Todtengräberlied

Ludwig Christoph Heinrich Hölty

(* 21. Dezember 1748 in Mariensee; † 1. September 1776 in Hannover)

Todtengräberlied

Grabe, Spaden, grabe,
Alles was ich habe
Dank ich, Spaden, dir!
Reich‘ und arme Leute
Werden meine Beute,
Kommen einst zu mir!

Weiland groß und edel,
Nickte dieser Schedel
Keinem Gruße Dank!
Dieses Beingerippe,
Ohne Wang‘ und Lippe,
Hatte Gold und Rang!

Jener Kopf mit Haaren
War vor wenig Jahren
Schön wie Engel sind!
Tausend junge Fentchen
Leckten ihm das Händchen,
Gafften sich halb blind!

Grabe, Spaden, grabe,
Alles was ich habe
Dank ich, Spaden, dir!
Reich‘ und arme Leute
Werden meine Beute,
Kommen einst zu mir!

Erstdruck: Musenalmanach für 1777. Herausgegeben von Johann Heinrich Voss. Hamburg

Du mußt anders werden

Wolfgang Hilbig

(* 31. August 1941 in Meuselwitz, Landkreis Altenburg; † 2. Juni 2007 in Berlin)

Pro domo et mundo

Nun wird es dunkel: du mußt anders werden
die Wasser fließen schneller und ihr kalter Dunst gerinnt
ein schwarzer Tag entsteigt dem tiefer blauen Meer –
und nichts mehr zählen die noch glücklich Heimgekehrten
jetzt zählen die schon lang vergessen und verloren sind.

Und Ströme schießen wie von anderen Gestaden her
aus Felsenwelten ausgebrannt doch nie berührt von Sonnen
es ist ein Fluten das sich nicht mehr wendet:
der Urwellen Anfahrt hat begonnen.

Nun fällt die Nacht: die Zeit die dauernd endet
und dir gebrichts am Wort mit dem du ferner handelst
was gestern licht und wert war ist verschwendet –
und es ist Nacht und Zeit daß du dich wandelst.

Aus: Wolfgang Hilbig: Bilder vom Erzählen. Gedichte. Mit Radierungen von Horst Hussel. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2001, S. 60

Nichts

Francis Picabia

(* 22. Januar 1879 in Paris; † 30. November 1953 ebenda)

Dada riecht nicht,
es bedeutet ja nichts, gar nichts.
es ist wie Euere Hoffnumgen: nichts
wie Euer Paradies: nichts
wie Euere politischen Führer: nichts
wie Euere Helden: nichts
wie Euere Künstler: nichts
wie Euere Religionen: nichts.

In: Theo van Doesburg, Was ist Dada. In: Doesburg / Schwitters: Holland ist DADA. Ein Feldzug. Hrsg. Hubert van den Berg. Hamburg: Edition Nautilus, 1992, S. 21f.

Theo van Doesburg

(* 30. August 1883 in Utrecht; † 7. März 1931 in Davos, Schweiz)

Der Dadaist, der sogar für das Leben die Logik ablehnt, läßt sich in der Lyrik nicht vom üblichen 2×2=4 leiten. Mag dies für die Logik nützlich sein, in der Lyrik gilt 2×2=5.

Ebd. S. 33

Ein neu Lied Herr Ulrichs von Hutten

Ein neu Lied Herr Ulrichs von Hutten

(* 21. April 1488 auf Burg Steckelberg in Schlüchtern; † 29. August 1523 auf der Ufenau im Zürichsee)

Ich habs gewagt mit Sinnen
und trag des noch kein Reu,
mag ich nit dran gewinnen
noch muß man spüren Treu;
damit ich mein
nit eim allein,
wenn man es wolt erkennen:
dem Land zu gut,
wiewol man tut
ein Pfaffenfeind mich nennen.

Da laß ich jeden lügen
und reden was er will;
hätt Wahrheit ich geschwiegen,
mir wären Hulder viel:
nun hab‘ ichs g’sagt,
bin drum verjagt,
das klag ich allen Frommen,
wiewol noch ich
nit weiter fliech,
vielleicht werd wieder kommen.

Es ist oft dieser gleichen
geschehen auch hievor,
daß einer von den Reichen
ein gutes Spiel verlor,
oft große Flamm
von Fünklein kam,
wer weiß ob ichs werd rächen!
Staht schon im Lauf,
so setz ich drauf:
muß gehen oder brechen!

