Sándor Weöres
(* 22. Juni 1913 in Szombathely; † 22. Januar 1989 in Budapest)
Antischmächtig
Am Ende zeigt sich: an allem Sind die Schmächtigen schuld. Sie stehen in einer Gasse im Hinterhalt, und wenn eine alte Frau kommt, grüßen sie nicht. Ihre größte Sorge ist es, den Strohhut gegen Lotterielose auszutauschen und in Europas Gewässern Krokodile einheimisch zu machen, aber auch darin liegt keine Sicherheit. Morgens im Bett beginnen sie ihre Umtriebe, nachher gehen sie auf die Straße. Manche begeben sich ins Amt, andere sind zum Schein Kellner oder Schlosser: denn alle maskieren sich. Aber ihr wahres Handwerk ist die Schmächtigkeit. Am Ende zeigt sich: an allem sind etc.
Deutsch von Robert Stauffer. Aus: Sándor Weöres, Der von Ungern. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1969, S. 24
Helmut Heißenbüttel
(* 21. Juni 1921 in Rüstringen; † 19. September 1996 in Glückstadt)
Report 1953 l versuchsweise existierend 2 es ist nicht schief gegangen es hat auch nicht geklappt 3 der Wunsch Geld zu verdienen 4 kein Beruf 5 Tote nur von weitem gesehen Krieg und Hunger als Dauerlauftraining 6 Alter 32 Jahre kein Beruf 7 Mädchen 19 mit 7 davon ins Bett gegangen verheiratet 8 Meinungen von Parteifunktionären als mit- zumachende Moden Tote im Traum 9 Ärger über Spaziergänger an Sonntagnachmittagen zu Tränen gerührt von Wochenschauen 10 Angst totzusein II Vaterunserderdubistimhimmel 12 vorbereitet 13 unvorbereitet
Aus: Helmut Heißenbüttel. Kombinationen. Topographien. Gedichte. München: Lyrikedition 2000, 2000, S. 105
http://www.POESIEPREIS.de (1 Jahr lang bis zum 21.6.2020 = https://poesiepreis.jimdofree.com/aktuell/presse-2019/ )
WER BELLT AUS WELCHER NÄHE? DIE GEBURT EINES LYRIKPREISES AUS DEM GEISTE DER SATIRE & VISION: 3 JUBILÄUMSPREISTRÄGER(INNEN) 2019 – ERSTMALS VERGABE DES „FÖRDERPREISES“ AUFGRUND DER UNERWARTET VIELEN BEWERBUNGEN! DER NAHBELLPREIS GEHT 2019 DREIMAL INS AUSLAND: NACH MEXIKO, WIEN UND KÖLN 🙂 DIE STILE DER DREI LYRIKER(INNEN) KÖNNTEN NICHT UNTERSCHIEDLICHER SEIN: SLAMPOETISCHE, SOUNDPOETISCHE UND KLASSISCH-MODERNE DICHTUNG VOM FEINSTEN! DIE DIESJÄHRIGEN GEWINNER(INNEN) SIND: MELAMAR (HAUPTPREIS) / THOMAS HAVLIK (HAUPTPREIS) / KARIN POSTH (FÖRDERPREIS) – IM JAHRE 2000 VERLIEH DAS G&GN-INSTITUT AM 21. JUNI ERSTMALS DEN NAHBELLPREIS! SEITDEM WÜRDIGT DAS „INSTITUT FÜR GANZ & GARNIX“ ALLJÄHRLICH AUSGEWÄHLTE LEBENDE DEUTSCHSPRACHIGE LYRIKER(INNEN) MIT SEINER HAUSGEMACHTEN PARODIE AUF DAS VERKLÜNGELTE ESTABLISHMENT, UM AUF SOLCHE DICHTER(INNEN) AUFMERKSAM ZU MACHEN, DIE EINEN „ECHTEN“ NOBELPREIS VERDIENT HÄTTEN, DEN ALLERDINGS HEUTZUTAGE NACH DEM PEINLICHEN SKANDAL KEINER MEHR WILL…
DER ERSTE HAUPTPREIS GEHT 2019 AN:
melamar, bürgerlich: Melanie Marschnig, geboren 1976. Leiterin von Schreibworkshops, Moderatorin von Open Mics.
