Klage

Paula Ludwig

(* 5. Januar 1900 Feldkirch, Vorarlberg; † 27. Januar 1974 Darmstadt)

Klage

Ich ging durch die Menge
und stieß an unselige Dinge,
durch meine Finger rieselte Staub.

Ich kam in den Schatten des Waldes,
ein Vogel flatterte einsam,
und aus dem lautlosen Moos
blühte das rötliche Kraut.
Ich bleibe die fremde Gestalt
in meines Zimmers befremdlichem Raum,
ich bin eine Zwergin unter den Aufrechten.

Wer reicht ihn mir nieder,
des Himmels lieblichen Saum?

Aus: Paula Ludwig, Der himmlische Spiegel. Berlin: S. Fischer, 1927

Die verlassene Frau

Nora Iuga

(* 4. Januar 1931 in Bukarest, eigentlich Eleonora Almosnino)

Die verlassene Frau

Heute hat die verlassene Frau mir
von ihrem Bett erzählt.
An den Bahnhöfen kommt der Nebel ankündigungslos
und ohne uns genügen alle Nächte bloß sich selbst.
Wälder gibt es
an rastlosen weißen Tagen und der Baum
kämpft gegen seine eigene Konkurrenz
wie die Häftlinge in engen Innenhöfen.
Die verlassene Frau gleitet an den Nächten vorbei
und beleuchtet den Bahnsteig
mit ihrem schönen Busen.
Wer versteht es heute noch zu lieben
und wer ist so heldenhaft
den banalen Tod zu empfangen
schuldig allein, mit Wollust
eine Frau betrachtet zu haben, länger
als seine eigene Zeit …
Die verlassene Frau hat auf mich eingeredet
und rechts drei Männer
drei Männer links und noch ein paar mehr
im Briefkasten versammelt.
Mit uns verflüchtigt sich die Menschheit
nach jeder Saison, und ich hätte nicht länger
zu warten brauchen, denn viel zu schön
entkleiden sich bei Dunkelheit des Nachts
im Bett die Wörter.

Aus: Nora Iuga: Gefährliche Launen. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Stuttgart: Klett-Cotta, 2007, S. 19

Chronik – Januar 2018

(wird laufend ergänzt)

  • 2. Januar. Der Ernst-Meister-Preis der Stadt Hagen wird im Jahre 2018 an die Autorin Barbara Köhler verliehen. Der Jury gehören neben Margarita Kaufmann, Kulturdezernentin der Stadt Hagen, und Dr. Tayfun Belgin, Leiter des Fachbereichs Kultur der Stadt Hagen, an: Prof. Dr. Michael Niehaus, Fernuniversität Hagen, Prof. Dr. Armin Schäfer, Ruhruniversität Bochum und Frank Schablewski, Dichter und Autor aus Aachen. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis zeichnet das Werk eines Autors oder einer Autorin aus, das die Verantwortung für Sprache und Poesie auf besondere Weise zum Ausdruck bringt. Die offizielle Preisverleihung wird im Frühjahr 2018 in Hagen stattfinden. / Wochenkurier – Mit der diesjährigen Verleihung ist auch eine „Neuausrichtung“ verbunden. Offenbar fallen die Förderpreise weg und der Hauptpreis rückt dotationsmäßig in Nähe eines Förderpreises (bisher gab es  den mit 13.000 Euro dotierten Hauptpreis und zwei mit je 2.250 Euro dotierten Förderpreise, Westfälischer Förderpreis und Allgemeiner Förderpreis).
  • 4. Januar. Der iranische Autor Shahryar Galvani, Literaturkritiker und Übersetzer von Doris Lessing, wurde in seinem Haus in Khoy verhaftet. Am 2. Januar wurde der Lyriker Mohammad Bam in Abadan verhaftet. http://www.kayhansweden.com/2018/01/08/25762/
  • 5. – 7. Januar. 20. Irseer Pegasus. Die Preisträger des Autorentreffens sind Mario Schlembach, Sommerein (Autorenpreis) und Martin Piekar, Bad Soden (Jurypreis).
  • 15. Januar. Der TS Eliot-Preis geht an Ocean Vuong für seinen Debütband  Night Sky With Exit Wounds. Es ist erst das zweite Mal in der Geschichte des Preises, daß ein Debütband mit dem prestigeträchtigen Preis ausgezeichnet wird. Die Juroren Bill Herbert, James Lasdun und Helen Mort wählten ihn aus einer Shortlist von 10 Personen aus. / Guardian
  • 23. Januar. Der Akademische Senat der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH) hat in seiner Sitzung am 23.1.2018 über die Neugestaltung der Fassade abgestimmt, mit dem Beschluss, das Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer von der Fassade der Hochschule zu entfernen.
  • 24. Januar. Das Haus für Poesie tritt mit sofortiger Wirkung als Kooperationspartner des Alice Salomon Poetik Preises zurück. Dr. Thomas Wohlfahrt, Leiter des Hauses für Poesie, ist entsetzt darüber, dass die Alice Salomon Hochschule diesen Beschluss umsetzt, ohne sich bei Eugen Gomringer zu entschuldigen und die aus der Luft gegriffenen Vorwürfe des Sexismus zu revidieren. Damit bleibt Eugen Gomringers Ruf beschädigt und der Preis ist diskreditiert. Das Haus für Poesie wird nicht dazu beitragen, Künstlerinnen und Künstler diesem misslichen Kapitel, für das die Hochschulleitung der ASH verantwortlich ist, auszusetzen.Auch die Mitglieder der Preis-Jury, die nicht der Alice Salomon Hochschule angehören, erklären:

