Ich habe recherchiert. Der Band des slowakischen Dichters Hviezdoslav enthält eine ganze Reihe Anmerkungen, aber fast keine zum zweiten Sonettenband, „Blutige Sonette“, aus dem das Gedicht von gestern stammt. Aber ich fand, was ich suchte, in der Weltbibliothek des WWW. Hviezdoslavs Gedicht bezieht sich auf Puschkins Gedicht „An die Verleumder Russlands“. Ich las es nicht ohne Betroffenheit, weil es sich so aktuell liest. Mancher Streit, den ich in den letzten Jahren um Themen Russlands und der Ukraine mit Facebookfreunden und „-freunden“ hatte, findet sich bei Puschkin gespiegelt – meine „Gegner“ hätten Puschkin zitieren können, um mir zu antworten. Ich habe um 2014/15 manchmal auch auf russischen Seiten versucht, mitzudiskutieren. Puschkin: „Laßt uns: dies ist ein Streit … Von Slawen unter sich … Und eine Frage, der – ihr nicht gewachsen seid.“ Peng! Michael, du verstehst die slawische Seele nicht! oder auch: „Deine Seele ist viel zu klein“, wurde mir ein paar mal gesagt. Und ein Greifswalder Bekannter sagte zu meiner Frau: „Ihr Mann ist eben für die Ukraine, ich für Russland!“ (Sie hat ihn abblitzen lassen.) So schematisch Pro und Contra, wie „man“ eben heute diskutiert. (Ich glaube nicht, dass er viele russische Dichter gelesen hat, oder gar ukrainische. Er meinte eigentlich pro und contra Putin!)
Ein „innerslawischer Streit“, das war für Puschkin damals leider der polnische Aufstand von 1830/31, für Puschkin „des Polen Schändlichkeit“. Die Westler verstehen nichts davon und sollen den Mund halten, peng! Puschkin so: „Des Polen Dünkel, Rußlands Treu.“
Meine kleine Seele dazu: man muss natürlich auch die anderen Slawen, die Ukrainer, Polen oder Slowaken zum Beispiel, fragen, ob sie in das Russenmeer münden wollen.
Der Band „Puschkin, Gedichte Poeme Eugen Onegin“ von 1947 aus dem SWA-Verlag (ein Verlag der sowjetischen Militäradministration in Ostdeutschland) kommentiert das ausführlich. Puschkin meine nicht den Zaren, er spreche als „aufrichtiger Patriot“. In dem Gedicht umreisst er Russlands Grenzen von Polen bis zur chinesischen Mauer, von „Finnlands Eisgranit zu Kolchis‘ Sonnengluten“, „von Perm bis Tauris‘ Fluten“. Nicht alles „Slawen unter sich“, von Finnland bis Georgien, Tauris, das ist die Halbinsel Krim, wo zu Puschkins Zeit Krimtatarisch noch viel verbreiteter war als heute. Ismail war eine türkische Festung, die erst 1790 erobert wurde. Es war vermintes Gelände zu Puschkins Zeiten und das ist es geblieben.
Hier Puschkins Gedicht und die Anmerkungen von 1947.
AN DIE VERLEUMDER RUSSLANDS

Was soll das Wortgelärm, Tribunen fremder Staaten?
Warum mit Fluch und Bann wollt Rußland ihr verraten?
Was hat euch so empört? Des Polen Schändlichkeit?
Laßt uns: dies ist ein Streit – ein vom Geschick geweihter! –
Von Slawen unter sich, im eignen Haus der Streiter,
Und eine Frage, der – ihr nicht gewachsen seid.
Seit lange sich befeindend, prallten
Zusammen diese Stämme: oft
Erzwangen eifernde Gewalten,
Daß einer wankt, der andre hofft.
Wes Sieg wird diesen Streit beschließen:
Des Polen Dünkel, RußlandsTreu’?
Ob Slawenflüsse sich ins Russenmeer ergießen?
Ob es versiegt? – fragt man aufs neu‘.
Laßt uns: nicht lesen könnt, nicht streichen
Ihr dieser Tafeln blutige Zeichen;
Euch ist er fremd, unfaßbar ist
Euch dieser brüderliche Zwist;
Für euch der Kreml und Praga schweigen,
Doch der Versuchung Wahn erfaßt
Euch bei des Kampfes tollem Reigen
Und heimlich sind wir euch verhaßt,..