AUSZUG AUS DEN ANTWORTEN VON MELAMAR IM NAHBELL-INTERVIEW:
Jene meiner Texte, die als „politisch“ wahrgenommen werden, sind häufig Anklagen oder Beschreibungen von Missständen oder einfach Niederschriften von Begebenheiten. Die frühen Gedichte waren sicher in viel stärkem Ausmaß autobiografisch geprägt. Da ging es sehr viel um Einsamkeit, um Wut, um Trauer, um Verzweiflung, bis hin zur Todessehnsucht. Es ging viel mehr darum, das eigene Gefühlsleben auf Papier zu bannen. Ich entdeckte das Schreiben als ein seelisches Gleichgewichtsorgan für mich. Das Schreiben hat mir in schwierigen Phasen vielleicht das Leben gerettet. Als ich zu schreiben begann, wurde das erst so richtig zur Kenntnis genommen, als ich im Alter von 16 meinen ersten öffentlichen Auftritt hatte und die Lokalzeitungen darüber berichteten. Ich habe in sehr jungen Jahren im Alter von 15, 16 meine eigenen Lyrikhefte gebastelt und in meinem Freundeskreis vertrieben. Mir war phasenweise die gesprochene Darbietung sehr viel wichtiger als das gedruckte Wort. Ich habe dann auch selbst gebrannte CDs angeboten. Das allerste Mal aber, dass ich mich um die Veröffentlichung eines Gedichtbandes bemühte, war ich erst 18. Der Verleger, weit über 30, und für mein damaliges Empfinden uralt, machte mir Avancen. Als ich mich nicht mit ihm einlassen wollte, ließ er das Projekt, das bereits so weit gediehen war, dass Layout-Fragen erörtert wurden, platzen. Was die klassischeren Publikationen betrifft, da fällt auf, dass im Großen und Ganzen die Selfpublisher heutzutage nicht mehr so Fanzine-mäßig auftreten wie vielleicht vor zwanzig Jahren noch. Das hat wohl damit zu tun, dass durch den Digitaldruck heute auch kleine Auflagen von Taschenbüchern gedruckt und bei Bedarf nachgedruckt werden können.
DAS GANZE INTERVIEW HIER: https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/20-nahbellpreis-2019-melamar/
melamar
LESESTUNDE
ich wähnte mich
unbeobachtet
als ich das buch
küsste
doch er stand
in der tür
krieg ich auch einen kuss?
aber klar doch!
komm, lass mich lesen
gedichte
auf deinen lippen
in deinem mund
lass mich
geschichten lesen
auf deiner haut
lass dein geschlecht
und mein geschlecht
neue stücke aufführen
in eigenregie
DER ZWEITE HAUPTPREIS GEHT 2019 AN:
Thomas Havlik, geboren 1978. Mitherausgeber des Magazins Huellkurven.
