Ernst Jandl
göttliche komödie
beginnen Sie
mit dem titel?
fast nie, diesmal aber schon
es ist ein schwerer titel
oder vielleicht
erst schwer und dann leicht
er reicht um die ganze europäische literatur
wie ein ring für jeden liebsten
an den fingern einer jungen frau
Aus: Ernst Jandl: Werke 4. München: Luchterhand, 2016, S. 36
Alle reden von Beatrice. Aber wer nennt Dantes Ehefrau? Nicht einmal Dante selber – kein Wort über sie oder seine 4 Kinder. Josefa von Hoffinger (1820-1868) aber kennt
Dante’s Gattin.
Beatrix’ Name tönt in allen Zungen,
Dich, arme starke Frau, besingt kein Lied;
Der Trennung Pfeil, der deine Brust durchdrungen,
Schlug eine Wunde, die kein Auge sieht.
Die Kunst bringt ihren Weihrauch nur dem Schönen;
Doch schlichte Tugend muss der Himmel krönen.
Selbst er, für den so Herbes du getragen,
Gab seine Liebe nicht in Worten kund;
Dem Vaterlande galten seine Klagen,
Es schwieg von dir der vielberedte Mund.
Drum traf so ihn, wie dich, der Seichten Tadel,
Verkennend des verschwiegnen Schmerzes Adel.
Die tiefste Wunde duldet kein Berühren,
Sie frisst verzehrend in sich selbst hinein;
Des Wortes Hauch kann ihre Glut nur schüren,
Ein stummer Bettler muss das Elend sein;
Der bangste Schmerz, den keine Worte fassen,
Kann nur gebrochne Laute hören lassen.
Sie wissen nicht: wo alle Fibern beben,
Da sinkt gelähmet auch des Künstlers Hand,
Und wo im tiefsten Wehe zuckt das Leben,
Schliesst auch des Dichters Mund ein ehern Band;
Zum Lied sind stumm die allerherbsten Schmerzen,
Der Angstschrei nur bleibt dem gepressten Herzen.
“Das Liebste selbst wirst du verlassen müssen”,
So scholl der bang gebrochne Klagelaut;
Aus weiter Fern’ ein wehmuthvolles Grüssen
Der treuen Gattin, die ihm angetraut,
Ein Abschiedsblick aus Augen, wo die Thränen
Versiegten in dem ungestillten Sehnen.
Des Pilgers Weh beim Abendglockenläuten
Am Tage, wo er von den Seinen schied:
So bebt Erinnrung in der Seele Saiten,
Der schmerzerstickte Keim zu einem Lied,
Ein Schrei des Wehs, von Seufzern unterbrochen.
Dumpf übertönet von des Herzens Pochen.
Aus: Jahrbuch der Deutschen Dante-Gesellschaft, Band 2, F. A. Brockhaus, Leipzig 1868, Seite 96. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrbuch_der_Deutschen_Dante-Gesellschaft,_Band_2.djvu/110&oldid=2862984 (Version vom 24.7.2016)
Texte von Ernst Jandl (Zitatnachweis unten)
(1)
Dann fällt der Donner um und der Donnerstag um und der Tag um und der dicke Asphaltelefant steht und zittert und ich stehe unrasiert verdrossen erschrocken und zittere und die Uhr steht und zittert und der Kalender steht und zittert Und die winzgen Mädchen stehn und zittern und müssen ein neues Lied suchen in der dicken Elefantenhaut und stehen und zittern denn das alles ist furchtbar und schwer.
(2)
und weinte bitterlich und doktor oppelt kam und weinte bitterlich und frau direktor reichert kam und weinte bitterlich und gemüsehändler dungl kam und weinte bitterlich und ottokar prohaska kam und weinte bitterlich und bernhard röhrig von röhrig und co. kam und weinte bitterlich und anton ast, dentist‚ täglich außer sonnabend von 9—12 und 2—6, kam und weinte bitterlich und trude weitz kam und weinte bitterlich und edi ritter kam und weinte bitterlich und rudi vacek kam und weinte bitterlich
(3)
rilkes widerspruch und dennoch klein und weiß und dennoch groß und schwarz und dennoch klein und schwarz und dennoch groß und weiß und dennoch klein und groß und dennoch weiß und schwarz und dennoch klein und schwarz und weiß und dennoch groß und klein und schwarz
(4)
hh und hh und hh und hh und hh »keuchenderhund«
(5)
sieben weltwunder und das wievielte bin ich? und das wievielte bist du? und das wievielte ist die kuh? und das wievielte ist der uhu? und das wievielte ist das känguruh? und das wievielte ist der marabu? und wieviele bleiben übrig wenn es den marabu und das känguruh und den uhu und die kuh und dich und mich einmal nicht mehr gibt?