    Wir bedauern den Beschluss der ASH außerordentlich, das Gedicht von Eugen Gomringer aus den bekannten Gründen zu entfernen. Wie im September 2017 in unserer Pressemitteilung angekündigt, werden wir für weitere Jurytätigkeiten nicht zur Verfügung stehen.

    Dr. Friedrich W. Block, geschäftsführender Kurator der Stiftung Brückner-Kühner
    Prof. Dr. Christine Labonté-Roset, ehemalige Rektorin der ASH Berlin
    Dr. Christiane Lange, stellv. Leiterin Haus für Poesie
    Marita Oeming-Schill, Dipl. Sozialarbeiterin und Absolventin des  Masterstudiengangs „Biografisches und Kreatives Schreiben“ der ASH Berlin
    Dr. Jens Stupin, Charité Berlin Mehr

Bildnis

Renate Rasp

(* 3. Januar 1935 in Berlin; † 21. Juli 2015 in München)

Bildnis

Ich rasiere
mir den Kopf.
Ohne Zähne
sehe ich dich
aus zwei dicken
Warzen an.
Mein Mund
wenn ich lache!
Ich bin fleckig.
Ich antworte
mit Gestank.
Meine Fingerspitzen
sind scharf und
ich säge Holz
mit den Händen.
Ich fühle mich
kalt an. Wenn
ich aufstehe
bleibt auf
dem Stuhl eine
Haut zurück.
Ich fresse
meinen eigenen Dreck.
Ich bin Dreck
in einem Haufen
schmutziger Wäsche.
Sage bloß
dass du mich nicht liebst, jetzt!

Aus: Renate Rasp: Junges Deutschland. Gedichte. München: Hanser, 1978

Jim sagt sie es geht mir an die Substanz

Ilma Rakusa

(* 2. Januar 1946 in Rimavská Sobota, Slowakei)

Jim sagt sie es geht mir an die Substanz.
Ann sagt er ich bin kein Popanz.
das geht so und geht und nennt sich Patt
oder (to be honest) Schachmatt.
Zwei lieben sich wollen das Beste
fragt sich das Beste für wen. Die Tage
vergehn aus dem einenden Bett wird
ein Rechenbrett. Spontan sind nur noch
Trauer und Wut. Wer nimmt den Hut?

Aus: Ein Strich durch alles. Neunzig Neunzeiler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997

Die Herberge

Theodor Kramer

(* 1. Januar 1897 in Niederhollabrunn; † 3. April 1958 in Wien)

Heuer 121 Jahr

Die Herberge

Seit an den Schläfen sich garnfarb mir sprenkelt das Haar,
möcht ich bisweilen vergessen vor Nacht, wer ich war,
möcht ich vergessen, was je ich gesehn und getan,
einziehn in eine der Herbergen hinter der Bahn.

Lang auf dem Eisenbett läg ich, von Kotzen* bedeckt,
starrte aufs wacklige Fenster, von Fliegen bedreckt,
hätt in der Nase vom Flur her den Dunst von Lysol,
rauchte mein Weichselholzpfeifchen und fühlte mich wohl.

Irgendwie stünd eine Rente am Ersten mir zu,
langte auf Kost und Logis und auf Wichs für die Schuh;
und alle heiligen Zeiten mal macht ich mich auf,
nähm mir zur Nacht ein vereinsamtes Mädel herauf.

