Morgenstern in der DDR

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Von Michael Gratz

Facts first. Ich wurde in der DDR geboren und überlebte sie. In der DDR habe ich lesen gelernt, besuchte die Grundschule („Polytechnische Oberschule“) und das Gymnasium („Erweiterte Oberschule“), begann im 16. Lebensjahr, privat Gedichte zu lesen, schloss die Universität in Rostock („Wilhelm-Pieck-Universität“) als Diplomgermanist ab und wurde an der Universität Greifswald („Ernst-Moritz-Arndt-Universität“) zum Dr. phil. promoviert.
Ich kaufte ein paar tausend Bücher im „Volksbuchhandel“ sowie in Antiquariaten und auch ein paar übriggebliebenen privaten Buchhandlungen. Darunter meine ersten vier Bände von Morgenstern:

  • Galgenlieder. Eine Auswahl. Leipzig: Reclam, 2. Aufl. 1967
  • Alle Galgenlieder. Leipzig: Insel, 1971 (13. Aufl.)
  • Poesiealbum 51, Ausgewählt von Jo Schulz, Berlin: Neues Leben, 1973
  • Ausgewählte Werke. Hrsg. Klaus Schuhmann, Leipzig: Insel, 1975

Im Schulunterricht mögen ein paar Galgenlieder vorgekommen sein und an der Universität besuchte ich ein Seminar bei Professor Hans-Joachim Bernhard zur „bürgerlichen“ Literatur um 1900, in dem auch Morgenstern behandelt wurde – und in dem er besser wegkam als in der Literaturgeschichtsschreibung der DDR.

Ich fasse zusammen und greife vor: Das Wichtigste, was ich in der DDR gelernt habe, war, den Aussagen der „sekundär“ genannten Literatur zu misstrauen und lieber selber zu lesen.

Ideologische Literaturgeschichte

Das Buch „Krisen und Wandlungen der deutschen Literatur von Wedekind bis Feuchtwanger“ von Hans Kaufmann (1969) war ein Muss für Literaturinteressierte am Ende der 60er Jahre. Neben Hauptmann und den Brüdern Mann sowie den jüngeren Brecht, Arnold Zweig und Lion Feuchtwanger, die in der DDR zum „Erbe“ gerechnet wurden, gab es auch Kapitel über Rilke und George, Gottfried Benn, Expressionismus sowie „Lyrik nach dem Expressionismus“ (u.a. neben Becher, Benn und Rilke auch Loerke, Kästner, Ringelnatz u.a.). Morgenstern kommt dort nur am Rand vor, dennoch beginne ich mit diesem Buch, das mich sehr interessierte … und enttäuschte.

Schon im „Waschzettel“ wird betont, Kaufmann fechte zentrale Thesen „modernistischer“ Literaturtheorie an und zähle diese drei Jahrzehnte zwischen 1900 und 1930 zur „unmittelbaren Vorgeschichte unserer [also der sozialistischen, M.G.] literarischen Entwicklung“ in entsprechend „streitbarer“ Darstellung. Das liest sich so (alle Hervorhebungen in diesem und allen folgenden Zitaten von mir, M.G.):

Die Einheit von erstens schöpferischer Tätigkeit, zweitens Abbild des Bezugs von Subjekt und Welt und drittens Mitteilung im und durch das Kunstwerk wird im Imperialismus (zum Teil auch schon viel früher, aber namentlich jetzt) für viele Künstler brüchig, und in bestimmten Strömungen des Expressionismus zerfällt sie vollständig. Da die metaphysisch zum ewigen Weltzustand aufgeblähte bestehende Gesellschaft schlechthin und unentrinnbar feindlich gesehen wird, will man im künstlerischen Schaffen jedes Band zu ihr zerreißen, und es bleibt nur das Individuum, das „sich ausdrückt“, das im Werk jede Auskunft über etwas außer dem Künstler Liegendes verweigert und auf Mitteilung einer Aussage nicht nur keinen Wert legt, sondern sich spröde dagegen versperrt. Letzte Konsequenz des „Aufstands gegen die Wirklichkeit“ ist die Literatur, die nichts mehr sagt. (Kaufmann a.a.O., S. 178)

An dieser Stelle kommt Morgenstern ins Spiel zu seinem einzigen Auftritt:

Als Morgenstern zum Spaß „Das große Lalula [sic]“ schrieb, ahnte er wohl nicht, daß er eine literarische Richtung
vorwegnahm, die das Sprechen schließlich durch das Lallen ersetzte (Hugo Ball und andere). Natürlich ist bei den Dadaisten viel Jux, Provokation, universelle Verhöhnung und Selbstverspottung im Spiel sowie die Absicht, durch demonstrativen Ausverkauf der bürgerlichen Kultur revolutionär zu wirken, und von den daran Beteiligten traten einige wenig später als bedeutende revolutionäre Künstler hervor (Piscator, Grosz, Heartfield, Herzfelde). Dennoch wird in den dadaistischen Experimenten die innere Logik des Zersetzungsprozesses der Kunst als Folge tief gestörter menschlicher Beziehungen besonders deutlich.“ (a.a.O., S. 179)

Es gab Leute, die Kaufmanns Zugriff als sachkundig und „feinfühlig“ verteidigten – ich empfand es eher tragisch, zu sehen, wie ein Literaturfreund sich in den Keulenworten der Ideologie verhedderte. Das Stimmenwirrwarr der Strömungen und Individualitäten, in dem auch Morgenstern „streitbar“ agierte, wird brutal auf zwei Grundlinien zugeschnitten, „für uns oder gegen uns“, Sozialismus oder Barbarei, „bürgerliche“ oder „proletarische“ Literatur. Gibt es keine Unterschiede zwischen George und Rilke? Brecht und Becher? Dem Becher der ersten, zweiten, dritten und vierten Phase? Zwischen Trakl und Stramm? Zwischen Symbolismus, Kubismus, Futur-, Im- oder Expression-, Dada-, Aktion- und allen anderen -ismen? Sind die „bürgerlichen“ Schriftsteller für den Leser von 1969 nur dann interessant, wenn sie sich für sozialistische Positionen öffneten oder wenigstens als „Bündnispartner“ oder „Weggefährten“ angesehen werden konnten? „Weggefährte“, so wurde der kommunistische Futurist Majakowski von den Kulturfunktionären der frühen Sowjetunion ein- und heruntergestuft, bevor er sich das Leben nahm und prompt von Stalin höchstpersönlich zum „besten und begabtesten Dichter der Sowjetepoche“ deklariert wurde. Die Art Literaturgeschichte wurde an Schulen und Universitäten gelehrt und in Monographien und Nach- oder Vorworten ausgebreitet, dass dem armen Kopf des Literaturfreundes Hören und Sehen, wenn nicht gleich Lesen und Schreiben, verging. Kaufmanns Buch war durchaus informativ für den auf das Fremde neugierigen Leser, aber die allgemein literaturpolitischen Aussagen verhießen nichts Gutes.

Hans Kaufmann war auch der Leiter des Autorenkollektivs von Band 9 der 13bändigen „Geschichte der deutschen Literatur“, dem Hauptwerk der Literaturgeschichtsschreibung der DDR. Morgenstern hat darin ein eigenes Unterkapitel von zweieinhalb Seiten. Darin steht gleich eingangs, sein Werk sei ebenso wie das von Arno Holz „am ehesten dort genießbar, wo dieser Humor zur Geltung kommt“:

Jene Poesie, in der sich ein von menschlichen Beziehungen entleertes Ich durch den Bezug zum Kosmos Fülle zu verleihen sucht, kann nicht verbergen, daß es ihr im Menschlichen fehlt. Wo sie sich in Randerscheinungen und unseriösen Gelegenheitspoesien humoristisch zu geben und selbst in Frage zu stellen vermag, wird sie vermenschlicht. (S. 198)

Die Pflöcke werden gleich am Anfang überdeutlich gesetzt in den pluralen Einschränkungen: „am ehesten“, „Randerscheinung“, „unseriösen Gelegenheitspoesien“, „humoristisch zu geben“. Durch Zuspruch für diese Nebenwerke ermuntert, habe er „die Scherzgedichte mit den Weltanschauungsproblemen … die ihn bewegten“ aufgefüllt. Die „Scherzgedichte“ kränkelten also an den gleichen Symptomen wie das „seriöse“, „kosmische“ Werk, auf der Flucht vor der Wirklichkeit in Irrationalismus. Ich rücke den gesamten Rest des Morgensternkapitels hier ein und kommentiere durch meine Hervorhebungen und kurze Zwischenbemerkungen:

Durch den Verlust sinnvoller gesellschaftlicher Beziehungen erscheint dem Dichter der „Galgenlieder“ die Welt in lauter isolierte Dinge zerfallen. Jedes einzelne Ding repräsentiert direkt die rätselhafte, dämonische Welt. Das Kleinste und das Größte sind unmittelbar aufeinander bezogen. Carl Sternheim läßt – in parodistischer Übertreibung dieser Sicht – den Kleinbürger Maske ausbrechen: „Hat diese Tasse einen Henkel? Wohin ich fasse, klafft Welt.“ („Die Hose“) So ist es bei Morgenstern: Überall „klafft Welt“, und dies weist er nun mit scherzhaft übertriebener Konsequenz an tausend Dingen nach. Die Schrecken dieser Erfahrung mildert oder annulliert er jedoch, weil er die Dinge, die ihr phantastisches Eigenleben führen, von einem versöhnlich gestimmten Subjekt her beseelt. (In Palmström nimmt dieses Subjekt Gestalt an.) Oft wird in Morgensterns Gedichten ein Nichts an Geschehen sprachlich hin und her gewendet und dadurch sowohl in seiner Nichtigkeit ausgewiesen wie mit Bedeutung aufgeladen:

Der Rock

Der Rock, am Tage angehabt,
er ruht zur Nacht sich schweigend aus;
durch seine hohlen Ärmel trabt
die Maus.

Durch seine hohlen Ärmel trabt
gespenstisch auf und ab die Maus…
Der Rock, am Tage angehabt,
er ruht zur Nacht sich aus.

Er ruht, am Tage angehabt,
im Schoß der Nacht sich schweigend aus,
er ruht, von seiner Maus durchtrabt,
sich aus.

(ein Nichts an Geschehen? Eingedenk, dass Geschehen im Gedicht immer sprachliches Geschehen ist, „geschieht“ im Gedicht nicht „nichts“, sondern sehr viel.)

Die unkorrekte Fügung „angehabter Rock“ läßt, auf ihre inhaltliche Bedeutung befragt, aus dem grammatischen Subjekt ein Ding, ein „Subjekt“ im Sinne eines handelnden und fühlenden Wesens werden. Der Rock wurde in Anspruch genommen, ist müde, ruht sich aus.

Entscheidend ist Morgensterns Verhältnis zur Sprache, das sich nicht in der souveränen Beherrschung der Stilmittel zeitgenössischer Lyrik, im Wortwitz und in der Fähigkeit zur Parodie erschöpft. Er überträgt vielmehr sein Verhältnis zu Ding und All auch auf die sprachlichen Zeichen, er stutzt vor den grammatikalischen, syntaktischen und lautlichen Fügungen, sie werden ihm zum Problem und beginnen ebenfalls, ein phantastisch beseeltes Eigenleben zu führen.

Er erfindet „logische“ Gegenstücke zu existierenden Wörtern: die „Oste“ zur Weste, „untig“ und „nebig“ zu obig; er dekliniert den „Werwolf“ („des Weswolfs“ usw.) und staunt,

(„er“ erfindet, „er“ staunt? Zwischen dem Dichter und seinen Geschöpfen wäre zu unterscheiden! Er, Morgenstern, „beherrscht“ die Stilmittel und Kniffe, er, der Rock, verselbständigt sich und er, der Sprecher oder besser sie, die Sprechinstanz, trägt den Vorgang vor, uns dran zu freuen, drob zu erschrecken oder auch, nun ja, drüber zu philosophieren. Geht es nur mir so, dass ich die folgende Paraphrasierung Morgensternscher Gedichte komisch daneben finde?)

daß das Verfahren auf den Plural nicht anwendbar ist; er faßt die Reihenfoge der Buchstaben im Alphabet als Stufen der Kultur auf und sieht die Geschichte als eine Entwicklung von A-Z. Und er läßt aus dem Reimzwang (auf „Dorf“) einen Gefährten Palmströms namens „v.Korff“ herauswachsen, der als erfundenes, also geistiges, körperloses, „unbürgerliches“ Wesen in der bürgerlichen Welt sonderbare Dinge erlebt. Die sonst allmächtige Behörde ist ihm gegenüber ohnmächtig („Die Behörde“). Vielfach konfrontiert Morgenstern seine phantasiebegabten „guten Menschen“ mit der Nüchternheit der bürgerlichen Gesellschaft und läßt sie immer neue Vorschläge und Erfindungen zur Weltverbesserung vortragen: eine „Mittagszeitung“, von deren Lektüre man satt wird, eine Uhr, die, vorwärts und rückwärts gehend, die Zeit aufhebt, und – tiefsinnig und prognostisch – ein „Warenhaus für Kleines Glück“ („WKG“), aus dem sich der vereinsamte Mensch, dem niemand schreibt, ganze Stöße „gemischter Post“ schicken lassen kann.

Immer wieder, und stets vergeblich, strebt Morgenstern danach, die Verdinglichung, die Vertauschung von Zweck und Mittel, von Mensch und Ding, zu entlarven und ihrer Herr zu werden.

(stets vergeblich? Über 100 Jahre später lassen wir uns immer noch „die Verdinglichung, die Vertauschung von Zweck und Mittel, von Mensch und Ding“ in diesen Gedichten vorführen – selbst die Literaturhistoriker beweisen seinen Erfolg; denn was wäre ihre Literaturgeschichte ohne die Gedichte? Nicht mehr als die von Morgenstern beschriebenen Latten im seiner Lücken beraubten Lattenzaun „mit Latten ohne was drumrum“. Wenn man den Zwischenraum herausnimmt, kann man nicht mehr durchschaun.)