(6)
und drüben das beginnt keinen vers mit und kennt kein vorher und nachher kennt keinen übergang nur lang wie lang wie lang
(7)
da ist ein garten & im garten, da ist ein haus & im haus, da ist ein mann & im mann, da ist ein junge & im jungen, da ist ein mädchen das die ganze zeit sagt pissie—daddy pissie—daddy aber der junge tut’s nur alle zwei drei stunden
(8)
daliegen sich anscheißen und gewaschen werden und daliegen sich anscheißen und gewaschen werden und daliegen und sich anscheißen und gewaschen werden und daliegen Und die letzte ölung kriegen und sich anscheißen und gewaschen werden und daliegen daliegen und in himmel kommen
(9)
antipoden ein blatt und unter diesem ein blatt und unter diesem ein blatt und unter diesem ein blatt und unter diesem ein tisch und unter diesem ein boden und unter diesem ein zimmer und unter diesem ein keller und unter diesem ein erdball und unter diesem ein keller und unter diesem ein zimmer und unter diesem ein boden und unter diesem ein tisch und unter diesem ein blatt und unter diesem ein blatt und unter diesem ein blatt und unter diesem ein blatt
(10)
rrrrrrrrrrrrrrrrrrrr und ffffffffffffffffffff un krrruuuuuuuuuuuuuuuu ndfffuuuuuuuuuuuuuuu nnnnnnnnnnkrrrrrrrrr und fffunnnnnnnnnnnnnnnn krrrrrrrrrrrrrrrrrru ndfffffffffffffffffu nk nk nk nk nk nk nk
Quelle: ernst jandl: werke in 6 bänden. hrsg. Klaus Siblewski. München: Luchterhand, 2016
Bd. 1 S. 70, 404
Bd. 3 S. 24, 125, 193
Bd. 2 S. 78, 374, 375, 512, 697
(im Material nicht in der Reihenfolge der Werkausgabe)
Emily Dickinson findet einen Zugang (zu Sappho, zu Dante) über alte Bücher. Seltsamerweise auch bei Ihr Moder, moulder, aber nicht abschreckend, sondern vergnügt:
Emily Dickinson
A precious — mouldering pleasure — ‚tis —
To meet an Antique Book —
In just the Dress his Century wore —
A privilege — I think —
His venerable Hand to take —
And warming in our own —
A passage back — or two — to make —
To Times when he — was young —
His quaint opinions — to inspect —
His thought to ascertain
On Themes concern our mutual mind —
The Literature of Man —
What interested Scholars — most —
What Competitions ran —
When Plato — was a Certainty —
And Sophocles — a Man —
When Sappho — was a living Girl —
And Beatrice wore
The Gown that Dante — deified —
Facts Centuries before
He traverses — familiar —
As One should come to Town —
And tell you all your Dreams — were true —
He lived — where Dreams were born —
His presence is Enchantment —
You beg him not to go —
Old Volumes shake their Vellum Heads
And tantalize — just so —
F569 (1863)
In der Übersetzung von Gunhild Kübler:
Ein kostbar — modriges Vergnügen –
Zu sehn ein Altes Buch —
Im Kleid seines Jahrhunderts –
Ein Privileg — denk ich –
Die ehrwürdige Hand zu fassen —
Dass unsre sie erwärmt —
Und ein – zwei Rückreisen zu tun —
In seine Jugendzeit –
Sein kurioses Urteil — prüfen —
Sein Denken zu erkunden
Zu Themen die uns alle angehn —
Die Literatur des Menschen –
Was die Gelehrten fesselte —
Was für ein Wettkampf lief
Als Plato sichre Größe – und
Ein Mann war – Sophokles —
Als Sappho — junges Mädchen war —
Und Beatrice getragen
Das Kleid das Dante — heilig sprach —
Stoff von viel hundert Jahren
Durchquert das Buch — vertraut –
Als käme Einer her –
Der lebte — als das Träumen aufkam —
Und nennt dein Träumen — wahr —
Seine Präsenz ist magisch —
Du bittest ihn – so bleib —
Den Pergamentkopf schütteln Bücher
So — foltert uns ihr Reiz —
Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler. München: Hanser, 2015
Goethe konnte mit Dante nicht viel anfangen. Kleine Auswahl von Dantebezügen in Goethes Werk:
Modergrün aus Dante’s Hölle
Bannet fern von eurem Kreis,
Ladet zu der klaren Quelle
Glücklich Naturell und Fleiß.
Aus: Zahme Xenien III, Weimarer Ausgabe Bd. 3, S. 281, V. 756-759
Eine Anmerkung nennt den satirischen Hintergrund. Zu einer Berliner Ausstellung hatte der junge Maler Julius Schoppe ein Gemälde eingereicht, das abgelehnt wurde. Goethe beschreibt es so: »Lebensgroße Figur mit grüner Haut. Aus dem enthaupteten Halse sprützt ein Blutquell, die Hand des rechten, ausgestreckten Armes hält den Kopf bei den Haaren, dieser, von innen glühend, dient als Laterne, wovon das Licht über die Figur ausgeht.«
Weimar, den 23. Juli 1824.
Welch hoher Dank ist dem zu sagen,
Der frisch uns an das Buch gebracht,
Das allem Forschen, allem Klagen
Ein grandioses Ende macht.
