Inschrift

Julian Przyboś

(* 5. März 1901 in Gwoźnica Dolna/Powiat Strzyżowski; † 6. Oktober 1970 in Warschau)

NAPIS II
Zamówiłem na ziemi stos dla siebie u słonca.
Mowo, niesłowną jasność
ocal.

INSCHRIFT II

Von der Sonne hab ich mir einen Brandstoß auf der Erde ersprochen.
Rette die wortlose Helligkeit,
Sprache.

Übertragen von Heinrich Olschowsky

INSCHRIFT II

Von der Sonne ersprochen hab ich mir auf Erden
Einen Scheiterhaufen. Rette, Sprache
Das zungenlose Licht.

Übertragen von Richard Pietraß

Aus: Poesiealbum 130: Julian Przyboś. Berlin: Neues Leben, 1979, S. 30

Ein gutes Gedicht ist Entdeckung einer noch unbekannten emotionellen Verhaltensweise, also einer neuen lyrischen Situation, die der veränderten sittlichen Situation entspricht. Ein gutes Gedicht, indem es diese neue lyrische Situation wahrnimmt, verändert die bisherige Gefühls-, Vorstellungs- und Bewertungsweise. (Aus: Prüfstein der Lyrik. Deutsch von Karl Dedecius).
Ebd. S. 24

Hier steht sie

Jean-Joseph Rabearivelo

(* 4. März 1901, Antananarivo, Madagaskar; † 22. Juni 1937 ebd.)

Hier steht sie,
die Augen glitzernde Kristalle des Schlafs,
die Lider schwer von endlosen Träumen,
die Füße wurzeln im Ozean,
und wenn sie die triefenden Hände hebt,
hält sie Korallen und schimmerndes Salz.

Sie wird es zu kleinen Häufchen schichten
nah bei der Nebelbucht
und den nackten Seeleuten geben
mit den abgeschnittnen Zungen,
bis die großen Regen beginnen.

Dann sieht man von ihr nur mehr
ihr windzerwühltes Haar
wie ein Büschel von wehendem Tang
und, kann sein, ein paar Körnchen Salz.

Aus: Gedichte aus Afrika. [„Poems from Black Africa“. Anthologie von Langston Hughes. Neu hrsg. v. Rainer Arnold. Deutsche Übertragungen von Hubert Witt]. Leipzig: Reclam, 1972, S. 130


Das Gedicht stammt aus dem Band Traduits de la nuit (Übersetzungen aus der Nacht), 1935. Der Autor, dessen Muttersprache Malagasy war und der sich selber Französisch beibrachte, gilt als erster bedeutender Dichter der „Frankophonie“ und war schon in seinen jungen Lebzeiten berühmt. Mit 36 nahm er sich das Leben.  Hier die französische und malagassische Fassung des Gedichts (#14 aus dem Band):

Voici celle dont les yeux sont des prismes de sommeil
et dont les paupières sont lourdes de rêves,
celle dont les pieds enfoncés dans la mer
et dont les mains gluantes en sortent,
pleines de coraux et de blocs de sel étincelants.

Elle les mettra en petits tas près d’un golfe de brouillard
et les débitera à des marins nus
auxquels on a coupé la langue,
jusqu’à ce que tombe la pluie.

Elle ne sera plus alors visible,
et l’on ne verra plus
que sa chevelure dispersée par le vent,
comme une pelote d’algues qui se dévide,
et peut-être aussi des grains de sel insipide.

Inty ilay manana maso toa vato-miridana torimaso
sy hodimaso mavesatra nofy,
ilay manana tongotra milentika any an-dranomasina
sy tànana madity mivoaka avy any,
feno voahangy sy vonga-tsira mamiratra.

Htsitokotokony eo ankilan-tanjon-javona ireny
ary tsy ho tsinjarainy amin-piantsambo mitanjaka
notapahin-dela,
mandra-pihavin’ny orana.

Dia tsy ho hita intsony iny
ary tsy hisy ho tazana
afa-tsy ny volony aparitaky ny rivotra
toa tonga kiborim-bolonkotona miantsody
ary angamba koa voan-tsira matsatso.