Einen Sinn des Lebens, den er — im Grunde verzweifelt — suchte, konnte er rational nicht finden, sondern nur in der emotionalen Beseelung der Welt. Die durch nichts zerstörbare Gutartigkeit und Freundlichkeit (ähnlich der großer Clownsgestalten), die das Substrat all dieser Gedichte bilden, rufen ein humanistisch begründetes Wohlgefallen hervor, das sich mit der Freude am grotesken (niemals grausamen) Spaß verbindet. Durch seine Sprachbehandlung übte Morgenstern großen Einfluß auf die nachfolgende Lyrik aus. (a.a.O., S. 199-201).

Na immerhin das! Ich zitiere – aus dem Gedächtnis paraphrasiert und verbürgt – den DDR-Schriftsteller Franz Fühmann: „Hätten wir eine Literaturgeschichte und nicht die beflissene Karikatur, die sich dafür ausgibt …“ Vielleicht hat nicht Kaufmann, sondern einer der mehr lyrikaffinen Mitautoren dieses Kapitel verfasst und er hat es nur verantwortet?  Als ich diese dicken Bücher kaufte und zu lesen versuchte, war ich schon durch umfangreiche Eigenlektüre vieler nicht erwünschter Bücher, ich sag mal, gefestigt und gefeit. Fast kann ich den bayrischen Kollegen verstehen, der mir einmal in den 90er Jahren nach meinen Erzählungen zum Abschied sagte, unter solchen Bedingungen hätte er nicht Literaturwissenschaftler werden wollen. Jetzt braucht mein Text ein Smiley: 😀

Nicht viel anders, zunächst, in der einbändigen Literaturgeschichte von Hans Jürgen Geerdts (1968). Sie spricht vom „Bankrott bürgerlicher Ideologie“ mit Stichworten wie „kleinbürgerlicher Pessimismus“ und „militanter Nihilismus“. Das Jahr 1917 (gemeint ist die Oktoberrevolution in Russland) habe dann „den geschichtlichen Gegenbeweis“ erbracht, „den Sieg des wissenschaftlichen Sozialismus“. Zusammengefasst für die Kunst:

Nach alldem ist einleuchtend, daß eine dem Imperialismus verhaftete Ideologie nur dekadente oder banal-apologetische Kunst gebären kann. Auf ihren objektiv reaktionären, grundsätzlich volksfeindlichen Charakter muß man nachdrücklich hinweisen (…) (S. 467)

– was auch immer das zum Beispiel über das Werk Morgensterns aussagt. Wir können passende Adjektive raten, welches passt eher, dekadent? banal-apologetisch? reaktionär? volksfeindlich?

Immer wieder fällt hier auf, dass die allgemeinen Wertungen, Worte wie Peitschenhiebe, dann später im Eingehen auf konkrete literarische Phänomene kaum noch vorkommen. Morgensterns „seriöse Lyrik“ sei zwar „irrationalistischen Spekulationen – Nietzsches verstiegener Gedankenwelt und Rudolf Steiners Anthroposophie – verfallen“ und zu Recht vergessen, seine „grotesken Verse“ dagegen seien lebendig geblieben:

Hinter der von Arnold Zweig gelobten „Meisterschaft des Spielens“ mit witzig-paradoxen Wort- und Versmitteln spürt man des Dichters kritische und skeptische Haltung in einer von kapitalistischen Mechanismen und Phrasen geprägten Gesellschaft. Da kommen etwa zu Palmström die „wirklich praktischen Leute“, die „mit beiden Beinen“ im „wirklichen Leben“ stehen, und „hoffen zu postulieren: / er wird auch einer der Ihren, / ein Glanzstück erlesenster Sorte, / ein Bürger mit einem Worte.“

Das war letztlich das Wirkungsprinzip der ideologischen Literaturbetrachtung (-verdammung). Die Ideologie muss man schlucken oder überblättern und dann kommt das eigentlich Interessante. Auf den 50 Seiten des Kapitels über „Die bürgerliche Literatur vom Beginn des Imperialismus bis zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ finden sich ganz oder teilweise Gedichte von Wedekind, Liliencron, Dauthendey, Ricarda Huch, van Hoddis, Becher, Hasenclever, Lotz, Holz, Morgenstern, Rilke, Hofmannsthal, Lasker-Schüler, Trakl, Heym, Werfel, Stramm und Engelke – fast schon eine Basisanthologie der Lyrik um 1900. (Andere Autoren, Nietzsche, George, Benn, werden genannt, aber nicht in Gedichten vorgestellt.) Für eine einbändige Geschichte von 1000 Jahren Literatur ist das gar nicht schlecht.

Ich stelle einmal die im Umfang vergleichbare „Neue Geschichte der deutschen Literatur“ von Wellbery, Gumbrecht et al. (2004) daneben: Von Nietzsche bis Expressionismus steht da auf 110 Seiten kein einziges ganzes Gedicht, lediglich Gedichtfragmente von George und Benn. Von den hier genannten Lyrikern stehen Liliencron, Dauthendey, Hasenclever, Lotz, Holz, Morgenstern, Lasker-Schüler und Engelke nicht einmal im Register! Wenn mich ein lyrikaffiner Schüler fragt, welche einbändige Literaturgeschichte ich für einen schnellen Überblick über die moderne deutsche Lyrik empfehlen würde, ich müsste Geerdts vorziehen. Ich würde sagen, lies die allgemeinen Abschnitte über die Epochen erst gar nicht, lies die Gedichte und was um sie herum steht: er bekäme einen ersten Überblick.

Dazu passt eine Anekdote. Ein jüngerer Greifswalder Literaturwissenschaftler durfte in den 80er Jahren zusammen mit Geerdts ins kapitalistische Ausland reisen, was Normalbürgern praktisch unmöglich war, zu einer Konferenz nach Dänemark. Als der Grenzbeamte den Namen von Geerdts las, sagte er: Sie sind Professor Geerdts! Wissen Sie, dass wir Ihre einbändige Literaturgeschichte benutzen, wenn wir entscheiden müssen, ob jemand bei der Einreise ein Buch in die DDR einführen darf? Wir sehen im Register nach, wenn der Name des Autors nicht drin steht, ist es verboten.

Innerliterarische Szene

Das eine also die Ideologie, die eindeutig und klar Unterwerfung forderte. Daneben aber gab es die Praxis, gemischt, nicht immer klar-und-deut. Lehrer, die auf Dinge außerhalb des Lehrplans hinwiesen. Gedichte im Lesebuch, die nicht behandelt wurden und vielleicht gerade deshalb wirkten, wie das eine einzige Gedicht von Else Lasker-Schüler im Lesebuch:

Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt
Lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen . . .
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen.

Du! wir wollen uns tief küssen . . .
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.

Dieses Gedicht steht auch in Gänze in der einbändigen Literaturgeschichte von Geerdts. Es war da, man konnte es finden. Was nicht behandelt wird, darf im Dunkeln wirken. Ich glaube, das gilt auch heute: Bitte, liebe Lehrer, lasst die Finger von den guten Gedichten, lasst sie einfach in der Nähe liegen: kann sein, sie zünden dann.

Der Reclamband der Galgenlieder von 1967 war insofern ein guter Start, als das Nachwort (von Anne Gabrisch) für die Zeit erstaunlich unideologisch-literaturaffin war. „Fisches Nachtgesang“ auf dem Rücktitel lockte in unbekanntes Gelände; die verspielten Illustrationen von Horst Hussel erleichterten die Einübung. Die ideologischen Schlagworte („Abkehr vom gesellschaftlichen Geschehen, subjektivistische Resignation und Religiosität“) stehen bei ihr isoliert in Zitatstrichen. Sie wehrt es mit der Autorität Victor Klemperers ab. Als einziger sei der in einem 1956 wiederveröffentlichten Aufsatz (siehe Literaturverzeichnis am Schluss des Beitrags) „dem Dichter ganz gerecht geworden“ :

Für ihn sind der Morgenstern der „seidenen“ Verse und der Morgenstern der Grotesken eins: „Ein Positivismus-müder junger Mann am Ende des 19. Jahrhunderts wendet sich genauso wie ein Aufklärungs-müder Jüngling am Ende des 18. Jahrhunderts der Romantik zu“, er gibt seiner Naturschwärmerei, seiner Gottsuche, seinen unbestimmten Sehnsüchten in den lyrischen Gedichten Ausdruck und – ironisiert all diese Sehnsüchte in seinen humoristischen Versen echt romantisch wieder. (S. 196)

Er sei ein „respektloser Geist“ (S. 198) und bleibe “ Skeptiker allem und jedem gegenüber“ (S. 197). Steinersche Mystik UND Palmström, so ihre Formel für das Spätwerk (S. 201).

Der Reclamband und die verschiedenen Ausgaben beim Leipziger Insel-Verlag erschienen in Tausender-Auflagen zu niedrigen Preisen. Schließlich erschien 1971 ein Heft der Reihe „Poesiealbum“. Die von Bernd Jentzsch begründete Reihe erschien seit 1967 monatlich und war bis in die frühen 80er Jahre am Zeitungskiosk für 90 Pfennig erhältlich – und war so auch in der Provinz auffindbar. Die Auflage lag in der Regel bei 10.000 oder mehr – das Morgensternheft musste 1973 nachgedruckt werden. Herausgeber war der Lyriker Jo Schulz, er lieferte einen kurzen Begleittext ohne ideologische Hammerworte:

Morgensterns Leben war kurz. Frühes Kranksein, langwierige Liegekuren verstärkten zwar seine grüblerische Sensibilität, schärften zugleich aber Blick und Sinn, selbst im alltäglichen Gleichmaß steriler Umgebung das phantastisch-groteske Dahinter zu entdecken. Im vieldimensionalen Spielraum seiner poetischen Welt verdichteten sich Zeitgeist und Ungeist, militanter Machtwahn und Kleinbürgerrausch, Lebensangst und Philistertum, oft zwischentönig spottend und immer mit hoher Wortkunst und Musikalität, zu bildkräftiger Symbolik. Morgenstern zielte kaum direkt, er spielte – und traf, Wahrscheinlichkeit des Zufalls voraussetzend: ins Schwarze, Doppelbödige, Untergründige, den Schatten der Dinge.

Damit konnte man anfangen. Morgenstern hatte in der DDR aller Ideologie zum Trotz tausende Leser und Zehntausender-Auflage. Die Hefte des „Poesiealbum“ waren für viele junge Leute und auch junge Lyriker eine Schule der deutschen und Weltlyrik. Mir bleibt nur hinzuzufügen, dass es auch einige – nicht allzu viele, Morgenstern war nicht gerade ein Schwerpunktthema – ernstzunehmende wissenschaftliche  Arbeiten gab. Ich nenne nur zwei. Einmal Victor Klemperers Aufsatz „Christian Morgenstern und der Symbolismus“, der zwar aus den 20er Jahren war, aber 1956 in der DDR wiederveröffentlicht wurde und zum Beispiel von der Nachwortverfasserin der Reclamausgabe der Galgenlieder als Nothelfer gegen die Ideologen benutzt wurde. Zum andern Klaus Schuhmann, ein bedeutender Lyrikkenner, der 1975 einen Band „Ausgewählte Werke“ herausgab. In einem längeren Vorwort bringt er es fertig, die marxistische Einordnung im Ganzen mit Feingefühl und  literarischem Sachverstand, soll ich sagen: zu versöhnen? Nur manchmal schlägt der „Fluch der Interpretation“ zu. Als das Buch erschien, hatte ich mir das Nach- oder Vorwortlesen schon fast abgewöhnt. Ich  habe die fast 60 Seiten damals nicht zu Ende gelesen, das Buch schon, denn es enthält nicht nur sämtliche Galgenliederdichtungen, sondern auch „seriöse“ Lyrik, Kindergedichte, Briefe, Epigramme und Parodien. Das Vorwort habe ich erst für diesen Aufsatz gelesen. Hier zwei meiner Randbemerkungen ohne anderen Kontext als die entsprechenden Seitenzahlen.

Fluch der Interpretation (S. 47)

wieviel Angst die Marxisten vor der Freiheit hatten (S. 48)

Coda

Und destotrotz und alledem: Höhepunkt der Morgensternrezeption in der DDR war eine Szene in Greifswald, im Nordosten der DDR und Deutschlands. Die Geschichte spielt in einem Haus in der Langen Straße (damals Straße der Freundschaft oder kurz F-Straße). An der Stelle des jetzigen Hauses standen damals zwei Häuser, in denen sich ein Zeitungskiosk und ein Milchladen befanden. Kurz vor Ende der DDR wurden die Häuser abgerissen und durch Neubauten ersetzt. In den 90er Jahren zog eine Filiale der Erotikkette Beate Uhse in das Haus (sie hielt sich darin bis 2020.

In den 70er- und 80er-Jahren aber hing am Eckhaus eine Tafel, die augenscheinlich als Scherz von Hausbewohnern angebracht wurde. Eigentlich in der an Kontrollwahn leidenden DDR ein Unding, man kann nicht einfach eine Tafel an einem Haus anbringen. Die Tafel bezog sich augenzwinkernd auf die Sitte vieler Universitätsstädte, auf Dutzenden Tafeln zu vermerken, welcher Schriftsteller bzw. Professor früher hier wohnte.

