Psalm

Peter Huchel

(* 3. April 1903 in Lichterfelde bei Berlin; † 30. April 1981 in Staufen i. Br.)

Psalm

Daß aus dem Samen des Menschen
Kein Mensch
Und aus dem Samen des Ölbaums
Kein Ölbaum
Werde,
Es ist zu messen
Mit der Elle des Todes.

Die da wohnen
Unter der Erde
In einer Kugel aus Zement,
Ihre Stärke gleicht
Dem Halm
Im peitschenden Schnee.

Die Öde wird Geschichte.
Termiten schreiben sie
Mit ihren Zangen
In den Sand.

Und nicht erforscht wird werden
Ein Geschlecht,
Eifrig bemüht,
Sich zu vernichten.

Aus: Peter Huchel, Gesammelte Werke Bd. I. Die Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1984, S. 157

Reflexionen

Hans Leybold

(* 2. April 1892 in Frankfurt am Main; † 8. September 1914 in Garnison Itzehoe)

Reflexionen

Die blaue Blase steigt zum Himmelszelt,
der weiße Hund in China bellt.

Hoch schwögt der Schmock in dem Metaphernglanz.
Ein Film ist länger als ein Lämmerschwanz.

Berauscht der Bürger sich am Phrasenstrahl,
der Reichstag ist kein Affenkraal.

Die blaue Blase steigt zum Himmelszelt,
sie steigt, sie steigt und fällt und fällt.

Aus: Hans Leybold: Gedichte, Prosa, Glossen. Eine Auswahl. Hrsg. Karl Riha u. Franz-Josef Weber.  Siegen: Universität-Gesamthochschule Siegen, 1985 (Vergessene Autoren der Moderne), S. 11

An seine Poesie

Philander von der Linde

(d.i. Johann Burkhard Mencke, * 8. April 1674 in Leipzig; † 1. April 1732 ebenda)

An seine Poesie

ICh habe manchesmahl bekümmert nachgedacht,
Was mich zum erstenmahl ans Reimen hat gebracht,
Und wie sich allgemach mehr Geist und Krafft gefunden,
Wie ich drauff offtermahls den Kern der besten Zeit
Der eitlen Poesie mit grosser Lust geweiht,
Und manchem, welcher mir kaum recht bekandt gewesen,
Ein Blat voll Müh und Schweiß begierig fürgelesen.
Doch wenn ich wiederum die Reime für mir nahm,
So ward ich nach und nach mir gleichsam selber gram,
Und hab offt in dem Zorn, was ich mit Müh geschrieben,
In einem Augenblick zerrissen und zerrieben.
Derhalben hab ich es auf einmahl fest gestellt:
Schreib, edle Poesie, schreib was mir wohlgefällt,
Und bleib nicht wie bisher, an Staub und Erde kleben,
Wo nicht, so sey dir hier dein Scheide Brief gegeben.

Aus: Philanders von der Linde Schertzhaffte Gedichte, Darinnen So wol einige Satyren, als auch Hochzeit- und Schertz-Gedichte, Nebst einer Ausführlichen Vertheidigung Satyrischer Schrifften enthalten. Leipzig: bey Joh. Friedrich Gleditsch und Sohn, 1713, S. 181

Nie

Toni Schwabe

(* 31.3. 1877, † 1951)

Nie traf ich einen….

Nie traf ich einen, der stärker als ich
Mir der Liebe Zügel entrissen hat.
Wen ich schwächer fühlte, dem weigert ich mich,
So daß mich nie einer besessen hat.

Ich küßte nur solche, die Liebe sehnten
Und die, wie ich, den Stärkeren wollten
Und machte, daß sie sich an mich lehnten
Und nicht mehr Liebe entbehren sollten.

Mich – mich allein konnte keiner erlösen –
Und ob ich auch alles von Liebe wüßte:
Ueber mir ist noch keiner gewesen,
Keiner, dem ich mich ergeben müßte.

Aus: Toni Schwabe: Komm, kühle Nacht! Verse. München: Georg Müller, 1908, S. 53

Brief

Erika Mitterer

(* 30. März 1906 in Wien; † 14. Oktober 2001 in Wien)

Vierter Brief

O bilde mich wie einen Klumpen Ton,
vergiß, daß ich schon je Gestalt besaß,
ball mich zusammen, daß kein Merkmal von
dem Gestern spricht, das gerne ich vergaß.

Ich will dich schauen, wie die Blumen frühe
die Welt besehn: erstaunt und doch verwandt;
Und dennoch Feuer sein! Denn sieh: ich glühe,
und glühe rot dich an, geliebtes Land.

Doch willst Du, daß ich sei, so wisse: ganz
bin ich nur eins, und dies in seltnen Stunden:
die Sich-Verlierende, die sich im Glanz
von fremden Sonnenstrahlen erfunden.