Requiem für einen Faschisten

Theodor Kramer

Requiem für einen Faschisten

Du warst in allem einer ihrer Besten,
erschrocken fühl ich mich heut mich dir verwandt;
du schwelgtest gerne bei den gleichen Festen
und zogst wie ich oft wochenlang durchs Land.
Es füllte dich wie mich der gleiche Ekel
vor dem Geklügel ohne innern Drang,
vor jedem Wortgekletzel und Gehäkel;
nichts galt dir als der schöne Überschwang.

So zog es dich zu ihnen, die marschierten;
wer weiß da, wann du auf dem Marsch ins Nichts
gewahr der Zeichen wurdest, die sie zierten?
Du liegst gefällt am Tage des Gerichts.
Ich hätte dich mit eigner Hand erschlagen;
doch unser keiner hatte die Geduld,
in deiner Sprache dir den Weg zu sagen:
dein Tod ist unsre, ist auch meine Schuld.

Ich setz für dich zu Abend diese Zeichen,
da schrill die Grille ihre Beine reibt,
wie du es liebtest, und der Seim im geilen
Faulbaum im Kreis die schwarzen Käfer treibt.
Daß wir des Tods und Ursprungs nicht vergessen,
wann jeder Brot hat und zum Brot auch Wein,
vom Überschwang zu singen wie besessen,
soll um dich, Bruder, meine Klage sein.

Geschrieben am 23.5.1945 (Am 8. April 1945 hatte sich Josef Weinheber beim Einmarsch der Roten Armee das Leben genommen).

Aus: Theodor Kramer: Gesammelte Gedichte Bd. 1-3. Hrsg. von Erwin Chvojka. Wien: Paul Zsolnay Verlag 1997

Zwei Weisheiten zum Tage

#

Laß dich nur in keiner Zeit
Zum Widerspruch verleiten!
Weise fallen in Unwissenheit,
Wenn sie mit Unwissenden streiten.

#

Wie kommt’s, daß man an jedem Orte
Soviel Gutes, soviel Dummes hört?
Die Jüngsten wiederholen der Ältesten Worte
Und glauben, daß es ihnen angehört.

Goethe

Über Dichter und Dichten

Martial

An den Leser (I, 1)

Dieser, den du liesest, teurer Leser,
Ist der weltbekannte Martialis,
der Verfasser kleiner Sinngedichte.
Was du gütig ihm an Ehr erzeigtest,
Als er lebte, das genießen selten
Andre Dichter eher als im Tode.

Deutsch von Karl Wilhelm Ramler, aus: Lyrik der Antike in klassischen Nachdichtungen. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1968, S. 73

Lucan

Es gibt Leute, die sagen, ich sei kein Dichter;
aber der Buchhändler, der mich verkauft, hält mich dafür.

Aus: Michael von Albrecht: Römische Poesie. Texte und Interpretationen. Tübingen u. Basel: Francke,  1995, S. 127

An den Avitus (I, 17)

Gut ist etwas, mittelmäßig mehr, das meiste schlecht gemacht,
Anders, glaube mir, Avitus, wird kein Werk hervorgebracht.

Deutsch von Martin Opitz, aus: Lyrik der Antike in klassischen Nachdichtungen. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1968, S. 23 (durch Ramler überarbeitete Fassung)

Etwas, Avitus, ist gut; mehr mittelmäßig; das meiste,
Was du hier liesest, ist schlecht; anders entstehet kein Buch.

Deutsch von Karl Wilhelm Ramler, aus: Lyrik der Antike in klassischen Nachdichtungen. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1968, S. 73

Martials Urteil über sich

Einiges Gute, manches Halbe, vieles Schlechte liest du hier,
Anders kommt kein Buch zustande, wenigstens kein Buch von mir.

