Ach nein

Jan Erik Vold

(* 18. Oktober 1939 in Oslo)

EINE KUGEL
aus dem
Herzen
des Opfers und zurück

in
die
Mündung
der Schusswaffe – ach nein, Gott

spult
den Film
nicht
zurück. Allah auch nicht.

Aus: Jan Erik Vold, DIE TRÄUMEMACHER. TRILOGIE. Aus dem Norwegischen von Walter Baumgartner. Münster: Josef Kleinheinrich, 2019,  S. 104

Heute Abend in Greifswald: „Sommer dort draußen“ – eine musikalische Lesung mit Jan Erik Vold, Ellen Bødtker, Arve Henriksen und Eirik Raude auf dem Nordischen Klang in Greifswald (Mehr)

Man kann die Heimat gar nicht genug dichten

Herbert Behrens-Hangeler

(* 3. August 1898 in Berlin; † 20. November 1981 in Fredersdorf)

(Mit verstecktem Gruß an Kito Lorenc und Patricia S.)

HEIMATDICHTER

Heimatkrone
Heimatsonne
Heimatsterne
Heimatruhm
Süddeutsche Kost
Schwäbische Kost
Böse Sieben
Heimatlohn
Privatstudium
Improvisator
Vereinsmeier
Edelkrone
Residenzväter
Reklameöl
Sicher sauber sparsam schnell
Fährt man mit dem Karussell.

Aus: Herbert Behrens-Hangeler, Gedichte. Eine Auswahl. Siegen 1987 (Vergessene Autoren der Moderne XXVII), S. 3

Zum Künstler Herbert Behrens-Hangeler siehe hier

Anschwellendes Lachen

Hendrik Werkman

(* 29. April 1882 in Leens, Niederlande; † 10. April 1945 in Bakkeveen, Niederlande)

ANSCHWELLENDES LACHEN

Oktober 1923

Der Kunst zum Trotz. Denn die Kunst hat viel auf dem Gewissen.
Der Presse zum Trotz. Denn die Presse ist ein noch schuldigerer Finsterling.
Immer haben sie gemeinsam versucht, jeden guten Keim zu ersticken, jeden guten Gedanken zu verschleimen und jede gute Tat zu verschmieren.
Die seuchenartige Hirnerweichung und die entsetzliche Leberverdorrung gehen auf ihr gemeinsames Konto.
Aber trotzdem wird schon ziemlich viel gelacht in der Welt.
Vergiß das nicht bei dem, was Du machst, und betrachte dieses Lachen nicht als eine üble Erscheinung, die sich derzeit an Straßenecken offenbart.
Es hat natürlich nichts gemein mit dem Getue des ordentlichen Bürgers, der mit seiner wohlgenährten Frau in stilvollen Zimmern hockt, die dringend eine Ausmistung bedürfen.
Es ist das Lachen des Freigekämpften beim Anblick von Versuchen, den freien Geist daran zu hindern, weiterzugehen.
Noch flaniert das handschuhbewehrte Offizierchen auf lächerliche Weise durch die Hauptstraßen.
Noch imponiert der Bürokrat und übt seine Gewalt aus.
Noch duldet der Bär die Kette um seinen Hals.
Noch geht theatralisch und unter Einmachparole die Schnibbelbohne durch die Straßen.
Noch begafft der Arsch jeden goldenen Karren bis zur Verblödung und kennt seine Funktion nicht.
So grobschlächtig geht die Wanderung durch das Sumpfland weiter und stört sich nicht am Verdruß andrer und schlurft zu ihrem Ende und findet zu guter Letzt den Tod.
Höre das Lachen.
Über alle Bajonette hinaus, über alle goldenen Kragen zieht der freie Geist durch die Welt.
Alle Gesetzeshüter, alle Gerichtsvollzieher, alle eitlen Gendarmen und Protokollführer, alle Beffchen, Talare und Barette werden das Lachen des Vorgeladenen und Verfolgten anhören, das so laut in ihrem Gerichtssaal schallen wird, daß sie ihr Mundwerk nach der stumpfsinnigen Beglotzung nie mehr schließen können.

