Dichters Klage

Zum 100. Todestag Frank Wedekinds (* 24. Juli 1864 in Hannover; † 9. März 1918 in München) heute ein Gedicht und die erste Strophe eines zweiten.

Schluß

Ich wußte ehmals nichts davon,
Bin unschuldsvoll gewesen,
Bis daß ich Wielands Oberon
Und Heines Gedichte gelesen. –

Die haben sodann im Lauf der Zeit
Mein bißchen Tugend bemeistert.
Ich träumte von himmlischer Seligkeit
Und ward zum Dichten begeistert.

Auch fand ich, das Dichten sei keine Kunst,
Man müßt‘ es nur einmal gewohnt sein. –
Ich sang von feuriger Liebesbrunst,
Von Rosenknospen und Mondschein;

Besang der Sonne strahlendes Licht.
Viel Schönes ist mir gelungen.
Jeweilen mit dem schönsten Gedicht
Hab‘ ich mich selber besungen.

Und folgte treu der gegebenen Spur
Auf meine Muster gestützet;
Schrieb viele Bogen Makulatur. –
Wer weiß, zu was sie noch nützet? –

Und wenn das Dichten so weitergeht,
So darf ich im Tode behaupten:
»Am Ende war ich doch ein Poet,
Obwohl es die wenigsten glaubten.« –

«Des Dichters Klage»

Schwer ist’s, heute ein Gedicht zu machen,
Darum läßt man es am besten sein;
Wenn die Menschen wirklich drüber lachen,
Sperrt man den Verfasser meistens ein;
Wenn sie sich jedoch in Tränen winden,
Dann verhungert schließlich der Poet,
Deshalb wird man es begreiflich finden,
Daß die Poesie zugrunde geht.

(…)

ANNO DOMINI 1933

Menschen ohne Todesdatum. Vermutlich Anfang März 1943 starb in Auschwitz Gertrud Kolmar (Pseudonym für Gertrud Käthe Chodziesner, * 10. Dezember 1894 in Berlin). Hier ein Gedicht aus dem Nachlaß.

Gertrud Kolmar

ANNO DOMINI 1933

Er hielt an einer Straßenecke.
Bald wuchs um ihn die Menschenhecke.

Sein Bart war schwarz, sein Haar war schlicht.
Ein großes östliches Gesicht,

Doch schwer und wie erschöpft von Leid.
Ein härenes verschollnes Kleid.

Er sprach und rührte mit der Hand
Sein Kind, das arm und frostig stand:

«Ihr macht es krank, ihr schafft es blaß;
Wie Aussatz schmückt es euer Haß,

Ihr lehrt es stammeln euren Fluch,
Ihr schnürt sein Haupt ins Fahnentuch,

Zerfreßt sein Herz mit eurer Pest,
Daß es den kleinen Himmel läßt —»

Da griff ins Wort die nackte Faust:
«Schluck selbst den Unflat, den du braust!

Du putzt dich auf als Jesus Christ
Und bist ein Jud und Kommunist.

Du krumme Nase, Levi, Saul,
Hier, nimm den Blutzins und halt’s Maul!»

Ihn warf der Stoß, ihn brach der Hieb.
Die Leute zogen mit. Er blieb.

Gen Abend trat im Krankenhaus
Der Arzt ans Bett. Es war schon aus. —

Ein Galgenkreuz, ein Dornenkranz
Im fernen Staub des Morgenlands.

Ein Stiefeltritt, ein Knüppelstreich
Im dritten, christlich—deutschen Reich.