Und wann die Lastzüge schwiegen, da späch ich zu ihr:
»Siehst du den Mond, Kind, und hörst du den Wind ums Quartier?
Dies ging uns beiden einst nah, es ist lange schon her;
wolln ein Stück Wurst, ein Glas Wein, und nur Ruhe — nicht mehr.«

*) Kotzen österr. = grobe Wolldecke

Aus: Theodor Kramer: Gesammelte Gedichte 1 [von 3]. Hrsg. Erwin Chvojka. M. e. Vorwort von Bruno Kreisky. Wien München Zürich: Europa Verlag, 1984, S. 524

Es hat mal einen Ernst gegeben

Elsa Baroness von Freytag-Loringhoven

Elsa von Freytag-Loringhoven, geb. Elsa Hildegard Plötz, (* 12. Juli 1874 in Swinemünde; † 15. Dezember 1927 in Paris)

[Ernst Hardt]

I.
Es hat mal einen Ernst gegeben
Der war für mich das Salz zum Leben.
Doch eines Tages krass und jäh
Verließ er mich und ging zur See.
II.
Nicht daß er etwa als Matrose
Die Welt durchflog, die grenzenlose.
O Gott — ich sage, die Idee!
Er ging als Passagier zur See.
III.
Er ging direkt bis nach Athen,
Um seine Hochzeit zu begehn.
Das Mädchen, das dazu erkoren,
War nämlich in Athen geboren.
IV.
Ihr Temperament kam nie ins sieden.
So sehr war sie von mir verschieden.
Auch hatte sie, in Ernst vernarrt,
Auf Ernsten wartend ausgeharrt
V.
Der sieben Jahre ohne Zucken,
Auch ohne frech sich umzukucken
Nach andern, um damit zu flirten,
Und drum, um dieser unerhörten
VI.
Schätze von Tugend allerhand,
Zog Ernst zur See nach Griechenland.
Ich ging mit Richard in die Schweiz,
Die hat doch immer ihren Reiz.
VII.
Und Richard hatte Sympathie
Mit meinem Leid, und zeigte sie.
Auch hatte er das Geld bereit
Zum Trost in einer solchen Zeit.
VIII.
Am bläulichen Lugano See
Tat mir die Sehnsucht ernstlich weh.
Im Flieder sang die Nachtigall,
Da war es aus und war es all.
IX.
Ich legte mich auf kalte Fliesen
Und schrie nach Ernst und wünschte diesen.
Und als ich so nach Ernsten schrie,
Kam Richard mit der Sympathie
X.
Und mit dem Geld, der liebe Bengel,
Er war ein absoluter Engel.
Er war mir Stütze, Stab, und Ruder,
Er war so gut als wie ein Bruder.
XI.
Ein Glück, daß ich den Richard hatte!
Er war so gut als wie ein Gatte.
Mit diesem Gelde reist‘ ich Meilen
Und Meilen — Ernsten zu ereilen,
XII.
Der noch in Dresden was besorgte.
Ich glaube, daß er sich was borgte.
Er konnte nämlich gar nicht sparen.
Er konnte nur in Droschken fahren,
XIII.
Um sich nicht seelisch zu besudeln
Und dichterisch zu übersprudeln.
Er war erst grade ausgewachsen,
Und er bekam dies Geld aus Sachsen.
XIV.
Doch nein, ich irre mich, aus Mainz.
Ernst hatte Geld so gut wie keins.
Sogar das Geld die Braut zu frein
War er genötigt, sich zu leihn.
XV.
Der Richard war sein Freund gewesen,
Er hatte auch sein Stück gelesen:
„Der Zank ums Zuckersüß“ genannt,
Und weil er nichts davon verstand,
XVI.
Ich meine Richard, Ernst — na, ja,
Doch das ist weder hier noch da.
Ich kritisiere hier kein Stück,
Ich klage um zerflognes Glück,
XVII.
Und überhaupt, das ganze Dichten
Hilft nicht den Lebensknoten schlichten.
Es ist nur, daß der Dichter klag‘
Um etwas, daß er nicht mehr mag.
XVIII.
Ich sage es ganz ohne Zieren,
Ihr könntet mir den Ernst servieren
Mit Lorbeerkränzen und mit Bitten,
Umsonst — ihr hättet euch geschnitten,
XIX.
Ihr hättet euch gemein verhauen,
Ich kann sein Dichten nicht verdauen.
Ich mache euch hier keine Flusen,
Ich kann sein Dichten nicht verknusen.
XX.
Doch damals, laßt es mich bekennen,
Ob mir vor Scham die Backen brennen,
Hätt‘ er gedichtet wie die Tante,
Wie heißt sie doch, na, die bekannte
XXI.
Ihr habt sie alle ja gelesen, die Natalie,
Hätt‘ er gedichtet so wie die,
Oder gechattert wie Karl May
Es war mir gänzlich einerlei,
XXII.
Es war für mich gar keine Chose,
Es war mir Jacke so wie Hose.
Es kam mir gar nicht in die Kiepe,
Es war mir schnurz, es war mir piepe.
XXIII.
Und lautete es monscheinharfen-prächtig,
Es war mir höchstens sehr verdächtig.
Was ging mich das Gesäusel an,
Er war der heiße Sonnenmann.
XXIV.
Sah er mich an mit Strahlenaugen,
Mußt‘ ich an seinen Lippen saugen.
Wie Trunkenbolde an ’nem Bittern.
Wir faßten uns, um loszuzittern.
XXV.
Ich war kein Mensch, ich war ein Schlauch,
Fest drängt‘ ich mich an seinen Bauch.
Schluchzjauchzend wie es Dichterbrauch
Tat er es schießlich, endlich, auch.
XXVI.
Dies war des Weltbaus Zweck und Sinn,
Und deshalb ging ich immer hin,
Und deshalb kam er zag und zier
Voll Sinnenlust auch hin zu mir.
XXVII.
Nach Keuschheit doch so [sehr] verlangte,
Weil es ihn um sein Dichten bangte.
Drum muß ich heut‘ mich noch beschweren:
Die in Athen konnt‘ ihn entbehren.
XXVIII.
Wer sieben Jahre warten kann,
Braucht überhaupt doch keinen Mann,
Der sieben Jahre langes Warten
Läßt Liebe zum Fantom entarten.
XXIX.
Sie konnte pudelselig sein
Mit dem Fantom, der Ernst war mein.
Ich hatte ihn mir glatt erworben,
Ich wäre süß für ihn gestorben.
XXX.
Ich hätt‘ das Leben ihm gegeben,
Viel besser als Polly in Theben.
Ach nein, Athen; doch im Exzesse
Hieb er mir einstmals in die Fresse,
XXXI.
Aus Dichtergram und Hysterei,
Verlangend nach der Polizei.
Drum ging ich mit dem Richard reisen,
Und überließ ihn seinen Preisen
XXXII.
Und seiner Braut aus Mondenschein
…………………………………pottallein.