Warum? Darum, daß selbstvergessen,
Im roten Feuermeer von Moskaus Flammenbrand
Wir nicht den Willen anerkannt,
Dem ihr euch beugtet unterdessen?
Daß unsrem lohen Opfermut
Den Abgott eurer Welt zu stürzen war beschieden?
Daß knospend blüht aus unsrem Blut
Europas Freiheit, Ehre, Frieden?
Ihr führt das große Wort – versucht die großen Taten!
Meint ihr, der alte Held muß sich zuvor beraten,
Eh er das Bajonett von Ismail erfaßt?
Vermag das Russentum sein Recht nicht zu verfechten?
Nicht mit Europa mehr zu rechten?
Ward Siegen uns zu einer Last?
Sind wir gering an Zahl? Von Perm bis Tauris’ Fluten,
Von Finnlands Eisgranit zu Kolchis’ Sonnengluten,
Vom Kreml, der sturmerschüttert harrt,
Zur Mauer Chinas, des erstarrten,
Entrollte rauschende Standarten
Des Reußenheeres Reicheswart.
So sendet her, ihr Völkerführer,
Die Söldner eurer Niedertracht:
In Rußlands Feldern wartet ihrer
Nicht unbekannter Gräber Pracht.
Übersetzt von W. Groeger
Aus: Alexander Sergejewitsch Puschkin, Gedichte, Poeme, Eugen Onegin. Hrsg. W. Neustadt. Berlin: SWA-Verlag, 1947, S. 134f
AN DIE VERLEUMDER RUSSLANDS. — Geschrieben als Erwiderung auf die scharfe antirussische Kampagne in der ausländischen Presse und eine Reihe rußlandfeindlicher Reden im französischen Parlament zur Zeit des polnischen Aufstandes 1830/31. Damals wurde in den Spalten der französischen liberalen Presse die militärische Einmischimg Frankreichs in die russisch-polnischen Angelegenheiten erörtert. Obwohl nun die von Puschkin in seinem Gedicht zum Ausdruck gebrachte Auffassung sich mit der offiziellen Auffassung der Zarenregierung deckt, so kann man durchaus nicht sagen, daß Puschkin als Fürsprecher des konservativen Adels und der höfischen Kreise auftrat . Der Dichter setzte kein Gleichheitszeichen zwischen den nationalen Interessen Rußlands und dem im Zarenreich herrschenden politischen System. Er trat in seinem eigenen Namen auf, als aufrichtiger Patriot. Außerdem war er der Meinung, daß die Frage der Selbständigkeit Polens mit dem liberalen Programm überhaupt nicht in Verbindung stehe. In dieser Beziehung gesellten sich Puschkin viele Gleichgesinnte aus russischen liberalen Kreisen zu (z. B. Tschaadajew (…). Auch französische Liberale der älteren Generation trauten dem polnischen Nationalismus nicht, da sie der feudalen Vorrechte gedachten, die der polnische Adel zu erhalten bestrebt war. Andrerseits aber erfuhr Puschkins Auffassung , wie sie auch in diesem Gedicht zum Ausdruck kam, eine scharfe Verurteilung seitens mancher liberal gestimmten Freunde des Dichters. Der Widerhall des Gedichtes war gewaltig – nicht nur in Rußland, auch im Ausland. Noch im gleichen Jahr (1831) erschienen in deutscher Sprache mehrere Übersetzungen: von L. Schneider (als Einzelbroschüre), A. v. Königk, A. v. H-n (beide im »Russischen Merkur«) und eine anonyme im »WestBoten«. Übersetzungen dieses Gedichts figurieren sogar in den diplomatischen Akten jener Zeit. In späteren Jahren wurde das Gedicht übersetzt von F. Tietz (1838)/E.v. Oelsberg (1840), Fr. Bodenstedt, F. Fiedler und H.Gerschmann. In der 3. Strophe erwähnt Puschkin den Kreml und die Praga als zwei Symbole des alten Streites — »im eignen Haus der Streiter«. Damit hat es folgende Bewandtnis: 1612 nahmen die im Kampf mit Rußland stehenden Polen den Moskauer Kreml ein, aber 1794 zog Suworow … als Sieger in die Warschauer Vorstadt Praga ein. In der 4. Strophe ist die Rede von Napoleon. Ismail, eine starke türkische Festung, wurde von Suworow 1790 eingenommen. Kolchis – antiker Name der kaukasischen Schwarzmeerküste.