Daneben mich zu trösten
mit gutem Gewissen hab,
daß keiner von den Bösten
mir Ehr mag brechen ab,
noch sagen daß
auf einig Maß
ich anders sei gegangen
dann Ehren nach,
hab diese Sach
in Gutem angefangen.

Will nun ihr selbst nit raten
dies fromme Nation,
ihrs Schadens sich ergatten,
als ich vermahnet hon,
so ist mir leid;
hiemit ich scheid,
will mengen daß die Karten,
bin unverzagt,
ich habs gewagt
und will des Ends erwarten.

Ob dann mir nach tut denken
der Kurtisanen List:
ein Herz läßt sich nit kränken,
das rechter Meinung ist;
ich weiß noch viel,
woll’n auch ins Spiel
und solltens drüber sterben:
Auf! Landsknecht gut!
und Reuters Mut!
laßt Hutten nit verderben!

Dichterwettstreit 1204

Gishūmon-in no Tango schrieb dieses Gedicht als Beitrag für einen Wettstreit, der im
Jahre 1204 stattfand. Dreißig führende Dichter(innen) ihrer Zeit nahmen daran teil und verfaßten Verse über folgende Themen: fallende Blätter, der Mond zur Zeit der Dämmerung, Wind in den Kiefern. Die Urteile kamen durch Konsens aller am Wettbewerb Beteiligten zustande und wurden von Fujiwara no Teika aufgezeichnet. (…) ihr Gegner war der Dichter Fujiwara no Tadayoshi (1164-1225). Sie bestand gegen ihn drei Runden und verlor eine.
Das vorliegende Gedicht war eines ihrer siegreichen. Dies waren die konkurrierenden
Verse:

Ich weiß schon, meine
Trauer und Einsamkeit hört
nicht mehr auf, und doch,
da weht noch immer ein Wind
des abends in den Kiefern.

Teika überlieferte das Urteil: »Der Vers >über die Ärmel aus Moos streift ziellos der Kiefernwind< ist sehr anmutig, und so erklären wir dieses Gedicht zum Sieger«.
nani to naku kikeba namida zo koborekeru koke no tamoto ni kayou matsukaze

Irgendwie, wer weiß warum,
muß, ach, ich weinen,
wenn ich ihn höre:
über die Ärmel aus Moos
streift ziellos der Kiefernwind.

Zu diesem Gedicht gibt es noch diesen Kommentar: Die Wendungen koke no tamoto, »Ärmel aus Moos«, und koke no koromo, »Gewänder aus Moos«, finden sich hauptsächlich in der Dichtung von Mönchen und Nonnen. Der Ursprung dieser Tradition war ein Gedicht des Priesters Henjō (816-890) aus dem Kokin wakashū. Henjō hatte den Hof verlassen und das Mönchsgelübde abgelegt, als sein Dienstherr, Kaiser Ninmyō (810-850, reg. 833-850) gestorben war; ein Jahr später, nach dem Ende der Trauerzeit, schrieb er dieses Gedicht an seinem Zufluchtsort in einem Tempel außerhalb der Stadt: mina hito wa hana no koromo ni narinu nari koke no tamoto yo kawaki dani se yo

Alle tragen nun wieder
blumengeschmückte Gewänder,
hör ich, ihr, meine Ärmel aus Moos,
trocknet mir doch wenigstens.

Henjō spielt mit dem Bild der >Ärmel aus Moos< einerseits auf die Schlichtheit seines
Mönchsgewandes und andererseits auf seine fortwährende Trauer an. 300 Jahre später
bringt Gishūmon-in no Tango das Moos in den letzten beiden Zeilen ihres Gedichtes gleichsam wieder in den Wald zurück, indem sie das Bild der tränenfeuchten Ärmel aus Moos mit dem Waldboden in Verbindung bringt.

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode 9. bis 13. Jahrhundert. Einführung, Kommentare und Übersetzungen von Andrew J. Pekarik. Köln: DuMont, 1992.

Verrücktes Manifest

Kazimierz Wierzyński

(* 27. August 1894 in Drohobytsch, Österreich-Ungarn, heute Ukraine; † 13. Februar 1969 in London)

Verrücktes Manifest

Nieder die Dichter! Rührselige Idioten!
Geist und Vernunft sind nur blauer Dunst!
Hoch, was verrückt ist, Porno und Zoten!
Leben muß man! Wozu braucht man Kunst?