Aus: Hendrik Werkman: Travailleur & Cie. Texte 1923-1944. Mit e. Nachwort hrsg. v. Hubert van den Berg und Walter Fähnders. Siegen: Universität Gesamthochschule Siegen (Vergessene Autoren der Moderne LXIII), 1995, S. 10f

Herkunft

Heinz Czechowski

(* 7. Februar 1935 in Dresden; † 21. Oktober 2009 in Frankfurt am Main)

HERKUNFT

Die Schützenhofstraße.
Die steile Treppe.
Die Polizeikaserne. Die Häuser
Auf der Neuländerstraße.
Der Birkenweg,
Der zur Baumwiese führt. Dort
Ging ich an der Hand meines Vaters. Der kaufte mir
Für 50 Pfennig
Ein Ei, das
Aus dem gackernden Blechhuhn fiel. Manchmal
Erinnre ich mich: In diesem Ei
War ich.

Aus: Heinz Czechowski, Die Zeit steht still. Ausgewählte Gedichte, ausgewählt
und mit einem Nachwort von Alexander Nitzberg. Düsseldorf: Grupello Verlag, 2000, S. 151

Pastior Petrarca

Oskar Pastior

(* 20. Oktober 1927 in Hermannstadt, Siebenbürgen; † 4. Oktober 2006 in Frankfurt am Main)

Heute aus einem alten Greifswalder Vortrag von mir:

Der folgende Text stammt von dem aus Siebenbürgen stammenden, seit den 60er Jahren in der Bundesrepublik lebenden Oskar Pastior. Es ist ein Gedicht in Prosa:

Konsum, Komfort und Zeitvertreib – darauf beschränkt sich nun alles; sogenannte Bedürfnisse; zeitweilig, scheint es, geht die Physis fremd – sie ist nicht so; aber wer blickt noch durch; opak sind die großen Zusammenhänge, an denen man sich orientieren könnte – seltsam nur, in welchem Maße jetzt deutlich wird, was Dichtung ausmacht, wer sie trägt; zu stellen wäre auch die Frage nach dem öffentlichen Rang, dem Preis, der Anerkennung; dem ach so duften Geschmack; »Bescheidenheit und Armut schärft den Intellekt«, meint eine große Mehrheit – sie ist auf Effektivität bedacht; und nur wenige denken anders – die Weggefährten; darum mein Werben für dich, und um dich, weitblickender Geist; du solltest, was du in großen Zügen anfingst, nicht aufgeben.

Der Text entstand Anfang der 80er Jahre. Es ist ein aktueller Text, ein moderner Text. Er beschreibt die Zeit und damit zugleich den Zustand heutigen Dichtens. Ein moderner Text, aber kein zeitgeist-stromlinienförmiger. Er beschreibt eine Tendenz als übermächtig, aber ergibt sich ihr nicht.

Wer meint, daß ihn dieser Text an Petrarca erinnert, ist ein belesener Zeitgenosse (oder zumindest ein Romanist). Beides gibt es ja auch in Greifswald.* Pastiors Text ist die Übertragung eines Petrarcasonetts. Eine Übertragung, die der skizzierten Tendenz zu größerer poetischer Lizenz folgt, indem sie sie vorantreibt. Wie Herder auf den Reim, verzichtet Pastior nun auch auf die Versform. Wahrscheinlich ist es kein Sonett mehr; aber da das Sonett eine rhetorische, eine argumentierende Gedichtform ist, mag der Verzicht läßlich sein, weil er das Argument für uns klarer herausarbeitet. Ein Vergleich auch mit gelungenen Nachdichtungen macht das deutlich. Die Versform zwingt den Nachdichter zu Zugeständnissen in Form von Füllseln, Auslassungen und Ausschmückungen, die die natürliche Tendenz haben, das Maß zu überschreiten. Puristen schließen daraus, daß Gedichte unübersetzbar seien. Ich bin kein Purist. Ich bin der Meinung, daß die Vielzahl sehr unterschiedlicher Nachdichtungen keine Beeinträchtigung, sondern eine Bereicherung für deutsche Petrarcaleser darstellt. Man muß nicht so weit gehen wie jener Engländer, der diesen Stoßseufzer tat: Ihr habts gut, ihr könnt den Shakespeare übersetzen.

Ein paar Sätze zu Pastiors Petrarca zum Schluß. Eine genaue Betrachtung zeigt neben großer Nähe zu Petrarca auch beträchtliche Distanz. Manches scheint wie eine – vielleicht zu weitgehende? – Modernisierung, wie der Anfang:

Konsum, Komfort und Zeitvertreib – darauf beschränkt sich nun alles; sogenannte Bedürfnisse

Manches, was auf den ersten Blick befremdet, scheint sehr genau zu sein, z.E.

zeitweilig, scheint es, geht die Physis fremd –

nostra natura vinta dal costume;

Ist das nicht genauer als selbst die reimlose Übertragung Herders:

Verscheucht von ihrer Laufbahn ist die Menschheit,
In Banden der Gewohnheit fest gebunden.