Aus: Römerlyrik, in deutsche Verse übertragen von J.M. Stowasser. Heidelberg: Carl Winter, o.J. [ca. 1909] S. 457

An einen Tadler seiner Gedichte (IX, 83)

Leser und Hörer beehren mit Beifall meine Gedichte;
Nur ein gewisser Poet hält sie für gar nicht gefeilt.
Doch ich bereite mein Gastmahl getrots und bekümmre mich wenig,
Ob es den Köchen gefällt, wenn es den Gästen nur schmeckt.

Deutsch von Karl Wilhelm Ramler, aus: Lyrik der Antike in klassischen Nachdichtungen. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1968, S. 78

Auf den Kauz

Wer sagt, daß Meister Kauz Satiren auf mich schreibt?
Wer nennt geschrieben das, was ungelesen bleibt?

Deutsch von Gotthold Ephraim Lessing, aus: Lyrik der Antike in klassischen Nachdichtungen. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1968, S. 88

Der wahre Garten

Sophie Tieck

(Sophie Berhardi, Sophie v. Knorring, * 28. Februar 1775, Berlin, † 1. Oktober 1833, Reval)

Aus: Flore und Blanscheflur

Wie schild’re ich euch des Gartens Herrlichkeit,
Worin ertönt der allersüß’ste Klang,
Der grün bewahrt sein Laub zu jeder Zeit,
Wo nie verstummt der Vöglein Lobgesang
Der nimmer leidet von des Winters Neid.
Wer jemals durch dies Thor der Wonnen drang,
Dem bleibt entzückt das Herz in seel’ger Brust,
Er hat erprobt die wahre Gartenlust.

Wie lieblich grün stehn Bäum‘ auf grüner Wiese
Auf deren Wipfel Sonnenstrahlen spielen,
Doch schlüpfen sie auch golden hin durch diese,
Sind andre auch die dunkel schattend kühlen.
Das Herz gefesselt muß im Paradiese
Sich trunken in dem Zaubergarten fühlen,
So süß schwebt Rauschen, Duften, Tönen drinnen,
Daß Rauschen, Ton und Duft umstrickt die Sinnen.

Was seltsam mag die Fantasie erträumen,
Jedwede Frucht, wornach der Gaumen lüstern,
Prangt lockend hier an üppig blüh’nden Bäumen,
Und schalkhaft scheint das zarte Laub zu flüstern.
Doch will das Herz von süßen Schmerzen träumen,
So führen Pfade zu den schaurig düstern
Baumlabyrinthen, wo das ernste Schweigen
Nur Zweige stören, die sich rauschend neigen.

Ein Silberstrom, der schäumend hier entspringt
Verherrlicht wie den Garten so das Land,
Der sich als Quell den Felsen hier entringt,
Ist weit berühmt und herrlich wohl bekannt,
Weil kühn sein Lauf durch ferne Länder dringt;
Euphratus wird der stolze Fluß genannt,
Des Ursprung Glanz dem Wunderort ertheilet,
Der hier als Quell der Erde Schooß enteilet.

Doch was sag‘ ich von jenem Wunderbaum,
Der in des Gartens Mitte herrlich blüht?
Aus fremden Welten scheint er euch ein Traum,
Weil er wie eine Rose leuchtend glüht,
So reich an Blumen hat er keinen Raum
Für grünes Laub, aus jeder Blüte sprüht
Ein lichter Stern die Strahlen euch entgegen,
Die ros’ge Kelch‘ als Thauestropfen hegen.

Aus: Sophie von Knorring (Sophie Bernhardi / Tieck): Flore und Blanscheflur. Ein episches Gedicht in zwölf Gesängen. Berlin:  G. Reimer, 1822 (Hier)

Zukünftiges

Elisabeth Borchers

(* 27. Februar 1926 in Homberg, Niederrhein; † 25. September 2013 in Frankfurt am Main)

ZUKÜNFTIGES

Als alles vorbei war
Krieg und Frieden
Mann und Frau
Form und Inhalt

Als die Sonne auf-
und untergegangen war
samt Mond und Stern und
den Musikalien des Himmels
und der Erde

Setzten wir uns
und warteten
auf das
was kommt.