Aus: Gertrud Kolmar: Das Wort der Stummen. Nachgelassene Gedichte. Berlin (Ost): Buchverlag Der Morgen, 1978, S. 28f

Ab Juli 1941 musste Gertrud Kolmar Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten. Ihr Vater wurde im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und starb dort im Februar 1943. Gertrud Kolmar wurde am 27. Februar 1943 im Verlauf der Fabrikaktion verhaftet und am 2. März 1943 im 32. sogenannten Osttransport des RSHA ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Von den etwa 1500 Berliner Juden, die in diesem Zug am 3. März 1943 in Auschwitz ankamen, wurden nach der Selektion an der ‚Alten Rampe‘ 535 Männer und 145 Frauen als „arbeitsfähige“ Häftlinge registriert und in das Lager eingewiesen. Die übrigen etwa 820 Deportierten dieses Zuges, darunter Gertrud Kolmar, wurden nicht als Häftlinge registriert und vermutlich sofort nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet. (Wikipedia)

Die Wanderratten

Weiter mit Heine. Aus seinem unerschöpflichen Reservoir galliger Deutschland- und Zeitgedichte heute dies.

Heinrich Heine

Die Wanderratten

Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Sie wandern viel tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die Lebenden lassen die Toten zurück.

Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.

Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frisst,
Dass unsre Seele unsterblich ist.

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.

Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen – die Zahl ist Legion.

O wehe! wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Toren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hohlwohlweise Senatsdekrete,
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen Euch heute, Ihr lieben Kinder!

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.

Wie ich dich liebe? Laß mich zählen wie.

Elizabeth Barrett-Browning

(* 6. März 1806 in Durham, England; † 29. Juni 1861 in Florenz)

Portugiesische Sonette

Deutsch von Rainer Maria Rilke

XLIII.

Wie ich dich liebe? Laß mich zählen wie.
Ich liebe dich so tief, so hoch, so weit,
als meine Seele blindlings reicht, wenn sie
ihr Dasein abfühlt und die Ewigkeit.

Ich liebe dich bis zu dem stillsten Stand,
den jeder Tag erreicht im Lampenschein
oder in Sonne. Frei, im Recht, und rein
wie jene, die vom Ruhm sich abgewandt.

Mit aller Leidenschaft der Leidenszeit
und mit der Kindheit Kraft, die fort war, seit
ich meine Heiligen nicht mehr geliebt.

Mit allem Lächeln, aller Tränennot
und allem Atem. Und wenn Gott es giebt,
will ich dich besser lieben nach dem Tod.


Sonnets from the Portuguese 43

BY ELIZABETH BARRETT BROWNING

How do I love thee? Let me count the ways.
I love thee to the depth and breadth and height
My soul can reach, when feeling out of sight
For the ends of being and ideal grace.
I love thee to the level of every day’s
Most quiet need, by sun and candle-light.
I love thee freely, as men strive for right;
I love thee purely, as they turn from praise.
I love thee with the passion put to use
In my old griefs, and with my childhood’s faith.
I love thee with a love I seemed to lose
With my lost saints. I love thee with the breath,
Smiles, tears, of all my life; and, if God choose,
I shall but love thee better after death.

Solange wir leben

Julian Przyboś

(* 5. März 1901 in Gwoźnica Dolna/Powiat Strzyżowski; † 6. Oktober 1970 in Warschau)

Solange wir leben

Kanonendonner,
blutroter Feuerschein,
lodernd, als bräche der Himmel ein.
Hilflos, von Granaten zu Boden geschmissen,
fleh ich um Gnade, um ein Gewehr!
Schrei wie ein Tier …
Doch dann, wie vom Tod auferstanden,
blick ich umher,
sehe — von Bomben zerschlagen, zerrissen —
Warschau vor mir.

Weinen von Männern dringt
in mein geborstenes Ohr,
und wie eine Kugel ihr Schweigen.

Das war die Sekunde, in der ich den Bruder verlor.

Ihr, die ihr über die Grenzen die Köpfe tragt
und zu den Waffen flüchtet, nehmt meinen Segen!
In dem zertrümmerten Bunker sitz ich verzagt,
allzu kraftlos, die Stimme noch zu erheben,
und unsre Hymne zu singen: „Solange wir leben …“

September 1939

Deutsch von Martin Remané

Aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Hrsg. Henryk Bereska und Heinrich Olschowsky. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 126

Heinrich Heine, deutscher Dichter

Ein bißchen Heine als Antidot. – Im 24. Caput seines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ sagt ihm die Göttin Hammonia, die sich wundert, daß der in Paris lebende Dichter in den Norden reist, daß früher Klopstock (begraben in Hamburg) ihr Lieblingsdichter war. Heute ist es – nur die Lumpe sind bescheiden – Heine (begraben in Paris):

Nur daß du meine Söhne so oft
Genergelt, ich muß es gestehen,
Hat mich zuweilen tief verletzt;
Das darf nicht mehr geschehen.