In der DDR-Zeitschrift „Das Magazin“ stand damals ein Artikel über die Tafel. Ich weiß nur noch, der Verfasser hielt das für einen Ulk, er meinte, I. Sulk müsse „Is Ulk“ gelesen werden. Aber das stimmt nicht, der Herr I. Sulk war ein dort lebender Greifswalder. Demnach hatte der Autor nicht recherchiert, sondern nur auf der Durchreise das Schild fotografiert und den Rest zusammenspekuliert. Es gibt gute Gründe, einen Ulk zu vermuten. Ein Blick auf das Personenverzeichnis des Kurzdramas zeigt das::

Ein hübsches Junggesellenzimmer mag auch der Ort der Erstaufführung gewesen sein. Aber wieso Ulk? Ich sehe es vor mir.Die Handlung des Dramas beginnt nämlich so:

ERSTE ZIGARRE läßt Ringel zur Decke steigen. Der dazugehörige Herr sagt etwa : Wo nur die Fanny heut so lang bleibt! Läßt sich vom Zimmer zu schaffen machen.

MEHRERE TELLER klappern.

GABELN klirren

EINE TÜTE MIT DATTELN wird irgendwo versteckt.

EINE FLASCHE SEKT knallt. Der dazugehörige Diener sagt etwa: Bleibt heut das Fräulein aber lang!

Der erste Akt endet so: „DAS GESAMTE TISCHGERÄT entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.“ Lange vor der bruitistischen Musik der Futuristen und dem bruitistischen Krippenspiel des Hugo Ball hat Christian Morgenstern die Chose erfunden. Und erstaufgeführt wurde es in der DDR, in Greifswald, Straße der Freundschaft. In diesem Haus. Oder was da vorher stand.

Die Tafel hängt heute um die Ecke Kapaunenstraße:

Literaturverzeichnis

  • Christian Morgenstern, Ausgewählte Werke. Hrsg. Klaus Schuhmann. Leipzig: Insel, 1975
  • Christian Morgenstern. Poesiealbum 51. Berlin: Neues Leben, 1971
  • Christian Morgenstern, Galgenlieder. Eine Auswahl. Leipzig: Reclam, 1967
  • Hans Kaufmann, Krisen und Wandlungen der deutschen Literatur von Wedekind bis Feuchtwanger. . Fünfzehn Vorlesungen. Berlin und Weimar: Aufbau, 1969
  • Geschichte der deutschen Literatur . Vom Ausgang des 19. Jahrhunderts bis 1917. Von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Hans Kaufmann. Berlin: Volk und Wissen, 1974
  • Eine neue Geschichte der deutschen Literatur. Hrsg. David E. Wellbury, Judith Ryan, Hans Ulrich Gumbrecht u.a. Berlin University Press 2007

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Bemerkungen zu Morgensterns Extremitäten

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Markus R. Weber 2012, privat

Von Markus R. Weber

Keine raunenden Botschaften, keine Ideologien, denen man zunicken könnte; keine dampfenden Bedeutungen; keine abhebbaren Tendenzen; keine echten Anliegen; (…) keine verbindlichen Aussagen; keine Ideen vom großen und ganzen; keine Charaktere, die nach psychologischen Richtlinien agieren; keine Moral; aber: Spiel, Heckmeck, Hokuspokus, Burleske, Wortakrobatik, Spaß; Spaß, der freilich an jeder Stelle umschlagen kann in Entsetzen.

Sagt Ror Wolf, einer der legitimen Nachfolger Morgensterns, über sein eigenes Werk. Mit Hans Waldmann hat er eine Fortsetzung der Morgensternschen Figuren Palmström und Korf geschaffen.

Spielfiguren, mit denen sich alle Versuchsanordnungen durchführen lassen.
Morgensterns vielleicht extremste Figur scheint mir aber Palma Kunkel zu sein scheint, die nicht auftreten, nicht einmal namentlich genannt sein will. Schade, daß er sich nicht ganz daran hält und sie noch mehrfach erscheinen läßt. Nicht radikal genug!
In der Nachlese zur Galgenpoesie findet sich dann auch noch ein besonders schönes Stück mit ihr, in dem Morgenstern noch einmal Nietzsche aufleben läßt: „Palmas Mutter sprach einst still und schlicht: / Nahst du Frauen, vergiß die Geißel nicht.“ (…)
Die extremsten verschwindenden, kaum noch existenten Figuren werden dann von Beckett endgültig realisiert.

Wie es scheint, hat Morgenstern überhaupt Rezepte, Programmentwürfe vorgegeben, die andere erst vollständig realisiert haben. Und das schon im Frühwerk, den Galgenliedern und ihren Nachfolgebüchern: Vorgezogene Endspiele.
Auch in Günter Eichs „Maulwürfen“ scheint sich einiger angewandter Morgenstern zu finden:
„Ich bin neugierig auf das Gerinke und die Aaben, auf Jusch, Stapp und Zarall, auf die Radine und das Raux. Ich glaube nicht, daß es Tiere oder Pflanzen sind oder Mineralien, eher Abstrakta, tauchen vielleicht auf, wenn wir die Zeit sehen können.“ Dazu immer wieder Reflexionen auf die Grammatik des gerade entstehenden Texts, ein weiterer Morgenstern-Anklang.

Neben den Figuren sind Abstrakta ein anderes Spielmodell in Morgensterns Galgenliedern. Besonders schön „Das Tellerhafte“, weil es von einem konkreten Gegenstand ausgeht und doch rätselhaft bleibt, eine Daseinsbedrohung  Lovecraftschen Ausmaßes.
Auch an die unheimlichen Bildgeschichten Edward Goreys kann man da denken.

Es gibt Vermenschlichungen und Wörtlichnehmen (also Eulenspiegeleien), Umbenennungen und Abstrahierungen, aber es gibt auch neue Schöpfungen.
Bei Morgenstern oft mit einem Namen oder einem neuen Begriff verbunden.
Neue Namen für neuentdeckte oder neuerschaffene Erscheinungen.
Die Namenslisten der Tierarten, die Möwe Emma. Gerne auch Eigenschöpfungen.
Er schafft teils neue Arten, teils Einzelwesen, Begleit-Tiere eines Gottes.
Hier denkt man an die anthroposophischen, teils komischen, teils sehr unheimlichen Tiergeschichten Manfred Kybers, eines anderen Anthroposophen. Sprachphantasie scheint zur Ergründung der Welträtsel hilfreich zu sein.

Und diese Kreationen bekommen oft einen eigenen Namen (siehe auch Douglas Adams, „Lexikon der Dinge, für die es bis zu diesem Buch noch keinen Namen gab“). Besonders schön Golch und Flubis. Auch deren Herkunft wird benannt, präzise und doch maximal unenträtselbar:
„die mir einst in einer Nacht / Zri, die große Zra, vermacht.“
Klingt da vielleicht Zarathustra mit?
Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.

Sprachschöpferische Phantastik bei großer Konkretion der Erzählung.

Die Namen werden miterschaffen. Nach Jean Piaget nimmt das Kind an, die Dinge hätten ihre Namen schon bei sich. Das größere Kind nimmt an, die Dinge hätten ihre Namen von ihrem Schöpfer erhalten. So weit muß man bei Morgenstern zurückgehen. Zum Kind im Manne. Erst das größere Kind versteht, daß die Namen den Dingen willkürlich gegeben wurden. Bei Morgensterns Dichten handelt es sich immer wieder um urtümliche Schöpfungsakte.
Und zwar durch die Sprache.
Die Sprache bei der Arbeit: Im Anfang war das Wort.

Das Ereignis hat in der Sprache stattzufinden und nirgendwo sonst.

Einst saßen Idisen. Zaubersprüche lallend.
Einst saßen Iltisse.  Saß ein Wiesel.
Morgensterns Bildwelten werden allein durch Sprache schlüssig.

Das macht es schwer, Morgenstern zu akzeptieren in unserer Zeit der Sprachverbote, Sprachregelungen, Vorschriften, Tabus, der regulierten, kontrollierten und verordneten Sprache. Sprache darf kein Spielmaterial mehr sein, die Sprache muß sich der Ideologie unterordnen und sie vermitteln. Bei den aktuellen Blockwarten wird die Sprache genehmigungspflichtig. Unterliegt dem Kreativitätsverbot. Benennungsverbote. Keine Schöpfungsakte mehr.

Vielleicht ist er darum heute aktuell. Die Sprachreinigung muß scheitern, weil jeder Begriff von seinem Benutzer mit eigenen Vorstellungen ausgefüllt wird. Morgenstern gegen die Sprachpuristen:
„Wenn ich wüßte, welches Wort der Erde keine Vorstellung enthielte, so würde ich es dazu gebrauchen, das Wort Vorstellung zu überwinden.“ Die Suche nach dem archimedischen Punkt als Fernziel.

Aber auch für die Verkniffenen, die Sprachängstlichen,  gibt es ja einen Morgenstern, den traktathaften, schüchternen, immer gutmeinenden:
„Wir müssen recht viel Schönheit anschauen, damit wir selber schön werden“ steht auch in Frauenratgebern.

Auch das viel umfangreichere reflektierende, philosophische, anthroposophische ist Morgenstern. Nie zu extrem, nie die Grenze überschreitend, immer strikt jugendfrei. „Dem Kind im Manne.“ Selten brachial. Kein Wilhelm Busch. Wenig Tod. Selten wird der Leser erschreckt. Rare Gewaltsamkeiten wie im Gedicht „Der fremde Bauer“, der legendenhaften Schilderung eines plötzlichen Todes.

Von stets großer Lebenswürdigkeit.
Die Verhängnisse nicht zu hoch hängen.
Vielleicht ist alles nur Sprache.

Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel. Es gibt kein Wort, das außerhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn ergäbe. Wer sich außerhalb der Sprache setzen möchte, findet keinen Stuhl mehr.

Stufen

Die Ohnmacht der Dinge.
Die kosmischen Pläne.
Alles ist höheren Ordnungen unterworfen.
Am Ende findet alles Entscheidende im Alltäglichen statt:
das sanfte Gesetz.
Nichts schwer nehmen.
„Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“

Das große nette Werk immer wieder geeignet. Auch für die Schullesebücher im Dritten Reich.

Die Selbstinterpretationen. Lustig gemeint. Valentinesk.
Als Parodie des Interpretierens.
Die Galgenlieder erscheinen damit fast schon die vorweggenommene Parodie seiner ernsten Werke.
Wechselseitige Zurücknahmen.
Schwer zu fassen.
Aus der Sprachskepsis entwickelt die Sprache den Trotz, die Welt zu formen.
Alles funktioniert in der Sprachlogik.
Keine Denktabus. Kantsche Philosophie läßt sich auch reimen.
Korf kann alles erfinden, was die Erzählung gerade braucht.

Viele programmatische Ansätze

Unter bürgerlich verstehe ich das, worin sich der Mensch bisher geborgen gefühlt hat. Bürgerlich ist vor allem unsere Sprache: Sie zu entbürgerlichen die vornehmste Aufgabe der Zukunft.

Aber dazu war er viel zu liebenswürdig.

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Palmström. Ein symbolistischer Sonderling

[✺] 
Von Kristin Bischof

Die Figur ,Palmströmʼ bildet den Haltepunkt im gleichnamigen Gedichtband, der aufgrund der Editionslage als Ganzes schwer greifbar ist. Morgenstern überarbeitete ihn nach der Erstveröffentlichung 1910 mehrfach hinsichtlich „Gedichtbestand und Reihenfolge“ [1] und auch postum wurden Änderungen vorgenommen. Aus dem Briefwechsel mit seinem Verleger und Freund Bruno Cassirer geht hervor, wie Morgenstern bereits vor der Veröffentlichung des Bands plant, längerfristig an Palmström-Gedichten zu arbeiten: „Mit Palmström und Korf habe ich, wie Sie bemerken werden, ein neues Feld gefunden, das ich noch viel und oft anzubaun gedenke.“ [2] Dass es sich eher um ein „Feld“ als um einen geschlossen konzipierten Band handelt, entspricht dem Gegenstand – in den Palmström-Gedichten setzt sich Morgenstern mit dem Zeitgeist auseinander: Konzepte der Lebensphilosophie und die Ding-Gedichte Rilkes werden aufgegriffen, die Ollendorffsche Sprachlernmethode wie auch die für die Klassische Moderne prägende Sprachskepsis, die Großstadt mit ihren Warenhäusern und dem zunehmenden Straßenverkehr. Morgenstern geht dem Zeitgeist als Grundgedanken seines Bands nach, indem er Ergänzungen und Änderungen vornimmt: Durch die überarbeiteten Auflagen bleibt Palmström aktuell. Der Nachvollzug der einzelnen Bearbeitungsstufen würde zu einem besseren Verständnis des Gedichtbands führen. Eine historisch-kritische Ausgabe von Morgensterns Werk liegt jedoch noch nicht vor.


[1] Eine Skizze dieser Gemengelage findet sich in: Christian Morgenstern, Sämtliche Galgenlieder. Mit einem Nachwort von Leonard Forster und einer editorischen Notiz von Jens Jessen, Zürich 1985, S. 527-530, hier S. 527.

[2] Brief an Bruno Cassirer vom 13. Januar 1910, in: Christian Morgenstern, Gesammelte Werke in vier Bänden, Band IV: Briefe, Essays, hg. von Clemens Heselhaus, München 1979, S. 181.


Palmström wurde als Figur bereits 1908 in Der Gingganz und Verwandtes eingeführt. Ehrfürchtig hält er beim Anblick eines romantischen Bilds auf einem Taschentuch inne und wagt nicht, es als Gebrauchsgegenstand zu benutzen. [3] Und gerade dieser naive Genuss der Künste, der Wissenschaft und der Sprache bestimmt ihn auch im Band Palmström. Morgenstern knüpft mit seiner Figur an den historischen Sonderling an, der seine Perspektive einer äußeren Wirklichkeit entgegenstellt und dadurch seine Umwelt irritiert oder auch amüsiert. [4] In den Gedichten übernimmt die absurde Übersteigerung die Rolle der Gesellschaft, die den Sonderling belächelt. Anders als der historische Sonderling, der seinen Höhepunkt in den Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts erlebte [5], gründet Palmström im Zeitgeist seiner Epoche: Der klassisch moderne Sonderling ist geprägt vom Symbolismus, vom Streben nach einem Gedankenraum, in dem sich eigene Wörter und Gesetze ausbilden. [6]


[3] Palmström, in: Morgenstern 1985, S. 80.
[4] Zum historischen Sonderling siehe Herman Meyer, Der Sonderling in der deutschen Dichtung, München 1963.
[5] Meyer 1963, S. 20.
[6] Victor Klemperer hat Morgensterns Beziehung zum Symbolismus untersucht. Der Studie von 1928 liegt eine fragwürdige Vorstellung vom Symbolismus zugrunde, aber Klemperer erkennt die Komplexität der Beziehung. Siehe Victor Klemperer, Christian Morgenstern und der Symbolismus, in: Zeitschrift für Deutschkunde, 41, 1928, S. 39-55 und 124-136. Zum Symbolismus siehe Paul Hoffmann, Symbolismus, München 1987 und Kristin Bischof, Der Gedankengang der Aufzeichnungen. Lektüre mit Wissenschaftsgeschichte von Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Göttingen 2020, S. 126-144.