Aus: Freytag-Loringhoven, Else von. „Es hat mal einen Ernst gegeben…“ / „Once there was a man called Ernest“: Satirical account of her affair with Ernst Hardt, 1896-98. e-Ed. & Tr., Gaby Divay & Jan Horner. Winnipeg: University of Manitoba, Archives & Special Collections, ©2000.
<frl/txt_hardt/>
Webpage last revised: 6Nov2007. Accessed 31122017 [ex: 18jun2004]. [browser preview: 4 p.]

Wie Ivan Ivanovič einmal wollte

Daniil Charms

(Russisch Даниил Хармс;  * 17.jul./ 30. Dezember 1905greg. in Sankt Petersburg, Russisches Kaiserreich; † 2. Februar 1942 in Leningrad, Sowjetunion)

WIE IVAN IVANOVIČ EINMAL WOLLTE
UND WAS DARAUS GEWORDEN IST

Tyll gewidmet
Und dem Ausrufe Zeichen

Ivan Ivanovič erzähl
Kika Koka Ku erzähl
Hier am Zaun erzähl

Du erzählst uns Eisenbahn
Warum du die Eisenbahn?
Nein wir wolln kein Eisenbahn

Lieber Nadel Dinnsunn da
Di da ka ku Dinnsunn da
Didelt um der Dinnsunn da

War einmal ein starker Mann
War ein Tischler dieser Mann
Schmiert mit Tischlerleim der Mann

Machte Stühle machte Tische
Machte mit dem Hammer Tische
Machte auch aus Nußbaum Tische

Und man nannte ihn Ivan
Wie sein Vater schon – Ivan
Also hieß auch er Ivan

Und er hatte eine Frau
Keine Mutter, eine Frau
KEINE MUTTER EINE FRAU

Wie nun aber die heißt jetzt
Weiß ich einfach nicht mehr jetzt
Habe ich vergessen jetzt

Ivan Ivanyč der zu ihr spricht
Sehr sehr klug er zu ihr spricht
Küsse* mich er zu ihr spricht

Und die Frau zu ihm: du Schwein!
Du mein Ehemann und Schwein!
Scher dich fort du Schwein!

