche Schalen
Hab‘ ich sehr gern.
Blumen im Fenster
Liebe ich sehr.
Fuchsien aber
Seh ich am liebsten.
Meine Charlotte
Liebet den Flieder.
Täglich um elfe
Frühstücken wir.
Abends um achte
Deckt man zu Tisch.
Esse am liebsten
Spargel mit Sauce,
Wildbret auf Pfeffer,
Erdbeer mit Creme.
Und die Charlotte
Liebt ihre Austern,
Hühnchen auf Schwammerln,
Hummerragout.
Gut ist’s zu Hause,
Sehr gut zu Hause.
Dies meine Ecke,
Dies meine Hausschuh.
Glattes Email
Glanzüberquillt.
Dies ist mein Weib.
Dies ist mein Bild.
Keine Parodie auf Günter Eichs „Inventur“, sondern das Urbild. Dieses Gedicht des tschechischen Schiftstellers Richard Weiner erschien 1916 in der Reihe „Die Aktions-Lyrik“ im Band „Jüngste tschechische Lyrik. Eine Anthologie“. Sehr wahrscheinlich kannte Eich das Gedicht. Ich weiß nicht, ob die Anleihe bewußt war oder ob Jahrzehnte später eine irgendwann gelesene Form fernwirkte. Ich halte nichts von der manchmal geäußerten Meinung, erst Eich habe der Form den „ihr entsprechenden“ Inhalt gefunden. Beide Gedichte können für sich stehen.
Richard Weiner wurde am 6. November 1884 in Písek geboren und starb am 3. Januar 1937 in Prag.
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