Im ersten Gedicht des Bands reist Palmström in ein Böhmisches Dorf [7], in dem ihm selbstverständlich alles „[u]nverständlich“ (V. 4) bleibt. Nun reist er aber nicht allein. Durch den Reim auf „Dorf“ (V. 3) wird sein Freund Herr v. Korf zum Leben erweckt, der aber ebenfalls nichts versteht. „Doch just dieses macht ihn blaß vor Glück. / Tiefentzückt kehrt unser Freund zurück.“ (V. 8f.) Das „ihn“ im achten Vers lässt sich syntaktisch sowohl auf Palmström als auch Herrn v. Korf beziehen und führt zur gemeinsamen Freude am Unverständnis. „Und er [Palmström] schreibt in seine Wochenchronik: / Wieder ein Erlebnis, voll von Honig!“ (V. 10f.) Mit dem Wort „Erlebnis“ zieht Morgenstern die Lebensphilosophie hinzu. Verstehen entsteht nach Dilthey, wenn neu Erlebtes in den Kontext des Bekannten eingegliedert wird. [8] Palmström nimmt nun eine Eingliederung des Unverständlichen gegenständlich vor, wenn er die Reise in der Wochenchronik notiert. Und gerade weil Palmström die Sprache als Erkenntnisinstrument ernst nimmt, endet er im Unverständnis und es eröffnet sich ihm eine eigene Welt. Morgenstern zeichnet Mauthners Sprachskepsis nach: Die Absage an die Sprache als ein Werkzeug der Erkenntnis und das Hervorheben ihres Potentials in der Dichtung – für Palmström eine Götternahrung („Honig“). [9]


[7] Das Böhmische Dorf, in: Morgenstern 1985, S. 103.
[8] Siehe zu Dilthey z.B. Tom Kindt, Wilhelm Dilthey (1833-1911), in: Wissenschaftsgeschichte der Germanistik in Porträts, hg. von Christoph König, Hans-Harald Müller und Werner Röcke, Berlin, New York 2000, S. 53-68.
[9] Morgenstern befasste sich von 1906 an mit Fritz Mauthners Sprachskepsis, siehe hierzu zum Beispiel Clemens Heselhaus, Palmström, der andere Morgenstern, in: Morgenstern 1979, S. 249-256, hier S. 253. Siehe auch Jacques Le Rider, Christian Morgenstern: de la critique du langage au jeu avec les mots, in: ders., Fritz Mauthner. Scepticisme linguistique et modernité. Une biographie intellectuelle, Paris 2012, S. 344-350.


Eben dieses Mittel, um Absurdität zu erzeugen, aber auch eine eigene Sprachwelt zu eröffnen, wendet Rilke in seinem ebenfalls 1910 erschienenen Prosabuch Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge an. [10] Maltes Nachbar Nikolaj Kusmitsch folgt dem Sprichwort ,Zeit ist Geldʼ und versucht Zeit zu sparen. Er konzentriert sich auf die einzelnen Zeiteinheiten und muss feststellen: „Wie lange hat man an so einem Jahr. Aber da, dieses infame Kleingeld, das geht hin, man weiß nicht wie.“ [11] Bis er begreift, dass eine Verwechslung von Zeit und Geld vorliegt und er die wirkliche Zeit einziehen lässt – die jedoch versetzt im Gewand des Winds alles in Bewegung. Kusmitsch rettet sich in sein Bett, wo er Gedichte zitiert, „dann war gewissermaßen etwas Stabiles da“. [12] Malte geht es wie Kusmitsch: An die Stelle des Zitierens tritt bei ihm jedoch das Neuschreiben. Er eignet sich das Äußere, ihm bedrohlich Erscheinende an, indem er es in die eigene poetische Welt integriert. Auch wenn Kusmitsch, anders als Palmström, das wörtlich genommene Sprichwort als Irrtum bezeichnet, kehrt er von dort nicht zurück in die Welt der gesellschaftlichen Verabredungen, sondern verleiht der Zeit ein eigenes Bild – trotz der Bedrohung, die für ihn von diesem Neuen, nicht Absehbaren ausgeht. Dieser Prozess der Ausbildung eines eigenen Referenzsystems bildet die Grundlage der Aufzeichnungen und macht Malte zu einem symbolistischen Dichter. Er eignet sich im Laufe des Prosabuchs Paris, das soziale Elend in der Großstadt, historische Ereignisse, Dichtung und selbst Goethe und Sappho an. [13] Kusmitsch, Maltes Nachbar, ist wie Palmström ein symbolistischer Sonderling. Im Vergleich zu ihrem historischen Pendant geht es ihnen jedoch nicht um einen Konflikt mit einem Äußeren – sie erzeugen aus dem Äußeren, hier aus den Sprichwörtern, das Eigene. Trotz der Nähe zwischen Kusmitsch und Malte, kann Malte selbst nicht als Sonderling bezeichnet werden. Zwar bestehen durch den Symbolismus Überschneidungen – eine symbolistische Figur sondert sich per se ab –, aber es gibt keinen irritierten oder belustigten Blick auf Malte. Rilke erschafft als symbolistischer Dichter eine symbolistische Figur, Morgensterns Verhältnis zu Palmströms symbolistischer Denkart ist distanzierter. In seinem Nachwort zur Manesse-Ausgabe schreibt Leonard Forster: Morgenstern sei „die erdichtete Welt seiner Kreaturen wichtiger als die gesellschaftliche Wirklichkeit, die ihn umgibt.“ [14] Meine Lektüre widerspricht: Palmström ist sein eigener Gedankenraum am wichtigsten, Morgenstern aber geht es wie eingangs geschrieben vor allem um den Zeitgeist, den er durch die Distanz zu seiner Figur und dessen Sicht auf die Dinge liebevoll belächelt und zutage treten lässt.


[10] Erich Hofacker hat einen Vergleich der Lebens- und Schaffenswege von Rilke und Morgenstern gezogen. Er konzentriert sich auf die biographischen Informationen und nennt wichtige Einflüsse wie die Auseinandersetzung mit der skandinavischen Dichtung und der Mystik. Auf die Werke beider Dichter geht er nur oberflächlich ein. Siehe Erich Hofacker, R. M. Rilke und Christian Morgenstern, in: PMLA 50, Nr. 2, 1935, S. 606-614.
[11] Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, in: ders., Sämtliche Werke, 7 Bde., hg. vom Rilke-Archiv in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, besorgt durch Ernst Zinn, Bd. VI, Wiesbaden 1966, S. 866.
[12] Rilke 1966, S. 870.
[13] Zu Rilkes Aufzeichnungen siehe Bischof 2020.
[14] Leonard Forster, Nachwort, in: Morgenstern 1985, S. 493-510, hier S. 502.


Dichter und Figur treffen sich, wenn Morgenstern selbst zu symbolistischen Techniken greift. Im Gedicht Die Kugeln [15] wird Palmströms Variante einer nächtlichen dichterischen Inspiration entwickelt. Morgenstern persifliert den stereotypen Anstoß zur Dichtung die Naivität seiner Figur. Palmström bereitet die nächtliche Inspiration vor, einem esoterischen Zauber gleich, indem er das Papier zu Kugeln formt und diese in seiner Stube verteilt. Wenn er nachts dann erwacht, würden die Kugeln aufgrund seiner Bewegung zu knistern beginnen und durch dieses Knistern „packt“ Palmström ein „heimlich Grugeln“ (V. 9). ,Gruselnʼ und ,gurgelnʼ werden zusammengezogen: Palmström erschaudert und gibt Laute von sich. Dabei kann Gurgeln als Singen und auch in seiner geläufigen pejorativen Bedeutung verstanden werden, im Sinne von „dumpfe, unscharfe“ Laute von sich geben. [16] Gleichwohl – die Inspiration überkommt Palmström. Was er als technisch vorbereitete Initiation für die Dichtung seiner Figur gestaltet, führt Morgenstern auch im Gedicht vor. Die Kugeln werden durch Bedeutungsverschiebungen zum Leben erweckt. Im ersten Schritt handelt es sich um leblose Kugeln aus Papier.

Stufen (1918)

Das Material wird hervorgehoben, als würde Morgenstern betonen: Es handelt sich nicht um echte Kugeln, sondern nur um solche aus Papier. Die Betonung erfolgt durch die Wiederholung: „Palmström nimmt Papier aus seinem Schube. / Und verteilt es kunstvoll in der Stube. // Und nachdem er Kugeln draus gemacht. / Und verteilt es kunstvoll, und zur Nacht.“ (V. 2-4) Das „es“ im fünften Vers irritiert, wäre doch ein ,sieʼ als Bezug zu „Kugeln“ grammatikalisch naheliegender. Das „es“ zeigt aber erst: Hier verteilt Palmströn nur Papier in seiner Stube. Erst in der dritten Strophe sind die Kugeln als Kugeln angenommen und erhalten in der vierten ein Eigenleben: „daß er, wenn er nachts erwacht, die Kugeln / knistern hört […]“ (8f.). Dieses Eigenleben ist nur ein „Spuk der packpapiernen Kugeln …“ (V. 11), wie Morgenstern im letzten Vers schreibt. Mit der abschließenden Erinnerung an das Material – und nein, es ist noch nicht einmal Schreibpapier, sondern nur Packpapier – beschwichtigt Morgenstern seine Figur. Die Auslassungspunkte zeigen jedoch die Offenheit des Gedankens an. Zwei Ebenen treffen aufeinander: Die Offenheit bezieht sich zum Einen auf den nicht absehbaren Spuk, aber auch auf die Absurdität von Palmströms Unterfangen, als würde Morgenstern kommentieren „mehr lässt sich dazu nicht sagen“. Distanziert sich Morgenstern am Ende auch wieder, bleibt doch die zeitweise Übereinstimmung zwischen Palmströms Haltung und dem Vorgehen seines Dichters. Eine Übereinstimmung, durch die sich der Dichter auch als Teil des Zeitgeists zu erkennen gibt.


[15] Morgenstern 1985, S. 107.
[16] Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, dwb.uni-trier.de [30.01.21], Lemma ,gurgelnʼ.


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Bella Luna

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Wolfram Malte Fues 2018, © Dirk Skiba

 

Von Wolfram Malte Fues

Spätestens seit Klopstocks „Willkommen o silberner Mond“ und Goethes „Füllest wieder Busch und Tal“ gehört der Mond zum Metaphern-Kanon der deutschsprachigen Lyrik. In anderthalb Versen: „wir lassen die liebe nicht rein hier, bevor sie nicht reif ist, / hier ist mondgebiet.“[1]Auch für Christian Morgenstern:  „Mein Grossvater steht wieder in mir auf, mit seiner Liebe zu Mondscheinnächten […] Ich bin Maler bis in den letzten Blutstropfen hinein – Und das will nun heraus ins Reich des Wortes, des Klanges.“[2]Das verspricht nichts Gutes. Das verspricht klischeeverliebten Spät-Biedermeier oder noch Schlimmeres: jenen „Stil der Stillosigkeit“[3], der die Lyrik der Gründerzeit kennzeichnet, durch deren Natur-Gedichte der Mond oft zieht. Aber ist Morgensterns Schreiben diesem Versprechen treu geblieben? Er selbst sieht es rückblickend offenbar nicht so: „Sie lieben zu vereinfachen und meinen dadurch den Dingen auf den Grund zu kommen. Aber dieser Grund existiert gar nicht, und nur wer ohne Ende auflöst und verunendlichfacht […] wird seinem und allem Leben einigermassen gerecht werden. Alles Vereinfachen tötet.“[4]Was denn nun? Silbernde Nächte mit dem Mond als Inbegriff gattungsgeschichtlich reifer Symbolik oder bloss ein Gestirn unter anderen in einer von vielen möglichen Nächten? Mondsucht oder Mondflucht? Was sagen die Texte?

Auf dem ehernen Tische / Unendlichkeit / liegt unermesslicher Sand gebreitet. / Da streicht ein Bogen / die Tafel an: / Einen Ton / schwingt und klingt/ die fiebernde Fläche. / Und siehe! / Der Sand / erhebt sich und wirbelt / zu tausend Figuren. / Aus ihnen, / den tanzenden / tönenden / glühenden / schlingen sich Tänze, / binden sich Chöre, / winden sich Kränze, / umringen sich, / fliehen sich, finden sich wieder.