Ich muß zum kurzen Ende kommen. Pastior, von Michael Krüger aufgefordert, sich mit Petrarca zu befassen, zögert. Ich zitiere Pastior:

Daß ich nicht italienisch spreche, war ja nicht ausschlaggebend. Als ich dann aber, es geschah plötzlich, eine (vermutlich mir gemäße) poetologische Aufgabenstellung zu entdecken glaubte, hatte mich bereits die Neugierde gepackt. Und zwar: versuchsweise einmal zu sehen, was innerhalb der poetischen Vorgänge, im Spannungsfeld der Begriffs- und Metaphernbildung, sich während der Kenntnisnahme durch Sprache ergeben könnte. Plump gesagt, die Metaphern … schienen mir unzuverlässig, aus zweiter Hand; es reizte mich, sie abzuklopfen, abzurubbeln, wie Abziehbilder; bloß mit dem Unterschied, daß ich hier ja die glänzend-bunte Oberflächenschicht der Bilder probeweise „beseitigen“ wollte, um herauszufinden, was sich … an Anschauung, Erkenntnisvorgängen, ja vielleicht Erkenntnistheorie, „darunter“ verbirgt; bei Petrarca verborgen haben mag.

„Kenntnisnahme durch Sprache“ wäre eine Formel für die hier gewählte Methode. Es geht nicht wie bei dem Experiment Rolf Dieter Brinkmanns um den Versuch, aus der Unkenntnis einer Sprache sozusagen poetisches Kapital zu schlagen. Sondern es geht Pastior um wirkliche, genaue Kenntnisnahme durch Sprache und sozusagen nichts als Sprache. Auch daß er nicht Italienisch spricht, bedeutet hier etwas anderes als auf ersten Anschein. Einerseits spricht er Rumänisch, eine in Morphologie und Syntax verwandte Sprache. Andererseits arbeitete er über mehrere Jahre sorgfältig mit Wörterbüchern und Konjugationstafeln, aber ohne die Hilfe der Philologen. Seine Unkenntnis bewußt als heuristische Methode einzusetzen, sozusagen nach dem Grundsatz, daß das Bekannte nicht erkannt ist. Durch dieses mühsame und zugleich überraschungsreiche, somit auch schöne, prozessuale Annähern sozusagen „die Metaphern in statu nascendi zu überraschen“.

Pastiors Version kann man schwerlich eine Übertragung nennen. Das Titelbild zeigt das tatsächliche Kräftespiel. Der alte und der neue Dichter stehn einander gegenüber, und jeder steuert seins bei. Zwei besessene Wortfexe, zwei Neuerer sui generis. 33 Gedichte von Pastior, die Morhof schwerlich als Gedichte verstanden hätte, gefolgt von 33 italienischen Gedichten Petrarcas.

(Michael Gratz)

*Schrieb ich vor der Abschaffung der Romanistik in Greifswald.

Petrarcas Original:

SONETTO VII.

LA gola, e ’l sonno, e l’oziose piume
  Hanno del mondo ogni virtù sbandita,
  Ond’è dal corso suo quasi smarrita
  Nostra natura vinta dal costume;
Ed è sì spento ogni benigno lume
  Del ciel, per cui s’informa umana vita;
  Che per cosa mirabile s’addita
  Chi vuol far d’Elicona nascer fiume.
Qual vaghezza di Lauro? qual di Mirto?
  Povera, e nuda vai, Filosofia,
  Dice la turba al vil guadagno intesa.
Pochi compagni avrai per l’altra via;
  Tanto ti prego più, gentile spirto,
  Non lassar la magnanima tua impresa.

Irrsinniger Herbst

Roland Erb

DIE OKTOBERFRÜHE

Irrsinniger Herbst, du gehst
Straßen voll Laub und Blut:
Dunstiges Weichbild, du siehst
Dämmerung ringsum in Glut.

Einsame Taube, die hüpft
über Fliesen, knirschender Schrei.
Henkersmahlzeit, das Korn
bricht wie Dornen entzwei.

Nahender Winter, Tauben
hocken versteckt im Haus.
Irrsinniger Herbst, der nächste
bläst ihre Federn hinaus.