Das mit dir das will ich nicht
Mit dir tun das will ich nicht
Weil ich nein das will ich nicht

Ivan Ivanyč der nahm sein Tuch
Und entfaltete das Tuch
Steckt es wieder ein das Tuch

Willst du nicht er zu ihr spricht
Was denn dann er zu ihr spricht
Ich fahr weg er zu ihr spricht

Und die Frau zu ihm: du Schwein!
Du mein Ehemann und Schwein!
Scher dich fort du Schwein!

Ich bin nämlich nicht für dich
Nicht mehr kennen will ich dich
Spucken könnte ich auf dich

Ivan Ivanyč wurde dumm
Wurde unter anderm dumm
Usikirka wurde dumm

Und die Frau trat ihm hierher
Holte aus und zack! hierher
Und dann noch einmal hierher

Haute ihm aufs Ohr danach
Schlug ihm Zähne aus danach
Haute noch mal drauf danach!

Ivan Ivanyč der schnappt nach Luft
Schnappt ein bißchen so nach Luft
Schnap… p… p… p… pt nach Luft

Willst du nicht er zu ihr spricht
Was denn dann er zu ihr spricht
Ich fahr weg er zu ihr spricht

Und die Frau zu ihm: du Schwein!
Du mein Ehemann und Schwein!
Scher dich fort du Schwein!

Also fuhr und fuhr er weg
Mit der Droschke fuhr er weg
Mit der Bahn weit fuhr er weg

Und die Frau die Frau blieb hier
Und auch ich war hier
Beide warn wir hier

Daniil Zatočnik (Charms)
November 1925

* Anmerkung des Autors:
Im Original steht hier ein unanständiges Wort

Aus: Daniil Charms, Die Wanne des Archimedes. Gedichte. Aus dem Russischen übersetzt und herausgegeben von Peter Urban. Wien: Edition Korrespondenzen, 2006, S. 7-10

Die Achtung vor Marx

IMAN MIRSAL

Iman Mirsal wurde 1966 in Mansura in Ägypten geboren. Sie studierte in Kairo Arabische Literaturgeschichte und ging nach Kanada

Die Achtung vor Marx

Vor den hellerleuchteten Ladenfenstern,
hinter denen Unterwäsche üppig blühte, konnte ich nicht umhin,
an Marx zu denken.

Die Achtung vor Marx
war das einzig Gemeinsame
zwischen denen, die mich liebten,
und denen, welchen ich — unterschiedlich dosiert — erlaubte,
die Baumwollpuppen zu kitzeln,
die in meinem Körper versteckt sind.

Marx —
Marx —
das werde ich dir nie verzeihen.

Aus: Die Flügel meines schweren Herzens. Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute. Hrsg. Khalid Al-Maaly. Zürich: Manesse, 2008, S. 69

An die von 1914

Alfred Wolfenstein

(28. Dezember 1883 Halle / Saale – 22. Januar 1945 Paris)

AN DIE VON 1914

Wie sind zu Tänzern Bürger rings geworden!
Die langen Herzen kommen wild geflogen,
Die kühlen, von einander angezogen!
Es ist so heiß und rot wie nie im Norden.

Es trommeln bis zum Tod mit gleichem Schlage
Hinausgezogne auf erhöhten Knieen,
Die niemals Rätsel fühlten, nie aufschrieen,
Erstürmen hallend Lösung jeder Frage.

Warum bewegtet ihr euch nicht im Frieden
So außer euch, so ruhlos und so gerne!
Gekommen wäre niemals mehr der Krieg.

Doch lernt dies Feuer für den neuen Frieden,
Stürmt dann wie jetzt und ruft statt Hurra: Sterne!
Und opfert euch für Geist und seinen Sieg.

Aus: Alfred Wolfenstein: Die Freundschaft. Neue Gedichte. Berlin: S. Fischer, 1917, S. 125

Das Herz der Samstagnacht

Julián Herbert

Das Herz der Samstagnacht
(Tom Waits trinkt mit Li Po)

Der Wind weht vom Wald her. Die Lichter des Boulevards
tanzen wie eine Kerze auf dem Fenstersims.
Der Himmel flau. Die Berge beschreiben eine Krone
um unsre Köpfe. Einer spricht über Fußball
zwischen dem verschlafenen Parkplatz
und den Schreien, die aus der Bar torkeln.
An der Theke springen farbige Lichter
über leere Gläser
wie bei einem Halma-Spiel
Die Musik ist ein Fluss zitternder Sterne.
Durch eine Flasche Wodka
scheint der Mond viel klarer.

