Dirk Uwe Hansens zweite Version, die Nach-Dichtung, von Fragment Voigt 55, mit dem unsere kleine Sapphoserie begonnen hatte:
Frg. 55 Voigt
Tot wirst du sein und begraben, wird keiner sich deiner erinnern, hier, denn die Rosen der Musen sind dir nichts. Durchsichtig, dort, in den Hades geweht wirst zwischen Blinden schwirren.
Aus: Sappho. Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: udo degener verlag, 2012
Aus Dirk Uwe Hansen: Sappho. Scherben – Skizzen
Frg. 1 Voigt
Unsterbliche Aphrodite auf dem bunten Thron Tochter des Zeus, listenreiche, ich bitte dich: nicht mit Sorgen und Kummer bedränge Herrin, mein Herz. Sondern komm her, wenn du schon einmal von anderswo mein Rufen gehört hast von fern, deines Vaters Haus verlassen, das goldene, und kamst; den Wagen hattest du angespannt, schöne Spatzen zogen dich über die schwarze Erde, flatterten heftig mit den Flügeln, vom Himmel herab durch die Mitte des Äthers kamen sie schnell. Du, Selige, lächeltest mit unsterblichem Antlitz und fragtest, was ich schon wieder habe, warum ich schon wieder rufe, und was ich mir am meisten wünsche, dass es geschehe, mit rasendem Herzen: „Welche soll ich überreden? ... in Freundschaft mit dir? Welche, Sappho, tut dir etwas Böses? Und wenn sie dich auch flieht, bald wird sie dich verfolgen, wenn sie deine Geschenke nicht nimmt, bald wird sie welche machen, wenn sie nicht liebt, wird sie bald lieben, auch wenn sie nicht will.“ Komm auch jetzt zu mir, aus der schweren Sorge erlöse mich, was auch immer mein Herz wünscht, dass es mir geschehe, vollende es, du selbst sei meine Kampfgenossin.
Alle Farben der Welt hast du, gerissene Tochter des Zeus, Aphrodite, auf deinem Thron, hast du auch früher schon vor dem Haus deines Vaters dem goldenen Wagen die Sperlinge vorge spannt und schwirrten im hohen Bogen, schnell kopfüber hinab zu mir. Und du mit deinem Göttergesicht: was ich schon wieder wollte, wolltest du wissen: „Wer ist es diesmal? Welche soll ich dir schenken?“ Das wärs, was ich mir wünsche: Komm! Bleib! an meiner Seite.
Aus: Sappho. Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: udo degener verlag, 2012
Im Oktober Preise, Preise und Festivals, nichts Neues in der Sache Gomringer-ASH (oder doch?), ein Skandal um Herta Müller in Belgrad, viel Jan Wagner und 25 Jahre Zeitschrift „Das Gedicht“, Hán Nôm in Vietnam, Leonard Cohen… und nicht zu vergessen: Gedichte in den Wahlurnen (in Island!).
(Wird noch eine Zeitlang laufend ergänzt)
Heute Dirk Uwe Hansens Doppelfassung des „Pleiadengedichts“. Obwohl es nicht einmal sicher ist, ob es wirklich von Sappho stammt, ist es heute eins ihrer bekanntesten Gedichte. Überliefert ist es ohne Nennung eines Autornamens in einem antiken Metrikhandbuch. In einer Anthologie aus dem 15. Jahrhundert wird es erstmals Sappho zugeschrieben. – Ist es ein Überbleibsel eines längeren Gedichts oder vielleicht doch ein – uns modern anmutendes – Kurzgedicht?
Frg. 168b Voigt
Untergegangen ist der Mond und die Pleiaden. Mitte der Nacht, vorüber geht die Stunde ich aber schlafe allein.
Unter der Mond gegangen gegangen Pleiaden aus aus die Stunde geblieben geblieben wieder allein
Aus: Sappho. Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: udo degener verlag, 2012
Gestorben im Oktober
2012 veröffentlichte der Philologe und Dichter Dirk Uwe Hansen ein Bändchen mit ausgewählten Fragmenten der Sappho in zweifacher Gestalt, als die Scherben der Fragmente (Scherben ist bei einem der Fragmente sogar wortwörtlich wahr: der Text von Fragment 2 Voigt überdauerte eingeritzt in eine Tonscherbe) und als Nachdichtung, Vervollständigung von heute aus. Er schreibt in einer Vorbemerkung: „Mit spitzem Stift als behutsame und maßstabsgerechte Umrisszeichnung, die sich in das verlorene Ganze wieder einsetzen ließe, auf der einen Seite, als Pinselzeichnung, die den flüchtigen Eindruck der einzelnen ins Licht gehaltenen Stücke festhalten will, auf der anderen.“ Mit Erlaubnis des Autors rücke hier in den nächsten Tagen einige dieser Doppelversionen ein.