Aus: Roland Erb: DIE STILLE DES TAIFUNS. Gedichte. Berlin/Weimar: Aufbau, 1981, S. 10

Denke, schreibe, dichte

Yitzhak Laor

(יצחק לאור)
(* 11. April 1948 in Pardes Hanna-Karkur, Bezirk Haifa)

Dichten

Der Tote starb im Sommer und das Gedicht
entstand im Winter und auch Frühling
und Herbst zogen vorüber mehr als einmal
doch ich schreib es wieder
und wieder: Der Tote starb im Sommer
und das Gedicht entstand im Winter.
Ich schreib Gedichte um
nicht zunichte zu werden
und was tu ich wenn ich nicht schreib
und wie kommt es dass ich nicht zunichte werd
trotz alledem? Vielleicht weil
Dichten eine Art Gehen und Stehnbleiben ist
(Manchmal wart ich auf den Bus
an der Haltestelle und wenn er nicht kommt ergreift mich
Unruhe und ich geh bis zur nächsten Station
warte wieder, gehe
wieder, bleib stehn, verpasse, verspäte mich
langsam, eilig) Ich schreibe weil ich
zunichte werde, bin an jenen Punkten Dichter
an denen ich nicht schreibe, nicht gehe
nicht einmal sitze. Wo im großen Raum
ist der Punkt an dem ich (mich
nicht zunichte werdend denke, schreibe, dichte)

Aus: Aus: Yitzhak Laor, Auf dieser Erde, die in Schönheit gehüllt ist und Wörtern misstraut. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Berlin: Matthes & Seitz, 2018, S. 105

100 Jahre Menschheitsdämmerung

Am 2. Januar 2018 beschloss ich, in der hauptsächlich dem Kalender verpflichteten L&Poe-Anthologie im ganzen Jahr vorwiegend Gedichte von Frauen zu veröffentlichen. Das ist nicht leicht, wenn man den Lyrikkalender (s. hier und hier) verfolgt, der fast jeden Tag bedeutende Männer verzeichnet, aber meist nur wenige Frauen. Beispiel morgen: von 21 gelisteten Autoren ist gerade eine Frau, übermorgen von 15 zwei Frauen usw.

Das Vorhaben gelang. Wohl mehr als zwei Drittel der Beiträge stammten von Frauen. (Wahr ist auch, es ist niemand, Männ- od. Weiblein, aufgefallen – nun ja, außer Àxel Sanjosé, der mein Projekt tatkräftig unterstützt, wofür ich an dieser Stelle herzlich danke!).

Was also liegt näher, als wieder einmal ein ganzes Jahr einem Thema zu widmen, wenn es eh keineN stört. 2010 ist der hundertste Jahrestag der Anthologie Menschheitsdämmerung, die als Symphonie jüngster Dichtung begann und zum Dokument des Expressionismus wurde. Die L&Poe-Anthologie wird 2020 vorwiegend expressionistische Gedichte veröffentlichen, jeden Tag eins, Frauen und Männer, Ausländer und Deutsche. Der Expressionismus war eine deutsche und zugleich sehr internationale Bewegung, seine Verlage und Zeitschriften veröffentlichten außer deutschsprachigen auch italienische, tschechische, polnische oder serbische Dichtung. Ich werde meine Quellen sichten, bitte hier aber auch um Unterstützung. Wer kennt im deutschen Sprachraum wenig bekannte DichterInnen und Gedichte, deutsche oder ins Deutsche übersetzte und auch bisher nicht übersetzte? Wer möchte helfen, eine bunte vielsprachige Anthologie von 366 dem Expressionismus verpflichteten oder verwandten Gedichten zusammenzustellen? Nachfragen und Vorschläge gern an gratzhgw@gmail.com.

Ich werd noch verrückt

Ein rätselhaftes mittelenglisches Gedicht. Es steht in einem Manuskript des späten 13. Jahrhunderts, das ansonsten juristischen Kram enthält.

Foweles in the frith,        
The fisses in the flod,      
And I mon waxe wod.          
Mulch sorw I walke with       
For beste of bon and blod.
  1. Foweles: Fowls = Vögel, frith wohl = Wald, „Forst“
  2. fisses = Fische, flod = Fluss
  3. mon: muss? werde? waxe = „wachsen“ wie der Mond wächst, werden, wod = verrückt
  4. Mulch = Much, viel; andere Lesart: Sulch, wie dt. solch = such, sorw = Sorge, sorrow
  5. beste: entweder Biest oder best, bon = bone, Gebein

Text aus: Luria/ Hoffman: Middle English Lyrics. A Norton Critical Edition. New York, London: Norton, 1974, S. 7

Eine Übersetzung in modernes Englisch aus dem Netz:

Birds in the wood,
The fish in the river,
And I must go mad.
Such sorrow I walk with
For best of bone and blood.