Aus: Julián Herbert: Jesus liebt dich nicht. Übersetzungen von Timo Berger. Berlin: Verlagshaus J. Frank, 2014, S. 31

Nun komm der Heiden Heiland

Luthers Übersetzung des Ambrosianischen Hymnus ist für uns sprachlich und wohl auch theologisch nicht leicht zugänglich. Dabei galt sie beim Erstdruck 1524 als „eynem ytzlichen Christen fast nutzlich bey sich zuhaben / zur stetter vbung vnd trachtung geystlicher gesenge vnd Psalmen / Rechtschaffen vnd kunstlich verteutscht“ und insbesondere „Mit dysen vnd der gleichen Gesenge soltt man byllich die yungen yugendt auffertzihen“.

Vielleicht klappt es, wenn wir es vertont von Bach anhören

– oder im Gottesdienst singen. Allerdings ist die Fassung im Kirchengesangbuch unserem Verständnis angepaßt – die sprachlich oder inhaltlich irritierendsten Strophen weggelassen, so hier die 2. und 3. Strophe.

Im folgenden eine leicht modernisierte Textfassung mit Anmerkungen und dann die Fassung des Erstdrucks.

Nu komm, der Heiden Heiland,
der Jungfrauen Kind erkannt,1
daß sich wunder alle Welt,
Gott solch Geburt ihm bestellt.2

Nicht von Manns Blut noch von Fleisch,
allein von dem heilgen Geist
ist Gotts Wort worden ein Mensch,
und blühet ein Frucht Weibs Fleisch.

Der Jungfrau Leib schwanger ward,
doch blieb Keuschheit rein bewahrt,
leucht hervor manch Tugend schon,3
Gott da war in seinem Thron.

Er ging aus der Kammer sein,
dem kön´glichen Saal so rein,
Gott von Art und Mensch, ein Held,
sein Weg er zu laufen eilt.

Sein Lauf kam vom Vater her
und kehrt wieder zum Vater,
fuhr hinunter zu der Hell
und wieder zu Gottes Stuhl.

Der du bist dem Vater gleich,
führ hinaus den Sieg im Fleisch,
daß dein ewig Gottsgewalt
in uns das krank Fleisch enthalt.4

Dein Krippen glänzt hell und klar,
die Nacht gibt ein neu Licht dar.
Dunkel muß5 nicht kommen drein,
der Glaub bleibt immer im Schein.6

Lob sei Gott dem Vater ton,7
Lob sei Gott seim eingen8 Sohn,
Lob sei Gott dem heiligen Geist
immer und in Ewigkeit.

Ein Gebet:9

Bereitet den Weg dem Herrn, macht seine Steige richtig. Lieber Herr Gott, wecke uns auf, daß wir bereit seien, wenn dein Sohn kommt, ihn mit Freuden zu empfangen, und dir mit reinem Herzen zu dienen, durch denselben deinen Sohn, Jesus Christus unsern Herrn, Amen.

Anmerkungen

1 Anerkannt als.
2 Sich zurichtet.
3 = schön.
4 = das schwache Fleisch erhalt.
5 Muß = darf, kann.
6 = bleibt immer offenbar.
7 Ton = getan, dargebracht.
8 Eingen = einzigen.
9 Im Klugschen Gesangbuch (und dementsprechend im Bapstschen Gesangbuch und in der Jenaer Lutherausgabe) finden sich nach mehreren Liedern Luthers Gebete, die entweder von Luther selbst stammen oder zum mindesten doch seinen Beifall hatten (vgl. z.B. WA S. 233). Sie werden hier mit wiedergegeben, denn sie gehören inhaltlich zu den Liedern und können von ihnen nicht getrennt werden (vgl. in der WA S. 561 das Bedauern O. Albrechts, daß Lucke diese Gebete bei der Ausgabe der Lieder weggelassen hat).

Hymnus. Veni redemptor gentium.

Nu kom der Heyden heyland /
der yungfrawen kynd erkannd.
Das sych wunnder alle welt /
Gott solch gepurt yhm bestelt.

Nicht von Mans blut noch von fleisch /
allein von dem heyligen geyst /
Ist Gottes wort worden eyn mensch /
vnd bluet eyn frucht weibs fleisch.

Der yungfraw leib schwanger ward /
doch bleib keuscheyt reyn beward
Leucht erfur manch tugend schon /
Gott da war yn seynem thron.

Er gieng aus der kamer seyn /
dem könglichen saal so reyn.
Gott von art vnd mensch eyn hellt /
seyn weg er zu lauffen eyllt.

Seyn laufft kam vom vatter her /
vnd keret wider zum vater.
Fur hyn vndtern zu der hell /
vnd wider zu Gottes stuel.

Der du bist dem vater gleich /
fur hynnaus den syeg ym fleisch /
das dein ewig gots gewalt /
ynn vnns das kranck fleysch enthallt.