Aus: Nachlaß. Zahme Xenien VIII, Weimarer Ausgabe Bd. 5-1, S. 113
Man nimmt an, daß sich das Gedicht auf den Dante-Übersetzer Streckfuß bezieht, der ihm im Juli 1824 seine Übersetzung des „Inferno“ übergeben hatte. Das Lob klingt zwiespältig.
Voß contra Stolberg. 1820.
Voß contra Stolberg! ein Proceß
Von ganz besonderm Wesen,
Ganz eigner Art; mir ist indes,
Das hätt‘ ich schon gelesen.
Mir wird unfrei, mir wird unfroh
Wie zwischen Gluth und Welle,
Als läs‘ ich ein Capitolo
In Dante’s grauser Hölle.
Aus: Gedichte. 5. Teil. Nachlaß, Invectiven. Weimarer Ausgabe 5-1, S. 186
Voß hatte Stolberg heftig angegriffen („Wie ward Friz Stolberg ein Unfreier“). Goethe hatte zumindest Mitleid mit Stolberg (der kurz nach der Polemik starb, Goethe schloß nicht aus, daß die Attacke dazu beigetragen habe).
Albertine stand vor sich hinschauend, einzeln, kaum bemerkt; jene erholten sich, nahmen sich zusammen, der Schade war geschehen, man war denn doch genötigt, sich wieder in den Wagen zu setzen, und in der Hölle selbst könnten widerwärtig Gesinnte, Verratene mit Verrätern so eng nicht zusammengepackt sein.
Aus: Wilhelm Meisters Wanderjahre – Kapitel 10 (Schluß)
Noch ein Stück über Kunstgespräche, das auch unabhängig von Dante nicht unaktuell sein mag:
Viel schlimmer aber war es, wenn Dante zur Sprache kam. Ein junger Mann von Stande und Geist und wirklichem Anteil an jenem außerordentlichen Manne nahm meinen Beifall und Billigung nicht zum besten auf, indem er ganz unbewunden versicherte, jeder Ausländer müsse Verzicht tun auf das Verständnis eines so außerordentlichen Geistes, dem ja selbst die Italiener nicht in allem folgen könnten. Nach einigen Hin- und Widerreden verdroß es mich denn doch zuletzt, und ich sagte, ich müsse bekennen, daß ich geneigt sei, seinen Äußerungen Beifall zu geben; denn ich habe nie begreifen können, wie man sich mit diesen Gedichten beschäftigen möge. Mir komme die »Hölle« ganz abscheulich vor, das »Fegefeuer« zweideutig und das »Paradies« langweilig; womit er sehr zufrieden war, indem er daraus ein Argument für seine Behauptung zog: dies eben beweise, daß ich nicht die Tiefe und Höhe dieser Gedichte zum Verständnis bringen könne. Wir schieden als die besten Freunde; er versprach mit sogar einige schwere Stellen, über die er lange nachgedacht und über deren Sinn er endlich mit sich einig geworden sei, mitzuteilen und zu erklären.
Leider war die Unterhaltung mit Künstlern und Kunstfreunden nicht erbaulicher. Man verzieh jedoch endlich andern den Fehler, den man an sich bekennen mußte. Bald war es Raffael, bald Michelangelo, dem man den Vorzug gab, woraus denn am Schluß nur hervorging, der Mensch sei ein so beschränktes Wesen, daß, wenn sein Geist sich auch dem Großen geöffnet habe, er doch niemals die Großheiten verschiedener Art ebenmäßig zu würdigen und anzuerkennen Fähigkeit erlange.
Aus: Italienische Reise. Zweiter römischer Aufenthalt: Störende Naturbetrachtungen
Zwei Gedichte von Günter Eich
Und
Und
macht die Welt begreiflich:
Der Schlieffenplan
und
eine Klingelanlage für Scheintote.
Günter Eich, Anlässe und Steingärten, »Nachträge zu Clausewitz«, in: Gesammelte Werke, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1991, Bd. 1, S. 148. Das Gedicht ist datiert: 24.6.64. Der Band Anlässe und Steingärten erschien 1966.
Und
Nebel Nebel Nebel
und in den Ohren
Haare, eine
unverbindliche
Freundlichkeit
und
und
Rajissas süßes Gelächter.
Was zusammengehört,
eine Erfahrung,
was mit und zusammengehört
nur mit und,
keine Begründungen.
Das wird anhalten
wenn mir das und nicht
mit den andern Wörtern entfällt.
Es reicht, es reicht, danke, es reicht.
Aus den zu Lebzeiten unveröffentlichten Gedichten, in: GW Bd. 1, S. 299f. Datiert: 31.10.71
Georg Büchner
Danton.
Oh, es versteht sich alles von selbst. Wer soll denn all die schönen
Dinge ins Werk setzen?
Philippeau.
Wir und die ehrlichen Leute.
Danton.