Aus: Elisabeth Borchers, Von der Grammatik des heutigen Tages. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1992, S. 46

Die Leiden des jungen Dichters

Konstantin Biebl

(* 26. Februar 1898 in Slavětín nad Ohří; † 12. November 1951 in Prag)

Die Leiden des jungen Dichters

In einer weit gedehnten, grasreichen Landschaft,
im melancholischen Echo der Lettenufer des 
                                          Oharka-Flusses,
in den dichten Windungen, wo sich auch tagsüber, 
                                           nicht zaghaft,
grünliche Rusalken im Erlenschatten tummeln,

dort schöpft der Dichter aus schwarzen Wassern 
                                    den schäumenden Wein,
denn der Dichter schätzt nur ein starkes Getränk,
                                           das ihn gleich
mitreißt in den singenden Strom hinein,
seiner Chimären Reich.

Verwirrte Stimme des Bluts und dein allzu schwerer Schritt
auf den magnetischen Wiesen im Glitzern der
                                         Bernstein-Sterne,
hinsinkend legst du dich irgendwo mit dem Gesicht
tief in die frauengewandweiche Luzerne.

Und entschlummerst auf einer Wiese, die gleicht einem Amphitheater,
vernimmst dunkle Stimmen. Das römische Volk 
grüßt den Cäsar und murrt über Kleopatra, 
die mit einer einzigen‚ stolzen Geste tausend Jahre             
                                           der Ruhe bedroht.

Und du hörst auf die Bäume, auf ihren fernen Wellenschlag,
und der blaue Schimmer deiner großen salzigen Tränen
ist wie ein Schatz, der im Meer versinkt und dort strahlt
tief in der See, wo die gescheiterten Schiffe verwesen.

An einem Faden hängt des Dichters Leben,
er sucht ein paar Zauberworte, ach,
und findet er sie nicht, muß er sterben.
Er schaufelt sich singend sein grünes Grab.

Deutsch von Roland Erb

Aus: Die Sonnenuhr. Tschechische Lyrik aus 11 Jahrhunderten. Teil 3: 1900 – 1950. Hrsg. Ludvík Kundera. Leipzig: Reclam, 1987, S. 150f

Zum 100jährigen Jubiläum der ukrainischen Literatur

Lesja Ukrainka

(ukrainisch Леся Українка, wiss. Transliteration Lesja Ukrajinka, eigentlich Laryssa Petriwna Kossatsch bzw. Лариса Петрівна Косач; * 13. Februar (jul.)/ 25. Februar 1871 (greg.) in Nowohrad-Wolynskyj; † 1. August 1913 in Surami, Gouvernement Tbilissi)

ZUM HUNDERTJÄHRIGEN JUBILÄUM
DER UKRAINISCHEN LITERATUR

Die Völker, sie können singen und sagen
Von goldenen Zeiten und goldenen Tagen,  
  Die sie im Gedächtnisse haben.
Da Lied und Gedicht noch in Ehren standen.
Und Herrscher den Dichtern Kränze wanden.  
  Doch nicht nur allein auf dem Grabe.

Die Könige spendeten Lob für Gesänge,
Und Ehre erwies den Dichtern die Menge,
  Den Preis hielt des Königs Hand;
Es schmückten die Schönen mit einem Kranze
Den Dichter für seine höflichen Stanzen, 
  Sein Ruhm erfüllte das Land.

Die vornehmen Damen, sie spielten die Rollen
Der kleinen Soubretten. Singen und Tollen 
  Auf Königs- und Herzogsbühnen,
Die Königin nahm vom Haupte die Krone
Und stieg herunter vom herrschenden Throne, 
  Den Träumen der Dichter zu dienen.

Es glichen den Göttern die Sänger und Dichter,
Der edlen Kulturen Schöpfer und Richter, 
  Die jedermann ansah als Retter;
Es blühte der Ruhm der Künstler und Denker,
Und sie zu erniedrigen wagte kein Henker, 
  Aus Gold waren selbst ihre Ketten.

НА СТОЛІТНІЙ ЮВІЛЕЙ
УКРАЇНСЬКОЇ ЛІТЕРАТУРИ

У кожного люду, у кожній країні
Живе такий спогад, що в його в давнині 
  Були золотії віки.
Як пісня і слово були у шанобі
В міцних сього світу; не тільки на гробі 
  Складались поетам вінки.