Dein kryppen glentzt hell vnd klar /
die nacht gybt eyn new liecht dar /
tunckel muß nicht komen dreyn /
der glaub bleib ymer ym scheyn.

Lob sey Gott dem vatter thon /
Lob sey got seym eyngen son.
Lob sey got dem heyligen geyst /
ymer vnnd ynn ewigkeyt.

Originalsatz

 

Angelus Silesius

201. Warumb wird GOtt gebohrn?

O Unbegreifflichkeit! GOtt hat sich selbst verlohrn /
 Drumb wil er widerumb in mir seyn Neugebohrn.

202. Die hohe Würdigkeit.

O hohe Würdigung! GOtt springt von seinem Thron /
 Und setzet mich darauf in seinem lieben Sohn.

203. Jmmer dasselbige.

Jch ward das was ich war / und bin was ich gewesen /
 Und werd' es ewig seyn / wenn Leib und Seel genesen.

204. Der Mensch ists höchste Ding.

Nichts dünkt mich hoch zu seyn: Jch bin das höchste Ding /
 Weil auch GOtt ohne mich Jhm selber ist gering.

205. Der Ort ist das Wort.

Der ort und's Wort ist Eins / und wäre nicht der ort /
 (Bey Ewger Ewigkeit!) es wäre nicht das Wort.

206. Wie heist der Neue Mensch?

Wiltu den Neuen Mensch und seinen Namen kennen /
 So frage GOtt zuvor wie er pflegt sich zunennen.

207. Die schönste Gasterey.

O süsse Gasterey! GOtt selber wird der Wein /
 Die Speise / Tisch / Musik / und der bediener seyn!

208. Die seelige Völlerey.

Zu viel ist niemals gutt / ich hasse Völlerey!
 Doch wünsch' ich daß ich GOtts so Voll als Jesus sey!

209. Wie der Mund so der Trank.

Die Hure Babylon trinkt Blutt / und trinkt den Tod:
 O grosser unterscheid! Jch trinke Blutt und GOtt.

210. Je auffgegebner je Göttlicher.

Die Heilgen sind so viel von Gottes Gottheit trunken /
 So viel sie sind in jhm verlohren und versunken.

211. Das Himmelreich ist der Gewaltsamen.

Nicht GOtt gibts Himmelreich: du selbst musts zu dir ziehn /
 Und dich mit gantzer macht und Eyfer drumb bemühn.

212. Jch wie GOtt / GOtt wie ich.

GOtt ist das was Er ist: Jch was ich durch ihn bin:
 Doch kennstu einen wol / so kenstu mich und Jhn.

218. Das Göttliche Sehen.

Wer in dem Nächsten nichts als Gott und Christum siht:
 Der sihet mit dem Licht das auß der Gottheit blüht.

221. Der Glaube.

Der Glaube Senffkorns groß versetzt den Berg ins Meer:
 Dänkt was Er könte thun / wann er ein kürbis wär!

225. Der Anti-Christ.

Was gaffstu vil mein Mensch? der Anti-Christ unds Thier
 (Jm Fall du nicht in GOtt) sind alle zwey in dir.

244. Die Liebe ist der weisen Stein.

Lieb' ist der weisen Stein: sie scheidet Gold auß koth /
 Sie machet nichts zu jchts / und wandelt mich in GOtt.

253. Der Kinder ists Himmelreich.

Christ so du kanst ein Kind von gantzem Hertzen werden /
 So ist das Himmelreich schon deine hier auf Erden.

254. Die Kindheit und GOttheit.

Weil sich die GOttheit hat in Kindheit mir erzeigt /
 Bin ich der Kindheit und der Gottheit gleich geneigt.

255. Kind und GOtt.

Kind oder GOtt gilt gleich: hastu mich Kind genennt /
 So hastu GOtt in mir / und mich in GOtt bekennt.

256. Die widergiltliche Kind- und Vatterschafft.

Jch bin GOtts Kind und Sohn / Er wider ist mein Kind:
 Wie gehet es doch zu daß beide beides sind!

257. Die Dreyeinigkeit in der Natur.

Daß GOtt Dreyeinig ist / zeigt dir ein jedes Kraut /
 Da Schwefel / Saltz / Mercur / in einem wird geschaut.

260. Heut ist der Tag des Heyls.

Braut auf der Bräutgam komt! Man geht nicht mit jhm ein /
 Wo man deß Augenbliks nicht kan bereitet seyn.