Das »und« dazwischen ist ein langes Wort, es hält uns ein wenig weit
auseinander; die Strecke ist lang, die Ehrlichkeit verliert den Atem,
eh‘ wir zusammenkommen. Und wenn auch! – den ehrlichen Leuten kann man Geld leihen, man kann bei ihnen Gevatter stehn und seine Töchter an
sie verheiraten, aber das ist alles!
Elisabeth Borchers
Die vielen Bücher
und ist ein langes Wort,
sagt Danton.
Da warten sie.
Diese vielen Bücher, denke ich.
Heine und Benn
und Brecht.
Die vielen zuvor.
Die vielen danach.
Verweilen, Lieben,
Vergessen.
Und das Leben,
sagt Danton.
Da mußte er sterben.
Ich sehe die weite Landschaft und
das die Wärme
und Kälte umfassende Haus.
Ohne besonderen Anlaß unterbreche ich die kleine Danteserie (die ab morgen weiter geht) für ein paar Zeilen von Goethe:
Warum mir aber in neuster Welt
Anarchie gar so wohl gefällt? —
Ein jeder lebt nach seinem Sinn,
Das ist nun also auch mein Gewinn.
Ich lass‘ einem jeden sein Bestreben,
Um auch nach meinem Sinne zu leben.
Aus: Zahme Xenien IV. Weimarer Ausgabe, Bd. 3, S. 296
MICHELANGELO BUONARROTI
AN DANTE
VOM Himmel stieg er, sterblich noch, und hatte
Gerichtes Hölle wie des Heils durchfahren,
Dann lebend Gott erblickt, damit den wahren
Bericht er über alles uns erstatte.
Leuchtender Stern, der unverdienterweise
Dem Nest aus dem ich stamme, half zum Glanze!
Und war sein Preis die Welt, die arge, ganze:
Du nur, der du ihn schufst, genügst zum Preise!
Von Dante sage ich, daß seinem Sange
Dies undankbare Volk verschloß die Ohren
Das stets den Wackern läßt beiseite stehen.
Wär ich doch er — zu solchem Los geboren!
Für seinen bittern Bann samt seinem Range
Gab ich der Welt glückseligstes Ergeben.
Deutsch von Max Kommerell
Aus: Italienische Gedichte mit Übertragungen deutscher Dichter. Zusammengestellt von Horst Rüdiger. Leipzig: Karl Rauch, 1938, S. 115/117
Dal ciel discese, e col mortal suo, poi che visto ebbe l’inferno giusto e ’l pio ritornò vivo a contemplare Dio, per dar di tutto il vero lume a noi. Lucente stella, che co’ raggi suoi5 fe’ chiaro a torto el nido ove nacq’io, né sare’ ’l premio tutto ’l mondo rio; tu sol, che la creasti, esser quel puoi. Di Dante dico, che mal conosciute fur l’opre suo da quel popolo ingrato10 che solo a’ iusti manca di salute. Fuss’io pur lui! c’a tal fortuna nato, per l’aspro esilio suo, co’ la virtute, dare’ del mondo il più felice stato.
Bertolt Brecht
Das zwölfte Sonett
(Über die Gedichte des Dante auf die Beatrice)
Noch immer über der verstaubten Gruft
In der sie liegt, die er nicht vögeln durfte
Sooft er auch um ihre Wege schlurfte
Erschüttert doch ihr Name uns die Luft.
Denn er befahl uns, ihrer zu gedenken
Indem er auf sie solche Verse schrieb
Daß uns fürwahr nichts andres übrigblieb
Als seinem schönen Lob Gehör zu schenken.
Ach, welche Unsitt bracht er da in Schwang
Als er mit so gewaltigem Lobe lobte
Was er nur angesehen, nicht erprobte!
Seit dieser schon beim bloßen Anblick sang
Gilt, was hübsch aussieht und die Straße quert
Und was nie naß wird, als begehrenswert.
Aus: Brecht, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe XI. Gedicht 1. Berlin u. Weimar: Aufbau und Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1988, S. 190
Entstanden: 1934. Brecht nahm dieses Sonett in die 1938 zusammengestellte Sammlung „Studien“ auf, ein Exemplar gab er Walter Benjamin zu lesen. Der Abdruck der „Studien“ in Versuche Heft 11, Berlin (West): Suhrkamp, 1951 weist folgende Varianten auf: Z. 2: vögeln] haben, Z 6: auf sie solche Verse] solche Verse auf sie, Z. 11: erprobte!] erprobte., Z. 13: aussieht und die Straße] aussieht, wenn’s die Straße
DIVINA COMMEDIA,
ein harter Film,
zentral gelegen,
aber ganz Western,
genügend selbstzufrieden
und in der Abwesenheit
des Mitleidens
wirklich divin.
Günter Eich, aus: Die Gedichte. Die Maulwürfe. Hrsg. Axel Vieregg (Gesammelte Werke in vier Bänden. Revidierte Ausgabe, Bd. 1). Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1981, S. 287
Heute vor 696 Jahren, am 14. September 1321, starb der Schöpfer der Comedia, die Boccaccio die Göttliche nannte. Zum Anlaß ein Danteporträt aus dem Jahr 1972. Karl Mickel schrieb ein reimloses Sonett im Maß Dantes und widmete es seinem Kollegen Wulf Kirsten.