Ebd. S. 496f.
Anmerkung zum russischen Text, gefunden im Netz. Ich kann jetzt nicht überprüfen, ob es von diesem Gedicht verschiedene Fassungen gibt oder ob dieser Text zuverlässig ist. In der untenstehenden Fassung steht in der ersten Strophe statt „Des Polen Schändlichkeit“: „Unruhen in Litauen“.
А.С. Пушкин
К ЛЕВЕТНИКАМ РОССИИ.
О чем шумите вы, народные витии?
Зачем анафемой грозите вы России?
Что возмутило вас? волнения Литвы?
Оставьте: это спор славян между собою,
Домашний, старый спор, уж взвешенный судьбою,
Вопрос, которого не разрешите вы.
Уже давно между собою
Враждуют эти племена;
Не раз клонилась под грозою
То их, то наша сторона.
Кто устоит в неравном споре:
Кичливый лях, иль верный росс?
Славянские ль ручьи сольются в русском море?
Оно ль иссякнет? вот вопрос.
Оставьте нас: вы не читали
Сии кровавые скрижали;
Вам непонятна, вам чужда
Сия семейная вражда;
Для вас безмолвны Кремль и Прага;
Бессмысленно прельщает вас
Борьбы отчаянной отвага –
И ненавидите вы нас…
За что ж? ответствуйте; за то ли,
Что на развалинах пылающей Москвы
Мы не признали наглой воли
Того, под кем дрожали вы?
За то ль, что в бездну повалили
Мы тяготеющий над царствами кумир
И нашей кровью искупили
Европы вольность, честь и мир?….
Вы грозны на словах – попробуйте на деле!
Иль старый богатырь, покойный на постеле,
Не в силах завинтить свой измаильский штык!
Иль русского царя уже бессильно слово?
Иль нам с Европой спорить ново?
Иль русской от побед отвык?
Иль мало нас? Или от Перми до Тавриды,
От финских хладных скал до пламенной Колхиды,
От потрясенного Кремля
До стен недвижного Китая,
Стальной щетиною сверкая,
Не встанет русская земля?…
Так высылайте ж нам, витии,
Своих озлобленных сынов:
Есть место им в полях России
Среди нечуждых им гробов.
1831
Hviezdoslav
(Pavol Országh, * 2. Februar 1849 in Vyšný Kubín; † 8. November 1921 in Dolný Kubín)
Manche Lyrikfreunde erschraken, als der große russische Dichter Joseph Brodsky (Jossif Brodskij) nach der Unabhängigleit der Ukraine ein Schmähgedicht auf das „abtrünnige“ Land schrieb; andere verbaten sich Kritik am Dichter aus politischen Gründen (Nachrichten im Archiv der Lyrikzeitung). Heute ein anderes Beispiel aus etwa umgekehrter Perspektive. Der große slowakische Dichter Hviezdoslav kritisiert den verehrten russischen Dichter Alexander Puschkin, den er ins Slowakische übersetzt hatte, wegen einer politischen Haltung.
Bei Wikipedia steht: „Sein Werk wurde noch nicht ins Deutsche übersetzt, was aber auch aufgrund seiner zahlreichen Neubildungen und Wortspiele eine große linguistische Herausforderung sein dürfte.“ Das stimmt nicht ganz. 1983 erschien in der DDR ein zweisprachiger Band der Insel-Bücherei mit Sonetten, übersetzt von Dietmar Zirnstein.
Als ich darin das folgende Sonett las, war ich erstaunt, dass die DDR-Zensur es durchgelassen hatte, weil sie bei solchen nationalen Fragen heikel war. Das Sonett steht übrigens als einziges in diesem Band auch im Original in Klammern, wie nebenbei gesprochen.
(Auch du, mein Puschkin, irrst in deinem Denken,
als ob dein Geist hier krank gewesen wär:
Du willst, daß in ein großes Russisch-Meer
die Slawen-Ströme ihre Wasser lenken,
sonst trocknete das Meer-Bett aus. Wir schenken
uns nicht den Streit mit der Natur: Denn wer
lenkt wohl die schnellen Flüsse einzeln her,
und läßt sie doch in eine Richtung schwenken?