Die Sich-Verschweigende, die gern erkannte,
die Selige, die sich zu früh ergab;
die beinah Wankende, der die verwandte
trostreiche Stimme Berg zugleich und Stab.

Aus: Aldona Gustas (Hrsg.): Erotische Gedichte von Frauen. München: dtv, 1985, S. 158

Klementine

Yvan Goll

(auch Iwan oder Ivan Goll, eigentlich Isaac Lang; * 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich; † 27. Februar 1950 bei Paris)

Aus: Die Aktion 6 (1916) Sp. 194

Die jüdischen Mädchen

Berta Lask

(* 17. November 1878 in Wadowice, Galizien; † 28. März 1967 in Berlin)

Aus:

Lorelei

Heute ein altbekanntes romantisches Gedicht, ein Lied (in leicht verfremdeter Gestalt).

Heinrich Heine

1  Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,  9  x/xx/xx/x
2  Daß ich so traurig bin.                6  x/x/x/
3  Ein Märchen aus alten Zeiten,          8  x/xx/x/x
4  Das kommt mir nicht aus dem Sinn.      7  x/x/xx/

5  Die Luft ist kühl und es dunkelt,      8  x/x/xx/x
6  Und ruhig fließt der Rhein;            6  x/x/x/
7  Der Gipfel des Berges funkelt          8  x/xx/x/x
8  Im Abendsonnenschein.                  6  x/x/x/

9  Die schönste Jungfrau sitzet           7  x/x/x/x
10 Dort oben wunderbar;                  6  x/x/x/
11 Ihr goldnes Geschmeide blitzet,       8  x/xx/x/x
12 Sie kämmt ihr goldenes Haar.          7  x/x/xx/

13 Sie kämmt es mit goldnem Kamme,       8  x/xx/x/x
14 Und singt ein Lied dabei,             6  x/x/x/
15 Das hat eine wundersame,              8  x/xx/x/x
16 Gewaltige Melodei.                    7  x/xx/x/

17 Den Schiffer im kleinen Schiffe       8  x/xx/x/x
18 Ergreift es mit wildem Weh;           7  x/xx/x/
19 Er schaut nicht die Felsenriffe,      8  x/xx/x/x
20 Er schaut nur hinauf in die Höh’.     8  x/xx/xx/

21 Ich glaube, die Wellen verschlingen   9  x/xx/xx/x
22 Am Ende Schiffer und Kahn;            7  x/x/xx/
23 Und das hat mit ihrem Singen          8  x/xx/x/x
24 Die Lorelei gethan.                   6  x/x/x/

Fett = Starke (betonte) Silben. Die Zahl vor der Zeile leicht erkennbar die Versnummerierung, die Zahl dahinter die Anzahl der Silben, gefolgt vom metrischen Schema, wobei x eine unbetonte Silbe (Senkung) und / eine betonte (Hebung) bedeutet.

Sollte Sie die verfremdete Form gestört haben, können Sie sich hier schadlos halten:

Wenn nicht, können Sie die obigen Links natürlich ebenfalls klicken und anschließend einen gelehrten Kommentar lesen.

Erste Nacht im Weißen Haus

Gregory Corso

(* 26. März 1930 in Greenwich Village, New York City; † 17. Januar 2001 in Robbinsdale, Minnesota)

Erste Nacht im Weißen Haus

Der Sonnenuntergang am Potomac war wunderbar
und der neue Präsident
nach einem langen festlichen Tag
schlummert ein auf Lincolns Bett

Er träumt Dohlen
Und wie leis er sich nähert
und seine Hand
was er ihnen auch geben will
— sie fliegen auf

Deutsch von Anselm Hollo, aus: Schon mal gelebt?: Amerikanische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Hans J. Heise und Annemarie Zornack. Kiel: Neuer Malik, 1991, S. 119

Sonett

Daniel Schiebeler

(* 25. März 1741 in Hamburg; † 19. August 1771 ebenda)

Das Sonnett

Du foderst ein Sonnett von mir;
Du weißt, wie schwer ich dieses finde,
Darum, du lose Rosalinde,
Versprichst du einen Kuß dafür.

Was ist, um einen Kuß von dir,
Das sich Myrtill nicht unterstünde?
Jch glaube fast, ich überwinde;
Sieh, zwey Quadrains stehn ja schon hier.

Auf Einmal hört es auf zu fliessen!
Nun werd‘ ich doch verzagen müssen!
Doch nein, hier ist schon Ein Terzett.

Nun beb‘ ich doch ─ wie werd‘ ich schließen?
Komm, Rosalinde, laß dich küssen! –
Hier, Schönste, hast du dein Sonnett!

