Als die Bienenschar noch unverdrossen war

Paul Gerhardt

(* 12. März jul./ 22. März 1607 greg. in Gräfenhainichen; † 27. Mai jul. / 6. Juni 1676 greg. in Lübben)

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

1.
Geh aus, mein Herz, und suche Freud
In dieser lieben Sommerzeit
An deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärten Zier
Und siehe, wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben.

2.
Die Bäume stehen voller Laub,
Das Erdreich decket seinen Staub
Mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan,
Die ziehen sich viel schöner an
Als Salomonis Seide.

3.
Die Lerche schwingt sich in die Luft,
Das Täublein fleugt aus seiner Kluft
Und macht sich in die Wälder;
Die hochbegabte Nachtigall
Ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder.

4.
Die Glucke führt ihr Völklein aus,
Der Storch baut und bewohnt sein Haus,
Das Schwälblein speist die Jungen;
Der schnelle Hirsch, das leichte Reh
Ist froh und kommt aus seiner Höh
Ins tiefe Gras gesprungen.

5.
Die Bächlein rauschen in dem Sand
Und malen sich in ihrem Rand
Mit schattenreichen Myrten;
Die Wiesen liegen hart dabei
Und klingen ganz von Lustgeschrei
Der Schaf und ihrer Hirten.

6.
Die unverdroßne Bienenschar
Fleucht hin und her, sucht hie und dar
Ihr edle Honigspeise.
Des süßen Weinstocks starker Saft
Bringt täglich neue Stärk und Kraft
In seinem schwachen Reise.

7.
Der Weizen wächset mit Gewalt,
Darüber jauchzet Jung und Alt
Und rühmt die große Güte
Des, der so überflüssig labt
Und mit so manchem Gut begabt
Das menschliche Gemüte.

8.
Ich selbsten kann und mag nicht ruhn;
Des großen Gottes großes Tun
Erweckt mir alle Sinnen;
Ich singe mit, wenn alles singt,
Und lasse, was dem Höchsten klingt,
Aus meinem Herzen rinnen.

9.
Ach, denk ich, bist du hier so schön
Und läßt du uns so lieblich gehn
Auf dieser armen Erden,
Was will doch wohl nach dieser Welt
Dort in dem festen Himmelszelt
Und güldnen Schlosse werden!

10.
Welch hohe Lust, welch heller Schein
Wird wohl in Christi Garten sein!
Wie muß es da wohl klingen,
Da so viel tausend Seraphim
Mit eingestimmtem Mund und Stimm
Ihr Halleluja singen!

11.
O wär ich da, o stünd ich schon,
Ach, süßer Gott, vor deinem Thron
Und trüge meine Palmen,
So wollt ich nach der Engel Weis
Erhöhen deines Namens Preis
Mit tausend schönen Psalmen!

12.
Doch gleichwohl will ich, weil ich noch
Hier trage dieses Leibes Joch,
Auch nicht gar stille schweigen;
Mein Herze soll sich fort und fort
An diesem und an allem Ort
Zu deinem Lobe neigen.

13.
Hilf mir und segne meinen Geist
Mit Segen, der vom Himmel fleußt,
Daß ich dir stetig blühe!
Gib, daß der Sommer deiner Gnad
In meiner Seelen früh und spat
Viel Glaubensfrücht erziehe!

14.
Mach in mir deinem Geiste Raum,
Daß ich dir werd ein guter Baum,
Und laß mich wohl bekleiben;
Verleihe, daß zu deinem Ruhm
Ich deines Gartens schöne Blum
Und Pflanze möge bleiben!

15.
Erwähle mich zum Paradeis
Und laß mich bis zur letzten Reis
An Leib und Seele grünen;
So vill ich dir und deiner Ehr
Allein und sonsten keinem mehr
Hier und dort ewig dienen.

(Erstdruck 1653)

Recension

Justinus Kerner

(* 18. September 1786 in Ludwigsburg; † 21. Februar 1862 in Weinsberg)

Spindelmanns Recension der Gegend.

Näher muß ich jetzt betrachten
Diese Gegend durch das Glas;
Sie ist nicht ganz zu verachten,
Nur die Fern’ ist allzu blaß,

Jene Burg auf steiler Höhe
Nenn’ ich abgeschmackt und dumm,
Meinem Auge thut sie wehe,
Wie der Fluß, der gänzlich krumm.

Jene Mühl’ in wüsten Klüften
Giebt mir gar zu rohen Schall,
Aber ein gesundes Düften
Weht aus ihrem Eselsstall.