Heute: aus den drei Fragmenten 51, 52 und 54 Voigt ist, scheints, ein heutiges Gedicht geworden.
Frg. 51 Voigt Ich weiß nicht, was ich tu. Zweifach sind meine Überlegungen.
Frg. 52 Voigt Ich glaube nicht den Himmel zu berühren.
Frg. 54 Voigt Den, der vom Himmel kam und einen purpurnen Mantel anzog.
Was weiß denn ich wo hin und welche ich bin so schnell so weit der Himmel / ist nicht zu berühren und wenn einer kommt von dort der hüllt sich in Purpur.
Aus: Sappho. Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: udo degener verlag, 2012
H.D. (Hilda Doolittle)
Fragment 113
“Weder Honig noch Biene für mich.”
— SAPPHO
Nicht Honig,
nicht die Beute der Biene
aus Blüten von Wiese oder Sand
oder Busch am Berg;
aus Winterblüten oder Trieben,
geboren aus später Glut:
nicht Honig, nicht den süßen
Farbfleck auf Lippen und Zähnen:
nicht Honig, nicht das tiefe
Eintauchen weichen Bauches
und das Haften der goldrandigen
pollen-bestaubten Beinchen;
blendet Entzücken auch meine Augen,
und kräuselt Hunger auch
meinen Mund dunkel und träge:
nicht Honig, nicht der Süden,
nicht der lange Stengel
roter Zwillingslilien,
noch leichtes Gezweig vom Obstbaum
eingefangen in biegsamem leichtem Gezweig;
nicht Honig, nicht der Süden;
ah, Blüte der purpurnen Lilie,
Blüte der weißen,
oder der Iris, ausdörrend das Gras —
denn ein Fleckchen des Sonnenfeuers
sammelt solche Glut und Kraft,
daß selbst Schattenriß Licht ist,
das durch die Blütenblätter
der gelben Iris fällt;
nicht Iris — altes Sehnen — altes Leiden –
altes Vergessen — alte Pein —
nicht dies, noch überhaupt Blüte,
sondern wenn du dich wieder umwendest,
die Stärke von Arm und Kehle suchst,
berührst wie der Gott;
vergiß den Leierton;
wissend, daß du nirgends am Leibe
ein Beben der Saite
spüren wirst,
sondern Glut, leidenschaftlichere,
des Gebeins und der weißen Schale
und feurig gehärteten Stahls.
H.D., aus: Sappho Fragments (1921). In: H.D.: Denken und Schauen. Fragmente der Sappho. Notizen und Gedichte aus dem Frühwerk, übersetzt u. hrsg. v. Günter Plessow. roughbook 016, Solothurn, Badenweiler u. Berlin, 2016, S. 113/115
Sie ist die kluge Sappho.
Platon, Dichter und Philosoph in der gewaltigsten Periode athenischer Kultur, der Perspektive besitzt und auch einen seltenen Vergleichsstandard, wenn er einige Jahrhunderte zurück auf Mytelene schaut, spricht von dieser Frau als einer unter den Klugen.
H.D., aus: The Island. Fragments of Sappho (1920). . In: H.D.: Denken und Schauen. Fragmente der Sappho. Notizen und Gedichte aus dem Frühwerk, übersetzt u. hrsg. v. Günter Plessow. roughbook 016, Solothurn, Badenweiler u. Berlin, 2016, S. 71
Anm. des Übersetzers: The Wise Sappho: Was ist gemeint, die kluge oder die weise Sappho? Das Deutsche hat hier zwei Worte für zwei sehr unterschiedliche Bedeutungen, im Englischen ist es ein Wort, in dem zwei Bedeutungsfärbungen zusammenfallen. Beide lassen sich auf Sappho anwenden. Platon, hätte er englisch gesprochen und wise gesagt, hätte vermutlich weise gemeint. Der Übersetzer hat sich gleichwohl für klug entschieden, weil es H.D vornehmlich um eine Gefühlsklugheit zu tun ist, die sie an Sappho hervorhebt.
Verzauberung
Nie wird sich die griechische Sprache von der Sauerstoffzufuhr
erholen, die ihr durch Sapphos Gedichte
zuteil wurde.
Nie sich erholen vom unerhörten A-Laut, mit dem sich die Nacht anmahnt
in einem der Fragmente, nie
von dem Augenblick,
als Aphrodites Epitheton poikilóthronos
ein einziges Mal aufblinkt
wie eine Goldbrosche im unsterblichen Blau einer Mitternacht.