Es hat die Zeit dich hoffentlich
Von solcher Unart geheilet,
Und dir eine größere Toleranz
Sogar für Narren erteilet.

Aus Heines Antwort:

Ich wollte weinen, wo ich einst
Geweint die bittersten Tränen –
Ich glaube, Vaterlandsliebe nennt
Man dieses törichte Sehnen.

Ich spreche nicht gern davon; es ist
Nur eine Krankheit im Grunde.
Verschämten Gemütes, verberge ich stets
Dem Publiko meine Wunde.

Fatal ist mir das Lumpenpack,
Das, um die Herzen zu rühren,
Den Patriotismus trägt zur Schau
Mit allen seinen Geschwüren.

Schamlose schäbige Bettler sind’s,
Almosen wollen sie haben –
Ein’n Pfennig, Popularität
Für Menzel und seine Schwaben!

Jetzt wohin?

Heinrich Heine

Jetzt wohin?

Jetzt wohin? Der dumme Fuß
Will mich gern nach Deutschland tragen;
Doch es schüttelt klug das Haupt
Mein Verstand und scheint zu sagen:

Zwar beendigt ist der Krieg,
Doch die Kriegsgerichte blieben,
Und es heißt, du habest einst
Viel Erschießliches geschrieben.

Das ist wahr, unangenehm
Wär mir das Erschossenwerden.
Bin kein Held, es fehlen mir
Die pathetischen Gebärden.

Gern würd ich nach England gehn,
Wären dort nicht Kohlendämpfe
Und Engländer – schon ihr Duft
Gibt Erbrechen mir und Krämpfe.

Manchmal kommt mir in den Sinn
Nach Amerika zu segeln,
Nach dem großen Freiheitstall,
Der bewohnt von Gleichheitsflegeln –

Doch es ängstet mich ein Land,
Wo die Menschen Tabak käuen,
Wo sie ohne König kegeln,
Wo sie ohne Spucknapf speien.

Rußland, dieses schöne Reich,
Würde mir vielleicht behagen,
Doch im Winter könnte ich
Dort die Knute nicht ertragen.

Traurig schau ich in die Höh,
Wo viel tausend Sterne nicken –
Aber meinen eignen Stern
Kann ich nirgends dort erblicken.

Hat im güldnen Labyrinth
Sich vielleicht verirrt am Himmel,
Wie ich selber mich verirrt
In dem irdischen Getümmel. –

Schöne Rose im Dickicht

Mechthild von Magdeburg

[Got gelichet die selen fúnf dingen]

O du schoene rose in dem dorne,
o du vliegendes bini in dem honge,
o du reinú tube an dinem wesende,
o du schoenú sunne an dinem schine,
o du voller mane an dinem stande!
Ich mag mich nit von dir gekeren.

In der Übersetzung von Thomas Kling:

[Gott ähnelt der seele in fünf dingen]

O du schöne rose im dickicht!
O du fliegende biene am honig!
O du reine taube in deinem fortbestehen!
O du schöne sonne mit deinem glanz!
O du vollmond wie du stehst!
Ich vermag mich nicht von dir abzuwenden.