Pfeift auf sterile Formen und Stile,
Pfeift auf Probleme und Psychologie!
Steigt statt auf Pegasus auf Krokodile!
Alle Nüsse der Welt knacken sie!

Fliegt in die Wolken und stürzt euch zu Tode!
Salto mortale und Kaiserschnitt,
Fußballspiel mit der Sonne sind Mode,
Gott schießt die Tore, macht munter mit.

Komm, Kolumbus, entdeck neue Zonen,
Such in Europa den dritten Pol!
Nur als ein Jux kann das Leben sich lohnen!
Was auf dem Kopf steht, erhebt zum Symbol!

Laßt doch die Skribifaxe verrecken!
Längst lacht das Volk darüber sich krumm,
Tanzt nach Belieben mit Gänsen und Gecken
Auf der Nase den Klassikern rum!

Perlen vor Säue? Wem soll das nützen?
Doch, wenn nur „Hopp!“ schreit irgendein Schranz,
Sieht man schon Honig aus Leitungen spritzen,
Und alle Elstern ziehn ein den Schwanz.

Podagra kriegen die Pessimisten,
Gras hört man wachsen sogar auf Asphalt,
Schach spielen Hühner auf Eierkisten,
Texas ist überall, wo es knallt.

Auf der Hand sprießen Wimpern und Brauen,
Türken erkennt man am Chapeau claque.
Jeder Nonsens läßt sich verdauen,
Babys kommen zur Welt schon im Frack.

Auf! Vereint euch, Banausengesindel!
Stellt untern Scheffel nicht euer Licht!
Peitscht allen Dummköpfen ein jeden Schwindel,
Schont euer Pegasus-Krokodil nicht!

Aus dem Polnischen von Martin Remané, aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Berlin und Weimar: Aufbau, 1975, S. 71f

Lied der Übertriebenen

Andreas Koziol

Lied der Übertriebenen

Wir haben zu lange gestammelt
Wir waren zu lange aus Holz
Materie, zu Zunder vergammelt
Agenten des herbstlichen Golds

Bei Gott das sind wir gewesen
Flammendes Herz in der Luft
Laub für den eisernen Besen
Schrei der sich selbst widerruft

Wir spielten zu oft mit dem Feuer
Wir waren zu oft durch den Wind
Dafür wuchs der Wunsch ungeheuer
den Sternen zu sagen wir sind

wie Schläfer auf brennenden Leitern
träumend vom rettenden Sprung
ein Schritt auf uns zu und ein Scheitern
des Lebens mitten im Schwung

Es zog uns zu oft in das Land fort
das wenn man es findet zerfällt
Wir waren zu lange die Antwort
auf Fragen die niemand mehr stellt

Aus: Das Zündblättchen. Überelbsche Blätter für Kunst und Literatur. Nr. 92, Heft 2/2019, S. 9. Meißen: Edition Dreizeichen, 2019

E-Book: Lügen und Wahrheiten – Erinnerungen an ein paar Dachschäden und Freiräume im alten Prenzlauer Berg. Von Andreas Koziol (Kostenloser Download)

Rückmeldung

Das war eine lange technisch bedingte Pause. Ab sofort funktioniert mein Netz wieder. Erwarten Sie ab sofort wieder: jeden Tag ein frisches Gedicht.

Sinnsang des Verstands

Zum 98. Todestag des russischen Dichters Welimir Chlebnikow ein Abschnitt eines Gedichts in vier Versionen mit vielen Anmerkungen. Mit diesem Gedicht verabschiedet sich die Lyrikzeitung aus technischen Gründen für ein paar Tage. Bleiben Sie gesund!

Das Gedicht trägt den Titel »Blagovest umu«, auf Deutsch »Glockengeläut dem Verstand«. Es besteht aus Abwandlungen des Wortes um (Geist), mehr verraten die Anmerkungen unten. Es umfasst vier nummerierte Abschnitte, von denen hier nur der vierte mitgeteilt wird. Der (teilverdeutschten) Transkription des russischen Originals folgen nacheinander die Nachdichtungen Franz Mons (des kopfes glockengeläut), Gerhard Rühms (glockenlauten für den geist) und Peter Urbans (Sinnsang vom Sinn). Auf die vier Versionen folgen die Anmerkungen Peter Urbans aus dem Band Velimir Chlebnikov: Werke. Poesie Prosa Schriften Briefe. Hrsg. v. Peter Urban. Rowohlt 1985 (zuerst 1972 als Rowohlt Taschenbuch in zwei Bänden).