Weshalb hat es kein griechischer Dichter gewagt,
dieses Wort
ein zweites oder
ein drittes Mal zu gebrauchen?
Auch die schwedische Sprache wird sich nicht erholen –
von dem Gedankengang, den Sappho
als erste
in einem Gedicht formuliert hat: «Ich bin mir dessen bewusst.»
Wörtlich steht da: «Das weiß ich zusammen mit mir.»
Syneídésis, Gewissen, conscientia!
Wenn ich sage «ich liebe dich»
musst du darauf vertrauen, was du hörst.
(Zu meinen innersten Gedanken
habe nur ich Zugang.)
Glaube mir meine Worte!
Nur ich kann ja exakt wissen, was ich denke! —
Ludwig Wittgenstein
hätte diese Art
des Konjugierens auf Griechisch
— «ich teile diese Erfahrung mit dir» — kritisiert.
Wie sollte jemand eine Erfahrung
mit sich selbst teilen können?
Wird da unser Gedanke von der Sprache verzaubert?
Es ist Mitternacht. Der Mond untergegangen —
und auch die Plejaden bringen kein Licht
ins Dunkel dieses Gedichts.
Noch immer stehen wir im Zauber der sapphischen Sprache.
Aus dem Schwedischen von Lukas Dettwiler
Aus: Jesper Svenbro: Echo an Sappho. Gedichte. schwedisch-deutsch. Frauenfeld: Waldgut, 2011, S.43/45
Dieses Gedicht spielt u.a. auf Fr. 1, 26 und 168B Voigt an.
Neun Bände auf Buchrollen soll es in der Bibliothek von Alexandria gegeben haben. Die sind seit Jahrhunderten nicht mehr: 1. Version: Der große Brand bei Cäsars Belagerung, 700 Jahre später die arabische Eroberung. 2. Version: Den christlich-orthodoxen Eiferern und andern Fundamentalisten war diese offene Frauenstimme ein vorab sittlicher Gräuel. Was wir heute von Sapphos Werken kennen, ist (bruch)stückweise gefunden und glücklicherweise manchmal erkannt und nicht immer weggeworfen worden. Es gibt bis heute ein einziges Gedicht, dessen Text nicht beschädigt ist. Auf Papyros-Verpackungen, -abdichtungen‚ -mitteilungen – um nicht zu sagen Einkaufszetteln —- hat man Abschriften gefunden, die letzten vor ein paar Jahren.
(…) Da Sappho als Dichterin mindestens zwei Premieren in die Welt setzte, die heute Selbstverständlichkeiten sind, wurden sie und ihre Werke in fast allen Epochen «gebraucht».
benutzt Sappho das «Ich» nicht als ferne Beschreibung oder als Wegschiebung, sondern sie sagte Ich und meinte Ich. Das eigene Individuum bekam also einen Namen.
Es war 700 v. Chr. auch im relativ kulturell hoch stehenden Griechenland fast unerhört, dass eine Frau sich durch ihre Sprache, ihre Texte selbständig machte und sich bis jetzt etwa 2700 Jahre behauptete. Ohne schützende, fördernde Hand eines Despoten — im Gegenteil: der Chef von Lesbos hat sie ein paarJahre nach Sizilien in die Verbannung geschickt, und sie danach wieder zurückkehren lassen.
Beat Brechbühl, in: Jesper Svenbro: Echo an Sappho. Gedichte. schwedisch-deutsch. Frauenfeld: Waldgut, 2011
Morgen: Nie wird sich die griechische Spache von der Sauerstoffzufuhr erholen, die ihr durch Sapphos Gedichte zuteil wurde.
Wenn es noch einen Amateur-Leser auf der Welt gibt – oder irgendjemanden, der einfach nur liest, um zu lesen –, so bitte ich ihn oder sie mit unaussprechlicher Zuneigung und Dankbarkeit, sich in die Widmung dieses Buches mit meiner Frau und meinen zwei Kindern zu teilen.
Jerome D. Salinger, Widmung zu Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute und Seymour wird vorgestellt. Erzählungen.