Ich sag: der Geist steigt wie das Wasser auf
als Dunst und kehrt als Regen dann zurück;
genauso nimmt Verbindendes den Lauf
und reinigt so den Sumpf von allem Schlick.
Ins saubre Meer fließt frischer Geist zuhauf,
doch jeder Strom behält auch sein Geschick.)
Hviezdoslav: Mit dem Olivenzweig kehr bei uns ein. Sonette. Leipzig: Insel, 1983, S. 111
Eine Anmerkung zur zweiten Strophe. Die zweite Zeile, im Original ohne Enjambement, die hier mit „Wir schenken uns nicht den Streit mit der Natur“ übersetzt ist, könnte wörtlich etwa heißen: „die Natur selbst streitet mit dir“ (Google führt hier in die Irre und Deepl kann nicht Slowakisch. Ich auch nicht, aber aus der Kenntnis anderer slawischer Sprachen vermute ich das – beim Adverb bin ich unsicher, aber s tebou heißt: mit dir. Man versteht den Reimzwang, aber mir scheint die Aussage hier etwas verschoben. Nicht wir streiten mit der Natur, sondern auch die Natur streitet mit Puschkin. (Hat es deshalb der Zensor durchgelassen?)
(Nie, Puškine môj, mysľou vysoký,
ty mýlil si sa, podráždením chór)‘:
Vraj, musejú sa stiecť-zliať v ruskom mori
tie naše bystré slavian-potoky,
alebo ono – vyschne ráztoky.
Už príroda, vidz! sama s tebou sporí:
má osve ich, vždy čerstvé bytia vzory;
no trvá aj ich poťah hlboký . . .
Ja myslím: duch sa rovná vode, hore
čo parou stúpa, prší návratom;
tak, vzájomstva prúd, teká po priestore,
zhŕdajúc lieňou v bahne stojatom .. .
Nuž, vyschnúť nemusí ni ducha more,
ni potoky zájsť ducha v mori tom!)
Ebd. S. 110. Original aus dem Band Krvavé sonety (1914, Blutige Sonette)
Im Februar kommt als (hoffentlich nicht nur) Greifswalder Großereignis der 400. Geburtstag von Sibylla Schwarz (24.2.1621 – 10.8.1638 unseren Kalenders (julianisch 14.2. – 31.7.). Sonst noch dies und das, wichtig der 200. Todestag von Keats (23.), vielleicht der 100. Geburtstag von Margarete Hannsmann und … Der Monat aber fängt an mit Raoul Hausmann, dem „Dadasophen“, der heute vor 50 Jahren gestorben ist.
Raoul Hausmann
(* 12. Juli 1886 in Wien; † 1. Februar 1971 in Limoges)
Für Friederike Mayröcker
Wiener Wald 1896
Als ich jung war, führte man mich in den Wiener Wald. Warum, wußten nur die Parzen, die Vater und Mutter spielten.
Man kam hin durch lange Straßen mit vielen Häusern. Das war mir unbekannt, und hieß Leopoldstadt. Ich erkannte es gar nicht, denn ich wohnte am Rennweg.
Ich kam an eine sehr lange Brücke, mit einem blauen Band nach beiden Seiten. Man sagte mir, das sei die Donau und das sei tausend Meter breit. Das konnte sein, aber ich erkannte gar nichts.
Von einem Wald war keine Rede. Was sich da ausbreitete hieß der Prater.
Man kam an ein großes rundes Gestell, das war das Große Rad. Es hingen hässliche kleine Waggons daran herum.
Die Parzen beschlossen, einzusteigen. Nach einer Weile hob sich zitternd langsam das Rad mit seiner Kiste.
Der Anblick von oben war so nach allen Seiten ausgedehnt, daß ich nicht sagen konnte, welchen Eindruck das machte. Ich erkannte gar nichts.
Auf der einen Seite waren eine Unmenge Dächer, auf der anderen Seite schien ein Wald zu sein.
Die aufgeschwebte Kiste begann langsam wieder sich zu senken. Unten angelangt, stieg man aus und ging fort, um sich an einen Tisch zu setzen. Da aß man dünn geschnittene Salami und trank Bier dazu.
Als ich jung war, führte man mich in den Wiener Wald.
Warum, wußten nur die Parzen, die Eltern spielten.
Auf mich machte das keinen Eindruck, denn ich erkannte gar nichts.