 

Blagovest umu

IV
Suum.
Izum.
Neum.
Naum.
Dvuum.
Treum.
Deum.
Bom!
Koum.
Koum.
Soum.
Poum.
Glaum.
Raum.
Noum.
Nuum.
Vyum.
Bom!
Bom! bom, bom!

Das ist das große Läuten der Glocke des Verstandes.
Göttliche Klänge, die von oben herabfliegen zur Provokation des Menschen.

Herrlich ist das Glockengeläute des Verstandes.
Herrlich – diese reinen Klänge!

 

des kopfes glockengeglocke

IV

abkopf.
auskopf.
unkopf.
ankopf.
zweikopf.
dreikopf.
dekopf.
bom!
zokopf.
dochkopf.
abkopf.
vorkopf.
glakopf.
rakopf.
neinkopf.
loskopf.
inkopf.
bom!
bom! bom! bom!

das große geglocke der glocke des kopfes.
aus der höh die hehren klänge zur verlockung der menschen.

solch herrliches glockengeglocke des kopfes.
so herrlich das reine geglocke!

 

glockenlauten für den geist

IV

halbgeist.
jengeist.
ungeist.
ingeist.
zweigeist.
dreigeist.
eigeist.
bum!!
ruckgeist.
brückgeist.
glückgeist.
zückgeist.
zeigeist.
ohgeist.
nichtgeist.
machtgeist.
neugeist.
bom!!
bim!! bam!! bumu!!

so läuten laut des geistes glocken —
geistliche klänge schwingend locken!

klingt herrlich geistes glockenlauten —
herrlicher klang der klaren glocken!

 

Sinnsang vom Sinn

IV

Seisinn.
Aussinn.
Unsinn.
Ansinn.
Zweisinn.
Dreisinn.
Eisinn.
Sing!
Hersinn.
Hinsinn.
Mitsinn.
Besinn.
Dasinn.
Rasinn.
Ohnsinn.
Schonsinn.
Insinn.
Sinn!
Sing! Sing! Sing!

Das ist der Sinngesang vom Sinn!
Er singt in Klängen zur Besinnung der Menschen.

Wie singt und klingt dieser Sinnsang vom Sinn!
Wie singt er Sinn!

 

Anmerkungen

Geschrieben 1921/22. E: in Zangezi, 1922.

Dieses Gedicht, das, eher unbewußt, Elemente der konkreten Poesie enthält, kann man als eine Art Synthese des Chlebnikovschen Sprachuniversums ansehen; es verbindet Lautdichtung mit Sternensprache (vgl. die folgenden Kapitel), es hat — neben seiner onomatopoetischen Seite — auch eine semantische.

Sämtliche Wörter bestehen aus einer Vorsilbe und dem maskulinen Substantiv «um», wobei diese «Vorsilben» teilweise keine echten Präfixe, sondern auch selbständige Wörter und Wortpartikel sind (z. B. «da» bedeutet «ja», «by» ist die Partikel zur Bildung des russ. Konjunktivs u. ä.). (Richtig zu lesen ist, da das Russische keine Diphthonge kennt: Go-um, o-um usw.). Zum Wort «um» sagt das Pavlovskijsche Wörterbuch: «um (gen. usw.) s. m. (eig. nur) der (auch den Thieren eigne) Verstand;  (bisw. aber gebraucht für) die (nur Menschen gegebene) Vernunft (razum); (oft auch) der Sinn, die Besinnung, der Kopf; umý (pl. oft) die Gemüther;

matematiceskij u. ein mathematischer Kopf, Verständniß Begabung für Mathematik; […] sto golov, sto umov soviel Köpfe, soviel Sinne» usw.

In seinem Versepos Zangezi hat Chlebnikov dem Blagovest umu ein Liste mit Erklärungen nachgeschickt; in eckigen Klammern jeweils weitere Erläuterungen.

(…)

auch Interjektion.]