AUSZUG AUS DEN ANTWORTEN VON THOMAS HAVLIK IM NAHBELL-INTERVIEW:
Eine möglichst große Unmittelbarkeit zwischen Künstler und Rezipient wollte ich erreichen, die Entgrenzung bis hin zu körperlicher Erfahrbarkeit von Poesie voran treiben, die dabei stattfindet und die bei gedruckten Texten nur schwer möglich ist: Mittel und Wege zu erschließen, um dem nahe zu kommen, hat mich schon immer interessiert. Schlecht vorgetragene Gedichte oder Texte ähneln meiner Meinung nach mehr irgendwelchen Produktpräsentationen als einem „Live-Erlebnis“ welcher Art auch immer, Veranstaltungen, bei denen man nicht unbedingt etwas versäumt, wenn man nicht dabei ist. Bin ich dem manipulativen Einsatz politischer Rede oder Schein-Bedürfnisse triggernder Werbung ausgesetzt, ist das, als würde eine fremde Macht Botenstoffe eines Gifts in mich einspritzen, das unterbewusste Signale überträgt, gegen die mir zum Beispiel Lautpoesie oder sprachexperimentelle visuelle Arbeiten ein wirksames Gegenmittel zu sein scheinen. Viel zu oft kommt ein Text oder ein Gespräch, in dem es um „Sprachkunst“ geht, nicht ohne ein Wiederkäuen der historischen Avantgarden aus, und es wird zum Beispiel betont, sie seien unter anderem eine Reaktion auf die beiden Weltkriege gewesen: das mag schon stimmen, doch Beweggründe, ebenso den auf uns im gegenwärtigen postliterarischen Emoji-Zeitalter einprasselnden Botschaften und Informationen mit einer zarten Grundskepsis zu begegnen, gibt es meiner Meinung nach genug, um den verschiedenen Techniken so genannter experimenteller Literatur auch heute Relevanz zuzusprechen. Ich glaube, die allermeisten meiner transmedialen Arbeiten beinhalten im Kern ein mehr oder weniger politisches Element – und sei es ihre Flüchtigkeit, die sich sträubt gegen das allzu Gefällige und Vermarktbare. Vielleicht sind meine sprachexperimentellen Werke eine einzige Meditation über die Spuren, die menschliche Kommunkation hinterlässt.
DAS GANZE INTERVIEW HIER: https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/20-nahbellpreis-2019-thomas-havlik/
Thomas Havlik
D, taumur b, z labe B
(Aus: Vocology #03: „Voices of Babel // Babel of Voices“, 2015)
Und d Zange: derE/Ä tahte
neie rape-Sch! –
Lei-Niere, rote W
Und s haschge.
s Haschge sl eis chan gozen.
ad faden N: s ene bEnee m dealn –
Saiern N onthwene: ad selbst
Und s schrenpa reine muz, randeen. Onl-Wah? – Tals, sst
n´s geZiel, schreiten n! – rath beren-nn, n
s geziel dein-te hinne sal n-Site, n´s
HD-Ezrar dein-te hinne sal Mörtel
Und s schrenpa: onl-Wah! anbeu w, anbeu r s ee dat-St!
Dat-St! u ee mur-T essend zeit-Sp a-den emil-Hm eriche
u hamcen w u ei e mean-N
ss-ad: w chint zurtet ser wrd br d g-z eder!
Und vah-Jeo fr hrndr, d tat-Sd u dn Trm z he-n
wheel-c
d Mnschn: n riked, n eu bat
Und vah-Jeo schrap: he-eiS, s nd n lok-V u: n beha ll n Schrape
u ds beha-n sss gegangen fan zzz tn u
nn dr w nine h – n
chts ver ehrt w, erden w, w ss e z t – ers, innen
onl-Wah, la ns hernieder ah-fner u re rape-Sch!
ad ss- belt rev rein wr d d d ssss n d
edn arne rape-Sch nnnn, rev-ente hs!
DER ERSTMALS VERGEBENE NAHBELL-FÖRDERPREIS GEHT 2019 AN:
Karin Posth, geboren 1945, seit 1976 Übersetzerin.