Inferno XXXIV
Für Wulf Kirsten
Gips-Smog in Weimar, Kirsten melancholisch:
Denn er obliegt dort deutscher Zeichengebung.
Und als die Wandrer zu der Stelle kamen
Die Dante nennt: der Hüfte größte Wölbung
Kletterten sie, an Haare wie Gestrüpp
Sich klammernd, unter Keuchen aus dem Felsloch:
Aber Dante (ja, ich hatte Angst
Wer mich tadelt, denke, wo ich steckte!)
Eh er heraus war, setzte sich in eine
Schrunde und fragte: Wo ist das Eisfeld?
Warum hält Der den Kopf nach unten? und
Wie ging die Sonne so schnell von dem Abend
Zum Morgen über? – Noch im Arsch des Teufels
Will Dante, was er wahrnimmt, wissen.
Von Kirsten, der damals Lektor in Weimar war und Kommas korrigierte, handeln die ersten beiden Zeilen, er wird als melancholisch dargestellt. Die Zeichengebung gliedert das Sonett. Zwei Punkte: nach Vers 2 und 14. In jedem der beiden so markierten Sätze ein Doppelpunkt am Versende (hinzu kommt jeweils einer, der in der Versmitte Zitat und Rede anführt), die Doppelpunkte am Versende gliedern die ungleich langen Sätze wiederum in zwei Teile. Wir haben die klassische italienische Vierteilung des Sonetts, zwei ungleich lange Teile, die jeweils aus zwei Teilen bestehen und so gedankliche Schrittfolgen erlauben. So ist es zweifellos auch hier, nur mit extremer Verschiebung der Dimensionen und somit höchster Spannung. Ich kommentiere knapp die Abschnitte. A und B die beiden Sätze = Hauptabschnitte, 1 und 2 die Teile vor und nach dem Doppelpunkt.
A handelt in der Gegenwart in Weimar vom Dichter Kirsten, B in Dantes Zeit auf klassischem Boden vom Dichter Dante.
A1: Kirsten in Weimar ist melancholisch
A2 nennt den (oder einen) Grund, Einsatz mit „Denn“
B1 referiert eine Stelle aus dem 34. und letzen Canto des Inferno, Dante, begleitet von Vergil, der nicht genannt wird. Die beiden Dichter besichtigen den Mittelpunkt der Erde / der Welt. Nach christlicher Legende steckt dort Luzifer, der „Lichtbringer“, der wegen Ungehorsams gegen Gott in den Abgrund geworfen wurde. Man besichtigt den Teufel. Der Dichter Dante läßt sich alles genau zeigen. Nicht melancholisch ist er, sondern aktiv und wißbegierig.
B2 setzt mit „Aber“ ein. Keine nachgereichte Begründung wie in A2, sondern ein Trotz- und Widerwort. Dante, keuchend, frierend (sie stecken in schrundigem Eisloch), will es wissen.
Ein weiteres Satzzeichen, der einzige Gedankenstrich, bringt schließlich unvermittelt ein Fazit, der Fragenkaskade des mittelalterlichen Dichters folgt eine Wertung der Redeinstanz.
Die Widmung an Kirsten entpuppt sich als (poetologische) Kritik. Auch in widrigen Umständen möge der Dichter wahrnehmen. Wie Dante.
Hier noch einmal der Text.
Inferno XXXIV
Für Wulf Kirsten
Gips-Smog in Weimar, Kirsten melancholisch:
Denn er obliegt dort deutscher Zeichengebung.
Und als die Wandrer zu der Stelle kamen
Die Dante nennt: der Hüfte größte Wölbung
Kletterten sie, an Haare wie Gestrüpp
Sich klammernd, unter Keuchen aus dem Felsloch:
Aber Dante (ja, ich hatte Angst
Wer mich tadelt, denke, wo ich steckte!)
Eh er heraus war, setzte sich in eine
Schrunde und fragte: Wo ist das Eisfeld?
Warum hält Der den Kopf nach unten? und
Wie ging die Sonne so schnell von dem Abend
Zum Morgen über? – Noch im Arsch des Teufels
Will Dante, was er wahrnimmt, wissen.
1972
Der tschechische Dichter Otokar Březina wurde am 13. September 1868 in Počátky, Böhmen geboren, er starb am 25. März 1929 in Jaroměřice nad Rokytnou, Südmähren). Zum Geburtstag zwei deutsche Fassungen eines Gedichts
Otokar Březina
Wir aber grüßen den Frühling
Wir aber grüßen den Frühling! Wenn er im Jubel der Wildbäche naht
und in der mütterlichen Regung der Erde, dem Schnellerwerden der Zeit und des Blutes!
Uns haben Winde in den Traum des Ruhmes gewiegt. Schon im berauschenden Atem verronnen,
zittern Rosen und Sonnen, der Rhythmus der Brüste und Lieder!