Izum — Sprung über die Grenzen des alltäglichen Verstandes hinaus.
[Präposition mit Genitiv, «von … her», «aus … her»; als Präfix in derselben Bedeutung.]

Daum — bestätigender, [«da» — ja.]

Noum — bestreitender.

Suum – Halbverstand.
[«s», erweitert zu «so» und selten «su»: bezeichnet als verbales Präfix «von … herab», «ab-»; als Präposition («s») mit Instrumental: «zusammen mit».]

Soum – Vernunft-Helfer, [siehe Suum].

Nuum — befehlender.
[«Nu!» — Interjektion der Aufforderung, Ermunterung.]

Choum – geheime, verborgene Vernunft.
[«Cho»: Kürzel der Sternensprache, das sich von «chovat’»: verbergen, verstecken herleitet.]

Byum — wünschender Verstand [oder: sich Vernunft wünschender um], nicht zu dem geschaffen, was er ist, sondern zu dem, was er sein will.
[«by»: Partikel der Konjunktivbildung, z. B. chotel by: Ich möchte.]

Nium — negativer.
(«Ni»: Konjunktion, in Zusammensetzung mit Pronomina: nicht, z. B. ni-kto («nicht wer»): niemand: ni – ni: «weder noch».]

Proum — Voraussicht.
[Als Verbalpräfix bedeutet «pro»: «ver-», «durch-».]

Praum — Vernunft eines fernen Landes, Verstandes-Vorfahre.
[«Pra»: in Zusammensetzungen soviel wie «Ur-», «Vor-», das lat. prae.]

Boum — der Stimme der Erfahrung folgender.
[«Bo»: Konjunktion, «weil, denn».]

Voum — Nagel des Gedankens, eingerammt ins Brett der Dummheit.
[«vo»: «in … hinein», vgl. «Veum».]

Vyum — der herabgefallene Reifen der Dummheit, keine Grenzen und Schranken kennender, strahlender, glänzender Verstand.

Raum — Seine Worte sind Rahörner.
[«Ra» ist keine Präposition, kein Präfix, sondern Sternensprache.]

Zoum – gespiegelter/reflektierter Verstand.
Ebenfalls Sternensprache, vgl. Wörterbuch der Sternensprache zum stimmhaften «Se».

[…]

Aus: A.a.O. S. 44–51, 525ff

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Kein gelbes Tuch

Şafak Sarıçiçek

Gewogen und gedroschen

Aschewinter liegt und liegt in Starre auf Haut, auf Straßen.
Auf Straßenhaut. Die Ahnung einer Straße. Eine Straße
aus der Füße Gewicht. Sie geht als Denkmal
von altblauen Falten. Sie geht und mit ihr
eine Wärme aus roten Strickwollen und mit ihr
stapft durch die Ahnung an eine Straße –

Ein Frühling auf dem Helm gelben Tuchs.
Ach! Und das Stemverglühn eines Erkennens, wieder
und wieder. Vergessen Wir auch nicht – wer
noch mit ihr schreitet – Denkmal aller Lastenträger:
Wir – Langschnauze Maultier auf der Treue
vorgematschtem Eisgraus und Schlamms.

Es ist keine vorgematschte Wanderung, den
Frühling und Sommer im Winter. Den
knisternd Auferstehungs-Ton von Flamme
und Fackel zu tragen. Kein gelbes Tuch.
Sie wird in der Ahnung einer Zuflucht beten.
Ja das wird sie. Die Milch wiegen

in der Krippe und auf sie Rot eindreschen.
Kräuter ohne Atem! Fels-und Höhenartisten,
ihr Steinclowns, ihr steinböckisch, störrisch
Ziegen! Eure Milch muss gewogen
und gedroschen werden. Süßes Höhenkraut.
Steinleere Abgrund (Sieh doch: Most!)

Sie haben die Schweife und Schnuppen eingeschmolzen,
Sie haben dem Kargen abgetrotzt ein Hühnenbestehn.
Sie haben die Opfer erbracht dem Innewohnen
von All und Leben – der montagne sacrée. Sie haben.
Eingeschmolzen und aufgehängt Teppiche und Kilims.
Im All.
Jenes– Schweifen und Schnuppen, lebend … Sterne
Zu den Sternen. Sie haben

Aus:
Şafak Sarıçiçek: Jamsids Spiegelkelch. Dortmund: edition offenes feld, 2019.

