Seine Klauen

Wolfram von Eschenbach

Übertragung: Ulrike Draesner

Krallen, klauen
durch die wolken schwer geschlagen
steigt er auf mit großer kraft
ich sah ihn grauen
tag um tag will er so tagen:
der tag, der seiner gesellschaft
beraubt den edlen mann
den in der burg ich schlafen ließ.
ich bring ihn raus, wie ich’s nur kann.
mich treibt, dass stark, dass gut er hieß.«

» wächter, was du singst
lässt mein vergnügen schrumpfen
und laut mich klagen.
die nachricht, die du bringst
will alle freude mir versumpfen
jeden morgen, wenn es will tagen.
sollst mir gar nichts davon sagen.
auf deine treue befehl ich’s dir.
lohn ich geb, kannst ihn kaum tragen
und mein liebster, der bleibt hier.«

» raus muss er, von hinnen
rasch geeilt, verliert kein wort.
lass ihn ziehen, süßer käfer.
später lass dich minnen
an gut verborgnem ort
rett ruf und leben deinem schäfer.
auf mich verlässt er sich so wie auf dich
dass ich käm, ihn rauszuholen.
tag ist’s, die nacht verblich
du selbst, mit kuss, hast ihn mir anbefohlen.«

» was dir gefällt
wächter, sing, nur lass den hier
der liebe gab, den liebe nahm gefangen.
was du gegellt
hat ihn wie mich erschrocken hier
noch ist der morgenstern nicht aufgegangen
für den, der kam, sich der liebe zu erbarmen
noch brennt es nicht, des tages licht.
hast ihn mir aus den weißen armen
gerissen so oft, aus dem herzen reißt ihn nicht. «

wie der tag
mit blicken durchs fenster drang
mitsamt des wächters warngesang
um den, der bei ihr lag
machten mächtig ihr bang.
ihre brüstchen sie an seine zwang.
des ritters männlichkeit glückte
trotz des wächters störendem ton
abschied höchstselbst aufs nächste erquickte
mit küssen sie – und mehr, der liebe lohn.

Aus: Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Hrsg. Tristan Marquardt und Jan Wagner. München: Hanser, 2017, S. 121 f

Lied 3

I
«‹Sîne klâwen
durch die wolken sint geslagen:
er stîget ûf mit grôzer kraft!
ich sich in grâwen
tegelîch als er wil tagen:
den tac, der im geselleschaft
erwenden wil, dem werden man,
den ich bî naht în verliez.
ich bringe in hinnen ob ich kan:
sîn vil manigiu tugent mich daz leisten hiez.›»

II
‹Wahtær du singest
daz mir manige vröide nimt
unde mêret mîne klage.
mær du bringest
der mich leider niht gezimt
immer morgens gegen dem tage:
diu solt du mir verswîgen gar!
daz gebiut ich den triuwen dîn.
des lôn ich dir als ich getar –
sô belîbet hie der geselle mîn.›

III
«‹Er muoz et hinnen
balde und âne sûmen sich.
nu gib im urloup, süezez wîp!
lâz in minnen
her nâch sô verholne dich,
daz er behalte êre und den lîp.
er gap sich mîner triuwen alsô
daz ich in bræhte ouch wider dan.
ez ist nu tac: naht was ez dô
mit drucken an die brüste dîn kus mir in an gewan.›»

IV
‹Swaz dir gevalle
wahtær sinc und lâ den hie,
der minne brâht und minne enpfienc.
von dînem schalle
ist er und ich erschrocken ie.
sô ninder morgenstern ûf gienc
ûf in der her nâch minne ist komen,
noch ninder lûhte tages lieht:
du hâst in dicke mir benomen
von blanken armen – und ûz herzen niht.›

V
Von den blicken,
die der tac tet durch diu glas,
und dô wahtære warnen sanc,
si muose erschricken
durch den der dâ bî ir was.
ir brüstlîn an brust si twanc,
der rîter ellens niht vergaz
(des wold in wenden wahtærs dôn).
urloup nâh und nâher baz
mit kusse und anders gab in minne lôn.

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