Heute bin ich alt und Niemand führt mich in den Wiener Wald.
Die Parzen, die Eltern spielen, sind längst verschwunden, und ich glaube der Wiener Wald auch.
20.II.68
Aus: Raoul Hausmann, Geist im Handumdrehen. Dadasophische Poesie. Hrsg. Uta Brandes u. Michael Erlhoff.
Hamburg, Zürich: Edition Nautilus und Edition Moderne, 1989, S. 11f
Heute vor 100 Jahren wurde der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti geboren. Er starb vor vier Jahren, wenige Tage nach seinem 96. Geburtstag.
Kurt Marti
(* 31. Januar 1921 in Bern; † 11. Februar 2017 ebenda)
äs chunnt
äs geit
ganz zerscht
chunnt meh
als geit
doch gly
chunnts so
wies geit
und bald
geit meh
als chunnt
bis
alles geit
und nüt me chunnt
Aus: Die schönsten Gedichte der Schweiz. Hrsg. Peter von Matt u. Dirk Vaihinger. München, Wien: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, 2002, S. 123
Richard Brautigan
(* 30. Januar 1935 in Tacoma, Washington; † September 1984 in Bolinas, Kalifornien)
Critical Can Opener
There is something wrong
with this poem. Can you
find it?
From: Richard Brautigan. Rommel Drives on Deep Into Egypt (1970)
Kritischer Büchsenöffner
Etwas stimmt nicht
mit diesem Gedicht. Kannst du es
finden?
Edward Lear
(* 12. Mai 1812 in Highgate; † 29. Januar 1888 in Sanremo)
Vier Buchstaben mit den Zeichnungen von Edward Lear und den alphabetisch verschobenen Verdeutschungen von Hans Magnus Enzensberger
Der Edelmütige Esel,
der in einem Essigfaß wohnt
und sich von Selterswasser und Gurken nährt.
DerJugendliche Juni-Käfer,
der einen Japanischen Schirm trug bei Sonnenschein
und ihn Jedesmal vergaß, wenn es regnete.
Das Alte Ängstliche Auerhuhn,
das sein Tabakspfeifchen
auf dem Teekessel raucht.

Das Zick-Zack-laufende Zebra,
das auf seinem Rücken fünf Zapplige Affen trug
bis an die jumbumbische Grenze.
Die deutschen Texte aus: Edward Lears Kompletter Nonsens. Ins Deutsche geschmuggelt von Hans Magnus Enzensberger. Leipzig: Insel, 1980, S. 137ff
Vor 150 Jahren wurde das Deutsche Kaiserreich gegründet und der Dichter Christian Morgenstern geboren. Letzteres am 6. Mai. Zeit, das Morgensternjahr einzuläuten.
Christian Morgenstern
(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Südtirol)
Der mittelmäßige Übersetzer rechtfertigt sich
Wähle saure Mienen
draußen oder daheim.
Du kannst nur einem Herrn dienen,
dem Original oder dem Reim.
»So heb’s in eine dritte Sphäre!« –
Als ob’s dann noch das Alte wäre.
Laßt alle Überschätzungen.
So spricht der Gerechte:
Es gibt nur schlechte Übersetzungen
und weniger schlechte.
(1902/03)
Aus: Christian Morgenstern, Ausgewählte Werke. Hrsg. Klaus Schuhmann. Leipzig: Insel, 1975, S. 127
Bernd Jentzsch
(* 27. Januar 1940 in Plauen)
Heimatkunde
Wenn Mutter nicht Hindenburg gewählt hätte: hätte Hindenburg nicht Hitler zum Reichskanzler bestellt, hätte Hitler die Welt nicht mit Krieg überzogen, hätte Stalin nicht zum Großen Vaterländischen Krieg aufgerufen, hätte der Rotarmist nicht die Hammer-und-Sichel-Fahne auf dem Reichstag gehißt, hätte der Deutsche Volkskongreß nicht die keinen Deut demokratische Republik proklamiert, hätte die Wismut im Erzgebirge kein Uran abgebaut, hätte der Abraum nicht die Gegend verstrahlt, hätte die Krebsrate im Erzgebirge nicht zugenommen: Wenn Mutter nicht Hindenburg gewählt hätte, der eine so vertrauenserweckende tiefe Stimme gehabt hat im Radio, hätte es im Erzgebirge ebenso kommen können, wie es gekommen ist, nur heimatlich anders.