Hinweis
Eine Besprechung dieses Bandes erscheint in wenigen Wochen im L&Poe-Journal, einem neuen Format der Lyrikzeitung. Mit Gedichten von Autorinnen, Kritik und Tabu. Demnächst in diesem Theater.

Abrechnung der Trümmer

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zur Version eines Feuergiftes oder sogar
zum Ungeziefer der Metalle…

Aus: Poesiealbum Nr. 231: Aimé Césaire. Übers. Janheinz Jahn, Klaus Laabs, Brigitte Weidmann. Berlin: Neues Leben 1986.

Lächelnd

Hermann Kasack

Lächelnd

Alle großen Einsamen müssen einmal in Müdigkeit sinken.
Dann gehen sie zur Frau und sagen: Gib uns zu trinken.

Immer taucht uns Musik in Schlaf und Nacht.
Und der Morgen (der Jahre vielleicht) sieht uns verwirrt erwacht.

Händedruck, Kuß und Traum hebt über Lügen uns fort.
Schön ist Herbst; feierlich ohne Grimasse und Wort.

Schlimmer als Wahnsinn und Schwachheit Warten quält..
:Wann wieder erlöst uns ein Mund, der Märchen erzählt?

Aber der furchtbare Kreis zwingt uns zum Weitergehn.
Milde müssen wir werden — und lächelnd verstehn.

Aus: Die Dichtung. Hrsg. Wolf Przygode. 1. Folge / Erstes Buch. München: Roland-Verlag, 1918, S. 73

Wenig und viel oder: Mao Zhu demütigte den Stör

Der südafrikanische Dichter Dennis Brutus wurde vom Apartheidregime verfolgt, angeschossen und zu 18 Monaten Zwangsarbeit auf Robben Island verurteilt. Nach seiner Entlassung konnte er ins Exil nach London ausreisen und kam schließlich in die Vereinigten Staaten.

Irgendwann konnte ich in einem Antiquariat im Wald hinter dem Bahnhof Jehser bei Greifswald ein Buch von ihm erwerben – der Antiquar hatte hineingeschrieben „nicht im www“. Wahrscheinlich zum Glück für mich, andernfalls hätte ich es mir wahrscheinlich nicht leisten können. Heute findet man es leicht – Amazon listet es „neu“ für über 800 und „gebraucht“ ab 10 Dollar. (Ich nehm das gebrauchte – ach nein, ich habs ja schon.)

Das Buch erschien 1975 in Austin, Texas, damals für 2 Dollar. „China Poems“ ist der Titel. Es sind kurze Gedichte, vom Haiku und dem noch kürzeren chinesischen chueh chu inspiriert. Sie entstanden während einer Reise nach China zur Zeit Mao Tse-Tungs. Beim chueh chu, sagt der Autor, ist der Trick, wenig zu sagen (je näher an nichts, umso besser) und viel anzudeuten, so viel als möglich. Das Schwergewicht an Bedeutung „schwebe“ (hovers) um die Worte (die so leicht, „flat“, wie möglich sein sollen) oder werde vom Leser oder Hörer hinzugetan. Emotionslose, fast neutrale Klänge sollten unbegrenzte Resonanzen in den Köpfen auslösen; das Entzücken liege in der schmalen Balance zwischen Nichts und allem nur Möglichen. Als Beispiel „aus anderen Quellen“ bringt er:

Goose-grey
clouds
lour

Nur annähernd

Gänsegraue
Wolken
blicken drohend herab.

Ich sags mal vorsichtig: Nicht immer gelingt es dem Autor, „fast nichts zu sagen“ und „fast alles zu meinen“. Ziemlich oft in dem dünnen Buch schreit er einfach so laut wie möglich die plattesten Propagandamärchen heraus.

In diesem Fall reicht die „poetische“ Botschaft nicht einmal aus, so dick sie auch schon aufgetragen ist – er muss sie noch in Prosa, nunja, vertiefen. Das muss man nicht übersetzen. Die Gastgeber, die ihm die Reise durch China finanzierten, werden begeistert gewesen sein. Ich mache das Experiment und lasse den chinesischen Text (den ich leider nicht lesen kann) vom Computer einscannen und ins Deutsche bringen, mal sehn.