Und deiner Arbeit Frühling sei uns gegrüßt! Mit uns sind Hunderte
von unsichtbaren Händen am Werk. Ihrer Bewegungen Schatten sind wie das Funkeln des Lichts. –
Und der Insekten Stimmen, das Ticken unsichtbarer Uhren, tönen vom Kleefeld,
als stieße Becher an Becher, strömt der Duft der Kastanienblüten aus den Gemächern.
Wir aber grüßen den Gewitter bringenden Frühling! Und in der Glut seiner Blitze
die Kämpfe der Liebe, den schneeweißen Schein für ein Lächeln, und im Tau des Kristallbads die Stärke zum Leiden!
Denn mit dem Blick der Schönheit hält er die Hand, das Werkzeug zum Freitod, zurück,
und er erlaubt der Seele, vom Wahnsinn erhabenen Heldenmutes zu träumen.
Wir aber grüßen den Frühling als Tausender Frühlinge Stimme! Und hört ihr nicht ihre Antwort,
wie sie von allen Welten erbebt, ein All, das von seinen Hoffnungen singt?
Goldene Schlüsselblumen funkeln auf den azur-lichten Auen, Sterne wie Augen
öffnen sich, und die Ekstase der Liebe stürzte aus ihnen die Tränen der Lichter!
Wir aber grüßen den Frühling, die Knospen feurigen Dufts im Gedenken der Brüder!
In unserm Garten sind Vögel aus allen Gärten zu hören. Und unsere Worte
falln mit dem Schnee der Kirschblüten nieder zur Erde, und im Hochzeitsflug fliegen empor sie
wie eines Bienenvolks Königin, und kehren zurück, um Leben zu schenken.
Wir aber grüßen den Frühling! Katarakt des mystischen Flusses,
wie von Gletschern splittern hinab in die Tiefe Myriaden von Funken, und der Regenbogen ist deine Sonne,
und im wirbelnden Schaum der Jasmine strömt er in eins, und in der Zeitalter Schweigen
wie zwischen Felsen stürzt er zum Meer, von Licht überschwemmt.
Wir aber grüßen den Frühling! Tage wechseln mit Nächten,
Fenster, von Engeln bemalt mit symbolischen Bildern,
ins Unendliche aufgewölbt zu den Ätherbögen deiner Basilika,
wo du die Flammen all deiner Lüster zur Auferstehung entzündest.
Wir aber grüßen den Frühling! heißen die Ungeduld der Seele willkommen!
Und der gekräftigten Flügel Erbeben! Den Mut des erleuchteten Blicks!
Denn Unendlichkeiten warten auf uns, andere, ruhmvollere Frühlinge,
Befreiungen, Lieder, in der Unendlichkeit dröhnend!
(Übersetzt von Uwe Grüning, in: Die Sonnenuhr. Anthologie tschechischer Lyrik. Hg. Kundera, Ludvík. Leipzig: Reclam 1986. (2 Bd.), Teil 3: 1900-1950, S. 35f – Auch in: Ludvík Kundera, Eduard Schreiber (Hrsg.): Süß ist es zu leben. Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2006 [Tschechische Bibliothek])
WIR GRÜSZEN DEN FRÜHLING
Wir grüßen den Frühling! Nahend im Jauchzen des Wildbachs,
in Mutterregung der Erde, im schleunigern Strömen der Zeit und des Blutes!
Wind wiegte uns ein in Träume vom Ruhm. Verschmolzen im täubenden Odem
erbeben Rosen und Sonne, Rhythmen der Brüste und Lieder!
Wir grüßen den Frühling deines! Werks! Es schaffen unsichtbar
hundert Hände mit uns. Des Lichtes Funkeln ist der Schatten ihrer Gebärde. —
Geheimnisvoller Uhrenschlag, tönen Insektenstimmen vom Kleefeld herüber,
aneinanderklingend wie Becher in den Duftkammern der Kastanienblüten.
Wir grüßen den Frühling, den Gewitterbringer! Er schafft Kämpfe der Liebe
im Blitzbrand, Blendung und Glanz dem Lächeln und Kraft für den Schmerz
im Kristallbad des Taus. Durch den Anblick der Schönheit bannt er selbstmörderische Hände
und läßt die Seele träumen vom erhabnen Wahnsinn der Heroismen.
Wir grüßen den Frühling, Rufer von tausend Frühlingen! Hört ihr ihre Antwort,
durchdröhnend das Weltall, das seine Hoffnungen singt?
Azurne Wiesen, mit Himmelsschlüsseln beglitzert, Sterne wie Augen
öffnen sich weit, Ekstasen der Liebe entströmen ihnen mit den weinenden Lichtern!
Wir grüßen den Frühling, duftige Feuerknospe im Denken der Brüder!
Vogelsang aller Gärten dringt herein in unsern. Und unsere Worte
fallen mit den Flocken blühender Kirschen zurErde und steigen empor
wie Bienenköniginnen zum Hochzeitsflug und kehren wieder, um Leben zu geben!