Aus: Sprachspeicher. 200 Gedichte auf deutsch vom achten bis zum zwanzigsten Jahrhundert eingelagert und moderiert von Thomas Kling. Köln: DuMont, 2001, S. 59

Vgl. hier

Braut-Lied

Johann Balthasar Schupp

(auch Schuppius, Pseudonyme: Antenor, Ambrosius Mellilambius, * 1. März 1610 in Gießen; † 26. Oktober 1661 in Hamburg)

Braut-Lied : Gerichtet auff der Frantzosen Sprich-Wort: Contentement passe richesse, Dem … Herrn Heinrich Mäven Handels-Mann in Hamburg … Als er … sich zum andern mahl in den Ehe-Stand begab Mit … Anna Sann / Johann Balthasar Schupp. – [Online-Ausg.]. – [S.l.], 1657

Braut-Lied
 Welches kan gesungen werden
 Nach H. Simon Dachens: Wol
 dem / der sich nur lest genügen / etc.
 Oder
 Nach H. Mart. Opitzen: Wol dem /
 der weit von hohen Dingen / sein Fuß
 setzt auff der Einfalt Bahn / etc.
                 1.
 WOl dem / dem GOTT ein Weib bescheret /
  Das züchtig fromm und Tugendreich /
Das jhn als jhren Herren ehret /
  Und seinem Sinn gerecht und gleich!
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  2.
 Was hilft es / viel von Gütern sagen.
  Die uns ein reiches Weib gebracht /
 Und sich dabey mit Sorgen plagen /
  Weil sie nicht sind in unsrer Macht?
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                 3.
 Von reichen Freunden und Verwanten
  Viel pralen / ist ein blosser Schein.
 Viel besser ist es bey Bekandten /
  Die uns am Stande gleiche seyn.
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  4.
 Ein Weib von treflichem Geschlechte /
  Da man auff grosse Freundschaft sieht /
 Macht dich zum Sclaven und zum Knechte /
  Und sie ist Mann im Hauß-Gebiet.
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  5.
 Wiltu auff äußre Schönheit sehen /
  Daran die Welt den Narren frist?
 Wie le[i]cht / wie bald kan es geschehen /
  Daß sie dahin gefallen ist?
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  6.
 Ist sie geneigt* zu neuen Trachten?
  So mustu stets zum Kramer gehn /
 Das Volck mag sieden / braten / schlachten /
  Fürs Putzen läst sie alles stehn.
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  7.
 Ist sie beredt? so mustu wissen /
  Daß nichts / als Schnacken / ihr gefällt.
 Wird jhr ein Quer-Wort vorgeschmissen?
  So siehstu / wie sie beist und bellt!
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  8.
 Dem aber so das Glücke füget /
  Das er im Ehstand findet Ruh /
 Der kan im Hertzen seyn vergnüget;
  Schickt ihm gleich GOTT ein Cretze zu.
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                 9.
 Sein Trost / Erquickung und Vertrawen /
  Nechst GOTT / ist nur auff das gericht /
 Daß er sein liebes Weib kan schawen /
  Wie sie bereit jhr Ampt und Pflicht /
  Ein ander liebe was er wil ;
  Ich halte von Vergnügung viel.
                  10.
 Drumb / welchen GOTT ein Weib bescheret /
  Das züchtig fromm und tugendreich /
 Das ihn / als ihren Herren ehret /
  Und seinem Sinn gerecht und gleich:
  Der hat / man sage was man wil /
  Trost / Friede / Lust / Vergnügung viel.
  • im Druck: geneiget

L&Poe Nekrolog – Februar 2018

Im Februar 2018 starben

(wird ergänzt)

  • Am 1. Menno Wigman, niederländischer Dichter (51) Mehr (niederländisch)
  • Am 1. Niranjan Bhagat, indischer Lyriker (91)
  • Am 3. Jean-Luc Sarré, französischer Lyriker (73)
  • Am 5. Arnold Maury, deutscher Komponist und Schriftsteller (90). Er komponierte u.a. Vokalmusik nach Arno Holz, Heine, Rilke und Rabindranath Thakur (Tagore) Wikipedia
  • Am 5. Gianfranco Lazzaro, italienischer Journalist und Schriftsteller (87)
  • Am 6. Liliana Bodoc, argentinische Schriftstellerin (59)
  • Am 7. John Perry Barlow, US-amerikanischer Schriftsteller (70)
  • Am 7. Brahim Akhiat, marokkanischer Schriftsteller, Berber-Aktivist (77)
  • Am 10. Michiko Ishimure, japanische Schriftstellerin  (90)
  • Am 11. Anna Sajed-Schach (Саед-Шах Анна Юдковна), sowjetische und russische Lyrikerin und Journalistin (68)
  • Am 12. Heinz Rudolf Unger, österreichischer Schriftsteller (79) Mehr
  • Am 12. Françoise Xenakis, französische Schriftstellerin (87)
  • Am 20. Kaneko Tōta, japanischer Lyriker (98)
  • Am 20. Roy McDonald, kanadischer Lyriker und Musiker in London (81) Mehr
  • Am 22. Euler Granda, ekuadorianischer Schriftsteller und Psychiater (82)
  • Am 26. Juan Hidalgo, spanischer Musiker, Dichter, Aktions- und bildender Künstler (90)