Ich übersetze mit Silbenzählung* und Anklängen statt Reimen eine der möglichen Schichten:

Die Vögel in dem Forst,
Die Fische in dem Fluss,
Und ich werd noch verrückt.
So wandl ich Sorgen voll
um Tiere aus Fleisch und Blut.

Ist das ein früher Tierschützer? Ein romantisch Trauernder (weil die Tiere ihren Platz haben, er aber nicht)? Ein frommer Bibelleser? „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege.“ (Matthäus 8, 20) Und ich werd noch verrückt.

(Ich bin natürlich nicht ich.Man sieht es daran, dass ich die Tierschützerversion übersetzt habe.)

*Das Original sind reine Sechssilbler, Foweles sind 3 Silben, in der letzten Zeile wird e vor folgendem Vokal elidiert: best‘ of. So in meiner Übersetzung: Tier‘ aus.

Des Herzens dunkle Stille

Miquel Costa i Llobera
(* 10. März 1854; † 16. Oktober 1922)

DINS UN JARDÍ SENYORIAL

Plau-me avançar per un jardí desert
quan creix l’ombra dels arbres gegantina,
vegent sota el ramatge que s’inclina
com lluny blaveja l’horitzó entrobert,

vegent muntanyes de contorn incert,
i en la pols d’or amb que la llum declina
daurada vagament qualque ruïna
dins la planura que en la mar es perd …

Plau-me veure de marbres rodejat
l’estany, on neden sobre l’aigua pura
bells cignes de plomatge immaculat.

I plau-me omplir la quietud obscura
de mon cor, amb la triple majestat
de la història, de l’art i la natura.

In einem herrschaftlichen Garten

Mir taugt’s zu wandeln in verlassnem Garten,
wenn riesig wächst der Schatten jedes Baums
und unter dem sich neigenden Geäst
ich einen Spalt des Horizonts seh blauen,

und Berge seh mit undeutlichem Umriss
und in dem goldnen Staub des späten Lichts
manch Ruine, die in vagem Gold verschwimmt
auf der zum Meer sich hinneigenden Landschaft.

Mir taugt’s zu sehen, ganz umringt von Marmor,
den Teich und Schwäne, die auf klarem Wasser
schwimmen mit makellosem Federkleid.

Auch taugt es mir, des Herzens dunkle Stille
zu füllen mit der dreifach edlen Hochheit,
bestehend aus Geschichte, Kunst, Natur.

(Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé)

Schläfrig beide, Hirt und Schaf

Friedrich Nietzsche

(* 15. Oktober 1844 – † 25. August 1900)

nietzsche_15-10

Solang

Garcilaso de la Vega
(* 6. Februar 1503; † 14. Oktober 1536)

Soneto XXIII

En tanto que de rosa y de azucena
se muestra la color en vuestro gesto
y que vuestro mirar ardiente, honesto,
con clara luz la tempestad serena,

y en tanto que el cabello, que en la vena
del oro se escogió, con vuelo presto
por el hermoso cuello blanco, enhiesto,
el viento mueve, esparce y desordena:

coged de vuestra alegre primavera
el dulce fruto antes que el tiempo airado
cubra de nieve la hermosa cumbre.

Marchitará la rosa el viento helado,
todo lo mudará la edad ligera
por no hacer mudanza en su costumbre.

Sonett XXIII

Solang als Rose und als weiße Lilie
die Farbe sich auf Eurem Antlitz zeigt
und Euer brennender, stets keuscher Blick
mit hellem, klarem Licht den Sturm besänftigt

und solang Euer Haar, das goldner Ader
ward entnommen, mit seinem raschem Flug
am schönen weißen, wohlgestalten Hals
der Wind bewegt, ausbreitet und verwirbelt:

So lang noch pflückt von Eurem heit’ren Lenz
die süße Frucht, bevor die Zeit, erzürnt,
mit Schnee bedeckt den anmutigen Gipfel.

Die Rose lässt der Eiswind welken bald,
das flücht’ge Alter ändert alles ganz,
um ja am eignen Brauch nichts zu verändern.