Daß hier Schlüsselblumen stehen,
Hätt’ ich das nur eh’ gewußt!
Muß sie schnell zu pflücken gehen,
Denn sie dienen meiner Brust.

Kräuter, die zwar farbig blühen,
Doch zu Thee nicht dienlich sind,
Doch nicht brauchbar sind zu Brühen,
Überlaß ich gern dem Wind.

Aus: Barthel, G. Emil (Hrsg.): Neuer poetischer Hausschatz. Hochdeutsche Gedichte aus der Zeit vom Beginne der Romantik bis auf unsere Tage in systematisch geordneter Auswahl aus den Quellen. Halle a. d. S.: Hendel Verlag, o.J. [1880], S. 61f

Katzen

Manfred Peter Hein

KATZEN solange der Nachmittag brütet
ihr Fell atmet Schlaf

Meilenhin über den Wald hier sichtbar
ein Gespräch um nichts
eine Attrappe dreht sich
schwillt schwindet schwillt

Wenn weiß in rot die Rosenbüsche
über den Weg kommen und Sommer
sagen wie kaltes Fieber Schnee

Real things kept changing place with unreal

Die weiße Wolke auf eine Hauswand gemalt Waschpulverreklame
und wollt ihr mehr von meinem Gedicht ein jaulendes Laken
hätte ich noch zu bieten VORSICHT BISSIG

Aus: Manfred Peter Hein: Ausgewählte Gedichte. 1956-1986. Zürich: Ammann, 1993, S. 125

Büchermarkt anno 1860

August Kahlert

(* 5. März 1807 Breslau; † 29. März 1864 Ebd.)

Der Büchermarkt

Hans berichtet treu sein Thun und Trachten,
Siegfried dichtet neu die Römerschlachten,
Hinz verpflichtet sich zum Weltverachten,
Kunz vernichtet sich durch Liebesschmachten,
Erich lichtet Trug, wohlausgedachten,
Nestor sichtet klug, was andre brachten,
Friedlieb schlichtet Streit, erst angefachten,
– Endlich richtet Zeit, was Menschen machten.

Aus: Barthel, G. Emil (Hrsg.): Neuer poetischer Hausschatz. Hochdeutsche Gedichte aus der Zeit vom Beginne der Romantik bis auf unsere Tage in systematisch geordneter Auswahl aus den Quellen. Halle a. d. S.: Hendel Verlag, o.J. [1896? 1880?], S. 933

Heimatlos

Max Herrmann-Neiße

(* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London)

Heimatlos

Wir ohne Heimat irren so verloren
und sinnlos durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen plaudern vor den Toren
vertraut im abendlichen Sommerwind.
Er macht den Fenstervorhang flüchtig wehen
und läßt uns in die lang entbehrte Ruh
des sichren Friedens einer Stube sehen
und schließt sie vor uns grausam wieder zu.
Die herrenlosen Katzen in den Gassen,
die Bettler, nächtigend im nassen Gras,
sind nicht so ausgestoßen und verlassen
wie jeder, der ein Heimatglück besaß
und hat es ohne seine Schuld verloren
und irrt jetzt durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen träumen vor den Toren
und wissen nicht, daß wir ihr Schatten sind.

Aus: Max Herrmann-Neiße: Heimatfern. Gedichte. Berlin: Aufbau, 1946, S. 9

Wo sind unsre Bräute

Gérard de Nerval

(eigentlich Gérard Labrunie; * 22. Mai 1808 in Paris; † 26. Januar 1855 ebenda)

NACH GÉRARD DE NERVAL

DIE HIMMELSBRÄUTE
Où sont nos amoureuses

Wo sind unsre Bräute?
Sie sind in der Gruft!
Sind glücklicher heute,
In blauerer Luft!

Bei Engeln sind sie
In himmlischem Kreise
Und singen zum Preise
Der Mutter Marie!

O Bleiche, o Bräute,
Ihr Blumen der Frühe,
O nicht mehr betreute:
Die Klage verblühe!

Im Blick hat gelacht euch
Das Ewige Werde . . .
Erstickte der Erde:
An Himmeln entfacht euch!

Aus: Alt- und neufranzösische Lyrik in Nachdichtungen von Alfred Neumann. 1. Band. München: O.C. Recht, 1922, S. 181

OÙ sont nos amoureuses?
Elles sont au tombeau!
Elles sont plus heureuses
Dans un séjour plus beau!

Elles sont près des anges,
Dans le fond du ciel bleu,
Et chantent les louanges
De la mère de Dieu!