Schwester des Dichters

Sophie Tieck, auch Sophie Bernhardi oder Sophie von Knorring (* 28. Februar 1775 in Berlin; † 1. Oktober 1833 in Reval)

“Sie hat gewiß herrliche Geistesanlagen; aber Leidenschaftlichkeit und Ehrgeiz haben, wie es mir scheint, ihre Seele sehr zerrüttet.” (Darüber sind die Dichter erhaben.) So schrieb der Dichter Friedrich Schlegel am 12. Mai 1813 an den Dichter Ludwig Tieck über dessen Schwester Sophie Tieck, zwei Dichtermänner unter sich

„Es ist tröstlich, daß ich mir einbilde, als schrieb’ ich an einen theuren Freund, der mich durchaus versteht, an dessen Herz ich diese Blätter niederlege, da ich doch nur für mich schreibe, weil es mir wohl thut, manche Gefühle und Gedanken meiner Seele auszusprechen! Und ist es nicht seltsam, daß der Mensch eine so eigene Oekonomie und einen so lächerlichen Stolz besitzt, daß es ihm unmöglich ist zu denken, er könne etwas ohne Zweck und Absicht thun? der edlere Mensch kann nichts für sich thun, es wird ihm alles nur etwas in Beziehung auf andere, und selbst bei jedem kleinen Aufsatz liegt im Hintergrunde der Seele der Gedanken an einen etwanigen Leser, und wenn wir es selbst so weit bis nach unserm Tode hinaus schieben sollten. Es ist eine so kindliche liebenswürdige Eitelkeit, zu glauben, daß, wenn selbst die Hand, die diese Worte schrieb, schon in Staub zerfallen ist, daß sie dann noch belehren und nützen. (…)

Wollte der Mensch nicht der Zeit voran eilen, wäre er mit dem Worte Liebe nicht bekannt, so würde einen jeden die Empfindung rühren und keine einzige Stelle keines einzigen Dichters würde auf seine Empfindung anwendbar seyn; denn es würde für jeden eine eigene Liebe entstehen, und es würde vielleicht jeder als ein eigener Dichter auftreten. Das Beispiel der bisherigen Dichter rechtfertigt mich. Ist nicht jedes Liebe so verschieden, daß auch nicht eine Strophe von dem Liede des einen in das des andern hineingetragen werden könnte. Von den Dichtern, die Liebe, Wein und Braten besingen, ist nicht die Rede; ihnen schmekt keins auf die wahre, das heißt auf die ihnen natürliche Art, und darum sprechen sie so schlecht von allen.

So wie keine Blume ohne Farbe gedacht werden kann, so ist kein Mensch ohne Poesie und sie mangelt nur denen, die sie durch die Poesie verbreiten, oder vielmehr sie mangelt ihnen doch nicht, sondern es ist nur, als wenn man den Blumen die Farbe durch Scheidewasser auszieht. Sehr viele Blumen stehn nun geruchlos und in unscheinbaren Farben da, und dies ist die grössere Anzahl unter den Menschen, möchte ich sie diejenigen nennen, die ihre innere Poesie nicht mittheilen können; allen ist es nicht gegeben, durch einen süssen Duft die vorübergehenden zu erfreuen.“

(Aus Lebensansicht von Sophie B. In: Athenäum. Dritten Bandes Zweites Stück, 1800)