•上没有4壬何做不成的爭
毛主辱鮮故了肀国

Shàng méiyǒu 4 rén hé zuò bùchéng de zhēng
máo zhǔ rǔ xiān gùle yù guó

Es gibt keine Streitigkeiten über die 4
Mao Zhuxi stirbt vom Land

Na bitte.

Interessanterweise scheint die chinesische Übersetzung des englischen Originals viel wortreicher als dieses. Vermutlich hat der chinesische Übersetzer dem – vielleicht mißverständlichen – lakonischen Texte kommentierende Zusätze mitgegeben. – Ich gebe zu, der Scanner hat die englische Handschrift noch schlechter verstanden, er erkannte nicht einmal das Wort Mao.

Als Übersetzungssprache hatte ich angegeben: Simplified Chinese und Englisch. Gegenprobe mit Traditional Chinese ergibt:

^0祕匕
上没有/壬何做不成的爭
毛主辱鲟故了肀国
祕旮??16决成加!IV

^0 Mì bǐ
shàng méiyǒu/rén hé zuò bùchéng de zhēng
máo zhǔ rǔ xún gùle yù guó
mì gā??16 Jué chéng jiā!IV

^ 0 Geheimdolch
Es gibt keinen Streit über die
Mao Zhu demütigte den Stör
Geheimnis ?? 16% Bonus! IV

Quelle: Dennis Brutus, China Poems. Translation: Ko Ching Po. Occasional Publication. African and Afro-American Studies & Research Center, University of Texas at Austin, 1975.

Vielleicht muss ich hinzufügen, dass ich von diesem Autor Ernstzunehmendes kenne. In diesem Fall aber ist es gründlich schiefgegangen, q.e.d.

Sie nennen es Muse

Anna Achmatowa

(* 11.jul./ 23. Juni 1889 greg. in Bolschoi Fontan bei Odessa, † 5. März 1966 in Domodedowo bei Moskau)

DIE MUSE

Wie nur leb ich mit dieser Last,
Und sie nennens noch MUSE, das,
Sie sagen: In Wiesen Inspiration,
Sie sagen: Göttliches Lallen –
Sie wird dich wie Fieber befallen,
Und dann wieder ein Jahr lang kein Ton.

МУЗА

Как и жить мне с этой обузой,
А еще называют Музой,
Говорят: «Ты с ней на лугу…»
Говорят: «Божественный лепет…»
Жестче, чем лихорадка, оттреплет,
И опять весь год ни гу-гу.

Deutsch von Rainer Kirsch. Aus: Anna Achmatowa, Poem ohne Held. Hrsg. Fritz Mierau. Göttingen: Steidl, 1992, S. 124f

Juni

Pere Gimferrer

(* 22. Juni 1945 in Barcelona)

Juni

Die Augen, so gewohnt, die Finsternis zu schauen,
wenn der Vorhang fällt wie ein dunkler Marmorblock.
Das metallische Blau brennt unentwegt aufs Lid,
nicht des Zyklopen: auf deins und mit dir, in dir, reiner noch,

das Blau der Kälte und der Wolkenbrüche, das Blau
Blüte der Schuppen und des Feuers der Delphine,
wenn die Gewässer verheißen – niemals, aber mehr: Lawine –
dann brennen in den Augen lodernd beide Gärten.

Nein: noch mehr. Warte. Es fällt auf die Augen, die gewöhnt sind
an die Finsternis – ein Feuer wie aus Rubinen und Asche.
Man hört nichts. Der Saal. Wie die Wolkenbrüche stürzen.
Das meinen Augen verheißene Dunkel ist zarter.

Aus: Pere Gimferrer: Der Spiegel. Der öde Raum. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé. München: Hanser, 1995 (Band 7 der Edition Lyrik Kabinett), S. 59

Juny

Els ulls, tan avesats a veure la tenebra,
quan la cortina cau com cau un marbre obscur.
El blau metàl·lic crema, obstinat, la palpebra,
no del cíclop: el teu, i amb tu, i en tu, més pur,

el blau de la fredor i dels aiguats, el blau
floració d’escata i de foc de dofins,
quan les aigües prometen – mai, però més: allau —
intensament als ulls cremen tots dos jardins.

No: més. Espera. Cau sobre els ulls avesats
a la tenebra — un foc com de robins i cendra.
No se sent res. La sala. Com cauen els aiguats.
L’obscuritat promesa als meus ulls és més tendra.

Ebd. S. 58