Ô blanche fiancée!
Ô jeune vierge en fleur!
Amante délaissée,
Que flétrit la douleur!

L’éternité profonde
Souriait dans vos yeux…
Flambeaux éteints du monde,
Rallumez-vous aux cieux!

Ein Tag

Tudor Arghezi

(* 21. Mai 1880 in Bukarest; † 14. Juli 1967 ebenda)

Eın Tag

Der Tag von gestern ist mir nachgelaufen,
ich hörte ihn gehetzt und hungrig schnaufen,
er glaubte wohl, er sei gleich andren Hunden
mit einer Kette an mein Ich gebunden.
An einem Kreuzweg vor Statuen blieb er stehn.
Da merkte er, er muß nicht mit mir gehn.

Er verlor sich, ohnmächtig, heimatlos verwirrt —
Denn all die Zeit ist er mir nachgeirrt,
hat mich verfolgt bei jedem Schritt und Tritt,
bis in den Mittag lief er mit mir mit.

Wer einen Tag verlor, vielleicht ein Leben,
der suche schnell, weil Nacht kommt und die Nebel sich erheben.

Deutsch von Heinz Kahlau

Aus: Lyrik aus Rumänien. Hrsg. Eva Behring. Leipzig: Reclam, 1980, S. 110

Herbst 1914

Otokar Fischer

Herbst 1914

Wie Blätter auf verwaisten Boden fallen,
so fallt, ihr Brüder, tot zum Schollengrund;
aus allen Kehlen stumme Schreie hallen,
mit einem Fluch schließt sich so mancher Mund.

Laub sinkt zur Witwenerde müd und müder,
und in die wehe Brust fällt Trän auf Trän
um euch, die in der Ferne ihr, o Brüder,
irgendwo sterben müßt – wofür? für wen?

Durch welke Blätter höhnt ein Windgerassel.
Zu ihm, für den jung euer Leben schloß,
ersticken wir in einem stummen Hasse.
In Liebe doch zu dem, der auf euch schoß.

Übersetzt von Otto E. Babler

Aus: Die Sonnenuhr. Tschechische Lyrik aus 11 Jahrhunderten. Teil 3: 1900-1950. Hrsg. Ludvík Kundera. Leipzig: Reclam, 1987, S. 92

Alles versucht

Ada Christen

(* 6. März 1839 in Wien; † 19. Mai 1901 in Inzersdorf)

Letzter Versuch

Ich habe mich zu erhängen gesucht:
  Der Strick ist abgerissen.
Ich bin in's Wasser gesprungen:
  Sie erwischten mich bei den Füßen.
Ich habe die Adern geöffnet mir:
  Man hat mich noch gerettet.
Ich sprang auch einmal zum Fenster hinaus:
  Weich hat der Sand mich gebettet.
Den Teufel! ich habe nun alles versucht,
  Woran man sonst kann verderben –
Nun werd' ich wieder zu leben versuchen:
  Vielleicht kann ich dann sterben.

Aus: Ada Christen: Lieder einer Verlorenen, Hamburg: Hoffmann & Campe, 1868, S. 48

Man sagt Wein sei verboten

Omar Khayyam

(Ghiyath al-Din Abu l-Fath Omar ibn Ibrahim Jayyam Nishapurí, pers.: غیاث الدین ابو الفتح عمر بن ابراهیم خیام نیشاپوری ) auch Chayyām, Chajjam, Jayam, al-Jayyamu Omar ibn al-Jayyam, DMG ʿOmar-e Ḫayyām oder ʿUmar-i Ḫayyām; arabisch عمر الخيام, DMG ʿUmar al-Ḫayyām, * 18. Mai 1048 in Nischapur, Chorasan, heute in Iran; † 4. Dezember 1131 ebenda)

118

Nachdichtung in Reimen

Man sagt, Wein sei verboten im Scha’bān,
im Radschab auch, da sie dem Musulmān
als Gott geheiligt gölten. Ei, so trink ich
in unsrem „heiligen“ Mond, im Ramaḍān!

Aus: ‚Omar Chajjām und seine Vierzeiler nach den ältesten Handschriften aus dem Persischen verdeutscht von Christian Herrnhold Rempis. Mit 8 Bildern von Wilhelm Vogel. Tübingen: Verlag der deutschen Chajjām-Gesellschaft, 1935, S. 78

Wörtlich verdeutscht

Es heißt: Trink nicht Wein, es ist im Scha’bān nicht erlaubt,
auch nicht im Radschab, da dieser heilige Mond Gottes ist:
Scha’bān und Radschab sind die Monate Gottes und des Profeten!
Wir trinken Wein im Ramaḍān, da er unser Vorrecht ist.