Aber das Spiel / der Formen, Farben und Töne / durchbrummt / unaufhörlich, / beherrscht / fürchterlich – unerfasslich / der tiefe Urton.[5]

Was für eine Welt liegt in diesem Gedicht, dem der Übertritt in die Welt des Wort-Klangs offenkundig gelingt? Wie legt es sie aus? Es beginnt in und mit unbestimmt einfacher Allgemeinheit – gibt es einen häufigeren und schlichteren Stoff auf der Erde als Sand? –, die sich endlos verunendlichfacht. In diese ruhende Unbestimmtheit dringt ein ebenfalls einfacher, aber zu präziser Amplitude bestimmter verendlichter Ton, der das Allgemeine in bewegliche Ordnung bringt, seinen Stoff in Figuren auslegt, die sich mit- und ineinander zu Tänzen, Chören und Kränzen ver- und entflechten. Endlos verunendlichfachter Stillstand verwandelt sich in unendlich harmonisierte Bewegung, Entropie in Negentropie. Aber nicht von selbst. Die Verwandlung hat einen einfachen Grund, der sie auslöst und durchführt, konfiguriert und kontrolliert. Und dieser Grund liegt nicht in irgendeinem irgendwie kategorialen Ton, sondern im Urton, im Ursprung der Töne überhaupt, nur über das zu erfassen, was sich von ihm ableitet, und noch darin fürchterlich wie alles Ursprüngliche. (Neu)Platonismus pur. Die Idee des Tones, selbst unhörbar weil unerfasslich, aber alle Hörbarkeit realisierend und regierend, klingt durch die Reflexions-Figuren der Tänze und Chöre hinunter bis in jedes einzelne Sandkorn. „Alles Vereinfachen tötet“? Hier nicht. Im Gegenteil. Alles lebendig Verunendlichfachte entsteht nur aus der Kraft des absolut Einfachen.

Zuß liest ein noch nicht existierendes Gedicht aus altdeutscher Schrift.

Wirklich? Nein. Nicht wirklich. Ich habe bis jetzt die Anfangs- und die Schluss-Strophe des Gedichts unberücksichtigt gelassen. Eingangs-Strophe:

Fernher schwillt / eines Dudelsacks / einförmig-ewigwechselnde / Melodie: / Unaufhörlich / hebt und senkt sich / über dem Urton / ihr unerfassliches Spiel.

Schluss-Strophe:

Fern verschwillt / des Dudelsacks / einförmig-ewigwechselnde / Melodie. / Dorf, Wald, Welt / versinkt mir / schweigend / in Nacht.[6]

Aus dem unendlich Alltäglichen kommt ein Dudelsack-Ton (könnte auch von Flöte Oboe Posaune kommen), umspielt endlos den Urton, trifft ihn irgendwann irgendwie, tut, was ein absolut einfacher Urton tun muss, und verunendlichfacht sich wieder in der Nacht des  Alltäglichen. In der Welt des Gedichts tauschen das Ideale und das Reale den Platz, der ihnen beiden gehört und auf dem sie ein gemeinsames Dasein haben.[7]In dieser Welt ist der Mond Brennpunkt gattungsgeschichtlich herangereifter Symbolik und zugleich bloss ein Himmelskörper unter anderen. Derart unmittelbare Doppeldeutigkeit prägt jeden symbolverdächtigen Gegenstand in Morgensterns Gedichten; in „Palmström“ beispielsweise Palmströms Taschentuch, seinen durchgesetzten Baum, seine umgekehrt aufgehängten Bilder und seine Husten-Pastillen.[8]Auf ihren Mittelpunkt jedoch bringt diese Doppeldeutigkeit „Die Korfsche Uhr“:

Korf erfindet eine Uhr / die mit zwei Paar Zeigern kreist / und damit nach vorn nicht nur, / sondern auch nach rückwärts weist.

Zeigt sie zwei, somit auch zehn; / zeigt sie drei, somit auch neun; / und man braucht nur hinzusehn, / um die Zeit nicht mehr zu scheun.

Denn auf dieser Uhr von Korfen / mit dem janushaften Lauf, / (dazu ward sie so entworfen): / hebt die Zeit sich selber auf.[9]

Von Korfs Uhr sagt nicht nur in bezug auf das Verhältnis des Idealen und des Realen, was die Stunde zu schlagen hat. Sie zeigt überdies in jedem Augen-Blick, der die Uhr-Zeit in sich aufhebt, die unmittelbare Einheit von Gegenwart und Vergangenheit, Aktualität und Tradition, die ihre Extreme nicht zu scheuen braucht, weil sie deren Differenz symbolisierend in sich anreichert und entfaltet. Sie lässt so das Prinzip jenes Geschichts-Begriffs sehen, um den sich Walter Benjamin bemühen wird:

„Zum Denken gehört nicht nur die Bewegung der Gedanken sondern ebenso ihre Stillstellung. Wo das Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation plötzlich einhält, da erteilt es derselben einen Chock, durch den es sich als Monade kristallisiert.“[10]

„Bella Luna“ ist der Name eines Bettengeschäfts in meiner Nachbarschaft.

 

[1] Maren Kames, luna luna, 3. Aufl. Zürich 2019, S. 27.

[2] An Marie Goettling am 2. Juni 1894; Ges. Werke in einem Band, hg. von Margareta Morgenstern, München 1965, S. 554. – Christian Ernst Bernhard Morgenstern „wurde bekannt als Maler stimmungsvoller Darstellungen der nordischen Natur und der bayerischen Hochebene“ (ebd. S. 592).

[3] Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg, München 1965, S.1300.

[4] An Luise Dernburg am 23. Februar 1906; Ges. Werke, ebd. S. 565.

[5] Der Urton; Ges. Werke, ebd. S. 39f. – Das Gedicht ist zentriert gesetzt; nicht nur darin ähnelt es Arno Holz’ „Phantasus“, dessen erstes Heft 1898 in Berlin erschienen ist. Siehe dazu Helmut Henne, Sprachliche Spur der Moderne in Gedichten um 1900: Nietzsche, Holz, George, Rilke, Morgenstern, Berlin/New York 2010. – Morgenstern hat, vermute ich, die Chladnischen Klangfiguren vor Auge und Ohr, wie sie Ernst Florens Fiedrich Chladni in seinem Werk Entdeckungen über die Theorie des Klanges 1787 beschrieben hat. Das sind „Muster, die auf einer mit Sand bestreuten dünnen Platte (…) entstehen, wenn diese in Schwingungen versetzt wird. Dieses geschieht, indem die Platte an einer Kante mit einem Geigenbogen […] bestrichen wird.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Chladnische Klangfigur vom 23.Juni 2020) „Dank ist ihm [Chladni, Vf.] die Welt schuldig, dass er den Klang allen Körpern auf jede Weise zu entlocken, zuletzt sichtbar zu machen verstanden.“ (Goethe, Zur Botanik. Verfolg [1817]; Jubiläumsausgabe, Stuttgart/Berlin 1902ff., Schriften zur Naturwissenschaft, hg. von Max Morris, Bd. 39, S. 320f.)

[6] Ges. Werke, ebd. S. 39 u.f.

[7] Vgl. dazu „Das Grab des Hunds“ aus „Palma Kunkel.“ Ges. Werke, ebd. S. 289f.

[8]   Vgl. dazu Waldemar Fromm, Das Spiel mit den Dingen bei Christian Morgenstern, in: Ders. (hg.), „Ein wirrer Traum entstellte mir die Nacht.“ Neue Perspektiven auf das Werk Christian Morgensterns, Stuttgart 2017, S. 91-106.

[9] Ges. Werke, ebd. S. 250. – Von Korf kann sowas, weil er, wie wir in „Palmström“ mehrfach erfahren, reiner Geist ist; vermutlich ein Versgespinst Palmströms.

[10] Über den Begriff der Geschichte, XVII. These; Gesammelte Schriften, hg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Bd. I/2, Frankfurt/M. 1974, S. 702f.

 
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Stimmen zu Morgenstern

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Aus Lexika und Literaturgeschichten 1913 – 1990 und zurück

1913

Max Geißler, Führer durch die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts. Weimar 1913

 

Brümmer, Franz: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Bd. 5. 6. Aufl. Leipzig, 1913.

 

1919

Alfred Biese, Deutsche Literaturgeschichte. 3. Band, Von Hebbel bis zur Gegenwart. 14. Auflage, 57.-61. Tsd., München 1919

 

1921

Hans Röhl, Wörterbuch zur deutschen Literatur, Leipzig: Teubner, 1921

 

1968

Meyers Kleines Lexikon in 3 Bänden, Bd. 2, Leipzig 1968

1990

BI Schriftsteller Lexikon. Autoren aus aller Welt. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut, 1990 (Marion Marquardt)

Und zurück

Johann Peter Hebel
Der Morgenstern

Woher so früeih, wo ane scho,
Heer Morgestern, enandernoo
in dyner glitzrige Himmelstracht,
in dyner guldige Locke Pracht,
mit dynen Auge, chloor un blau
un suufer gwäschen im Morgetau?

Hesch gmaint, de seigsch ellainig do?
Nai, weger nai, mer mäihe scho!
Mer mäihe scho ne halbi Stund;
früeih ufstoh isch de Glidere gsund,
es macht e frische, frohe Muet,
un d’Suppe schmeckt aim no so guet.

`s gitt Lüt, si dose friili no,
si chönne schier nit uuse choo.
Der Mähder un der Morgestern
stöhn zytli uf un wache gern;
un was rne früeih um vieri tuet,
das chunnt aim z’Nacht um nüüni guet.

Un d’Vögeli sinn au scho do,
si stimmen ihri Pfiifli scho,
un uf ein Baum un hinterm Hag
sait ais im andere guete Tag!
Un ’s Turteltüübli ruukt un lacht,
un’s Bettzytglöckli isch au verwacht.

„Se helf is Gott, un geb is Gott
e guete Tag, un bhüet is Gott!
Mer betten um e christli Herz,
es chunat aim wohl in Freud un Schmerz;
wer christli lebt, het frohe Muet:
der lieb Gott stoht für alles guet.“

Waisch, Jobbeli, was der Morgestern
am Himmel suecht? Me sait’s nit gern!
Er wandtet ime Sternli noo,
er cha schier gar nit von ein loo;
doch rnaint sy Muetter,’s müeß nit sii,
un tuet en wie ne Hüehnli ii.

Drum stoht er uf vor Tag un goht
syrn Sternli noo im Morgerot;
er suecht, un’s wird ein windeweh,
er möcht ein gern e Schmützli gee;
er möcht ein sagen: „I bi der hold!“
Es wär em über Geld un Gold.

Doch wenn er schier gar by n ein wär,
verwacht sy Muetter handumchehr;
un wenn si rüeft enandernoo,
sen isch rny Bürstli niene do.
Druf flicht sie ihre Chranz ins Hoor
un lueget hinter de Berge vor.

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Ein Strauß Epigramme

[✺] 
Von Christian Morgenstern

Quelle: CHRISTIAN MORGENSTERN: EPIGRAMME UND SPRÜCHE. PIPER & CO. VERLAG MÜNCHEN 1922

DER SPARSAME DICHTER

»Willst du nicht Artikel schreiben?« –
Laßt’s beim Epigramme bleiben.
Kann ich’s euch in zehn Zeilen sagen,
was euch verwundert,
warum euch Honorar abjagen
für hundert.

Ich kann’s, ich kann’s nicht mehr ertragen,
dies artige geleckte Sagen, dies kluge Reden, süße Blicken –
dies Lachen, Rufen, Köpfenicken.
Dies Wörter- und Gedankenschniegeln,
dies eitle Sich-im-Nachbar-Spiegeln,
dies ganze falsche hohle Treiben
Nein, laßt uns bei uns selber bleiben.

NEO-BERLIN

Welche Kunstsiegesalleen
Welches Neulandgebuddel!
Ein blendendes Phänomen:
Dies Berliner Kulturkuddelmuddel.

DIE ÄSTHETISCHEN

Ihr preist die Kraft und schmäht doch jede Tat,
ihr weder Fisch noch Fleisch, ihr – Kopf-Salat!

L’art pour l’art, das heißt so viel:
Wir haben nur noch Kraft zum Spiel.

»WORTKUNST«

Gestattet, daß ich Eurer »Wortkunst« lache.
Was »Wortkunst«! Dichtung ist des Dichters Sache.

WIR LYRIKER

Warum wir immer noch Verse schreiben?
Um unbekannt und ungestört zu bleiben.

DER MITTELMÄSSIGE ÜBERSETZER RECHTFERTIGT SICH

Wähle saure Mienen
draußen oder daheim.
Du kannst nur einem Herrn dienen,
dem Original oder dem Reim.

»So heb’s in eine dritte Sphäre!«
Als ob’s dann noch das Alte wäre.

Laßt alle Überschätzungen.
So spricht der Gerechte:
Es gibt nur schlechte Übersetzungen
und weniger schlechte.

Vor allem sind die Klassiker
mit Anmerkungen zu versehn
und Zahlen an den Zeilen,
dann wirst du sie erst verstehn.
Doch daß sie sich ganz erschließen,
so helfe dir ferner fort
ein fachmännisch-gründlich Vor-, Bei-,
Zu-, Mittel- und Hinterwort.

DICHTERBEKANNTSCHAFT

Zu Haus in meiner Träume Welt,
wie hab ich ihn mir
vorgestellt!
`Doch ach, wie ganz betrog ich mich:
Der Esel sieht ja aus wie ich.‘

AD ,GALGENLIEDER‘ USW.

Ich habe die Welt zu Flugsand zerdacht,
doch konnt ich das Kind in mir nicht töten,
so hab ich es endlich kaum weiter gebracht
als zum Schnitzen von Weidenflöten.

Der Kunst Geheimnis hältst du bald am Kragen:
Hab was zu sagen und du wirst es sagen.

DER CAFÉ-LITERAT

Täglich sitzt er im Café
unter ZeitungspfafFen.
Glaubt ihr, dieser Mann wird je
etwas Großes schaffen?

AN NIETZSCHE

Mag die Torheit durch dich fallen,
mir, mir warst du Brot und Wein,
und was mir, das wirst du allen
meinesgleichen sein.

NIETZSCHE AN DIE ZEIT

O Zeit, o Zeit, o Zeit, die sich und mich verliert.
Die mich, den Sturm, nicht spürt, nur mich, den Wurm, seciert.

AN TOLSTOI

Totengräber wärst du gerne
aller westlichen Kulturen;
doch wir wandern andre Spuren,
haben unsre eignen Sterne.