1992
Aus: Bernd Jentzsch, Die alte Lust, sich aufzubäumen. Lesebuch. Leipzig: Reclam, 1992, S. 18
Ulrich von Liechtenstein (auch: Lichtenstein, * um 1200; † 26. Januar 1275)
Gepriesen der sinn, der mich lange schon lehrt, 
dass ich sie liebe von herzen, je länger, je mehr,
dass ich sie verehre,
wie ein wunder, besonders, so sehr
sie liebe und meine, nur sie, die reine, glückliche, hehre.
wie glücklich wär ich, wie reich und an freuden der frohste,
wollte sie meinen kummer bedenken, die hochgelobte,
vorm falschen bewacht.
mit singen möchte ich schaffen,
dass sie mich hüte, mit güte, die liebe, die gute.
ich falte die hände in echtem verlangen, zu ihren füßen,
dass sie – als Isolde, Tristan, mich – trösten müsse,
was hieße, dass sie mich grüßte,
dass eine geste den kummer versüßte,
sie mich vom leid befreite, die liebe, die süße.
mein sehnliches denken, das all meine sinne vereint,
ohne zu irren, besorgt nur um das eine,
wie ich ihr beweise,
dass ich schon lange mit singen sie meine
in stetem verlangen, sie gute, sie liebe, sie reine.
ich wünsche, ich glaube an eines: dass, bevor ich vergreise,
mit singen mir mehr gelinge, als jetzt ihre geste beweist,
trost meiner jahre
ist wahrlich ihr anblick, sie wahrhafte dame:
ihr lachen soll mich beglücken, das schöne, das klare.
Übertragung: Birgit Kreipe
Aus: Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Hrsg. Tristan Marquardt u. Jan Wagner. München: Hanser, 2017, S. 178f

Wol mich der sinne· die mir ie gerieten die lere·
dc ich si minne· von herzen ie langer ie mere·
dc ich ir ere·
rehte[WS 1] als ein wunder· so svnder· so sere·
minne vnd meine· si reine· si selig si here·
Selden ich were· vil rich vnd an froͤiden der frůte·
wolde min swere· bedenken dú vil hoh gemv̊te·
dv́ wol behv̊te·
vor valschen dingen· mit singen· ich mv̊te·
dc si min hv̊te· mit gv̊te· si liebe si gv̊te·
Min hende ich valde· mit trúwen al gernde vf ir fuͤsse·
dc si als ýsalde· tristanden mich troͤsten mvͤsse·
vnd also gruͤsse·
dc ir gebere· min swere· noch bvͤsse·
den si mich scheide· von leide· si liebe si svͤsse·
Min sendes denken· da bi min sinne algemeine·
gar ane wenken· besorgen besvnder das eine·
wie ich ir bescheine·
dc ich nv lange· mit sange· si meine·
in stetem mv̊te· si gv̊te· si liebe si reine·
Ich wúnsche ich dinge· des einen dc vor grawem hare·
mir da gelinge· bas danne ir genade gebâre·
trost miner iare·
dc ist ir schǒwe· si frǒwe zeware·
mich sol ir lachen· fro machen· dú schone dú clare·
Quelle: Wikisource
Daniel Casper von Lohenstein
(* 25. Januar 1635 in Nimptsch, Schlesien; † 28. April 1683 in Breslau)
Ο ΒΙΟΣ ΕΣΤΙ ΚΟΛΟΚΥΝΘΗ * Dis Leben ist ein Kürbs / die Schal' ist Fleisch und Knochen;Die Kerne sind der Geist / der Wurmstich ist der Tod; Des Alters Frühling mahlt die Blüthe schön und roth / Jm Sommer / wenn der Saft am besten erst sol kochen / So wird die gelbe Frucht von Kefern schon bekrochen / Die morsche Staude fault / der Leib wird Asch' und Koth; Doch bleibt des Menschen Kern der Geist aus aller Noth / Er wird von Wurm' und Tod und Kranckheit nicht gestochen. Er selbst veruhrsacht noch: Daß eine neue Frucht / Ein unverweßlich Leib aus Moder Asch' und Erde / Auf jenen großen Lentz im Himmel wachsen werde. Warumb denn: daß mein Freund mit Thränen wieder sucht Die itzt entseel'te Frau? die Seel' ist unvergraben / So wird Er auch den Leib dort schöner wieder haben. Der Hofnungs-Bau ist Fall / die Blüthe faulend Most / Eis / Trübsand ist das Feld / wo unser Muth ausblühet. Wenn man den Ehren-Zweck beym Lichten recht besiehet / Hat Erde / Sand und Sarch Uns so viel Müh gekost. Wir etzen** Marmel aus nur für der Zeiten Rost / Der Wurm ist / was er spinnt / der Mensch / was er erziehet / Ja was er betet an / selbst zuzerstörn bemühet / Und unser Sonnenschein hegt morgen Haß und Frost. So wendet sich das Blatt. Wol dem der ihm nicht traut! Mein Freind / der nichts als sich im Leben wolln besiegen / Muß durch den gift’gen Hauch des Todes zwar erliegen. Wol aber ihm! daß er kein Luft-Schloß hat gebaut! Denn seiner Seele Bau / worinnen er itzt wohnet / Bleibt von der Zeit und Tod / und Untergang verschonet.