AUSZUG AUS DEN ANTWORTEN VON KARIN POSTH IM NAHBELL-FÖRDERINTERVIEW:
Die Liebe zum Wort bestand schon immer. Lyrik gibt meinem Leben Sinn. Und ist ein guter Grund, nicht lange über das Altern nachzudenken. Braucht nicht jedes Haus ein gutes Fundament? Egal, wie genial die Form ist, die jemand darauf stellt? Wer ist schon ein angeborenes Genie? Wer hat im Vorschulalter angefangen, Lyrik zu schreiben und es im Laufe seines Lebens zur Meisterschaft gebracht? Talent braucht zu seiner Entfaltung Anregungen und gezielte Unterstützung. Und die habe ich durch das Fernstudium bekommen. Juli 2010 habe ich das Studium begonnen. Seitdem schreibe ich Gedichte. Für mich gilt: Jede Woche Lyrik von guten Lyrikern lesen, für die ich mich begeistern kann; ein Thema finden für ein Gedicht, was mir wirklich wichtig ist; nach Worten, Wendungen, Bildern, Vergleichen suchen; Gedichte bis zur Veröffentlichung überarbeiten. Wenn es sein muss, gefühlte hundert Mal. Mich einem Trend zu unterwerfen, gefiele mir nicht. Ich pausiere nie. Ich schreibe immer an mehreren Gedichten gleichzeitig. 10 Stück liegen meistens ausgedruckt auf dem Schreibtisch und warten auf ihre Überarbeitung. Ich fange immer wieder von vorne an. Nicht selten ist der Funke, der Veranlasser des Gedichts, am Ende erloschen. Ob das Gedicht dann besser ist, weiß ich nicht zu sagen. Die Buchhandlungen wie z. B. Thalia und Mayersche müssen ihre Einstellung ändern und auch der Lyrik eine Chance geben. Sie geben sie auch Romanen, unabhängig vom Bekanntheitsgrad oder der Romanqualität. Da sie keine „neuen“ Anthologien und Lyrikbücher in den Lyrikregalen haben, weichen Käufer auf Online-Bestellungen aus.
DAS GANZE INTERVIEW HIER: https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/20-nahbellpreis-2019-karin-posth/
Karin Posth
geduldig wartet die erde
(Aus: „der himmel ist kein geschenk“, 2013)
am morgen. die vier elemente
sitzen am tisch und spielen
versessen ein spiel nach
dem anderen. der einsatz ist
hoch. sie versetzen dünen,
falten gebirge, schnippeln kontinente
auseinander oder stecken sie
zusammen. türmen wellen
auf und versenken schiffe,
werfen häuser und bäume
aus dem spiel. zug um zug,
wie es im buch der erde
geschrieben steht. der himmel
über der erde schläft
einträchtig wie ein bruder. uns
reißen sie gewaltsam aus dem
schlaf und lassen uns vor
angst erstarren.
hört endlich auf, schreien wir.
spielverderber, antworten sie.
DAS G&GN-INSTITUT GRATULIERT ALLEN ZU IHRER BEMERKENSWERTEN DICHTUNG UND WÜNSCHT WEITERHIN GUTES GELINGEN!
Robert Prutz
(* 30. Mai 1816 in Stettin; † 21. Juni 1872 ebenda)
Lügenmärchen
(1842) Fortsetzung von gestern
Und noch einmal den Berg hinan, Was sah ich da! Die Volksvertreter, Mann für Mann, Da ging's um Kopf und Kragen: Doch dachte kein Minister dran, Den Urlaub zu versagen. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Glückliche Staaten Ohne Soldaten? Kein Paßvisieren Und Schikanieren? Ohne Spione, Denkt euch nur: ohne? Ganz ungenierte Volksdeputierte? Unterdessen nimmt mich's wunder. Und immer höher ging's hinan, Was sah ich da! Sah Poesie und Wissenschaft Mit Lust die Schwingen breiten, Und die Zensur war abgeschafft In alle Ewigkeiten. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Glückliche Staaten Ohne Soldaten? Kein Paßvisieren Und Schikanieren? Ohne Spione, Denkt euch nur: ohne? Ganz ungenierte Volksdeputierte? Freie Autoren Ohne Zensoren? Unterdessen nimmt mich's wunder. Und weiter, weiter, frisch hinan, Was sah ich da! Ich sah die Weisen Hand in Hand, Wie sie der Lüge wehrten, Und wie für Recht und Vaterland Mitkämpften die Gelehrten. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Glückliche Staaten Ohne Soldaten? Kein Paßvisieren Und Schikanieren? Ohne Spione, Denkt euch nur: ohne? Ganz ungenierte Volksdeputierte? Freie Autoren Ohne Zensoren? Die Philosophen Nicht hinterm Ofen? Unterdessen nimmt mich's wunder. Und immer wieder ging's hinan, Was sah ich da! Im ganzen Lande keine Spur Von Muckern und von Frommen, Und niemand kann durch Beten nur Ins Ministerium kommen. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Glückliche Staaten Ohne Soldaten? Kein Paßvisieren Und Schikanieren? Ohne Spione, Denkt euch nur: ohne? Ganz ungenierte Volksdeputierte? Freie Autoren Ohne Zensoren? Die Philosophen Nicht hinterm Ofen? Kein Pietismus Kein Servilismus? Unterdessen nimmt mich's wunder. Und nun zum letzten Mal hinan, Was sah ich da! Ein jeder durft auf eignem Bein Die ew'ge Wahrheit suchen, Kein Pfaffe durfte kreuz'ge! schrein Und von der Kanzel fluchen. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Glückliche Staaten Ohne Soldaten? Kein Paßvisieren Und Schikanieren? Ohne Spione, Denkt euch nur: ohne? Ganz ungenierte Volksdeputierte? Freie Autoren Ohne Zensoren? Die Philosophen Nicht hinterm Ofen? Sanfte Theologen – Das ist gelogen! Unterdessen nimmt mich's wunder.