Wir grüßen den Frühling, Wasserfall des mystischen Stroms,
der niedersprudelt von Gletschern, Funkenmillion, Regenbogen in deiner Sonne,
und im Jasmin des wirbelnden Schaumes zerschmilzt und durch die schweigenden Zeiten
wie durch Felsen zum lichtüberfluteten Meere sich wälzt.
Wir grüßen den Frühling! Siehe, es wechseln Tage und Nächte
wie Fenster, von Engeln mit symbolischen Zeichnungen bemalt,
unendlich zu deines Tempels Ätherwolken gewölbt,
wo du alle Flammen deiner Lüster zur Auferstehung entfacht.
Wir grüßen den Frühling! Ungeduld der Seelen, willkommen!
Erstarkter Schwingen GeschWanke! Mut hellem Blicks!
Unendlichkeiten harren unser, andre, festlichere Lenze,
Der Ewigkeit donnernde Lieder, die Erlösung.
(Deutsch von Otto Pick. In: Jüngste tschechische Lyrik. Eine Anthologie [Die Aktions-Lyrik, Hrsg. Franz Pfemfert]. Berlin-Wilmersdorf: Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert), 1916, S. 17f)
Am 12. September 1985 starb Lajzer Ajchenrand, jiddischer Dichter (Polen, Frankreich, Schweiz, Israel). „Die Schweiz verweigerte ihm aus formalen Gründen die Staatsbürgerschaft.“
KRIEG
Wolkens grine speien mit Gall.
Toitlich Geher roischt durch Welder.
Varlosener Acker demert in Varfall —
Broine Durscht gießt iber Felder
Varloschene Sonn. Ziehen Hungertritt
Einsame Gaßn kalt un star —
Tiefer Schmerz! der Scheguen hit
Mutters Schotn in schweigendn Altar.
Varlorener Wind — von bloie Fliegl
Rinnen Troppens wie schwere Klagn —;
Schotns ziehen von zebrochene Spiegl
Varkrampte Finger wie dunkele Fragn.
In Eibikeit varsunkn alle Stufn —
Groisam wartn Kranke durch Necht —
Stolze Pein! Maluchem schwarze rufn
Starbende Krieger zum letztn Gefecht!
Varkoilte Oign umgehoier un schwer
In sei der glihender Bang —
A Faierschein in jeder Trer
Zittert oif un lescht sich lang . . .
Aus: Lajser Ajchenrand, Hörst Du nicht. Jiddische Gedichte. Zürich: Posen, 1947, S. 12f
Kalenderarbeit ist Arbeit am (Gegen-)Kanon. Nicht immer einfach, zwischen all den Brecht Goethe Quevedo Schlegel Brentano Mallarmé usw., die alle schätzenswert sind, Namen von Frauen aufzufinden. Oder Namen aus den sogenannt kleinen oder exotischen Sprachen, für die es außerhalb ihres Sprachraums nicht so viele Leser und Übersetzer gibt. Oder Namen, die in Vergessenheit gerieten oder die aus anderen Gründen durchs Raster fallen. In den letzten Tagen fand ich im Kalender neben Stramm Cummings Artaud Friedrich Mörike… auch Constantijn Huygens, Oda Schaefer, Rachid Boudjedra, Edith Sitwell, Gala, Caroline Schelling, Charlotte Elisabeth Nebel, H.D. oder Helga M. Novak. Heute entscheide ich mich unter James Thomson, Joanna Baillie, Adam Asnyk, Peter Hille, Rainis, Caterina Albert, Subramania Bharati, Ernst Herbeck und Hannah Weiner für Friedrich Schröder-Sonnenstern. Um ihn als Künstler riß sich der Betrieb, bis er ihn fallenließ. Als Autor kommt er nie an kanonrelevanten Stellen vor. Allenfalls als „Randgruppenlyrik“ konsumierbar. Hier seine Biografie aus dem Wikipediartikel und dann ein paar Ausschnitte aus dem Band „Seelenerkennungsdienst. Sentenzen Gedichte Graphiken“ (BasisDruck 2006).
Friedrich Schröder Sonnenstern (* 11. September 1892 in Kaukehmen bei Tilsit als Emil Friedrich Schröder; † 10. Mai 1982 in Berlin) war ein deutscher Zeichner und Maler. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Art Brut oder der Outsider Art.