За пишнії хрії, величнії оди
Король слав поетам-співцям нагороди, 
  Він славу їх мав у руці;
За ввічливі станси, гучні мадригали
Вродливиці теж нагороду давали, 
  Не знали погорди співці.

І щонайпишнішії дами з придворних
Вдавали на сцені субреток моторних. 
  Щоб слави і втіхи зажить:
Сама королева здіймала корону,
Спускалась додолу з найвищого трону 
  Поетовій мрії служить.

Богам були рівні співці лавреати
І гордо носили коштовнії шати 
  У панськім магнатськім гурті;
Цвіли в них і лаври, і квіти барвисті,
І навіть терни їх були позлотисті,
  Кайдани — і ті золоті!

Aus: Gedichte: TARAS SCHEWTSCHENKO, FRIEDRICH SCHILLER, LESJA UKRAINKA, HEINRICH HEINE. Вірші: ТАРАС ШЕВЧЕНКО, ФРІДРІХ ШІЛЛЕР, ЛЕСЯ УКРАЇНКА, ГЕНРІХ ГЕЙНЕ. [Hrsg. G.M. Gartschenko]. Dnipropetrowsk: Sitsch, 2008, S. 158f

Wan alle Buhler doch

Sibylla Schwarz

(*14. Februar alten / 24. Februar 1621 neuen Stils Greifswald; † 31. Juli alten, 10. August 1638 neuen Stils Greifswald)

Etliche Sonnete.

1.

WAn alle Buhler doch nuhr hetten einen Fluht* /
so würde Venus nicht so ungleich ihnen schencken
der süssen Liebe Lohn ; sie würde noch gedencken /
was hertzlich lieben sey. Weil nuhn der dieses thut /
   der ander aber das / der eine wagt sein Bluht /
der ander tuht es nicht / der eine wil sich lencken
zuhr Hoffnung und Gedult / und jener wil sich hencken /
so lohnt sie nach Verdienst : den trewen ist sie guht /
   den falschen ist sie falsch / wie kan sieß anderst machen ?
weil dieser klagt und weint / und jener pflegt zu lachen.
   Jch bin vohm Lieben kalt / und brenn doch als ein Licht /
dan dis ist mein Gebrauch : Jch halte meine Schmertzen
nuhr still / und sage nicht fort alles auß dem Hertzen /
was wohl dahrinnen ist ; Jch lieb und lieb auch nicht.
  • Fluht: wohl Flut (Grimm: „die nhd. schreibungen fluth und fluht sind schlecht“). Bei Grimm auch der Hinweis, daß das Wort im Gotischen u. Mhd. maskulin oder feminin ist. Bedeutungen bei Grimm: 1. Fluß, 2. Meerflut; 3. Anwendung auf Wein und Thränen (…) 4. bildliche Verwendung; daneben Sonderbedeutungen im Bergbau u. der Schweizer Küche. Außerdem Hinweis auf das Kompositum Liebesflut. Vielleicht etwa: Wenn alle Liebenden einen (gleich starken) An-, Auftrieb hätten.

Venus Vulgivaga

Elisabeth Langgässer

(* 23. Februar 1899 in Alzey; † 25. Juli 1950 in Karlsruhe)

Regent: Venus Vulgivaga

Der geile Bote rief —
Der Kuckucksspeichel tropft
ins Schaumkraut, wo er schlief,
wird blaß, verdorrt: und tief
in das gescheckte, scharfe,
gemeine Zittergras
läuft seines Ursprungs Kunde -—
nicht rann vom Vogelmunde
das fadendünne Glas!
Gespieen und gesponnen,
ist es der blinde Bronnen
und die verdeckte Harfe
des Todes, drin die Larve
der Wiesenzirpe klopft.