(Wird fortgesetzt)
Aus: Neuer poetischer Hausschatz. Hochdeutsche Gedichte aus der Zeit vom Beginne der Romantik bis auf unsere Tage in systematisch geordneter Auswahl aus den Quellen. Halle a. d. S.: Hendel Verlag, o.J. [ca. 1896], S. 845ff
Robert Prutz
Lügenmärchen
(1842)
Jüngst stieg ich einen Berg hinan, Was sah ich da! Ich sah ein allerliebstes Land, Der Wein wuchs an der Mauer, Und dicht am Throne, rechter Hand, Stand Bürgersmann und Bauer. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Unterdessen nimmt mich's wunder. Und weiter stieg ich frisch hinan, Was sah ich da! Kein Leutnant war, kein Fähnrich dort Und kein Rekrut zu sehen, Man wußte nicht das kleinste Wort Von stehenden Armeen. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Glückliche Staaten Ohne Soldaten? Unterdessen nimmt mich's wunder. Und weiter frisch den Berg hinan, Was sah ich da! Das ganz liebe Land entlang, Ins Bad und auf die Messe, Man reiste frei und reiste frank Und brauchte keine Pässe. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Glückliche Staaten Ohne Soldaten? Kein Paßvisieren Und Schikanieren? Unterdessen nimmt mich's wunder. Und wiederum ein Stück hinan, Was sah ich da! Ein jeder durfte laut und frei Von Herzen räsonieren, Man wußte nichts von Polizei Und nichts von Denunzieren. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Glückliche Staaten Ohne Soldaten? Kein Paßvisieren Und Schikanieren? Ohne Spione, Denkt euch nur: ohne? Unterdessen nimmt mich's wunder.
(Wird fortgesetzt)
Aus: Neuer Poetischer Hausschatz. Von G. Emil Barthel. Halle: Otto Hendel, o.J., S. 845ff
Am 18. Juni 1913 wurde ein Dichter geboren, von dem jeder schon den ein oder anderen Text gehört hat: Sammy Cahn. Gesungen von Frank Sinatra, Ella Fitzgerald, Zarah Leander und überhaupt allen. Ist das etwa keine Lyrik, wenn jeder wenigstens ein paar Zeilen und ganze Melodien im Kopf hat? Let it snow! Let it snow! Let it snow! ist von ihm (wie im Business üblich in Koproduktion mit anderen) und auch die englisch-jiddisch-deitsche Fassung von Bei mir bistu schejn. Hier sein Text, gefolgt von der jiddischen Originalfassung von Jacob Jacobs mit ein paar Vorschlägen zur Übersetzung* (Refrain und letzte Strophe). Gesungen können Sie es noch anders hören.