Friedrich Schröder war eines von 13 Kindern, von denen allerdings zwei unmittelbar nach der Geburt starben. Sein frühes Leben war gekennzeichnet von Aufenthalten in Erziehungs- und Irrenanstalten, letzteres wegen angeblichen Jugendirreseins (Dementia praecox), was schließlich zu seiner Entmündigung führte. Als er 1919 nach Berlin floh, beschäftigte er sich mit Okkultismus, Wahrsagerei und Heilmagnetismus. Er gründete eine Sekte und verteilte seine Einnahmen in Form von Brötchen (Schrippen) bevorzugt an Kinder, was ihm den Titel „Schrippenfürst von Schöneberg“ einbrachte. 1933 wurde Sonnenstern – den Namen hatte er sich um 1928 zugelegt (Eliot Gnas von Sonnenstern) – in die Provinzial Irren- und Heilanstalt Neustadt in Schleswig-Holstein eingewiesen, wo er den Künstler Hans Ralfs kennenlernte, der ihn zum Zeichnen erster Bilder animierte. Nach der Entlassung folgte ein dreijähriger Gefängnisaufenthalt, anschließend der kurzzeitige Dienst im Luftwaffendepot und die Abschiebung ins Arbeitslager Himmelmoor bei Quickborn. 1942 gelang ihm die Flucht nach Berlin. Unter schwierigsten Umständen überlebte er die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und begann ab 1949 intensiv zu zeichnen. Die Surrealismus-Exposition in Paris 1959 feierte ihn als den beeindruckendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, international aufsehenerregende Ausstellungen folgten. Schröder-Sonnenstern zählte ab Anfang der 1970er Jahre zur Künstlergruppe der Berliner Malerpoeten. Er kam den Aufträgen nicht mehr nach, ließ von Gehilfen seine Bilder ausmalen und führte Details, Feinarbeiten und Korrekturen eigenhändig aus – bis die Gehilfen, teilweise angeregt und beauftragt von Galeristen und Händlern, auf vorsignierten Kartons Schröder-Sonnenstern-Motive kopierten, ausmalten, verkauften und ihn schließlich zum Opfer von Fälschercliquen degradierten. Als dies bekannt wurde, ließ ihn der Kunstmarkt konsequent fallen. Seriöse Galeristen und Sammler wendeten sich von ihm ab, er zog sich komplett zurück und starb, fast vergessen und verarmt, 1982 in Berlin. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.
Friedrich Schröder-Sonnenstern
Seelenerkennungsdienst
Sentenzen Gedichte Graphiken
Herausgegeben von Jes Petersen
Mit einer Auswahlbibliographie von Ingrid Hägele
Sonnenstern. 3facher Weitmeister ailer freien angewandten nützlichen, schönen 7dimensionalen einzigen Künste und der größte Dichter, denn er sieht nur Holzköppe Arschlöcher und Gelichter.
Die rätselhafte Kraft
Ganz wider Willen zwingt mich eine unheimliche Kraft zum Dichten und Malen. Sie packt mich mit aller Gewalt, in den reißenden Strom zerrt sie mich pausenlos weiter und duldet keinen Stillstand zu Atempausen, Verschnaufen. Ich will aber singen, tanzen, dirigieren, denn nur das scheint meine Stärke zu sein.
Die moralische Dichtkunst
Für Studenten
Essays müßen kurz sein aber packend mitreissend beschwingend erfrischend erwärmend belebend fragend wirkend und was die Hauptsache ist zum freien Nachdenken anregen für Leser Lehrmittel sein und Freude vermehren Qual und Leid verringern und abwehren.
Aus: Gedächtnisschwachsimplizissimus
Satire
Die moralische Hirnstärkung
Hymne auf die Gehirndrüsenschaltwerkatome
Text, Musik und Bild:
Lachmeister Salutor Kommalvor Gnas von Eliot Sonnenstern
(Obergelstrat, Obersozialrat. Obermoralrat und geheimer Oberkulturmondnarr)
Prolog:
Seht euch doch diesen Mann mal an.
da war bestimmt doch alles dran.
was mancher so gebrauchen kann.
Nur sein Gehirn war krank und schwach,
das brachte ihm manch Ungemach:
So Kummer. Sorgen, sonstges Leid.
weil er mit Kälte, Wärme, Wetter.
so aller Dummheit einzige Retter.
nicht im Geringsten wußt‘ Bescheid (…)
Der moralische Wahrheitsmaler
Ein’n Wahrheitsmaler gibt es auch,
der hat jenen besonderen Brauch,
er malt die Wahrheit, wie sie ist,
so wie sie liebt, frisst, kackt und pißt.
Der moralische Zweck
Für Bellmer
Der moralische Zweck des Lebens ist, aus scheinbar unschönen Dingen durch richtige Mischungen, schöne zu schaffen, z.B. graue Erde = (Schmutz) = mit unschönem stinkend = Mist und kleinen Samenkörnern gibt blühende, duftende Sträucher, Blumen und Bäume.
Der melancholische Eulenspiegel!
Ich kam in die Welt und suchte nach Brot,
fand aber nur Elend, Trauer und Not.
Ich suchte nach himmlischer Liebe,
fand aber nur Nichtachtung und schmerzende Hiebe.
Ich suchte die Hoffnung,
fand aber nur die Seele folternde Tropfung.
Ich suchte leider auch den Glauben,
fand nur Gespenster, die Alles nur rauben.
Ich suchte sehr eifrig auch das Glück,
fand aber leider nur stets einen Strick.
So frage ich, vielleicht ist das das Glück? —
Man risz mir die Seele aus dem Leib.
beschmierte sie mit Dreck
und warf sie dann hohnlachend jauchzend weg.
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