** ätzen: wir ätzen Marmor, um ihn zu reinigen
Aus: Epochen der deutschen Lyrik Bd. 4: 1600-1700. Hrsg. Christian Wagenknecht. München: dtv, 1969, S. 303f (Unveränderter Reprint 2001 u.d.T.: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart)
Dieses Gedicht besteht im Original aus 28 Zeilen ohne Leerzeile. Lediglich die 1., 9., 15. und 23. Zeile sind eingerückt. Dadurch entstehen vier Blöcke von abwechselnd 8 und 6 Zeilen. Nimmt man noch das Reimschema hinzu, abbaabba cddcee, und dann von vorn mit neuen Reimen, stellt man fest, dass es sich um ein Doppelsonett handelt. Um das Lesen etwas zu erleichtern, habe ich eine Leerzeile zwischen die beiden Teilsonette eingerückt, so kann man jedes Sonett in Ruhe für sich lesen, das zweite als Weiterführung und Vertiefung des ersten. Man verstünde auch dann leicht, dass es um Leben und Tod, Leib und Geist geht, wenn die vier Worte nicht sowieso als Gerüst im Text stünden.
Albin Zollinger
(* 24. Januar 1895 in Zürich; † 7. November 1941 in Zürich)
Advent der Fabrikmädchen
Die Arbeiterinnen kommen in einem Geruche von Mandarinen. 
Ihr Feierabend neigt in das Dunkel hinein.
Wenn sie, die Augen noch blaß vom Gebraus der Maschinen,
Über die Stege gehn, blakt im Kanal der verlassene Fensterschein.
Mit zehntausend Lichtern sinkt die Spinnerei wie ein Schiff
Und brennt in ihrem Gerippe geisterhaft glosend.
Dennoch hören die Mädchen schon ihren nebligen Pfiff
Zum Gesang der Hähne früh, durch Ohren, von Schlummer tosend.
Man sieht nicht recht, will es schnein, die Schwärze steht windstill und vage.
Einmal im Schilfe streift sie ein Falter Gas.
Einmal, ein Vogel, ein Mensch der ertrinkt, eine Klage
Seufzt, schaurig unter den Schuhen das pfeifende Gras.
Vielleicht wird es regnen. Faucht nicht der laue Föhn
Über das Brachfeld? Weich trägt er ihnen die Schürzen wie Schwangern.
Wie Fischerinnen im Winde lehnen, so gehn
Sie gebrechlich und sehnlich am Grunde von starrenden Angern.
Ach, sie sind ja nicht so! Aber die Lippen, versengt von Zoten,
öffnen sich bläulich den hauchenden Schauern der Nacht.
Ihre Gesichter, dämmernde Jenseitsgesichter von Toten
Stöbern im Sternenschein wunderlich aufgewacht.
Wie sie jetzt sind, kleine Mägdlein, schauern sie unter dem Dunkel,
Das eine schwankende Höhe von Gassen türmt
Und unaussprechlich wie in der Kindheit mit Schneegefunkel
Glocken und Kerzenbrand auf die Erde stürmt.
Aus: documenta poetica deutsch. Hrsg. Hans Rudolf Hilty. München: Kindler, 1962, S. 161
Jesse Thoor
(* 23. Januar 1905 als Peter Karl Höfler in Berlin; † 15. August 1952 in Lienz/Osttirol)
Dankrede
Dies ist die Rede des Einzigen und aus Jesse und Lob und Dank. 