Hebt hoch das Türschloss,* Hymenaion, hebt es hoch, ihr Handwerker; Hymenaion. Der Bräutigam kommt, dem Ares ähnlich, "Hymenaion," als ein großer Mann viel größer. "Hymenaion,"
Sappho, Fr. 111 Voigt
Anm. bei Bagordo: „Es handelt sich um den Refrain eines Hochzeitsliedes (…), bei dem die Körpergröße des Bräutigams auch die sexuelle Begabung desselben suggerieren könnte (als Beispiel für die bei Hochzeitsliedern häufig vorkommende rituelle Obszönität).“
*) In den meisten Übersetzungen steht „hebt das Dach hoch“ oder „den Türbalken hoch“
Anne Carson:
up with the roof! Hymenaios– lift it, carpenters! Hymenaios– the bridegroom is coming in equal to Ares, Hymenaios– much bigger than a big man! Hymenaios!
Sappho Fr. 102 Voigt
Süße Mutter, ich vermag nicht das Gewebe zu spinnen, von der Begierde bezwungen für einen Jungen der delikaten Aphrodite wegen
(Bagordo)
sweet mother I cannot work the loom I am broken with longing for a boy by slender Aphrodite
(Anne Carson)
Carson kommentiert: slender: not an attribute of Aphrodite generally in literature or art, so some editors emend the text and transfer the adjective to the boy
Bagordo: Eine Imitation dieses Distichons, dessen Motiv an eine nicht näher definierbare volkstümliche Tadition erinnert, findet sich bei Horaz (…*). Das Fragment, dessen einziges exegetische Schwierigkeit in der Definition des Attributs βραδίναν für Aphrodite besteht („schlank, wendig“, „zart, delikat“ oder gar „schelmisch“?), ist von Sapphos erotischer Sprache geprägt.
*) Dir nimmt fort den Wollkorb Kythereas Knabe mit den Flügeln, dir das Gewebe und der eifrigen Minerva Werk nimmt fort, Neobule, de Glanz des lipareischen Hebros…“ Horaz, Sämtliche Werke. Lateinisch/Deutsch. Hrsg. Bernhard Kytzler. Stuttgart: Reclam, 2006, S. 109. Seine Anmerkungen: Amor, der Sohn der Venus, die nach ihrem Kultort Kythere benannt ist. – Von der Insel Lipari stammend; zugleich Wortspiel mit griechisch liparos = glänzend
Achtung Achtung, wir unterbrechen unsere Sapphoserie für eine wichtige Duchsage:
Gottfried Benn
Satzbau
Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab,
damit wollen wir uns nicht befassen,
das ist für den Kulturkreis besprochen und durchgearbeitet.
Was aber neu ist, ist die Frage nach dem Satzbau
und die ist dringend:
warum drücken wir etwas aus?
Warum reimen wir oder zeichnen ein Mädchen
direkt oder als Spiegelbild
oder stricheln auf eine Handbreit Büttenpapier
unzählige Pflanzen, Baumkronen, Mauern,
letztere als dicke Raupen mit Schildkrötenkopf
sich unheimlich niedrig hinziehend
in bestimmter Anordnung?
Überwältigend unbeantwortbar!
Honoraraussicht ist es nicht,
viele verhungern darüber. Nein,
es ist ein Antrieb in der Hand,
ferngesteuert, eine Gehirnlage,
vielleicht ein verspäteter Heilbringer oder Totemtier,
auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus,
er wird vorübergehn,
aber heute ist der Satzbau
das Primäre.
„Die wenigen, die was davon erkannt“ − (Goethe) −
wovon eigentlich?
Ich nehme an: vom Satzbau.
Wer das Wesen einer Sache verstehen will, möge die ältesten Exemplare aufsuchen, die er finden kann, meint Ezra Pound. Sappho ist eine gute Adresse, nahe an der Erfindung der Poesie. Sappho ist eine Macherin, oft eine Erstmalsmacherin.
Sie liebt Windmetaphern oder -gleichnisse. Das Bild von den hin und her tragenden Winden kommt schon in der Odyssee vor. Sappho verfährt lyrisch. In Fr. 37 ist es die neuartige, kühne Verknüpfung von Konkretem und Abstrakten:
für mein Jammern *** Wer aber mich rüffelt, mögen ihn die Winde forttragen und die Kümmernisse
In Fr. 47 ist es der Eros. Die Wirkung auf den liebenden Menschen (vgl. das „Liebessymptomgedicht“ hierunter) wird hier mit dem Wind verglichen, der Wind mit der Erschütterung durch den Eros verbunden:
...und Eros erschütterte mir das Herz, wie Wind, der auf dem Berg gegen die Eichen stößt
In weiteren Fragmenten kommt der Sturm und der „von oben wehende Wind“ vor.
(Zitiert in der Übersetzung von Andreas Bagordo)
Anne Carson übersetzt:
37
in my dripping (pain) the blamer may winds and terrors carry him off
47
Eros shook my mind like a mountain wind falling on oak trees
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