„Liebster Bruder

Warum schreibst du mir den nicht? Bist du etwa böse über manche Schwierigkeit die ich dir geschrieben habe? Vergib mir das ich bitte dich recht sehr darum und strafe mich nicht so hart. Es ist nun schon die dritte Woche und ich habe noch keinen Brief von dir ich bitte dich laß mich nicht länger warten. Oder bist du etwa krank oder hast du mich so ganz vergessen? Siehst du wie mich so viele Besorgnisse quälen. …..Wen nun auch meine Briefe in einem Anfal von Empfindelei geschrieben sind so ist das ja wohl verzeihlich. Du weist ja nicht welche Veranlassung ich dazu gehabt habe. Wie kanst du das 40 Meilen von mir beurtheilen…..“

(Zitat aus einer Handschrift vom 24.12.1792)

eia wasser regnet schlaf

Elisabeth Borchers

(* 27. Februar 1926 in Homberg, Niederrhein; † 25. September 2013 in Frankfurt am Main)

1961 löste dieses schön surrealistische Gedicht bei den Lesern der FAZ Proteste aus:

eia wasser regnet schlaf
eia abend schwimmt ins gras
wer zum wasser geht wird schlaf
wer zum abend kommt wird gras
weißes wasser grüner schlaf
großer abend kleines gras
es kommt es kommt
ein fremder

Wer vergleicht wen womit?

Mechthild von Magdeburg / Monika Rinck

XVIII. Gott gleicht die Seele fünfer Dinge

O du schöne Rose im Dornicht,
o du fliegende Biene im Honig,
o du reine Taube in deinem Sein,
o du schöne Sonne in deinem Schein,
o du voller Mond in deinem Stehn!
Ich kann mich nicht ab von dir kehrn.

in dornen rosenschön,
im honig bienenflug,
im wesen taubenlauter,
im scheinen sonnenschön,
im erstehen voller mond!
niemals kann ich von dir gehn.

so e schöni ros im dorngebisch,
so e liebsbiensche wo im honisch fliecht,
so wie e reinstäubsche in seim wesen iss,
schön wie die sonn ihr scheine iss,
so e voller mond wo obbe steht —
ABKEHR? ich wisst jo garned wie das geht.

O s’isse schöns rösche im dornestrauch,
o s’isse fliengiensche im honisch rumennumm,
o s’iss e täubsche, dass iss in seim wesen rein,
o s’iss e sonn, so schön iss, wannse scheint,
o s’iss de mond, so voll als dasser steht.
schbleib bei dir, weils annerscht garned geht.

In: Franz Josef Czernin, Oswald Egger, Werner Fritsch, Barbara Köhler, Monika Rinck: Je tiefer ich sinke, je süßer ich trinke. Poetische Annäherungen an Mechthild von Magdeburg. Hrsg. Mechthild Rausch. Berlin, Duisburg, Neuss, Rettenegg u. Holderbank: roughbooks, 2010 (roughbook 012), S. 23f

Poetische Kombinatorik

Da steckt mehr drin! Hier einige durch Reduktion und Kombination aus Quirinus Kuhlmanns 41. Liebeskuß gewonnene Gedichte.

Unten noch einmal das Ganze (zur besseren Übersicht mit Leerzeilen zwischen den Langversen (die im Original auf einer Doppelseite gedruckt wurden, siehe Faksimile im vorigen Beitrag)

Eine interessante Übung ist es auch, die Langverse, die eine Art Extremform des Alexandriners sind: ein achthebiger Jambus mit Zäsur nach der achten Silbe, laut zu sprechen. Zusätzlich erschwert dadurch, daß es bis auf das letzte Wort bei zweisilbigem („weiblichem“) Versschluß nur aus einsilbigen Wörtern besteht, die fast alle betont weden müssen. Das Sprechen wird so zu einem Balanceakt, eine Orgie schwebender Betonung, die erst schwerfällig anmutet, aber bei einiger Übung besteht Gefahr, davonzuschweben!

Unter jedes aus dem Korpus herausgezogene Gedicht setze man die knappe Schlußformel:

Alles wechselt ; alles libet ; alles scheint was zu hassen:
Wer nur disem nach wird=denken / muß di Menschen Weißheit fassen.