Der Knospenbruch am Baum,
wie weiße Feuerflut,
braust blendend in den Raum
und überschwemmt den Saum,
der gegen Osten offen,
verfinstert ihn und löscht
mit seiner Schaumeshelle
des Äthers Lichtgefälle –
doch was ihn schwärzt und schwächt,
ist schon ins Nichts verkürzte
Begattung, ist gestürzte
Natur, wo, mitgetroffen,
ihr Staub und unser Hoffen
am Blütenboden ruht.

Bald steht die Narbe nackt
und Venus tritt hervor …
nach ihren Früchten hackt
Harpyenvolk, es packt
ein Mäher ihre Haare
zu nassem Sichelbund -—
bis über dunklen Zweigen
wird wieder höher steigen
das reine Himmelsrund;
bis stumm des Kuckucks Lügen
und aus gesenkten Krügen
eins weniger der Jahre
uns rollt ins muschelklare,
hinabgeführte Ohr.

Aus: Aldona Gustas (Hrsg.): Erotische Gedichte von Frauen. München: dtv, 1985, S. 132f

Plato and Pausanias describe Aphrodite Pandemos (Venus vulgivaga or popularis) as the goddess of sensual pleasures, in opposition to Aphrodite Urania, or „the heavenly Aphrodite“. (Wikipedia)

Venus vulgivaga lat. die herumschweifende Venus, das Freudenmädchen. (Otto Dornblüth, Klinisches Wörterbuch, 13./14. Auflage, 1927)

herabsetzender Beiname der Göttin Venus (Duden)

Wie Anakreon

Antonio Machado

(* 26. Juli 1875 in Sevilla, Andalusien; † 22. Februar 1939 in Collioure, Frankreich)

Ich möchte, wie Anakreon,
singen, lachen und froh in den Wind schlagen
die weisen Bitternisse
und ernstgemeinten Ratschläge,

und ich möchte, vor allem, mich betrinken,
ihr versteht schon … Grotesk!
Purer Glaube ans Sterben, arme Freude
und makaber verfrühter Totentanz.

Aus: Antonio Machado: Soledades – Einsamkeiten, Spasnisch und Deutsch. Hrsg. / Übers. Fritz Vogelgsang. Zürich: Ammann, 1996, S. 197

Yo, como Anacreonte,
quiero cantar, reír y echar al viento
las sabias amarguras
y los graves consejos,

y quiero, sobre todo, emborracharme,
ya lo sabéis… ¡Grotesco!
Pura fe en el morir, pobre alegría
y macabro danzar antes de tiempo.

Schwergereimt

Johann Heinrich Voß

(* 20. Februar 1751 in Sommerstorf / Mecklenburg; † 29. März 1826 in Heidelberg)

Schwergereimte Ode
(1775)
An mich selbst

Was stehst du, Spötter, da und pausbackst
Schwerreimendes Gereimel her?
Gib acht, daß man dich nicht hinausbaxt,
Mit deinen Reimen, leicht und schwer.

Unmutig blickt auf deinen Jokus
Apollons stolzer Tubaist,
Und: fort mit solchem Hokuspokus!
Brummt düster Wodans Urhornist.

Laß ruhn den stachelvollen Jambos,
Womit du Phöbus‘ Schwarm bestreitst,
Und schmied ein Reimwerk auf dem Amboß,
Das keinen Bardenschüler reizt.

Poet und Bard übt altes Faustrecht,
Mit Sense, Mistfork, Axt und Spieß;
Besonders, weh uns! saust und braust recht
Die Knotenkolbe des Genies.

Auf! weihe dich dem Dienst der Cypris,
Und preis in feinem Sofaton,
Was seit der Schöpfung der und die pries:
Das Tändelspiel mit ihrem Sohn.

Uns aufzuheitern mal‘ ein Fräulein
Mit bloßer Brust und hochgeschürzt,
Wie artig ihr gespitztes Mäulein
Leichtsinn mit Frankreichs Geiste würzt:

Schön wie die Leserin von Tischbein;
Doch merk, ein Möpschen statt des Buchs,
Ihr Haar ein Mehltalgturm, mit Fischbein
Umpanzert ihr Insektenwuchs.