269. Bey GOtt ist alles gleiche.

Gott giebet so genau auf das koaxen acht /
 Als auf das direlirn / das ihm die Lerche macht.

288. Die gelassene Schönheit.

Jhr Menschen lernet doch vonn Wisenblümelein /
 Wie jhr könt Gott gefalln / und gleichwol schöne seyn.

289. Ohne warumb.

Die Ros' ist ohn warumb / sie blühet weil sie blühet /
 Sie achtt nicht jhrer selbst / fragt nicht ob man sie sihet.

297. Nicht Nakt und doch unbekleidt.

Nakt darf ich nicht für Gott; und muß doch unbekleidt
 Jns Himmelreich eingehn / weil es nichts fremdes leidt.

Alte Weise

Gottfried Keller

Alte Weisen

6 TRETET EIN, HOHER KRIEGER

Tretet ein, hoher Krieger,
Der sein Herz mir ergab!
Legt den purpurnen Mantel
Und die Goldsporen ab.

Spannt das Ross in den Pflug,
Meinem Vater zum Gruss!
Die Schabrack‘ mit dem Wappen
Gibt‘ nen Teppich meinem Fuss!

Euer Schwertgriff muss lassen
Für mich Gold und Stein,
Und die blitzende Klinge
Wird ein Schüreisen sein.

Und die schneeweisse Feder
Auf dem blutroten Hut
Ist zu ’nem kühlenden Wedel
In der Sommerzeit gut.

Und der Marschalk muss lernen,
Wie man Weizenbrot backt,
Wie man Wurst und Gefüllsel
Um die Weihnachtszeit hackt!

Nun befehlt Eure Seele
Dem heiligen Christ!
Euer Leib ist verkauft,
Wo kein Erlösen mehr ist!

L&Poe Nekrolog Dezember 2017

Gestorben im Dezember

  • Am 2. Jaap Harten, niederländischer Schriftsteller (87)
  • Am 3. Elmar Faber, deutscher Verleger (Aufbau Verlag) (83) Mehr
  • Am 3. Roswitha Wisniewski, deutsche Literaturwissenschaftlerin und Politikerin (91)
  • Am 5. Wladlen W. Gawriltschik (Гаврильчик, Владлен Васильевич), sowjetischer und russischer avantgardistischer Künstler, Lyriker und Prosaautpr (88)
  • Am 5. Georgij Tschedschemow (Чеджемов, Георгий), sowjetischer und russischer ossetischer Schriftsteller (77)
  • Am 13. Michelle Vian, französische Lyrikerin und Übersetzerin (97)
  • Am 13. Alfredo Castellón, spanischer Schriftsteller und Filmregisseur (87)
  • Am 14. Yu Guangzhong, taiwanesischer Dichter (89) Mehr | Mehr
  • Am 15. Juan de Loxa, spanischer Schriftsteller und Journalist, Gründer des Museums Geburtshaus Federico García Lorca (73) Mehr (span)
  • Am 16. Tu An, chinesischer Dichter und Übersetzer (94)
  • Am 16. Z’EV, amerikanischer Schlagzeuger und Soundpoet (66)
  • Am 16. Jadwiga Has, polnische Lyrikerin und Schauspielerin
  • Am 17. Francesco Leonetti, italienischer Schriftsteller (93)
  • Am 17. Edmon Shehadeh, palästinensischer Dichter (84) (Tod an diesem Tag bekanntgegeben)
  • Am 17. Leszek Aleksander Moczulski, polnischer Lyriker und Textdichter
  • Am 18. Ana Enriqueta Terán, venezolanische Dichterin (99)
  • Am 20. Juan Drago Gutiérrez, spanischer Schriftsteller (70)
  • Am 21. Mirosław Stecewicz, polnischer Schriftsteller
  • Am 23. Edith Checa, spanische Journalistin und Schriftstellerin (60)
  • Am 23. Pierre Debauche, frankobelgischer Schauspieler, Regisseur und Lyriker (87)
  • Am 24. José Adán Castelar, honduranischer Lyriker (76)
  • Am 26. Dick Allen, amerikanischer Lyriker (78)
  • Am 28. Gerhard Neumann, deutscher Germanist (83) „Nach Professuren in Bonn, Erlangen und Freiburg kam er 1986 nach München und zog dort ganze Generationen von Studenten in seinen Bann, indem er sie lehrte, Texte als Spannungsfelder zu begreifen statt als Rätselaufgaben. Spannungsfeld, das hieß auch Performance, das Theatralische an Texten entging ihm nicht.“ Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung | Mehr

Datum unbekannt

  • Antoni Kozłowski, polnischer Lyriker mehr (poln)