Auf Nacht /
Folgt Tag /
Auf Leid /
Wil Freud /
Der Mond /
Libt Schein /
Der Schütz /
Suchts Zil /
Was Gutt /
Pflegt Böß /
Auch Mutt /
Wo Furcht /

Auf Nacht / Dunst / Schlacht /
Folgt Tag / Glantz / Blutt /
Auf Leid / Pein / Schmach /
Wil Freud / Zir / Ehr /
Der Mond / Glunst / Rauch /
Libt Schein / Stroh / Dampf /
Der Schütz / Mensch / Fleiß /
Suchts Zil / Schlaff / Preiß /
Was Gutt / stark / schwer /
Pflegt Böß / schwach / leicht /
Auch Mutt / lib / klug /
Wo Furcht / Haß / Trug /

Auf Dunst /
Folgt Glantz /
Auf Pein /
Wil Zir /
Der Glunst /
Libt Stroh /
Der Mensch /
Suchts Schlaff /
Was stark /
Pflegt schwach /
Auch lib /
Wo Haß /

Auf Schlacht /
Folgt Blutt /
Auf Schmach /
Wil Ehr /
Der Rauch /
Libt Dampf /
Der Fleiß /
Suchts Preiß /
Was schwer /
Pflegt leicht /
Auch klug /
Wo Trug /

Auf Feur und Plagen /
Folgt Brand und Noth:
Auf Schimpf / als Spott /
Wil Glimpf / stets tagen.
Der Ochs / und Magen
Libt Wiß / und Brod:
Der Treu / und GOtt /
Suchts Hold / Danksagen
Was weit genennt /
Pflegt nah / zumeiden /
Auch Lob muß scheiden /
Wo Hohn schon rennt

Auf Plagen /
Folgt Noth:
Auf Spott /
Wil tagen.
Der Magen
Libt Brod:
Der GOtt /
Suchts Danksagen

So kann man sich durchkombinieren für viele Gedichte aus dem einen.

Auf Nacht / Dunst / Schlacht / Frost / Wind / See / Hitz / Süd / Ost / West / Nord / Sonn / Feur und Plagen /

Folgt Tag / Glantz / Blutt / Schnee / Still / Land / Blitz / Wärmd / Hitz / Lust / Kält / Licht / Brand und Noth:

Auf Leid / Pein / Schmach / Angst / Krig / Ach / Kreutz / Streit / Hohn / Schmertz / Qual / Tükk / Schimpf / als Spott /

Wil Freud / Zir / Ehr / Trost / Sig / Rath / Nutz / Frid / Lohn / Schertz / Ruh / Glükk / Glimpf / stets tagen.

Der Mond / Glunst / Rauch / Gems / Fisch / Gold / Perl / Baum / Flamm / Storch / Frosch / Lamm / Ochs / und Magen

Libt Schein / Stroh / Dampf / Berg / Flutt / Glutt / Schaum / Frucht / Asch / Dach / Teich / Feld / Wiß / und Brod:

Der Schütz / Mensch / Fleiß / Müh / Kunst / Spil / Schiff / Mund / Printz / Rach / Sorg / Geitz / Treu / und GOtt /

Suchts Zil / Schlaff / Preiß / Lob / Gunst / Zank / Port / Kuß / Thron / Mord / Sarg / Geld / Hold / Danksagen

Was Gutt / stark / schwer / recht / lang / groß / Weiß / eins / ja / Lufft / Feur / hoch / weit genennt /

Pflegt Böß / schwach / leicht / krum / breit / klein / schwarz / drei / Nein / Erd / Flutt / tiff / nah / zumeiden /

Auch Mutt / lib / klug / Witz / Geist / Seel / Freund / Lust / Zir / Ruhm / Frid / Schertz / Lob muß scheiden /

Wo Furcht / Haß / Trug / Wein / Fleisch / Leib / Feind / Weh / Schmach / Angst / Streit / Schmertz / Hohn schon rennt

Alles wechselt ; alles libet ; alles scheint was zu hassen:
Wer nur disem nach wird=denken / muß di Menschen Weißheit fassen.