(aus dem Spanischen v. Àxel Sanjosé)

 

Gott gibt die Stimmgabel ab

Paul Celan

ICH TRINK WEIN aus zwei Gläsern
und zackere an
der Königszäsur
wie Jener
am Pindar,

Gott gibt die Stimmgabel ab
als einer der kleinen
Gerechten,

aus der Lostrommel fällt
unser Deut.

»Das Verb zackern des Gedichts, vom mittelhochdeutschen ›zacker (zi achere/ze acker) gên‹, erinnert an das Schreiben Hofrat Gernings von 1805, in dem er von Hölderlin berichtet: ›Hölderlin, der immer halb verrückt ist, zackert auch am Pindar‹ – was in Celans Exemplar mit dreifacher Anstreichung versehen ist.

[…]

Neben dem Verweis auf Hölderlin durch die Worte ›zackern‹ und Pindar – Böschenstein nennt auch die Königszäsur – ist in diesem Gedicht über das Vokabular auch ein jüdischer Hintergrund erkennbar. Zudem ist es eines der (wenigen) Gedichte, in denen Gott als ein Subjekt des Gedichts direkt genannt wird. Die zwei Gläser deuten in dieser Lesart eine Trennung an und auf die Trennung der göttlichen Einheit hin. Ich trink Wein – die Menge ist hier wohl eher zweitrangig, hinter einer deutlich demonstrierten, und auf den ersten Blick ungewöhnlichen, Trennung – aus zwei Gläsern. Der Entstehungstag des Gedichts, der 29.11.1969, war ein Samstag, ein Schabbat. An einer Zäsur zu zackern, einer Trennlinie, bedeutet also zunächst möglicherweise die Scheidung des Festtags vom Alltag. Es ist die Königszäsur, an der das lyrische Ich ›zackert‹. Der Gott des Alten Testaments, der seinem Volk befahl den Schabbat zu heiligen, nennt sich König, melech. Wein aus zwei Gläsern zu trinken, bedeutet am Schabbat, zuerst den Kiddusch(Heiligungs)-Becher, also ein Glas zum Eingang, und dann den Hawdalah(Scheidungs)-Becher zum Ausgang des Feiertages rituell zu trinken.«

Aus:
Irene Fußl: Geschenke an Aufmerksame. Hebräische Intertextualität und mystische Weltauffassung in der Lyrik Paul Celans. Tübingen, Max Niemeyer Verlag 2008

Tantalussisch

Anna Louisa Karsch

(* 1. Dezember 1722 in Hammer bei Schwiebus; † 12. Oktober 1791 in Berlin)

An eine Freundin

Dies Tantalussische Verlangen,
Der heiße Fieberdurst in mir
Ist nun, dem Himmel Dank! vergangen.
Nun, meine Freundin! kann ichs Dir
Wohl sagen froh und unverholen,
Nun glüht mir Tag und Nacht der Mund
Nicht mehr wie angeflammte Kohlen,
Seitdem mir Milon hat befohlen:
„Bleib ruhig, bleib gesund –
Sonst kränkst du mich“ –
Er sprachs, und läßt mich denken:
Ihn, meinen Wunsch, mein Augenmerk,
Ihn, meinen Abgott! nicht zu kränken,
That die Natur ein Wunderwerk

Aus: Gedichte, 1792, Neuausgabe mit einer Biographie der Autorin. Herausgegeben von Karl-Maria Guth. Berlin 2015

[Ich, Itzik]

Yitzhak Laor

[Ich, Itzik]

Nachts, Regen, wir gingen durch die Straßen der besetzten Stadt
Ausgangssperre. Vorneweg einer vom Geheimdienst, verantwortlich für den Offizier
der verantwortlich für uns, wir verantwortlich für den Informanten unter einer
Decke mit zwei Löchern für die Augen (wir werden leben,
ewig leben, der Todesengel ist in unsrer Hand) doch die Stimme ist
immer Jakobs Stimme: Hier spricht die Stimme der Jüdischen
Kampforganisation. Wer bist du? Ich bin Mordechaj
Anielewicz, und wer bist du? Ich bin Mordechaj Anielewicz,
und wer bist du? Ich bin Mordechaj Anielewicz

1990

Aus: Yitzhak Laor, Auf dieser Erde, die in Schönheit gehüllt ist und Wörtern misstraut. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Berlin: Matthes & Seitz, 2018, S. 63

Mordechaj Anielewicz (geboren 1919 in Wyszków, Polen; gestorben am 8. Mai 1943 in Warschau) war ein polnisch-jüdischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus im von Deutschland besetzten Polen während des Zweiten Weltkriegs. (Wikipedia)