Der viel gesehen hat, mancherlei gehört und mehr noch erfahren.
Und zur Bestätigung und Zeugnisablegung dem Gesicht des Herrn.
(Sein Wille geschieht in Einfältigkeit und in Gerechtigkeit.)
Und zur Freude der Abgestorbenen und des Himmels und der Erde.
Und nach beiden Seiten.. der Auferstandenen und der Lebendigen.
Und der Tiere.. vor allem den Pferden, den Kühen, den Schafen.
Und der Sonne.. und dem Mond.. und dem Wind .. dem Regen..
Und Dame Jo.. die mich verborgen.. die meine Flucht vorbereitet hat.
Und Friederike.. die auf allen meinen Wegen mich begleitet hat.
Und Wolfgang Langhoff.. der mir Geld und gute Worte mitgegeben hat.
Und Max Pfänder.. der mich aufgenommen und gesund gepflegt hat.
– Und Hubertus, der ohne Erwarten meinen Glauben gerettet hat.
(– Und gib ihnen ein langes Leben und ein seliges Ende..)
Aus: documenta poetica deutsch. Hrsg. Hans Rudolf Hilty. München: Kindler, 1962, S. 234f
Die Poeten, wenn sie Poesie machen, die hinter ihrem und unserem Bewußtsein zurückbleibt, sperrt man nur darum nicht ein, weil der Schaden, den sie anrichten, nur sie selber trifft; sie entlassen sich sozusagen selber: indem kein Zeitgenosse, kein bewußter, sie ernst nehmen kann.
Max Frisch (1947) Zit. nach documente poetica deutsch. Hrsg. Hans Rudolf Hilty. München: Kindler, 1962, S. 5
Bolesław Leśmian
(* 22. Januar 1877[1] in Warschau; † 5. November 1937 ebenda)
Der Wind weiß gut, wie die Stimme taut …
Die Dämmerung schaukelt die Föhre.
Man sieht keine Welt, man hört keinen Laut,
Doch ich sehe etwas und höre …
Das Schicksal schickt mir ein Traumgesicht,
Es streckt die Hand aus den Tiefen!
Ich kenne die Qual, doch ich kenne nicht
Die fremden Stimmen, die riefen.
Sie singen ein trauervolles Lied,
Ich laufe hinaus in die Gasse
Und finde dort nichts, was man hört und sieht.
Und finde nichts, was ich fasse!
Der Nebel dunkelt im Birkenlaub.
Ich gehe zurück in mein Zimmer.
Ein Niemand ist für den Niemand taub!
Er hilft einem Niemand nimmer!
Deutsch von Karl Dedecius, aus: Polnische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u. übertragen von Karl Dedecius. München: dtv, 1968, S. 9
Mascha Kaléko
(Golda Malka Aufen, * 7. Juni 1907 in Chrzanów, Galizien, Österreich-Ungarn; † 21. Januar 1975 in Zürich)
Sie wissen nichts von Schmutz und Wohnungsnot,
Von Stempelngehn und Armeleuteküchen.
Sie ahnen nichts von Hinterhausgerüchen,
Von Hungerslöhnen und von Trockenbrot.
Sie wohnen meist im herrschaftlichen Haus,
Zuweilen auch in eleganten Villen.
Sie kommen nie in Kneipen und Destillen,
Und gehen stets nur mit dem Fräulein aus.
Sie rechnen sich schon jetzt zur Hautevolée
Und zählen Armut zu den größten Sünden.
– Nicht mal ein Auto . . .? Nein, wie sie das finden!
Ihr Hochmut wächst mit Pappis Portemonnaie.
Sie kommen meist mit Abitur zur Welt,
– Zumindest aber schon mit Referenzen –
Und ziehn daraus die letzten Konsequenzen:
Wir sind die Herren, denn unser ist das Geld.
Mit vierzehn finden sie, der Armen Los
Sei zwar nicht gut. Doch werde übertrieben – –.
Mit vierzehn schon! – Wenn sie noch vierzehn blieben.
Jedoch die Kinder werden einmal groß . . .
Aus: Mascha Kaléko, Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Leseheft für Große. rororo-Taschenbuch, 1956, S. 22
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