(1457-5-51)

Ebd. S. 128

Khayyam-Denkmal in Bukarest, Foto: Златко Кръстев/Zlatko Krastev, Wikimedia commons

Jesus

Moses Rosenkranz

(* 20. Juni 1904 in Berhometh am Pruth, Bukowina; † 17. Mai 2003 in Kappel, Deutschland)

Erklärung der Judenmartern

Jesus, Herz der Legenden,
in deine ewigen Wunden
stoßen sie hart ihre Hände
an deinem Schmerz zu gesunden.

Aber sie sind schon Millionen
zu wenig sind deiner Bresten:
So können dein Volk sie nicht schonen
und tun an ihm sich zum besten.

Aus: Moses Rosenkranz: Visionen. Gedichte. Hrsg. Doris Rosenkranz. Aachen: Rimbaud, 2007, S. 38

Rilke

Jakob van Hoddis und Erwin Loewenson

Der Bindfaden
Rainer Maria Rilke gewidmet

Du bist der Zage, bist der Blasse,
Du bist der Nervigte und Krasse,
Du bist, der ohne Unterlasse
Dem Dienst der Völker sich geweiht.

Du bist der Hehre und Fürbasse,
Du bist der Ritter ım Kürasse,
Du bist die feuchte Kaffeetasse
In dieser fingerwunden Zeit.

Du bist der Fluß und bist die Gasse,
Du bist der Blitzstrahl allem Hasse,
Der Sturm bist du, du bist die Masse,
Schwer schallt dein Bett, dein Fuß trıtt breit.

Du bist die Klasse mit dem Basse,
Du bist das Walten und die Rasse,
Du bist Diogenes im Fasse
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Aus: Jakob van Hoddis, Dichtungen und Briefe. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2007, S. 162

nie

Anna Griva

(* 1985 Athen)

die kinder hatten niemals märchen gehört hatten nicht gelernt gerüche zu unterscheiden und farben auszuwählen im frühling in blühenden gärten sie hatten auch nie getanzt im gold des weizens in einem frühen sommer hatten nie beere für beere die trauben des augusts gepflückt die füße nie tief tief in den schnee versenkt und hatten niemals die blätter des novembers am boden und in die luft wirbeln lassen sie gaben ihnen eine farbe so etwas ähnliches wie silber aber niemand kann sie benennen und sie sagten ihnen es reicht um zu leben wie du es siehst ausgebleicht auf den mülltonnen auf den uniformen der söldner auf den falschen schmuckstücken am draht des zaunes die kinder haben nie märchen gehört sie haben nur ein leben verbraucht damit sie die nacht schlaflos auf ihren armen halten können und diese hat eine hand und vorn an der hand einen haken ein überbleibsel geschenk eines piraten der zieht ungeborene menschen und tote eingeweide herauf

Aus: Anna Griva: Glaub den Wörtern nicht. Sieh hin. Gedichte. Übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voss, 2019, S. 44

Himmel von New York

Fuad Rifka

(* 28. Dezember 1930 in Kafroun bei Tartus, Syrien; † 14. Mai 2011 in Beirut)

13. MAI 1983

Welch ein Fieber
am Himmel von New York!
Fleisch siedet in Fleisch,
Schatten gleich
irren die Menschen in Kellern
und stürzen ineinander
wie Buchstaben, die keine mehr sind.

Aus: Fuad Rifka, Das Tal der Rituale. Ausgewählte Gedichte. Arabisch-deutsch. Hrsg. Stefan Weidner Aus dem Arabischen von Ursula u. Simon Yussuf Assaf u. Stefan Weidner. Straelen: Straelener Manuskripte, 2002, S. 14

[Vom Tadeln]

Paul Ernst

(* 7. März 1866 in Elbingerode (Harz); † 13. Mai 1933 in Sankt Georgen an der Stiefing, Steiermark)

Der Bürger tadelt meistens den vom Adel,
Der Arbeitsmann den Bürger tadelt meist.
Der Redliche verfällt des Schuftes Tadel,
Der Mann, der Nichts weiß, den Gelehrten beißt.
Bei jedem Vorwurf forsche, wer ihn sagt.
Er wird ja wohl vielleicht ganz richtig sein.
Doch was bedeutets, wenn den Metzger fragt,
Ob er ein Massenmörder ist, das Schwein.

Aus: Paul Ernst, Gedichte und Sprüche. München: Langen / Müller, 1935, S. 26