*) Im übrigen handelt das Lied von der Unübersetzbarkeit der Schejnhajt
Of all the boys I've known, and I've known some Until I first met you I was lonesome And when you came in sight, dear, my heart grew light And this old world seemed new to me You're really swell, I have to admit, you Deserve expressions that really fit you And so I've wracked my brain, hoping to explain All the things that you do to me Bei mir bist du schoen, please let me explain Bei mir bist du schoen means you're grand Bei mir bist du schoen, again I'll explain It means you're the fairest in the land I could say bella, bella, even say wunderbar Each language only helps me tell you how grand you are I've tried to explain, bei mir bist du schoen So kiss me, and say you understand Bei mir bist du schoen You've heard it all before, but let me try to explain Bei mir bist du schoen means that you're grand Bei mir bist du schoen Is such an old refrain, and yet I should explain It means I am begging for your hand I could say bella, bella, even say wunderbar Each language only helps me tell you how grand you are I've tried to explain, bei mir bist du schoen So kiss me, and say that you will understand
(kh sprich wie ch in ach)
baj mir bistu shejn,*
baj mir hostu khen,**
baj mir bistu ajner ojf der welt.***
baj mir bistu gut
baj mir hostu „it“,****
baj mir bistu tajerer fun gelt.
fil schejne jinglekh † hobn shojn gewolt nemen mikh
un fun sajn ale ojsgeklibn †† hob ikh nor dikh.
baj mir bistu shejn
baj mir hostu khen
baj mir bistu ajner oif der welt
*) Für mich bist du schön. Oder: Wenn du bei mir bist, bist du schön. Oder auch: Verglichen mit mir bist du schön.
**) Für mich hast du Anmut. Oder vielleicht: Mit mir hast du Gnade oder Erbarmen.
***) Vielleicht: Mit mir bist du eins auf der Welt. Vielleicht aber auch: Für mich die Einzige? Oder noch anders.
****) Hast du „Es“, das gewisse
†) Jüngelchen
††) ausgewählt
alex galper
ANTI-MAJAKOWSKI
Hört her!
Wenn ich meine Bücher
Auf eigene Kosten für das letzte Geld publiziere
Sie selbst durch die ganze Welt herumbuckle
Und an alle kostenlos verteile
Heißt das, dass es irgendjemand etwas nutzt?
Wenn man mir nicht glaubt und unterstellt,
Daran verdienen zu wollen
Wenn ich beim Zoll verhaftet
Und in die Abschiebehaft gesteckt werde
Auf aneinander gerückten Stühlen schlafe
Mit Licht ständig an und einer Kloschüssel am Kopf
Heißt das, dass da etwas dran ist?
Ich habe wohl nicht umsonst gelebt
Wenn in hundert Jahren nach meinem Tod
Ein Einheimischer aus Neuguinea, drauf und dran,
Einen Feind zu töten und zu verspeisen,
Mein Buch aufschlägt und sich doch lieber
Für Sex mit dem Gefangenen entscheidet
Und ihn am Ende entfesselt und sogar freilässt.
Aus dem Russischen von Natalia Maximova. Aus: GAF. Der GAlaktische Futurist No. 13. Berlin: Propeller, 2017, S. 10
Giovanni Boccaccio
( * 16. Juni 1313 in Certaldo oder Florenz; † 21. Dezember 1375 in Certaldo)
Auf den Tod Petrarcas
NUN trug es, edler Meister, dich empor
Ins Reich, in das noch sehnlich heim verlangen
Die Seelen, die auf trüber Erde bangen,
Bis Einlaß finden, die sich Gott erkor.
Nun bist du dort, wohin dich oft zuvor
Dein Sehnen um Lauretta trug, empfangen
Wo all mein Glück, Fiametta, hingegangen,
Weilst du mit ihr in Gottes Engelschor.
Nun mit Sennuccio, Cino und mit Dante
Gingst du unsterblich ein zur ewgen Ruh,
Schaust Dinge, wunderbar, uns unbekannte!
Du, der im Weltgetümniel Freund mich nannte
Zieh mich dir nach, der Seligkeit mich zu,
Sie zu erschaun, um die mein Herz entbrannte!
Aus: Italienische Sonette aus vier Jahrhunderten. Ausgewählt, übertragen u. m. e. Nachwort von Marie und Leo Lanckoroński. Krefeld: Scherpe, 1947, S. 63
Zum Geburtstag des Dichters Issa zwei Haiku über dasselbe Tier
Der Regenschauer –
Ob er wohl glücklich machte
Die Weinbergschnecke?