Nim einen Libes=kuß

Quirinus Kuhlmann

(* 25. Februar 1651 in Breslau; † 4. Oktober 1689 in Moskau, hingerichtet), deutscher Schriftsteller und Mystiker.

Der XLI. Libes-Kuß
Ihro Röm. Kaiser= und Königs=Majestät des Allerglorwürdigsten LEOPOLDUS Hochansehnlichen Rath /
H. George von Schöbel und Rosenfeld /
Thumherrn zu Magdeburg bei H. Peter und Paul / in den Durchlauchsten Palmenorden
Den Weitberühmten Himmlischgesinnten /
Meinen Hochschatzbaren Gönner.

Nim einen Libes=kuß zum Zeichen meiner Hold
Und küsse ewig mich mit deinem Libes=gold:
Es müsse so vil Küß Dir noch das Glükk vermählen /
Als unser Wechsel=kuß wil Wechsel=küsse zehlen.

Der Wechsel Menschlicher Sachen

„Nihil est in rebus humanis natura stabile, nihil aequabile, nihil sufficiens, nihil in eodom statu permanens: sed omnia quadam veluti rota circumvolvuntur, diversas saepe diebus singulis, atque etiam horis vicissitudines afferente.“
Gregor, Nazianzenus, de Pauperibus amandis *

[Quirinus Kuhlmann, Himmlische Libes-küsse, 1671 [Nachdruck], hrsg. von Birgit Biehl-Werner, Tübingen 1971, S.53ff.]

Auf Nacht / Dunst / Schlacht / Frost / Wind / See / Hitz / Süd / Ost / West / Nord / Sonn / Feur und Plagen /
Folgt Tag / Glantz / Blutt / Schnee / Still / Land / Blitz / Wärmd / Hitz / Lust / Kält / Licht / Brand und Noth:
Auf Leid / Pein / Schmach / Angst / Krig / Ach / Kreutz / Streit / Hohn / Schmertz / Qual / Tükk / Schimpf / als Spott /
Wil Freud / Zir / Ehr / Trost / Sig / Rath / Nutz / Frid / Lohn / Schertz / Ruh / Glükk / Glimpf / stets tagen.

Der Mond / Glunst / Rauch / Gems / Fisch / Gold / Perl / Baum / Flamm / Storch / Frosch / Lamm / Ochs / und Magen
Libt Schein / Stroh / Dampf / Berg / Flutt / Glutt / Schaum / Frucht / Asch / Dach / Teich / Feld / Wiß / und Brod:
Der Schütz / Mensch / Fleiß / Müh / Kunst / Spil / Schiff / Mund / Printz / Rach / Sorg / Geitz / Treu / und GOtt /
Suchts Zil / Schlaff / Preiß / Lob / Gunst / Zank / Port / Kuß / Thron / Mord / Sarg / Geld / Hold / Danksagen

Was Gutt / stark / schwer / recht / lang / groß / Weiß / eins / ja / Lufft / Feur / hoch / weit genennt /
Pflegt Böß / schwach / leicht / krum / breit / klein / schwarz / drei / Nein / Erd / Flutt / tiff / nah / zumeiden /
Auch Mutt / lib / klug / Witz / Geist / Seel / Freund / Lust / Zir / Ruhm / Frid / Schertz / Lob muß scheiden /
Wo Furcht / Haß / Trug / Wein / Fleisch / Leib / Feind / Weh / Schmach / Angst / Streit / Schmertz / Hohn schon rennt

Alles wechselt ; alles libet ; alles scheint was zu hassen:
Wer nur disem nach wird=denken / muß di Menschen Weißheit fassen.

*) „Nichts in der menschlichen Welt ist von Natur aus dauerhaft, nichts gleichbleibend, nichts vollendet, nichts bleibt im selben Zustand erhalten; sondern alle Dinge rotieren wie auf Rädern, und der Wechsel geschieht oft innerhalb einzelner Tage, oder auch innerhalb von Stunden.“