Sing, wie ihr Hirn von Punsch und Witz dampft,
Wie sie im Rausch des Horngetöns
Den Taumeltanz bacchantisch mitstampft
Und dann verblümt noch dies und Jens.

Von solchem Singsang, fein und sinnreich,
Druck in den Almanach was Rechts!
Er macht ihn zehnmal mehr gewinnreich,
Als dein teutonisches Gekrächz.

Der Krittlerzunft tagscheue Fama
Posaunt das Werklein deines Geists;
Selbst des Katheders Dalai-Lama,
Den seine Hord anbetet, preist’s.

Hast du von diesen Herren Kundschaft?
Ein Stall, von dunkler Eib umgrünt,
Stand am Parnaß für Phöbus‘ Hundschaft,
Die ihm als Hirten einst gedient.

Klang vom Gebirg der Musen Paian,
Gleich Händels oder Bachs Musik;
Schnell hub im Stall ein Zeterschrei an
Von grimmig bellender Kritik.

Wenn Frauenchör itzt unter Führung
Des Marsyas auf pfiffen, hu!
Wie heulte dann, voll tiefer Rührung,
Die Kuppel ihnen Beifall zu!

Oft brannte schon der Zorn Apollos!
Er nahm die bleigefüllte Knut
Und schlug aufs Rabenaas für toll los;
Der ganze Hundsstall schwamm in Blut.

Doch alles war noch zu gelind, und –
Verwandelt ward das Rabenaas.
Professormäßig stellt ein Windhund
Sich auf die Hinterbein und las:

»Sehr wertgeschätzte Herrn! Das wichtigst
Und erste Prolegomenon
Ist nun wohl die baldmöglichstrichtigst-
e (hem!) Pränumeration.

Grundregeln hat, ja hat die Dichtkunst!
Denn was man nennt der Musen Gunst,
Ist Kunst entweder oder Nicht-Kunst;
Nun ist die Dichtkunst aber Kunst!

Ein Kind beim kleinen Katechismus
Begreift, was Kunst heißt, ist auch Kunst;
Und folglich schließt ein Syllogismus:
Grundregeln hat der Musen Gunst!«

Dann tut er wie ein Bauchprophet dick,
Paukt auf sein Pult und zeiget, bauz!
»Des Dichters Leitstern sei Ästhetik!«
Bespaßt sein Urteil und besaut’s.

Ein alter hagrer Mops voll Griesgram
Bleibt noch von Kopf und Pfot ein Mops,
Bleibt noch den Werken des Genies gram
Und wird Ausrufer Schimpfs und Lobs.

Schimpf bellt er beim Gesang des Orpheus;
Wer sein bierschenkenhaft Gejaul
Fix wie der blinde Mann im Dorf weiß,
Dem lobheult Mops aus vollem Maul.

Die Gänsespul in rascher Hundspfot,
Kritzkratzt in Hui er sein Journal.
Man nannt ihn anfangs schlechtweg Hundsfott;
Jetzt braucht man noch das Beiwort kahl.

Schwinden dahin

Howhannes Tumanjan

(* 19. Februar 1869 in Dsegh, Russisches Kaiserreich, heute Armenien; † 23. März 1923 in Moskau)

Die Bäche im Sommer, sie rauschen und schwinden dahin.
Die Armen, die Dürstenden stöhnen und schwinden dahin.
Imaginierte Quellen, die wonnevollen, im Sinn,
Verschmachten die Dichter und singen und schwinden dahin.

1922

Deutsch von Adolf Endler

Aus: Howhannes Tumanjan: Das Taubenkloster. Berlin: Volk und Welt, 1972, S. 65

Wenn der Krieg vorbei ist

Elke Erb

(* 18. Februar 1938 in Scherbach, jetzt Rheinbach, Voreifel)


Die Nachrichten

Ich – unter dem Tisch – bin 6.

Wenn der Krieg vorbei ist,
darf man beim Essen reden.
(Helga)

18.3.17

Aus: Elke Erb: Gedichtverdacht. Hrsg. Urs Engeler u. Christian Filips. Berlin, Wuischke u. Schupfart: roughbook 048, 2019, S. 78