Aus: Haiku. Japanische Dreizeiler. Neue Folge Ausgewählt und aus dem Urtext übersetzt von Jan Ulenbrook. Stuttgart: Reclam, 1998, S. 59
Zum Abendmondschein
Ach, schreien dort im Schmortopf
Die Weinbergschnecken.
Ebd. S. 43
Kobayashi Issa (Issa ist der Vorname; jap. 小林 一茶; * 15. Juni 1763 in Kashiwabara, Provinz Shinano; † 5. Januar 1828 ebenda; bürgerlicher Name: 小林 信之 Kobayashi Nobuyuki, Kindheitsname: 小林 弥太郎 Kobayashi Yatarō)
René Char
(* 14. Juni 1907 in L’Isle-sur-la-Sorgue, Département Vaucluse; † 19. Februar 1988 in Paris)
ES LEBE!
Dies Land ist nur ein Wunsch im Geist, ein Gegen-
Grab.
In meinem Land zieht man die zarten Beweise des Frühlings und die dürftig gekleideten Vögel den Fernzielen vor.
Die Wahrheit harrt der Morgenröte neben einer Kerze. Das Fensterglas ist trübe. Was kümmert’s den Wachsamen.
In meinem Land stellt man einem Erschütterten keine Frage.
Kein hämischer Schatten fällt auf das gekenterte Boot.
Halbes Willkommen kennt man in meinem Land nicht.
Man leiht nur, was man vermehrt zurückgeben kann.
Blätter, viele Blätter haben die Bäume meines Landes. Den Ästen steht’s frei, keine Früchte zu tragen.
Der Redlichkeit des Siegers traut man nicht.
In meinem Land sagt man Dank.
Übertragen von Gerd Henniger
Aus: René Char: Poesiealbum 74. Hrsg. Bernd Jentzsch. Berlin: Neues Leben, 1973, S. 19

Wilhelm Runge
(* 13. Juni 1894 in Rützen/Schlesien, als gefallen gemeldet am 22. März 1918 bei Arras, Frankreich)
Kuckuck springt dem Walde auf die Schulter
seinem Ruf greift Sonne in das Haar
Kiesel rieseln
Zittern wiegt das Gras
Blumen plätschern Duft
und winken Schweigen
Stille neigt
ihr Auge lächelt
Traum
Aus: Der Sturm, Jg. 9, Number 1, 15. April 1918, S. 2
Bulat Okudshawa (russisch Булат Шалвович Окуджава, georgisch ბულატ ოკუჯავა, wiss. Transliteration Bulat Šalvovič Okudžava; * 9. Mai 1924 in Moskau; † 12. Juni 1997 in Paris)
Ach, die erste Liebe –
macht das Herz mächtig schwach,
Und die zweite Liebe –
weint der ersten nur nach,
Doch die dritte Liebe –
schnell den Koffer gepackt,
schnell den Mantel gesackt,
und das Herz splitternackt.
Ach, der erste Krieg –
da ist keiner schuld,
Und beim zweiten Krieg –
da hat einer schuld,
Doch der dritte Krieg –
ist schon meine Schuld
ist ja meine Schuld,
meine Mordsgeduld.
Ach, der erste Verrat –
kann aus Schwäche geschehn,
Und der zweite Verrat –
will schon Orden sehn,
Doch beim dritten Verrat –
mußt du morden gehn,
selber morden gehn
– und das ist geschehn!
Ach, die erste Liebe –
macht das Herz mächtig schwach…
deutsch Wolf Biermann
А как первая любовь она сердце жжёт,
а вторая любовь она к первой льнёт,
ну, а третья любовь ключ дрожит в замке,
ключ дрожит в замке, чемодан в руке.
А как первая война да ничья вина,
а вторая война чья-нибудь вина,
а так третья война лишь моя вина,
а моя вина она всем видна.
А как первый обман на заре туман,
а второй обман закачался пьян,
а как третий обман он ночи темней,
он ночи темней, он войны страшней.