Und indem dein blind Verfemen
uns verstößt und unsre Ahnen,
ist die Größe des Germanen
dich in sich — mit aufzunehmen.

H. B.

Kleinstädter des Geistes,
Typus `Überhinz´;
viel Erruhtes und Erreistes
und doch bloß Provinz.

AN DOSTOJEWSKI

Das Unerhörte lockte mich von je
und darum bist du mir so wert vor allen.
Dich läßt nicht ruhn der Erde tiefes Weh,
du mußt aus Schmerzgewölk gewaltig fallen.

An dir soll man sich nähren hier und dort,
an dir des Herzens Unruh wieder lernen.
Du Glut aus Steppenbrand und Gottessternen,
nicht Künder bloß, du selbst ein neues Wort.

IM BOZENER BATZENHÄUSEL
OTTO ERICH HARTLEBENS GEDENKEND

Heute tret ich diese Schwelle,
die du gestern überschritten.
Morgen wird ein Dritter kommen,
und ein Vierter folgt dem Dritten,

Jeder, der vorangegangen,
wird Vergangenheit dem andern
und doch ist mir oft, als säh ich —
immerdar — DEN SELBEN wandern…

AN CHRISTIAN GÜNTHER

Ich suchte oft nach einem deutschen Buche
mit kleinen Liedern, das ich lieben könnte,
so recht von Herzen lieben, und nun gönnte
das Leben mir, daß ich nicht fürder suche.

EINER DICHTERIN

Das Blut des Tieres,
von dem du issest:
nun spricht aus dir es
und du vergissest
des Geistes Flügel,
die in dir schlafen
und dünkst am Hügel
dich schon im Hafen.

MEINEM FREUNDE FRIEDRICH KAYSSLER

Als Haß mir nach der Wurzel schlug,
warst du bei mir, das war genug,
hast mir zu deinem Leben
das meine neu gegeben.

Zehn Jahre zusammen!
Es löst sich der Dunst.
Auf schlagen die Flammen
unserer Kunst.

Ihr andern werdet sichrer immerdar.
Ich werde fragender von Jahr zu Jahr.

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AUS EINER LITERATURGESCHICHTE NEUERER DEUTSCHER LYRIK

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Von Christian Morgenstern

… Bald spricht der Dichter vom »wogenden Meere«, bald von »des Firmamentes blauer Wölbung«, bald wieder sieht er »blumengemusterte Wiesen« oder »mondige Teiche«. Wie treffend ist es, wenn er von »des Waldes unzähligen Bäumen« redet, wie richtig empfindet er, wenn er ausruft: »O Liebe, gleichst du nicht des Stromes Welle!« Jetzt ergeht er sich auf der Alpen »schneebedeckten Spitzen«, jetzt ruht er hingelagert, »wo der Salzflut Tränenwoge monoton den Felsen schlägt«, nun jagt er – wenn auch fast nicht mehr zulässig – auf dem »Boot seines Rosses« durch »des Steppengrases flutende Bewegung« dahin, nun sitzt er in »gastlicher Laube« beim ewig jungen Liebesspiel. Oder er deutet symbolistisch auf die unerforschlichen Rätsel des Lebens, des Daseins, indem er die Schwäne in jugendlicher Kühnheit fleischgewordenen Fragezeichen vergleicht, die nur einmal sängen, nämlich wenn sie stürben, oder er schildert die Liebe gar ergötzlich als eine Zwiebel mit vielen Häuten. Wie schön auch, wenn er von der altehrwürdigen Eiche der Poesie redet, in deren Schatten wir alle genießend wandelten, wie ergreifend seine tiefe deutsche Frömmigkeit und sein echter deutscher Patriotismus, wie sie sich in dem Schlußchoral: »O Gott, bleib unserm Deutschland treu / Daß sich die Menschheit weiter freu / An seiner Tiefe, Macht und Kraft, / Kunst, Technik, Wandel, Wissenschaft usw.« offenbaren. Wir erblicken in diesem jungen Dichter, in diesem werdenden Poeten nicht nur eine bloß augenblickliche Blüte des deutschen Dichterwaldes, sondern auch glauben wir, daß er dereinst, nachdem er recht ausgegoren hat, ein Zweig an jenem goldnen Eichbaum der Kunst, des Schönen, des Wahren und des Guten werden wird, unter dessen Schatten wir es uns allen unangefochten wohl sein lassen können werden.

Aus: Christian Morgenstern, Ausgewählte Werke. Hrsg. Klaus Schuhmann. Leipzig: Insel, 1975, 472 (Erstdruck postum 1938)

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Von neuer Lyrik

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Von Christian Morgenstern

Wenn ich ein neues lyrisches Werk in die Hand nehme, so ist das Gefühl, mit dem ich es lese, das: ist es ein Buch aus der Zeit für die Zeit oder sind es Verse, die überall und allezeit werden gelesen werden, wo und wann Menschen leben, seien es Nachkommen unseres eigenen Volkes oder Völker der Zukunft, die auf deutscher – wie wir auf antiker – Kultur fußen und weiterbauen. Sind diese Verse nur für den Augenblick aktuell und interessant, verfliegend mit dem Wind, in den sie gerufen sind, oder sind sie ein Zuwachs zur Gefühls-, zur Anschauungswelt der Menschheit überhaupt. Der Gesichtspunkt erscheint hoch, wenn man die Seltenheit des Wahrhaft-Großen bedenkt, aber warum sollte man einer Zeit, da jeder dritte Mann »geistig produziert«, nicht gesteigerte Ansprüche gestatten?

Große Gesichtspunkte haben auch Richard Dehmel vorgeschwebt, als er in seinem Vorwort zu den »Lebensblättern« [Verlag der Genossenschaft Pan.] über den Menschheitswert der Kunst präludierte. Nur daß er sich aus seinen Theorien nicht die klare Ruhe dessen gerettet zu haben scheint, der weiß, er schafft für die Zukunft. Ihm fehlt die reife Nonchalance selbstsicherer Schöpfernaturen, die warten können, »bis ihr schleichend Volk ihnen nachkommt«. Das in all seiner Schwere unruhige Blut, der kurze Atem vergiftet ihm seine Kunst, zu der ihm große Gaben geworden. Sie reißen ihn hin, in einer Art von Prolog den »verehrten Leser« zu perhorreszieren, und sich durch den ganzen Charakter eben dieses Gedichtes als das zu verraten, was es voll Hitze und Gereiztheit hinwegdozieren soll. Er erklärt in ihm, daß seine Poesie nicht Gedanken- sondern Gefühlspoesie sei,

… ach, die Gedanken sind nur Ranken,
die wir arabeskenhaft flechten
um Manifeste von grundlosen Mächten.

Nun eben:»- flechten«. Gewiß! Das Trinklied z. B. entsprang der grundlosen Macht einer tollen Zechstimmung. Aber ein wirr-rankiges »Geflecht« von Bildern und Gedanken erstickt die große einfache Stimmung. Es ist kein impulsiver Ausbruch, keine Stimmungstat, kein Manifest mehr: es ist ein Grundgefühl, zusammengebrochen unter dem Kreuz des Gedankenhaften. Am großen Kunstwerk ist Stimmungskem und Geflecht nicht zu unterscheiden; vielmehr: Das Gedankliche und Bildliche wächst organisch aus der ganzen Stimmung heraus, das Gefühl schafft, gebiert sich selbst seinen Körper, wird nicht erst in einen zusammenkomponierten Leib eingewandet. Man lese Hartlebens »Ein Lied vom Wein«. Da ist Seele und Leib eins. Auch er denkt in ihm an dies und das, aber seine Gedanken klingen wie ferner Gesang zu einem einzigen langgedehnten Geigenton. Dehmels Gedanken stoßen sich hart, wie Perlen auf Schnüre gereiht. Freilich – wie Perlen. Kann ich in seinem Buche im allgemeinen die Stimmung nicht finden, so empfinde ich um so mehr hinter vielem einen echten, heißen Künstlerwillen, eine eigenartige Phantasie und eine starke Zucht zur Form und Intensität des Ausdrucks, die seine Verse freilich oft anstatt klarer nur noch dunkler gestaltet, eine Eigentümlichkeit, welche – beabsichtigt oder nicht – bereits von ihren Vorläufern her bekannt ist. Einige der schönsten Gedichte der »Lebensblätter« werden noch aus unserer Zeitschrift vom Januar 1894 her in Erinnerung sein, darunter das überaus reizende Kinderlied »Fitzebutze«. Im gleichen liebenswürdig humoristischen Stil, der bei Dehmels grübelndem Ernst doppelt überrascht, sind die Schelmgedichte an Peter Hille und Paul Scheerbart, die Kringelreime und die Christnachtszene. Die »Lebensblätter« sind naturgemäß ruhiger, beschaulicher als die früheren Werke, und Gedichte wie »Befreit«, »Auf See«, »Herr und Herrin«, »Vierter Klasse«, »Bergpsalm«, »Der Stieglitz«, »Ein Blick«, »Erste Hoffiiung«, »Vor Ostern«, »Lied an meinen Sohn« zeigen Dehmel von seiner besten, im guten Sinne charakteristischsten Seite. Von seinen großen Phantasien bewundere ich »Jesus und Psyche« als die tiefste, »Ein Heinedenkmal« als die geistreichste. Seine »bedenkliche Geschichte« hat mich ebenso eigenartig berührt wie seinerzeit bei aller Verschiedenheit der Form und des Inhalts – das Prosastück »Die drei Schwestern« in »Aber die Liebe«. Dehmel ist von allen Dichtem der Gegenwart vielleicht am schwersten zu beurteilen. Er zieht ebenso stark an wie er abstößt; man muß ihn einen bedeutenden Künstler nennen und wendet sich ebensooft tief unbefriedigt von ihm. Oder ist »man« nur »ich«? Die Zukunft wird darüber entscheiden, und sie wird auch Gelegenheit dazu haben; denn wenn auch nicht alles: -–Einiges (zumal aus »Aber die Liebe«) wird doch trotz allen Gedankenballasts und aller Un-Naivität in weite Menschenzukunft hineindauern.

Von Felix Dörmanns letztem Buche dürfte man dies kaum behaupten können. Es ist ja aber auch bei weitem nicht sein bestes. Das hat er in seinem »Neurotica« gegeben. Die ekstatische Don-Juan-Poesie von damals ist verraucht, und ein müdes »Gelächter« – so nennt er die neue Sammlung [Verlag von Baumer und Ronge Leipzig 3. Aufl.]  – ist ihr Nachhall.

Verstoben der brausende Überschwang
Der selige Sturm verweht.
Die friedlichen Alltagsstraßen entlang
Ein trauriger Spötter geht…

Wenn man nur wüßte, wieviel von diesem Eiron- und Byronisieren echt und wieviel Koketterie ist. Nicht sosehr Koketterie im unehrlichen Siime als vielmehr in jenem unbewußter Lust an der melancholischen Maske, allzu williger Hingabe an Tuberosenstimmungen und Dekadentenjammer, so wie die Hypererotik seiner früheren Werke etwa Paprika-Poesie hätte genannt werden können. Neue Töne klingen in diesen Versen nicht auf; es ist Stimmungslyrik intimer, aber enger Art. Eine leichte Blutwärme strömt durch viele der kurzen Lieder und gibt ihnen etwas Sangbares. Manches hat Heines schwermütige Bild- und Klangfarbe, wie das Gedicht »Hörst du das ferne Weinen?«, manches jenen desillusionierenden Charakter des »Mein Fräulein, sei’n Sie munter, das ist ein altes Stück«, wie Gedichte aus der »zweiten Reihe«. In Dörmanns Lyrik fehlt die Mannigfaltigkeit des großen Lebens; er spielt immer nur auf einer Saite. Die eintönige Musik schmeichelt sich uns ins Ohr, ja sie geht uns oft zu Herzen, daß wir traurig werden; aber diese Trauer ist keine fruchtbare, große Ergriffenheit, keine tragische Erschütterung. Es ist die weiche, erschlaffende Melancholie des Stimmungsmenschen unserer wirren Zeit, die uns in ihren gefährlichen Bann lockt.

Verwandt, aber ungefährlicher, ist die Melancholie Carl Busses, dessen »Gedichte« [Verlag von Pierson Dresden. 2. Aufl.] diesen Sommer zum drittenmal aufgelegt worden sind. Man wird sich über die Tatsache der dritten Auflage nicht zu sehr wundern. Wie sie so vor mir liegen im schlichten; blaugrauen Kartoneinband, oben in der linken Ecke die Nachtigall im Gezweig, in der Mitte ein paar Schwalben und rechts unten die mondige Flußlandschaft im Rahmen von Vergißmeinnicht, so mögen sie manches jungen Mädchens, mancher jungen Frau zierlichen Schreibtisch schmücken und weiß Gott wo überall im deutschen Land stiller Naturen herzliche Freude sein. Carl Busse wendet sich an das, was die Deutschen »Gemüt« nennen. Und damit hat er seine Landsleute gewonnen. Jener jungfräuliche, wehmütige Idealismus, jenes zauberhafte Sicheinspinnen in die Träume der Liebe und das geheimnisvolle Weben der Natur – ist es nicht wie ein Märchenbrunnen, zu dem der Deutsche immer wieder zurückflüchtet, gleich als ob er in dieser Flucht einen Ausgleich suchte für seine weltbürgerlichen Ideen und exotischen Begeisterungen? Und, weil es nur ein Ausgleich ist, dürfen wir uns solchen Stimmungen hin und wieder überlassen, ohne Gefahr zu laufen, kleingefühlig und sentimental zu werden. Unser Volk ist so reich und stark, daß es alle Arten von Poeten gebären darf. Wird es doch von Zeit zu Zeit auch immer wieder solche hervorbringen, die bei allem ihrem Gemüt über diesem Gemüt »noch eine Höhe« haben.