Ferlinghetti 100

Lawrence Ferlinghetti wurde heute vor 100 Jahren geboren

Deutsch von Erika Gütermann. Aus:

Kiel 1991

Wird sich entzünden das Gras

Ludvik Kundera

(* 22. März 1920 in Brno / Brünn; † 17. August 2010 in Boskovice)

Dreimal den Schlüssel gedreht

Der Fall der Dinge
Zwischen den Sätzen
Staub eine Handvoll

Was dauert?
Dreimal den Schlüssel gedreht
      das Gedicht
die sieben Fälle dekliniert
in den Sätzen
ein Ätna

Schon wälzt sich das Magma
Vor ihm auf Meilen
wird sich entzünden
das Gras

Aus dem Tschechischen übersetzt von Peter Demetz. In: Der Herrgott schuldet mir ein Mädchen. Tschechische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u.m.e. Nachwort von Ladislav Nezdařil und Peter Demetz. München, Zürich: Piper, 1994, S. 37

Tage gehen

Jayne-Ann Igel

Tage gehen

sie giengen schön*, wir liefen davon, liefen „weg“, wie es auch heißt, nicht aus respekt, machten uns wegsam, mussten sehen, was kommt, das war der ausweg, führte wohin, weg nur nicht mehr, das stottern im schritt, an der ampel grün das vergehen, nächtens, vergehen und weg, angst scham und aus –

  • Zeile aus „Tönen“ von Rainer R. Mueller in „Poemes Poetra“, roughbook 34, S. 41

Nun ruhen alle Wälder

Paul Gerhardt

(* 12. März jul./ 22. März 1607 greg. in Gräfenhainichen; † 27. Mai jul./ 6. Juni 1676 greg. in Lübben)

1.
Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
Es schläft die ganze Welt;
Ihr aber, meine Sinnen,
Auf auf, ihr sollt beginnen,
Was eurem Schöpfer wohlgefällt.

2.
Wo bist du, Sonne, blieben?
Die Nacht hat dich vertrieben,
Die Nacht, des Tages Feind;
Fahr hin! Ein ander Sonne,
Mein Jesus, meine Wonne,
Gar hell in meinem Herzen scheint.

3.
Der Tag ist nun vergangen,
Die güldnen Sterne prangen
Am blauen Himmelssaal;
Also werd ich auch stehen,
Wenn mich wird heißen gehen
Mein Gott aus diesem Jammertal.

4.
Der Leib eilt nun zur Ruhe,
Legt ab das Kleid und Schuhe,
Das Bild der Sterblichkeit;
Die zieh ich aus. Dagegen
Wird Christus mir anlegen
Den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

5.
Das Haupt, die Füß und Hände
Sind froh, daß nun zu Ende
Die Arbeit kommen sei;
Herz, freu dich, du sollst werden
Vom Elend dieser Erden
Und von der Sünden Arbeit frei.

6.
Nun geht, ihr matten Glieder,
Geht hin und legt euch nieder,
Der Betten ihr begehrt;
Es kommen Stund und Zeiten,
Da man euch wird bereiten
Zur Ruh ein Bettlein in der Erd.

7.
Mein Augen stehn verdrossen,
Im Hui sind sie geschlossen,
Wo bleibt denn Leib und Seel?
Nimm sie zu deinen Gnaden,
Sei gut für allem Schaden,
Du Aug und Wächter Israel.

8.
Breit aus die Flügel beide,
O Jesu, meine Freude,
Und nimm dein Küchlein ein!
Will Satan mich verschlingen,
So laß die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzet sein.

9.
Auch euch, ihr meine Lieben,
Soll heinte nicht betrüben
Ein Unfall noch Gefahr.
Gott laß euch selig schlafen,
Stell euch die güldnen Waffen
Ums Bett und seiner Engel Schar.

Wir sehn uns dann zur Frühandacht

Peter Hacks

(* 21. März 1928 in Breslau; † 28. August 2003 bei Groß Machnow)

KLOSTERIDYLL

Es sprach ein Mönch zu seiner Nonne:
Komm her, du meine Herzenswonne,
Ich bin noch jung, du bist noch schön,
Laß uns geschwind zu Bette gehn.
Noch ist mein Körper schlank und sehnig,
Noch blühst du rosigen Gesichts.
Wenn wir erst alt sind, sind wir wenig,
Und wenn wir tot sind, sind wir nichts.

Nun ging, indem der Mönch so sprach,
Der Abt just durch ihr Schlafgemach
Und hörte das erhitzte Paar
Und sah den Zustand, worin es war.
Ab, Kinder, rief er, in die Kissen,
Verschafft euch eine frohe Nacht.
Ich selbst will eben zur Äbtissin,
Wir sehn uns dann zur Frühandacht.

Aus: Peter Hacks: Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus, 1998, S. 407