Wolf Biermanns Übersetzung ist stark, aber nicht wortgetreu. Vgl. diese Fassung)
David Wheatley
Die antarktische Schule der Dichtung
Die Abwesenheit eines jeglichen Autors
ist, aus historischer Perspektive,
die kleinste Sorge
der antarktischen Schule.
Lässt sich ihr typischer kühler Ton
im heutigen Klima aufrechterhalten?
Vermutlich nicht, obwohl
auf Altantarktisch
»brennender Eifer« so viel wie »dünnes Eis,
Achtung!« und »plitsch-platsch, haha!« heißt.
Die meisten traditionellen Versmaße
wurden nie ausprobiert, da zu komplex.
Preise werden öfters vergeben,
doch ihre Träger selten benachrichtigt.
Man verabscheut die südgeorgische Schule,
diese gilt als zu glamourös.
Täglich brechen Gedichte ab und treiben,
grob gesagt, auf Chile zu.
Solitäre sind Demagogen
und Demagogen sind Solitäre.
Die jährlichen Verkaufszahlen für Lyrik
bleiben konstant und fallen kein Stück.
Pinguine finden selten Erwähnung,
man fürchtet, das wäre zu naheliegend,
obwohl der Albatros, dort, wo er vorkommt,
als ein Symbol für den Pinguin gilt,
während der See-Elefant
für den Albatros steht.
Man legt viel Wert
auf die lokale Note,
vorausgesetzt,
sie wird nicht angeschlagen.
Wieder stürzt sich
ein Gletscher zu Tode,
wunderbar spritzt es
bei seinem Abgang.
Hätten Sie diese Type
vielleicht auch in Weiß?
Alle örtlichen Dialekte
kennen für Schnee
nur ein einziges Wort,
und dieses eine Wort ist »Schnee«.
Aus dern Englischen von Norbert Hummelt
Aus:Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas. Im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung hersg. v. Federico Italiano u. Jan Wagner. München: Hanser, 2019, S. 97f
Klabund
(* 4. November 1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos)
Kleinstadtpfingsten
Um eine schöne Pfingststimmung zu bewirken,
Stellt man in den kleinen Städten Birken
Vor die Tür. Und am Vorabend singen
Die Mädchen süßsonderbare Lieder, die den Sommer herbeizwingen
Sollen. Die Buben zwitschern auf ihren Kalmusstauden wie Nachtigallen.
Aber vor allen
Dingen vergesst
Nicht: wir feiern Pfingsten das Schützenfest.
In grasgrüner Uniform wie die Förster, mit Fahnen, Flöten, Pauken, und unter Applaus
Des Publikums, marschiert die Schützengilde (63 Mann) zum Schützenhaus.
Mein Vater ist Schützenmajor – er trägt einen Ehrendegen
Und muss an solchem Fest- und Ehrentage auch seinen Kronenorden vierter Klasse anlegen,
Sowie die hohenzollern-sigmaringsche Verdienstmedaille. –
Die Mädchen gehen alle schon in weißer Taille,
Und am Abend tanzt man im Schützenhaussaal bis zum Verrücktwerden …
Dann draußen unter den Bäumen … im Grase … von deinem Munde beglückt werden.
… Küsse … Musik von ferne … am Abendhimmel die Venus gleißt …
Und wir reden jauchzend irr mit fremden Zungen,
Unsere Herzen sind wie Blüten aufgesprungen,
Nieder fuhr durchs Dunkel wie ein Blitz singend der heilige Geist …
Joachim Ringelnatz
(* 7. August 1883 in Wurzen; † 17. November 1934 in Berlin)
Pfingstbestellung
Ein Pfingstgedichtchen will heraus
Ins Freie, ins Kühne.
So treibt es mich aus meinem Haus
Ins Neue, ins Grüne.
Wenn sich der Himmel grau bezieht,
Mich stört`s nicht im geringsten.
Wer meine weiße Hose sieht,
Der merkt doch: Es ist Pfingsten.
Nun hab ich ein Gedicht gedrückt,
Wie Hühner Eier legen,
Und gehe festlich und geschmückt —
Pfingstochse meinetwegen —
Dem Honorar entgegen.
Neueste Kommentare