Es wäre mir eine frohe Aufgabe, im Anschluß hieran Otto Erich Hartleben als einen vom Stamme dieser Letzten, charakterisieren zu können. Da jedoch seinen Werken bereits ein Aufsatz gewidmet worden ist, muß ich mich damit begnügen, in diesem Zusammenhang auf sein Buch »Meine Verse« [Verlag S. Fischer, Berlin] nochmals hinzuweisen. Gleicherweise sei hier das jüngste Werkchen Otto Julius Bierbaums, das lyrische Singspiel »Lobetanz« [Verlag der Genossenschaft Pan.] nochmals genannt.

Waren die bisher erwähnten Namen sozusagen aktuell, bezeichneten sie Vertreter der jüngst-deutschen Lyrik, so gehören die Namen Carl Spitteler und Peter Merwin älteren Dichtern an. Beide kultivieren die Ballade und jeder in einer andern meisterhaften Art. Von Peter Merwin (Wilhelm Schubert), auf dessen »Pessimistische Gedichte« seinerzeit hier hingewiesen wurde, ist ein »zweites Bändchen« [Verlag von Wilhelm Friedrich, Leipzig.] unter dem gleichen Titel erschienen. Seine eigentümlichsten, plastischsten Balladen und Stimmungsgedichte hat er damals im ersten Bande gegeben; der eigne Zauber aber, in den mich jene volkstümliche Sprache und Anschauungsart verstrickten, weht mich auch aus diesen neuen Blättern an. Mit ein paar derben, oft nur roh behauenen Worten und Sätzen stellt der Dichter eine Gestalt vor uns hin, etwa einen verlumpten Kerl, der wie ein Waldmensch jahrelang im Busch gelebt –

Umhängt von Fetzen, hemdlos; – einzig glüht
Das Aug aus struppgem Haarwald; spähend sieht
Der Fuß aus Stiefels Spalten…

oder er zeichnet im »Feuerpeter« einen armen Teufel, den de Wahnsinn erfaßt hat, einmal den weltbrandentfesselndcn Gott zu spielen –

Holz reiben auf Holz: hei, schöpferisch Werden!
Ich schaffe, ich ärmstes Geschöpf auf Erden;
Zu wollen nur brauch ich, ich schaff aus dem Nichts
Die wilde Seele des Feuers, des Lichts.

Während Carl Spitteier im Schwung seiner formenschönen Balladen vor allem die Historie und im besondem die Antike neu belebt, gräbt Merwin, einförmiger, seine Stoffe vorwiegend aus dem Boden des Schauerlichen und des Schicksalstragischen. Das Ereignis eines Lüstresturzes gibt ihm den Stoff zu einer Gedankenschuld-Tragödie, indem er als durch den frevelhaften Wunsch eines gekränkten Mädchenherzens herbeigeführt geschildert wird; die alte Geschichte vom erfrierenden Knaben, der den lieblosen Seinigen in den Wald entlaufen, erhält einen neuen Reiz und eine vorwurfsvollere Bedeutung durch die reiche Christnacht, die der ganze Forst um ihn feiert. »O wär er doch lieber —!«, »Des Sees Erzählungen«,»Ein  Gegenüber«, »Prinz fin de siècle«,»Einsam in der Menschenherde« –: das alles sind ganz seltsame, eigenartige Bilder, Träume und Stimmungen unter manchem freilich auch weniger gelungenen. Zu dem ergrauten Magdeburger Poeten, dem sicli ein an Schmerz und Entsagung reiches Leben in wahrhaft pessimistische Lieder und Phantasien ausgestaltet, bildet der Schweizer Carl Spitteler einen vollkommenen Gegensatz. Seine »Balladen« mögen wohl unter ähnlichen Verhältnissen gekeimt und gediehen sein wie die Heldenlieder seines großen Landsmannes Conrad Ferdinand Meyer: im stillen Studiergemach vielleicht, inspiriert und gesegnet von Reliquien aller Jahrhunderte, die von reichen Wänden auf den kraftfrohen Gestalter herabsahen. Eine grandiose Phantasie schöpft in diesen Zyklen aus den tiefen Quellen des Kosmos, des Götter-Mythos, der Legende, der Helden- und Minnesage, der vaterländischen Begeisterung und der freien Erfindung. Alles in strenggefugtem, alt-solidem Versgefüge. Eine Kunst, die Muße zur Form hat, ein Schaffen, das außer der Zeit steht und sich seine kleine Gemeinde durch Generationen hindurch langsam sammelt. Eine Kunst, die alle Schlagworte (die.gleich allen öffentlichen Meinungen auch nur »private Faulheiten« sind) vergessen lehren und daran erinnern kann, daß im geistigen Schaffen der Menschheit über alle Schulbegriffe hinaus nur das Persönliche Wert hat. Einzelnes aus dem Reichtum dieser Balladen zu zitieren wäre allzupeinliches Stückwerk. Sie müssen – ein (schwächeres) Drittel abgerechnet – als ungeteilte Gemälde und Szenen genossen werden, um in ihrer edlen Kraft und Größe zu wirken. Ich habe ein Gefühl vor diesem Buche: Es müßte ein Lieblingsbuch deutscher Jünglinge werden, und von »Cyrus Ende« und »Die drei Rekruten« müßte jeder so heiß und groß werden, daß man seiner Generation nicht mehr sagen kann, was Spitteler am Schlüsse seines Bandes unserer Zeit sagt:

Es ist kein Mannesmark, es ist ein Teig,
Mit Fäusten tapfer, an Charakter feig.
Es fehlt der Mut, der im Gewissen sitzt,
Der freie Geist, der frisch die Wahrheit blitzt.
Duckmäuser hinter die Moral versteckt.
Blinzelt ein jeder pfiffig nach Respekt.
Mit Anstand ist ihr Muckerherz befrackt;
Heucheln, das Wort klingt schlecht, drum nennt man’s Takt.

Wenn ich daran gehe, meine Revue, die bei Richard Dehmel begann, bei Johanna Ambrosius und Katharina Koch zu beschließen, bin ich mir heiter der Gegensätze bewußt, die ich da, über die vorliegenden Erscheinungen berichtend, unter die Haube eines Aufsatzes zu bringen gezwungen bin. Und doch kann man kaum sagen: hier steht Naturmensch gege Kulturmensch. Denn auch die – verwunderlich glatten – Verse der ostpreußischen Volksdichterin sprechen allzuoft wie wohlerzogene Kultur spricht, die für jedes menschliche Gefühl schon von vornherein ein Versmaß, einen Bild- oder Gedankengemeinplatz parat hält. Ich weiß nicht, ob man gut tut, eine Dichterin wie die genannte als »Naturdichterin« von anderen zu unterscheiden. Jeder Poet, der ehrlich ausspricht, was ihn bewegt, ist ein Naturdichter, ja er ist es um so mehr, je ungekünstelter, impulsiver sein Herz sich entlädt. Das, was dem großen Publikum an der Lyrik Johanna Ambrosius’ gefällt, ist, glaube ich, gerade die – Kultur in ihr, das Konventionelle, Altvertraute. Ich würde es mir nicht verzeihen können, über diese Lebensblätter eines einsam und ehrenvoll kämpfenden, warmherzigen Weibes ein mißgünstiges Wort zu sagen: nicht gegen sie, die zumeist nach den künsderisch bescheidenen Vorbildern eines Familienblatts ihre Leiden und Freuden in wohlgeregelte Strophen faßte, wende ich irgendeinen Vorwurf, sondern allein gegen diejenigen, welche bei der Erscheinung einer solchen Dorfpoetin plötzlich vergessen zu haben scheinen, daß ihr Los kein andres ist als das vieler deutscher Dichter von ehedem und heute und daß ihre schlichten, innigen Lieder als menschlich schöne Dokumente einer schlichten, innigen Frauenseele wohl einen stillen, beseligenden Wert haben und behalten mögen, aber doch schwerlich als eine Tat in unserer Literatur proklamiert und als sogenannte »Naturpoesie« nicht überschätzt werden dürfen.

Eine ähnliche Erscheinung wie Johanna Ambrosius, deren Schicksal edle Teilnahme so willig verschönt hat und hoffentlich noch weiter verschönen wird, ist die jüngst verstorbene Katharina Koch, aus Ortenburg in Niederbayem. Sie hat nicht die Anmut und Sinnigkeit ihrer Gefährtin, sie ist eckiger und karger, Ihre Hauptgedichte sind geistlicher Art, teils im Kirchenliederstil, teils »unbehauene Steine«, die in ihrer biblischen Sprache etwas Großes haben. Ein Gedicht von ihr, »Drei Wünsche«, werde ich nicht vergessen. – »Einen Kronenerben möcht ich säugen…«, »Eines Fürsten Hofnarr möcht’ ich heißen…«, »Eines Helden Kraft möcht’ ich besitzen!…« Solche Ammen könnten wir brauchen.

Beide Dichterinnen hat der unermüdliche Professor Karl Schrattenthal (Preßburg) entdeckt und in die Öffentlichkeit geführt. Man muß ihm hohen Dank wissen, unzweifelhaft! Aber nochmals: Diese Episoden, diese Idyllen in unserer Literatur dürfen nicht zu epochemachenden Ereignissen emporgewertet werden. Was wir brauchen, sind große Persönlichkeiten; in ihnen allein spricht Natur ihre tiefste Sprache, gärt Chaos, Urkraft, ewige Menschheitsjugend.

Aus: Christian Morgenstern, Ausgewählte Werke. Hrsg. Klaus Schuhmann. Leipzig: Insel, 1975, S. 518ff

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Viten

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Konstantin Ames, Jg. 1979, erlebt Berlin als Dichter und Poesieschützer; sucht und findet Gedichte, die nicht meritokratisch ticken.

Kristin Bischof, Jg. 1984, lebt als Pädagogin und Philologin in Berlin; ihre „Lektüre mit Wissenschaftsgeschichte von Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (zgl. Diss. an der Universität Osnabrück) erschien 2020 bei Wallstein. Bischof forscht schwerpunktmäßig zur Gegenwartsdichtung und ist Mitbegründerin der polyglotten Zeitschrift Limen.

Crauss, Jg. 1971, lebt in Siegen als Dichter, Kulturpädagoge und Medienkünstler. Zuletzt erschien das Poesiebuch „die harte seite des himmels“ (Verlagshaus Berlin 2019) und der Sammelband „blackbox“ mit Gedichten und Übersetzungen seiner Gedichte ins Englische und Mazedonische (Slavokult 2021), Crauss war langjährig Redakteur der Kritischen Ausgabe; sein Appell an uns: „poetisiert euch!“
www.crauss.com

Wolfram Malte Fues, Jg. 1944, er war von 1994 an bis 2011 Extraordinarius für Neuere dt. Literatur und Medienwissenschaft an der Universität Basel; zahlreiche Forschung zur literarischen Moderne sowie zeitkritische Essayistik. Sein dichterisches Werk umfasst sieben Gedichtbände, zuletzt erschien 2019 „Unsanfte Bilder“ (Lyrikedition 2000). Fues ist Mitinitiator des Lyrikfestivals Basel.
Wolfram Malte Fues

Michael Gratz, Jg. 1949, ist Herausgeber von Lyrikzeitung & Poetry News (seit 2001) und Lyrikwiki und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Literaturtheorie der E.M.A.U. Greifswald und im Wolfgang-Koeppen-Archiv. Zum 400. Geburtstag der Greifswalder Barockpoetin Sibylla Schwarz hat Gratz ihr Werk editiert, es erscheint beim Verlag Reinecke & Voß.

Norbert Gutenberg, Jg. 1951, lebt in Saarbrücken im Department Grand-Est. Als Lehrstuhlinhaber für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung der Universität des Saarlandes (bis 2016) initiierte er die Reihe „Gedicht des Monats“ und zuvor das „Poesietelefon“; zahlreiche Forschung zum Gedichtsprechen und zur ästhetischen Kommunikation.

Simone Kornappel, Jg. 1978, lebt als Medizinerin, Autorin-Künstlerin und Übersetzerin (u.a. der Lyrik Leonard Cohens) in Berlin. Sie ist Mitbegründerin des stilprägenden Magazins randnummer

Kerstin Preiwuß, Jg. 1980, lebt als Autorin in Leipzig. Sie promovierte ebendort mit einer onomasiologischen Arbeit zur „Semiose von Ortsnamen in Zeit, Raum und Kultur: die Städte Allenstein/Olsztyn und Breslau/Wrocław“ (Timme & Frank 2012). Zuletzt erschienen im Berlin Verlag der Roman „Nach Onkalo“ (2017) und der Gedichtband „Taupunkt“ (2020).
Kerstin Preiwuß

Zé do Rock, Jg. 1956, Autor und Kosmopolit. Zé do Rocks Live-acts sind Kult. Verkrustungen und Kulturklischees setzt er sein Ultradoitsh entgegen. Buchveröffentlichungen (u.a.): „Deutsch gutt sonst geld zuruck“ (Kunstmann) und „fom winde ferfeelt“ (Piper). Even Jörg Drews was amused. Zé do Rock lebt z.B. in Stuttgart und München.
Zé do Rock

Armin Steigenberger, Jg. 1965, ist Dichter, Literaturkritiker, Ex-Architekt in München und seit zwanzig Jahren Redakteur des dort erscheinenden Literaturmagazins außer.dem; letzte Buchveröffentlichungen sind die Gedichtbücher „das ist der abgesägte lauf der welt“ (edition offenes feld 2020) und „die fortsetzung des glücks mit anderen mitteln“ (horlemann 2014).
Armin Steigenberger

Elisabeth Wandeler-Deck, Jg. 1939, studierte Architektur, lebt am Rand von Zürich und stellt zentrale Fragen zu diesem zentralen Thema (Rand, nicht Zürich). Wandeler-Deck ist Autorin, Reisende, und durchführende Künstlerin, (und all das) auch in ihren Büchern, zuletzt erschienen „attacca holdrio“ (edition sacré 2019) und „visby infra-ordinaire“ (edition taberna kritika 2018)
Elisabeth Wandeler-Deck

Markus R. Weber, Jg. 1963, lebt in Mannheim, wurde mit einer Arbeit über Paul Kornfeld promoviert. Zuletzt erschienen die Bücher: „vor augen: Gedichte“ (Brueterich Press 2017) und „Extremisten: 16 Augenzeugenberichte“ (Rhein-Mosel-Verlag), lexikographische Arbeiten für das Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

 

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Ecce Civis

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Von Christian Morgenstern

ECCE CIVIS
Ein bürgerliches Drama
Um 1898

HANDELNDE
Eine Kiste Zigarren
Eine Schachtel Zigaretten
Ein mit zwei Kuverts gedeckter Esstisch
Eine grosse gedeckte Gesellschaftstafel
Ein Tablett mit Kaffeegeschirr
Ein Tablett mit Wein
Ein Tablett mit Bier

Parfümflaschen, Tüten mit Konfekt, Löffel, Messer, Gabeln, Kohlenschaufeln, Schmapsservice, große und kleine Brotkörbe, Ausguß, Wasserhähne, Putzlappen, Korkzieher, Zuckerdose usw. usw. nach Bedarf und Belieben. Dazugehörige Personen.

ERSTER AKT
Ein hübsches Junggesellenzimmer.

ERSTE ZIGARRE läßt Ringel zur Decke steigen. Der dazugehörige Herr sagt etwa : Wo nur die Fanny heut so lang bleibt! Läßt sich vom Zimmer zu schaffen machen.
MEHRERE TELLER klappern.
GABELN klirren.
EINE TÜTE MIT DATTELN wird irgendwo versteckt.
EINE FLASCHE SEKT knallt. Der dazugehörige Diener sagt etwa‘: Bleibt heut das Fräulein aber lang!
  Nach einer Weile klopft es, und die Erwartete kommt.
EINE ZIGARETTE fängt an zu brennen. Der dazugehörige weibliche Mund sagt etwa: Du hast wohl heut etwas warten müs­sen, Fredi.
DIE ZIGARRE: Du machst dir eben nichts aus mir.
DIE ZIGARETTE: Ach geh, was du dir auch immer einbildst; Komm, eß mer. Man setzt sich zu Tisch.
DAS GESAMTE TISCHGERÄT entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt Bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.

ZWEITER AKT
Ein Salon.

Eine Menge Zigarren und Zigaretten mit dazugehörigen Personen beiderlei Geschlechts kommt aus dem im Hintergrund durch eine breite Flügeltür sichtbaren Speisesaal, nicht jedoch ohne des öftern dahin zurückzukehren, ein Glas Wein, ein Stück Torte zu sich zu nehmen, einen Toast auszubringen oder dergleichen.

ERSTE ZIGARRE: Das mit der Huber soll also wirklich wahr Sein?
ZWEITE ZIGARRE: Meine Frau hat die zwei mit eignen Augen –
EINE ZIGARETTE: Mit eignen Augen!
EIN STÜCK TORTE: Um Gottes willen, seid still! Dort kommt er!
MEHRERE ZIGARREN UND ZIGARETTEN: Pst! pst! pst!
DRITTE ZIGARRE in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Guten Abend, meine Damen und Herren!
SÄMTLICHE ZIGARREN UND ZIGARETTEN: Guten Abend, Herr Müller.
ZWEITE ZIGARRE UND DRITTE ZIGARETTE zugleich: Bitte, meine Herrschaften, der Kaffee!
EIN TABLETT MIT KAFFEETASSEN beherrscht auf längere Zeit die Situation.
Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann.

DRITTER AKT
Ärmliche Giebelstube.

EINE ZIGARETTE sitzt mit dem dazugehörigen Fräulein Fanny vor einem Tisch.
LÖFFEL, MESSER, GABELN lassen sich von ihr putzen und führen eine Weile das Wort.
EINE ZIGARRE in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Grüß dich Gott, Fanny!
DIE ZIGARETTE: Jessas, Fredi, wo kommst denn du jetzt her?
DIE ZIGARRE: Es mußte sein. Aber erst schaff mir was zu trinken, ich bin wie ausgedorrt.
DIE ZIGARETTE: Ich hab bloß Bier da.
DIE ZIGARRE: Schadt nichts. Gib nur her! Fanny – zwischen uns muß Es aus sein. Schenkt Bier ein.
DIE ZIGARETTE zitternd: Ich hab mir’s ja gedacht.
DIE ZIGARRE paFFend: Also machen wir’s kurz.
DIE ZIGARETTE liegt mit dem Kopf auf dem Tisch.
DAS BIERGLAS trommelt.
DIE LÖFFEL, MESSER UND GABELN machen einen nervösen Lärm. Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab, an deren Schluß das Ende des Stückes steht.
DIE ZIGARRE MIT ZUBEHÖR verschwindet von der Bühne.
DIE ZIGARETTE erlischt.

Der Vorhang fällt.
Ende.

Aus: Christian Morgenstern, Ausgewählte Werke. Hrsg. Klaus Schuhmann. Leipzig: Insel, 1975, S. 455-457

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Heute vor 400 Jahren

war die Frau des Greifswalder Bürgermeisters Christian Schwarz oder auch Schwartz hochschwanger. Man schrieb den 14. Februar 1621, aber nur in Rom, Köln oder Berlin, wo bereits seit vielen Jahren der gregorianische Kalender galt. Anderswo, in London, Stockholm oder Greifswald, wo man den neumodisch-papistischen Kalender nicht mitgemacht hatte, schrieb man nach dem guten alten julianischen Kalender erst den 4. Februar.

Da es sich kompliziert anhört, hier eine vereinfachte Tabelle:

 Heute  Sonntag, 14. Februar 2021
 Vor 400 Jahren  Sonntag, 14. Februar 1621 greg. / 4. Febr. jul.

(In Klammern lesen nur ganz Hartgesottene weiter! Vereinfacht ist diese Tabelle deshalb, weil das julianische Jahr länger war als das gregorianische – so sehr, dass er in 100 Jahren um einen ganzen Tag weiter war. Heute vor 400 julianischen Jahren war Mittwoch, der 10. greg. / 1. jul. Verwirrung komplett?)

Also noch einmal, heute vor 400 Jahren war Regina Schwarz, geb. Völschow, hochschwanger, der Hausarzt sagte eine Geburt in etwa zwei Wochen voraus. Wir Heutigen aber, wir erklären das ganze 400. Jahr zum Jubeljahr.. In Greifswald wird man das ganze Jahr hindurch feiern, und vielleicht nicht nur hier. Vor vier Wochen erschien der erste Band einer zweibändigen kritischen Werkausgabe, heute gedenken wir der Jubilarin erneut. Dirk Uwe Hansen, der zusammen mit Berit Glanz eine Anthologie mit dem schönen Titel „… und bey den Liechten Sternen stehen. Gedichte zu Sibylla Schwarz‘ 400. Geburtstag“ herausgibt (sie erscheint im Mai bei Reinecke & Voß), war so freundlich, mir schon einmal eine Kostprobe zu geben.

Lara Rüter

will in den wald und mit dianen jagen

übern brüsten fell von feinden tragen, gras am boden
bürstet den bogen. diana chillt im pool, verhext den spiegel.
ihre nymphe sein, cool. ich bin nur ich. mir fehlt der rand
an meiner hemmungslosen weiblichkeit, doch wie viele
brüste stützen mich. wie nackt das eigne auge blickt
auf einen embryo, der hinterm nabel zwickt. auf fretow’s rosen
toll, aus ihrem rot entrollt sich das theaterstück. krieg. trolle.
göttinnen und mama, die weint um mich. ist lieben keusch? —
wie sterben. zurück, wohin ich flieh. nicht zum friedhof
wo ich brav sein wollte zu soldaten. in leisem glück ein netzlein
stricken, ehekeusch. oh, love, no. lacht mir ins maul, diana
dabei will ich doch auf schlangen schlafen, basilisken reiten, ja
faul und matt in den wald geworfen. bin bäume, bogen, fell.
bin hirsch, bin hund, bin wind, bin zahn, bin blind, bin spannerin
bin meine beute, jägerin, bin wind, bin wind, bin wind, bin wind

zu Sibylla Schwarz’ 400. Geburtstag

Mit Dank an Lara Rüter und die Herausgeber.

 

Pantokrator

Sergej Jessenin

(Сергей Александрович Есенин, * 21. September jul./ 3. Oktober 1895 greg. in Konstantinowo, Gouvernement Rjasan, Russisches Kaiserreich; † 28. Dezember 1925 in Leningrad)

PANTOKRATOR IV

Ja, blutrotes Traumpferd, erscheine
In die Gabeldeichsel der Welt
eingespannt! Ach, selbst die reine
Milch ist mir lang schon vergällt.

Streu über pazifische Ferne
dein Wiehern und – zögere nicht!
Als Glöckchen nimm dir die Sterne,
kaltes und klirrendes Licht.

Greif als Kummet den Regenbogen,
den Polarkreis als Sattelschnur.
Dann los!, die Erde gezogen
auf eine andere Tour!

An unseren Erdball, den schweren,
gefesselt mit Mähne und Schwanz,
spreng durch die Wolkenbarrieren
in jenes Land voller Glanz …

O ihr Guten im Paradiese!
Schockiert sieht die ölige Schar
der Seligen von ihrer Wiese:
Wir stürmen den Himmel sogar!

Februar 1919

Deutsch von Adolf Endler

Aus: Sergej Jessenin, Gedichte. russ./dt. Leipzig: Reclam, 1975 (3., veränd. u. erw. Aufl.), S. 91

Pantokrator (griech. παντοκράτωρ, dt. auch Pankrator) bedeutet All- oder Weltenherrscher. (Wiki)

In der 1. Auflage stand eine ältere Übersetzung:

PANTOKRATOR IV

Steig hernieder zu uns, rotes Pferd,
und dann spann dich ein ins Geschirr der Erde!
Wie bitter wurde all unsre Milch
unterm brüchigen Dach der Zeit.

Weit übers Wasser daher
o gieße uns dein dumpfes Geschnaub
und glockenhell mit dem Stern gieße aus
seinen kalten Glanz ohne Stemenstaub!

Häng dir den Regenbogen als Krummholz um,
den Polarkreis ans Geschirr geschnallt,
so zieh unsere Erde nur bald
heraus auf eine andere Spur.

Fahr los mit der Mähne des Morgenrots,
häng die Erde dir an den Schwanz,
in die Höhen, über den Wolkenkranz
jag hinein in ein glückliches Land!

Mögen, die selig sind mit der Lampe,
im Himmel uns trinken lind
auf ihren Feldern von weitem schon sehen,
daß wir zu ihnen als Gäste kommen und winken.

Deutsch von Adelheid Christoph.. Jessenin, Gedichte russ./dt. 1. Aufl. 1965, S. 95

Пантократор 4

Сойди, явись нам, красный конь!
Впрягись в земли оглобли.
Нам горьким стало молоко
Под этой ветхой кровлей.

Пролей, пролей нам над водой
Твое глухое ржанье
И колокольчиком-звездой
Холодное сиянье.

Мы радугу тебе — дугой,
Полярный круг — на сбрую.
О, вывези наш шар земной
На колею иную.

Хвостом земле ты прицепись,
С зари отчалься гривой.
За эти тучи, эту высь
Скачи к стране счастливой.

И пусть они, те, кто во мгле
Нас пьют лампадой в небе,
Увидят со своих полей,
Что мы к ним в гости едем.

1919

Zwei Textbilder von Rühm

Gerhard Rühm

(* 12. Februar 1930 in Wien)

Schreibmaschinenideogramm (1954-1957) Aus: Gerhard Rühm, Visuelle Poesie. Innsbruck: Haymon, 1996, S. 29

Schriftzeichnung (1989), ebd. S. 177

Dämmerung

Else Lasker-Schüler

(* 11. Februar 1869 in Elberfeld; † 22. Januar 1945 in Jerusalem)

DÄMMERUNG

Ich halte meine Augen halb geschlossen
Graumütig ist mein Herz und wolkenreich
Ich suche eine Hand der meinen gleich
Mich hat das Leben, ich hab es verstoßen
Und lebe angstvoll nun im Übergroßen
Im irdischen Leibe schon im Himmelreich.
Und in der Frühe war ich blütenreich
Und über Nacht froh aufgeschossen
Vom Zauber eines Traumes übergossen
Nun färben meine Wangen meine Spiegel bleich.

Aus: Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte. Hrsg. Friedhelm Kemp. München: Kösel, 1984, S. 259

Hoffnung 3000

Eine Art kommunistischer Utopie aus dem Gedicht „Hoffnung 3000“ von Margarete Hannsmann, die heute vor 100 Jahren geboren wurde.

Margarete Hannsmann

(* 10. Februar 1921 in Heidenheim an der Brenz; † 29. März 2007 in Stuttgart)

(…)

Jede Frau darf zwei Kinder haben
von wem sie mag und ihr Recht aufs Gebären
abtreten an eine die mehr haben möchte
und sich zusammentun oder nicht mit dem Mann
und muß die Kinder nicht aufziehen doch
wenn sie es will läßt man sie’s ohne Not tun

Keinesfalls seh ich Geld noch Vergleichbares
Wein und Korn und alle Früchte
baut jeder an der Freude dran hat
gibt und nimmt
ein Gewand
einen Tisch immer wird bleiben daß welche was gern tun
mit der Hand
mit dem Kopf
eine Laute schlagen
Bücher auf alten Maschinen drucken
immer wird da einer sein der schreibt

(…)

Aus: Margarete Hannsmann, Spuren. Ausgewählte Gedichte 1960-1980. Mit 8 Holzschnitten von HAP Grieshaber. Leipzig: Reclam, 1981, S. 114